Hört auf alte Männer, die auf Angela Davis hören

Angela Davis said it?

If all you can say about Angela Davis begins something along the lines of, „All I know is that….“ then you know the wrong stuff.  I am applying the, „I am no longer accepting…“ stuff to bicycle stuff. I want Rivendell to be independent of manufacturers who make only disc brake hubs, who quit making their best designs, who follow the ones who follow trends, who evaluate bicycles and bicycle parts and stuff by sales figures, who are in the business for the sake of business, who commodify bicycles and turn their bicycle business into a numbers game and call it a success, who pay famous  people to ride their stuff, who use the bicycle to trounce their friends and strangers on friendly rides, who don’t bother riding unless the ride is epic and advertised on social media, who use the trails as a personal gym and wear advertisements on their clothing when they ride in the woods…etc. The Angela Davis quote strengthens my resolve.

She said it about more important issues than bicycles, I get that, and we here and I me will do what we can here and there about those things, too. But at some level, maybe a low level, it affects our bicycles, too. I don’t know how long we’ll be here. We’re doing well, but in a month I’ll be 67. I wish I were 28. I feel 28 a lot of the time, but I’m not in awe of things the way I was then. I don’t assume that everybody I meet is smarter or knows more or has more experience than I do, anymore. I know some people do, I have my own list of nearly heroes, I certainly know who has influenced me and helped and taught me. Feel like I’m on top of a tiny hill and three-quarters of the way up a bigger hill, and near the bottom of a giant mountain, still.

What I want is to create a few more bits of important bicycle hardware, and I want the RoadUno to come out as good as we imagine it. I don’t want to waste any Rivendell employee’s time. I want them all to do more and more here and be as associated with Rivendell as I am, and I want and hope they can dig in their heels on their own terms here, which means being able to see fifteen years down the road with a vision or something of where the bike market will be and where we’ll be, and I want them to feel,  I hope that they feel strong and confident and in control, so we can keep making bikes that are safe and comfortable and long-lasting and recyclable, with slender tubes painted in nice colors and with nice joint details.

muß man immer wieder hinlinken

coquelicot

Die schöne kleine Fahrt durch die Felder mit dem Rad, auf dem ich fast 28 bleiben kann ist ein Genuß, den man sich nicht durch einen Motor trüben lassen sollte. Und diseser ist für Rivbike, Rivendell, Grant Petersen der Kannibale, gegen den er sich auflehnt.

Die Motorisierung des Rades hat schon einmal zur Krise der Hersteller geführt, das war gegen Ende der 1950er in Europa, als niemand mehr mit dem Rad zur Arbeit wollte, geschweige denn in die Ferien. Räder, das wurden inferiore Vehikel für Frauen ohne Führerschein und Kinder. Die vielen mittlerweile so bewunderten Constructeurs aus Frankreich mußten ihre Läden schließen. Jetzt wird es alle erwischen, die für den Vertrieb (oder die Konstruktion) von E Bikes nicht die kritische Kapitalmasse aufbringen können. Und im nächsten Schritt wird es die Versorgung mit Teilen treffen, die nur für Muskelräder gebaut werden.

Die zunehmende Komplexität der Maschine war immer mein Feind. Die Spirale des Wettrüstens im Rennradbereich oder bei MTBs ist seit Jahrzehnten eine absurde, ungesunde Entwicklung, die das Produkt nur unnötig komplex gemacht hat. Vor allem rückwärts inkompatibel. Also dem Gegnteil von nachhaltig.  Doch sie wird bald enden, die Entwicklung von 1×12 Antrieben ist ein erster Schritt, der dem EBike Tribut zollt, weil Umwerfer und Motoreinheit keinen konstruktiven Sinn ergeben.

Wir werden weiter Räder ohne Motor haben, es werden die Äquivalente der billigen Kaufhausräder aus den 1970ern: schlechte Fertigung, billiges Material, geringe Halbarkeit. Räder zum Wegwerfen. Oder eben extreme Nischenprodukte der last men standing.  Ich sehe Leute, die wöchentlich dutzende hochwertige MTBs aus Schrottcontainern bergen. Räder, die nie wieder in dieser Qualität gebaut werden. Räder, die noch hundert Jahre Nutzwert hätten . Die meisten dieser Räder aber werden für immer verschwinden und eingeschmolzen. Hochvergütete Legierungen, Edelstahlschraueben, unwahrscheinlich haltbare ketten, Naben, Felgen und Lager….. they never come back.

Wir alle reden vom Klima und meinen den Spritpreis,  wir alle reden von Verkehrswende und meinen die kleine Sonntagsrunde am Bikepoint. Wir haben (noch) die Wahl und denken zuerst an uns selbst. Wer die Regalmeter an Körperdeodorantien sieht, weiß, wovor wir Angst haben.

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Besuch in der Basaltstadt – Rheingold 600 Teil 3

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14 Mai 2021 Abschied von der hohen Acht – hinunter nach Mayen.

Einfach da sitzen unter dem Heizpilz. Bis Wärme eindringt, braucht es seine Zeit. Ganz ruhig schneide ich ein Stück nach dem anderen von der heißen Pizza ab. Von der hohen Acht hinunter nach Mayen geht es am Vulkan abwärts, immer weiter abwärts ins Tal der Nette, die nochmal einen feuchten Schub Kühle herüberträgt. Mich schnell in die Basaltstadt retten.

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Innnerhalb der Stadtmauer. Eine aufgeräumte, propere Stadt voller Läden mit großem Marktplatz. Keine zugenagelten Fenster, Nagelstudios oder ad- hoc shisha Großhändler. Kleidung, Speilwaren Schreibwaren und geschenke – und ein Licht draußen:  die offene Pizzeria! Zum ersten Mal wieder auf einer Terrasse sitzen seit über einem Jahr. Schnell den Coronatest machen und still die 510 Kilometer bis hierhin feiern. Test negativ – steck ihn ein, sagt der Mann von der Pizzeria mit der karierten Weste: Du kannst ihn 24 Stunden überall nutzen,  es ist offiziell.

Dann nehme ich die Decke auf von der Sitzbank, wickle sie um mich herum und bestelle die große Pizza.  Hier gleich auf der Bank übernachten geht nicht,  aber Essen ist eine prima Alternative. Der Tisch hinter mir ist voll besetzt und das Gespräch lebhaft. Bürger, die über ihr Geschäft reden und die Immobilien. Dazwischen einer, der stets aufs neue sein Urlaubsitalienisch für die nächste Runde caffé , zabaione und Schnaps auspackt. Andere reden auch von spanischen Inseln. Ich genieße und schweige : tief zufrieden mit meinen Kilometern. Mayen, seit Jahrhunderten stolze Bürgerstadt an der Kreuzung der Handelswege, Basaltgruben;  hat sich immer zu wehren gewußt. Handel und Wandel. Nur darum geht’s. Klima oder Umwelt: wo ist das nächste Geschäft. Mit solchen Menschen ist zu rechnen,  was in den Kommunen läuft wissen sie, der Gewerbesteuerhebesatz.

Nach einer halben Stunde kommen die Kalorien an, endlich spüre ich, daß es im Freien noch angenehm ist, bin der einzige, der zwei Jacken trägt. Aber nun auf, den Schlafplatz finden. Nichts im Innern, Flußnähe meiden, darum hinauf auf den Berg, Kirche, Vorplatz, Ämter; rechterhand einsame und ruhige Straßen. Am Ende ein Friedhofstor. Die Halle hat ein Vordach und eine lange Bank darunter. Sauber und ordentlich. Vleece-decke auspacken.

Ich weiß, daß mein Vorderrad Luft verliert, muß gerade erst passiert sein. Nehme ich mir als  erste Übung nach dem Aufstehen vor.  Jetzt mich in der neuen Bleibe einrichten: ich höre das Rauschen einer Autobahn – die A48 –  dazu Geräusche von Maschinen. Die Decke im Biwaksack ist von phänomenaler Wirkung. Was für ein kuschliges Nest. Ich werde 7 Stunden schlafen und mich wohl fühlen. Die Baustelle auf der Autobahn höre ich noch der Wind ist also auf Süd, dann kommt schon der Schlaf.

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Gleich nach 6 bin ich auf, trinke einen Ayran und genieße die Banane. Dann der Schlauch – ein ganz winziger Splitter hat sich durch den Mantel gearbeitet, kaum zu fühlen. Gefahr beseitigt- kleine goldene Pumpe schafft 5 oder 6 – reicht.

Letzter Blick zurück: hier hast Du gelegen, jetzt sind es keine Hundert Kilometer mehr. Auch wenn Du wieder Zeit vertrödelst auf dem Weg hinaus, die Sache im Griff haben ist ein gutes Gefühl. Der Körper ist müde, braucht seine Zeit, bis er wieder voll arbeitet, aber der schöne Radwaeg auf der alten Eisenbahn macht ihm leicht.

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Täler überqueren, am Spargel vorbei, erste Sportler grüßen. Asphaltierte Bahnlinien, in der Ferne die Autobahn, die großen Lager am Ende der Stadt. GLS, UPS, DHL. Standortvorteil.

Dann gegen den Wind ins Maifeld. Viele Wellen, wenig Bäume, das Land ist fruchtbar. Rotschwänze schaukeln im Raps. Die Morgensonne geht schräge durch helles Laub. Frische Luft. Ich schukle durch die Dörfer.

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(Alles gut am Rad, der neue Schlauch hält, es rollt, mehr will man nicht. Nach einem Tag ist es ein Teil von Dir,  ein gutes Werkzeug. Die Ladung sitzt stramm, nichts wackelt bei den Trinkflaschen. Die Kette schnurrt immer noch – beinahe lautlos,  die Reifen summen. Das Summen der Reifen und das tickern der Dreigangnabe, dieses alte Geräusch der Freiheit. Du spürst Deine Finger, Deine Hände, die Griffe schmerzen nicht . Ab und zu recken und strecken, Arme hinter dem Helm verschränken und Rücken durchbiegen. Darum ist es so wichtig, freihändig ohne Flattern rollen zu können. Cappucino rechts, laugencroissant von links eintauchen und rollen lassen. Nicht weil man keine Zeit hat, sondern weil es so schön passt in den Rhythmus, zum lockeren kurbeln mit einem Cappuccino.  Aber noch ist es nicht soweit. )

Abfahrt zur verwunschenen Burg. Auf dem Busparkplatz nur ein erbsengrüner Camper mit Besatzung:  Scheiben sind vom ersten Kaffee beschlagen. Ein Paar sieht mich an. Der Urlaub.  

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Da ist die Burg – anzusehen ein kleines Wunder. Ein häßliches Schild daneben. Drohneneinsatz nicht erlaubt, mfg der Eigentümer. Abschuß der Drohnen mit Armbrust ? Es waren Raubritter, die sich diese Festung bauten.  

Zurück ins Maifeld, weiter über den Wind und die Felder vor Polch, wo die Keksfabrik steht. Große, fruchtbare Hochebene, wie eine Insel aus Getreidee mitten in der vulkanischen Steinlandschaft ringsum.

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Dann durch ein Mühlental an die Mosel. Ungestört unter Singvögeln. Ich kenne dich, aber so schön warst Du noch nie. Zu früh und zu kühl für die Motorräder. Auch noch keine Gastronomie geöffnet, es lohnt die Anfahrt aus Unna noch nicht.

Ich vergebe drei Sterne für die Aral Tankstelle im Schatten der Brücke von Treis. Kalorien, gute Kalorien, mein Dank überrascht das Mädchen hinter der Theke. Jetzt ist der Cappuccino da.  Gleich geht es an der Gegenseite hinauf  – wieder in den Hunsrück (und ich kenne diesen Anstieg auch: Hitze,Marathon Polch 2014).

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Die Mosel wieder, das große gewundene Band und die Frachtschiffe.

Die Mosel immer tiefer unter mir, der Anstieg wird sich eine Weile ziehen, trotzdem mag ich ihn. Ich habe meinen Rhythmus, ich habe frisches Koffein im Blut und das das Ziel kommt näher. Maifeld und Mosel: wieder ein Kapitel geschlossen, die letzten Seiten des Rheingold 600 werden gleich geschrieben.

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Die Wolken ziehen schnell über mir hinweg, frisch bleibt der Wind heute. Die Melodie des zweiten Prokofiew Klavierkonzert kehrt immer wieder, seit zwei Tagen schon. Die Gewitterfront war gestern und soll mich nur gestreift haben, der Regen kommt zu spät. Der Hunsrück und seine Wälder rund um die A61 geben gut Deckung. Südwest mit vollem Gegenwind, wie es die großen Windräder zeigen, doch das ist gut so: gleich geht es nach Osten auf den Rhein zu und dann, ganz am Ende, über 10 Kilometer flach daran entlang! Noch einmal ins Grün tauchen, Rehkitze sehen, Bremsen und aufwärts. Immer wieder aufwärts.

