Hello Goodbye  2022

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Weiß ist die Farbe der Unschuld, des Schnees und eines Stücks Popkultur. Der Schnee ist fort, ganz wenige Reste sind am Rand der Bäche zu entdecken, wenn man hoch genug kommt. Weiß ist die Farbe eines Albums, daß in über dreißig Jahren millionenfach verkauft wurde. Der sicherste Indikator für musikalische Qualität ist, wenn eine Zehnjährige völlig gebannt unbekannte Stücke entdeckt. Back in the USSR unter dem Weihnachtsbaum 2023 ist genauso pikant wie 1968, als die Beatles ihr letztes opus magnum ins Weihnachtsgeschäft brachten.

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Heute, am 27.12 AD 2022 wird der kleine Chronist unserer Konsumkultur mit diesem Soundtrack quer über die Oberahrer Berge ziehen. Dann rollt er an iher Rückseite zur Monatbaurer Senke, um an den Gestaden des fashion outlets Augenzeuge des großen Schauspiels zu werden, das sich den Hirten auf dem Felde bietet. Konsumstimmung in der Zeitenwende. Die Landschaft ein wenig  wie das weiße Album – grün und ländlich, dann wieder zersiedelt, schroff, geplündert und vom harten metal der Moderne durchsetzt.

Beatles 1968: ein Zyklus geht zuende, eine neue Zeit beginnt  – die Inspiration wird im fernen Osten gesucht, ihre Konturen sind unklar und  irrlichternd, genau wie 2022.

Looking through the glass onion  

Auf dem Weg in die Oberahrer Berge erwischen mich ein paar Tropfen. Sorgenvoll prüfe ich den Wind und sichte die Wolken. Grau ist es überall rund um Meudt,  der Wind kommt aus Südwest, in Ost kündet ein dichter Schleier schon vom Schauer, dem ich hinter der Kuppe entkommen will. Die schmale Straße zwischen den weißen Randstreifen windet sich langsam durch die Wiesen hinauf.

a2Ein anonymer Landmann hat Futter auf die Frontgabel seinen alten IHC Traktors gespiesst,  gleich wird er sich zu einem Stall oder auf eine Koppel aufmachen. Hier grasen Pferde, ein Mobilfunkmast zeigt zuverlässig die höchste Erhebung über ihren Weiden an. Der Mast erinnert mich daran, daß in drei Tagen der letzte Langwellensender aus Frankerich seinen Betrieb „aus Energiespargründen“ einstellen wird. Es bleiben dann nur noch einige orientalische Sender oder die BBC4, wenn man vom Funkverkehr der U-Boote absieht. Ob das internet eine sparsame Spielart des Rundfunks ist, sei dahingestellt;  ich denke eher an Russland, Kurdistan, oder den Iran oder Länder, denen ein kontrollierter Medienkonsum ihrer Bürger willkommen ist.

ab1In einer kleinen Senke verstecken sich eine Handvoll Häuser, einigen fehlt noch der letze Schliff. Tapfer weht eine Vereinsflagge im Wind. Grünschwarz, ein B im langen Rhombus. Die Oberahrer Berge sind eine kleine Hügelkette, die kleinen Bäche haben das Land gefurcht.

Poor young country boy

a3Oben dann ein Gewerbegebiet mit Familienanschluß. Vor dem Silo der Methangasanlage das Eigenheim mit Spielplatz. Wahrscheinlich wird hier Biomüll verwertet. Nach einem Trafoturm, der das Ensemble mit Strom versorgt, geht es hinunter Richtung Montabaur – 12km noch. Es folgen Straßendörfer in Hörweite der Lebensader B255. Graue Häuser, wenig Leben, hier und da ein gewerblicher Hinweis. Dazwischen einige industrielle Bauten, manchmal beflaggt.

Rocky Raccoon

a5Ein alter Pickup zitiert möglichen Country Rock. Blau zeichnen sich weit hinten am Horizont die Hügel des Rheinischen Westerwalds Richtung Koblenz ab. Heute nicht. Vor Montabaur kommt noch die ein oder andere Welle, der Kurs verläuft wegen der Tongruben im Zickzack, nur die Bundesstraße (für Fahrräder verboten) führt gerade zum Ziel.

a415h06 zeigte die digitale Fließuhr einer Apotheke bei Siershahn ; Ziel  in Sichtweite, ganz kurz macht das Rad vor der primitivistischen Skulptur eines Pferdekopfes Rast.

Wild Honey Pie

ab2Unter der ockerfarbenen Silhouette des Montabaurer Schlosses liegt das Tal der Träume. Linkerhand das Gewerbegebiet Galgenberg. Autohäuser, Baumärkte, Einkaufzentren, Imbissketten und ein Markt, der sich Herkules nennt.

ab3Dahinter die Autobahn 3,  parallel dazu eine ICE Trasse. Obwohl der ICE-Bahnhof energetisch unnötig wäre (einen ICE bremsen und beschleunigen frisst brutal Strom) beweisen die endlosen Weiten der Parkplätze, die an Wochentagen dicht beparkt sind, die Notwendigkeit des Haltepunkts: sie sind ein untrügliches Zeichen des Wohlstands. Ohne ICE  wäre die Kreisstadt wahrscheinlich eine failed city. So aber sichern zum Jahresende Endverbraucher aus nah und fern den sprudelnden Quell kommunaler Einnahmen. Vielleicht bezahlt Montabaur Pfleger und Kindergärtner im nächsten Jahr wie Geschäftsführer von 1 und 1?  – wer weiß.

Helter Skelter

ab5Die Montabaurer Senke vereint also ein Amalgam von Autobahn/ Eisenbahn/ Gewerbefläche,  deren pulsierendes Zentrum das fashion outlet center bildet. Immerhin war man nicht so unverschämt, diese Abverkaufsstelle chinesischer Containerladungen factory outlet zu nennen. Wir schreiben den 27 ten Dezember und es sieht ganz danach aus, als beginne das eigentliche Fest hier erst nach dem Fest.

Es ist das Fest der eingelösten Gutscheine, der umgetauschten Neuware werden; ein 4 Meter hoher Weihnachtsmann, unter dessen aufgepumpter Plastikhaut man Schokolade vermuten könnte, bewacht die emsigen Kunden beim Ein- und Ausströmen.

Bungalow Bill

ac1Über eine Seufzerbrücke führt es geradewegs in das leuchtende Universum günstiger Waren. Das Bild gleicht  dem der Jahre seit Eröffnung 2015. Kein Grund zur Sorge, die beschworene Zeitenwende,  die Auswirkungen gestiegener Preise ist hier nicht wirklich zu erkennen. In seiner freien Zeit zwischen den Jahren holt der Mittelstand neue Waren und beweist, daß es ihm gut geht. Aber wer weiß: vielleicht machen Tausende hier von Ihrem Geld –Zurück –Recht Gebrauch?

Goodbye altes Jahr, Hello Zeitenwende – mit einer Prise Salz. Die Kartenhäuser der Gewerbefinanzierung fielen sonst zusammen. Das Raunen und Murmeln lässt uns näher um den heiligen Baum zusammenrücken.

Savoy Truffle

ac3Schauplatz nebenan – an einer Jet Tankstelle (die gut besucht ist) kostet ein 30gramm Riegel von Ferrero 1Euro30.Da Kilopreise an der Ware nur im Supermarkt verpflichtend sind, überschlage ich geschwind auf fast 40 Euro das Kilo. Man kann mich für geizig halten, weil ich mich immer noch mit 6 statt 12 Ritzeln begnüge, aber die handverlesene Rehkeule vom Festessen war deutlich günstiger.

Doch die Westerwälder wären keine tüchtigen Leute, wenn sie nicht schon einen Schritt weiter über die Tore ihres outlets gedacht hätten. Nur wenige Kilometer zuvor habe ich eine Entdeckung gemacht:::::

Everybody s got somethin g to hide –  except form e and my monkey

ab4In dieser riesigen Halle laufen Förderbänder, verdichten Bagger tonnenweise Verpackungs-  und andere Erdölderivative – was eben nach zwei Monaten von den fashion-outlet-Gutscheinen übrigbleibt. Fast alles wird verbrannt, oder verschifft – weit weg von uns, unsere Dörfer sollen schöner bleiben. Hello 2023.

ahier ist es schön  courtesy aida tours – ich bin dann mal weg

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Kulturfolger auf dem Weg ins Jahr 2023

ab1Dies ist eine alte Bahntrasse,  einspurig, nicht elektrifiziert. Vor etwas über hundert Jahren wurden in ländlichen Gegenden Deutschlands viele solcher Kleinbahntrassen angelegt. Erst verkehrten Dampflokomotiven, dann Triebwagten mit Dieselmotor. Auf den bis heute aktiven Strecken ist das immer noch so und  diese Züge stellen immer noch den Anschluß der Provinz an mittlere und großen Städte des Landes her. Doch mangelnde Rentabilität führte zur Stillegung von tausenden, gut ausgebauter Kilometer in ganz Deutschland

Überflüssig wurden diese Strecken durch den Aufstieg des Automobils seit den 1960ern und den Ausbau der Verkehrswege, besonders Autobahnen. Über den Güterverkehr allein war eine kleine Bahnstrecke nicht rentabel. Es folgte entweder Schwellenrecycling mit Verwilderung oder eben eine schöne, glatte Teerschicht, die den Kulturfolgern einen Weg bereitet.

Diese Strecke hier zwischen Wallmerod und Westerburg ist seit einem dutzend Jahren als Wanderweg freigegeben. Sie wird von Wanderern, Skatern und Radfahrern genutzt- sicher gibt es auch einige Berufspendler, aber ganz überwiegend sind diese Strecken Autobahnen der Freizeit,  nicht der Verkehrswende. Aber es werden mit den Jahren immer mehr, die hier „beruflich“ unterwegs sind.

ab3Die 20er Jahre unseres noch neuen Jahrhunderts dürften der Beginn vieler Experimente sein. Der Kulturfolger Fahrrad beginnt, sein Potential zu erweitern. Denn die erfolgreichste Elektromobilität dürfte in den nächsten zehn Jahren die des Rades sein, solange es keine magischen, leichten Akkus gibt und eine wundersame Vertausendfachung der Schnelladesäulen in der Tankstellenwüste.

