BiTitanio – Colnago on ice

Der Wuppertaler Winterbrevet fand bei klarer, kalter Trockenheit statt, deren Kern irgendwo über Norwegen lag. Es war immer noch genug.

Kann man dann ein Rad fahren, das üblicherweise die Zitronen blühen sieht? Die Gelegenheit muß genutzt werden und dank Roy kam es zur  Colnago on ice-experience. Eine Brevet Testfahrt mit unbekanntem Rad. Wie würde sich das handverlesene, perlmuttweiße Exemplar unter den verschärften Bedingungen eines Winterbrevets schlagen? Wie würde die Record titanium dem aus Norwegen verschickten Eiswind begegnen?

b05Colnago hat ja in den Ohren deutscher Rennrad-freunde einen recht guten Ruf. Den Ruf, teuer, edel und extravagant zu sein. Das ist nicht unbegründet. Colnagos beste Jahre fielen in die Zeit des Rennrad“booms“, der auch Deutschland Mitte der 70er erfaßte. Ernesto Colnago hatte sich da bereits einen guten Namen gemacht, da er in der professionellen Szene so einige erfolgreiche Fahrer und Teams belieferte und das sehr geschickt.

bit01Eddy Merckx war sicher einer der premium- Kunden und beide haben dieses Verhältnis weidlich genutzt, auch wenn Eddy vor seinem ersten Colnago einige Erfahrung mit Lizenzrädern und italienischen Rahmenbauern hatte: schon 1966 kamen seine Räder von Faliero Masi, einem Mailänder Meister.

Aber einige der orangenen Räder des Belgischen Kaisers waren halt von Colnago,  und das ließ man die Welt wissen. Der Radsportversender Nummer 1, Brügelmann, wurde dann ein sehr wichtigen Multiplikator für Deutschland und so gedieh der Mythos. Man muß wissen: damals fuhrendie Gründer von Canyon Bikes  noch mit dem eigenen Kombi nach Italien, um Komponenten für den heimischen Markt einzukaufen.  –

Colnago war nicht nur ein guter Löter und kluger Geschäftsmann, er war auch am Fortschritt im Rennradbau nicht unbeteiligt. Rahmenformen und – geometrien wurden weiterentwickelt, ovale und multishape Rohre eingesetzt. Vor dem Übergang zum definitiven Material des modernen Rennrads – Carbon – gab es Versuche in Titan. Wie diesen hier.

bit2Einen der extravagantesten Lösungen, das Bititanio, habe ich nun über 10 Stunden bewegt – bergauf, bergab und auf langen Flachstücken. Es erhielt seinen Namen aufgrund des Versuchs, die Steifigkeit im Unterrohr über zwei parallele Streben statt eines Oversizerohrs zu erreichen .

Vielleicht war es ein optischer Grund, vielleicht ein technischer. Ein Marketing-trick war es kaum. Denn wie sagte Tom Ritchey:“ it is one of the dirty little secrets in the bike industry, that an oversize downtube gives you a billboard  – so everyone immediately knows the name of your bike. And they won’t give that away . .. . .“

bit1Obs der Grund für die Seltenheit des Bititanio ist, einem weißen Wal unter den Rennrädern? Schon möglich, sicher ist aber auch, daß die Homologierung der Bauform von der UCI verweigert wurde, nicht zu reden vom baulichen Aufwand oder den schön verschliffenen Nähten. Whatever: entscheidend is aufm Platz!

bit3Und da hatte ich mit conti Classic 25mm nicht  zu klagen. Trotz optisch massiver Sitzstreben ist der Komfort am Hinterrad  sehr, sehr gut. Auf 6 bar lief es einfach geschmeidig. Vorne aber verhielt es sich ein wenig anders. Die stiletto gabel dämpft einfach weniger schön als der klassische Typ, und in den schnellen Abfahrtskurven fühlte ich mich nicht so risikofreudig wie gewohnt.

ac6Und bei einem meiner klassischen Tests fiel das Rad eigentlich durch: freihändig fahren . möglich wars schon, aber nur bei recht hoher Geschwindigkeit, also deutlich über 20kmh. Wer sich in der Abfahrt nochmal die SponsorenKappe richten will, oder ein schönes Croissant aus der Tasche ziehen, muß  aufpassen: das Ding schaukelt sich über 40 sehr schnell auf.

ad3ad3Zum Genuß wurde es dann auf den dem schönen Weg durchs Münsterland, auch weil das häufige Schalten entfiel. Denn, wie es scheint, mögen Record Carbon Schaltbremshebel Dauerfrost überhaupt nicht. Oft gelang es nur mit Tricks (oder nach Tankstellenpausen) , den Umwerfer zu bewegen, und das lag nicht an der fein eingestellten Schaltung, denn wenns lief, dann wie Vanillesahne durch den Bratapfel.

b21Nur, bittesehr, wer fährt schon Colnago im Winter?

Die Frage die sich aber am Ende eines langen, kalten Tages aufbaut, lautet: brauchen wir jetzt ein Colnago? Ich kann jeden beruhigen, der sich auf die Suche nach einem bititanio macht: häufig ist es nicht. Vielleicht auch eher ein showpiece, so wie es gewisse Kleinserien bekannter Sportwagenhersteller gibt . Wertlos wird es nie .

Aber rein vom Fahrerlebnis ist die Antwort : nicht, wenn man schon ein zwei andere gute Rennräder besitzt. Wieviel vom Mythos bleibt? Das Bititanio ist ein gutes, kein sehr gutes Rennrad, dafür ist es einfach nicht steif etc. etc. genug. Die 90er bieten genug interessante Alternativen, die in der einen oder anderen Richtung besser sind.

