Rauchzeichen aus Kalifornien : vor 50 Jahren

Wie es ist, in Los Angeles bei 50 Grad zu leben, möchte ich mir nicht ausmalen. Die aktuellen, verheerenden Waldbrände dazugenommen, dürfte das alles der Hölle auf Erden nahekommen. Rauch und Sonne: Gerade entdecke ich über 50 jahre alte, kalifornische Rauchzeichen, die die Großwetterlage gut zusammenfassen .

Es schrieb ein Mann aus Andernach, der nun 100 Jahre alt wäre:„Worauf ich hinauswill ist folgendes: Die Leute kommen zum Rennplatz, weil ihnen das Wasser bis zum Hals steht, und weil sie eher riskieren wollen, daß ihnen das Wasser bis über die Ohren geht, als sich mit ihrer augenblicklichen Lage zufrieden zu geben. Und hoch da oben thronen die Big Boys und schauen auf den Ameisenhaufen herunter. Glauben Sie nicht, daß Trump sich wie Graf Rotz fühlt, wenn er seine Nabelschau betreibt? Und ist Ihnen nicht ebenso klar, daß Trump eine der größten Arschkrücken ist, die man uns je angedreht hat? Aber wir haben den Köder genommen, wir hängen an der Angel und zappeln uns einen ab. Und einige von uns haben sich bereits derart einwickeln lassen,  daß sie geradezu süchtig sind nach diesen Quälereien, weil sie Teil eines logeischen Plans zu sein scheinen. Sie scheinen unumgänglich, da sich keine Alternative anzubeiten scheint.  Also haben wir manipulierte Pferderennen in Santa Anita. Und also haben wir Trump. Und irgendwie lassen wir es zu, daß es so bleibt. Wir sind so wahnsinnig, uns die Handschellen selbst anzulegen. Das mag erklären, weshalb einige von uns  – wenn nicht die meisten – wenn nicht alle – an einem Tag wie dem 22. März 1968 in Santa Anita zusammenkommen, um sich reinlegen zu lassen.“ .  ..Op. cit „Hank“ Bukowski

(Und ich mußte in diesem Zitat nur ein Wort ersetzen, einen Namen).  

Wir schreiben nun den 21 September 2020, gerade wird uns gemeldet, daß die Lufthansa ihr größtes Flugzeug stillegt – sie hat von dem Typ 380 ganze hundertzwanzig – kaum ein paar Jahre, nachdem es mit großem Medienrauschen in Dienst gestellt wurde. Es ist der teuerste, größte, komplexeste Passagierflieger aller Zeiten – die Titanic der Lüfte.

Und wie bei den maritimen Vorläufern war es die Holzklasse, die sich weigerte, ihre Plätze einzunehmen um dieses schöne, subventionierte Kunstwerk zu refinanzieren.  . . .

Andere Luftfahrtgesellschaften werden ihm vielleicht noch ein kleines Gnadenbrot gönnen, aber diese Epoche der Globalisierung geht definitiv dem Ende entgegen. Dinge werden sich ändern. Ich werde mein Doppelglas weiter in die Luft heben und nach ihm Ausschau halten.

und mich dann aufs Rad setzen.

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Bremsen am Aubisque

Ein Fahrbericht

ab1Ich liebe Platanen, es sind große, helle Bäume, deren Blätter einen ausladenden, nicht zu dunklen Schatten werfen. Seit Jahrhunderten stehen sie in Frankreich an Alleen, vor Kirchen und auf Parkplätzen.  In meiner mittelgroßen Nachbarstadt hat der Bürgermeister gerade 24 fällen lassen, weil sie die Kabelverlegung der Straße verteuerten. Jeder setzt seine Prioritäten.

Gleich bin ich in Louvie -Juzon, am Fuß der Pyrenäen. Hinter der Brücke über den Gave geht es gleich rechts zu einem schattigen Parkplatz, um 9 uhr morgens ist es unter den Platanen am Gave d’Oloron noch leer. Gleich hinter den Bäumen liegt das Ufer des rauschenden kühlen Flusses; harte, rundgeschliffener Steine liegen dort, aus denen in der ganzen Region Häuser errichtet wurden. Steine, die durch die Jahrtausende von den Bergen hinuntergespült wurden und werden bis in vielen Millionen jahren die Zinnen der Pyrenäen nur noch sanfte grüne Hügel sind……

DSCF5129Start und Ziel für das Snel, das rasch zusammengebaut ist. Ich verlasse den rauschenden Fluß und mache mich auf zum Aubisque, in 10 Kilometern entfernung liegt Leruns. Hinter der kleinen Etappenstadt beginnt die Steigung zum Paß.

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Kurz erahnt man auf dem Weg noch den Zuckerhut des Pic du Midi (de Bigorre). Ein Maßstab fürs Wetter – Der milchige Dunst zeigt: es wird ein sehr warmer Tag werden, ohne Abstriche, das Wetter wird nicht umschlagen. Wer vom Aubisque spricht, weiß, daß das eine seiner gefürchtesten Aspekte ist. Wie viele Bilder, die uns seit hundert Jahren Fahrer im Nebel, bei Regen und im Gewitter zeigten.

Heute nicht, das Luxusproblem heißt: hinaufkommen ohne in der Hitze ohnmächtig zu werden. Denn der Aubisque ist lang , die 1200 meter Höhendifferenz verteilen sich auf 18km. Der Vorzug dieser langen Paßstrecke ist ihr milder Beginn.ab6

Die Mammutbäume an der Straße zu den Eau Bonnes müssen nur mittlere Gradienten beschatten, immer die Versuchung groß, hier zuviel Dampf zu machen. Mezzopiano halte ich micht zurück, 16km, 15km, der countdown hat begonnen.

In Eaux Bonnes umrundet man den großen Dorfplatz vor dem alten Thermalbad, fährt ihn halb wieder hinunter und verschwindet dann rechts in einer Häuserlücke. Dort endet das Dorf  plötzloich und jetzt gilt es, die Schattenpartie beginnt in Gang 2. Gleichmäßigkeit und der Blick nach links oben auf den sonnigen Gegenhang, tief einatmen,  die Schlucht ist schmal und hallt wieder vom Echo eines kleinen, schnellen Wassers. Die Prozente haben sich verdoppelt.

Bevor dieses Bächlein überquert wird gibt es noch eine erfrischende, flache Passage unter lichten Bäumen, die letzte Gnade, bevor der Paß definitiv auf der Sonnenseite ernst macht. Flugs über die steinerne Brücke und ab in den Hang, die Glocke im Tal schlägt bald darauf 11.

Dann heißt es einen neuen Rhythmus finden und die ersten zwei, drei Kilomter geht das auch ganz gut. Schön, wenn mir die frühen Fahrer auf der langen Geraden bergab breit lächelnd entgegenkommen. Cadmiumgrün wechselt mit dunklem Chromgrün an den Hängen, der blaue Schleier täuscht Kühle vor, es ist nur heiße Luft. Noch lächle ich, –  . Kurz unterhalte ich mich mit einer Spanierin, die es genießt , nach dem lockdown zum ersten mal wieder einen Paß fahren zu können. Wir Nordlichter haben wenig Vorstellung davon, welchen Einschnitt die Covid Krise im Leben der Italiener, Spanier und Franzosen darstellte.

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Weiter im Berg nach einer ausladenden Serpentine : immer gerade den Hang entlang Richtung der zwei Tunnel, es ist gern zweistellig hier. Im Rücken ein Ziehen, Abwechslung, auf in den Wiegetritt. Vor dem kleinen (leider häßlichen) Skiort Gourette noch ein steiles Stückchen, im Dorf dann flacher;  bereitwillig läßt der Mann am Zebrastreifen mich passieren und muntert mich auf. Hier in Gourette ist das Talende erreicht, mit einer großen Kehre nimmt die Straße  den Hang in Gegenrichtung wieder auf. Die einzige Erleichterung auf dem nächsten Kilomter ist das nadelbaumige Waldstück über einen jetzt hart und unrhythmisch ansteigenden Asphalt. Der Weg mäandert am Hang entlang über böswillige, kleine stufenförmige Buckel. Mein Rücken schmerzt stärker, wieder erleichtert  der Wiegetritt mein Los. Dieser Schmerz jetzt hat eine andere Qualität; man kann mit ihm nicht verhandeln, es ist nicht dieser kleine freiwillige Trainingsschmerz, sondern ein Schmerz den man erdulden muß, damit es gelingt.

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Das Berghotel kommt in Sicht, der Türhüter zum Finale. Jetzt, nach 13 km Anstieg fühle ich Müdigkeit, die Gnadenlosigkeit  der Sonne und der stehenden Luft. Es ist nicht einmal Mittag.

Aber es gibt einen neuen Gegner, ein Gegner der mich anstachelt im Wortsinn.  Er hat sich an meine Fersen geheftet, ein anderer betastet meine Wade, widerlicher Parasit. Denn wo es Vieh gibt, hier sind es Pferde, da gibt es auch die Bremse, den häßlichen Verwandten der Fliege, der das heiße und schwüle Wetter liebt. Die Bremse ist eine Plage der Pyrenäen, ihr Stich ist lang und Schmerzhaft, sie sticht nicht, sie bohrt mein Blut an.

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Aus früheren Wanderungen weiß ich: es hilft nur die Flucht. Ich richte mich auf und siehe da: kurz vor dem Berghotel, an der Kehre, von wo ich einen frischen Luftzug erhoffe,  gelingt mir ein Sprint und sogar ein zweiter. die Pferdebremse als Doping. Um die Ecke.ab9

Ein wenig mehr Luft, mehr Energie, danke;   aber die Bremsen sind immer noch in der Nähe. Wieder Wiegetritt, nur noch 2 Kilometer. Ich passiere ein langsameres Gefährt –  Bremsen Opfer auf Kompaktkranz und lese in immer dichterer Folge tauchen Namen auf der Straße, dazwischen Dung, höre die Rufe der Wanderer und Radfahrer am Paß und freue mich auf das Stück Nußschokolade, das bald am Schmelzpunkt sein dürfte.

