Hügel Sammeln – fahren nach Zahlen

5 Februar 2017

Hügel sammeln im Naturraum Limburg-Weilburg – die Zahlen im Text entnehme ich hier:

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Bis zur flèche allemagne sind es noch acht Wochen, kaum vorstellbar, denn gerade hat der Winter die Höhen über 300m vom Schnee freigegeben und celsius traut sich dauerhaft über die Null. Schneeglocken habe ich noch keine gesichtet, ein anderes Grün als das der Tannen oder gelblichen  Winterwiesen erwartet mich an diesem Samstag nicht.

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Aber kann es sein, daß die Spatzen morgens im Bambus etwas lauter geworden sind?  Acht Wochen, bevor ich im Team vom deutschen Eck zur Wartburg ziehe. Darum jetzt Kilometer sichern und Hügel sammeln. Ich verlasse meinen Hof in der Frickhöfer Bucht, Oberwesterwald (323.31), mit Kurs Südost auf Lahntal und Taunus zu.

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Anfangs war mir dieses Stück Hessen ein einziges Hügellabyrinth. Keine Möglichkeit, die Himmelsrichtung zu halten, alle Wege wurden Umwege und auch Karten halfen nur grob die Steigungsgrade zu schätzen.  – Karten, achja.. zur Klarheit der französischen IGN hat man es bei uns nie gebracht;  entweder sind interessante Wege dick mit rot grün oder gelb überschminkt, oder die Straßen lassen sich kaum in ihren Dimensionen unterscheiden, oder die Höhengradierung trägt nur zur Verwirrung bei.

Mein Herr, sagt mir der Bildschirm mit den Geodaten, Papierkarten?-  wie veraltet ist das denn?

Ein Jahr oder Zwei hat es gedauert:  ohne fremde Hilfe vom Oberwesterwald  in den Taunus und wieder hinaus.

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Inzwischen habe ich die Ahlbacher Bördeplatte (311.00)  verlassen und blicke auf Schupbach, vor mir die Schupbach-Hofer Randplatte (311.02). Sie wird vom kleinen aber hübschen Kerkerbach durchzogen, den ich in Eschenau überquere.

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Der kleine Ort Eschenau nähert sich seit 200 Jahren der  300 Einwohner Marke. Der reichste Eschenauer war der Müller – ein großes Fachwerkhaus beweist es.Eine Möglichkeit, aus den kleinen Dörfern zu gelangen ist der Führerschein. Das Geld dafür wird häufig durch  Zeitungsaustragen verdient . Nach einigen Saisons ist es dann so weit. Keck zeige ich alter Knacker dem Mädel, daß es auch ohne geht.

a46.jpg Enge und steile Straßen führen mich am Müller vorbei hinaus auf die Schadecker Höhe.Auf dem Höhenkamm bremst mich ein Gegner, der aus Südost kommt:  Wind, ungemütlich.  Linkerhand der Feldberg, klar und schneefrei – und schon geht es ab ins Lahntal, direkt am besungenen Wirtshaus vorbei.

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Die alte Runkeler Brücke ist ein idealer Stellplatz fürs Rad. Darunter  wird die Lahn leicht angestaut, es gibt ein Wehr auf dem die Gänse baden und eine Mühle am Fuße der alten Stadt. Ich wechsle die Seite, fahre ein kleines Stück lahnaufwärts und sehe im nächsten Anstieg das Konradinerdenkmal.a3

Dieser steinerne Mann, Kaiser Konrad 911-918,  gibt nicht nur eine übergroße und romantische Figur über der Lahn ab, er war auch für die Geschicke des Landes nicht unwichtig. Die Konrad-s stammten aus Orleans und waren wohl mit der ersten christlichen Erschließung des Lahngaus beauftragt- sie stifteten Kirchen , und Klöster und sicherten so ihren Einfluß auch nach dem Tode. Unten im Tal läuft der schmale Lahntalradweg gewunden aber flach bis jenseits von Weilburg. Dieser Abschnitt auf den Konrad blickt ist ein wirkliches Paradies.