Ließe man mir an diesem Abend die Wahl, würde ich immer das unscheinbare Peugeot nehmen.

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Mehr Räder, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Soulor, Spandelles und das Käse-Karma / 1

Man kann viel über Erschöpfung, Verausgabung, Pulsrasen und Wahnvorstellungen in der Lebensmitte sinnieren. Irgendwas muß am Ende dabei  herausspringen.

Irgendwann fiel mir bei den Radtouristikern Menschen mit Wertungskarten auf. Das waren Leute, die mit befestigten, fünfstelligen Nummern am Rad auf den Veranstaltungen des Landes auftauchten und dann beim Start Wertungspunkte eintragen liessen.  Für wen? Für was? für gefahrene Kilometer. Eine Art Payback für Radler, ein Treue- und Bonus system. Die goldene Ananas – meinetwegen.

Gänsen hing man im Märchen eine Möhre vor die Nase, uns reicht (manchmal) eine Medaille, ein kleiner gelber BRM Karton in der Schublade, eine schwere Uhr nach erfolgreicher Ausschreibung. Den Mount Everest am Horizont.

Und Du ? Wofür fährst Du? Der Radsport kennt eine alte Tradition: Naturalien. In Italien (aber auch anderswo) gewann man in den Rennen nach dem Krieg Schinken, Weinflaschen, es gab auch schonmal ein ganzes Huhn: die Dinge halt, die man in einer Turiner Vorstadt manchmal weder für Geld noch gute Worte bekam. Die Freunde Asterix und Obelix machen es in ihrer „Tour de France genauso…“

Es ist in den letzten Tagen sehr klar gewesen. Morgens vom Fenster aus übersehe ich die Pyrenäen und versuche, die Schneegrenze auszumachen. Die entscheidet über offene oder geschlossene Pässe. Ab morgen ein neues Tiefdruckgebiet   – also nichts wie hin. Ich nähere mich der Bergkette

Der Aubisque wird es nicht sein,  aber der Soulor wartet 300m tiefer. Und dann mache ich auf der Karte noch einen Nachbarn aus: col de Spandelles. Dieser liegt einen Bergrücken nördlich in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein Paß mit weißer Straße, also noch schlanker, ein Hirtenweg, nur 1300m hoch. Die Premiere wäre möglich.

Hinter Pau die erste Wolkenformationen über dem Panorama. Temps variable, – schnell, bevor die Sonne es sich anders überlegt..

Über die Umgehung vorbei an der Hauptstadt des Béarn, die zahllosen Kreisverkehren mit ihren Wellblechkisten an der Abzweigung : die Killer der Bäcker und Fleischer auf en Dörfern. Dorfe liegt hier, .

In Arthez d’Assons  – ein kleines Dorf im Val d’Assons –  packe ich das SNEL aus. Direkt vor einem kürzlich geschlossenen Einzelhandel mit Café und Schreibwaren. Meine Sachen hängen an einem noch angeketteten Postkartenständer, bis zur Mairie sind es 350m. Bis zum Spandelles sind es 18km, wenns klappt. Der ehrgeizige Plan sieht gleich zwei Pässe vor: dzunächst den Neuen, dann große Pause in Argelès und schließlich den Soulor. Soweit der Ehrgeiz im Fiat Punto-Cup.

Der Weg ist bekannt; das Auge genießt die Glyzinen und blühenden Bäume, das Ohr hört das rauschende Wasser. Ferrières, der winzige, letzte Ort im Tal kommt näher, eine Kleinbahn brachte früher Erz aus der Grube nach Pau. Heute sind hier nur noch abgeschiedene Wochenendhäuser, noch keine Radfahrer, keine Wohnmobile und kaum Motorräder. Gleich sollte ich das Schild zum Spandelles sehen. Und da ist es auch.

Geschlossen. Es dennoch versuchen? Um den Preis irgendwann ungekrönt kehrtzumachen?

Der Soulor ist dagegen offen, ich nehme die Herausforderung an. Das Tal schützt mich vor den Böen, die die frischen Blätter der Bäume noch heller leuchten lassen und ich mache mich an die Arbeit.

Es ist natürlich gut, einen Paß zu kennen. Gut, weil er sich besser einteilen läßt, der Fahrer – the rider! – nicht so leicht der Versuchung erliegt, an einer flacheren Passage zu überziehen. Aber 13km Anstieg sind 13km und das ist hier die Aufgabe. Im Gegenhang muß es gebrannt haben, eine eigenartige Mischung aus frischem Grün und totem braun. Der Rhythmus stimmt, Geduld ist die Tugend, denn es ist ein zähes Ringen.

In einem (kleinen ) Mittelgebirge sind es meist 3 bis 4km die man bis  zu den höchsten Punkten hat, mehr aber nicht. Das macht dann den Unterschied: hier geht es immer weiter und höher. Ab 1000m ändert sich die Luft, es ist spürbar, wenn der Sauerstoff im gleichen Verhältnis wie die Kräfte abnimmt.

Jetzt die letzten versprengten Höfe und ihr phantastischer Blick über den Cirque du Litor. ich erkenne den Aubisque und seine Herberge. Wolken ziehen rasch und strähnig über die Zacken hinweg. Da ist Schnee drin und der Wind kommt von Ost.

Er wird mich also gleich erwischen, wenn ich die letzten blühenden Kirschen unter mir habe. Mein Rücken zieht, ich wechsle in den Wiegetritt. Zurück in den Sattel, an den Bremshörnern ziehen, eine Bö von links hangabwärts abfangen. Vom Nacken bis in die Zehen ist der Körper in Dauerspannung. Deshalb kann Radfahren so weh tun.