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(Das war er- lang und zäh, gleich nach einer Haarnadelkurve mitten im Wald, gleich nach einer rasenden Abfahrt. Aber die Kraft ist da, es ist nur der Rhythmus, der wieder gefunden werden muß. Kein Auto, kein Motor, je einsamer, desto besser. Kein besonderer Anstieg, auch nur drei oder vielleicht vier Kilometer.  Eine kehre im Wald, eine Kehre im Feld eine kehre im Dorf und bald die Kuppe in Sicht. Die Form ist da, wenn Du nicht über sie nachdenkst. Sie ist ein Geschenk, mit dem Du gut haushalten sollst…)

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Ein Buchstabe weniger und schon transzendiert die Bundesstraße zur Abkürzung ins Nirvana. Jetzt noch an den Loreley- Bogen. Es gibt ein Schild, ist nicht zu verfehlen. Durch einen Feldweg auf den Rhein zustürzen, im letzten Moment  vor dem Steilhang links, ein kleiner Pfad.

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Dann dieser Blick

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Und dieser

Im Dorf die rheingoldstraße, das Programm der Reise. Diese Reise, die jetzt ganz deutlich zuende geht, mit Rückenwind, in weniger als einer Stunde, wenn alles klappt. Auch an einem grauen Tag kann Euphorie entstehen, auch hinter einem Wohnmobil aus Herford. Nichts gegen Herford, alte Stadt.

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Nun Boppard, liebe B9. Immer auf dem Randstreifen, immer den Radweg meiden! Die Fuhre rollt, wie heißt der gott? : Zéphyr. Das Ende sehen. Den Wind spüren. Dunkle Wolken links, Sonne vor mir. Das Finale wartet bei Kilometer 606.

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Das Finale ist eine Bergankunft. Der Schauer hat mich gerade eingangs Boppard erwischt, und ist schon wieder fort, als ich die räudige B9 für ein kleines Tal verlasse, wo der Scharfrichter wartet. Ich hatte es mir gedacht.

Und ich ziehe den Joker: 30×28, denn ich werde nicht mehr absteigen, bis ich oben bin. Und nach den ersten hundert, vielleicht 200 Metern wird der Berg milde, die Bäume streicheln mich mit ihrem Schatten. Denn die Sonne ist wieder da. Habe ich ein wenig Glück gehabt, habe ich ein gutes Rad und genug Sauerstoff überall.

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Und dann bin ich da! , neben dem geschlossenen Biergarten. Also stoße ich auf den Rhein und seine nächste Schauerwolke mit der Trinkflasche an. Vergesse ganz, die Mountainbiker nach einem Bild zu fragen. Was solls, es ist schön, hier zu sein und seine Ruhe zu haben, während im Tal die Bahn vorbeirauscht, eine Kirchenglocke läutet, der Strom vorüberfließt.

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Der nächste Schauer kommt, ein Dachvorsprung hilft und langsam genieße ich den Feta und den frischen Fenchel, ganz langsam, bis die Sonne wiederkehrt und ich weiterfahren kann.  . .

15 mai 2021

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Eine unverhoffte Rezension: JG Ballard 1969

Das besprochene Werk politisch korrekt zu nennen, galt nur für einen sehr begrenzten Zeitraum in einem doch begrenzten Wirkungsgebiet. Ich verrate nichts über diesen ehemaligen Bestseller, der als historisches Studienobjekt gerade ins Französische übertragen wurde.

Die Englische Ausgabe war schon 1969 fertig und den einzigen sinnvollen Umgang damit liefert uns der Autor JG Ballard in seiner damaligen Rezension. Sie bringt Licht ins Reich der Finsternis

By JG Ballard

The psychopath never dates.

Hitler’s contemporaries – Baldwin, Chamberlain, Herbert Hoover – seem pathetically fusty figures, with their frock coats and wing collars, closer to the world of Edison, Carnegie and the hansom cab than to the first fully evolved modern societies over which they presided, areas of national consciousness formed by mass-produced newspapers and consumer goods, advertising and tele-communications. By comparison Hitler is completely up-to-date, and would be equally at home in the sixties (and probably even more so in the seventies) as in the twenties. The whole apparatus of the Nazi super-state, its nightmare uniforms and propaganda, seems weirdly turned-on, providing just that element of manifest insanity to which we all respond in the H-Bomb or Viet Nam – perhaps one reason why the American and Russian space programmes have failed to catch our imaginations is that this quality of explicit psychopathology is missing.

Certainly, Nazi society seems strangely prophetic of our own – the same maximising of violence and sensation, the same alphabets of unreason and the fictionalising of experience. Goebbels in his diaries remarks that he and the Nazi leaders had merely done in the realm of reality what Dostoevski had done in fiction. Interestingly, both Goebbels and Mussolini had written novels, in the days before they were able to get to grips with their real subject matter – one wonders if they would have bothered now, with the fiction waiting to be manipulated all around them.

Hitler’s ’novel‘, Mein Kampf (Hutchinson, 1939) was written in 1924, nearly a decade before he came to power, but is a remarkably accurate prospectus of his intentions, not so much in terms of finite political and social aims as of the precise psychology he intended to impose on the German people and its European vassals. For this reason alone it is one of the most important books of the 20th century, and well worth reprinting, despite the grisly pleasures its anti-semitic ravings will give to the present generation of racists. How far does Hitler the man come through the pages of this book? In the newsreels Hitler tends to appear in two roles – one, the demagogic orator, ranting away in a state apparently close to neurotic hysteria, and two, a benevolent and slightly eccentric kapellmeister sentimentally reviewing his SS bodyguard, or beaming down at a picked chorus of blond-haired German infants. Both these strands are present in Mein Kampf – the hectoring, rhetorical style, shaking with hate and violence, interspersed with passages of deep sentimentality as the author rhapsodises to himself about the mystical beauty of the German landscape and its noble, simple-hearted peoples.

Apart from its autobiographical sections, the discovery by a small Austrian boy of his ‚Germanism‘, Mein Kampf contains three principal elements, the foundation stones, walls and pediment of a remarkably strong paranoid structure. First, there are Hitler’s views on history and race, a quasi-biological system which under-pins the whole basis of his political thought and explains almost every action he ever committed. Second, there are his views on the strict practicalities of politics and the seizure of power, methods of political organisation and propaganda. Third, there are his views on the political future of the united Germanies, its expansionist foreign policy and general attitude to the world around it.

The overall tone of Mein Kampf can be seen from Hitler’s original title for the testament: A Four and a Half Years Struggle Against Lies, Stupidity and Cowardice: A Reckoning with the Destroyers of the Nazi Party Movement. It was the publisher, Max Amann, who suggested the shorter and far less revealing Mein Kampf, and what a sigh he must have breathed when Hitler agreed. Hitler’s own title would have been far too much of a giveaway, reminding the readers of the real sources of Hitler’s anti-semitic and racialist notions.

Reading Hitler’s paranoid rantings against the Jews, one is constantly struck by the biological rather than political basis of his entire thought and personality. His revulsion against the Jews was physical, like his reaction against any peoples, such as the Slavs and Negroes, whose physique, posture, morphology and pigmentation alerted some screaming switchboard of insecurity within his own mind.

What is interesting is the language in which he chose to describe these obsessions – primarily faecal, one assumes, from his endless preoccupa-tion with ‚cleanliness‘. Rather than use economic, social or political arguments against the Jews, Hitler concentrated almost solely on this inflated biological rhetoric. By dispensing with any need to rationalise his prejudices, he was able to tap an area of far deeper unease and uncertainty, and one more-over which his followers would never care to expose too fully to the light of day.

In the unanswerable logic of psychopathology, the Jews became the scapegoats for all the terrors of toilet-training and weaning. The constant repetition of the words ‚filth‘, ‚vileness‘, ‚abscess‘, ‚hostile‘, ’shudder‘, endlessly reinforce these long- repressed feelings of guilt and desire.

In passing, it is curious to notice that Hitler’s biological interpretations of history have a number of striking resemblances to those of Desmond Morris. In both writers one finds the same reliance on the analogy of the lower mammals, on a few basic formulas of behaviour such as ’struggle‘, ‚competition‘, ‚defence of territory‘. There is the same simple schematic view of social relationships, the same highly generalised assertions about human behaviour that are presented as proven facts. Hitler talks without definition of ‚lower races‘ in the same way that Morris refers to ‚primitive societies‘ and ’simple communities‘. Both are writing for half-educated people whose ideas about biology and history come from popular newspaper and encyclopaedia articles, and whose interest in these subjects is a barely transparent cover for uneasy fantasies about their own bodies and emotions.

In this preface, the translator of Mein Kampf describes it as written in the style of a self-educated modern South German with a talent for oratory. In this respect Hitler was one of the rightful inheritors of the 20th century – the epitome of the half-educated man. Wandering about the streets of Vienna shortly before the first World War, his head full of vague artistic yearnings and clap-trap picked up from popular magazines, whom does he most closely resemble? Above all, Leopold Bloom, his ostensible arch-enemy, wandering around Joyce’s Dublin at about the same time, his head filled with the same clap-trap and the same yearnings. Both are the children of the reference library and the self-improvement manual, of mass newspapers creating a new vocabulary of violence and sensation. Hitler was the half-educated psychopath inheriting the lavish communications systems of the 20th century. Forty years after his first abortive seizure of power he was followed by another unhappy misfit, Lee Harvey Oswald, in whose Historic Diary we see the same attempt by the half-educated to grapple with the information overflow that threatened to drown him.

Scanned from New Worlds, Number 196, December, 1969.

 

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Schabbach an die hohe Acht – Rheingold 600 – Teil 2

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Edgar Reitz wußte es

die Nächte sind auch im Mai noch kühl, doch jetzt sind die Vögel wirklich da, keine Nachtvögel oder aufgeschreckte Tiere, sondern die Vögel, die den Tag ansingen.

14. Mai 2021, Zweiter Tag des Rheingold 600 Brevets.

Es ist noch nicht fünf, aber kein Zweifel mehr, der Himmel bekommt Farbe und ich richte mich vom Holztisch auf, auf dem ich mir die Nacht um die Ohren geschlagen habe.Langsam den Biwaksack einrollen, die Sachen aus der Rückentasche wieder einstecken, die leuchtorange Regenjacke über die Daunen überziehn, es ist kalt. Ein letzter Blick auf die zwei Bierflaschen. Ein Morgenschluck, immer noch gut. Vielleicht nochmal durchs Dorf fahren, vielleicht einen Bäcker sichten oder doch einen warmen EC Kartenraum entdecken? Weder noch, schöne Kirche hat Hennweiler – aber keinen Geldautomat: nichts verpasst.

Wo bin ich? Wo ist der Track, die dünne Linie in Magenta, die mir den Weg aus diesem Schabbach hinaus weist? Ich weiß es nicht mehr. Fahr zurück an meine Bushaltestelle, meinen Liegeplatz. Oben am Kreisverkehr erwische ich ein rosa Zipfelchen der Strecke – und jetzt wohin?

Kann mich einfach nicht erinnern. Bis ich ein Schild sehe – Kesselbach  – daher also kam er, jetzt in Gegenrichtung, leicht bergan. Und schon bin ich in der Spur des Brevets . Die Beine drehen überraschend  leicht, schmerzfrei und ohne Schwere – dafür Zähneklappern und Atemwolken. Andere träumen vom Overnighter mit Blockhütte im Wald: Trapperromantik für Millenials. Wir neigen uns tief über den Lenker, kauern uns zusammen.

Warmfahren – wird schon bald ein Bäcker kommen, es ist Fünf. Ein echter Bäcker hat da schon die erste Fuhre aus dem Ofen gezogen. Wo sind die echten Bäcker?

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Mit der Nase ins nächste Dorf, nichts zu riechen, kein Hefeduft, kein Zimt, kein frisches Brot. Nichts regt sich. Hinunter ins Tal – über dem Fluß weiße Watte – der Morgennebel. Dreimal an der Gabelung verfahren – zweimal umsonst hinauf im Zwielicht. Vögel lachen laut. Und dann den kleinen Weg zur Schiefergrube gefunden: es war der Leichteste, rollt ganz allmählich hinauf. Grau und schwarz liegt der Schiefer neben mir. Gerüste und Geräte aus Rost.

Auch oben in Sulzbach regt sich keine Katze , kräht kein Hahn. Alles zu oder seit Jahren aufgelassen,  Schabbach ist tot. Edgar Reitz hat es vielleicht schon geahnt. Ein Gel drücke ich ein, das hilft zehn Minuten.