Im Vergleich aller Antriebe ist beim ElektroRad  ist das Verhältnis von Gewicht zu Nutzlast das günstigste, der Wartungsaufwand der geringste. Auch bei mäßigen Anstiegen (die in Ballungszentren kaum vorkommen),  lassen sich Berufswege von 20km täglich problemlos bewältigen. Die Entdeckung des E Bikes als Freizeitgerät hat zur Verbreitung seiner Spielarten in großer Geschwindigkeit beigetragen. Die Technik ist jetzt etabliert, erprobt und sicher.

ab2Warum stehe ich dann noch hier mit meinem alten roten Rennrad, diesem fast ausgestorbenen Urtier? Einmal weil es funktioniert, zum zweiten, weil es kein Nutzfahrzeug ist. Ein leichtes, schlankes Rad vermittelt ein ganz unmittelbares Gefühl und fordert den Körper. Solche Räder locken uns aus der Komfortzone, lassen die zunehmend in Fitnesszentren verbannte Erfahrung des eigenen Körpers erleben. Doch es bleiben Randerscheinungen. Die hohen Margen und das Marktvolumen neuer Elektroräder sind keine Laune der Konjunktur, als Nutztiere sind sie auch im Vergleich zu Motorfahrzeugen unschlagbar.

Für die marignaliserten Rennräder und andere pauperistische Darahtesel kommen aber keine schlechteren Zeiten. Als Pioniere auf alten Bahntrassen und vergessenen Landstraßen, werden sie von der (ehrlich gesagt:relativen) Kulturveränderung nur profitieren. Die Straßen und Wege für Zweiräder dürften sicherer werden. Sie werden weiter ausgebaut und aufgewertet. Unfälle mit Elektrorädern sind keine Freizeitbagatellen irgendwo zwischen ahnungslosem Kind oder überforderter Omi mehr. E – Bikes zum Preis von Jahreswagen sind Versicherungsgrößen, die sie zu Wertgegenständen machen. 2023 wird das Jahr sein, ab dem Räder keine Spielzeuge mehr waren.

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Die Ernaux und der Eddy, Kinder des Jahrhunderts

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Seit ein paar Tagen im literarischen Kosmos der Annie Ernaux unterwegs – Nobelpreis und guten Buchlieferketten sei dank. Doch nicht einmal ein Nobelpreis verspricht Gewissheit, wenn man so die Reaktionen hört. Gewiß ist vermutlich nur, daß wir sterblich sind, und bei unserem Tod die Einschaltquoten nicht steigen. Das sehr geteilte Echo im deutschen Feuilleton lässt erkennen, daß auch ein Nobelpreis eine Statue auf tönernem Sockel geworden ist. Die zeitgeistige Kritik übersieht bei Annie Ernaux allerdings, daß sie eine durchaus woke Autorin war, bevor das Wort überhaupt erfunden wurde. Ich habe ein paar Leseproben gemacht .

Annie Ernaux ist eine Schriftstellerin, die es nicht darauf anlegt, Leser in ihren Bann zu ziehen. Sie liefert keine belletristische Literatur mit Dialogen, Spannungsbögen, erzählerischen Einfällen. Annie Ernaux schreibt nicht – eher beschreibt sie in einem eigenartig nüchternen Berichtstil sich selbst und ihr Leben. Ihr eigenes Leben, das Leben ihrer Eltern, das Leben einer Frau in ihrer Zeit. Bei Annie Ernaux  verschmelzen Selbstbeobachtung mit Zeit- und Gesellschaftsbeobachtung. Ihre Literatur ist  eine Studie in eigener Sache, die immer ihren weiteren Kontext, das Frankreich nach dem Krieg erzählt.

Wer Entwicklungen und Einschnitte der französischen Nachkriegsepoche nachvollziehen will, kann das über die Zeitzeugin/Schriftstellerin Annie E. sehr gut. Man folgt keiner Befindlichkeitsliteratur, sondern der fast wissenschaftliche Selbstverortung in Zeit, Rollen und Klassen. Themen und Motive sind (auto)biographisch, von herber Selbsterkenntnis und eben woke – ein klar feministische Analyse. Ihre Literatur ist ein Erwachen, ein weibliches, soziales und körperliches Erwachen, nämlich der Schritt dazu: ich zu sagen und als dieses (und vor allem als Frau) von sich zu erzählen. Die Beschreibung einer Selbstentdeckung, die Analyse des eigenen Verhaltens, eingeordnet im Feld von Klasse und Rolle. Das durchbrechen der Regeln, das Überwinden der Klasse.  

Vielleicht kommt uns dies 2022 selbstverständlich vor – schließlich ist das „von sich“ sprechen allgegenwärtig . Man sehe sich soziale Kanäle und dem, was vom unbegrenzten TV übrig ist an. Jeder redet völlig enthemmt in eigener Sache, so sehr, daß die grenze zwischen Person und Produkt verwischt – für einige ist es ein Erfolgsmodell. Wir ermessen nur noch schwer den Sprung, den eine Frau als Arbeiterkind aus der französischen Provinz bis dorthin machen muß – und kann den Graben umso besser nachvollziehen.

Annie Ernaux wurde genau wie Eddy Merckx als Kind der Arbeiterklasse geboren. Beider Eltern führten  in einer Kleinstadt ein Café samt angeschlossenem Lebensmittelhandel. Ihr Großvater konnte kaum lesen noch schreiben, ihre Eltern waren Menschen, die jeden Tag um ein nicht immer üppiges tägliches Brot kämpften. In einer durch und durch klassenbewußten Gesellschaft behaupteten sie ihren kleinen Platz. Einen sehr begrenzten, sehr definierten Platz mit klaren Schranken und hohen Risiken. Ohne Krankenversicherungen und Altersversorgung: das unternehmerische Prekariat. Den Kindern des zweiten Kreiges öffnet sich eine Welt neuer Wege –  Annie und Eddy haben die Schranken ihrer Herkunft  durchbrochen, sie dank eines Bildungssystems, das den sozialen Aufstieg durch geistige Berufe ermöglicht, er dank der Möglichkeiten des professionellen Radsports. Hier enden die Parallelen. Annies Motiv: „ich habe meine Rasse rächen wollen“ – womit sie sowohl ihr geschlecht als auch ihre klasse meint, hat mit einem Radsportler, der vor allem gewinnen will nichts gemein.

Annie Ernaux ermöglicht Lesern eine geradezu sozialanalytische Sicht (Bourdieu war eines ihrer Vorbilder) auf ein Land, das in Klischees, (die es selbst allzugern produziert) versinkt. Klischees, mit denen die Tourismusindustrie ausländisches Kapital anlockt und das Engländer oder Deutsche Autoren sogar dazu bewegt, sich französische Pseudonyme zuzulegen, damit von ihnen erfundene französische Kommissare in fiktiven Umgebungen belletristische Erzeugnise liefern, die das Sommerferiensetting noch ein wenig schöner machen. Die Verkaufszahlen geben ihnen recht –  der Nobelpreis gibt Annie Ernaux recht. Take your pick.

 

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Giessen 200 -Die Klimaroller vom Edersee

Das kleine Café Ederblick ist in Altrosa verputzt, der Gästeraum mit den Tischen aus Mauerzeiten liegt günstig nach Süd und erlaubt freie Sicht auf den westlichen Zipfel des Ederstausees. Die 70 rollenden Kunden, die hier ihren  Stempel für Kontrolle 3 bei km 118 abholen, sorgen für Stimmung – zum gemütlichen Sitzen haben sie keine Zeit,  gleich schwingen sie sich wieder auf ihre Räder und nehmen Kurs Süd über den Burgwald nach Gießen.

26 November 2022

Es ist der letzte Brevet vom Gießener Veranstalter Christian Schulz für dieses Jahr. Noch einmal 200km. Die Wettervorhersagen sind unsicher, allein Wolken gelten als gesetzt, Nebel, einstellige Temperaturen leicht über Gefrierpunkt, Sonne jedoch nicht ausgeschlossen. Im Dunkeln taste ich mich nach Gießen, am Armaturenbrett leuchtet die Ziffer 2°, daneben ein kleines Eiskristallsymbol.

Die Nachrichten um 7 widmeten sich ausführlich der Kriminalitätseinstufung des Klimaprotestes, weil einige Aktivisten in einen Flughafen eingedrungen waren. Angriff auf die kritische Infrastruktur war der stärkste Ausdruck, mit dem das Besetzen eines Taxi-Ways auf dem Freizeitflughafen BER belegt wurde. Klimakleber nerven extrem, sagt der Abgeordnete, dessen Partei Millionen Stimmen mit Klimaversprechen gewann.

2aAls ich aus dem Lahnnebel auftauche, bewimpeln vor dem Café Kunkel die bunten Jacken der Radfahrer den nebligen Vorplatz. Sie trotzen dem Klima und versammeln sich für letzte Instruktionen.  

Die 70-Brevet Aktivisten werden gleich mit ihrer aktiven Demonstration beginnen –  ein reiner Nebeneffekt ihrer Fahrrad Passion. Kein militanter Protest, sondern nur Sport mit positiven Nebeneffekten . Christian Schulz ermahnt alle zur Vorsicht –am ersten Samstag im Advent seien sogenannte Schnäppchenjäger besonders rücksichtslos, sie könnten sich von hinten anschleichen . .. Wir nehmen es uns zu Herzen und schalten die Lichter ein.