Und gleich bin ich an der Ecke. Da, wo keine Bäume mehr wachsen weitet sich das Tal zu einem kargen Halbrund, einem Trichter von 400m Tiefe. Die letzten 5 km. Die Ecke der Wahrheit, denn dort schützt mich nichts mehr vor den Böen. Seit 90 minuten sitze ich auf dem Rad, seit 40 Minuten kämpfe ich  mit dem Soulor. Aber gerade eben ist etwas in mir vorgegangen, gerade, als ich diese gemeine Rampe hinter Arbeost bezwinge, da, wo die kleine Quelle aus dem Berg in einen Trog fließt.

Es ist, als würde sich da etwas öffnen, als fände der Körper einen Schlüssel wieder: der Tritt wird runder, die Anstrengung kann gezähmt werden, sie hat nicht mehr dieses uferlose Wüten, gegen das sich der Körper anstemmt. Die Bö kann um die Ecke kommen, sie wird mich nicht umwerfen.

Teil 2 folgt

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Mehr Berge, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Quinqados am Strand

a00„Wie lange treffen wir uns hier schon, Krüger?“.

„Jedenfalls länger, als dieser Totem vor dem Eingang unseres alten Café des Sports herumsteht.“

„Gib mir mal kurz Dein Glas – da rollt ein seltener Vogel an.“

b5

„Du interessierst Dich offenbar für die frische Ladung Spanierinnen, Cornwell, dirty old man.“

„Unsinn Krüger, die jungen Mütter die ihre semana santa mit der Schnäppchenjagd an Wühltischen auf der grünen Wiese verbringen, überlasse ich gern einem bedürftigen Gast. Könntest Du spanisch, wärst Du ein paar Illusionen ärmer. Ich rede von dem rostigen Rad da unten.“

„Ach so, – der Typ ist eben eingerollt. Noch ein jungbrunnender Silberrücken auf Suche nach ewiger Fitness. Die Sorte wird immer häufiger. Zu meiner Zeit war Nabokov  der einzige, der über 60 noch in Shorts herumlief. “

„Als Entomologe hat Nabokov meine volle Sympathie..“

„Ornithologe“

„Haarspalter. Ich wette, Du kennst diese neue Sorte „middle aged man in lycra“ noch nicht. Sie nennen sie Quinqados.“

„Du vergißt , daß ich kein spanisch kann.“

a001„Das  Wort ist ja auch völlig neu. So nennen unsere Franzosen diese –  nun ja  : graumelierten Männer um die Fünfzig , –   mit einem leicht übertriebenen Hang zum Abenteuer, nur leicht übertrieben. Sie suchen Verausgabung, Risiko, verschieben ihre körperlichen Grenzen.  “

„So wie der Surfklamottenkaiser, der im Winter allein auf seiner Yacht verschollen ist. . . . “

“ . . .weshalb unsere schöne Surfweltmeisterschaft an diesem Strande nun keinen Sponsor mehr hat . . . .“

“ und ausfallen muß: was wir nun kaum bedauern können. Die gute alte midlife crisis nur gesund, ohne Nachtclubs und leicht asketisch. Aber zurück zu diesm Typen. Setzt er nicht gerade eine Flasche an ?“

„In der Tat; und jetzt sehe ich auch, daß es belgisches Bier sein muß.  “

„Gehört das zur Tarnung oder ist es Teil des Kostüms?“

„Wenigstens versucht er sich nicht als inoffizielles Mitgleid einer Profimannschaft zu verkleiden. “

„Das nicht, aber wenn ich lese, wieviele junge Knaben unter 60 unbedingt nochmal in den Himalaya müssen.“

„Nicht jeder hat so ein aufregendes Leben geführt wie Du, Krüger. Den nordkoreanischen Winter 73/74 neidet Dir keiner.“

„Oder stellt unentwegt Limicolen und Calidren nach, Cornwell. Sieh mal, jetzt schreibt er etwas auf die Flasche. . . “

„Und stellt sie direkt an den Aufgang – so daß jeder sie sehen kann.“

„Und niemand sie bemerken wird. Die Franzosen haben immer noch kein funktionierendes Pfand. “

„Hat er uns bemerkt?“

a002„Warum?“

„Wir sind die einzigen, die nicht auf ihr Smartphone schauen. ; – und durch ein Fernglas sehen. Uns interessiert nur das dicke Schiff dahinten.“

„Ach was! Er setzt sich wieder aufs Rad . Da sehen wir gleich mal nach.“

„Wieso ?“

„Toter Briefkasten – reine Routinesache.“

„ich warte hier auf Dich.  – – –  und: war die Flasche leer? “

„Klar. Aber genau wie ich dachte: mit verschlüsselter Botschaft!“

„Ansage!“

„Papa, 1600h..“b6

19. 04. 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , | 2 Kommentare

Batavia

Etymologie :  seinerzeit nannten Römer die Stämme auf niederländischem Gebiet Bataven.  Die Niederländer (die wir auch Holländer nennen) übernahmen diese Bezeichnung für die Hauptstadt ihrer niederländisch-indischen Handelgesellschaft auf Java, Batavia. Genauso wurden aber auch Salatsorten oder Schiffe getauft .

DSCF4822Batavus schließlich nannte und nennt sich seit 1904 eine traditionsbewußte Fahrradmarke, deren Hauptgeschäft naheliegenderweise Hollandräder waren. Die Stadt Batavia ging nach dem Krieg verloren und heißt seitdem Djakarta.