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Am Ende der Tour wird eine der konradinischen Dorfkirchen mich noch fordern, aber zuerst will ich aus dem eingeschnittenen Tal hinaus. Das geschieht bei Villmar und als ich endlich über die Villmarer Randplatte (311.11) hinaus bin,  lande ich im  Brechener Grund (311.22) dem bald der goldene  Grund (303.00)  bei Camberg folgt. Dieses flache Talbecken wird recht gerade und mit wenig Steigung von der Bundesstraße 8 Richtung Frankfurt durchzogen. Erholung.  Ich verlasse sie nur kurz, um bei einem Penny markt Wärme und Kalorien zu finden. In Form einer Mandelschokolade der ich meinen kleinen MichelinStern für heute verleihe.

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Weiter gegen den Wind; ich habe zu knapsen und muß mich auf dem weißen Raleigh schön strecken  –  Die 52×18 sind so gerade zu machen –  weiter, bis ans Ende des goldenen Grundes(303.00): ziemlich genau in Esch ist es erreicht.

Hier macht die B8 einen zackigen Knick linksauf Richtung Königsstein, rechts geht es ebenfalls aufwärts –  mit der B275 nach Idstein. Ich aber ziehe gegen den Wind weiter nach Süden –   Ländlichkeit im Escher Grund (303.2) . Es graut matter der Himmel und ich vermeine . .  . , nein es sind erste Tröpflein. Plötzlich wird die Straße einsam, Wald rückt näher und die Farbe ist aus dem Tag gewichen. Ich sehe einen Kirchturm , dessen goldene Lettern 13h30 zeigen.

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Heftrich?

Hatte hier nicht ein anderer Radfreund seine Tour nach Blois begonnen? Einen schönen Beitrag dazu geschrieben? War er dann nicht wieder umgesattelt auf sein Pferd? Darum will ich bis Heftrich. Um vielleicht einen Mitfahrer leibhaftig zu sehen.

Auch der Tierarzt kann mir nicht helfen. Wir unterhalten uns vor seinen gepflegten Pferdeboxen, die Handvoll Reiterinnen ist mittlerweile vom Hof, ihre matschigen Stiefel hinterlassen ein paar Halme. Hier in Heftrich ist kein Distanzreiter bekannt.  Aber er nennt mir einen Mann, der sie alle kennt, die Distanzreiter aus dem Hintertaunus. Zwei Dörfer weiter lebt er und baut Gitarren. Doderer heiße er.

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Es regnet, der Heftricher Hof hat geschlossen und die geschnitzte Maske blickt indifferent auf ein hübsches Rad. Von der Straße mahnt mich die Stimme des Volkes: “ Einen Bäcker haben wir hier nicht mehr“ . Jetzt ab nach Norden, die Straße schon naß aber mit Wind im Rücken kämpfe ich mich zurück nach Esch und dann ins unbekannte (302.7)  Steinfischbacher Hintertaunusland.  Es ist ein zäher, gerader Anstieg, dann sehe ich  im nächsten Tal das stille Dorf.

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Der reitende Gitarrenbauer ist schnell gefunden und bietet mir spontan die Tasse Kaffee an. Ein gutes kleines Gespräch am Samstagnachmittag über Räder, Pferde, Reiter und die Eigenheiten der Gitarrenhölzer, während es draußen kühl nieselt.

Für einen Abstecher nach Riedelbach  (302.6 – Pferdskopf-Hintertaunus) ist es zu spät, aber nun weiß ich, wo gesuchter Taunusreiter sein „Philippe Professionel“ geparkt hat. Nun im Regen weiter  am jüdischen Friedhof von Steinfischbach vorbei über Camberg, den goldenen Grund durchfliegen  und dann am nördliche Ende hinauf auf einen Vorsprung der Linterer Platte (311.10). Die 200g Schokolade sind jetzt alle, die Anstiege sind mehr als nur Grundlagentraining.

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Hier, wo die kleine Eisenbahnlinie bei Brechen die Straße kreuzt steht die älteste Kirche des Stiftes auf einem kleinen Hügel.

a92Ich schaue auch kurz ins (geschlossene)  Innere. Die Berger Kirche, das Fischgrätmuster der Mauer ist ganz schwach erkennbar. 1100 jahre älter als mein Raleigh.

a94Ich bete um einen  Apfelkuchen mit Schlagsahne, blicke kurz zur Mutter Gottes .

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Es/ Sie  hat geholfen.

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Die kalte Erinnerung

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Als wir das Haus meiner Eltern auflösten, fiel mir eine aufwendig gerahmte,  alte Tranchot karte zu. Sie stammt ursprünglich von napoleonischen Landvermessern, die die gerade eroberten Rheinlande systematisch vermaßen.  Der Ausschnitt, den mein Vater damals einrahmte,  zeigt die Gegend östlich von Aachen und reicht weit in die Eifel hinein. Tranchot leistete dieser Gegend damit einen wertvollen Dienst, denn noch nie waren großenteils wilden und vor allem armen Gegenden trigonometrisch erfaßt worden.

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Mein Vater kam aus dieser Eifel und heute erst begriff ich: diese Karte war für ihn eine Kindheitserinnerung und für uns (seine Söhne) schon ein fernes, rätselhaftes Stück der Welt . . . . das auf einen Besuch wartete.

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Eine Woche nach dem Kauf  war es so weit. Das Wander- und- Arbeitsrad meines Bruders war fahrfertig. Bei einer Schrittlänge von 93cm wird es knapp mit den serienmäßigen Sattelstützen, auch bei 64cm Rahmen.

In den 80er Jahren befand sich das Großunternehmen Raleigh im Umbruch.  Einst  größte Fahrradfabrik der Welt-  das Empire brauchte Räder-  war sie  mit veralteten Produktionsstätten und Überkapazitäten konfrontiert. Zu viel Know how, zu wenig Kunden.

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30 jahre später wissen wir zu schätzen, daß Raleigh damals noch eine große Bandbreite an Rennradtypen anbot und die Lackiererei gute Arbeit leistete. Das Criterium12 war ein „Einsteiger“ Rennrad, immerhin mit konifizierten Rohren . Die Ausstattung ein interessanter Mix aus japanischen, belgischen und französischen Komponenten. So erlaubt  die Sakae SA Kurbel die Montage kleiner Kettenblätter bis zu 34 Zähne-  1987 war das eher unüblich, heute fährt ein Kompaktkurbel beinahe jeder: sie macht Berge zu Hügeln.

Für ein Rad, das zukünftig als „commuter bike“ beladen wird , eine nützliche Sache. Jetzt zur  Probefahrt Richtung Eifel, zurück in den Winter, in die eingefrorene Erinnerung

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Das kleine Städtchen R. mit seinem mittelalterlichen Burghügel, der barocken Kirche und der Kaserne liegt von Obstbäumen umgeben in Sichtweite der Eifel. Es steht noch unter dem Einfluß des warmen Rheinbeckens, nur die Luft ist im Sommer schon spürbar leichter.  Wir nehmen Kurs West/Südwest.

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Die langen,  unmerklich ansteigenden Geraden  erlauben an einem „frischen“  Rad Feineinstellungen. Der Beifahrer als Bordmechaniker  lauscht aufmerksam und freut sich über das schöne Surren der neuen Kette und des Freilaufs.  Die Eifel kommt näher,  der Wind schickt uns einen frischen Gruß von den Schneegebieten, die wir bald erreichen.

Nach einem  kleinen dutzend Kilometern schlängeln wir uns durch das flache Tal der jungen Erft, einem Bach, der bald zum Industriekanal  wird und später in den Rhein ausfließt. Hier ist sein Wasser frisch und klar, gefiltert von Tongruben ringsum. Die Dörfer werden kleiner, die Felder zu Wiesen

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Hinter  Antweiler: die Schneegrenze erreicht. Eine Braut probt für den Lichtbildner den  Ausstieg aus einer schwarzen Limousine vor Schloßmauer. Wie rollts? Schön weich, sagt mein Bruder. Alter Stahl.

c5 Wir dringen in die Eifel vor ,  zum  Geburtsort unseres Vaters.  Spurensuche: sehen was geblieben ist und  vielleicht das Grab von seinem Schulfreund Karli finden. Der kleine, sehr kleine Ort in der Gemeinde Kall , unweit vom Kloster Steinfeld ist unser Ziel: noch 250 Höhenmeter.

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Für den Lehrer Josef Sanders war die Schule des kleinen Dorfs die sicherste Möglichkeit, in harten Zeiten seine Familie zu ernähren. Für einen Rheinländer und seine Frau kein leichtes Brot bei einer bäuerlichen  Dorfgemeinschaft von vielleicht 200 Seelen. Verschlossen.

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Das nächste Tal, Eiserfey. Die Sonne glitzert zwischen den Bäumen, ein paar Wanderer. Wir steigen mit Genuß hinauf , endlich Ruhe vor dem Wind. Und die nächste Anhöhe, immer weißer wird es, dem Winter entgegen.

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Dann versuchen wir uns an einer Diretissima. Das erste steile Stück geht noch., Tauwasser schafft eine Fahrtrinne, immer häufiger von Schneeplatten unterbrochen wird. Mein GrandpRix 4seasons muß mit traktionskontrolle bewegt werden, beim großen Raleigh sind es Zaffiros von Vittoria. Am schlimmsten fährt es sich, wo Traktoren ihr vereistes Reifenmuster hinterliessen. Dann ist es nur noch festgefahrener Schnee – aber es rollt.

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Alles nur  Steuerkunst. Der Kopf ist gefordert. Wie froh wir sind, wieder Teeer unter den Reifen zu haben. Nun sind wir in der wirklichen Eifel, der rauhen, hügeligen  Gegend, in der die Häuser des 19 jahrhunderts  kaum 1m80 hohe Decken hatten und manches Bett eine Sitzkoje war. Zwei  drei Kurven später: das ist Steinfeld

bsteinfeldWir erkennen die beiden Türmchen der Basilika am Horizont.  Das Kloster liegt auf einer Höhe jenseits der Urft, deren Tal wir noch  überwinden müssen . Die große Klosteranlage gehörte Jahrhunderte dem Prämonstratenserorden, an dessen Spitze sich  Söhne der umliegenden Adelsgeschlechter ablösten.

Dann wurde es unter napoleonischen Besatzung-  Säkularisation, Landvermessung..  1802 aufgelöst, um erst  ab 1923 wieder (auch)  als Internat genutzt zu werden. Die Schule, die mein Vater und sein älterer Bruder als Externe 1948/9 besuchen . Wir halten kurz hinter dem Tor und tanken mit Riegeln aus Marzipanpaste schnell Energie auf.c9

b12Der Bücherschrank sticht spektakulär aus der tuffsteinfarbenen Umgebung heraus .  Nach 5km erreichten sie das Schultor gemeinsam auf einem Rad , daß sie, zusammen mit einem Doppelbett für den  Opel P4 ihres Vaters bekommen hatten.

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Bald erreichen wir die Abzweigung, die uns zum Dorf führt. Wir halten kurz und überlegen, wo die Schule lag. Die Häuser stehen eng an der Straße, dicht an dicht im Hang.

c01Schnell ist die Dorfmitte erreicht, dort, wo die Busse halten. Wahlen Kirche heißt die Haltestelle an der Baulücke. Daneben muß auch die Schule gestanden haben, das Elternhaus meines Vaters . . .

Wir verlassen den Ort nach Westen hinaus – ins freie Feld. Es liegt Schnee, genau wie damals, am 25 Dezember 1944, als das Dorf voller Soldaten ist und die Schule als Quartier dient. Mein Vater und sein  Freund Karli packen die Schlitten. Aus den Beschreibungen der Ardennenoffensive wissen wir, daß das Wetter sich gebessert  hatte. An diesem Tag konnten alliierte Flieger wieder starten. Um 11h30:  Fliegeralarm. Mein Vater ist mit seinem Schlitten am Waldrand.

c04Er konnte Karli auf seinem Schlitten noch nach Hause ziehen: „dem Karl ist der Kopf ausgelaufen. . .“ es war  ein Jagdbomber, der den folgenden Luftangriff begleitete. Karli war tot, das Dorf ausgebombt, die Schule auch;  und weil  Jabos auch Fliehende unter Beschuß nahmen, wartete die Familie auf ihrer Flucht aus dem brennenden Dorf bis zur Dunkelheit unter den Hecken .

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Und das war nur ein winziger Splitter im Universum des Krieges. Aufheben.

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Wir sind im Nachbarort Marmagen (target of opportunity, 11 Bomber) , stärken uns mit Vollkornbroten  der Bäckerei. Wir sind die letzten Kunden für diese Woche undmachen gerne Werbung: es war ausgezeichnet. Draußen wird es heller.

b2Der Rückenwind hebt unsere Stimmung,  zurück in die Sonne, zurück in die Zukunft.

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vintage future

Die Erdkugel dreht sich nicht zurück, der Pfeil der Zeit  kennt nur eine Richtung. Jeder weiß es, jeder spürt es.  Wie kam es dann dazu, daß Begriffe wie retro oder vintage in fast allen Bereichen der Konsumgüterwelt  einen positiven Klang haben, auch wenn nur oft nur ein retrolook gemeint ist?

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Der  populäre Buch- und Medienphilosoph Precht macht sich seine Gedanken. Einen davon, den ich sehr richtig fand war die Beobachtung, daß uns keine positive Utopie vermittelt wird. Was er politisch meint und gesellschaftlich, spiegelt sich auch in der Welt der Güter und Innovationen.

abc3Retro in Form des braunen Ledersattels ist zwar ein  Verkaufsargument –  jedoch in Form einer negativen  Utopie.  Das hartgegerbte braune Leder als Versprechen einer Wiederkehr des besseres Gestern ist unfug .

Natürlich hat es etwas verunsicherndes für late adaptors jenseits der 40, wenn sie fürchten müssen, schon im nächsten Monat sei ihr Smartphone obsolet, das Betriebssystem ihres Computers (fast schon ein altmodischer Begriff) nicht mehr virensicher usw. Auch meine (sehr junge) Tochter fühlt sich leicht verulkt, wenn g++gle sie zu einem update drängen will, für das ihr robustes, intaktes aber leider schon 16Monate altes Gerät nicht ausgelegt ist.

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Je älter wir werden, umso weniger wollen wir unsere Alltagsentscheidungen revidieren. Unangenehm ist das Gefühl, entbehrungsreich erworbene Objekte seien eigentlich potentieller Sondermüll. Einerseits.  Andererseits ein Unbehagen, das aus akkumulierter Erfahrung resultiert. Wir treffen Entscheidungen  und wissen, was wir nicht brauchen. Wir schätzen an Dingen das Beständige .

Für meinen kleinen, übersichtlichen Bereich weiß ich, daß ich an einem Hinterrad mit 6 Ritzeln auskomme, 7 als goldene Mitte empfinde und 8 als Luxus bezeichne. Das sind 12 bis 16 Übersetzungen. Schaltungen dürfen indexiert sein, müssen es aber nicht, es geht wunderbar, wenn man nicht Rennen um sein Brot fährt.

Damit befinde ich mich im (inzwischen fest etablierten) , graumelierten Segment der Retro- und Vintagefreunde, eine Marktlücke für  Kindheitsträume, Jugendschwärme  (meist) für Herrn in den besten Jahren.

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Diese Vintage-Retro Nostalgie, das Geschäftsmodell des Touristico – con- Folklore  unternehmens Eroica (20jahre!)  hat mit meiner Selbstbeschränkung auf 7 Ritzel nichts zu tun.  Genauso wie die Reduktion auf einen CD Player oder einer Zahnbürste ohne Elektroantrieb.  Den Erkenntnissen, daß es zwar ungeheure Fortschrite auf vielen Gebieten der Technik gibt (keine alte Glühbirne mehr in den Fassungen)  – aber auf anderen in  Entwicklung und Produktion ein Peak längst hinter uns liegt.

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Der alte Sharp Rechner beispielsweise, den ich heute in der Hand hielt, ist genau so ein nicht-vintage aber doch vintage-Ding. Es ist ein 40 jahre alter Taschenrechner, der sämtliche Rechenoperationen die ein alphabetisierter Mensch braucht mittels der extrem verbreiteten Batterieart (AA) auf LCD Display erledigt. Niemand käme bei AA Mignonzellen aber darauf, sie als retro zu bezeichnen. Bei Solarzellen noch weniger.

Walker Evans’ ‘Beauties of the Common Tool’ (1955) and Darren Harvey-Regan’s 'Phrasings’ (2013)
http://socks-studio.com/2015/03/28/walker-evans-beauties-of-the-common-tool-1955-and-darren-harvey-regans-phrasings-2013/
“Beauties of the Common Tool” is...(Walker Evans beauty of the common tool)

Viele Gebrauchsgegenstände des 20. Jahrhunderts sind ausentwickelt wie ein Maulschlüssel. Es käme nur noch darauf an sie (in gleichbleibender Qualität) weiter zu produzieren. Nur ist das mit der Weiterproduktion eine unrentable Sache, gerade in unseren Breiten und erst recht zu den von uns geschätzten Standards. Nun,  es gibt sie noch,  die guten Dinge.

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Vintage ist ein second life der fantastischen Dinge, die aus ca  fünfzig Jahren Massenproduktion unzählig vorhanden sind  ( Mobiltelefone: zweistellige Millionen)!- und deren Gebrauchswert in den nächsten 50 Jahren nur unerheblich sinken wird. Räder sind nur ein Randbeispiel, aber vielleicht ein gutes weil erprobtes Beispiel dieses Gedankenspiels.

Der zukünftige Leben der alten Dinge , ihr vintage future,  könnte von einer just entstehenden Produktionstechnik gesichert werden: dem 3D  – Drucker. Es sind schon viele spektakuläre  Probestücke  gezeigt worden. Vielleicht liegt der größte Nutzen solcher Drucker am Ende in unspektakulären Kleinstserien für schlichte Ersatzteile. Könnte passieren, würde sich rechnen – auch in der Gefühls-Bilanz.

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Ein Beitrag ausschließlich aus Verlinkung gemacht

Und das ,was man original nennen könnte

Fürchtet Euch nicht….

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Eis

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Da rollt er, der bunte kleine Transporter und liefert Tiefgekühltes. Weiter oben, so auf Höhe des gemittelten Horizonts weiter hinten, liegt das Zentrallager. Manchmal finde ich einen Prospekt der Tiefkühlfirma im Briefkasten, den ich zusammen mit den bunten Blättern der Elektronik-, Bau-,Schuh-,und anderen Großmärkte sauber in der blauen Papiermülltonne ablege. Wir haben nichtmal ein Tiefkühlfach.

Die Legende will, daß  Fausto Coppi einen  Kühlschrank gewann, den er dann seiner Mutter schenkte. Zuhause sah er, wie dieser als  Geschirrschrank genutzt wurde. Nahrungsmittel, die konserviert wurden, hingen an der Decke: Speck, Wurst, Schinken, Knoblauch und Zwiebeln. manche Dörfer in Deutschland verfügten über einen gemeinsamen Eiskeller, heute nutze ich  jeden Supermarkt als solchen. Jedenfalls für gefrorenes…

Bin ich der Konkurrent des Transporters oder sein Nachfolger? Sollten wir nicht die Supermärkte grundsätzlich als outsourced Gefriertruhen nutzen? Nur ein Gedanke, denn über Eis, Frost und Kühle sollte man auf jeden Fall nachdenken, sie fordern viele Entscheidungen.

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Ab 10 Grad unter  Null kristallisiert die Luftfeuchte aus. Sie bildet hübsche kleine Muster auf dem Rad, das ich draußen vergessen hatte. Die Kristalle springen ab wie Staub, er Sattel ist frei und trocken- das Rad startet auf Anhieb, die Räder rollen etwas härter ab. b6

Der Winter ist nicht nur grau schwarz und weiß. Eher ein dunkles blau und viele Stufen von Grau, eine sehr gedämpfte Palette. Hat auch was und erinnert mich an den abstrakten Engländer, der in Bayern lebt: Scully. Sean Scully?

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Ja, der wars. Alle Bilder sind von ihm.

Sean Scullly, Margarita et.al.

 

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Jetzt, in der zweiten Frostwoche eisen die Bäche und Flüsse langsam zu. Enten flüchten auf Eisschollen. Viel ist nicht mehr zu hören. Bei klarem Wetter riecht es hin und wieder nach Kerosin. Wenn die Sonne herauskommt, fühlt es sich unter der softshell- Haut schon fast ein wenig wärmer an. Immer durch die Nase einatmen .

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Gegen die Regungslosigkeit, das Eis und die Frostwege habe ich ein wirksames Mittel. Mein Raleigh – treu hält es die Spur und hilft mir, frische Lebensmittel nach Hause zu bringen.

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Was kommt nach Terabyte?

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fragt mein Sohn mich heute. Die neue Playdingsda seines Freundes hat 100 Terabyte, das neue Spiel darin  braucht 10. Wie heißt die Zahl über Terabyte?

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Ich erinnere kurz an Zahlen aus der zeitgenössischen Werbung:  60MB Festplatte im 20MHz Takt  auf dem Panasonic! Und nun Terabyte: daß Paul Virilio, der Kulturtheoretiker , dies noch erleben darf! Virilio kam (vor ungefähr 25 Jahren) zu Bekanntheit als fundmentaler Kritiker der Beschleunigung unserer Welt. Die Welt der 60MB Festplatten.

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Ich lese mit dem  Vergnügen eines Überlebenden seine Positionen von vor 20 jahren im Magazin der Frankfurter Allgemeinen;  Magazine, die mich über alle Umzüge treu begleiten. Portrait und Interview finden statt ,als das Internet gerade anfängt, laufen zu lernen.

Virilio,  Feind der Beschleunigung, Mahner gegen die Religion des Fortschritts berichtet, daß er sein Fax abgeschaltet hat. Mittlerweile ist diese Geste  völlig antiquiert und auch seine Aufforderung,  mit den neuen Techniken der sozialen Kontrolle nicht zu kollaborieren wirken , nun, ein wenig aussichtslos.

c3Denn wenn eine Mehrheit beschlossen hat mit fatzbuch oder über vottsepp zu kommunizieren kommt eine Verweigerung von Kooperation dem sozialen Ausschluß gleich, am Ende einem Ausschluß vom Arbeitsplatz.

Doch Virilio ist kein Angestellter eines Chemiekonzerns oder Alphasklave einer Investmentgroup, sondern Architekt und freier Denker. Daß an seinem Denken einiges richtig ist  und bleibt, dafür lasse ich das Interviews von 1996 sprechen.

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F: wer will sich denn für diese vielen Daten interessieren, die niemand überschaut?

PV: Es geht nicht um die Inhalte, sondern um die Möglichkeit der Erfassung dieser Daten und damit um die soziale Kontrolle. die Informatik ist ja genau das Mittel, das es erlaubt , Ordnung in dieses Chaos zu bringen und die Masse von Informationen zu verarbeiten.

F: Wird es eine Revolte – einen Widerstand gegen diesen „Cyber-Faschismus“ geben?

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PV: Es handelt sich bei den neuen Technologien durchaus um eine Okkupation (Besatzung); nicht im militärischen Sinne aber in gesellschaftlicher Hinsicht sehr wohl….auch gegen die Datenbombe muß eine Strategie des Widerstands gefunden werden.

F: Sie raten ab, einen Computer zu kaufen ?

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PV: Nein, nicht unbedingt. Wenn Sie schon eine Bibliothek zuhause haben, ist die Anschaffung eines Computers zu verantworten. das Telefon hat schon bewirkt, daß keine Briefe mehr geschrieben werden. Wer nicht schreibt, liest nicht und wird irgendwie stumm. Er kann sich nicht mehr ausdrücken und greift zur Gewalt. Was mich an den CD-ROMs stört (60 MB), ist die Virtualität. Man besucht nicht mehr das Museum – man hat es zu Hause . . .ich fühle mich als Kunstkritiker der neuen Technologien. Ich liebe sie, ich arbeite seit 20 jahren mit Ihnen . . . für uns Architekten ist  die Technik der virtuellen Realität ein Segen. “ ………………………………………..20 Jahre sind eine sehr lange Zeit.

100 Terabyte haben diesen Segen sicher nicht geringer gemacht  und die Koexistenz mit der immer anwesenden virtuellen Welt nicht mehr auf Architekturbüros beschränkt. Die Kinder des Atari sind heute erwachsen.

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Virilios Kritik ist nicht verkehrt , aber dies 20 jahre haben auch bewiesen, daß die „soziale Kontrolle“  zweischneidig ist. Jedem ist bewußt, wie geschützt unser Kommunikationsraum ist, wir haben Axxange und  Nxxx hinter uns, sehen aber auch die Bekämpfung von Terrornetzwerken durch „Kontrolle“. Auf der anderen Seite sindungehindert  funktionierende Datenströme (Terabytes!) ein ökonomischen Faktor, wenn nicht gar ausschlaggebend für den Zustand unserer Gesellschaft.

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Die 100 Terabyte Frage die mein Sohn stellt,  meint ein neues  Simulationsspiel. Da verliert physische Wirklichkeit da draußen schonmal an Attraktivität, an einem Regentag noch mehr. –  was aber schon für 100 Megabyte Spiele gegolten hat. Denn das Verhältnis ändert sich nicht proportional zum Maß an „Virtualität“. Vielmehr stellt sich ein Junge die Sache so vor, daß er mit der besseren Simulation schneller lernt, ein wirkliches Auto zu fahren. Virtualität ist eben Substitut und/oder Katalysator, nicht aber die Sache selbst. Das Suchtpotential steht nicht in Frage, ist aber eine Frage der Sozialisierung – wie bei anderen potentiellen Drogen auch.

Kritik am Fortschritt als eine galaktische Datenflut, die jemand unter Kontrolle bringen will und soziale Zersetzung erzeugt, halte ich für fast paranoid. Die Formen der Gemeinschaft verändern sich, die Formen der Gesellschaft folgen neuen Möglichkeiten….

Und zwei Dinge werden verhindern, daß sich eine Generation bleicher, bildschirmfixierter Autisten und Autistinnen entwickelt. Erstens hat die Wirklichkeit lebender Homini als Sparringspartner, Freunde, Konkurrenten durchaus ihren Reiz und zweitens  ist das Erleben des eigenen Körpers in Aktion ein hormonell auf Dauer lohnenderes Spiel, von dem wir nicht lassen werden. Radfahren beispielsweise. ..

 

 

 

 

 

 

 

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Ein letztes Geschenk

In Sachen Reifen bin ich nicht so dogmatisch und glücklicherweise haben wir die Korbacher Reifenentwicklung nicht out-gelandet oder – gesourced.

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Die besseren Modelle von Conti seit 1990 kenne ich inzwischen alle. Ein alter grand prix S in schwarz zeigt immer noch keine Schwächen, einen gelben GP 3000 habe ich nur wegen bröselnden Flanken weggeworfen der 4000, schon seit jahren im handel , wird sicher irgendwie verbessert, aber wenn ich einen kogablauen 4000er finde nehme ich den sofort, lasse ihn gut abhängen und warte auf die Frühjahrssonne.

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