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Der Horizont errötet leicht und gewaltig weit geht der Blick. Ein Fernsehmast . Wo mag der Erbeskopp liegen? : eher rechterhand. Wo gibt es Kalorien? Ein massiver Kirchturm taucht auf. In diesem Tal muß das Glück liegen –

Hottenbach.

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Auch hier die alte Wirtschaft. Und gerade als es schon wieder zum Dorf hinausgeht das kleine Schild entdecken. Der Dorfladen – Einer für Alles.

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Öffnung erst in zehn Minuten, sagt der Zettel an der messinggerahmten Glastür. Die Jalousie an der dahinter geht einen spaltweit auf: eine Frau hat meine Not erkannt. Weit und breit die einzige Versorgung. Ich lasse die Kasse klingeln und fülle den Rucksack. Kleine gelbe Preisetiketten mit dem Namen Edeka. Auf der Treppe:  endlich frühstücken, dabei  zusehen, wie alte Männer im grünen Rock  aus Autos steigen. Einer raucht an der Ecke die Morgenzigarette

Sanft hinauf in den Idar Obersteiner Wald,  die Beine schmerzen nicht, nur der Tritt ist schwer

Die lange Gerade hinauf zum Erbeskopf

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 kommt mir endlos vor. Eine eigenartig weite Gegend,  das Erzgebirge ist so ähnlich. Links ab ein letzter Anstieg .

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Um 8 stehe ich am Erbeskopf – das Navi hat angefangen zu spinnen, fällt aus und bildet rosa Flächen, aber der Irrtum ist ausgeschlossen. Zweiter Gipfel der Tour erreicht: den Dritten zum Abschluß heute Abend.

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Vermutlich stecke ich mitten in einem Gewitter elektromagnetischer Strahlen. Schnell weiter. Über 300 geschafft- Über den Lenker kauern und warmstrampeln. 200 meter tiefer scheint die Sonne, im Tal ist Halbzeit. Thalfang. Die Edelstahltanks der großen Molkerei  glitzern und werfen die Morgensonne millionenfach zurück. Weißer Dampf steigt auf.  Molkerei, Bundesstraßen und Morgensonne. Letzte Wellen zur Mosel hinüber, grünste Abfahrten.

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Falsch abgebogen, nun über den Pilgerweg steil nach oben. Gehen als willkommene Abwechslung, die Beine ganz anders belasten. Der Kopf ist noch nicht ganz klar, die zwei Brötchen und Bananen von 6h30 sind wohl schon wieder verbrannt.

Mosella

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Dann endlich sehe ich das gelobte Land. Eine große Flußschleife, Weinberge ringsum, Dörfer in der Sonne, in Jahrhunderten gewachsen: so elementar wird der Platz für die Reben gebraucht.

Flüssiges Gold seit 2000 Jahren. Nebenan liegt Piesport. Von dort aus brach der Winzer Kettern mit seinem kleinen Pritschen-Magirus auf bis in die Rheinlande. Aus einer Provinz , die der Römer Ausonius höher lobte als seine Heimat Bordeaux.  Heiteres Schwatzen im kleinen Supermarkt alter Machart. Rheinische Mundart. Verwinkelt, gedrängt, lebendig. Man sieht den Fremdling mit fast unverholener Neugier an, während man Kisten aufreisst und (laut) weiterredet. Morgens vor 10 ein Mann im Edeka. mein zweites Frühstück unter dem blauen E auf gelbem Grund ; vor allem der saure Joghurt, den ich mit Knoppers-Riegeln auslöffle ist neuer Favorit.

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Durch die Weinberge an die Mosel  und auf der Gegenseite in die Eifel: das nächste Kapitel beginnt, die Kalorien sind drin und die Reserven aufgefrischt. Bis Gerolstein könnte es reichen. .

Die  Eifel kündigt sich mit Wäldern, Wiesen und kleinen Wellen an, dazwischen noch immer Reben,  aber bald schon rote Erde. Vieh weidet am Bach, Pferde auf der Koppel, alles ist schön. Ein Moment von Glück zieht vorbei.

Guterde

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, so heißt die Gegend und so ganz anders fühlt sich itzo der Tag an. Warm und voller grüner Düfte. Langsam wird die Welt hinter mir kleiner, der Kamm des Hunsrück als große dunkle Horizontlinie. In einer Stunde zwei Wochen Frühling gewonnen.

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Darüber aber schon ein dunkles Wolkenfeld. Es hat noch Zeit.

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Weiter nur, wo bleibt das große Maar – noch manche Kilometer durch Äcker und Wälder sind zu machen.  Das tiefe Land und wieder so anders als die Gegenseite. Wenn die Sonne wärmt und Du trotzdem glaubst, nicht zu schwitzen. Die Luft hat Sauerstoff im Überfluss,  es ist die richtige zeit für diese Fahrt.

Im Wald holen sie Holz an der Straße, die gerade frisch geteert ist. Die ganze Breite nutzen, freihändig rollen und trinken, gleich kommt das Maar. Noch ein paar leichte Anstiege und dann das Dorf.

Der Urknall

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Ein so schöner Kessel- wie mit dem Zirkel entworfen und unten die Wasserfläche, der tiefste Punkt im großen Krater. Ich setze mich und lasse einmal die Socken auf dem Stein lüften, die Schuhe auch. Ein Denkmal haben sie dem Kaiser gesetzt, weil er den Wasserspiegel gesenkt hat. Es ist Mittag und eigentlich möchte ich bleiben.

Aber die dunkle Wolkenwand über dem  ist mein Feind und vertreibt mich.

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Der Weg führt hinter den berg, ein magischer Weg durchs  Tal der kleinen Kyll . Der Hang schützt mich vor dem Schauer, der mich erst erwischt, als ich aus der Deckung des Tals komme. Sofort in ein Bushäuschen, dort sitzt schon einer. Schauer kommen, Schauer gehen sagt er, hat heute schon 2 erlebt. Es prasselt nieder und 5 Minuten später ist alles vorbei. April im Mai – weiter Richtung Gerolstein, jede Welle die ich überwinde, schützt mich vor der nächsten Regenwand. Gleichmäßig  hinauf und hinunter,  Umwerfer hin – Umwerfer her, Friktionshebel sind etwas genial einfaches, kaum Kraft nötig.

Mehr Autos jetzt  – Gerolstein kommt näher, die große Wolke auch.

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Unter das Vordach der altenTankstelle und die Regenjacke über.  Aber der Regen ist nur kurz. In der Stadt des Sprudels soll es

einen Mc Donalds geben!

Besser als Bingen – an der Innenstadt vorbei (gut besucht, nicht verödet) aber noch ist lockdown.

Zwei Gravelgenossen gesichtet in vollem Ornat. Sie kaufen Norma, Randonneure lieben den Drive in von Mc Donalds. Familien auf der Durchreise bestellen dort ihr Mittagessen und bekommen es in fünf Minuten  -müssen das Auto gar nicht verlassen. Schnell, billig und praktisch.  

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Die Option Pommes and BigMac ist wieder die Richtige. Den Big Mac esse ich unter dem Vordach des Norma, die große Pommes erst im Rollen, als ich das vom letzten Schauer (Grollen eines Gewitters) noch regennasse Gerolstein wieder verlasse – bergauf. Man hat keine echte Wahl, denn die Frage ist nicht Restaurant oder Italiener, Biergarten oder Fastfood, sondern nur: welchen fastfood wählen?… Von allen Lösungen ist  Mc D die Beste ist: sie braten einfach mit weniger Fett oder nehmen mageres Fleisch und ihre Pommes schlagen die gleichfalls tiefgekühlten Qualitäten der Konkurrenz um Längen. Mein Körper, der sonst kaum mit Schnellessen in Berührung kommt, dankt es mir auf dem Weg hinaus, auf dem Weg fort von der nächsten Regenwand.  Weiter in die Vulkaneifel.

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Die sich sehr deutlich abzeichnet , nordostwärts, allmählich höher und höher. Vorn hole ich die gelbe Karte heraus. Jetzt muß eine Kontrolle doch kommen. Gleich 400 Kilometer, die Sache ist fast geritzt.

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Und  hier posiere ich bei km 404 vor einer Nepomukstatue. Gleich weiter aufwärts. Bemerkenswerte Bäume, bemerkenswerte Wiesen, der Wind ist gut, (treibt neue Wolken hinter mir her).

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Bemerkenswerte Traktoren.

Dann ein Viadukt im Ahrtal und wieder fünf Minuten Regen.  Jacke an und gleich wieder aus – man schwitzt so blöde.  Die kleine gelbe Weste reicht gegen den kleinen Sprüher und Wind in der Abfahrt.  Im Windschatten eines Fiesta bleiben und die nervösen Rückspiegelblicke wahrnehmen.   

Wieder so eine krumme Ecke mitten im Dorf. Ich kreisle herum und suche die Abzweigung. Ach da geht’s hinauf, gleich geradewegs hoch zum Friedhof . Wie eben auf dem Weg nach Gerolstein, die Friedhofswege sind immer die steilsten. Track ist track und bist Du erst einmal oben  – geht es eben weiter.

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Jetzt nur noch 20 Kilometer bis zum großen teleskop – ein Witz. Aber der Witz zieht sich. Wer sich in der Eifel verausgaben will, nimmt jeden Anstieg den er bekommen kann. Wieder ein kleiner Verfahrer – man bemerkts erst, wenn der Track im Abschwung verschwindet. Oh my!

Das Ortsschild Effelsberg. Ich habe Dich erwartet.

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Der Anblick eines Radioteleskops mitten im Grünen bleibt ein surrealer Moment. 50 jähriges Jubiläum feiert es  und glänzt vom letzten Schauer. Tief in die Mitte der Galaxie schauen, während Radfahrer mühsam Meter um Meter vorwärtskommen.  Sie wollen jetzt die Radoioteleskope der Welt synchronisieren, noch tiefer und genauer in die Entstehung des Weltalls blicken, von dem sie hier immer nur einen kleinen Spalt kosmischen Rauschens erkennen können. Aus Millionen Kilometern könnten sie einen Radfahrer erkennen. Das Staubkorn kriecht weiter.

Was kommt jetzt? Noch ein Stück Eifel, noch ein Tal und dann der große Abschluß, die hohe Acht. Kein Regen mehr, die Wärme der Täler.  

Eben schon meinte ich, die Motorengeräusche zu hören, die die Eifel an Wochenenden immer wieder erfüllen. Die Motorradkolonnen, die Ausflügler, vor allem aber die Freizeitsportler: der Nürburgring. Die hohe Acht liegt am nördlichen Zipfel des Nürburgrings. Jedes Wochenende treffen sich Hobbypiloten, Fahrzeuge ausbeschleunigen, die auf unseren Straßen vor Kraft kaum laufen können. Überall  sehe ich die überpotenten Mittelklasseboliden, die mir ab Lind und Ahrbrück um die Ohren sausen. Ein Breitensport.  Manche übernachten hier, andere kehren zurück in ihre Werkstatt-Garagen von Köln –Longerich, Düsseldorf-Oberkassel oder Eindhoven….

Über den Motoren die hohe Acht

Die Kilometer seit Gerolstein haben Kraft gekostet. Meine Vorräte aus einem kleinen Dorfladen in Lissendorf halten vor, aber die Müdigkeit setzt sich durch auf dem Weg nach oben. Nach dem Parkplatz zur hohen Acht steige ich ab , einfach schiebend den Tag vollenden. 

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Mit einer Decke beladen, die mir in dieser Nacht nützlich sein soll. Die Sonne geht unter, hinter den Tannen färbt es sich orange und bläulich, die Himmel Tizians leuchten so. Letztes Motorengrollenaus dem Tal. Ruhe und Friede, bis auf die Echokammer der Kolkraben, deren Clans diesen Berg besetzt halten. Sie rufen sich von den Bäumen aus zu, dutzende müssen es sein.

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Dann ist der kleine Bergkegel der hohen Acht erreicht, ein steiniger  letzter Hügel aus Basalt, den ein einsamer Turm krönt.  Überall blüht es zwischen den Steinbrocken. Als ich das Rad an den Handlauf stelle (so steil ist der Aufstieg) höre ich immer wieder Stimmen aus dem Turm.

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Oder höre ich schon Stimmen? Ich weiß es nicht, aber schnell bewege ich mich fort;  bei sinkendem Tageslicht rolle ich vorsichtig zur Straße, die nach Mayen führt. 19 Kilometer später ist es dunkel, als ich durchfroren die Wehrtürme der Stadt erkenne

Kilometer 500. Ich muß essen und schlafen.