Batavus aber lebte weiter und war neben Gazelle und Sparta der dritte große Name,  dessen Verbreitung in den flachen Teilen Deutschlands – besonders im Münsterland – mit dem langsamen Siechtum der Deutschen Radmarken anwuchs.  Gegen die robusten, wartungsarmen Stahlrösser mit den vollverkleideten Kettenkästen und dem integrierten Schloß  gab es kaum Konkurrenz.

Weniger Ruhm erntete Holland in unserem Land mit seinen Rennrädern. Wenn ich mich recht erinnere, hatte der großversender Brügelmann lediglich Gazelle anfangs in seinem umfangreichen Programm, und das nie an prominenter Stelle. Vielleicht ist das auch heute noch ein Grund, weshalb niemand mir diesen eher günstigen Rahmen wegschnappte. Ein italienischer Name dagegen . .  .

aa6Für alle, die also die Gelegenheit verpasst haben ein batavus Professional zu erwerben, unterbreche ich einmal meine Reiseberichte und  stelle ausführlich das perlmuttfarbene Stück vor. So schnell wird kaum eins wieder auftauchen. Einer der Gründe für diesen irrationalen Kauf war sicher die silberne Gazelle in exakt gleicher Größe RH60, die ich mit sehr viel Genuß bewege. Ein Vergleich wird folgen und es wird sicher interessant zu ermitteln, ob einer dieser zweieiigen Zwillinge den anderen überflüssig macht. Aber zunächst zum Batavus, Modell professional aus R 531, alle Rohre konifiziert.

aabatavus serialWas haben wir vor uns? ein absolut klassisches Rennrad, wahrscheinlich der frühen 80er jahre. An den Ausfallenden messen wir 126mm Achsabstand: das Maß für  6/7fachen Ritzelpakete, ein Standard der zwischen 1976 und 1988 vorhält, bevor für 8fach schaltungen der Hinterbau auf 130mm anwächst.

aa8Die aufgelöteten Ösen am Oberrohr weisen auf die frühen 1980er hin, bevor Bremszüge aus angeblich aerodynamischen Gründen ins Oberrohr verlegt wurden.

aa5Die Bohrungen für die Bremsen sind schon für Inbusbefestigung vorgesehen, was nicht nur die Auswahl an Bremsen erweitert  sondern auch auf knappe bis mittelhohe Durchläufe hindeutet. Rennräder bei denen Bremsen mit Muttern gekontert werden haben fast immer die hohen Brücken, die auch 35er Reifenbreiten problemlos zulassen.

Hier plane ich nicht ganz so üppig und die SilberGazelle, die über eine identische Vitusgabel verfügt, gibt da  Hinweise. Es macht Spaß, ein scheinbar identisches Rad zu variieren: denn damit Fahren ist immer noch etwas völlig anderes.

aa10Perlmuttweiß ist eine sehr schöne grundfarbe auf schlanken Rohren – solange niht allzubeschädigt und vom Rost durchsetzt. Hier habe ich  Glück gehabt, auch wenn der (oder die) Vorbesitzer das Rad mit großer Gründlichkeit geputzt haben müssen: an fast allen Kanten und Übergängen ist der Lack geradezu runterpoliert.

a3Nun kommt die Frage nach den passenden Komponenten und langsam habe ich eine Idee, was ich für ein Ergebnis will. ich stelle mir nun vor, was ein sparsamer batavischer Amateurfahrer sich an diesem Rahmen montiert hätte.

aa7Eins weiß er seitdem er Räder aufbaut: die teuersten und seltensten Teile mögen Prestige haben, Freunde zu Neidern werden lassen, von der Funktion bringen sie keine Vorteile. Jedem, der sich ein wenig mit klassischen Rädern auskennt ahnt: der Batave braucht keine Gruppe von Campagnolo. Konsequent hätte er es so gemacht: Das Rad komplett gekauft, die werksmäßige Record (oder Super Record) runter und sofort NOS gewinnbringend verkauft. Teile, die in der Summe mehr einbringen als Gesamtpakete. Dann mit dem Geld eine andere Gruppe suchen und den Überschuß ins Verbrauchsmaterial investieren. Reifen und Ketten, trikots Schuhe und Shorts.

a4Und ich finde meine kleinen Teile. Aus den unendlichen Welten der Galaxie Shimano nehme ich die frühe „105“, Werkscode 1050. Sie hat alles was die großen Geschwister 600 und Dura Ace haben: Schrägparallelogramm am schaltwerk – indexfähig! – schrägführung des Umwerfers, Bremsen mit Rückholfeder (SLR genannt) und und und.

aa2Bei einigen vitalen Teilen nehme ich allerdings doch lieber die 600. Die Bremsen sind einen Hauch straffer und robuster einzustellen. Und bei den Laufrädern gilt sie als noch etwas langlebiger. Laufräder sind wichtig, sehr wichtig.