Wie ich.

L’Aubisque

Hier kommen sie nun von beiden Seiten des Passes,  Radsportler in unterschiedlichen Stadien der Extase. Wie schnell sind die Schmerzen vergessen, sobald der Fuß den Boden berührt, das Paßfoto gemacht und ein kühler Schluck in Aussicht. Diese Herberge aber betrete ich nicht, ziehe die gegenüber am Soulor vor, das sind alte Bekannte.

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5 mal Aubisque sind es, oder 6 wenn ich den Raid Pyrénéen hinzuzähle. 4mal von dieser Seite. So war es eine der härteren Anfahrten, obwohl . .  . kleiner Trost – es liegt an Covid. Das Muskelgedächtnis hat in diesem Jahr keine ganz großen Pässe gespeichert, im ganzen Frühjahr und Sommer nie über 1000Meter gekommen – das macht es wohl eher aus. Die Folgen der Superkompensation werde ich noch in einer Woche im Westerwald spüren, wenn sich die roten Blutkörperchen wundersam vermehrt haben….

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Der Aubisque bei Sonne, die folgende Abfahrt über den Bergkessel des Litor bleibt einfach überwältigend. Mein Sandwich gegenüber am Soulor ruft, ich muß weiter, die frische Brise eines Tages genießen, an dem es unten im Tal fast 40 Grad haben wird. Durch die kleinen Wäldchen, immer am Fels lang, über dem die Schwalben lautlos ihr Ballett aufführen. es ist zu schön, an einem Sturzbach fülle ich meine Trinkflasche und genieße die Aufführung dieser leicht rostfarbenen Vögel, die ich in meinem Leben zum ersten mal sehe.

Ich habe Zeit, die wirkkliche Hitze kommt noch und am Ende leigt der rauschende Fluß mit den kühlen Steinen.

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Kleine Episode aus den Pyrenäen

bi3Pyrenäen: große Namen locken. Mythenumrankt verlangen sie unseren Respekt. Pässe zeichnen sich nicht nur durch Steigungsprozente aus – ihre Länge macht die eigentliche Schwierigkeit aus. Wer Anstiege von drei, vier oder fünf Kilometern kennt, hat nur Grundkenntnisse. Er muß sich vor Ort immer neu in die Materie einarbeiten.

Ich nähere mich in respektvollen Schritten. Etappen über 100km auf welligem Gebiet, Ausfahrten zur Küste, Dörfer und Marktplätze, deren Cafés nach dem großen Lockdown wieder aufatmen (maskiert).

Mit einer Vorübung werde ich den Aubisque anpeilen, der Königsetappe in der zweiten Woche. Noch ist es nicht soweit. Nach den Vorspeisen rund um die gaves réunis von Oloron und Pau heute ein erstes Hauptgericht: aus dem weiten Vorgebirge der Pyrenäen, Bergausläufer, die sich als grüne Kegel ganz allmählich zur Atlantikküste neigen, suche ich mir ein Stück Baskenland aus. Der Ispeguy ist der Paß den ich anpeile, ein baskischer Paß auf der Grenze zu Spanien.

ai1Der Morgen ist angenehm, leicht windig. Kühe und Schafe tupfen die satten grünen Weiden, im Frühjahr hat es genug geregnet. 70 kilometer anrollen liegen vor mir wie ein schöner Teppich voller Mäaander. Frisch, trocken und kühl ist die Luft.

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Nur für den Mais müssen die Pumpen und Schläuche herhalten, manchmal fällt auch etwas für den Wanderer ab. Ich kreuze zwei junge Männer mit Rucksack: es müssen Pilger sein. Gerade habe ich einen Ort mit dem stellaren Namen „l’hopital d’Orion“ gestreift.

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Und bald stehe ich auch vor dieser alten Kapelle im Tal, ein kleiner Ort auf dem Jakobsweg, eine traditionelle Rast. Immer wieder werde ich Zeichen mit gelben, strahlenförmigen Muschelrippen auf blauem Grund erkennen, die den langen Weg nach Compostela markieren.

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Der Pilgerweg gewint an Höhe und gibt den Blick in die Tiefe des Landes frei. irgendwo hinten wartet der ispeguy. Dann geht es hinunter zum Gave. Die trutzige kleine Stadt Sauveterre bewacht auf ihrem Vorsprung die steinerne Brücke, nach der die Provinz des Bèarn allmählich aufhört. Der Fluß ist berühmt für seine Forellen.

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hinüber ins Baskenland. Saint Palais heißt die erste Stadt der kleinen Nation mit der eigenen Fahne, den eigenen Kostümen, Tänzen und vor allem einer eigenen Sprache. Die geblümte Brücke erträgt den samstäglichen Stau, ein Mann mit einer Hasselblad visiert ein pitorreskes Motiv an, ich brauche einen kleinen Cafe und lokale Atmosphäre.

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Hier überrascht mich die Serigrafie eines (vermutlich vom Patron) verehrten Präsidenten. Weiter nach Südwesten, tiefer ins baskische. Hier werden die umliegenden Hügel immer kahler, definitiv baskisch und es riecht vermehrt nach Schafdung: das ganze Land produziert den festen, hellen „pur brebis“ Käse mit diesem leicht scharfen aber sehr feinen Aroma. Der mais weicht den Wiesen.

Die Architektur wechselt. Die oft grau verputzten massiven Höfe des Béarn, deren Scheunen ganz typische, hutförmige Dächer zieren, wechseln mit weißroten baskischen Gehöften.Ihre Holzpfelier und Balken sind traditionell ochsenblutrot wie die Landesfarbe, manchmal aber auch dunkelgrün oder blau gestrichen.ai8

Eine sehr angenehme Strecke diese D8, wie sie sich parallel zu den Nationalstraßen am Bach entlangwickelt und dem Snel nur sehr moderate Steigungen entgegensetzt. Zum vierten Jahr infolge bin ich auf alten blauen Continentalreifen mit 23mm unterwegs. Die rollen gut, verschleißen kaum und sind bei 7 bar durchaus komfortabel. Ich komme ins Träumen

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und mache einen kleinen Verfahrer, der mich nach St. Jean Pied de Port bringt, besser gesagt in die Außenbezirke der mittelalterlichen Stadt. Am Intermarché dortselbst gibt es ein wahres Stelldichein von Radwanderern aller Gattungen. An einem Samstag auf dem Lande sind diese Märkte Versorgungsanker und Nachrichtenbörsen, die Innenstädte überläßt man dem touristischen Handel. 

Manche Radwanderer hier fahren die route des cols, manche sind tatsächlich Compostela-Pilger zu Rade (noch über 700km), andere auf einem Tagesausflug durchs baskische Grün. Neues Wasser  -Marke Hepar mit Magnesium, Tomaten und ein Satz Bananen. Adieu ihr Genesis und Koga und anderen Gepäckräder…

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Ein dutzend Kilometer später (wellig) stoße ich auf das Tal letzte Tal bei St Etienne de Baigorry – hier geht es hinter der Kirche in den Ispeguy, dessen Passhöhe nach 7km die spanische Grenze markiert. Diesen Pass fuhren die Teilnehmer des TPR  im letzten jahr als Dreingabe auf den letzten hundert Kilometern zum Ziel. Mir ist er eine Ouvertüre, Entdeckungsreise und eine kleiner Test.

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Den Ispeguy habe ich als einen freundlichen Paß erlebt. Die Steigungsgrade sind konstant um 6 bis 7%, sollte es heiß werden schützen Waldstücke auf den ersten Kilometern vor der Sonne. Und da die Paßhöhe bescheiden auf 700m Metern liegt, gibt es immer ausreichend Sauerstoff   – ideal. Mäuerchen säumen den Weg, der sehr alt wirkt, hier und da steht noch ein Haus – der Resst sind Bergalmen für Schafe.

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Mitten in dieser sehr typischen Vegetation, sanften Kegeln, die von Farn und Gras überwachsen sind und von der Ferne wirken, als seien Millionen kleinster Locken gewachsen.  Ich transpiriere in Gang 3 und lausche dem Klimpern aus der Lenkertasche. Manchmal überholt mich ein Motorrad oder zwei, das soll es aber gewesen sein. Für Wohnmobile ist das Sträßlein zu eng, sehr gut.

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Ganz gleichmäßig nehme ich die letzten Kilometer und sehe schon das kleine Restaurant am Paß, daneben das ehemalige Zollhaus. Einige Kekse in der Vordertasche schmecken gut vor der Abfahrt.

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Der Ispeguy gibt Vertrauen und die Abfahrt in das benachbarte spanische Baskenland ist eine einzige Wohltat: schnell ist ein Bachtal erreicht , das Rauschen des Wassers begleitet die waldigen Passagen – ich meine Pedro Delgado zu erinnern, der 1988 durch ähnlich grüne Hänge hinunterschießt in kleine Dörfer.

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Das Gras auf dieser Seite der Pyrenäen wirk fast noch grüner. Die Wiesen und Straßengräben sind frisch gemäht und zum ersten mal in meinem Leben rieche ich den Duft von frischem Süßholz – ein Kraut, das wir als Lakritze kennen und im Freien eine intensive Mischung aus Anis, Minze und Kümmelduft ist. Gerade in voller Abfahrt wirkt es absolut berauschend . Am ehesten noch kommt der Geschmack von Weihnachtsprinten dem nahe.  Hier ganz eigenartig unter Julihimmel, bei voller Sonne und an der Luft ist es eine völlig neue Note zwischen der Minze und den anderen Kräutern..