Hin zu

3aKurz nach 8 Uhr geht es auf übersichtlichen Ausfallstraßen Kurs Nordost mit Gruppe aus Gießen

Der Parcours ist neu, neben der Qualifikation für Paris-Brest 2023 erklärt das die vielen Teilnehmer. In einem langen Nord Süd Parallelogramm geht es an der Wohra hinauf durch Mittelhessen, an Bad Wildungen vorbei und von dort westwärts den gesamten Edersee entlang. Die Nordseite des Staubeckens (24km) hat eine schöne Uferpromenade. In Herzhausen dann direkt nach dem Café Ederblick links über die Brücke nach Süden, über den Burgwald weg zur Lahn hinunter.

5aWir kreuzen viele stille Dörfer, bestaunen alte Bäume in ihrer Mitte und die Sorgfalt, mit der das alte Fachwerk gepflegt wird; hinter Buseck winkte ich den Frankfurtern noch einmal zu – und ziehe weiter mit dem Gardemaß Kurpfälzer auf schlanker, silberschwarzer Gazelle. Salz knistert hin und wieder unter den Reifen.

Es ist halt November, neblig, trüb, kalt, hohe Luftfeuchte. Wer eine Brille trägt,  ahnt nur die Umrisse von Bäumen und Straßenrändern. Wer nicht frieren will, kauert sich dicht über den Lenker. Parallel zur kleinen, stillen Wohra treffen wir auf schottische Galloway -Herden und rivalisierende Schafsböcke.

7aHof, Dorf, Städtchen und  Städtchen und die Reste einer alten Eisenbahn. Immer wieder geht der Blick hinauf, ob es nicht einmal Tag werden könnte.

4aNördlich Kirchhain immer weniger Automobile, die Schnäppchenjäger zieht es in Hauptstädte, hier ist nichts zu holen. Nur hin und wieder ein Wagen mit Pferdehänger, der uns höflich überholt. Respekt für Klimaroller.

Dann Gemünden und zuletzt Haina mit seiner alten Klosteranlage der Zisterzienser. Das bedeutet für Radfahrer Obacht: Zisterzeinser bauen immer im Tal. Das Kloster Haina liegt als Abschluß des Wohratals mit dem Rücken zum Talende. Nur nach oben geht es hinaus in den Anstieg des Tages. Nicht übel, aber wir sind ihm gewachsen.

9aAuf den Höhen des Kellerwaldes. Die Slalomstangen deuten auf härtere Witterung, wir eilen vorbei.

Heute, liebe Freunde der Schneewehe, ist es noch nicht so weit. Aus den Wolken tauchen Dörfer, fast abseitig, bis eine Bundesstraße ihren Anschluß zur Welt herstellt . Für uns zufällige Passanten eine karge Welt. Wir würden ohne die kleinen Geräte an der Lenkstange bald im Nebel die Orientierung verlieren, uns schneller im Wald verirren als Hänsel und Gretel.

91aDann aber schlägt es um – mit dem Landrücken haben wir auch die Wettergrenze überschritten. Am Horizont liegen jetzt die vulkanischen Kuppen des Waldecker Landes in der Sonne.

Es ist Mittag, rechts und links der Landstraße kleine Dörfer, Wälder und Kuppen. Unter uns größere Gebäudekomplexe, Kliniken? und dann, nach einer weiteren Abfahrt

überragt das ganz große Gebäude die Kurallee von Bad Wildungen. Aus dem kümmerlichen Nichts der kleinen Katen das Traumhotel Fürstenhof – Disney und Zauberberg in Bad Wildungen. Gerade nach Stunden in immer tieferer Lautlosigkeit die gelungene Überraschung.  Der blaue Himmel überspannt die alte Kurstadt, die Stimmung macht einen Sprung nach oben – bald schon der Supermarkt mit Bäcker.

Waldeck – Parenthese

Wir sind im Waldecker Land,  seit über 700 Jahren nach der gleichnamigen Familie benannt. Die Waldecker Grafen  schoben sich zwischen die Machtblöcke hessischer Prinzen und Mainzer Bischöfe, hielten sich und schoben sich zu Fürsten empor.

Residenz Bad Wildungen: das ist diese tiefe, unbekannte Provinz mit ihren Abgründen. 29 (angebliche) Hexen werden in einem Jahr öffentlich verbrannt – vor 400 Jahren. Das Klima ist rauh, aber gesund. Temperatur- Jahresmittel 7-9Grad, also wie heute. . . zum (wirtschaftlichen) Glück der Wildunger kam es samt Mineralwasser zu kurörtlichen Weihen: in den Zeiten der Industrialisierung – die hier nicht stattfand- ein willkommenes Geschäftsfeld, das bis heute blüht. Waldeck-Pyrmont lebt nach eigener Verfasssung unter fürstlicher Herrschaft, bis es 1867 auf Preußen (übernimmt die Schulden) und das Deutsche Reich übergeht.

Der letzte (nur noch formal) herrschende Fürst dankte 1918 widerwillig ab. „Wer bei seinem Fürst in Ungnade war, der mußte in Nordhessen verhungern“ – nach allem was wir gesehen haben, galt das Wort eines französischen Literaten hier ganz sicher.

Einen letzten Schatten auf das Geschlecht der Waldecker, warf Erbprinz Josias, der sich nach den Freikorps  stramm der SS anschloss und darin rücksichtlos Karriere machte, um der Herrenrasse wieder Geltung zu verschaffen. Seinem Sohn gab er Himmler und Hitler als Taufpaten. Der exemplarische Lebenslauf eines menschenverachtenden Opportunisten ist hier aufgearbeitet

https://kobra.uni-kassel.de/handle/123456789/2008032620872

Weiter im Brevet

Die Kalorien aus Bad Wildungen können sacken, die Halbzeit eines Brevets gibt immer ein gutes Gefühl, von jetzt an drehen die Kurbeln leichter

Die Sonne scheint auf unsere Räder, die Burg Waldeck überragt den Edersee, abgestellte Campingwagen und jetzt unbewohnte Ferienhäuser am Hang.

Wir erleben einen sehr leeren Stausee. Inseln und Ufer ragen weit empor, Schiffe und Boote wirken wie verlorene Spielzeuge in einem Schlammloch. Der Edersee speist Fulda und Weser für den Schiffsverkehr und mittelbar den Mittellandkanal, Schwankungen sind  üblich, der Stand vom September 22 mit 220m aber sehr niedrig. Ein Indikator.

Auf den Höhen kleine Dörfer mit geschlossenen Pensionen, auf den Hochflächen werden Korbweiden angebaut, die dunkelrot über dem matten Grün schimmern. Kleine Landwirtschaft. Dann das rosane café…

Way back

Edersee und Café liegen hinter uns,  Trafotürme und Tankstellenrelikte säumen die B252 nach Süden, jetzt werden die Meilen auf dem der Randstreifen gemacht, während die Kalorien eindringen. Die Mohnschnitte hätte doch noch gepasst  – aber da fällt mir der fette Marzipanbarren ein, der noch in der Hecktasche bereitliegt. Ein Barren im Safe.  

Mit der Silhouette Frankenbergs im Rücken verlassen wir das Edertal auf einer Landstraße, die uns in den Burgwald führt. Zurück in die Nadelwälder, abgeholzt wie überall,  aber auch im Anstieg duftend, tief geht es durch die Lunge. In nur 10 Kilometer Entfernung von unserem Hinweg bewegen wir uns jetzt nach Süden. Es ist dennoch eine andere Landschaft, karger und einsamer.

So ganz in unserm Brevet;  nach 6 Stunden konvergieren Fahrt und  Einsamkeit der Landstraße zu einer Einheit, die Abwesenheit von Motorgeräuschen oder überhaupt irgendwelchen Geräuschen macht es noch intensiver. Fast lautlos gleiten wir von Tal zu Tal. Unser Rhythmus stimmt.  

Dazwischen das ein oder andere Dorf (Rosenthal: Teller schmal) oder einsame Gehöfte.  

Hin und wieder überholen uns kleine Gruppen von Mitfahrern und ziehen in Einerreihe weiter. Dieser 200er ist eine gute Gelegenheit, das Jahr mit einem sehr schnellen 200er zu beenden.

Eine letzte Pause kurz vor Marburg, der Marzipanbarren muß endlich ans Licht, und dann sehen wir dem letzten Viertel der Fahrt entspannt entgegen. Marburg durchqueren wir mit der Verwirrung von Landbewohnern, die es nur selten in die Stadt zeiht. Überall Lichter und Menschen. Es ging schneller als gedacht, der Wind war nur schwach und die Kälte harmlos. Da rollt noch eine bekannte Gruppe vorüber. . . weiter.

Mit letztem Licht erreichen wir Gießen und treffen in der StarTankstelle ein. Geschafft Brevetkarte abgeben und: die letzte Fahrt des Jahres gemeinsam ausklingen  lassen.

Dieser 200er Brevet war eigentlich für alle ideal. Wer in die Sache einsteigen will, hatte heute Gelegenheit alles zu erleben, was Randonneure an ihrem Sport schätzen. Die Strecke ist für niemanden zu abseitig oder lang, daß mit Scheitern gerechnet werden muß. Wer schon länger Superrandonneur-Serien fährt, konnte nochmal gemeinsam das Jahr Revue passieren lassen und herbe, unbekannte Landstriche erleben. Wer schnell einen 200er „schrubben“ will, dem kommt das Profil dieser Strecke entgegen. Jetzt beginnt der Winter.

 

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Kenne Deine Kapazität

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Wenn man längst mit anderen Sportarten abgeschlossen hat, ist es mit dem Fahrrad längst nicht vorbei. Die Erschöpfung nach der maximalen Leistung und eine gelungene Fahrt sind immer noch Abenteuer ohne Reue,  auch jenseits der Schattenlinie es Lebens. Vermutlich entdecken deshalb viele das Fahrrad als Sportgerät, wenn es mit den körperlichen Höchstleistungen ab 35 Jahren vorbei ist.

Joe Friel https://joefrieltraining.com/training-plans/, ist Triathlet und Trainer, sein Hauptwerk nennt man die Trainingsbibel. Ich habe es nie ausführlich gelesen, es ist mehrere hundert Seiten schwer. Aber ich habe mir eingie Sachen daraus gemerkt und (vielleicht) etwas gelernt.

Wer keine Wettkämpfe vorbereitet, oder Radsport nicht als Wettkampf betreibt, der sieht eher wenig Nutzen in Stoffwechselanalyse und Trainingsmessungen. Er will keine Gegner besiegen und hat ja nicht den Wunsch, seinen Körper bis aufs letzte Molekül auszuquetschen. Dennoch wird jedes strukturierte  Training sinnvoll sein.

an5Als ich vor zehn Jahren begann, mit Randonneuren zu fahren, gefiel mir gerade der Ansatz: Brevets sind kein Rennen. Gut, Radtouristikfahrten waren auch keine Rennen, wurden aber oft genau wie solche angegangen, mit Vereinstrikots, Profitrikots, und hektischen Starts. Bei den entspannten Randonneuren lag der Schluß nahe, daß man sich für Brevets nicht unbedingt gezielt vorbereiten muß, solange man oft und viel mit dem Rad unterwegs war. Einerseits stimmt es. Man kann Brevets durch reines Spazierenfahren bewältigen und Training ist nie ein großes Thema; (bewältigte Brevets dagegen schon.) Haben Randonneure ein Geheimnis?

an3Die Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Sports und der eigenen Fitness hilft gerade jenseits des Wettkampfgedankens. Ein Wettkämpfer hat immer die Perspektive auf seine Mitstreiter, auf den Wettbewerb. Darauf richtet er sich aus und daher sein Eifer, was Training und Leistung angeht. Er will zu einem bestimmten Zeitpunkt eine maximale Leitung erreichen  -und kann sie im Wettbewerb dann abgleichen. Training bestätigt sich über Erfolge im Wettkampf. Training führt aber immer zu Erfolgen.

Für eigene Erfolge braucht es aber keinen Wettkampf. Eine der obersten Maximen eines sehr alten Griechen lautet: Kenne Dich selbst. Das ist ein vorzüglicher Grund, sich mit Erkenntnissen über  Sport und Training zu befassen, ohne ganz tief in die Feinplanung der Leistungskurven zu gehen. Radfahren über mehrere Stunden ist auf jede Weise Sport, verglichen mit den durchschnittlichen Bewegungsradien der Altersgenossen, aber auch gemessen an der eigenen Kapazität, dem eigenen Vermögen, dieser unbekannten und veränderbaren Größe. Wie aber schöpft man diese Kapazität aus?

an4Die Frage nach der Kapazität brachte mich dazu, in den Wald der Trainingsbücher einzudringen. Wir werden glücklicherweise nie  unsere gesamte körperliche Kapazität ausschöpfen müssen, wie dieser arme Hafenarbeiter von Beirut, der nach der Explosion der Düngerspeicher 30 Stunden im Wasser trieb. Es reichen schon Ansätze zur erweiterung, um sich glücklich erschöpft mit Bildern einer langen Fahrt im Kopf über einen Spaghettiberg herzumachen.

Trainingsbibeln helfen einfach zur besseren Bewältigung einer Fahrt. Sich besser, leichter und wohler fühlen – das soll das Trainingsergebnis sein.  Das Beste aus seinen Möglichkeiten machen heißt als fachausdruck: dei eigene aerobe Kapazität ausweiten. Nun die bittere Pille für den alternden Körper: nur mit hohen zyklischen Belastungen lässt sich diese Kapazität verbessern und erhalten.

an11Körperliches Leiden in Form von Maximalbelastungen lässt sich also nicht umgehen. So schreiben es alle, so machen es die Wettkämpfer und unter diesem Gesetz stehen alle, die sich mehr als für eine Stunde in den Sattel schwingen. Die Ideologie entspannten Umherfahrens bekommt einen Sprung  Im Zentrum der Betrachtung liegt unser Herz. .

Der Urmeter

Viele Möglichkeiten gibt es, sich zu schinden – wie auf einen Urmeter beziehen sich alle auf den Puls;  Pulsfrequenz 220 minus Alter ist Maximum, so die Faustregel. 170 mit 50 jahren, 160 mit 60 etc. Ab 130 beginnt der Intensitätsbereich. . . . in kurzen Spitzen oder langen Intervallen, das ist eigentlich gleich. Eine Fahrt, bei der der Puls nicht über 130 kommt ist eine Erholungsfahrt. Eine Uhr mit Sekundenzeiger reicht schon für eine Selbsteinschätzung. Individuell kann es Abweichungen geben, am Ende ist die Skala immer die gleiche: zwischen Ruhepuls und Maximalpuls.

Die Wellenform

Immer entwickelt sich eine Steigerung der Form in Wellen. Man trainiert nicht immer mehr, sondern immer wieder mehr. Der Aufbau zusätzlicher Kapazität findet in den ruhigen Tagen und Stunden statt, wenn sich der Körper an die vorherige Belastung anpasst.  Es bietet sich ein Rhythmus der Einheiten an. Friel sagt: hart, locker, locker, dann wieder hart trainieren. Kann man sich einprägen. Kann man auch mit einem Ruhetag nach der Maximalbelastung machen.

Die Fortschritte der Selbstmessung gehen seit langem über die Pulswerte hinaus, der eigene Puls eignet sich aber für jeden,  unabhängig von Trainingszustand und Leistungsfähigkeit. Für einen Leistungssportler, der an seinen Ergebnissen gemessen, möglicherweise dafür bezahlt wird, sind exakteste Messungen eine Notwendigkeit. Auch der Amateur kann von diesen techniken profitieren, sollte aber wissen, daß es für eine erhebliche Steigerung seiner Leistung zunächst die Praxis einer gut strukturierten Belastung (über Monate, Jahre) braucht.

In der Realität vieler Amateure wird das kontinuierliche strukturierte Training –  auf dem Rad oder sonstwo – das größte Hindernis sein, nicht die fehlende Wattmessung an der Kurbel. Darum einfach nur vom Puls ausgehen und den guten Stunden auf dem Rad.

Der Aufbau

Grundlage: wenige reden über ausgedehnte Fahrten im Winter, über die Frische und Tiefe des natürlichen Sauerstoffs, statt Bildschirmen vor elektronischem Rollentrainer. Die Fahrt im Kühlen hat nur Vorteile. Es gibt mehr Sauerstoff und die Anpassung des Körpers an neue Bedingungen ist zusätzliches Training;  das Immunsystem kommt auf Touren, das Erkrankungsrisiko sinkt und das Gefühl, kerngesund zu sein stellt sich ein. Um was ginge es sonst im Leben?

Die mehrstündige Ausfahrt einmal in der Woche ist meine Achse, um die sich das Training der  eigenen Form dreht. Sie legt einfach das Fundament für eine gute Technik und körperliche Gesamtfitness;  soll spezifisch trainiert werden, dann stehen maximale Belastungen eher am Anfang der Fahrt, nach dem Aufwärmen von 10 Minuten. Harte Ausfahrten sind kurze Ausfahrten: da herrscht Einstimmigkeit.

Ab und zu den Puls messen und damit arbeiten: selbsteinschätzung.Die Übungen sind hart genug.

Eine Liste

30 Sekunden max  Intervalle – flach oder bergan  – HIT genannt, wenn die Pausen ebenfalls nur 30 Sek

Ein – Minuten Intervalle – flach oder bergauf. Wie oben in serien, nur weniger häufig.

8 Minuten an der aeroben Schwelle, so daß man noch regelmäßig tief atmen kann – bergauf oder im (zu) großen Gang auf der Ebene.

Trittfrequenzen in Pyramiden machen 90 /100/ 110  . . . flach oder bergab – dann bis 120plus

Alles kann kombiniert, variiert,  strukturiert werden. Je nach Gelegenheit und  (bei mir) auch nach Lust und Gefühl. Wichtig ist: sein Muster finden.

Und anschließend den großen Satz : um schnell zu werden, mußt Du erst lange langsam unterwegs sein (Jens Voigt). Lang bedeutet für den einigermaßen trainierten Körper alles jenseits von drei Stunden. Mit langsam ist die „Ruhephase“ gemeint, in der der Körper den Stress einer harten Einheit verarbeitet. Spzierenfahren nennen sie es.Drei Stunden scheinen im Verhältnis zu einem Brevet erst einmal kurz, reichen für die Verarbeit ung eines Trainings mit Ausbelastung. Sich danach nicht „leer“ fahren, sondern Muskeln auf Temperatur halten, den Aufbau der Zellen und des Gewebes beschleunigen, das ist der Sinn.

an6Auf Langstrecke geht es nie um Spitzenleistungen, das Herz schlägt  allenfalls  im „orangenen“ Bereich. Meine ursprüngliche Annahme, dann brauche es auch kein Maximaltraining, war ein Fehlschluß. Training im Spitzenbereich hilft, weil es die Kapazität insgesamt erweitert. Es ist wie früher die Aussteuerung in der Tonbandtechnik, je mehr „headroom“ ein Bandmaterial hat, desto höhere Pegel konnten ohne Verzerrung „gefahren“ werden, der Gesamtpegel einer Aufnahme stieg nebenher an.

an12Dank regelmäßiger Maximalreize  steigt die physiologische Grundleistung mit. Erweiterte Kapazität erlaubt dem Körper, die gleiche Dauerleistung mit weniger Energieaufwand – geringerer Puls, normaler Stoffwechsel usw. Kurze, scharfe Reize im Training heben die ermüdungsfrei mögliche Dauergeschwindigkeit – ein Brevet wird nicht nur schneller, sondern auch leichter bewältigt. Umgekehrt wird der, der immer nur lange fährt, unweigerlich langsamer. Einziger trost – der , der einfach zuviel trainiert und der Regeneration keinen Platz lässt, wird es auch.

Die wichtigste Erkenntnis, die ich von Joe Friel übernehme: diese Regeln sind gerade für das Alter über 50 anzuwenden. Gerade dann erfordert Erhalt der Form eher gewissenhafteres Training als die Jahrzehnte davor. Man muss es akzeptieren.

an2Diese Gedanken stehen überhaupt nicht im Widerspruch zum schönen, nicht– kompetitiven Charakter von Brevets. Nur weil man dort „langsam“ unterwegs sei, sei ein Training von Leistungsspitzen nicht nötig,  ist (leider?!) ein Trugschluß. Wer seine Kapazität ausgelotet hat und seine Schwelle angehoben, ist schneller und gleichzeitig müheloser unterwegs.  Wer möchte das nicht?

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Der Krisengewinner – vom unaufhaltsamen Aufstieg des E -Rades

ac1Als ich 2018 im Siegerland auf einem Brevet zur Lahnquelle unterwegs war, konnte ich es kaum glauben: im Minutentakt überholten mich an einem sonnigen Samstag Automobile, die am Heck meist 2 neue elektrische Räder den Berg hinaufschleppten . Später, an den einschlägigen Cafés dieser schönen Kuppe im Rothaargebirge, sah ich sie dann einträchtig bei den fossilen Motorrädern stehen. Dazu also waren sie gut, die E – Räder. Ich habe lange gebraucht, um es zu verstehen.

Heute vier Jahre und viele Millionen elektrischer Räder später, lohnt sich eine Betrachtung ihres Aufstiegs, weil er vieles über uns und unsere Zeit verrät.

ac6Denn gerade geht  alles sehr schnell. Die Pandemie – deren Ursprung weiter im Dunkeln bleibt – neigt sich der Endemie zu, die Mutanten kann niemand mehr zählen, und nur das Versprechen, daß der Impfstoff von biontec gegen weitere Formen schützt, bewahrt die Aktie von höheren Verlusten.

Die Welt hat den Panik-Tunnel verlassen und muß feststellen, daß hinter einem bewältigten Problem viele Neue warten. Die künstliche Verknappung des Energieangebots durch einen Gasförderer hat einen Dominoeffekt ausgelöst, der sich als Preisschock durch die Welt fortsetzt. Gleichzeitig wünscht sich dieselbe Welt nichts sehnlicher, als das Ende fossilen Energieverbrauchs – eine zweite Elektrifizierung.

1acDen Beteuerungen, ein besseres Klima schaffen zu wollen, steht unverminderter Energiehunger für Wohlstand gegenüber, den Beteuereungen einer Verkehrswende unverminderter Verkehr. Staumeldungen sind Wohlstandsmeldungen.Wir fürchten Feinstaub, sollten die Räder der 14 Millionen „pendelnden“ Automobile  aber stillstehen, dürfte der Ofen aus sein. Unter einem immer heißer brennenden  Stern, einem immer blaueren Himmel und sinkendem Grundwasser schufen die Paradoxien der Zeit ein Produkt, das alles auf den Punkt bringt. Das E Bike.

ab5Weniges illustriert die Kontradiktionen unserer Mittelklasse besser, als der (unaufhaltsame) Aufstieg des E Bikes. Als muskelgetriebener „Systemrivale“ auf  dem Lahntalradweg darf ich bezeugen, Akkumulator und Antriebsmotor haben das Rad förmlich neu erfunden, nicht seine Nutzung. Sorgfältig respektieren Käufer die Rollenverteilung der Mobilität. In „entwickelten“ Ländern (die, in denen Zweitwagen und Flugreisen die Regel, nicht die Ausnahme sind), der Boom an Heckgepäckträgern für Autos bezeugt es: Der Gamechanger der Fahrradindustrie bleibt für Nutzer ein Spielzeug. Nicht für Hersteller.

ac8Sie müssen das elektrische Potential nur noch zu Umsatz machen. Das Gefährt der Verarmten, Verweigerer, Kinder und Rentner wird – abgesehen von den Sport- und Lifestylenischen – zum substitutiven Statusgut. Substitutiv, weil das Rad ein Anhängsel unter den Verkehrsmitteln bleibt. Statusgut, weil das elektrisch angetriebene Rad nicht  trotz, sondern wegen eines Preisfaktors 5-10 verglichen zu herkömmlichen Stadtradeln nachgefragt wird. Und: man kann es sehen.

Die Hersteller konnten ihr Glück kaum fassen, als ihr „Pedelec“ plötzlich sein Odium als Vehikel gebrechlicher Rentner ablegte und Muskelscham sich in Besitzerstolz wandelte. Von einer Saison auf die andere wechselte ein Produkt, das für Hersteller immer der Balanceakt zwischen niedrigen Kosten und Funktionalität war – 2Räder durften nie teurer als motorisierte Fahrzeuge sein – seinen Charakter.

Der Wechsel kam ungefähr ab 2017. Plötzlich hatte sich die „reason why“ verändert, um im Vertriebsdeutsch zu sprechen. Für den Verkäufer kam es nur darauf an,  zu vermitteln, daß es mehr als ein Fahrrad war, unendlich mehr. Dabei war es nur etwas, das es schon ewig gab: Ein Mofa ohne den Lärm, den Gestank und die Gebühren des Mofas. Ein grünes Mofa.

ab6Ein E-Bike wurde damit, was das Biosiegel dem Lebensmittel war: ein Artikel zum ökosozialen Ablasshandel. ein Ausweis guter Gesinnung im kampf gegen das Klima. Doch es kam noch besser.

ac2Zum definitiven Durchbruch verhalf  dem ElektroRad  2019/20 ein völlig unvorhersehbarer Grund. Sars CoV2, der Erreger, der die sonstige Volkswirtschaft lähmte, war ein Lottogewinn. Anders, als in der ersten Pandemiephase von Soziologen und Pandemieforschern behauptet, führte die Seuche nicht zu mehr Solidarität und sozialer Nähe. Im Gegenteil, es galt, sich in Techniken sozialer Distanzierung zu üben: Maskenpflicht, Kontaktsperre, Sicherheitsabstand. Dazu öffentliche Verkehrsmittel meiden, keine Flugreisen, keine Zugreisen, keine Schiffsreisen.

Diese Kombination aus überschüssiger Zeit mal überschüssigem Geld war der Umsatzturbo; Kunden blieben trotz Pandemie weiter gesund und lebenslustig, trotz Kontaktbeschränkung und Schließung hat der Fahrradhandel mehr Umsatz denn je, wenn seine Bonität für die Teilhabe am Boom gereicht hat. Die Welt des Herstellers erschließt ungekannte Gewinnzonen, die Welt des Kunden wurde zum besseren Ort.

ac4Jetzt ist sie definitiv da, die neue Zeit der elektrischen Antriebe und mit ihnen verändert sich das Umfeld. Auch die Welt der Fahrradläden muß dem Statusgewinn seines Erfolgsmotors folgen. Aus Bastelbuden werden allmählich Servicecenter für Räder, die Mechatroniker beschäftigen. Denn mit der einstigen autarken Welt des selbstflickenden Ökozausels haben die neuen Produkte nichts gemein. Hier handelt es sich um anspruchsvolle Produkte für Erwachsene, die Dienstleistung erfordert geschultes Personal, damit die Garantie nicht erlischt  . . . und die eigenen Hände sauber bleiben.

ac7Dies ist keine Polemik – lediglich eine Bestandsaufnahme, die sich  in die eingeübte Praxis der Fahrzeughaltung fügt. Wer ein E-Bike betreibt, wird auch für die Folgekosten einstehen. Trotz seiner unerreichten ökologischen Bilanz wird das muskelbetriebene 2Rad zum Relikt. Die Autarkie des klassischen Rades, die sich auch auf  Wartung und Reparatur bezog, wird der convenience geopfert.

Der elektrische Antrieb ermöglicht steuer- und versicherungsfrei, dem Fluch des Schweißes zu entkommen – eine bessere Möglichkeit, in Sachen Mobilität privates Greenwashing zu betreiben gibt es nicht. Die 14 Millionen Pendler in Deutschlands (höhenmeterarmen) Ballungsräumen bleiben davon eher unberührt, Jobrad hin, Jobrad her. Sie werden auch noch eine ganze Weile weiterpendeln und vielleicht sind es  – eines tages –  nur noch 13 Millionen. Seht die Lichterketten auf der A3 und zählt mit tausende . . .in der Minute!

ab8Das des EBike als grünes Spielzeug auf dem Gepäckträger wird zum Abbild einer (fast trotzigen) Weigerung zu akzeptieren, daß Veränderung der Welt auch Änderung des eigenen Lebens fordert. Es reiht sich in die vielfältigen Strategien des „als ob“ ein, mit der Kunden in erster Linie Statuswahrung betreiben, denn alles ist ja gut so, wie es ist. Immerhin steht die alternative Mobilität jetzt in geheizten Doppelgaragen. Probiert sie aus –  Strom fließt rund um die Uhr.

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Weiter, immer weiter – nach HH-B 22

1000Im Ziel sein, als erstes vom alten Randonneur begrüßt werden, seine Hand schütteln, endlich den Autor vom blog „Randonneurdidier“ treffen, der sich das Eintreffen der Teams nicht entgehen lässt. Erzählen… Die Schwelle vor der ich stehe, hat er überschritten. Aus einem 1000km Mann ist ein Genußfahrer geworden, ein Kulturrandonneur, wie er so treffend sagt.

1002Vielleicht genießt man umso besser, wenn man die eigenen Extreme kennt und erlebt hat, vielleicht schätze ich mich in 15 jahren, wenn ich sein Alter erreicht habe, überhaupt glücklich, noch 10 Stunden auf einem Rad sitzen zu können. Allein das verschafft ihm eine Ausnahmestellung.

Aber jetzt bin ich hier, ein Berliner  Kindl in der Hand, die heißte Currywurst im Bauch und noch eine Lage Haribo dazu. Wie ist es gelaufen?  Zu sagen: besser als gedacht trifft es nicht. Es ist einfach gut zu wissen: so wie es war, Mitfahrer, Routenwahl und Bedingungen –  optimal. Dennoch bleibt die Frage, ob noch mehr möglich wäre, vielleicht gerade dann, wenn man eigene Grenzen ausgelotet hat.

1003Nicht falsch zu verstehen – es ist kein absurder Ehrgeiz eines (alten) weißhaarigen Mannes, sondern das Rätsel dieser ungewohnten Herausforderung Hamburg – Berlin. Dauerbelastung in endloser Ebene. Das ganze Jahr über sammle ich Höhenmeter, bin fast gebirgige Profile gewohnt. Hamburg-Berlin ist dann immer eine fremde Disziplin. Darum auch die Frage, ob dies das Ende der Fahnenstange war.

Vermutlich ist es besser, das Ende der Fahnenstange nicht zu kennen –  so bleibt die Neugier.

1005Keine 24h später versuche ich im vielstöckigen Getriebe des Berliner Hauptbahnhofs eine Fahrkarte zu bekommen Die Abfahrt aus Potsdam war wegen Totalausfall Fernverkehr unmöglich geworden . .  („steht in unserer App“). Hilfreiche Geister lotsen mich in Richtung Hauptstadt; die geschmähte Bahn scheitert an ihren Maschinen, nicht an den Menschen.

1007 .. Im „Reisezentrum“ werden vorn Nummern vergeben, die auf einer Tafel erscheinen, Menschen warten auf Bänken und hinter bis zu 15 Schaltern sitzen Personen, die ich als Mitarbeiter der Deutschen Bahn lese. Es piept, wenn eine neue Nummer auf der Tafel erscheint ist und manchmal ruft eine Stimme. Aus der Tiefe des Raums kommt dann jemand mit hoffnungsvoller Miene auf den Schalter zu. In ca. 30 Nummern wäre ich dann an der Reihe. Sonntags, 14h, mit Fahrrad im Reisezentrum. Nicht weit von mir ein älterer Mann mit kleinem Rucksack und darauf der Name eines Triathlon Vereins. Er hat mein Rad angesehen und spricht mich an…Wohin und woher –

10011Ich heiße Erich Schmidt und komme gerade aus Pommern zurück, da bin ich nämlich geboren. Er will aber nicht über Pommern reden sondern über Sport – der Rucksack mit Triathlon Emblem ist kein Zufall, bald sind wir im Gespräch über die Lebenskarriere eines leidenschaftlichen Amateursportlers in der DDR. Schulsport, Betriebssport, interne Wettbewerbe, Landesmeisterschaften. 1000 Meter unter 2 min 30, persönliche Bestzeiten, Trainingsgruppen und –Pläne. Detailliert erklärt er Pyramidenläufe und Intervalle, seine Rundstrecke in Erfurt, mit der er sich auf Marathon und Triathlon vorbereitete. Mich befragt er nach Gewicht, Alter und Radsport. Wir erinnern uns kurz an Wilma Rudolph.

Ich erlebe einen pensionierten Magdeburger Tiefbauingenieur, für den Leistungssport eine lebenslange Passion ist. Heute hält er in der Kategorie M über 80 (Jahre!) den deutschen 10km Rekord . . .Summae vitae. Gleich reist er via Leipzig nach Baden Württemberg . 82 Jahre alt und drahtig, aus Pommern, also spätestens mit 5 Jahren vertrieben. Laufen, laufen, laufen. Weißhaarige Männer unter sich. Weitermachen ist nicht allein Ehrgeiz, es ist ein Elixir..Wir verabschieden uns herzlich. Ein junger Mann hinter dem Schalter winkt mir zu, entspannt und hilfsbereit.

1008Ein sonniger Nachmittag im Zug nach Kassel erwartet mich.

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Hamburg – Berlin 2022 Fünfmal Glück /Abschnitt 2

b12Dömitz: die leichte Sonne ist fort, übrig bleibt ein grauer Tag in der Prignitz. Ein Tag mit leichtem Südwind und kaum mehr als 12 Grad. Windjacke bleibt an. Der Radhändler von Dömitz hat seinen Laden eröffnet und sieht mir hinterher. Radfahrer wird er  zu sehen bekommen, en gros und en detail.

b10Jetzt allein auf der Strecke, suche mein Tempo, finde mein Tempo. Nach hundert Kilometern ist man in der Sache drin, definitiv, der Körper hat sich eingestellt und verlangt nur regelmäßig Brennstoff für seine ungewöhnliche Bemühung. Es ist die fünfte Teilnahme und diese hier ist ganz offiziell: ich werde in den ewigen Wertungslisten erscheinen. Die Zeichen stehen gut, der hohe Gang geht als Dauergeschwindigkeit.

Unter mir die silberne Gazelle. Der Rolls sattel: ein alter Freund. Und jetzt allein, wirklich allein. Mit Dömitz kommt die Prignitz und damit die große Ruhe. Wälder noch leicht sandig -feucht. Ungewohnter Duft für den Mittelgebirgler, ungewohnte Übung auch. So lang flach geradeaus fahren.

b20Die Dörfer werden von fahrenden Händlern versorgt. Selten Autos und wenn, dann

0-kia-picanto-2004-180997car oft the day: ein mauvemetallisierter Kia Picanto. (Bild a.d. netz) zieht durch Lentzen. Sonst Alleen und Kartoffelroder. Und ein guter Rhythmus. Um 12 in Perleberg an der Total sein: km 150, das wäre gut. Dann ein diffuses Geräusch hinter mir, Stimmen. Ein neuer Pulk der mich gleich einrollen wird.

Prignitz 1

b16Es ist eine verstärkte Gruppe St Paulianer, die in Dömitz Schützenhilfe bekommen haben – einige in Kurz-Kurz –  lassen keine Zweifel über den tadellosen zustand ihrer Beine aufkommen. Wir rollen gut, kaum schneller als ich eben, aber ein wenig schneller doch. Mein Aufzug belustigt einen flotten Sohn der Hansestadt: „jau, wenn man schon mit dem ganzen Hausrat unterwegs ist“ . . . denn ist man vermutlich Randonneur, n’est –ce – pas? Gleich kommt die Abzweigung – sie werden über Wittenberge fahren: „Komm doch mit, biste nicht so allein.“ Ich überlege und der Abzweig zieht vorbei.

Und während ich überlege, ruft jemand laut von vorn: Pinkelpause; und schon bin ich wieder allein auf dem Weg nach Wittenberge, kenne ich halbwegs, könnte heute auch bei Südwind die bessere Wahl sein, die B5 ist exponierter. Haken: das Navi leuchtet nicht mehr, Batteriezeichen und aus. .

a01Zwei flache Geschosse rollen mit mir durch Cumlosen – muß also jetzt aus dem Gedächtnis fahren. Ginge auch, ist keine 5 jahre her, als ich das letzte mal diese Südvariante fuhr. Und besser ist es vermutlich auch, wenn ich an den Südwind heute denke und die  kahle 100km B5 Richtung Südost. Muß gar nicht lange überlegen – an der nächsten roten Ampel quietschen hinter mir gruppenweise Scheibenbremsen.

Aber es waren keine StPaulianer – sondern ein Amalgam aus dem Pulk vor den Elbdünen. Mir recht. So habe ich Route und Geleit in einem . In Wittenberge nichts Neues, der Uhrenturm steht immer noch

b17Und dank Denkmalschutz auch die Inschrift der alten Nähmaschinenwerke. Erst hießen sie Singer, dann 1935 Neumann und nach dem Kriege neutralisiert „Veritas“. Vor dem Werktor gehts rechts, km 150 ca.

Wir über den Seitenkanal wieder in die Felder. Gruppenstärke ca 8,

lösen uns ab,  die neuen Vorderleute immer mit Schmackes nach vorn, der nach 250 metern abebbt. Etwas unrhythmisch, aber es funktioniert. Freies Feld kostet Kraft.

b18Die Sonne erleichtert unser Los und läßt den Bad Wilsnacker Dom aufleuchten. In dieser brettebenen Landschaft ist das gewaltige Ziegeldach eine Landmarke außer Konkurrenz. Führe jetzt schon zum dritten mal, es gibt nicht sonderlich viele Bewerber. Einer schmeißt ein Gel ein.

Aber es ist mein Tempo und wird es erst recht,  als uns die drei Berliner aus einem Nebenweg vor der Nase vorbeiziehen, am Ortseingang  Legde haben sie keine 200 Meter Vorsprung. Ich erkenne ganz deutlich die neongelben Überschuhe. Noch 20km bis Havelberg.

b19Wir passieren die kleinen Ortschaften: Lennewitz, Quitzöbel und dann Nitzow, wo ich auf die kleine Düne hoffe, uns den Dreien näher zu bringen. Aber jetzt, nach 160km werde ich mich nicht opfern, das Loch zuzufahren. Die Düne macht den Abstand nur größer. Niemand mehr zu sehen. Ewige Ampelphase in Havelberg – plötzlich, gerade als es grün wird, rollen die Paulianer hinter uns ein. In einem ersten Instinkt will ich mich anschließen, aber sie ziehen über die Bundesstraße nach Nord , die anderen rauschen zur Havel hinab nach Süd.

Der begossene Pudel steht allein da. Wollte ohnehin erst in Rhinow pausieren – in meiner Tasche  vorn ist noch etwas Kraftstoff. Jetzt sind also alle davon: die einen nach Nord, wo es einen Mc D gibt, die anderen nach Süd, vermutlich zu einer Tankstelle hinter der Havelbrücke, wo ich sie abtauchen sehe.

Prignitz 2

a06Auf der endlosen Geraden, dem Deich Richtung Rhinow sehe ich noch ganz schwach die drei Berliner verschwinden und mit Abstand dahinter zwei versprengte aus der vorigen Gruppe. So klärt sich alles. Ich werde niemanden einrollen können, das merke ich bald, sondern eisern beim eigenen Tempo bleiben. 14km bis Rhinow. Spätestens dort wird jemand sein, es ist auf vielen Kilometern die einzige Möglichkeit, Kalorien zu finden. 5 Kilometer Südwest mit diesem leichten, nagenden Gegenwind. Gut. Nur die zwei nicht aus dem Auge verlieren, Orientierung. Nach einer S Kurve sind sie fort und dann sitzen sie unvermittelt auf einer Bank – gerade da, wo die Straße Nordost nach Rhinow führt. ? ! Ich winke, sie winken zurück.

c2Dieser Streckenteil ist in früheren Berichten (ESK) „Allee der Depressionen“ getauft worden. Man naht der 200 km Marke und die ist ein Prüfstein. Wer nicht genug im Tank hat, wird bis Rhinow tatsächlich bittere Minuten erleben. Für mich aber läuft es dank Südwind mit einem mal ganz harmonisch, auch als ein Zug anderer Fahrer mich mit 10kmh Überschuß passiert bin ich so keck, und versuche, noch auf dem 15er das Tempo zu halten. Die kleine Kanalbrücke macht jede Illusion zunichte und bringt mich schnell zur Vernunft.

b23Wenigstens weiß ich nun, wie schnell das Team Heinemann Medizintechnik unterwegs ist. 2 Zähne schneller. Besser so.

„Wie heißt Du eigentlich? „

Draußen, auf dem leergefegten Parkplatz des ND-Discountmarktes von Rhinow stehen 2 Autos und 3 Räder aus Berlin. Nach meinem Schnelleinkauf, bei dem ich schwungvoll und begleitet von Pharell Williams lockerem Soul (Deckenlautsprecher) Marzipan, Tomaten Wasser und 6 Batterien für mein Navi besorgte (die Batterien gleich hinter dem jungen Mann dahinten – watt –icke?), adoptiert mich Team Berlin: Dani, Alex und Markus. Alex: der Große mit den neongelben Überschuhen und einem schönen dunkelroten Rahmen, Dani auf purple specialized und Markus mit einem weißen Rad  – venge steht auf dem Oberrohr. Sie warten noch eine Minute, bis ich das Navi wiederbelebt habe und schon geht’s los. Fünfte Teilnahme und endlich das Glück dazu, jedenfalls das Gefühl der guten Wahl.

a02Wieder im Sattel grüßen wir eine aufgelassene Minol-Tanke ; nordwärts nach Friesack, 200 Kilometer sind geschafft,  ein paar salzige Pistazien darauf.

a03Nach dem Zwischenstopp wird Friesack gekreuzt, dann erhöht Markus die Schlagzahl und wir folgen der Parallelstrecke zur B5 durch sonnige Weiden, die wie Kresse duften.

a04Vorbei am Flughafen Bienenfarm Richtung Nauen. Wir fliegen nicht, doch mir ist gerade, als sei ich in meinem Leben nur spazieren gefahren. Stalldrang beim Team Berlin. Im Unterlenker: versuche, an nichts zu denken, nur das Hinterrad vor mir im Blick, nur immer den Takt halten – nicht abreißen. Manchmal nehme ich das 15er um etwas langsamer zu treten und durchzuhalten..

b25Dieses fünfte HH –B bringt ein Glück, das ich greifen muss – schnell und in einem Zug, richtige Streckenwahl, richtige Gruppe. Die letzten 50km gibt es noch (ganz lächerliche) Steigungen aber die erste kurz vor Nauen reicht für den Krampf im rechten Oberschenkel. Mit Wiegetritt im schwereren Gang bekomme ich ihn heraus und danach, als es abwärts an den Schrebergärten vorbeirollt, sauge ich die Elektrolyteflasche so schnell wie möglich leer: und er kam nicht wieder. ! Brieselang, Falkensee, Spandau.

b26Der Samstagsverkehr hat uns im Griff: auf der Gegenfahrbahn strömt uns eine endlose Kette konsumfreizeitlicher Fahrzeuge entgegen. Wir schlingern, aber halten Kurs, unterbrochen von Ampeln und Engstellen. Aber es ist alles gut.

a05Schon biegen wir an der Esso Tankstelle der Heerstraße auf die Zielgeraden.

Das Bier wird schmecken, die Gatower Straße im Schuß hinunter,  es ist ein Genuß. 2022, ein guter jahrgang. Großen Sportler-Dank an Dani, Alex, Markus – team berlin in Berlin.

b27

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HH – B 2022 Fünfmal Glück/ erster Abschnitt

Der Start

Und dann ruft jemand laut Deinen Namen aus der Dunkelheit. Nummer 208 – Schon 7h 05.

Gerade noch Zeit gehabt für ein üppiges Stehfrühstück in der großen weißen Halle voller bunter Radtrikots, die in alle Richtungen laufen, oder gemütlich zu Tische sitzen.  (Würstchen, Ei, 2 Müsli, Kaffee, das muß jetzt reichen). Das Bukett an Waschpulveraromen hinter mich lassen . Hier!

a4Oben dann die ersten Rücklichter,  5 minuten auf dem kleinen Blatt, dann auf den Deich. 7h10.

Dort der Nächste unter rosigem Dunst. Auch ihn passieren.

aa11Schon über den Elbekanal – oder ist es die Elbe? Großes Blatt ist jetzt gut drauf, das Kettenöl aber noch zäh. Und wieder hinunter zur stillen landstraße.

b11Weitere Gruppe in Sicht. Der Einzelfahrer sieht sich kurz das Tempo an und passiert die Räder. Wo willst Du hin? Rufen sie – Nach Dömitz . . . Jetzt, nach 15km das eigene tempo finden. Noch kein Wind, erstmal gut. Sich nicht einlullen lassen, es kommen noch andere.

a5Hinter den erten Dörfern und dem nächsten Kanal: geht die Sonne auf. Weniger Nebel, auch nicht so kühl wie im Vorjahr. Sonst unverändert. Gute Erinnerungen und ein erster Riegel. Kaum Verkehr.

Im Pulk

a6Eine Gruppe, die erste Reifenprobleme behebt (während eine S Klasse die tankstelle verlässt). Kurzes Nicken. Herr, verschone mich.

Als der Track eine Alleebiegung nach Süd macht, ist der Wind zu spüren, ganz unmißverständlich. Unterlenker und kurz an 2013 erinnern, als der Regen immer üppiger fiel. An der Schwelle kurbeln. Etwas essen.

Dann wieder auf West – Jürgenstorf. Gerade sattelt eine Handvoll Fahrer nach Panne wieder auf. Anschluß gefunden.

aa113Die gescheckten Trikots sind schnell erkannt – St. Pauli. Nur der Schlagmann trägt eine neutrale Montur. Reihe mich ein.

a8Neben uns ein Trabergespann beim Morgentraining – wir sind etwas schneller. Gute Stimmung.

Und plötzlich ein ganzer Pulk der uns wiederum aufrollt. Das Tempo wird nochmal etwas höher, die warme Wolke der Radtrikots tut gut –vorne flattert eine schwarze Windjacke, ich gehe ins Mittelfeld ringsum bunte, neue Räder – S Works scheint einen guten Vertrieb zu haben in Norddeutschland.

Abzweigung auf die Betonplatten von Alt- Garge, wo eine Baustelle seit dem letzten Jahr auf Vollendung wartet. Plötzlich dezimiert, die Trikots aus Kattenberg sind einen anderen Weg gefahren. Jetzt könnte gleich der erste Anstieg kommen, doch erst einmal die baustelle via Gehweg passieren. Keiner nimmt raus  und statt rechts hoch geht’s gerade über den Waldweg, Pflastersteine und Schotter die Elbpromenade entlang. Speed -Graveln ohne Graveler.

aa14Schon besser so, das macht 3, 4 Minuten Zeitgewinn. Als der Weg ziviler wird, kann ich die Kamera zücken. Keine Ausfälle, die Gazelle hält den Gang. Vorn flattert weiter der schwarze Windstopper eines großen Fahrers mit Auflieger. Da gehören drei zusammen. Vielleicht 60 Kilometer jetzt – es geht leicht abwärts in den Elbdünen. Das war erst die Vorspeise, gleich kommt noch eine mehrere Kilometer lange Serie. Das Tempo ist vielleicht zu hoch, ich spüre es, als es mich auf Position zwei spült. Dann sehe ich auf dem Navi die Abzweigung rechts. Andere scheren ebenfalls aus, Schreie: gerade! Nein ! Rechts. Auflösung. Ich folge drei Fahrern nach rechts fort von der welligen Dünenstrecke. So will es auch mein Track.

Die Dünen

Nach ein paar hundert Metern ist mir klar: das ist neu hier, die Route, die der biekrouter gewählt hat umgeht die steilen Passagen in den Dünen , kann aber kaum länger sein. Dafür geht es leicht auf und ab.

aa16Sehr alte Bäume stehen massiv am Weg. Endlich das schöne Licht genießen, das die Felder streift. Göhrde steht auf einem gelben Schild, das nach Zonenrand anmutet. Die kleine Gruppe vor mir bleibt in Sichtweite, sie ist die neue Boje für mein Tempo. So hat sich das große Feld allmählich in Untergruppen aufgespalten – viele kleine Teams, die jetzt ihre individuelle Route fahren. Ich dazwischen – das ist auch praktisch.

In sehr sanften Wellen laufen die Elbdünen hier aus und erlauben einen guten Rhythmus. Selbst wenn ich ganz gut bergauf komme, sind die 8% Steigung auf der anderen Route immer eine Maximallast – und mit meinem „Gepäckrad“ bin ich gute 4 kg im Nachteil gegenüber den Mitfahrern. Da ist der alte Stahl eindeutig ein handicap.

Also besser in gleichmäßigem Tempo unterwegs sein und keine Körner raushauen. Ein paar Weiler, die Vordergruppe bei der Pinkelpause. Vorbei. Nun dreht der Kurs wieder nach West. Ich halte mein Tempo und bin gespannt, wie die Wette zwischen den beiden Routen ausgeht. In Hitzacker werden wir wieder aufeinanderstoßen – oder nicht.

aa17Nur wenige Sekunden vor mir kommen sie auf die Straße geschossen. Vorn der Große mit der schwarzen Windjacke und den neongelben Überschuhen – da setze ich nach, doch ein schleichender Rentner auf Beutezug vor dem Supermarkt von Hitzacker bremst meine Bemühungen jäh: kein Hinterrad,  aber drei Fahrer gerade noch in Sichtweite. Noch 15, 16 km bis zur Kontrolle in Dömitz. Jetzt lohnt es sich Gas zu geben und heranzukommen. Den Abzweig kenne ich noch – wir sind also auf derselben Strecke unterwegs.

aa18Tauchen wieder auf, als es ins offene Feld geht – exakt auf meinem Track und nur 200 Meter vor mir, und plötzlich zu Dritt nebeneinander. Schon 50 Meter gutgemacht. Dann haben sie mich entdeckt. Hallo.

aa19Sie kennen die Strecke nicht, haben die Route von St Paulianern aufs Navi übernommen. Sie sind Berliner auf dem Weg nach Berlin. Die Schlagzahl ist anspruchsvoll, aber machbar: zumindest bis Dönitz, der Kontrolle in 9km, wird es gut rollen. Der Wind schiebt uns die schöne gerade Bundesstraße zur Brücke und ehemaligen Grenze hinauf – alle sind zufrieden.

aa21

Dömitz

An der Kontrolle rufen wir dem Komitee die Startnummern laut zu: die  Zwo Null Acht!

aa22Kann zufrieden sein. Die Beine machen mit, das Rad spult lautlos die Kilometer herunter, der Körper muckt nicht auf. Nur noch 190km. Jetzt meinen Mojo nicht verlieren: „Wir sehen uns später“ rufe ich den drei Berlinern zu, die ein paar Minuten länger Pause machen. Die Trikottaschen sind vollgestopft, auch die kleine zweite Flasche für die Elektrolyte. Banane im Heck, den zweiten Marzipanriegel im Mund und fahre .

b12Dömitz, die gepflasterte Schönheit Uhrzeit passt.Meine Strecke führt jetzt 30 Kilometer nördlich der Elbe entlang, dann biegt sie Richtung Perleberg zur B5 hoch, da werde ich wenig Gesellschaft haben. So der track, so der Plan.

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Hamburg  -Berlin Zeitfahren 2022 : Fünf mal Glück (I)

Dritter Samstag in diesem Oktober. Die Tage sind deutlich kürzer geworden, der blaue Planet steht ein paar Bogenskunden ungünstiger zum Zentralgestirn. Dafür ist im Oktober noch alles möglich, von Frost über Sturm bis milde Sonne. Diese Unwägbarkeit macht Reiz des letzten Zeitfahrens im Jahr. Hamburg – Berlin : die Jahre folgen einander, aber gleichen sich nicht.

a1Zum fünften mal zum Zeitfahren Hamburg-Berlin, kurz HH-B. Veranstalter: der Audax Club SH, unverändert. Hamburg das heißt hier Hamburger Umland, Elbmarsch – den Vierlande, die schon gar nichts städtisches mehr haben, auch wenn sie zum Stadtgebiet zählen. Spätestens nach dem Ausstieg aus der SBahn in Bergedorf ist es mit der Urbanität vorbei.

Der Start vom Zeitfahren ist seit der Schließung der urigen Wirtschaft vom Elbdeich etwas landeinwärts gerückt, vom Altengamme nach Curslack. Damit ist die Strecke zum Wassersportheim Gatow kaum unter 280 Kilometern zu bewältigen. Schon Tage vorher gehe ich fast im Schlaf die Abschnitte durch, überquere die Elbe und ziehe durchs Danneberger Land. Danach beginnt die lange, flache Brandenburger Etappe  – über die Prignitz an die Tore der Hauptstadt. Hier entscheidet die Windrichtung über die richtige Wahl der Route: Nord oder Süd.

a10Beim Rad gibt es keine großen Überlegungen. Einen Monat zuvor habe ich die silberne Gazelle mit den 175er Kurbeln aus der Reserve geholt und beginne, mich darauf einzuleben. Im letzten Jahr gegen den Wind hat es gut harmoniert, dieses Jahr wird es kaum ungünstiger kommen. Die längeren Kurbeln spüre ich nach ein paar Kilometern kaum. Der Lenker hat einiges an Vorbiegung, ist aber nicht zu tief. 60×57 sind die Rahmenmasse des 1978er aus Dieren.

a13Am Gepäck habe ich nochmals gespart. Vordertasche in klein, darin die Riegel, Marzipan , eine Filmdose mit Magnesiumpulver und das Necessaire: Zugriff während der Fahrt. Auf Marzipan kam ich, weil der Handel jetzt schon die Winterzeit einläutet und überall gute Zartbitterqualität in Barren anbietet.  In der schmalen, kurzen Rahmentasche, die sich variabel festzurren lässt, finden sich Überschuhe, Handschuhe und Reserveschlauch. Es hat gedauert, bis ich eine Version fand, die Unterrohrhebel erreichbar lässt.

Die Hecktasche ist leichter und kleiner mit Reservekleidung und Nachtwäsche – ich reise einen Tag vorher an. Ihre willkommene Zusatzfunktion: der wasserdichte Stoff  bildet ein sehr wirksames Schutzblech – es ist auch noch Platz für die Regenjacke, die morgens als Windschutz dient. Eine Woche vor dem Zeitfahren kommen die guten open4 Felgen mit conti 5000 Reifen aufs Rad. Sie laufen wirklich leichter als die Alltagsräder.

Später will man nichts bereut haben.

Screenshot (6)Die Route steht fest – zumindest im Navigationsinstrument. Es ist ja eher eine Stütze, denn anders als bei brevets, wo sich Fahrer oft über Stunden (Tage?) aus den Augen verlieren, gibt es bei den über 250 Startern von Hamburg – Berlin eigentlich immer einen rollenden Anhaltspunkt in der Landschaft. Meinen Startplatz verdanke ich der Schnelligkeit des Sportkameraden Toni, mit dem ich regelmäßig Wien besuche. Weil er verhindert ist, stehe ich als Einzelfahrer in der schnell ausgebuchten Startliste de Audax Club SH. Das hat seine Nachteil – allein gegen mit Wind und Pannen– aber auch seine Vorteile. Denn gemeldete Teams müssen für eine Wertung vollständig ankommen, sind also aufeinander angewiesen, im Guten wie im Pech.

b92Noch zur Vorbereitung. Auch wenn Hamburg – Berlin sich als Zeitfahren bezeichnet, ist es doch kein Zeitfahren,  eher ein gezeitetes Brevet. Das einzige Zeitfahren ähnlicher Streckenlänge war der Grand Prix des Nations, der im Südwesten Paris bis ca 1957 über über einen welligen 140km-Kurs führte. Heute gibt es diese Distanzen nur im ironman triathlon. Ein Zeitfahren über 280km  ist eine Extremübung in Grundlagenausdauer – an der Schwelle. Im letzten Jahr hatte ich im Gelbachtal vorher noch Tempoeinheiten von je 10 min eingelegt – eben um diese Schwelle „nach oben“ zu verschieben, was am Rad einen Fahrgang von einem kleineren Ritzel bedeutet. Diesmal schob sich eine Grippe dazwischen. Der schöne WW 200er und Einheiten mit hoher Frequenz mußten reichen…

a22Je weiter der IC nach Norden kam, desto sonniger und freundlicher wurde es draußen. Beinah schon zu warm für eine lange Hose, aber der Hamburger Bahnhof hat ein eigenes Mikroklima, diesmal angeheizt vom Treffen der zwei Stadtvereine. Einiges an Bereitschaftspolizei unterwegs. Der Tiefbahnhof ist  für einen Jungen vom Lande ein erstaunliches Theater.

a11Schon  gleich nach Bergedorf  fiel mir auf: der Wind steht gegen mich, als ich den Heerweg streng Süd zur kleinen Pension entlangrolle und Peitschenlampen kilometerlang Revue passieren lasse. Stehen seit 1967 stramm. Südwind also, schwach aber bestimmt. Angekündigt war Südwest.

a23Jetzt steht die Maschine im Vorraum bereit.

Üppige Pasta im „Al Lago“ samt lokaler Alkoholiker und italienischem Laientheater. Nun wie ein Römer liegend, verfolge ich eine Doku über eine Werkstatt, die ausschließlich Porsche 911 restauriert. Das kleine Unternehmen präsentiert den Kunden die von Facharbeiten präparierten Fahrzeuge, die danach besser als neu sind in ihrem showroom: dem ehemaligen Schwimmbad der hauseigenen Neutra –Villa. Die Illusion eines besseren Gestern muß perfekt sein, dann steigt der vermeintliche Wert. So wie für die Stadtpaläste des Historismus, die Wilhelm2 so gefielen. Der Glaube an das wertvollere, ja bessere Alte – kein gutes Zeichen für die Zukunft.

Die Zukunft liegt auf der Gazelle, morgen , 5h45.

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