DSCF4816Für den preisbewußten Bataven ist es gut, daß die Franzosen sich zu lange auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben. Auch wenn Hinault die Tour 1981 auf rein französischem Material gewinnt: Rennräder anderer Länder sind weder mit Simplex noch Spidel unterwegs. Das drückt die Preise und so kann ich als kluger Rechner zwei wunderbare französische Komponenten billig erwerben: den Steuersatz D9 von Stronglight, ein sehr leichtes und gutes Modell mit Nadellagern, und den sagenhaft geschmeidigen Simplex retrofriction Schalthebel mit der eingbauten Spannfeder. Nadellager und Spannfeder gibts anderswo weder für Geld noch gute Worte. Vive la France.

aa4Voilà, und jetzt, um die italienischen Freunde nicht zu vergraulen noch eine klassische Lenkkerkombination: Giro d’Italia in 44cm Breite mit 11cm Vorbau. Beinahe hätte ich die Sattelstütze vergessen: ein schön langes und leichtes modell von Selcof, da kommt dieser Italia Sattel drauf, den Eddy le Merckx signiert hat. So sind alle zufrieden und ich kann die Saison mit ein paar Reserven angehen. Von Campagnolo habe ich jetzt virtuell noch 1000 Gulden übrig und ein wettbewerbsfähiges Rad für die Saisons 1983-1987.

aa11Die Probefahrt erfüllt alle Erwartungen. Die 105 schaltet supergeschmeidig und retrofriction braucht erheblich weniger Kraft als ein indexierter Schalthebel von Shimano (oder Suntour) . Und anders als bei Campamodellen muß die Spannung auch nicht über eine Bügelmutter dauernd nachgestellt werden, weil der Schaltzug zerrt.  Parfait und absolut klassisch.

DSCF4847.JPGIch erklimme die knackige Steigung am Molsberger Schloß: nichts wackelt, nichts knackt, kein Gang springt heraus. Dann wieder hinunter: null Vibration. Top.

aa1Gerade Bataven sind religiös tolerant: In der Niederländischen Provinz Limburg stehen solche Marienbilder an jeder Ecke. Und auch hier ist Limburg nicht weit und der König den die Nassauer uns vor 300 Jahren stellen, stammt auch von hier. Ein Kreis schließt sich.

aa12So fahre ich in seinen Farben weiter. Blau, weiß und Orange/Rot.

 

Ich füge einmal ein paar Verwandte aus dem Netz hinzu:

BatavusProfessionalFrameset20130824-18BatavusProfessionalFrameset20130824-5

Dieser hier ist verkauft. Bis auf die Zugführung am Tretlager (und eine verchromte Gabel) scheint er identisch. Das Blau ist ebenfalls gleich. Der name Piet Nizet klingt in meinen Ohren nach: dort kaufte mein Vater vor 40 Jahren einen Jugendkranz, Regina Extra, den ich vor der Montage hunderte mal an meinem Daumen kreisen ließ.

Aus der Zahl links vermute ich die die Datierung : also 2 für 1982, 3 (s.o.) für 1983. In der Mitte (das ist einfach) steht die Rahmenhöhe -59, 60 etc – also in 1cm Schritten. Rechts dann die Seriennummer. Nur die Initialien sind noch rätselhaft – sehr schön.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Mehr Räder, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Das Gras ist Grüner dort

Es beginnt mit einem kleinen, leuchtender Punkt hinten richtung Kirche.

7Urt am Nachmittag. Wenn man von der weiten Ebene der Adour kommt, liegt das Dorf einige Serpentinen höher auf einem kleinen Vorsprung. Die Wände der Häuser sind weiß gekalkt, die Dachfirste und Läden häufig dunkelrot. Hier beginnt das Baskenland mit seinen grünen Wellen , die sich langsam zu immer höheren Hügeln steigern, bis die letzten Ausläufer der Pyrenäenkette sichtbar werden.

9Gleich nach der Kirche, die gerade vier Uhr zeigt hole ich den Kollegen ein. er fährt einen gesunden Tritt, spult routiniert das mittlere Blatt ab.

Ein schönes Exemplar habe ich da erwischt, ein sehr später Stahlrahmen, erkennbar an den verschliffenen, also muffenlosen Rohren in Übergröße. Individuelle Lackierung in makellosem Zustand.

8Ich mache dem Mann in lokalen Shorts meine Komplimente , Shorts von einem aufgelösten baskischen Radsportteam: die Geldgeber, die heimische Mobiltelefonfirma Euskatel sind ebenfalls Geschichte. manchmal erzählt der Radsport auch Wirtschaftsgeschichte. Der Rahmen stammt aus der Gegend um Orleans, so viel erfahre ich noch und wünsche dann gute Fahrt.

An der Kreuzung zur Straße nach Bayonne stehen die Gendarmen in einem Hohlweg und warten. Jetzt, wo so viele Radarfallen „neutralisiert“ wurden, ist für die Blauen vermehrt Handarbeit angesagt. Diese schrecklichen Gelbwesten .

a1Es wird immer grüner, so viele Grüns gibt es gar nicht. Aber das ist  nur mein winterliches Auge auf dem Weg in den Frühling. Ich folge dem Bachtal nach Labastide, die Pappeln wogen im Wind der seitlich kommt. Kurz gehts in eine Senke, ich richte mich auf für einen 360Grad Rundblick. Da sieht mein Augenwinkel ihn wieder.

Den kleinen orangenen Punkt, der wie eine vergessene Boje im Grün schwimmt. Dabei müßte er gefühlt etwas weiter weg sein; ist er aber nicht und es ist klar warum: ich bin im Fadenkreuz.

les ames fortes

Jean Giono gilt schon länger als ein wenig altbacken. Ein provenzalischer Schriftsteller der seine (tragischen) Gestalten über die vormodernen kleinen Dörfer schickt. Viel Natur, viel Klima in einer dichten, sinnlichen Sprache. Viel Archaik, seine „Phase“ waren 30 jahre zwischen 30 und 60. In den beiden Büchern, die ich gerade vollende, geht es immer wieder um umherstreifende Menschen, Vaganten, tragische Schicksale. Dreimal wird das Motiv der Jagd und der Verfolgung an unterschiedlicher Stelle neu erzählt. Zweimal wird einem Menschen nachgestellt, den Mörder in der Wildnis zu finden. Die erregendste aller Jagden, ist die auf den menschen stellt Giono lakonisch fest.