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Rheingold: Himmelfahrt 600 – erster Teil

ak1Christi Himmelfahrt – auch als Vatertag bekannt. Männer jeden Alters ziehen über die Lande, oft Bollerwagen mit Bierkisten hinter sich. Radfahrer passen auf, die Scherbenzahl auf den gemeinsamen Wegen nimmt stark zu.  Manchmal sind es  ganze Flaschen. Dagegen ich bin mit dem Rad unterwegs, den ganzen Tag schon:  Um  8 in der früh beginnt die Zeitrechnung des Rheingold 600 am deutschen Eck unter dem riesigen Monument.

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Jetzt, 14 Stunden später, ist es finster, ein winziger Mondschnipsel , ich bin müde, muß endlich schlafen.

Hier, in dieser Hunsrücker Bushaltestelle sind zwei halbgeleerte Flaschen Kirner Pils übriggeblieben. Einsam sehen sie mich im Licht einer Straßenlaterne an, die Dorfstraße ist leer, nur ein Trafo brummt hinter mir – vielleicht produziert er Abwärme. Im Hunsrück wird’s abends schnell kalt, nur wenige Lagerfeuer säumen den Weg, seit 20 Kilometern schon gar keine mehr. die Steigung hinter Kellenbach hat mir für heute gereicht. Irgendwann ist es gut.

Was dem einen die Flasche zuviel war,  wird mir ein Schlaftrunk nach 260kilometern. Vorsichtig fülle ich das kühle Bier in die leere Trinkflasche und nehme eine Kostprobe. Es ist frisch, herb und klar. Kühl sowieso –  Nichts als diese Bank in einer Bushaltestelle habe ich finden können. Da war die hölzerne 20 kilometer zuvor vielleicht besser gewesen: nach allen Seiten geschlossen, keine Plexiglasfenster, dickes isolierendes Holz rundum.

a13Hier in Hennweiler habe ich keine Wahl, was soll noch kommen in  dieser Dunkelheit mit drei Laternen auf 10 Kilometern.

Morgens im Zug durchs neblige Lahntal. Warmer Vortag und plötzlich dieser kalte Nebel. Bahnhof Nassau. Auf dem Campus der Leifheit Hausgeräte Werke knien 60 oder mehr Menschen. Ihnen gegenüber ein bärtiger Mann im Schneidersitz: weißer Kaftan, weißer Turban. Sie verneigen sich.

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Koblenz ist aufgeräumt, hier kenne ich mich beinahe gut aus, fröstelnd geht es an das Deutsche Eck. Der Kirchturm schlägt von der Stadt her acht und zwischen Müllwagen mache ich mich auf der Rheinallee davon. Kein Regen aber dafür kalt. Meine Laune könnte besser sein.

a4Sie wird es erst, als ich diesen Turm wiedersehe: die Sonne bricht oben durch und ich fahre immer höher. Eitelborn, Arzbachtal,  dann hinauf unter dem Limesturm entlang.a3

Ansehnliche Steigung hier, nach gerade einmal 20 Kilometern. Weiter übers Land. Tollkühn ins Lahntal und gleich wieder aufs Plateau.

a5Der Raps kommt zur Geltung vor Katzenelnbogen. Da ein rosiger Radweg: wieder hinauf. Rosiger Bitumen rollt leise, bekannt  von der Autobahn –( kurz vor Dessau war so ein Stück – lautloses Rollen dort, bevor alles auf drei Spuren erweitert)  es gibt dieses Material hier – Porphyr –  der Steinbruch folgt. Danach ab ins Aartal – Flasche 2 am Co3MGNCa Sauerbrunnen füllen. Und hinüber, weiter

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Über die Hühnerstraße, über die Wellen in die Idsteiner Senke in den Goldenen Grund bis Esch. Fast leicht und behende, doch  gleich geht es ins Tal und  beginnt der lange Weg hinauf zum Feldberg.Und da merke ich, wieviel schwerer alles geht, trotz leichtem Gepäck. 2 Kilo mehr, das spürst Du sogar im Frühling Deiner Kraft. Aber Du wirst die Sachen brauchen, verfluch sie nicht!ak4

Ein oder zwei Vollcarbonräder haben mich her gezogen, das tut gut. Rasch nun bis an den Rhein, vorher eine Pommes finden. Auch die Wolken nehmen zu,  frage nicht nach dem Wetter.

Wenn ihr jemals durch Taunusstein kommt: nehmt nicht die Shell Tankstelle. Ritter Sport 2 Euro 50, da hört sich der Anstand auf und der Rest ist auch mäßig. Sind die Taunussteiner denn so reich? Dabei das Angebot winzig, die Leute von Total halten mehr von ihren Kunden. Nicht nur Schnaps und Zigaretten.a6

Gut, den Weg schon zu kennen und die nächsten Steigungen bis Hausen vor der Höhe,  viel besser teile ich mir die Kraft ein. Ganz zurückgenommen hinauf, locker hinab. Bald schon stürzt der Kurs auf Fischbach zuak5

Da verbummle ich mit der Suche nach dem Feuerwehrmuseum ein paar Minuten. Sehr kleines Haus.

a9Finde hier aber auch ein paar Pommes Frites. Sie weiß nicht, wie lange sie‘s noch mit ihrer Schwester macht, das Lokal mit seinen bunten Glassscheiben. Brät auch Fische. Die Pommes gern mit ordentlich Salz. Ein paar Wanderer und Rentner : dann geht’s wieder bergauf, aber besser als zuvor. Der warme Magen hilft.

Kurzer Regenwechsel im Wispertal und ohne Hast in den Anstieg zum Presberg, feucht ist es, nur ein Schauer.b2

Da oben heißt es das Forsthaus finden und belichten. Und ab an den Rhein. Nicht zu früh freuen, erst noch an die Kontrollbank“zwei Burgen Blick“ über den scharfen Stich in die Weinberge: der schönen Aussicht wegen. Kleinste Fliegen prasseln an die Kappe, ich zieh sie tiefer ins Gesicht. Kleiner Gang, kleine Fliegen. Junges Liebespaar im alten BMW sucht nach einem schönen Platz. Bin ihnen eine Minute zuvorgekommen dank Fahrrad . Der Güterzug zieht durchs Tal.

a8 Aus dem Rondell Lautes Singen und Johlen. Hier im Weinberg gibt’s zu Himmelfahrt kein Corona. Die Abfahrt ist trocken und so gelingts‘ ohne Tücke. Jetzt mich auf Bingen freuen – das rechte Abendessen finden,  Kraft für die nächsten Stunden.

a12Auf der Fähre schonmal die Pumpernickelbrote plus Tomaten. Der Junge neben mir blickt zurück zu seinem Vater, dessen Gesichtsfleck am Ufer langsam kleiner wird. Auf der Bingener Seite wartet schon die Mutter – Vatertag.

ab2Mit Bingen werde ich auch heute keine Freundschaft schließen. Wie lange ich wieder nach einer guten Mahlzeit suchen muß. Mekong,  die einzig fernasiatische Adresse unter den kleinasiatischen Lösungen – immer noch die Beste, aber  es ist eine jämmerliche Hühnersuppe aus dem düsteren, fettigen Gastro- Schlauch. Ohne Ei ohne Reis- nichts zu machen. Sie verstehen nicht was ich will, die Hälfte der Angebote auf dem großen Bildschirm ist wohl erfunden. Wieder eine Viertelstunde, die endlos scheint.

Bauch gut, Beine gut. Jetzt meine Huhn mit der Lauschhütte rupfen – erstmal das Sträßchen dorthin finden. Die Hänge sind zugebaut, an Wegweisern fehlt es. Schon wieder verpasst und dann doch gefunden: ich erkenne meinen Kreuzweg von vor 10 Tagen wieder. Nun piano, piano.ak8

Und sachte hinaufgekurbelt, es prägt.  500 Höhenmeter am Stück. Oben Campervan, Zelt  und Lagerfeuer auf dem Parkplatz. Herberge geschlossen. Weiter hinein jetzt in den Hunsrück. Immer ein Auge auf einen möglichen Unterschlupf. Jetzt bin ich endlich in meinem Brevet angekommen. Es rollt.aa2

Die Autobahn in der Ferne. Es steigt weiter, aber ohne Mühe. Auch der Westwind ist milde. Fahre am Hang entlang über die Dörfer im Abendlicht. Auf  in den Soonwald, an seinen Häuschen und Ferienhütten vorbei. Soll ich es so machen wie Werner Herzog ?: einfach in ein unbesetztes Haus einsteigen? Kein Dietrich.

Mein Herzog Moment währt nur kurz, als ich das düstere, verlassene Hotel sehe. Es stehen Autos in den Einfahrten. Auch bellt ein Hund. Da springt ein junger Hirsch über die Straße und schon die nächste Siedlung. Ein Feuer im Garten. Hier einmal halten.

Die Dame des Hauses trägt ein langes pastellenes Gewand in mehreren Lagen, knöchellang. Wie aus einer Oper, diese große blonde Frau, die mich doch verwundert ansieht, wie ich sie nach der Ausgangssperre frage. Vom Lagerfeuer sehen 2 Jugendliche hinüber. Alle Smartphones sagen übereinstimmend: keine Ausgangssperre mehr für den Kreis Bad Kreuznach. Die große Frau sieht mich an und fragt, was ich vorhabe. Ob sie etwas tun könne?

Bis zum Erbeskopf sind es noch über 60 Kilometer.  Ich vergesse ganz, sie nach einer Banane oder einer heißen Schokolade zu fragen: denn ich muß weiter liebe Loreley, ich schicke Dir eine Postkarte.

a14Ein letztes Tal, ein letzter Anstieg. Das nächste Dorf. In Bushaltestelle merke ich beim absatteln, wie ich frieren werde.

Ich kaue noch ein gutes Stück Kümmelmettwurst, eine Tomate und ein paar Toppifruttis und ziehe die Daunenjacke über. Dann den Biwacksack, ein sehr leichtes innen silberbeschichtetes Stück Poly mit Reißverschluß ab der halben  Höhe

Gleich wird meine Körperwärme die silberne Innenbeschichtung kondensieren. Ich ziehe den Reißverschluß weiter zu und winkle die Beine an. Mit der Brotdose in meinem kleinen Rucksack simuliere ich ein Kopfkissen. Es ist der Donnerstag, 13. Mai 2021, die Ausgangssperre ist aufgehoben, aber in Hennweiler geht eh niemand aus. Es wird kühler, aber ich bin so müde, das Bier läßt mich wohlig eindösen.

Ein paar Stunden später wache ich auf, die Kälte. Ich öffne den Schlafsack um mir die Beine (am Trafoturm) zu vertreten – dann schnell  wieder hinein. Jetzt ziehe ich den Reißverschluß völlig zu, bis nur noch ein kleines Loch übrig ist, ein kleines Lichtloch. Ein junger Mann auf dem  Weg nach Hause –  schrickt auf, als ich ihn aus dem Loch grüße – vorsorglich, bevor er sich über die Bierflaschen hermacht.  Jetzt Gedanken finden, damit der Schlaf wiederkehrt, den ich so brauche: der Tag bricht  kurz vor fünf an. Die Innenseite ist schweißnaß,  Beine anwinkeln und aneinanderlegen. Ich schlafe halb und halb Bilder überlagern sich. Bei jedem Vogelruf denke ich, es wird morgen und döse in Portionen wieder weg. Ich friere und falte die Hände (mit Handschuhen!) gleich unterm Kinn. Die zweite Kappe war ein guter Einfall, oben bleibts warm. Kein rechter Schlaf zu finden. Aber was soll ich draußen? Erst zwei, also über zwei Stunden bis Sonnenaufgang. Bilder vom Tag kommen lassen und einfach nur ganz gespannt die Musik der Welt hören. Nur noch zuhören während die Bilder auftauchen.  . .

Musik aus einer bluetoothbox: kommt näher; ein junger Nachwuchsrapper singt mit und zieht die Dorfstraße hinunter, ohne mich zu bemerken. Dann rauscht ein Frachtflugzeug. Kälte. Soll ich doch nach einem EC -Vorraum suchen? Kraftverschwendung. Alles ist Stoffwechsel. Je ruhiger ich bleibe, desto weniger Energie geht verloren. Ganz ruhig atmen, nur das kleine Luftloch, keine Energie verschwenden, Beine anziehen, Hände über dem Kinn falten. So bleiben, eigene Wärme speichern, Augen schließen – nur noch hören –  und erst aufstehen, wenn es wirklich hell wird.  . .

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Drei Tage noch – Rheingold 600

Drei Tage nach dem Feldberg Abenteuer wirkt es.

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Die hundertmal zuhause durchrollten Steigungen gingen plötzlich müheloser, mit leichtem Atem, gleichmäßiger Tritt ohne Schmerz. Selbstvertrauen wächst mit. Jeder kann es so haben, ohne Vitaminkuren und Zusatzstoffe. Gutes Essen, genug Schlaf noch bis zum Start.  Nun muß das Wetter halten. Nachsehen kann man ja: per Mausklick – Orte eingeben, Karte studieren, anders Orte eingeben, wieder studieren.

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Der große Parcours durchläuft drei Regengebiete: Westerwald, Mittelrhein, Eifel. In einem riesigen Dreieck mit drei Hochpunkten : Feldberg (Taunus), Erbeskopf, hohe Acht – West, Ost, Nord. Alles möglich dazwischen. Mal naß werden geht in Ordnung. Innerlich aber klar machen: bei Regen starte ich nicht. Regen geht nur bei Wärme, Regen am Anfang ist schlimm, Regen nach 300 Kilometern nicht mehr.

Diese Tour also nur für Schauer planen. Richtige Regenfahrten brauchen Schutzblechräder, Das sind 3 Kilo mehr Material und  2x Vollbekleidung  -schnell über 14kg, das ist schon eine andere Welt. Lieber unter 12 bleiben .

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Hier mein blaues Rad. Stimmt alles soweit, jetzt die Ausstattung – was für 600 km mit muß. Zwei Nächte wird es brauchen.  Nur die lange Apidura Hecktasche  – wie ein Schutzblech hinten. Auffüllen. 2x Überschuhe, die wiegen nicht. 1x Socken in Wolle, falls es wirklich kalte Füße gibt. dazu eine Radmütze für den nassen Kopf, die Daunenjacke und der kleine Biwaksack, Polyester, innenbeschichtet , WÄfo silverstar , Dünn und leicht. Nachts kann es kalt werden.  

Trotzdem kurze Hose: sie sitzt einfach besser, alles, was über die Knie geht stört irgendwann beim Fahren. Obenrum eher warm, aber nicht völlig dicht. Keine Softshell –Windbreaker Rüstung, sondern 3 lagig mit himmelblauem Dunova obendrauf, 20% Wolle. Also: Merino T-shirt, 1 zerlöcherter Kaschmir Rolli, blaues Dunova mit echtem XL: lange Ärmel, weit über die Nieren, Rückentaschen, in die richtig was reinpasst. 1985 in Deutschland produziert, Farbecht und einwandfrei gewebt.

Ich will nicht mit Details langweilen, nur für die , die es einmal versuchen möchten. Und für die Erinnerung, weil ich es sonst bald schon vergesse, was ich dabei hatte und wozu .

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Gegen Wind und Regen zwei Sachen: eine Leuchtweste ohne Ärmel mit Reißverschluß  gegen Wind auf Abfahrten und für Regen orangene Regenjacke mit Rückentaschen. Läßt sich schön leicht hinten auf die Hecktasche zurren.  Hat sich alles einmal bewährt im Temperaturfenster von 10 bis 20 Grad.

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Vorn die kleinere der Decathlon-Lenkertaschen. Besser, wenn nicht soviel am Lenker klappert und genug Platz für die Hände ist. Passt gerade neben die Klemmen von Licht und Navi. Es kommen Kleinigkeiten rein. Die gelbe Brevetkarte. Hipp-Babytücher, Sixtus  Salbe, 1 Elektrolytepulver, ein par dünne Riegel und Gels, die wasserdichte Tasche mit den Ersatzbatterien. Ein Ersatzschlauch klemmt unter dem Sattel, die zwei drei Werkzeuge sind alle in der Filztasche am Mann.  

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Für alles andere trage ich diesen federleichten Quechua Rucksack,  da ist das Mobiltelefon, die übrigen Kalorien, noch ein Schlauch und eine zweite Akkuleuchte. Den restlichen Platz (maximal 2l) brauche ich vor allem für unterwegs gekauftes Obst oder Sandwiches, wird darin nicht so böse gequetscht, Tomaten und Bananen reifen an einem halben Tag schön nach . . .

So rollt das Rad noch wie ein Rennrad auf seinen guten 25ern. Auch im Wiegetritt. Das Zugticket  für die Fahrt nach Koblenz kaufen. Der erste Zug  6h45 – es ist ja Feiertag. Durch die Gegend bummeln, über dies und das nachdenken und aufs Wetter achten. Warme Tage – hoffentlich bleibts. Übernachtung nur draußen, Ausgangssperre ist vielleicht aufgehoben, aber Herbergen bleiben geschlossen.

Was plane ich? Die Strecke ist in drei Teile zerlegt für das kleine Navi. Bis an den Rhein, bis in die Eifel, der Rest bis ins Ziel, wieder an den Rhein.  Drei Tage – in drei Tagen. Alles noch weit weg. Nur die ersten 200 Kilometer sind schon im Gedächtnis, da sind auch die schwierigsten Passagen. Danach wird es schön und unbekannt. Die Strecke auf mehreren Karteneinstellungen angesehen, keine gibt mir ein wirklich gutes Bild, nur eine vage Vorstellung. Die Bilder kommen mit der Fahrt und bleiben für immer. Es wird ein Puzzle und ich füge die Teile zusammen. So stelle ich es mir vor.

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Der Feldberg Prinz

Prolog

af4Teil drei der Vorbereitung auf die Superrandonnée Rheingold. Zwei Teile über 300 sind gelaufen; Keine Verletztungen, keine Erkältungen, keine Beschwerden danach. Gut, so bis Anfang Mai gekommen zu sein. Im Winter, (also unter 5 Grad) sind solche Distanzen einfach nicht in Reichweite. Die 300 an den Rhein und zurück haben noch etwas gezeigt: die Erholung dauert zwei, eher drei Tage. Doch es geht, es geht, es kann noch ein gutes Jahr werden auf dem Rad.

a2Der Rheingold-Brevet ist für Himmelfahrt angesetzt, Vatertag, am 13. Mai. Im Countdown der letzten zehn Tage bleibt noch ein Wochenende, um etwas für die Form zu tun. Nochmal feilen. Das Rad ist gefunden, die Ausrüstung auch. Die Meilen sind gemacht, gehen wir davon aus, daß es genug waren.  Jetzt also zur Abwechslung einen kleinen Radius, vielleicht noch ein wenig für die 10.000 Höhenmeter tun.

Als ich die Woche zuvor am ersten Mai den Feldberg hinauffuhr, traf ich einige Radfahrer im Aufstieg. Junge Männer, die  vom Feldbergkönig sprachen.  200 Kilometer später im Lahntal, bei schwindender Energie und abnehmender Sonne,  ging mir der Gedanke durch den Kopf.

a3Der Feldbergkönig ist leicht angeklickt. Die Idsteiner Kettenhunde, ein Radsportverein, hat diese Challenge virtuell ausgeschrieben. 5 mal auf den Feldberg in 24h. In Summe- 5000 Höhenmeter auf etwas über 100 Kilometern. Also mittlere Distanz, aber immer von neuem länger aufwärts. Das passt mir, wenn das Wetter passt. Was erhoffe ich mir?

In den Anstiegen will  ich die definitiv richtigen Übersetzungen finden, vielleicht noch die aerobe Schwelle nach oben verschieben.  Weder Vmax noch Wmax. Ziel ist, für die lange Distanz das ganze System noch etwas zu heben. Besser arbeitende Muskulatur, mehr arbeitende Zellen, die besser den Sauerstoff binden, besserer Stoffwechsel – dadurch weniger Energie pro Höhenmeter. Nicht wieder  auf dem Weg zur Lauschhütte letzte Reserven mobilisieren müssen . . .

Mehr an sich arbeiten, um es später leichter zu haben.

Erstes Kapitel

  1. Mai. Den historischen Tag beginne ich nach dem Aufwärmen mit einer Fahrt Eschhofen- Niedernhausen ; jede Menge Platz im Vorortzug. Schwätzchen mit dem Schaffner verkürzen den Dienst. 10h in Niedernhausen. Genau hier startet einer der Anstiege zum Feldberg, danach wird es kreuz und quer über das Bergmassiv gehen. Mein Ziel: immer mit Luft  aerob hinauf, gleichmäßig und stetig. Nur den Anstieg von Esch aus spare ich mir. Der ist ein guter Bekannter – schon Donnerstag sehen wir uns wieder. af1

Also heute nicht nach der Krone greifen,  nur den kleinen Prinz des Feldbergs…

Den längsten und schwierigsten Anstieg des Tages gleich zu Beginn. Niedernhausen, Josbach, Ehlhausen. Wieder haben Blätter und Blüten zugelegt, das Gras wird immer grüner.  Die Passagen vor dem roten Kreuz versuche ich auf dem 42 er.  Es geht, ist aber vielleicht nicht klug. Lieber Körnchen sparen.

af3Entdecke  jetzt  das Wort „Endspurt“ am allerletzten Anstieg. . . die Kettenhunde. Der Fahrzeugpark ist voll, Räder werden ausgepackt. Es herrscht  Aufbruchsstimmung, die Klappen der großen Wagen weit offen.

af6Oben hat ein strammer Kollege schon vorgezogen, er macht nicht einmal ein Zielfoto, er braucht es nicht, ganz gleichmäßig durchgefahren. Gegen 11h ist hier nicht sonderlich viel los.

Zweites Kapitel

Auf der sanften breiten Fahrbahn nach Oberursel hinunter kommen sie mir dann paarweise wie an der Perlenschnur entgegen.  Weiter abwärts, weiter in (mehr oder weniger) gequälte Gesichter blicken. Gleich nach dem Ortsschild kommt eine Brücke und ein Kreisverkehr und auf dem Boden eine Wendemarke. Die Kettenhunde grüßen und auf  gehts.

a1Ich verstehe bald, warum auf dieser Autobahn so viele Radsportler unterwegs sind : es ist die leichteste Möglichkeit, ich drehe an meiner Kurbel wie eine kleine Nähmaschine. Nicht hochschalten -so bleiben; Manche die ich eben hinauffahren sah , kommen jetzt entspannt hinunter,  andere fahren ihre privaten Trainnigsprogramme  – genau wie ich, nur mit anderen Zielen.  Eine Minute schnell, eine Minute langsam – aha – Intervalle am Berg.  Kein Rad hier, das älter als fünf jahre scheint. Das Koga summt geräuschlos, die Kettenlinie ist gut. Erst der Abschnitt hinter Sandplacken wird anspruchsvoller.

ab4Oben werden die ersten Räder wieder in Kombis gepackt. Wer vor zwei Stunden das Rad auspackte, nimmt jetzt die Spezialnahrung ein. Dann das Rad wieder verstaut rechtzeitig vor dem Mittagessen. Das Ordnungsamt hat begonnen, Zettel auf den Parkplätzen zu verteilen.

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In Königstein werde ich zu essen finden.  Gleich nach dem Ortsschild, noch in der Abfahrt sehe ich einen größeren Edeka Supermarkt mit vollem Parkplatz. So, als hätte es Corona nie gegeben – bis auf die Masken in den Gesichtern der durchaus gepflegten Kunden. Wertig–leger in den Samstag. Der Chef kommt  ohne Kravatte ins office. Statt schwarzem SUV (nicht schön) nun schwarzer Hybrid SUV mit kleinem E Motor für den Ausflug ins Ballungsgebiet nach hohem Tempo auf der Bahn. Die schwarz-grüne Koalition gibt es schon. Vielleicht ist Grün das neue Schwarz.

Vielleicht sind Kravatten das neue grün.

af8Eine Edeka Pacht in Könisgstein müßte man haben. Hunderttausend p.a  nach Steuern bis ans Lebensende. Eine schöne Weinwand nebenher. Hier ist nichts, was es nicht in einem kleinen markt in Rod an der Weil auch gäbe. Nur von allem etwas mehr und etwas besser – schon haben wir die Hunderttausend. Bald sind die Vorräte gefüllt , der Durst gestillt. Nächste Woche den zweiten Flaschenhalter montieren.

Drittes Kapitel

Der Beginn des Königsteiner Anstiegs ist doppelt mühsam. Beschleunigende Autos links, ordentlich Prozente vorn. Die Prozente hören bald auf. Die Rennbahn aber geht noch ein ganzes Stück weiter. Es ist die B8, die alte Nabelschnur zur (tiefen) Provinz. Ich bin froh, nach ein paar Kilometern abbiegen zu können, doch leider folgen mir immer mehr potente Fahrzeuge.  Der heiße Luftzug des doppelten Turboladers. Das Feldbergrennen findet jeden Samstag bei gutem Wetter statt. Es ist inoffiziell, ihr könnt gern kommen und euch überzeugen.

ab3Weiter mit Traktionskontrolle, dies ist der dritte Anstieg und nach dem roten Kreuz fühlt es sich schon zäher an, als noch vor zwei Stunden. Schon huscht einer vorbei.

Aber dieser junge Mann nutzt sein letztes Ritzel. Nicht dem Renninstinkt verfallen.  Ich rede mit mir, das zwingt mich, aerob zu fahren, niemals in den roten Bereich. Sein Vorsprung bleibt bei zehn, fünfzehn Metern. Kein Gegenangriff.  Ganz weit unten die zackigen kleinen Türme Frankfurts, weiter hinten das helle Gebilde eines Kraftwerks.

af7Also wieder oben. Der Rhythmus  von Atem und Tritt stimmt, ist gefunden. Die Etuden für den Körper, dazu noch jede menge Folklore – was will ich noch für meinen Traum?

ab6Ein größeres Auto hält: drei Kinder und drei Mounbtainbikes. Integralhelme. Die Kinder fahren los, die Eltern sehen hinterher. Werden sie wiederkommen? Vermutlich haben sie Tracker am Helm. man weiß nie. Wahrscheinlich fahren sie nur hinunter.

Mittagsbetrieb unter dem Feldbergkreuz: kaum ein Platz mehr frei am Holzgeländer. Ich packe Vorräte aus und zieh die Windweste über. Zwischendurch immer essen, am besten bergab.

 Viertes Kapitel

Gleich geht es nach Schmitten hinunter, dem Anstieg der goldenen Mitte: Schön, gleichmäßig, nicht zu lang und nicht zu steil. Vor allem weniger Verkehr.  . ..

Es geht auf, ich fühle es schon bei der Abfahrt nach Schmitten. Ich freue mich geradezu. Die Sonne ist immer noch schüchtern, doch es gibt sie. Diese Seite ist erheblich weniger befahren – oder machen alle schon Mittag? Tannenruhe. Nur der semiprofi vom ersten Anstieg (und aus Königsstein )ist wieder dabei . Die Grimasse der Anstrengung.  Sorgen mache ich mir nicht. Werde selbst gleich ein wenig leiden.

ab5So schlimm war es nicht. Am Gipfelkreuz jetzt so etwas wie Hochbetrieb, als allen Ecken kommen sie hinauf, zu Fuß, elektrisch, als Zeitfahrer oder mit 1×12. Oder motorisch.  Ein Mann in Vollausstattung schiebt stolz sein Rad zum Gipfelkreuz und stellt es davor ab. Das Rad trägt den gleichen Namen wie sein Trikot, seine Socken, seine Schuhe und seine Hose.

ab7Es wird ein Selfie. Er ist der Feldbergkönig. Andere sitzen da und senden eifrig Nachrichten , konzentriert bearbeiten sie den Screen während sie beiläufig mit ihren Nachbarn reden. Wer hätte je gedacht, daß diese kleine, spiegelnde Plastikfläche der am intensivsten berührte und liebkoste Gegenstand unserer Zeit werden würde.

Abfahrt die letzte

Kurz vor Oberreifenberg, da wo es wirklich steil ist, kommen zum Abschied zwei junge Matadore aus Kapitel2 entgegen: sie kämpfen. Ihr letzter Versuch. Nun locker hinunter , noch 60, noch 50 Wüstems,  noch ein alter roter Targa – wie ein Spielzeug in den Wiesen  –  45Kilometer bis zum Tisch in der Küche.

Halt

ab8Die Bücherhaltestelle Wirges grüßt ihre habitués. Vieles ist noch übrig seit der letzten Inspektion, vieles dazugekommen. Die  Ramschbücher und die, die aus der Mode sind. Ein Kennzeichen unseres Jahrhunderts wird das irrlichternde Verhältnis zum Buch sein. Man liebt es oder hält es für Papiermüll, es ist im Himmel oder im recycling. Zu wissen bleibt: man kann es nicht löschen und niemand liest mit, während die Seiten fliegen.

ab9Das tausendseitige Lehrwerk der Anatomie (Springer, Heidelberg) vorzüglich vierfarbig illustriert und neuwertig wäre der Fang des Tages gewesen. Wissen fürs Leben. Vom Netz verdrängt?  Ich werde es nie erfahren.

Schade nur, daß mein kleiner Quechuha Rucksack zu klein ist. Schnell was Kleines für den Freund aus Mannheim hinein und hop. Rheingold kann jetzt kommen.

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300 am 1 Mai – eine Reise ins Binger Loch

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Die Segel-Törn durch Mittelhessen ist vorbei, der Alltag kommt zurück, der Frühling macht Fortschritte. Jetzt die Überlegung für die nächste Stufe zum großen 600. Wieder 300 Kilometer,  also wieder die maximale Tagesdistanz fahren, die für die Superrandonnée realistisch scheint. Eine kleine Simulation.

Diese auf der Strecke selbst– bisher war ich nur bis zum großen Feldberg gekommen- , jetzt also mit Fortsetzung zum Rhein und darüber hinaus. Route zusammenstellen, den offiziellen Track zur hand nehmen. 5000 Höhenmeter auf 300 Kilometer verteilen, das bedeutet viele, zahllose Anstiege.

Die  Grundausdauer für die Distanz allein reicht nicht, es muß Standfestigkeit für die immer neuen Anstiege hinzukommen. Eine Technik, ein Rhythmus, der gefunden werden will. Die Kenntnis der Strecke hilft Kräfte einzuteilen. Also nehme ich so viel davon mit, wie geht…  

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Das blaue Rad steht bereit. Nichts mußte verändert werden nach dem letzten Ritt. Sitzposition stimmt, Hände und Muskulatur ohne Folgeerscheinungen, auch der Sattel passt. Keine Rückenschmerzen oder Nackenprobleme, das sind die sensiblen Bereiche, die eine zu große Überhöhung  verraten würden. Mein Gerüst ist also der Aufgabe allmählich angepasst.

Es wird ein mittelwarmer , garantiert trockener erster Mai. Ein Tag, an dem nur Tankstellen und Imbißbuden öffnen,  die in Coronazeiten überleben. Eine Anfahrt in aller Ruhe, es ist frisch, doch sehr erträglich, genau wie die Windverhältnisse. Sehr gut für den Energieverbrauch,  denn jedes Grad weniger muß der Körper im kühlen Wind kompensieren. Heute kann die volle Energie in Bewegung umgesetzt werden….

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Hinter Bad Camberg von der B8 abzweigen und schon beginnen die sanften Steigungsmeter .Ernst wird es hinter Wüstems, da bekommt die Steigung schon Charakter. Eine Stunde sollte es dauern bis zum Gipfelkreuz, oben in den Tannen. Fahrer kommen mir entgegen, man grüßt.  

Ohne besondere Vorkommnisse die bekannte Steigung über Oberreifenberg, seiner TausendjahrHalle mit der „Pause“  nach der letzten Rampe am Ortsausgang,  läßt sich gut dosieren. Dosieren ist die halbe Miete. Das 30er Kettenblatt kommt  zum Einsatz, gleichmäßig rund kurbeln .

An meinem Hausberg habe einmal den Unterschied zum „großen Gang“ überschlagen: vielleicht 1, zwei Minuten auf die Bestzeit von 11 Minuten. Für diesen recht geringen Zeitverlust bleibt der Puls im sanft-orangenen bereich.  Sich nicht schon im ersten Drittel aus Selbstüberschätzung verausgaben.

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Der Feldberg  ist mäßig besucht, gut , in mir werden die Motorradfahrer heute kein Opfer finden . Radfahrer tröpfeln ein. Kein Tag für eine kühle Maibowle. Jacke zu und Kurs West, vom Berg ab runter über Ehlhausen (wo ich unangenehme Gegensteigungen entdecke) und durch Obstblüte bis  Niedernhausen ins Tal. Leider keine Tankstelle in Sicht, kein Imbiß,  der hungernde Magen muß sich bis  Taunusstein gedulden.

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Westwärts. Gleichmäßige Aufwärtsbewegung mit kleinen, mittelscharfen Einschüben, dann ist das kilometerlange Plateau von Taunusstein und seinen Vorortketten erreicht. Es ist eine Schlafstättenurbanität in Nähe der Zubringer, gelegen am kühlen Nordhang. Nach Westen hin liegt Frankfurt, nach Süden Wiesbaden.  Das meiste an dieser Zwischenstadt wirkt ehrlich gesagt langweilig. Dafür ist die Laune an der eingesessenen Total Tankstelle gehoben bis lustig.

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Man erkennt das Alter von Straßentankstellen schnell an der  Vegetation rundum, die schon lange das Kommen und Gehen der Automobile betrachtet. Drinnen dann mit Maske alles, was das ausgehungerte Herz begehrt.  

1Knoppers Nußriegel

1 Snickersdoppel

Croissant mit Schinken und Käse

Belegtes Baguette,

1 Espresso zuvor und 1er danach –

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Denn hier, nach der Vorstadt, beginnen die einsamen Kilometer durch die Wildnis des Mittelrheintaunus. Bald nach Riccis Pizzeria (seit 1974) geht es links hoch auf den Kamm. Dort den geschlossene Freizeitpark des „Wunderland“ (welche  Wunder?) gestreift und bald darauf geht es holprig abwärts – in einem größeren Talkessel liegt Bierstadt, Ein Sendeturm krönt das Panorama. Dieses auf –und ab wird sich wiederholen, einige male. Am markantesten ist die Kerbe nach Fischbach und nach dem Dörflein heißt es fleißig wieder einen möglichst kleinen Gang finden. Trotz der Kalorien aus Taunusstadt hat der Anstieg Spuren hinterlassen.

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Aber oben wartet  Erlösung ; ein himbeerrotes Cabrio zieht vorbei, es geht endlich viele lange Kilometer hinunter , noch eine Kreuzung und das Wispertal ist erreicht. Man läßt sich treiben, trinkt und ißt im Fahren und nutzt das Gefälle,  um Meilen zu machen…. Eine Herde Hischkühe zieht über die Straße und verschwidnet im dichten Wald am Gegenhang. Rheintaunus – hier gibt es noch Bären und Auerochsen.

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Die ganze Randonnée le Rheingold 600 dreht sich eigentlich um diesen langen Kamm, der  nordsüdwärts vom breiten Band des Rheins eingekerbt wird in millionen Jahren Kleinarbeit. Diese Seite Taunus, die andere der Hunsrück. Der Rhein ist nahe, aber noch nicht in Sicht – er wird erst über den Presberg  erreicht.

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Dieser Presberg ist ein hübscher, hell asphaltierter Anstieg von etwas mehr als 4 Kilometern. Das Band der Straße ist frisch von weißen Linien gesäumt, Akazien wachsen hier. Viele Autos und jetzt auch Motorräder, die hier Wochenendmeisterschaften austragen. Leistung lohnt sich am Berg doppelt.

Bei mir ging es vorsichtig auf dem 30er Blatt hinein, warten bis sich alles synchronisiert, vom Abfahrts – in den Aufstiegsmodus übergeht. Dann nach der ersten großen Doppelkehre das 42er prüfen und für gut befinden. Schon ist der Waldrand zu sehen . Doch noch ein mehrhundertmetriges Stück Freifläche bis zum Ortsschild. Wind von Nordost. Das letzte große Hindernis vor dem Rheingau

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Presberg, da wärest Du.

Helles Grün, lange Geraden, Wellen durch den Forst. Ausruhen und genießen, gleich kommt der große Strom. Zweihundert stünden jetzt auf dem Zähler, ein Drittel der gesamten Strecke. Jetzt sind es nur 150, Halbzeit für heute.

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Ich kürze ab und bewahre mir die Weinberge für den Brevet auf. Als Belohnung . Kaltes Tal, deutlicher Luftstrom (gleich werde ich gegen ihn ankämpfen). Dorthinten schon die Fähre, die quer zum graublauen Band steht. Kurz vor Drei erst,  alles ist gut….

Das Binger Loch

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Nichts ist gut. Der Wind ist eisig, ein paar Familien irren eistragend durch die Innenstadt. Eine Fußgängerzone. Blühende Weinstadt an der Nahemündung, Parterre in erster Lage, beste Lage, hervorragend sortierte Fachgeschäfte. Es war einmal. Ich will nur eine echte schöne Pommes, salzig und mit Mayonnaise. Die alten Neonleuchtschriften sind tot, abkgeklemmt. Bunte Folien aus dem Plotter zieren die Schaufenster der Zigarrenläden, Miederwaren, Haushaltswaren und Porzellan, Schreibwaren und Geschenkartikel, alles fürs Kind.

Mindestens drei Kirchen zähle ich rund um die Nahemündung. Ein Laden voller Schulranzen direkt neben dem arabischen Imbiß meiner Wahl. Man nimmt, was man kriegen kann.

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Man bekommt keine Pommes mehr, kein schönes Schnitzel, keine ordentliche Bratwurst. Drei Sorten Fettfleisch vom Spieß, (sehr)stark gewürzt mit Beilagen. Wenigstens Minzblätter im Tee.

Immer noch lecken sie im kalten Wind an riesigen Eisbechern, feiern den ersten Mai. Die Lastschiffe bullern in der Kurve des Binger Lochs, Züge rauschen vorbei – Vibration und Dissonanz. Ich höre sie noch durch den Wald, während ich auf der Suche nach dem kleinen Weg bin, der nach oben führt. Da ist endlich der Track. Infraschall läßt das schöne Rheintal erbeben, Rüdesheim gegenüber ist nur ein schäbiger Rest bundesrepublikanischer Ausflugsseligkeit. Als die Väter noch Asbach Uralt tranken.  

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Steiler Anstieg mit vollem Magen. Dann eine Pause und flacher – ist hier schon oben? Nein. Eine Waldwirtschaft, ein Parkplatz, wieder das kleinste Blatt. Wanderer steigen ein  – und aus. Zum bike point und zurück. Noch immer nicht oben. Jetzt wird Lehrgeld gezahlt, während sich ein fettig-würziger Geschmack im Mund breitmacht.

Eine endlose Gerade aufwärts, es knackt hinter mir: das war die Schaltung eines Sportfreundes im Vereinstrikot. Seine Carbonräder mahlen über den Asphalt. Kurzer Gruß, anerkennender Blick zurück.

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Unser Rhythmus ist gleich, er braucht zwei Zähne weniger und entschwindet als Punkt ganz langsam in der Kulisse. Es nimmt kein Ende.

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Es nimmt doch ein Ende – es heißt Lauscherhütte, ein Forsthaus mit Parkplatz. Hier eine Maibowle mit echtem Waldmeister. Derzeit leider geschlossen. 500 Höhenmeter die ich unterschätzt habe, der Einstieg in den Hunsrück.

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Vom Hunsrück werde ich nur einen Rand sehen, gleich, in zehn Kilometern drehe ich nordwärts hinter Daxweiler, um über Rheinböllen und Sankt Goar ins Tal zu finden. In Rheinböllen ignoriere ich angewidert die Camperschlange am Burger King zwischen Erotic Shops und LKW -parkplätzen. Stattdessen toppifrutti aus der Tasche

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Adios Rheinböllen.

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Vielleicht kommt noch etwas im Rheintal. Aber das Tal ist noch einige Ansteige entfernt. In der kalten Sonne bei kaltem Nordwest. Kinder zwischen Rohbauten kleiner Dörfer. Schräge kalte Sonne und Hochwasserbehälter

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Im Tal aber kommt nichts mehr ausser Gegenwind: 30 Kilometer bis Koblenz . Sogenannte Charakterschmiede. Zum Glück finde ich noch die kleinen Cocktailtomaten und das Schinken-Cäse Croissant aus Taunusstein.  So geht es durch den einsamen maienabend, nur hier und da vereinzelte Jugend oder ein vereinzeltes gartenfeuer im vertrauten Kreis. Hinter dem Rhein noch liebliche (weil bekannte) 50 bis ins Ziel, der erste Mai als Tag des Spiels und der Erholung. Und der Grundlagenausdauer. Der Nassauer Tankstellengehilfe hat die maschinen schon abgeschlatet, die Auslagen weggepackt. 1x exklusive Fruchtgummis. In der nächsten Woche mache ich was Kürzeres, ich schwöre.

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Gegenüber wird der bergrutsch gesichert, der die bahnlinie lahmlegte. Kleine bunte Punkte im Hang: Alpinisten bei der Arbeit. Bilanz: Eine Pommes, eine echte Kartoffelpommes  wird sich nicht finden, weder für Geld noch gute Worte. ich merke mir die Lektion. Immer genug Energie nachführen, weiter Anstiege üben, um dort kraft zu sparen, reserven schonen. Ich werde gleich völlig erschöpft sein, leer – aber auch das ist Training.

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Das 300 Kilometer große Segel – ein Brevet in Mittelhessen

ab4Was passt in einen Tag? 13 Stunden, 14 Stunden maximal. Das könnten 300 Kilometer sein. Kirchheim, Nordhessen. Hessisch Sibirien beginnt dort irgendwo, sagen die Hessen. Wir nennen es Mittelhessen und die Achse der Brevets ist die Stadt Gießen. Die Kircheimer Zipfelmütze ist noch unbefahren,  die Sonne wird scheinen, Schutzbleche überflüssig.

Das große Segel

Die Route beschreibt ein großes Segel. Die Mastspitze ist bei km 100 an der Raststätte der A7 in Kirchheim erreicht. Dann fast lotrecht 100km nach Süd, grob an der Fulda entlang, über die Stadt hinaus und schließlich etwa 100 Kilometer Westnordwest über den Fulda Gap nach Gießen.

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Dann los und trotz schwerer Navigationsfehler die richtige Ausfallstraße gefunden. Erinnerung an einen Abendstart zum 400er. Hier war es doch.ag3

Und hier zeigte mir der Randonneur und Veranstalter Christian die Kasernen am alten Flugplatz, in denen nach den Deutschen die Amis lebten, sehr zum Glück der Gießener. Dann wurden sie als großes Auffanglager für die Flüchtlinge nach 2015 genutzt.

Aber auch diese Rolle ist ausgespielt. Fleißig schaffen die Bagger das neue Mehrfamilienhaus mit dem schnellen Internet und der Garage. Makler erwähnen gern den „bauhaus-stil“  für die eher schlichten grauen Kisten. a1

Hinter Buseck und seinem Schloß geht es auf die nächste Anhöhe. Die ganze Zeit über ist es bitterkalt,  in Gießen Minus 1, hier oben noch etwas weniger –  trotz der Sonne. Ich strample fleißig gegen den Wind, der mich nach den Waldstücken aufbläst.  Nordost, aber stramm.Nur noch 85 Kilometer gegen ihn, danach folgt das Paradies – so muntert man sich auf.Wie gut mein Unterlenker dazu passt. Und wie gut die Erinnerung an verschiedene Ecken der alten Gießener Ausfahrten hilft, den Wind zu vergessen.

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Manchen Traktor lasse ich vorüberziehen, sie machen auf jedem Dorf neues Holz,  bevor die Bäume im Frühjahr (also bald) wieder austreiben

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Andere geben ein Bild grüner Zukunft ab, weihen die Erde mit echter oldenburgischer  Schweinegülle. Wieder und wieder geht es hinab.

Dann zur ersten Pause an die Tankstelle hinter Schwalmstadt. Die verlockenden Bäcker und Metzger im Ort habe ich wegen der langen Warteschlangen vorüberziehen lassen. menschen frieren mit Masken vor dem fenster, wie jeden Samstagmorgen. Hier an der Tankstelle scharren die Füße hinter mir: meine lange Essensbestellung

Gegenwind und die 40- Tonnen Praline

Mit der großen Fernstraße wartet die nächste Prüfung. Immer rechts halten , immer klein machen gegen den Wind. Die Zeit vergeht nicht wie im Fluge, lange Wellen trösten, weil es Abfahrten gibt. Nachts war ich das erstemal hier – sehr unangenehm, weil die Anstiege nicht einzuschätzen sind. Danach bei Dämmerung, heute am morgen: schon besser.

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Ein Lastzug voller Naschwerk parkt am Rande. Allendorf und die Fabrik sind nicht weit. Die Piemont-Kirschen für die Likörpraline sollen fast sämtlich in Hessen wachsen. Weiter Wind fressen. Die Bundesstraße ist breit, der Randstreifen sauber – man läßt mich in Frieden,  was soll ich mir mehr wünschen

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Dann das mächtige Homberg und der schöne Kirchturm – die letzte große Steigung vor dem Wendepunkt. Ich bin ganz gut in der Zeit, jetzt aber keine Pause machen in der schönen Altstadt. Über die leere Gasse flitzt eine Maus unters Tor, ein Rentner im alten BMW überholt auf dem Pflaster.  Kaum was los. Weiter , hinaus zur Stadt. Hinauf in den nächsten Anstieg.

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Am großen Steinbruch vorbei, aus dem allhier  die Türme und Mauern gebaut sind. Jetzt nicht mehr. Linkerhand eine weite Ebene, die Stadt Wabern. Ziegenhain und endlich die Abfahrt. Die lange Abfahrt von der schon weithin die Wüstenstadt der Autobahnraststätte sichtbar wird. Lagergebäude, bunte Embleme und Werbemasten , die das alles sichtbar überragen.

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Die Brücke über die Autobahn, das graue Band und die brummenden Metallkäfer, die darüberkriechen, Absperrzäune, kilometerlang. Das Logistikzentrum muß geschützt werden. Kreisverkehre, weitere Kreisverkehre und Stellflächen. Dahinter ein alter Kirchtum: meine Wendemarke an Kilometer Hundert.

Das große Rauschen und die kleine Fulda

Aufatmen, Durchatmen. Wind im Rücken und das erstemal in diesem Jahr wirklich die Wärme der Sonne fühlen. Kurswechsel – jetzt geht es  am Mast des Segels geradewegs  hinunter.

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Zuerst ein improvisierter Gravelabschnitt: der Untergrund für die renovierte Straße. Schlage mich in die Büsche, folge einem unbekannten Traktor, der brummend ein Feld bedüngt.

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Jetzt ein wenig essen, hartgekochtes Ei und Riegel mit Dorfblick: Blick auf die nächsten 5 Stunden, so hoch ist der Mast dieser Strecke..

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Eine ganze Weile wird es gemächlich hinunter und hinaufgehen, nie weit entfernt von der A7, mit der das Tal zu teilen ist. Dann windet sich der Weg den Knüllwald hinauf.

a15Auch hier eine nachts befahrene Strecke endlich am Tag sehen. Es kommt mir alles so vertraut vor, die nächste Kurve, das was ihr folgt – vielleicht, weil es eine Landmarke ist.Hier hörte ich, wie sich Borstenvieh in die Büsche schlug, eine Nachteule aufflatterte (laut rufend). Jetzt ist es ein schöner langer Anstieg in der Sonne. Und zurück ins Tal.

600 PS oder nichts

Pause am Rasthof, hier müßte  ich (sonst) stempeln lassen. Aber der Brevet ist nicht freigegeben, es ist  Radfahren auf eigene Gefahr. Fahren, um Meilen zu machen. Zehn Stunden im Sattel sitzen, danach wissen, ob es passt. Gute Meilen, damit die kommenden noch besser gelingen.Wieder gruppieren sich die Versorgungsgebäude wie in einer kleinen, künstlichen Stadt ohne Einwohner. Ständige Bewegung von Autos rund um Supermarkt und Tankstelle.  Knotenpunkt von  A4 und der A7 in der Mitte Deutschlands. Nord/Süd und Ost/West.

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Einmal Zucker. Auch wenn man viel von Elektroautos und sauberer Zukunft hört, sehen hier viele Automobile aus , als könnten sie vor Explosionsraft kaum laufen. Schwarze Sportkombis auf riesigen Felgen. Männer mit schwarzen Kappen und Bartansatz. Ampelstart.

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Die Höhenmeter liegen hinter mir. Jetzt begleitet mich die schillernde kleine Fulda, mal links, mal rechts. Tempo geht mit Rückenwind nach oben. Auch mal 16 Zähne kurbeln. Schon ein vorteilhaftes Gefühl. Ein paar Wellen noch bis Fulda. Erste größere Kirchengebäude am Horizont. Lebendige Dörfer, Autos unterwegs, aber nicht allzuviele. Die Inzidenz soll bei 300 liegen. Der Landkreis ist dünn besiedelt. Um Bad Hersfeld, da wo Amazon herrscht, soll die Zahl sogar noch höher sein.af1

15h30, das ist knapp, ein wenig zeit in Fulda mit Suche nach barockem Flair verbummelt. Die verputzten Gebäude erinnern, aber der hunger ist stärker.

Pommes und Kalisalzberge

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Kontaktlos bei Mc D bezahlen. Drive in fürs Rad nutzen. Russischer Akzent bei der Besatzung. Man bekommt schnell ,was man will , schneller als in einer Tankstelle, Mc Donalds hat gewonnen. Sauber und knusprig,  was soll ich meckern,  die Pommes sind eine Delikatesse in diesem Moment. Salz und eine Flasche Mineralisches.

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Weiter nach Süden. Ich muß entscheiden, wann ich vom track abbiege, vom Dreieck des Segels einen kleinen Zipfel abschneide. Für die letzten 100km gebe ich mir 5 Stunden, um 16h wollte ich bei km 200 sein – ich habe eine Viertelstunde Verspätung für meinen Plan. Links steht ein Autozug mit einer halben Tagesproduktion. Der ICE gleitet mehrfach an mir vorbei, er fährt nach Würzburg. Die Autobahntrasse auf Stelzen führt nach Frankfurt, also auch zu weit nach Süden. Ich will West- Nordwest. So geht der wishbone des großen Streckensegels auf der Landkarte.  Ich richte mich nach der Landstraße, frei nach Sonne, ohne jeden Track.

Die Entdeckungen kommen immer an unerwarteter Stelle. Da rolle ich auf ein größeres Dorf zu

b1Auffällig dahinter der grauweiße Berg, ein riesiges Mondgestein. Ein Schlackeberg, ein Salzberg. Siedlungshäuser in den Straßen, dahinter immer der Berg und dann Richtung Wald die Grube: Kali und Salz. Alles riecht eigenartig, fast metallisch. Ein anorganischer Geruch überzieht das Tal.

Die Fördertürme laufen. Ein alter Mann fährt mit dem Rad neben mir. Über 60 Jahre schon werde hier salz abgebaut. Der einzige Arbeitgeber weit und breit,  natürlich. Weiter in den Tann, aufwärts, der toten Welt entkommen.

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Da – ein zweiter Schacht. Werden sie hier die Atomfässer versenken? Werden die Grünen nach der  Geschäftsübernahme die Halde schleifen? Alles sickert weiter ins Grundwasser. Probleme ausserhalb des Klima-Radars. Der Weg ist schön (wie im Märchen) , aber beschwerlich. Graveln und auch einmal betonierter Untergrund: ein befestigter Weg zur Grube also, kein Holzweg . Auf meinem Navi ist es nur eine dünne Linie,  links von mir sah ich eben die rosarote Linie des Tracks aufblitzen. Links jedoch geht es steil bergauf. Im Talgrund.

b4Mal sehen. Graveln ist schön, man kommt aber kaum vorwärts, so das Gefühl. Der magische Berg hat eine Schwerkraft. Zwei Jungs stehn auf dem Weg. Dann kann ein Dorf nicht mehr weit sein. Ich versuche etwas herauszufinden. 4 Kilometer. Aber wo und wie. ? Richtung? An der nächsten Kreuzung biege ich ab auf, einen frischen breiten Weg aus hartem Sandkies. Könnte Lastwagen tragen –  dann wird die Steigung nicht schmerzen. So ist es. Bald oben und vor mir jetzt die rosa Linie der alten Route. Sie ist ein Tal weiter, parallel. Aber bin ich weiter gekommen oder zurückgefahren? Abfahrt im Wald, dann Landstraße. Dorf in Sicht.

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Aufgelassene Sparmärkte, alte Traktortankstelle im nächsten Dorf. Hier kann ich fragen. Die Sonne steht immer noch an der richtigen Stelle. Kalbach liegt also hinter mir, anderes vor mir. Alles stimmt mit dem Kurs, ich folge der richtigen Richtung und bin zurück auf dem Track .

Kaputte Tankstellen und neue Funkmasten

Die Sonne fehlt, zumindest ihre Wärme, denn der Polare Strom weht weiter. Es geht auf und ab über namenlose Gegend, manchmal Alleebäume. Orte die einem nicht viel sagen, Fulda Gap. es könnte die schönste Projektionsfläche für alle Utopien eines richtigen Lebens in der Natur sein. Scheinen aber nur wenige so zu sehen. Vieles wirkt so, als seien nur die Grundlagen des modernen Lebens dauerhaft eingekehrt: Strom, fließend Wasser, asphaltierte Straßen. Läden und Werkstätten dagegen weniger beständig.

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Tiere sind eine echte wirtschaftliche Option.  Die Gegenwart lebt hier in der Glasfaser.

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Der Big Mac hält vor, auch die Pommes – es kommt jetzt längere Zeit nichts. Freihändig kleine Tomaten essen. Plötzlich Wiedersehen mit bekanntem Namen: Bermuthshain. Hier machten sie Hundeschlittenrennen auf Gras im Oktober 19. Rechts geht es zum Vogelsberg, links nach Frankfurt (ganz grob). Ich dagegen weiter geradeaus, den Berg hinauf. Das kleine Kettenblatt bitte, ein Hauch Sonne.

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Wieder auf der Chaussee, immer noch aufwärts. Gleich 600 Meter üNN, die Wasserscheide wird auf grünem Schild am Straßenrand angezeigt. Immer weiter hinauf, gegen den Wind. Kein Wald mehr, keine Gedanken mehr. Ich werde mich mit der Kulturgeschichte des Toasters befassen, wenn ich zurück bin. Oder am nächsten Kapitel über den unerbittlichen Verfall der Tankstellen arbeiten.

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Höhenlinie. Bei kurzer Pause entdecke ich den Fernsehturm über der Baumlinie. Tatsächlich: der Hoherodskopf. Schon kenne ich die Fortsetzung, talwärts, zurück in die Wärme, runter zur Nidder. Ist es schon nach Vesper? Eben noch eine Kirchenglocke von weither.

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Südlich von Schotten. Jetzt kommen die Blüten zurück, werden die Blätter größer. Kleine Anstiege kuscheln sich in den Hang,  ganz in der Ferne schillert die Ebene Richtung Gießen in der (späten) Sonne. Der Abend mit Goldrand wartet. Schnellste Abfahrten – es reicht sogar für den Gegenhang, die Maschine macht Spaß.

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Wo es für Fachwerk  und den Opel reicht, ist das Leben leicht.

Letzte Pause vor der Steigung nach Ulfa,  die bekannt scharfe. Zwei Frauen bewirten den Imbiß am Dorfausgang, ein roter Golf mit Mainzer Kennzeichen steht vor der Tür. Es wird geraucht. Nur 1 cappuccino bitte. Gespräche einer bunthaarigen über Mainzer Politzeikontrollen.“Nehmense mich doch mit auf die Wach“ . .   Heut noch zurück nach Mainz vor der Sperrstunde. Es ist halb 7, die Sperrstunde beginnt um 9 – oder um 10 Soviel zeit bleibt: es wird reichen.

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Alte Chaussee und Containerbahnhof

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Hungen, die Stadt mit der großen Hochwald Molkerei – hat eine große Umgehungsstraße. Hier stehen ihre Opfer an der alten Chaussee: Kulturgeschichte der Tankstelle. Der Kulturfolger Nummer 1, der Gebrauchtwagenhandel, sieht keine Zukunft, kommt also Kulturfolger 2, derzeit geschlossen. Pappe ist billiger als Glas.

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Brennstoff ist noch genug an Bord, es sind gute Kilometer die ich auf dem großen 300 Kilometer Segel gesammelt habe . Nicht ganz 300 aber genug als Baustein für eine größere Fahrt. Genug als Grundlage. Der polare Nordwind hat etwas nachgelassen, aber die Jacke bleibt geschlossen. Jetzt rolle ich als Tourist durch neue landschaften, kehre wieder ein in die Welt der großen, allmächtigen Logistik der Zukunft.

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Der erste Teil des Plans ist gelungen, Gießen ist Samstagabends eine ruhige Stadt im Lockdown des 24 April 2021. Das Rad ist gut, leicht ,schön. Müde aber ohne gebrechen steige ich ab.

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Der nächste Frühling

 Frühling – Hans Makart

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Die Pflanzen wissen, was sie tun. Mehr Sonne, mehr Licht, schon wachsen sie und senden Signale in die Welt. Der Frühling kommt und reicht der Natur seine Gaben. Sie sind mehr als nur Dekoration am Wegesrand – sie sind meine treuen Zeugen, die Blütenblätter liegen irgendwann als Konfetti auf der Straße,  wenn ich bei der Stange bleibe. b3

Es geht nicht nur weiter, sondern aufwärts. Die dunkelsten Runden liegen seit dem 23 März hinter uns, die großen Herausforderungen noch vor mir. Wieder  die Frage: wie sich nähern, was ist der nächste Schritt? Wie kann es noch leichter werden, noch besser gelingen. Die immergleiche Frage nach dem nächsten Frühling.b4

Jens Voigt, der Mann, der ganze 17 mal die Tour de France fuhr, lässt uns Sterblichen keinen Ausreden, denn er kennt den Weg. Den Fleiß der Bienen. Auch wenn wir nie  800 Kilometer in einer Woche fahren können – selbst wenn wir wollten. Er gibt allen recht, die sich den Winter nicht nur auf der Rolle vor einem Bildschirm fit halten. Der Radfahrer braucht die frische Luft, den Sauerstoff; der Körper darf das Holpern der Straße unter dem Sattel nicht vergessen, muß sich im Wind klein machen, muß aus dem Sattel gehen, darf sich nicht verschalten.b5

Also nicht tausende Kilometer, vielleicht nur hunderte – jeder nach seiner Zeit und seiner Form. (die Form ist eine Maya Pyramide, mit Stufen). Hauptsache Du fährst, Hauptsache aber auch, Du erholst Dich von einem 200 Kilometer Ritt, wie dem neulich über den Feldberg. Es gibt keinen zweiten Schritt vor dem Ersten. Auch wenn nicht die Pulsuhr am Leib trage und keinen Wattmesser trete– ich lasse mich vom Körper rückversichern. Die Ritzel sagen mir schon, was ich gerade leiste, vor allem, was ich gerade nicht mehr machen kann. Der Körper spricht eine klare Sprache.  Es geht auch so.

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Der Form kommt langsam, mit jedem Lebensjahrzehnt langsamer und wird weniger. Das ist die Wahrheit – aber sie kommt, das ist die andere Wahrheit. Sie verläuft streng nach dem Gesetz abnehmender Erträge. Ein Sprung von 30 auf 60 Kilometer ist groß, der über 100 eine Basis ,aus der sich alles entwickeln kann. Es kommt darauf an, von welchem Plateau ausgegangen wird. Die längsten Rennen im Amateursport sind kaum 200 Kilometer lang – dafür aber von hoher Intensität über 4 oder 5 Stunden. Intensitäten die ab 40 jahren illusorisch sind.

Ein Fehlschluß aber ist zu glauben, die längeren Brevets mit ihren bescheidenen Stundenmitteln erforderten keine Intensität. Die Intensität muß auf den kurzen Runden zwischendurch praktiziert werden, als Training. Dann fällt es immer leichter, über die Distanz ein gemächliches Tempo zu halten, dann erlebt man ein Brevet, statt es zu überleben.

Die Bibeln des Spitzensports spenden keinen Trost: für die nächsten 10 % mußt Du (mindestens!) doppelt so viel tun. Und dann kann es eines Tages leicht und mühelos wirken. Wie ein warmer Frühlingswind.

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Meinen ersten 600 Kilometer Brevet bin ich 2014 gefahren. Bis auf Eifeltäler war es eine flache Tour – auf dem Navigationsgerät Minus 4 Meter zu lesen ist eine bleibende Erinnerung. Aber es waren 600 Kilometer, eine gelungene Premiere. Was ich aber jetzt vorbereite, hat mit dieser Kulturreise durch den Westen wenig zu tun.b12

Der Rheingold 600 Brevet wird so etwas wie die Summe der Routen, die ich in den letzten Jahren gefahren bin. Meiner Wege durch die mittleren Berge rund um Lahn, Rhein und Mosel. Der Soonwald im Hunsrück ist dabei absolutes Neuland. Einige Passagen werden (vielleicht) ein freudiges Wiedersehen mit Wegen aus den letzten Jahren. Mayen, Koblenz, Spich – Marathons und Brevets.

Wie Voigt es anspricht, muß die Distanz des Wettbewerbs im Training zurückgelegt werden. Für die 600 Kilometer werde ich sie aufteilen, also zweimal 300 Kilometer, denn die Regeneration von einem vollen 600km Brevet dauert Tage, 300 dagegen bedeuten einen vollen Arbeitstag im Sattel – am nächsten morgen lassen sich daraus Schlüsse ziehen.

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Drei Kettenblätter für die Maschine. Nach 200 Kilometern geht es nicht mehr mit Druck den Hang hoch –und wenn man es versucht, wird man schnell abgestraft. Das sagt die Erfahrung und sagen die kommenden 10000 Höhenmeter. 30 Zähne ganz innen – die Möglichkeit, plötzlich einen ganz leichten Tritt zu haben ist wertvoll. Neuere Räder lösen das Problem über die Zahl der Ritzel : 11 Ritzel in großer Stufung. Ich bevorzuge die ältere Methode, ich bin auf der alten Seite, da ist nichts mehr zu machen.

 

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