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Nun noch die letzten Kilometer zurück nach Norden über Grenze, wieder regelmäßig hinauf, aber nach 5 Stunden geht es nicht mehr ganz so sämig. Jede Umdrehung auf dem groben Asphalt bringt mich dem Meer näher und dem großen Aubisque, der noch auf mich wartet. Sei vorbereitet, sagte der alte William S.

bi9Jetzt sehe ich ihn als blauen Streifen,  den großen Ozean.

 

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330 km im Leben des Nicolas Frantz (1927)

Nicolas Frantz war ein  Mann von 1m77 und 72 Kilogramm Kampfgewicht. Distanz, Sprint, Berge,  in allen Disziplinen war er gut. Schon  zweimal unter den ersten 5 der Tour de France, gehörte  der Luxemburger  1927 zu den Favoriten der Mannschaft Alcyon aus Paris. Sein Mund steht weit offen, als er sein Rad in der Menschenmenge über den Marktplatz schleift. Seine Augen irren umher – sie suchen Hilfe. Irgendetwas am Rad ist defekt und allen Umstehenden ist klar, was das mitten in einer Etappe 1927 für das gelbe Trikot bedeutet.

Meine Augen sehen das Ventil, das ich noch einmal aufschraube, um 7 bar aufs Hinterrad zu geben. Das rot-weiße Edi Strobl  wird mich einen ganzen Tag lang rund um die Hügel begleiten, mit Ersatzschlauch und Trinkwasserflasche – mehr nehme ich nicht mit. Ich kenne die Runde und ihre Versorgungspunkte, an einem Samstag fehlt es an nichts . Die 23er Reifen sind gerade eingefahren, ihrer Karkasse kann die gute Straße so schnell nichts anhaben.

Feuille de Route

Wie für mich wird die Etappe des Nicolas Frantz 330 Kilometer lang sein,  eine ganz übliche Distanz in der Tour der France der  1920er Jahre. Die Helden sind manchmal  Helden wider Willen, so streng ist das Reglement des Henri Desgrange. Die Fahrer der Tour dürfen – anders als auf der Bahn – keine Pedalplatten nutzen, weshalb ihnen ganz regelmäßig die Fußnägel ausfallen: die Zehen bohren sich ständig in die Metallhaken. Auch Trikotwechsel während der Etappe sind lange verboten – wer im langen Wolltrikot gestartet ist, muß es auch noch bei über 30 Grad im Ziel tragen.  

 Bei mir ist es kein Rennen, nur eine Distanzfahrt mit 4000 Höhenmetern, vorbei an fünf Talsperren, übers Land an einem Sommertag. Meine Straßen sind geteert,  glatt und ich führe keine Schutzbrille mit, wie sie Nicholas Frantz und seine Mitstreiter sie brauchen, wenn sie über  die staubige Landstraße eines französischen Julitages ziehen, zwei Aluminiumflaschen am Lenker, dieser dünnen, gebogenen Stange aus der nackt wie Insektenfortätze zwei kleine Haken der Bremshebel  ragen , Hebel, die über ein Seil die schwachen Korkstücke gegen die Holzfelgen drücken.

Mannschaft Alcyon-Dunlop, Frantz außen re. , daneben Leduc, sein Nachfolger.

Der Tag des Nicholas Frantz beginnt in der Ucht , vor der ersten Morgendämmerung. Es wird eine Stadt mittlerer Größe sein, nicht weit vom Bahnhof – Autobahnen existieren nicht, Straßen sind umständlicher als Lokomotivstrecken, der Troß reist per Zug.

Einige Jahre zuvor war Frantz Mitglied im Pariser Radsportverein VC Levallois geworden, einer Kaderschmiede für professionelle Radsportler, ein Verein, der nach damals ungewöhnnlich modernen Methoden trainiert, wozu auch das tadellose Erscheinungsbild seiner Mitgieder zählte: saubere Fingernägel, fleckenlose Trikots, gebürstete Schuhe. Auch wenn das Peloton damals keine 100 Teilnehmer zählt ist es schon eine Klassengesellschaft. Welten trennen professionelle Werksfahrer von  touriste-routiers , den unabhägnige Einzelkämpern, die gegen geschlossene Verbände aus  Flamen, Wallonen Italienern und vor allem Franzosen ankämpfenen. Der Platz an der Sonne ist teuer erkauft.

Aber er wird auch bezahlt, die Fahrradhersteller haben einen großen Markt zu erobern, denn das Automobil ist ein ferner und kostbarer Gegenstand. Hersteller wie Alcyon, Alleluia, Thomann, Louvet sind es, die den Sport finanzieren und manchmal auch diktieren.

Der touriste-routier Crispinus wäre in der Tour 1927 einem kaum weniger strengen Reglement ausgesetzt, aber den Fahrern der Werksmannschaften hoffnungslos unterlegen. Auf sich gestellt, nur eigenes Material, keine Verbündeten.

Die Tour de France ist in den 1920ern auch ein Paradox. Veranstalter Desgrange wünscht sich heroische Einzelkämpfer – talentierte Amateure inbegriffen – und läßt sie einen Zipfel der Legende erhaschen. Aber der Preis ist hoch:  die Teilnahme wird nicht selten vom Munde abgespart. Gute Reifen waren ein seltener, teurer und sorgsam gehüteter Schatz. War der Vorrat aufgebraucht, hieß es flicken. Verpflegung mußte der touriste-routier selber zahlen,  ebenso wie seine Unterkunft in den Etappenstädten. Kein Masseur, keine Mannschaft, kein Startgeld – nur die Anerkennung des Publikums und die Duldung der Profis. Dafür später der Ruhm zuhause, der Empfang durch den Bürgermeister und  vielleicht ein kleines Fahrradgeschäft der Marke, die man fuhr.

Andere touriste-routiers wittern ihre Chance, sich den Rennställen zu empfehlen, sie geben ihre Visitenkarte  auf der Straße ab; die meisten aber kämpfen sich in immer größeren Erschöpfungszuständen im Kampf mit dem Zeitlimit ins Ziel. Dabeisein ist alles, solange Desgrange Auflage für das ausrichtende Blatt „L’auto!“ (sic) bekommt…..

Touriste-Routier Crispinus ist von solchen Ambitionen Generationen entfernt. Ich vergleiche nur die Distanz, ein Kilometer ist immer noch ein Kilometer. Meine sieben Ritzel sind ein Anachronismus (ich habe ein Vierteljahrhundert Rückstand auf meine Zeit) aber wie wunderbar leicht fällt die Kette auf das nächste Kränzchen, erleichtert die Bewegung eines Fingergelenks plötzlich den Tritt, wennSteigungsprozente wieder zweistelig werden. Bis in die 1930er ist den Profis die Schaltung verboten – aus Gründen der sportiven Männlichkeit.   

Erste Meter

 Sie haben sich eingetragen in die Startliste und ihre ersten Verpflegungsbeutel nach dem Kaffee samt anderen Stärkungen bekommen – die obligatorisch von den Mannschaften bezahlt werden. Mein Tag beginnt etwas später, da ist Frantz schon die ersten 50 Kilometer unterwegs. Auch der Tag auf den Feldern beginnt im Juli um 5h30. Ich treffe einen Traktor und nur Hundegänger, die vor dem Frühstück  Sauerstoff tauschen.

Frische und blaue Luft, leichte Bewölkung. Die Bäckereien sind als erste geöffnet, schon stehen die Maskierten in Schlange, der Duft der Aufbackautomaten dringt durch die Ritzen der Klimatisierung. An meinem Samstag trage im Juli trage ich ein Trikot mit langen Ärmeln, es wird bleiben.

Auf den Weiden einsam das Vieh,  das Korn braucht noch seine Weile,  das Heu  ist schon mehrfach neu ausgelegt , in runde Zylinder gewickelt worden. Riesige, eiweißliche Plastikfolien warten im Schatten einer Eiche. Futter fürs Stallvieh also, welches nur Milch geben soll in seinem Stand und nicht mehr hinausgeführt werden muß. Keine Knechte mit Gerten und Stöcken und ihre Hunde mehr,  wie sie Nicolas Frantz vom Rand der Landstraße zuwinken, 1927.

Die langen Nesseln versammeln sich am Wegesrand und raufen giftig durcheinander. Für Frantz geht es im kleinen Peloton über die ersten Schwierigkeiten, das Tempo zu Beginn der Etappen ist manchmal moderat, manchmal explosiv,  je nach Besprechung- der ist Tag noch lang, es bleibt Zeit für ein paar Worte unter  Kollegen.  Nach meinem ersten Anstieg über den Westerwald verlasse ich langsam die bekannten Strecken, Hachenburg hinter mir am Horizont, eine kleine gelbe Briefmarke auf einer grünen Postkarte:  das mächtige Schloß,   – gleich geht es zur Sieg hinunter, ins nächste Tal und das Bergische Land.

Zwei Brücken führen in Wissen über die Sieg: wissen, welche gesperrt ist. An der nächsten Kreuzung hat es gekracht. Ein Fahrer, der nach einem kleinen Abbiegeunfall reglos inmitten seiner Airbags sitzt und den Dachhimmel anstaunt, während der Unfallgegner die genaue Position der Fahrzeuge auf der Kreuzung ausmißt. Rotes Auto, weiße Airbags – riesige, plötzlich erschlaffte Blütenblätter. Samstag ist Schnäppchentag. 

Erste Tankstelle, zweites kleines Frühstück. Danach das stille ruhige Tal, für mich allein das Bachgemurmel von rechts. Jetzt bin ich in der Fahrt angekommen, genau wie das neue Koffein, meine Trikottaschen voller Nachschub von der Agip unter dem feuerspeienden Drachen. Gleich trägt es mich hinauf und wieder hinunter, während bei Franz vor der ersten Kontrolle auch die ersten Ausbruchsversuche stattfinden.  Der Waffenstillstand ist beendet, ein Konkurrent versucht Boden im Klassement gut zu machen, eine Prämie will dringend gewonnen werden.

Die Revolution, die Industrie und der große Schlachthof, wie in Frankreich der erste Krieg genannt wurde, haben mit dem Kastensystem in Europa formell Schluß gemacht. Allein, es besteht fort in den feinen, kleinen Unterschieden zwischen Tagelöhnren, Knechten, Arbeitern, Angestellten und Beamten. Zwischen Rentiers und Proletariern bleibt der Abstand gewahrt. Die coureur professionels (neben Boxern und Jockeys Vorreiter eines Berufsbilds) überspringen die Kluft.

Die Männer um Nicolas Frantz sind eine Elite in der Kaste der Arbeiter – den Menschen, die  ihre kleine Lohntüte Freitags empfangen. Anders Radprofis, die ihre Jugend auf eine Karte setzen. Vor dem 20ten Jahr entscheidet man sich für das Leben auf der Landstraße, an derem staubigen Ende manchmal mehr als der Jahresverdienst eines Vorarbeiters der AEG winkt. Sie haben den Zehnstunden – Tag und die  Gewerkschaft gegen einen 20 Stunden Tag getauscht, ihr Leben läuft eben doppelt so schnell ab und ihr Ruhm, der von jedem Cafe herüberschallt und von den Zeitungsseiten ist die neue Münze, das neue Kapital ihrer Zeit.

Es bleibt ein Leben an der Luft, mit größeren Freiheiten und Möglichkeiten. Desgrange hat in Verträgen genau festgelegt, wieviel es wert ist.

Dagegen mir: nickte nur der Besitzer des italienischen Eiscafés aufmunternd zu, bevor das ruhige grüne Gummersbach gestreift wird, bevor die Angler, Paddler und Camper an der Aggertalsperre kaum meinen sehr leichten Hauch verspüren. Es rollt, es ist milde, die ersten hundert Kilometer sind gut, auch wenn ich das Nuß-Nougatcroissant bedaure. Gutes Fett ist wichtig, noch wichtiger eine gute Verdauung;  

Sie nehmen das, was die Organisation der Tour in die Verpflegungsbeutel steckt. Hühnerschenkel und Kotletts unterwegs im Schatten der Alleebäume, die Napoleon pflanzen ließ. Ihre Staubwolke zeigt den Photographen von weitem, wo sie sind. Viele führen noch eine Plattenkamera und zerbrechliche Glasnegative mit. Sie sind davongezogen.

Und doch bleibe ich ich nicht allein. Dahinten an der Kreuzung sehe ich den Schatten des Anderen vorüberhuschen. Bald sehe ich ihn deutlicher, komme langsam näher , muß ein wenig schneller werden, wir fahren im gleichen Tempo. Irgendetwas flattert an seiner Tasche, in der ich bald die Apidura erkenne, die auch mich über die  Distanz begleitet, sehe ich Muster auf seinem Trikot, die mir Paris-Brest 2019 zeigen. Ein Randonneur.

Und wir kennen uns von Berlin Wien 2018, das zweitemal beim Ardennen 400er im vorletzten Frühjahr, dem Frühjahr ohne COVID. Er kommt aus Mühlheim Ruhr und wir sind hier gleich an der Biggetalsperre. Wir haben uns gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen auf diesen unsichtbaren Punkt zubewegt, an dem sich die Wege kreuzen. Kurzes Gespräch über seine Pläne: denn er trainiert. Sein Ziel nennt sich Berlin-München-Berlin, ein großes Brevet im August. In Kierspe wartet ein Freund, man muß schließlich in Form bleiben. Er also genau wie ich und genau wie bei mir muß es etwas anderes geben als Ruhm. Ehre oder Geld, das uns  dennoch ganze Tage in den Satte bringt. Findet es heraus.  An der Talsperre trenne sich unsere  Wege . Er rechts, ich links hinüber nmach Attendorn, zum Nordpol meiner Reise. Machs gut Udo

Attendorn Umgehungsstraße, dort an den Mauern der alten Industrie vorbei, sauberes Stahlfachwerk zu vermieten.

Keine fünfzig Kilometer zuvor neue Formen der Werkstattgehäuse entdeckt. Es  sind eine Art modulare Containerstapelung, die neue Gebäude oder Untergebäude oder auch Unterkünfte entstehen läßt. So schnell entstanden wie verschwunden. Ideale Häuser für Zeiten allgemeiner Prekarität.

Das zweite Drittel

Die Zwiebel des Kirchturms  ist von meiner Tankstelle aus zu erahnen. Attendorn.Ein kleiner Fluß fließt gleich nebenan und trennt sie von der Stadt. Ich sitze auf  dem warmen Stein. Neben den Benzinpumpen mein privates Luxusrestaurant. Mit Eisvorrat und fertigen Blumensträußen.

Sehr moderne Pumpen haben sie hier . Nicholas Frantz würde staunen, auftanken vollzieht sich in Minuten. In der lauwarmen Sonne auf dem Randstein sitzen und zusehen, wie sich Limousinen an den Zapsäulen rangeln, während das  Putensandwich mit  Curry in meinem Mund  ganz allmählich seinen Geschmack entfaltet. Smoothie in der Linken sehe ich zu sehe zu, wie sich zwei Männer um den rechten Zugang zur Benzinpumpe streiten. Es kam  der eine nicht nah genug an die Schläuche heran, dicke Lakritzschlangen, die sich nur mit Mühe auswickeln lassen.

Unter Schutzmasken schreien sie sich an, recken Bäuche vor, geduldig sitzen Frauen in Beifahrersesseln, schauen peinlich weg. Es ist ein Samstag.

 Das Privileg ausgedehnter  Pause genießt Nicholas Frantz nicht, gierig taucht er den Kopf unter eine Zinkkanne aus der eine unsichtbare Hand Wasser über ihn ergießt, Wasser, das er erst in hundert Kilometern wieder an einem Brunnen finden wird, der wie eine Oase mitten in der Provence steht. An den kontrollstellen wird gerannt, jede Minute zählt, die zeiten werden durchgegeben oder von den Zuschauern an der landstraße zugerufen. JB Louvet nur noch 6 Minuten vorn…

Hier aber ist es kühl, auch wenn die  Fichten rund um mich fallen, den Himmel freigeben und die frischen Lücken Talblicke erlauben auf  die saubere Ordnung sauerländischer Häuser. Hier dürfte Frantz schon fast hundert Kilometer Vorsprung haben. Es geht jetzt für mich in eine anspruchsvolle Gegend, ein Anstieg reiht sich an den nächsten,  weitläufig und gut geteert, Piene wie Otto Piene von der Gruppe Zero, der Mann mit den Rauchbildern und stellaren Leuchträumen – er kam  tatsächlich von hier.

Kreuztal und Littfeld, der Altenberg.  Reste aufgelassener Erzgruben schufen ein wildes Biotop, am Ende wird der gerade Anstieg  ganz schmal und gepflastert.  Wanderer und Automobile tauchen aus dem grünen Nichts auf. Verdiente Pause nach strammer Steigung. Hier hat der Borkenkäfer noch nicht die Herrschaft übernommen.

Das  Schild zur Apollmicke wiedererkannt, hinter dem es noch einmal mit 11 Prozent unangenehm wird. Denk an die vorige Fahrt, Denk an Nicolas Frantz, der am Fuß des Anstiegs sein Hinterrad wendet um mit 46×23 gleiche und höhere Hürden zu nehmen, nicht ganz so schnell wie der kompakte Bottechia 1923 und 1924, aber doch gleichmäßig ausdauernd und schnell im Spurt um die Gutschriften. Allein der Freilauf ist erlaubt in den Abfahrten.

Finale

Am nächsten Kontrollpunkt ist der Vorsprung fast dreistellig. Frantz hat einen starken Konkurrenten nach Reifenschaden aufgelesen und gemeinsam machen Sie Tempo. Ein Rettungsreifen aus Belgien, häufig stellen die Flamen die Rouleurs im Peloton. Bis zur nächsten Kontrolle werden sie mindestens zusammenarbeiten, dann werden noch die Modalitäten, die Gewinnbeteiligung ausgehandet. Man wird sehen. Mir, dem touriste-routier wird solche Gunst nicht widerfahren, auf mich selbst gestellt, mit großem Abstand nach den Profis gestartet (wie 1927), kann ich nur hoffen innerhalb es Zeitlimits anbzukommen. Aber crispinus hat ja gar kein Zeitlimit.

Das Siegtal gönnt mir eine Pause von den grünen Anstiegen und Abfahrten. Noch eine kleine Falte auf dem Weg nach Südwest und  dann der lange, stetige Abschied durch Netphen über einen Kamm des Rotahhargebirges. Von oben ein Blick weit nach Norden, über die Täler voll kleiner, metallurgischer  Dörfer. Lückenloses Grün ringsum, frische und gute Luft, keine Zuschauer, kaum Passanten – von hier geht es über Hirzenhain allmählich Richtung Gießen, zum km 220.

Eine passende Auwahl ihres Rewe Markts in Heuchelheim

Hier ist es nun bald 19h, Nicolas Frantz ist längst im Ziel, ein Zuschauer hat ihm ein Damenrad für die letzten Kilometer besorgt, nachdem ihm die Gabel gebrochen war.

Nur Crispinus hat nicht mehr die geringste Chance in der Wertung zu bleiben. Was solls – der schöne Teil der Fahrt beginnt hier, das Erlebnis der letzten Kilometer und den Sonnenuntergang können mir weder Veranstalter noch Konkurrenten nehmen.

Alle Altbilder aus der bnf gallica . Dort auch die gescannten Exemplare der Zeitung „L’Auto“, aus der sehr präzise alte Tour de France Ausgaben rekonstruiert werden können. Als Literaturempfehlung :Etienne Dabit, 1928, Hotel du Nord. Dazu das Grundlagenwerk von Benjamin Maso – Der Schweiß der Götter/Covadonga.

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Pausenzeichen IVV

a2Die Ereignisse drängen aneinander. nach den Hitzerekorden rund um die Pyrenäen geht es bald wieder in die Ferne.

a01Das Snel hat sich wieder einmal als extrem sicheres Bergrad bewährt, auch wenn die vielen Roststellen etwas anderes vermuten lassen.

a3Auch ungefiltertes Bergwasser kann man unter diesen Umständen unbedenklich trinken – es verdampft ohnehin in einer halben Stunde….

a4Gern wäre ich an diesem Tag ein paar Nächte oben bei den Felsschwalben geblieben, einem unscheinbar stillen Verwandten unserer kommunikativen Mehlschwalben.  Philosophen…

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Aber das nächste Abenteuer ruft. Dies sind die letzten Zeilen, bevor es via Berlin weiter nach Wien geht, zur 2020 Ausgabe der IVV – inveloveritas. Es soll eine beinahe exakte Kopie des Abenteuers vom letzten Jahr werden.

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Denn die Tschechen und Österreicher haben Wort gehalten und sind in der Feriensaison nicht wieder zum Covid hotspot geworden. Umso freudiger die Erwartung auf ein Wiedersehen der Freunde klassischer Rennräder – Sicherheitsabstand inklusive.

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Der späte Lohn der Geduld – Hessen 330

ab5Es beginnt mit dem Zweifel. Hundert Täler habe ich hinter mir, seit 12 Stunden sitze ich im Sattel. Ich suche einen Ort Namens Weilmünster – irgendwo hinter einer grünen Horizontlinie muß er liegen. Das  kleine Display des Navigationsgeräts ist keine Hilfe: lese ich Weilmünster, sind alle Straßen verschwunden und die Namen der kleineren Dörfer auch – nur noch grüne Flecken.

Wieder in einem sonnigen Tal, wieder eines der Dörfer von dem ich gerne glauben möchte, es zu kennen. Die gelben Wegweiser unserer Straßen haben es schon lange aufgegeben, Kilometerangaben zu machen, oft wird nicht einmal der nächste Ort angezeigt. Das schöne französiche System einer Straßenennomenklatur hat in diesem Vielfürstenstaat nie funktioniert, also verzichten wir gleich darauf – wir haben Navigationsinstrumente.

ab3hier in Brandoberndorf liegen 50km noch vor mir, soviel ist sicher. Den Track des 300km+ Brevets rund um die Mittelgebirge habe ich längst verlassen, in irgendeinem Unterverzeichnis der kleinen Kiste auf meinem Lenker ist er verloren. Ich fahre auf Sicht, nach Sonnenstand, nach innerem Kompaß. Ich weiß nicht wo Weilmünster ist, sicher ist nur daß Wetzlar (13km) die falsche Richtung ist. Wetzlar ginge auch, wäre die leichte Variante ohne weitere Anstiege, 4000 Höhenmeter sind manchmal genug. Aber Wetzlar heißt aufgeben.

ab1Ich stehe an der Gabelung, ein schwerer Traktor zieht vorbei und ich höre seine Gangwechsel auf dem Weg hinauf. Die rote Linie auf dem Display zeigt, daß oben eine Bundesstraße liegt. Eine Bundesstraße die ich sicher kenne. Drei kilometer Anstieg, über 200 Höhenmeter. Ich machs.

ab4Zwei Serpentinen und es kommt das freie Feld, die Wiesen und der gelbe Weizen, durch die der kühle Nordost streicht. Dazwischen der Hof  – der Traktor ist eingekehrt, das Abendbrot für den Traktoristen wartet schon. Der Schweiß tropft von der Kappe, der kühle Wind streicht über das lange Trikot, im freien Feld unter der Abendsonne ist der Anstieg wieder milder, fast ein Genuß. Dann in den Wald, das kleine rote Rücklicht brennt schon, der Weg wird wieder steiler und heimtückisch – eine Gerade die sich unsichtbar durch die Bäume schlängelt, verrät ihre Steigung nicht . Aber es ist nicht die erste und nicht die zehnte  Steigung heute, vielleicht ist es die 49te und hier werde ich ganz bestimmt nicht absteigen. Guter 2ter Gang, und der Zweite ist der wichtigste, er sagt dem Kopf: es geht auch leichter.

Es sind nur 3 Kilometer von 330, sie sind der Schlüssel zum Ganzen. Oben höre ich schon die große Straße – ein letzter Aufschwung – rechts Weilburg, links Usingen. Die hohe Straße über den Taunus. Damit ist alles klar. Ich war zu weit nach Süden geraten, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Weilburg 18.

ab8Plötzlich läuft es. Das Bauchdrücken der letzten 10 Stunden schwindet, der Tritt wird leichter. Auf dem großen Blatt sitze ich schön weit hinten auf meinem Ghirardi Sattel und staune, währende die Kilometer abspulen. Staune, wie ein Tag erst mit dem Abend seinen Schlüssel aushändigt.

ab6Die Erntemaschinen ruhen, während der (modifizierte) Brevet in sein glückliches Finale geht. Das Edi Strobl ist alles, nur kein Brevetrad  mit seiner klassischen Renngeometrie, seiner Überhöhung und den schmalen 23mm Reifen. Aber das Rad war nie ein Problem, es paßt, sitzt und reagiert genau. Der Körper ist das Problem und er hat es gelöst, der Körper fügt sich dem Willen, man muß ihm nur Zeit lassen.

Der große Einklang mit der Maschine gelingt, die Anstrengung wandelt ihr Gesicht. Es ist nicht die Ekstase der Übermüdung, auf die der Zusammenbruch folgt. Es ist die gute Seite des Sports, die glückliche Stunde, wenn der Tritt rund ist, der Körper sich dem Ziel unterordnet. Eine Stunde, die alles auslöscht, was zuvor Zweifel und Mühsal war.

ab7Manchmal muß man es sich schwer machen, um es leicht zu haben. Wer sich auf ein Rad setzt, sollte dieses Gesetz nicht vergessen.

 

 

 

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Look to the rainbow

DSCF3546Links sterben die Fichten, rechst wächst der Wald weiter. Wir bewegen uns frei, fühlen uns frei und doch gibt es Regeln, nach denen die Welt sich formt und verändert . Nicht ignorieren, auch die eigenen Grenzen im Blick halten – hier ein Versuch, bei dem mit diesen gespielt wird.

aa1Mein großes blaues Koga ist ein gutes Roß, vor zehn Jahren angeschafft, umgebaut, verfeinert  -seit 5 Jahren hat es seine Form gefunden. Der Rahmen blieb unerschütterlich.

ak1Jetzt rollt es wieder den Hang hinauf und kreuzt andere Urgesteine. Überall wird gemäht und diesmal ist es ein gutes Heujahr. Immer wieder Regengüsse, wechselnd mit milder Wärme. Ein Frühsommer.

ak2Ich bin kurz unterwegs in den Westen, nördlich von Montabaur überquere ich die Autobahnen, die mir den Weg versperren, folge den kleinen Senken und kreuze die letzten großen Waldpartien vor dem Rhein.  Überall  Mischwälder mit Roststellen, gerodete Partien, zwischen schon das Grün nachkommt.

Besonders stark wächst auf den Flächen die magentafarbene oder pinke digitalis, : Fingerhut. Ein Fingerhut liegt seit Jahrhunderten in jeder Nähkiste und jeder Haushalt  hatte seine Nähkiste, seine Reserve an Stopfwolle, Bindfäden un kleinen Knöpfen. Knopffabrikanten gab es im ganzen Land. Genau wie Räder kann man Jacken über Generationen weiterreichen, oder unter den nachwachsenden Kindern verteilen. Mend and make do – mit Rädern aus Stahl kann man das auch.

al7Unerschütterlich rollt mein Koga an allem vorbei, quirlen die schlanken alten Dura Ace Kurbeln, kaltgeschmiedet. In der Genealogie der japanischen Miyata Rahmen ist dies ein beinahe Spitzenprodukt, ein handgemachter Rahmen aus dem FM2 genannten Stahl, eine etwas kräftigere Variante der Chromoly-Stähle von Miyata. Ins Gewicht fallen die 0,2mm Wandstärke kaum, vielleicht mit 200 gramm auf den Rahmen. In dieser Größe ist das sinnvoll ist: sehr spürbar, wenn es unbeirrt seine Spur zieht in der steilen Abfahrt zum Sayntal.

Rennradrahmen werden gern nach Namen bewertet – für das einst leichteste Rohr, 753 von Reynolds – werden heute mindestens doppelt so hohe Preise gezahlt. Der gewichtsvorteil von 20% wird nur selten mit anderen Verbesserungen erkauft. Das dagegen schwere Cinelli SLX  Material in verbindung mit gegossenen Muffen fährt sich in meiner Erfahrung straff und elastisch, schwingt angenehmer aus. Es sind marginale Unterschiede. Man könnte sich endlos einlassen über die Güte und Eigenschaften der Stahlsorten. Handlötung macht einiges aus, ein gut gelöteter Rahmen vom Meister bewahrt mehr von der ursprünglichen Zugfestigkeit des Stahls, da geht mehr als bei der Rohrsorte.

ak3Hier bei Miyata haben sie Silberlot verwendet und alles vollendet gemacht. Die kleinen kronenförmigen Aussparungen der Muffen sind das Siegel. Sucht einen gut gemachten Rahmen der euch passt in einer schönen Farbe!

ak6Nach meinen Besorgungen überhole ich die Ankurbler unserer Wirtschaft, die sich vor den großen Hallen zum Stau vereint haben und nutze die Schleichwege nach Koblenz. Alte Hauptstadt der Rheinprovinz: 4 Rheinbrücken, 2 davon mit Gleisen,Knotenpunkt von Wasser und Verkehr.

ak8Nach Stunden kann ich es nicht mehr verheimlichen: vor einem enormen Hamburger fühle ich mich wohl und freue mich, wenn diese Adresse die Pandemie überlebt. Der Siebeck des Hamburgers sagt: außen knusprig gebraten und innen schön heiß und elastisch, ohne blutig zu sein. Frische Salatblätter und für die Tomaten gilt in diesem Jahr das gleiche wie für s Heu: es gibt keine schlechten. das Ei zerfließt on top, die Mayonnaise ist beinahe echt, die Zwiebeln und Gurken sind vollkommen. Alles ist da: Vitamine, Proteine, Eiweiß und Spurenelemente. Vor allem aber Genuß.

ak91Zurück, wieder ostwärts über den Rhein, die gute alte Lahn entlang. Das Training beginnt hier, vorher war einrollen. Ich will die tiefe Position und das konstant hohe Tempo üben, die Kraftausdauer. der Wind kommt wechselnd ,mal leicht von vorn, dann von der Südseite über die Lahn geweht. Unterlenker.

al1Einen Vorfahrer ausgemacht, der die Strecke verläßt, bevor ich ihn einhole. Schade.

al2Traktoren überholt, die ihre Maschinen artfremd an den Anschlag bringen.

Durch das einst mondäne Bad Ems geschlängelt. Hier die Depesche des Kaisers, hier läßt Fontane seine Effi vom Duell ihres Gatten (so sagt man doch wohl) erfahren, hier spielte die wirkliche Clara schumann zuvor und der wirkliche Dostojewskij. Die Revolution war im Grunde schon vorgedacht, vorgezeichnet und in Preußen werden noch Standesprobleme verhandelt.

al6Den Arbeiter des Rades betrifft es wenig, er muß im Takt bleiben, er schindet sich an der Sauerstoffgrenze. 2 Stunden von Koblenz bis nach Hause – das ist der Maßstab. Ich nutze 17 Zähne hinten, 15 in den Abschwüngen, das Koga hat einen 6fach Kranz, der keine halben Sachen erlaubt. Schön lang machen, tief atmen, an nichts denken, nur die bekannten Landmarken anpeilen. Obernhof, Kalkofen, Nassau, paddelnde Kanus.  .

al4Nach einer Stunde biege ich ins Gelbachtal ein, jetzt die nächste Übung: tempo halten bei leicht ansteigendem terrain. Nur Bäume sind Zeugen, ich bin so gut wie allein, warum auch immer. Motorräder müssen heute eine sehr schlechte Wetterprognose gehabt haben- heute nur ganz vereinzelte Vertreter. Auch mit Rädern ist es mau, ein Zullo kam mir entgegen, das wars fast schon.

Radsport ist am Ende immer ein einsamer Sport. Die Blätter rauschen im Wind und ganz am Ende, wenn ich das Tal in Isselbach wieder verlasse, finde ich noch eine schöne frische Quelle, die ich dringend gebraucht habe. Die schön bemalte Brunnenwanne ist klar bis auf den Grund.

DSCF3545Noch einmal 4km richtig arbeiten, den Anstieg nach Eppenrod, im Halbschatten über den Kühen und Pferden, deren Schweife wedeln. Langsam schon wird das Korn gelb. Darüber noch die weißen Rotoren. Der letzte Anstieg – dann  bin ich über den Regenbogen.

al5Oben lass ich es rollen, es ist genug. Zum Tee bin ich am Ziel. Über zwei Tage werde ich krank sein. Beinahe krank.

 

 

 

 

 

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Abendliche Heimkehr auf Lauer

am1Absichtlich bin ich eine Station vorher ausgestiegen und nicht bis zum Hauptbahnhof nach Frankfurt gefahren. Die Schaffnerin in der dunklen Gabardine Hose mit der komischen Mütze ist fast zurückgeschreckt, als ich sie etwas fragen will. Ich gewähre ihr  gern den Mindestabstand. Im kaum gefüllten Zug geht das leicht, allen eine gute Fahrt. ..

aa2In Niederrad bin ich dann also ausgestiegen und nicht am Hauptbahnhof von Frankfurt , um dort nicht den cordon sanitaire der Gestalten durchqueren zu müssen, die ihn gerade an Wochenende besonders auffällig umgeben, wenn das Getriebe des Alltags steht und nur die Periöken der Stadt sich in Hauseingängen einnisten. Menschen, deren Blicke mich noch vom letzten besuch verfolgen.

Hier also durchquere ich eine saubere, anonyme Vorstadt im späten Nachmittagslicht, folge einer Baum- und ampelfreie Parallelstraße, die mich weiter nach Westen hinausführt, nachdem ich zuvor auf dem Bahnsteig die Maske abgenommen und das Rad geschultert habe: hinab auf die Ebene Null.

aa3 Umrisse der Bürogebäude zweiter oder dritter Ordnung. Dazu Versorgungsgebäude erste Klasse. Hier, südlich des Mains hat man die großen Kreislaufsysteme der Stadt angelegt, Die Filtrierung, die Klärung, die Siebung des Wassers, das dann wieder in Haushalte zurückströmt, Haushalte, die Woche für Woche Unmengen von bepfandeten Plastikflaschen auf  Etagen schleppen, Flasche à 25cent, in denen das noch bessere Wasser steckt. Riesenhafte Kreisläufe, die wir nur erahnen , auch wenn sie gemessen und gewogen werden.

as7Doch meine kleine Plastikflasche steckt am Rahmen.

(und das Wasser darin könnte aus einem Brunnen stammen, wie dem vor einigen Stunden an der Heidelberger Landstraße. Dort bedienten sich viele schon und füllten eine Batterie großer Plastikkanister ab, 10-Liter-Kanister, die bestimmt waren für einen türkischen Cay oder die Shisha Bar in der Stadt).

Dafür nun Gerolsteiner Medium aus der vulkanisch-tiefen Eifel, direkt von der Tankstelle. Der mineralische Geschmack wird die nächste Stunde reichen  – bis jenseits der Frankfurter Stadtgrenze;  und schon führen mich kleine grüne Schriftzeichen zum Main und über den Main

aa4An Kleingartenstreifen entlang unter dem permanenten Lärm des Verkehrs auf der großen, vielspurigen Mainbrücke. Pappeln und eine letzte Ölweide duften mir entgegen, als ich die Rampe hinunterschieße Richtung der ewig langen Mauer des Industrieparkes Griesheim.

Es ist eine Ziegelmauer, kilometerlang alte Industrie. Zum Schutze der Werkstätten und ihrer Erzeugnisse. Alte Werkstätten, neue Gasbehälter, Rohre, eiserne Därme, die anorganisches verdauen können. Draußen: Frauen laufen an Anlagen vorüber,  Zöpfe hüpfen im Takt.

aa5Fast drei Stunden Tageslicht bleiben noch, als ich von Griesheim auf Höchst zurolle. Halte meine Kamera so hoch ich kann, um zu entdecken, was die Mauern verbergen .

aa6Und es sind Autos . Neue Autos  sind dort in Hundertschaften abgestellt, nicht abgeholt, unverlängerte Leasingverträge, stornierte Flottenkäufe, Zukunftspläne. Käufer sollen sie nun zum Leben erwecken. Es bröckelt hinter den Mauern.

aa7An der Hauswand in Höchst stehen Nachrichten aus der guten alten Zeit;  man munkelt unter der Hand: seht in die Ecken –  dort stehen sie, alt wie neu, schön aufgereiht oder locker verteilt und warten auf Abholung, Verwertung. Oder eben nicht, dann ist es das nächste Manchester, dann wird es gehen wie mit den Werften und Spinnereien.

Unterdes wird der große Feldberg zu meiner Orientierungsmarke, als ich den dunklen Höhenzug hinter der Stadt ausmache. Flugzeuge, die sonst wie Lampionketten in der Luft hängen, fehlen völlig und somit auch das große Rauschen im Hintergrund. Anwohner sollen macnhmal fragend zum Himmel blicken.

aa9Ein letzter Teich Automobile schimmert zwischen den Bäumen,  diesmal ist es nur ein Autokino.

as5Und schon bin ich in den letzten Vororten, den alten Siedlungen der Farbenfabrik mit ihren prachtvoll gewachsenen Alleen und Straßennamen, die auf andere Standorte der alten IG Farben verweisen, so, wie Generälen und Schlachten auf Schildern und Tafeln gedacht wird. Kelkheim.

aa93Einmal noch um die Ecke, unter die Autobahn abtauchen und auftauchen in den Obstwiesen. Ich widerstehe den Erdbeeren, vor allem aber reifenden Kirschen, die zum Greifen nah am Wege wachsen. Nur immer den Weg vor mir im Blick, Müdigkeit und Zeit treiben mich an, schon habe ich mich 1mal verfahren, es geht hinaus nach Nordwesten, Hofheim und Eppstein – dort letzte Verpflegung.; das Tempo stimmt, das Lauer stimmt, die Reifen rollen weiter. Rechterhand zieht sich der dunkle Höhenzug entlang, dem ich mich ganz allmählich nähere.

Radfahrer grüßen von der anderen Straßenseite- sie beenden ihre Ausflüge entspannt lächelnd,  Packtaschen an den Lenkern. Hinter Hofheim kommen die Wälder, während Sonnenstrahlen fast waagerecht auftreffen. Der 20.Juni. ist ein sehr langer Tag . . .

Nach Hofheim: die Luft ist wie ausgetauscht; hier hat es geregnet, der feuchte Hauch geht tief durch die Lunge. Gleich ist sie erreicht, die Total-Tankstelle, deren Leuchtschrift durch den Schatten dringt. Spontane Auswahl an der Theke –  eine kulinarisch riskante Mischung: Hefeweizen, harte Wurst (vom Metzger!) und einen Barren Marzipan, als Vorspeise noch eine Handvoll Toppifrutti. Nacheinander wandert alles blitzartig in den Schlund und als ich mich aufs Rad setze, ist vom Hefeweizen kaum mehr die Hälfte übrig. Die Kalorien sind schnell da, die kleinen Anstiege beweisen es –  immer noch kommen letzte Fahrer vom Feldberg, die den Tag gleichfalls bis zur Neige auskosten.

aa94Ich bleibe im Rhythmus, dieser prekären Balance zwischen zu schnell und zu langsam. Jetzt geht es durch den Tann geradeaus ansteigend für einige Kilometer, bis der goldene Grund erreicht ist. Dahinten der nächste Ansteig, droben vielleicht noch einmal die Sonne.

aa95 Ich genieße es, genieße überrascht das Auftauchen eines Jets im freien Himmel, als der Wald endet. Heftrich, Waldems, Camberg, Brechen, die kleinen Etappen durch den goldenen Grund. Der längst geschlossene Biergarten „zum Salamander“, Spuren von Reifen auf Waldweg. Der Staub hat sich gelegt, ein Vater sitzt mit seinem Sohn auf der Bank, ein Pizzadienst holt die vergangenen Wochen auf .

aa97Ich stelle das Lauer kurz dort ab wo es schon vor 13 Stunden stand und verneige mich vor dem Tag, während der Himmel – wie gesagt – der immer noch nicht dunkle Himmel die Farben der Gemälde Poussins abwandelt und ich mir denke:

Et in arcadia ego.

 

 

 

 

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Vor dem längsten Tag nach Heidelberg

as9

Die Wolken leuchten gelbrosig auf, der Himmel grundiert noch sanftblau. Es sind die Farben, die in der  französischen Klassik und bei italienischen Maineristen für Himmel bevorzugt werden. Noch einmal geht die Sonne unter um sich für den längsten Tag des jahres zu verabschieden. In einer Minute stelle ich mein Rad ab.

al4Etwas über 200km war ich mit dem Lauer unterwegs – auf seinen Michelin Classic mit heller Flanke, so wie die Mode es gern sieht. Eine Fahrt nach Heidelberg liegt hinter uns, ein Tag voller Sonne und frischer angenehmer Luft, ein Tag, wie er fürs Radfahren besser nicht sein kann.

al01Die Morgensonne taucht gerade hinter dem ersten Hügel auf und streift das Metall. Der Asphalt ist noch frisch,  Hecken und Sträucher verbreiten einen angenehmen, krautigen Geruch  -der Duft des kommenden Tages.

al3Durch einen eigenartigen Beugungseffekt um gibt ein halo den Körperschatten auf oder über dem reifenden Weizen. In zwei Stunden werde ich die Wiesen und Felder, die Bachtäler und großen Doldenblüten verlassen haben.

Ich reise über den den Rhein nach Süden, wie vor einem Monat.

al5

Es beginnt mit dem zweiten Idyll. Nach etwa 80km liegt der Strom majestätisch ruhig vor mir, die vollbeladenen Frachter unterqueren in gemessenem Abstand die Theodor Heusss Brücke. Mainz ist wie ein Gelenk, ein großes Gleisdreieck der Ströme. Der Wein verdrängt ab hier das Bier, mit Hefe wird gebacken, Zeit für die Tageszeitung.

Kaum stehe ich an der schönen Jet Tankstelle und blicke auf die Titelseite, sehe ich, wie die Zeit ihre Opfer fordert. Was mit dem Paradies der damen begann, dämmert , bröckelt  – der rost im Stahlbeton.

al6„Are you being served“ war eine ur-Englische Comedyserie, die in einem Kaufhaus  – möglicherweise Harrods – spielte. Dort trafen nicht nur die Abteilungen von Alltags- bis Luxuswaren aufeinander, sondern es diente gleichzeitig als wunderbare Bühne für das Aufeinandertreffen sozialer Parallelwelten, die sich im England vor der EU nie begegneten.

Eine kurze Episode des Weltkonsumismus geht zuende.

Stanislaw Lem hatte schon Mitte der 1960er, als Blöcke der alten Welt noch klar getrennt waren eine interessante Beobachtung gemacht: der Zustand des Planeteten werde immer gasförmiger, alles bewege sich untereinander und strebe zu einer gleichen Verteilung zu, der homöostase.

Warenwelten sind gasförmiger geworden: die Elektronen rasen an die Bestellportale, die elektronische Zahlung wird „treuhänderisch“ weitergeleitet und wie sehr große weiße Moleküle rasen Lieferwagen durch die Geflechte ihrer Navigationssysteme. Es gibt keinen Grund mehr, das Haus zu verlassen, wenn der Diener an die Tür klopft und das gekochte Ei serviert…

ab4Mein Kompaß steht auf Süd. Die Blüten sind vergangen, das Grün sprieß, als habe der Friseur der Natur geschlossen. Mein kleines Lauer- Molekül rollt schnell über die Weindörfer, die bald südlich von Mainz beginnen. Sie bilden einen grünen Teppich, der sich von der Rheinebene an die Höhen zieht. Die B9 habe ich längst verlassen und kreuze zickzack die Baumschatten. In den Gutshöfen sind große Oleander aufgestellt, unter denen Weinproben stattfinden

ab5Reben, dazwischen ein rüstiger Traktor, flüchtiger Gruß aus der alten Welt. Dabei der schwache Geruch eines schwefligen Pestizids. Kundenschlangen an den Erdbeerständen.

ab1 Kleinere Schlangen beim pop-up Schnellimbiß. In der Ferne Allebäume der B9.

am7Worms.

al7Worms hat sich im Monat meines letzten Besuchts nicht verändert. Auf dem Blinddarm der ehemaligen B9 werden Schrottfahrzeuge und andere Dinge abgestellt. Vor der Waschanlage trifft sich eine Gruppe gleichgesinnter Männer in glänzenden, optimierten schwarzen Mercedes Limousinen. Andere Menschen schleichen mit Rucksäcken voll Pfandflaschen Richtung der Supermärkte vorbei. Dort, wo mein Treffpunkt ist.

Im Eingangsbereich eines Drogeriemarkts steht eine schöne Holzbank. Ich schlage eine Kundenzeitschrift auf .Welches Deo passt zu mir? Kundenmagazine sprechen Wahrheiten aus, die auf anderen Plattformen als politisch unkorrekt eingestuft werden. Kundenmagazinen wird nicht widersprochen.

al8Die ersten 130km sind herum, der Seitenwind war ein angenehmer Begleiter, man wird nicht unsportlich angeschoben. Das Lauer (links) mit seinem langen Oberrohr  – 59 zu 57 – ist wegen des 10cm Vorbaus absolut fahrbar, so passt es. Das nebenstehende Koga gehört einem etwas größeren Kollegen, der mich von hier durch das gefährliche Ried an den Odenwald begleiten wird. Gefährlich, weil der Fahrstil der Ried-Bewohner im Umland als unberechenbar bekannt ist.  Gerade an Wochenenden ist das Aggressionspotential erhöht.

Wir lehnen die Räder an einen leicht verunfallten Lieferwagen mit dunklen Scheiben, die Motorhaube ist angeknautscht und schließt nicht mehr. Im Innern erkenne ich mehrere Decken, die über die Vordersitze fallen. Niemand ist zu sehen und wir entfernen uns vorsichtig aus dem Areal der vollen Glascontainer.

Als ich das letzte mal an dieser Stelle stand, war das Coronavirus gerade in der Firma Westfleisch aufgetaucht und hatte für Entsetzen gesorgt. Besonders die Haltung von Lohnsklaven –  Superspreader –  sorgten für Empörung. Warum dachte ich noch letzte Woche es habe sich etwas verändert? Warum ist man überrascht, wenn sich nichts verändert hat? Velleicht weil man denkt: no news is good news. No news machen uns vorsichtiger – die Welt wird mißtrauischer in diesen Zeiten.

Bei Worms geht über den Rhein , auf die Hügel des Odenwalds zu.

ab2Heute, am 20.6.2020, werden in einer weiteren Fleischfabrik identische Zustände  offenbar – nur  hundertfach größer. Das dumpfe Gefühl, es habe sich nichts geändert, es solle sich auch nichts ändern. Gerade das Virus ist ein Gas, es verbreitet sich weltweit über unsere Lungen und folgt den Waren, zu Land, zu Wasser und in der Luft. Ein Gas, das auf Menschen tödlich und auf die Wirtschaft wie ein Nervengift wirkt. Es paralysiert und ändert kollektives Verhalten. Niemand fliegt mehr ohne Zwang, niemand braucht ein Kaufhaus.

Die Allgegenwart eines Feindes zu akzeptieren ist schwierig, zu tief greift er mit dreister Unsichtbarkeit in unsere komfortablen Vorrechte ein und zwingt uns, nach seinen Regeln zu spielen. Gleichzeitig testet es unsere kollektiven Reflexe: sie sind schwach geworden.

ab8Das Gas vom Typ Corona ist ein Indikator. Die Trennwände sind durchlässig –  es sind nur paywalls. Wie Engländer in alten Kaufhäusern weigern wir uns innerlich, die Präsenz paralleler Gesellschaften zu akzeptieren. Corona is here to stay.

Längst sind wir in Weinheim eingetroffen. In unmittelbarer Nachbarschaft finden sich gegenüber dem Bahnhof 2 kulturelle Perlen.

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1  – der Belz Verlag, hier erschien „der Grüffelo“. Der  Kinder – und Jugendbuch Verlag schlechthin in Deutschland. Seit über 50 Jahren! Auch wenn man viel Geld verliert , wenn man „Conni mit der Schleife im Haar “ ablehnt, als Verlag beweist man damit Überlegenheit. Man kannnicht früh genug anfangen.

al122 Gleich daneben: Eis Bertoli. Wir parken außerhalb der Distanzstreifen. Drei -Sterne-Eis. Immer wieder stürzen Kunden  herbei.  (Durch den Weitwinkel wirkt das Lauer zierlich, obwohl es gerade einen cm niedriger ist). Wir genießen das Eis, insbesondere das Sorbet, und die Abwechslung des Bahnhofs: Baustellen, Wassertürme, Postboten auf Elektrodreirädern.

af1

Ein milder Anstieg führt westlich aus Weinheim hinaus in den Odenwald, an den ersten Kirschen vorbei und über viele Kilometer (gegen den Wind) wieder zum Neckar hinunter.

am9Im Odenwald überdauern Zeichen der alten Welt. Wandschmuck aus der Zeit vor dem Digitaldruck, als das duale Ausbildungssystem Existenzen schuf: der Radio – und Fernsehtechniker…. ab10 Mauern wie von Riesen gesetzt fangen die Kraft der Felswand über der Bahnlinie ab. Das markante Rot des Sandsteins, aus dem alle großen und alten Gebäude der Region gemacht sind – das Heidelberger Rot, das Rot des Neckartals, durch das wir jetzt ganz allmählich gegen einen steifen Wind anrollen. Eine breite Straße, auf der uns immer mehr Radfahrer entgegenkommen, je näher Heidelberg rückt. Verdichtung, denn auch die Luft wird wärmer. Dann die Stadt und die nächste Tankstelle.

ab12Sedgways – Gruppen rollen das Ufer entlang, Smartphones werden gegen die Schloßkulisse gehalten,  auf den Wiesen am Neckar kreisen Reifröcke zu folkloristischen Melodien. Offene Cabrios, Sonnenbrillen, Pflastersteine und Straßenbahnschienen. Heidelberg ist eine riesige Postkarte mit Geranienampeln. Heidelberg ist eine Kulisse, die mich nicht wirklich interessiert.

am1Hier trennen sich unsere Wege wieder , der Zug bringt mich an Mannheim vorbei nach Frankfurt. Auf zur letzten Etappe, dem Zeitfahren gegen den Sonnenuntergang.

 

 

 

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Was sie einem Mann über 50 nicht sagen

„When do you plan to retire?“

„Retire?, retire from what?“ Duke Ellington

a5Duke Ellington war über 70 .

Auch Männer über dem 50sten Breitengrad lassen sich nicht gerne etwas vorschreiben, nach einem halben Jahrhundert auf diesem Planeten möchte man sich keine neuen Tricks beibringen lassen. Man ergraut in Ehren und fährt die Räder der alten Idole, weil es einfach nichts Besseres gibt. Nur anderen Silberrücken kommt das Recht zu, von Zeit zu Zeit gehört zu werden.

Andererseits sind Männer über 50 sehr gute Kunden, sie gehen jedem auf dem Leim, der ihnen suggeriert, im entsprechenden Trikot, mit der passenden Sonnenbrille und dem Rad dazu wieder 30 zu sein. Warum auch sonst gibt es einen schwunghaften Umsatz mit technischem Spielzeug jenseits aller Ökonomie? Wo sonst werden Unterschiede im Promillebereich als sensationeller Leistungsgewinn gefeiert ?  . . . .

a2Auf dem Ohr bin ich etwas taub  –   und sehe nur die wachsende Zahl an Ritzeln, die schwindende Zahl der Speichen und immergrüne Varianten technischen Dopings, die meinen Altersgenossen verkauft werden. Placebo ist wichtig, der Rest ist euer Geld.

Bei allen Widersprüchen; alle, die über den Zenit des Lebens sind werden hellhörig, wenn es um die eigene Form geht. Das Phantom, das wir alle jagen.

a6In dieser Saison 2020 herrschen besondere Umstände, nicht nur wegen Corona. Dabei hatte das Jahr so gut begonnen, mit einem nassen, windigen, aber sauber absolvierten 200km Ritt durchs Münsterland. Dann kamen Einschränkungen hier, kleine Krankheiten da – nichts großes: aber immer etwas, das den Körper aus der idealen Formkurve trug. Doch man fährt weiter und es geht auch. Es ist ein großer Frühling und ich fahre weiter wie immer, trotz ein paar Seitenhieben.  Nicht ganz.

Die großen Landmarken fehlen. Der 400er, der 600er, Ereignisse, an denen man schonungslos erkennt ob man sich nur gut fühlt oder auch gut ist. Ein Ziel des Jahres aber steht fest: Berlin-Wien im August –  600km ohne Rückfahrticket. Es geht nicht ums  überstehen sondern gutes Gelingen, inklusive Inveloveritas. Alles eine Frage der Form.

a9Am vergangenen Wochenende bin ich es anders angegangen.  An zwei Tagen hintereinander 5 Stunden fahren:   Zwei trockene und warme Tage: einmal mit vielen Höhenmetern, einmal mit weniger. Viel trinken, wenig essen, konstant schnell sein. Es war der Gedanke eines Spezialisten. Der Mann heißt Joe Friel.

Das ist der Trainingsflüsterer für Männer über 50. No nonsense, auch wenn er sich als Tria -Man zuerst an Triathleten richtet. Kein placebo, keine buzzwords, nur körperliche Leistung zählt. Eine Trainingsbibel trägt seinen Namen, seit zwei Jahren liegt das Ü50 Buch vor.

a11Was Joe Friel Gleichaltrigen zu sagen hat, stammt aus seiner Erfahrung als alternder Wettkämpfer. Seine Ehrlichkeit  hilft anderen, sich nicht selbst zu belügen. Und was er sagt ist unangenehm: wir werden nicht besser , schneller und stärker, sondern nur älter und schwächer. Es kommt aber darauf an, so langsam wie möglich alt zu werden. Dafür sind wir verantwortlich, daran können wir ein wenig ändern – wenn wir wollen. Ein erster Trost.

Mich haben weniger die ausgetüftelten Trainingspläne interessiert oder die Vorbereitungstechniken auf bestimmte Wettkämpfe. da mag sich jeder auf seine Art, nach seinen Zielen  vertiefen. Interessanter fand ich das Grundverständnis für Leistungsfähigkeit. Die Bedingungen, die Voraussetzungen, um wenigstens gut in Form zu bleiben. Summe: gutes Training ist jenseits der 50 (noch) wichtiger als davor.

a3Unsere Physiologie belohnt uns langsamer und bestraft uns viel schneller. Es bestraft die Nachlässigkeit und die kleinen Mogeleien, das ist so. Friel schickt uns nicht auf radikalen Entzug, er ist kein asketischer Prediger, er warnt nur, daß jeder Schritt zurück mit dreien nach vorn kompensiert werden muß . In allen Bereichen –  das setting für Radsportler beschreibt er so:.

Der alternde Sportler fährt keine Rennen mehr. Vielleicht braucht er diese Herausforderung nicht mehr, vielleicht hat er keine Gelegenheit dazu. Die Ausweichsstrategie ist oft die lange Distanz. Also lieber weit und lang fahren, dafür aber nicht so schnell. Hat man unter Randonneuren auch öfter gehört. Für manche eine Möglichkeit, Sport bei geringer kompetitiver Veranlagung zu treiben. Aber Ziele erreicht man damit immer weniger und immer schwerer, denn auch bei großen Umfängen und langen Strecken trainiert man ab.

Wozu sich noch schinden, wir wollen doch nichts (mehr) gewinnen? . . .  ein wenig dachte ich auch so.

DSCF1800Nach Friel hat diese Einstellung folgenden Haken: wer nur immer weitere Entfernungen sucht, möglichst ohne Anstrengung, wird dafür immer länger brauchen. Der Körper, der nicht mehr extrem gefordert wird , regelt seine Systeme nach unten.

Je älter er wird, desto schneller wird er langsam – wenn er nichts dagegen unternimmt. Denn die bittere Wahrheit lautet: ohne starke Reize, ohne Höchstbelastung ist das Ergebnis Muskelschwund, Rückbau der Herz-Lungen Kapazität.  Es gibt keine Wahl. Mindestens zweimal in der Woche sollte der alternde Athlet Maximalreize setzen: am Berg oder als Sprint, ganz gleich. Das gute alte Intervalltraining ist dazu das Mittel der Wahl, aber die Hauptsache bleibt, um Walter Röhrl zu zitieren:

„Solange mein Puls auf 170 kommt, gebe ich nicht auf.“ (2020!) .

Der Mann über 50 hat es vernommen, jetzt muß er verstehen und handeln. Es sind unangehnehme Wahrheiten, die mit Material und Technik nichts mehr zu tun haben, dies sind absolute Marginalien die man sich leisten kann oder auch nicht. Entscheidend ist die Persönlichkeit des Sportlers; die Selbstdisziplin, das permanente Fordern.

Besser also kürzere Strecken mit einer höheren Intensität bewältigen, in jedem Fall aber mit Intensivreizen zu arbeiten.  Abwechslung und Intensität und ein gesundes Leben,  das wird die Summe sein. Gerade jene Methoden, die man im Grunde für Wettkampfsportler anwendet, helfen am Ende, Leistung auf Dauer zu erhalten. Gediegene, selbstzufriedene Ruhe ist das nicht – es ist ungemütlich und darum sagen sie es einem auch nicht und preisen lieber den neu entwickelten Aero Helm oder gleich den Hilfsmotor.

Das ist in der Summe nicht eben angenehm und oft habe ich mich gefragt, warum man so selten davon in der Fachpresse oder den Fachportalen oder den F#Gruppen liest. Vermutlich weil es unangenehm ist. Wahrscheinlich, weil es auch mal gar keinen Spaß macht, sich gegen den Schweinehund zu entscheiden. Mühsal ist kein Narrativ.

a4Aber sie lohnt sich, denn es  gilt das Gesetz ständiger Praxis. Handwerker und Musiker kennen es, der Franzose sagt hier „ne pas perdre la main.“ Kategorisch widerlegt es den Gedanken von Rente und Pensionierung , den plötzlichen Bruch mit der Übung, das Verlassen der Werkbank, die plötzliche Aufgabe dessen, was man kann und liebt.

Und genau das meinte eingangs der große Duke Ellington.

 

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