Etwas von diesem Jäger steckt in jedem Radfahrer, jedenfalls wenn er auf einem Rennrad sitzt.  Es prickelt also und das Tempo bleibt stetig. Gleich die  Durchfahrt von Labastide – mit ihren 9 Prozent. In der Ebene forciere ich nicht aber am Fuß der Steigung, gleich in der ersten Kurve zum Marktplatz hole ich Schwung.

07Heute halte ich nicht amCafé, andere Räder haben meinen Platz eingenommen. Ums Eck und Schulterblick: er ist am Anfang der Steigung.  Banane ausgepackt, Schale in den nächsten Bach, erster Anstieg Richtung Hasparren auf dem großen Blatt. Die Form stimmt, das Gras duftet frisch und sattder Griff ans Stoffband ist straff . Nach einer Partie Unterlenker brauche ich mich nicht mehr umzusehen . Ich bin aus dem Blickfeld des Orangenen,  oder er hat schon längst neben anderen Radfahrern im Café Platz genommen.

Die Jagd ist vorüber, der Rest Tourismus. Hasparren, Cambo – die kleine Kurstadt mit den dicken Palmen. ich umfahre sie über die nationale, dann halbrechts um über Itxassou zu fahren. Eine Passage des  Raid Pyrénéen, eine Nebenstrecke, die man vor der  Kontrolle in Espelette genießt, weil es dann so gut wie vorbei ist.

14Der Weg durchs Tal von Itxassou muß aber auch auf allen (spanischen) Reiseführern eingetragen sein, denn es ist mehr los als auf den 20km zuvor –  und das ist kein lokaler Verkehr

01Durchs Tal der Geflügelzüchter und Schinkenlieferanten, die den kräftigen Jambon de bayonne ergeben. Da sind sie, alle im Schlamm vereint. Nachdem viele kleine Augen sich nach meinem Rad umgedreht haben pendeln die Rüssel wieder durch den Schlamm. Ständige Bewegung mit freundschaftlichem Rempeln und Grunz-Stenogrammen. Die knappen Bewegungen der Stummelschwänze. Du schmeckst so gut.

1Espelette streifen. Die runden grünlichen Hügel werden jetzt häufiger von zackigen Linien abgelöst. Abzweig: nach Sare über den kleinen Pass von Pinodieta, den die Tour 2018 im Abschlußzeitfahren nahm. Wieder durch blühende Robinien. Überall an den Hängen die doldenartigen weißen Blütenstände, die sich in Teig schön einbacken lassen und dabei ihr feines Aroma abgeben. Eine Million Shampoos riechen wie plumpe Fälschungen.

11In Sare das kleine Café am markt- French spoken. Einmal L’Equipe durchfliegen, ein Schluck Wasser und das Croissant aus der Trikottasche. Karfreitag, sechs Uhr, die Kirche läutet. Ich werde die gebote achten und träume schon von Anchovies Pizza am Meer.  . . . . .

10Kleine Werbeeinblendung: diealten Mischgewebe (hier 50/50 Baumwolle/Poly) halten gut etwas aus, ihre toxischen Faben bleichen bei der Wäsche nicht, sie sind nur etwas schwerer.

15Und als Dessert das letzte, Robinienüberwucherte Hindernis zum Meer – (den heiligen Ignatz) bei der nur der erste Kilometer Paßcharakter hat. Sare verschwindet hinter einer Blütenwand. Es ist grüner dort.

12

Und dann kommt das Meer.

13

19 April 2019

 

 

 

Veröffentlicht unter Übers Land, Mehr Lesen, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Frankofilie

a1Mancher fühlt sich als Wahl-Italiener, andere sind noch nach 40 Jahren verurteilt, den Italiener zu mimen, auch wenn das Eiscafé schon in dritter Generation fest in der schwäbischen Kreisstadt verankert ist. Über 40 jahre ists her, seit ein Duisburger Fernsehkommissar in die  Mysterien der türkischen Küche eingeweiht wurde. Weitere Küchen der Welt folgten und wurden in Deutschlands Mittagspausen integriert. dennoch:  Trotz Multikulturell Informierter Praxis bleibt Italien in der Hitparade der germanischen Sehnsüchte und Sehnsuchtsorte weiter vorn.

a3Dabei liegt ein größeres (und schöneres) Land gleich um die Ecke, man muß nicht einmal  Gebirge überwinden. La douce France. Es ist ein überprüftes und bestätigtes Vorurteil: Der Nachbar im Westen hat alles, was ein gelobtes Land braucht. Klimatisch, Kulinarisch, kulturell. Italien wir mögen Dich gern, aber wenn es um wirklich gutes Essen, wirklich schöne Räder und wirklich grandiose Kathedralen geht . . .

a5Kaum war ich wieder angekommen, ging die Nachricht durch die Welt. Notre Dame brennt.  Katastrophen sollen nicht verglichen werden, die Reaktion darauf schon. Ich war doch überrascht, wie tief der drohende Verlust einer Kathedrale das laizisitische Frankreich erschütterte, am betroffensten aber klang unser nationaler Cineast Wenders, der erschüttert vom Dach des Centre Beaubourg den brand ansehen mußte.

Es ist wohl die alte Wahrheit von zwei Seiten einer Medaille. Vorn die rationale Zahl, auf der Rückseite das Bild. Dazu die Idee vom Zentrum mit einer Verbindung zur Vergangenheit, die Achse der eigenen Geschichte.

a6Das Frankreich der Könige entsteht im kern 1215, da ist Notre Dame beinahe fertig. Ihr Vorläufer, die Basilika von Saint Denis (nur 10km nördlich)   nimmt die Gebeine der Könige auf, Notre Dame wird eine Kathedrale für die Stadt. Erst mit dem 20 jahrhundert, dem Jahrhundert des Tourismus, kann man aber von einer singulären Stellung, einem nationalen Symbol ausgehen. Es muß Millarden von Postkarten und Bilddateien geben.

a22Die Eiche vor der Küche läßt das erste Sonnenlicht durch die jungen Blätter, während aus dem Radio Meldungen zur Lage kommen und die erste Alarmstimmung in praktische Fragen übergeht, die sich mit der Rekonstruktion beschäftigen. Über Nacht waren Spenden zur Reparatur Notre Dames angekündigt , die dem hart verhandelten Versicherungswert des World Trade Center gleichkamen. Das SNEL wartet im Flur, 23mm Reifen mit blauer Banderole halten seit 15 Jahren die Luft.

a11Einige Stunden später stehe ich im kleinen Café unter den Arkaden von La Bastide Clairence. Das SNEL brachte mich wie im Flug die Adour hinunter, hier sind die ersten Hügel rund um die Abtei von Belloc. Der Wind steht gut für die erste Fahrt ans Meer.  . Der Körper hat kaum Zeit, sich über den Temperaturschub zu wundern.

a8Die Bauern machen hier schon das erste Heu, es ist Mitte April. Die Straßenmarkierungen der Tour de France vom letzten Jahr verblassen allmählich unter den Reifen meiner Strecke nach St Jean de Luz.

a9Dann mein erstes belgisches Bier und dann der Blick aufs Meer. Mit allem Glück gehabt .

a31Vor etwa 50km machte es einen Knall am Hinterrad –  Speiche gerissen. Immer am Kopfende und immer an der Seite zum Zahnkranz. Nur noch 35. was macht man an einem alten Rad: Bremse auf und weiterfahren, denn Alternativen gibt es nicht. Kein Wiegetritt. Und es dreht sich doch.

a91Es eiert, aber es hält. Morgen werde ich das Rad zum kleinen Laden bringen, der seit über 30 jahren die Räder der Sportvereine, der Kinder und der Großmütter repariert. Keine Werbung, kein Franchising aber immer Kunden. Einen Laden, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte – meine kleine Kapelle, der ich regelmäßig spende.

 

 

Veröffentlicht unter Übers Land, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Una mas

Kenny Dorham war einer der besten Jazz-Trompeter seiner Zeit, der Ära des frühen und späten Bop, die große Zeit der kleinen Labels, der Clubs, des Birdland.  Er begann mit niemand geringerem als dem Saxophonisten Charlie Parker : 1949. Hier und dort tritt er als leader oder Sideman auf. Nie ganz oben aber immer in der top-liga, unter den vielleicht 20 Männern die mit kleinen Ensembles die Entwicklung des Jazz vorantrieben.

Auf una mas – eins mehr – vereint er 1963 eine Truppe junger Jazzboys, die sich in lateinamerikanisch inspirierte Gefilde wagen. a1Für Dorham war es eines der letzten Soloalben, die Zahl der Stühle, auf denen man im Jazz sein Geld verdienen konnte war sehr klein.  Eine handgeschriebene Notiz im booklet zeigt, wie groß der Wertverlust einer CD in den vergangenen 14 Jahren war. Kleiner als ich dachte: aber wenn Versandkosten in etwa dem Wrenwert entsprechen  -was soll dann noch kommen.

a2Das liegt eher am Medium, das in digitale Ungnade gefallen ist, wie es einst der Schallplatte widerfuhr. Ein Wert wird hier aber stabil bleiben Die musikalischen und klangliche Qualität der Scheibe wird sich dagegen in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr steigern lassen Besser haben diese Stücke nur im Studio geklungen.

Jazz ist immer noch eine brutal unterfinanzierte Musiksparte –  von Stars und Epochen reden wir schon lange nicht mehr. Bop, die amerikanische Nachkriegs-Avantgarde, war Weltklasse, die Blüte einer Kunst und zum Glück, nach wie vor eine gut dokumentiert.

Una mas, einer mehr,  nenne ich dagegen  das nächste Rad in meinem Garten, meine neueste Etüde in Stahl. Sie stammt aus der Blütezeit des Rahmenbaus…

a3

Hier entsteht nach Ostern der zweieiige Zwilling zur silbernen Gazelle Champion Mondial. Ein Rahmen der gleichen Größe aus der gleichen Zeit (6-7fach). Die Muffen haben dieselbe Prägung . Nur ein paar Details sind konstruktiv verschieden. Wir werden sehen, wieviel s am Ende wiegt und wie es sich fährt.

Eine rationale Erklärungkann ich nicht abgeben. Headbadge möglicherweise.

 

Veröffentlicht unter Mehr Musik, Mehr Räder, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Riffin‘

„Ich bin als Junge oft 15, 25km zu irgendwelchen Steinbrüchen geradelt, meistens, um nach Fossilien zu suchen.“ D. Attenborough, Naturkundler, Tierfilmer.

a03Zweirädrige Fossilien, gut erhalten: nochmal Merckx, nochmal in den Frühling. Frischer Dunst in der Luft, sehr frische Pastellfarben. Ab in die Hügel.

a04Irgendwas in mir will heute keine Heldentaten, lieber kurze Wege, Abwechslung und auch mal Abstecher. Der Vorteil unserer faltigen Gegend sind kleine Orte, die entdeckt werden müssen, die sich verbergen und keiner mehr kennt, auch nicht jede Landkarte. Ab Maßstab 50tausend gibt die Erde ihr Wissen preis .

a07Die Basalthügel liegen hinter mir. Ein Blick auf den Stausee zeigt, daß die Reserven noch nicht wieder aufgetankt sind, Viele glitzernde Splitter geborstener Flaschen glänzen wie Perlen auf dem Schlamm.

a06Abtauchen in die Hügellandschaften. Als Wellenschaum stehen die aufblühenden Büsche am Straßenrand, bald lösen sich ihre Schaumkronen auf und gehen als weißer Regen über dem Asphalt nieder.

Heute beginnt meine Suche nach dem Riff, das irgendwo in dieser  Gegend  seine Sedimente als Marmor freigibt. und nun in einem Waldstück vor sich hinschlummert.

a0523In diesem Ort soll es irgendwo sein. Mein Merckx lehnt sicher an einem 523 international, (mit Originalbereifung),  während ich den Besitzer um Rat frage. Er baut sich gerade eine Steinmauer –  brusthoch  – um einen kleinen Vorhof. Die Eckpfeiler sind aus Fertigteilen, das ganze soll einen Meter hoch werden.

„Ist Marmor dabei?“

„Nein, das sind Bruchsteine.“

“ Hier  gab es doch einmal einen Marmorsteinbruch?“

„Ja, schon lange her.“

„Und keine Säule oder ein Denkmal im Dorf  zu sehen?“

„Nein.“

a01Ortskundig ist er und beschreibt mir kurz den Weg, keine 250m Luftlinie von seiner kleinen Hausecke. Als ich mich bedanke und aufschwinge höre ich noch: „wofür manche Leute Zeit haben . . . “

b1Es ist etwas milder, hier im Tal kommen die Frühlingsböen nicht so durch; der Weg verliert seinen Asphalt und dann sehe ich ein Transformatorenhaus. Indiz: hier wurde einmal viel Strom angefordert. Privatgelände, Betreten verboten, ein Zaun säumt den Weg.

b2Wo er endet, stelle ich das Rad ab, einige Meter abseits, damit es nicht gleich auffällt. Dann kämpfe ich mich durch junge Bäume, die auf einem Hang wachsen: Eine Geröllhalde, die wie ein Schutzwall den Steinbruch abschirmt. Dahinter liegt der Steinbruch, das aufgelaufenen Grundwasser hat einen kleinen See gebildet.

b5Als ich mich dem nähere, erkenne ich neben den Stahltrossen und rostigen baugeräten die steil abfallenden Wände. Verwitterte Wände, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Jetzt ist es noch ruhiger.

a09Wo einen Marmorsplitter finden? Ich muß mich nur bücken und ein wenig an den Steinkanten kratzen, schon treten Adern und Farbwechsel hervor. Ein grünliches Grau, das dann ockerfarben wird und streifenweise in dunkles Lachsrot wechselt.

b3Um ein schönes handliches Exemplar zu finden, kehre ich auf den Geröllberg zurück.

a11Der Marmor aus Gaudernbach, mein erstes Riff heute. Im Reichsluftfahrtsministerium soll er verbaut worden sein, auch in der Reichskanzlei  –   vor allem aber spricht Wikipedia vom  Empire State – in der Liste prominenter Abnehmer nach diversen Barockresidenzen, Kirchen und Dome. Der Steinbruch ist nicht erschöpft, es ist nur nicht seine Zeit. Jetzt liegt die Grube im Dornröschenschlaf , die Fossilien träumen weiter, nachdem man sie 300, 400 Millionen jahre schlafen ließ.  – Vielleicht wartet sie auf eine Marmor Mode, den Spleen eines indischen Milliardärs, der das nächste Taj Mahal ausstatten will . . . .

a08Ich überlasse den träumenden Steinbruch sich selbst und schottere zurück auf die Straße, auf zum zweiten Ziel. Denn das nächste  Vorkommen ist kaum einen Kilometer entfernt, das Rückriff liegt am nächsten Bachtal . Die Piste ist gut und auch schmale Contis reichen völlig, solange der Untergrund fest und trocken ist. Am Rückriff absteigen.

a12Der Steinbruch liegt direkt an der Piste, ganz offen. Hier stehen wir vor Schupbach- schwarz (und Schupbach violett) , dessen Spur ich schon vor über einem Jahr aufnahm. Es liegen überall noch massive Blöcke herum, bei manchen sieht man, wie das dunkelgraue Material, das beim Polieren dunkel bis schwarz wird, von weißen Calcitblitzen durchzogen ist.

Danach den Kerkerbach hinunter, Richtung Lahn.

a13Ein kleiner Verein in Villmar historisiert und archiviert all diese Vorkommen  – sofern nach Aktenlage der kleinen Unternehmen möglich. In Villmar an der Lahn wurden die Stücke bearbeitet und konnten verschifft werden. Geblieben ist ein kleiner Verein der Museum und Archive pflegt.

Marmor als Material bildet sein eigenes Archiv, Marmorsorten sind fast so individuell wie Fingerabdrücke. Ein Experte kann sehr gut Ort und Zeit zuordnen: die kleinen Riffsteinbrüche sind übersichtlich, ihre zahl bekannt. Der nächste Frühling zieht über sie hinweg. Sie können warten

a14

„Es ist magisch, wenn Sie sich vorstellen, daß dieses versteinerte Lebewesen zum ersten mal nach hunderten Millionen Jahren wieder das Licht der Sonne erblickt.“

D.  Attenborough op cit Der SPIEGEL.

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Übers Land, Mehr Berge, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen