BiTitanio – Colnago on ice

Der Wuppertaler Winterbrevet fand bei klarer, kalter Trockenheit statt, deren Kern irgendwo über Norwegen lag. Es war immer noch genug.

Kann man dann ein Rad fahren, das üblicherweise die Zitronen blühen sieht? Die Gelegenheit muß genutzt werden und dank Roy kam es zur  Colnago on ice-experience. Eine Brevet Testfahrt mit unbekanntem Rad. Wie würde sich das handverlesene, perlmuttweiße Exemplar unter den verschärften Bedingungen eines Winterbrevets schlagen? Wie würde die Record titanium dem aus Norwegen verschickten Eiswind begegnen?

b05Colnago hat ja in den Ohren deutscher Rennrad-freunde einen recht guten Ruf. Den Ruf, teuer, edel und extravagant zu sein. Das ist nicht unbegründet. Colnagos beste Jahre fielen in die Zeit des Rennrad“booms“, der auch Deutschland Mitte der 70er erfaßte. Ernesto Colnago hatte sich da bereits einen guten Namen gemacht, da er in der professionellen Szene so einige erfolgreiche Fahrer und Teams belieferte und das sehr geschickt.

bit01Eddy Merckx war sicher einer der premium- Kunden und beide haben dieses Verhältnis weidlich genutzt, auch wenn Eddy vor seinem ersten Colnago einige Erfahrung mit Lizenzrädern und italienischen Rahmenbauern hatte: schon 1966 kamen seine Räder von Faliero Masi, einem Mailänder Meister.

Aber einige der orangenen Räder des Belgischen Kaisers waren halt von Colnago,  und das ließ man die Welt wissen. Der Radsportversender Nummer 1, Brügelmann, wurde dann ein sehr wichtigen Multiplikator für Deutschland und so gedieh der Mythos. Man muß wissen: damals fuhrendie Gründer von Canyon Bikes  noch mit dem eigenen Kombi nach Italien, um Komponenten für den heimischen Markt einzukaufen.  –

Colnago war nicht nur ein guter Löter und kluger Geschäftsmann, er war auch am Fortschritt im Rennradbau nicht unbeteiligt. Rahmenformen und – geometrien wurden weiterentwickelt, ovale und multishape Rohre eingesetzt. Vor dem Übergang zum definitiven Material des modernen Rennrads – Carbon – gab es Versuche in Titan. Wie diesen hier.

bit2Einen der extravagantesten Lösungen, das Bititanio, habe ich nun über 10 Stunden bewegt – bergauf, bergab und auf langen Flachstücken. Es erhielt seinen Namen aufgrund des Versuchs, die Steifigkeit im Unterrohr über zwei parallele Streben statt eines Oversizerohrs zu erreichen .

Vielleicht war es ein optischer Grund, vielleicht ein technischer. Ein Marketing-trick war es kaum. Denn wie sagte Tom Ritchey:“ it is one of the dirty little secrets in the bike industry, that an oversize downtube gives you a billboard  – so everyone immediately knows the name of your bike. And they won’t give that away . .. . .“

bit1Obs der Grund für die Seltenheit des Bititanio ist, einem weißen Wal unter den Rennrädern? Schon möglich, sicher ist aber auch, daß die Homologierung der Bauform von der UCI verweigert wurde, nicht zu reden vom baulichen Aufwand oder den schön verschliffenen Nähten. Whatever: entscheidend is aufm Platz!

bit3Und da hatte ich mit conti Classic 25mm nicht  zu klagen. Trotz optisch massiver Sitzstreben ist der Komfort am Hinterrad  sehr, sehr gut. Auf 6 bar lief es einfach geschmeidig. Vorne aber verhielt es sich ein wenig anders. Die stiletto gabel dämpft einfach weniger schön als der klassische Typ, und in den schnellen Abfahrtskurven fühlte ich mich nicht so risikofreudig wie gewohnt.

ac6Und bei einem meiner klassischen Tests fiel das Rad eigentlich durch: freihändig fahren . möglich wars schon, aber nur bei recht hoher Geschwindigkeit, also deutlich über 20kmh. Wer sich in der Abfahrt nochmal die SponsorenKappe richten will, oder ein schönes Croissant aus der Tasche ziehen, muß  aufpassen: das Ding schaukelt sich über 40 sehr schnell auf.

ad3ad3Zum Genuß wurde es dann auf den dem schönen Weg durchs Münsterland, auch weil das häufige Schalten entfiel. Denn, wie es scheint, mögen Record Carbon Schaltbremshebel Dauerfrost überhaupt nicht. Oft gelang es nur mit Tricks (oder nach Tankstellenpausen) , den Umwerfer zu bewegen, und das lag nicht an der fein eingestellten Schaltung, denn wenns lief, dann wie Vanillesahne durch den Bratapfel.

b21Nur, bittesehr, wer fährt schon Colnago im Winter?

Die Frage die sich aber am Ende eines langen, kalten Tages aufbaut, lautet: brauchen wir jetzt ein Colnago? Ich kann jeden beruhigen, der sich auf die Suche nach einem bititanio macht: häufig ist es nicht. Vielleicht auch eher ein showpiece, so wie es gewisse Kleinserien bekannter Sportwagenhersteller gibt . Wertlos wird es nie .

Aber rein vom Fahrerlebnis ist die Antwort : nicht, wenn man schon ein zwei andere gute Rennräder besitzt. Wieviel vom Mythos bleibt? Das Bititanio ist ein gutes, kein sehr gutes Rennrad, dafür ist es einfach nicht steif etc. etc. genug. Die 90er bieten genug interessante Alternativen, die in der einen oder anderen Richtung besser sind.

Ließe man mir an diesem Abend die Wahl, würde ich immer das unscheinbare Peugeot nehmen.

 

 

 

 

 

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Eine Selbsthilfegruppe in Dortmund

as1Wenn Experten im Winter vom Rennrad abraten, hilft nur noch die Selbsthilfegruppe. Lachen am Küchentisch. Aber bitte, zu irgendetwas Nützlichem muß das Netz um die Festtage ja gut sein. Etwa: Verabredungen zum ersten 200er des Jahres .

Die Nordstadt

Die Selbsthilfegruppe Ruhr trifft sich diesen Samstag um 8 in der Dortmunder Nordstadt. Um kurz nach 6 startet der Motor, die einsamen Straßen des Westerwald liegen hinter mir, die Nebelbänke der A45 auch, ab Hagen steigt das Thermometer auf 4. Sehr gut, leicht vernieselt spiegeln sich die Straßenbahnschienen Dortmunds in den Scheinwerfern. Celsius im Plus, das ist die Hauptsache. Schützenstraße 6te rechts, ok.

01Nordstadt welcome. Wo solche Tankstellen stehen, ist noch gut leben, Café hier hausgemacht oder vom Starbocks zur Wahl. Wenn Melville das sähe.

DSCF7157Die Radbude ist 20m weitergezogen. Mitten im Wohnquartier aus großer Arbeiterzeit. Solide, neusachliche Wohnriegel mit romantischen Straßennamen. Kleist und Uhland… für Stahl und Kohle.

1Die Radbude

Es ist Licht, einige Räder lehnen an der Radbude. Treffen dieser Selbsthilfegruppe sind nicht verpflichtend, aber das neue Jahr ruft nach einem gelungenen Start. 18 werden wir gezählt! Wer ankommt, dem wird tobit Linke heute Abend Suppe kochen, jetzt steht erstmal heißer Kakao auf der kleinen elektrischen Herdplatte, die wahrscheinlich so alt wie das Haus ist.

Ich bewundere die kleine, gutsortierte Werkstatt des Mannes, mit dem ich den 200er von Namur 2015 fuhr. Surly longhaul war sein Pferd. Damals eine feuchtwindige Angelegenheit – heute auch. Now on his home turf. Rahmen hängen an der Wand, Holzregale und Schubladen voller gutsortierter Ware, Schöne Werkzeuge, die alles erlauben, was an einem Stahlrahmen machbar ist.

as23Ein Rickert wird hereingeschoben. Dortmunds Stolz. Es sind nicht viele Läden im Lande übrig, die zuerst Werkstätten sind und nicht Verkaufsfilialen.

2 Unser Koordinator Haiko streift sich die Jacke über,  es wird ernst. In Zweierreihe wird die Stadt verlassen. Kanäle, Lager- und Produktionshallen. Dann die ersten Höfe, die im Ruhrgebiet sehr bald auf die Industrielandschaft folgen. Nordwärts!

Die Strecke wird uns an mehreren Kanälen der Region entlang ins Münsterland führen. Die westfälische  Hauptstadt mit einer Schleife umrundet , dann geht es wieder nach Süden , insgesamt über 206 km über Felder und Wiesen. Zwei Stops sind vorgesehen -es werden mehr sein… Wind? – achja, ein steifer Nordwest bis West, oder Westnordwest nach meinem etrex Kompaß.

Nach Norden

Es wird zügig gerollt, zwei Fixiereiter zähle ich, ansonsten eine recht bunter Kleider – und Radmischung. ich selbst habe heute mein bewährtes Lagoon-blue Carlton dabei, mit Schutzblech und langem Spritzlappen. Es lohnt sich, auch  die gemixten laufräder zu erwähnen. vorn eine alte Araya von 1992, bei der das fett aus den Konen quillt, hinten eine einzelgängerische open/sup mit der ersten 600er nabe von Shimano, 7fach geritzelt. Nur die Reifen sind identisch, recht frische Durano-25 von Schwalbe, nicht unwichtig, wie sich heute zeigen wird. 7

Die Vororte der Vororte sind schnell verlassen, Allee, Kanal, Feldweg folgen aufeinander.  In der Ferne mischt sich der Dampf eines 48% Kraftwerks unauffällig in den Himmel. Hoffnung auf Sonne hat niemand, es wird ein grauer Tag bleiben, graugrün oder graugrau, getupft mit Höfen in Ziegelfarben und Schweinedunst meistens. Hier und dort kreuzen wir eine feuchte Bundesstraße, schön wenig los heute. Bis hinter uns die Polizei auftaucht.

Wo kamen die denn her? Stoppschild überfahren. Delikate Sache. 18 Täter – Gestandener Mann hält gestandenen Männern Standpauke, während der Juniorpertner zusieht. Glück gehabt, unser Geld kann doch in Kalorien investiert werden.

In einer Parfümerie finde ich die einzige SD Karte von Ascheberg. Immerhin eine Stadt mit 3 Backstuben, alles sehr solide und übersichtlich um den stolzen Kirchturm herum.

5Dann setze ich der Gruppe nach, die mich gerade eingeholt hat. Noch über ein dutzend Kilometer zur verheißenen Rast.  Die Maschine läuft seidenweich, gut gefettet gehen die Schaltzüge, als jemkand ruft: Defekt

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Und das war der erste Streich. Mancher redet schon vom Essen, aber nicht so schnell, es kommt noch was. Reifen um Reifen haucht den Atem aus, ich streiche fürsorglich über meine alten Durano-Pellen, damit das Glück mir hold bleibt.

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Dann endlich Wolbeck, erst 60km sind rum.

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Das ist der stattliche Hof des Erbdrosten.

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Das ist die stattliche Konditorei, erschaffen, als denkwürdige Erlebnisse noch über Postkarten mitgeteilt wurden. Wir überrumpeln sie.

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Euch soll es an nichts mangeln. Das Meiste, vor allem das Beste ist selbst hergestellt. Konditor (diamantener Meisterbrief!) ist nicht Bäcker und zum Andenken an die üppige Walnuß-Birnen-Torte sowie Lauchkuchen nehme ich noch drei alkoholisierte Trüffel mit, hausgemacht. Einen überreiche ich dem Organisator, einen nehme ich als Nachtisch und einen Letzten bewahrt man für schwere Stunden auf. Das Beste kommt noch.

Nach Westen

Einige haben sich schon abgesetzt, andere haben die Pause kurz gehalten. Wir sind noch ein Dutzend, als es unter Nieselregen weitergeht. Im Grunde ist die Luft jetzt eine einzige tiefe Wolke, manchmal feuchter, manchmal trocken. Kein wirklicher Regen. Aber naß. und jetzt kommt der Wind. In Doppelreihe auf den Radwegen, als langer Faden an der Landstraße lang, so ziehen wir jetzt über Telgte nach Nordwesten.

Jeder weiß, daß es besser ist, wenn die Gruppe jezt zusammenbleibt. Die Schnellen wegen der Ablösung im Wind, die Langsamen, um Kraft zu sparen und nicht definitiv abgehängt zu werden. Zwar kann eine Ampelphase uns wieder zusammenführen, aber leider auch auseinanderreißen. Meine Handschuhe sind jetzt durchnäßt, die guten Winterstiefel halten offenbar noch einiges ab. Energie ist ausreichend da, solange die Extremitäten nicht erkalten. Die munteren Gespräche der ersten Stunden sind selten geworden. Was im Flachen noch zusammenhält wird schon bei kleinen Brückensteigungen zu einer brüchigen Einheit.

as11Wir überqueren einen Kanal und jetzt fehlt Haiko.

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Er hatte nur die schwere Regenjacke ausgezogen. Kurze später auf dem Deich im Gegenwind.

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Während ich den Ausführungen über Spundwände und Sanierungen zuhöre, zerlegt es die Gruppe definitiv.

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Auf der nächsten Allee sind die Kameraden nur noch ferne Leuchtpunkte im Wind. Noch satte hundert Kilometer hier, und die Wellen des Tages sollen erst kommen. Jetzt einmal Geschwindigkeitsausdauer flach für mich, der ich diese ebenen Verhältnisse kaum kenne. Ich mache mich lang auf lagoonblue und übe: ausdauernder Unterlenker. Ein Bahnübergang bringt uns wieder zusammen, bis zu Anstieg nach Altenberge, es regnet wieder, die Erde wird naß, in Altenberge ist keine Seele zu sehen.  Wie lange werden die Kalorien halten? Leise Zweifel keimen auf.

6Das muntere Klimpern von rechts sind die hydraulischen Scheibenbremsen, es klingt wie Speichenbimmeln und hindert den jungen Mann nicht, eine beachtliche Pace zu fahren. Dann die nächste Welle.as03Die langen geraden Anstiege im Wind kosten Kraft, sie brennen wie tausend Hellingen bei der Ronde van  Vlaanderen und ich lasse hier Gesichter sprechen. Aber bald soll es frische Kalorien geben, heißt es jedenfalls.

Nach Süden

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Im stolzen Billerbeck jedoch sind alle Schnellrestaurants heute „leider“ geschlossen. Umherirren auf Pflastersteinen, Versprengte auflesen, nur Haiko kommt nicht nach. Wir beschließen die Weiterfahrt und jetzt wird es richtig spannend. Kalorien. Drei Stunden nach unserem Stopp wäre es langsam Zeit, da ich nichts mitführe, während andere immer wieder in Lenkertaschen kramen. Immerhin sind wir ein wenig aus dem Wind, dem ich jeden Anstieg vorziehe. Mach aber nicht satt. Fahren und sparen.

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Also weiter – es wird sich schon etwas finden. Die Kälte ist jetzt bis in die Schuhe gekommen. Ich spähe die weiten Horizonte nach einem Hoffnungsschimmer aus, ein buntes Tankstellenlicht, ein einladender Gasthof – nichts außer einem Storch.

Wir vermeiden fast jede menschliche Siedlung, aber auch in den wenigen Dörfern ist alles ausgestorben. Ein Land ohne Supermärkte – die Bauern müssen sehr reich sein. Am Hinterrad: Das längste Schutzblech wird gesucht, Spritzlappen bekommen eine existentielle Bedeutung.

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Diesen Trüffel habe ich noch übrig, aber ich bewahre ihn auf, noch ziehe ich nicht die letzte Patrone;  die Anderen sind auch nicht mehr frisch, zwei oder drei fehlen irgendwie und es geht weiter durch Felder und Wiesen. ganz leise höre ich eine feine Geigenmelodie im Kopf und suche weiter den rettenden Bäcker, den blauen Streifen Aral-Hoffnung. Den gelben Streifen Shell Hoffnung. Nur Ampeln leuchten uns. Irgendwo ist Coesfeld, Dülmen.

Nichts und

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immer noch nichts. Inzwischen haben wir die Lichter eingeschaltet. Die Dämmerung hat eingesetzt an diesem vierten Januar, an dem das ganze Münsterland in tiefe, gläubige Starre gefallen scheint. Im letzten Licht naht unsere Rettung. Drinnen wartet ein Kegelverein (Herren), der sehr belustigt die Radfahrer, die durchnäßt in die Stubestolpern zur Kenntnis nimmt. Als wir auf unsere Pommes warten, sehe ich, wie einige zu Zittern beginnen. Gleich werde ich trockene Handschuhe anziehen.

as07Und dann sind es noch vierzig Kilometerchen. Ein Witz.

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Wenn dem einen oder anderen nicht noch die Luft ausgegangen wäre. Die Marke mit dem großen C hat bei den insgesamt 10! Defekten die Pannenstatistik angeführt. Und es waren keine Altreifen. Split ist ein böser Gegner.

as09Prost sage ich mir und reiche Haiko in der Radbude den Champagnertrüffel, den er sich verdient hat. Mir schmeckt das Bier.

Mit Dank für Fahrt und Suppe verbleibt ergebenst ihr

crispinus

 

 

 

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Lektüre 2019

albrecht_duerer_anbetung_der_koenige_1504_c_gabinetto_fotografico_delle_gallerie_degli_uffizi-1080x9316.Januar 3Königstag, Albrecht Dürer.

Lesen ist auch 2020 ein gesunder Sport. Da die vielen Räder den Blick auf die buchrücken verstellen, ein kurzer Rückblick auf das, was aus dem Vorjahr in Erinnerung bleibt, ohne ans Regal, den Nebentisch oder ins Nebenzimmer zu schreiten.

Aus dem Jahr  1948 ein Werk von Jean Giono, einige Episoden über einen pensionierten Militär .Wurde gerade ins Deutsche übersetzt. Besonders empfohlen den Tierschützern die beschreibung einer Wolfsjagd um 1840. Un roi sans divertissement.

Aus den 1950ern eine Rundreise durch die Karibik vom Reisetitanen P.L. Fermor  – der Baum des Reisenden. Taschenbuch bei Fischer, dicht und voller Bilder, geschrieben, als der Postkolonialismus begann.

Von Jean d’Ormesson die Memoiren, wenige Jahre vor seinem Tod erschienen. Umtriebiger Kulturbotschafter und Schriftsteller, liefert er ein sehr lebendiges Bild vom Werden und Wesen französischer Eliten des letzten Jahrhunderts. Und vielleicht sogar dieses Jahrhunderts. Möglicherweise war das gar nicht einmal  Absicht, aber es war ein Gewinn. Nachrichten vom Hofe.

Von Ernst Jünger die Subtilen Jagden. Wie aus einem beinahe esoterischen Thema ein Werk universeller Weisheit wird.  Das planetarische Verschwinden der Arten infolge weltweiten Fortschritts. Erschien Anfang der 1960er .

Von Donna Tartt der Distelfink. Meine Neugier, wie man 900 Seiten eine erzählung hält wirde nicht enttäuscht. Das Sittenbild von Groß Manhattan dürfte auch jetzt noch Gültigkeit besitzen, die fixierung auf ein verschwundenes Bild möglicherweise nicht. ich habe mich gut unterhalten.

Parallel dazu min kamp von Knausgard. Autobiographisch, mit sehr dichten (existenzialistischen?) Passagen, aber die provinziellen, südnorwegischen Alkoholikerbiographien und coming of age Verzweiflungen haben mich nicht ermuntert, die Geschichte zu beenden. Wäre der Text in einem ostfriesischen Kontext erschienen, wäre er möglicherweise sehr ähnlich und hätte mich auch nicht weitergebracht .

Mémoires d’un touriste von Stendhal. Um 1820, ein früher, Französischer Reisebericht in der der Autor in das Gewand eines Stahlhändlers schlüpft, der die  Eigenheiten der provoinziellen Städte beschreibt, durch die er als Geschäftsreisender kommt. Eine sehr moderne Frage als Ausgangslage: Eisenbrücken kommen gerade auf und die junge Republik (oder neue Monarchie) sucht nach Identität, nach Richtung. Während man neuen Stahlkonstruktionen mit Argwohn begegnet, sieht der Autor in den Präfekturen schlechte Imitate italienischer Palazzi und verschmähte Fundstücke der Antike.   Ein vielschichtiges Buch, in dem Anekdoten schon die Roamnstoffe des künftigen Riesen andeuten.

Chronik einer Tankstelle. Den Autor habe ich vergessen und bin zu faul, nachzusehen. EIn geistreiches , sehr aktuelles Buch, in dem der Autor sein Leben als Aushilfskraft an einer Tankstelle irgendwo in der weiteren Banlieue beschreibt. Wochenend- und Nachtschichten bevorzugt.  Inklusive hübscher Liebesgeschichte zu einer Japanerin, die Kampfsport betreibt.

Eine Neuerscheinung zur ersten Tour de France von Eddy Merckx, 1969, die Geschichte seines Durchbruchs zum Superstar, von Augenzeugen erzählt. Die Bücher zu Merckx sind zahllos und dürften eine kleine Bibliothek für sich einnehmen. Sein damaliger Zimmergenosse, ein italienischer Helfer erzählt. Verschwiegenheit und Mißtrauen und kleine Hotels. Eine geradezu primitive Welt. Da ich das Buch nur überflogen habe, weiß ich nichts genaueres zu Autor und Verlag.

Vom Parfumeur Jean Claude Ellena die Geschichte des Eau de Cologne. Ein Ausstellungskatalog, in dem der Autor die Verbreitungung des Kölnisch Wasser von Mailand nach Köln und dann in die Welt darstellt. Gleichzeitig ein Berufszweig der von Hoflieferanten zur Industrie wird.  Napoleon verbrauchte bereits jeden Tag eine Flasche. Im übrigen ein guter Katalog alter und aktueller Eau de Cologne mit Komposition und Werbegeschichte. Für den, ders braucht und liebt .

Marcel Brion über Titian. Alte Künstlermonographien haben ihre eigene Farbsprache, alles wirkt dunkler, weniger grell.  Viele Abbildungen.  Diese bilden eine Grundlage für viele neuere Ausstellungskataloge, die nur noch Fragmente darstellen. Ein sehr nützlicher Anschluß an die große Ausstellung in Frankfurt vor einem Jahr.

as06Gestern zog ich mit einer Gruppe unbeirrter Randonneure 200km durchs Münsterland. Ein nasser und windiger Tag mit vielen Reifenpannen. Nach 160km sehe ich nicht weit von Dülmen plötzlich einen Storch auf freiem Feld. Als wolle er seine Anwesenheit beweisen ein weiterer in einiger Entfernung. Nicht alle ziehen mehr weg. Das bringt mich auf einen  Titel von Alain Mabanckou aus Pointe Noire.  : „Les cigognes sont immortelles“, Le Seuil 2018  – Störche sind unsterblich.

Addendum 2020:

Auch Bücher scheinen unsterblich, wie ich gerade lese .Der e-book Marktanteil liegt in unseren Gefilden irgendwie bei 6%, wahrscheinlich vom Umsatz. Meine Skepsis damals bei Auftauchen war nicht nur auf retroaffinität gegründet: auch mit einem heutigen HD Display läßt sich lesetechnisch einem Bleisatz nicht das Wasser reichen. Der sequenzielle Aufbau (scrolling) der Seiten tut ein übriges. Ein griffbereites Buch läßt sich sofort an der richtigen Seite aufschlagen.

Und weil ich hier nur von Romanen oder schönen Künsten rede –  das Buch als Objekt ist fast wie ein guter Freund: man trifft es mit Freude. Wenn es beim Lesen um reine Information ginge, wäre das anders. Aber reine Information, dafür gibt es genug Bildschirme. Haffmanns war beispielsweise ein Verlag, der wußte, wie wichtig eine leicht warme Papiertönung war, oder wie stark das material reflektieren sollte. es kann also wunderbar weitergehen. Die einzige wirkliche Gefahr für das Buch sind funktionale Analphabeten und suchtgenerierende Elektronik. Aber auch die erschöpft sich.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Retros for Future

Es gibt ja sogenante Börsen für fast jeden Zweck. Überraschungseier, Barbies, Modelleisenbahnen – jede Zeit hat da so ihre Steckenpferde. Eher unerkannte Zaunkönige sind Rennradbörsen.

boe1Damit sind nicht irgendwelche karitativen Abverkäufe oder Fundbüroversteigerungen  gemeint, nein, konkret Rennradbörsen. Sehr häufig sind solche Börsen nicht, aber wer sich in Nähe von Vater Rhein befindet, kann zwischen 3 Terminen wählen. Einer davon mitte September in Köln und ich freue mich jetzt schon auf diesen späten Höhepunkt der Saison, an der Schwimmhalle des SC Neptun in Wahn.

ae1Gerade habe ich die ersten 1000 Höhenmeter des Jahres hinter mir. Ich brauchte dafür nur von Sonnenhang zu Sonnenhang zu fahren, während sich die tiefen Wolken des 1. Januar rund um mich verschoben. Nebenbei eine abwechlsungsreiche Methode, sich die Strecke diktieren zu lassen. Jedenfalls stellten sich 2 Dinge heraus:

ae3(1) – Es ist dies ein wirklich schönes Stück Erde, es zu durchkreuzen mein Privileg. Und (2) das flugrostige Billigrad von Enik paßt auch im neuen Jahr und leistet mit seinen herkömmlichen Komponenten klaglos seinen Dienst. Seit über 30 Jahren.

Das Enik ist ein deutsches Fabrikat aus italienischer Auftragsfertigung. Es könnte auch Romani oder Bianchi heißen, das war übliche Praxis.  Auch mit dem Allerweltsrohrsatz, der bestimmt nie eine Tour de France gewann, wiegt es wenig über 10 Kilo. Genau

ae4so wie es da steht. Es gab viele solcher Räder „für Einsteiger“, die ab den 1980er bei fast allen Herstellern im Programm waren. Sie sind weder selten noch gesucht.

bö2Auf Börsen stehen solche Räder in der zweiten oder dritten Reihe. Weder klangvolle Namen, große Siege oder erlesener Schaltungsschmuck, manche davon kaum mehr als einen oder zwei Sommer bewegt – weil es eben beim Einstieg blieb. Und dann ging die Zeit drüber hinweg, die Kinder wuchsen zu schnell und so stehen solche halbvergessenen Stücke, bis ein Händler sie findet oder verschenkt bekommt.

Für die Zukunft solcher Räder spricht einiges. Die technische Reife, die günstigen Ersatzteile und die schiere Häufigkeit mit der Firmen wie Shimano Komponenten herstellten. An solchen Stücken ist kein Hexenwerk, eine rastende Rahmenschaltung ist spielend zu bedienen, so gut wie alles läßt sich mit geringem Aufwand einstellen oder nachrüsten. die gleiche Technik wurde wenig später auf MTBs aller Länder übertragen , da läßt sich gut mischen.

bö3Wer also mit einem sachkundigem Blick über solche Märkte schlendert, die ursprünglich nur Freaks und Fetischisten lockten, der wird vielleicht nicht gleich ein ganzes Rad, aber alle Bestandteile finden, um die nächsten Jahre mit (sehr) kleinem Co2 Fußabdruck zu leben.

Der zukünftige Wert eines „Retrofuture“ Rades hat weniger mit Nostalgie zu tun als mit zwei Fremdworten: Komplexität und Obsoleszenz. Von den 1990ern an kommt wachsende Komplexität ins Spiel. Es beginnt bei Bremsschalthebeln, der Steigerung der Ritzelzahl und der Einführung von Systemlaufrädern. Es endet heute bei Scheibenbremsen und Motoren. Komplexität, die sich mit üblichen Werkzeugen nicht beherrschen läßt und beinahe immer auf Kosten der Haltbarkeit geht. Komplexität, deren Verfallszeit eingebaut ist: Obsoleszenz.

bö1Wer Rennen fährt braucht ein Rennrad, doch die allerwenigsten fahren Rennen. Warum sollen dann ausgerechnet alte Rennräder besonders gut für die Zukunft geeignet sein?

Der Vorteil solcher Maschinen ist, daß sie mit den hochwertigsten Materialien ausgerüstet waren. Leicht und haltbar, Aluminium geschmiedet und hochwertige Legierungen schon in der Einsteigerklasse. Auf Rennradbörsen gibt es Grabbelkisten voller Schaltungen, Bremsen und Lenker, die in der Gunst der Sammler zu tief stehen, aber für die nächsten Jahre mit Sicherheit uneingeschränkt funktionieren. Gute Laufräder dran und ab.

ae2Wer so ein altes Rennrad aufbaut, will keine Rennen mehr fahren, nicht einmal ein Rennen nachstellen – (auch wenn das ein Spaß für sich ist). Er will ein Rad fahren, das sich leicht und angenehm wie ein Rennrad bewegt, zuverlässig, weit und schnell. Und dabei einfach istbö5Es ist die Möglichkeit, definitiv etwas Neues zu beginnen. Ein Entdeckung, die man nie bereut, ein Erlebnis, das sich nie übertreffen wird.

 

 

 

 

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Sir Stirling und der Brexit

… man muß auch unangenehme Themen anschneiden können . Motorsport zum Beispiel, diese energieverschwenderische, umweltmoralisch verwerfliche Tätigkeit von Männern mit zu hohem Adrenalinpegel. Ganz schlimme Sache, verdirbt die Jugend.

GP-von-Deutschland-1961_Startaufstellung_Foto-AvD-678x381So wie die von Stirling Moss, Startnummer 7.

Seine Zeit als weltbekannter Rennfahrer währte zeimlich genau zehn Jahre, von 1951-61. Seine Zeit als englisches Idol hat die schillernde Karriere mehr als 50 jahre überlebt, genau wie er. Das Netz vergißt nicht  – und das kann positiv sein.  Interviews mit Stirling Moss bringen uns einen jungen alten Mann näher, der durch den sauertöpfischen Vorhang des Deutschen Fernsehens lange verborgen blieb. Hier zum Beispiel:

Who do you think you are Stirling Moss 1-4.

moss lotus 18moss 61 bergwerk oderMan muß sich erinnern, daß, bevor unser Halbgott Michael die Bühne betrat, Autorennen einen halbseidenen Ruf unter politisch Korrekten hatte (solche, die sich jetzt für den Schutz der Wölfe stark machen). Aber mir geht es nicht um verbotene Autorennen, die Schließung des Nürburgrings oder was auch immer an Umerziehung zur Maßhaltigkeit gewünscht wird.

Mir geht es um einen Mann, einen Briten dazu, diese anachronistische Figur, die einem James Bond heute noch Flügel verleiht . Mir geht es am Ende um den Brexit und die Seele, aus der er kommt – nichts weniger.

moss 61moss monaco

Stirling Moss war der verkörperte Traum aller englischen Schuljungen, ein nationaler Champion, der zum nationalen Erbe wuchs. Jung, selbständig, sportlich brillant. Ein zielstrebiges Talent, das mit 17 alles auf eine Karte setzt, im geliehenen Jaguar die Tourist Trophy gegen die Werkswagen gewinnt und mit eigenem Geld (Fahrrad, Radio – alles verkauft) in der 500er Klasse startet.

500 Kubik im Cooper Chassis, so etwas ökonomisches gibt es in unseren Zeiten nicht mehr. Jedes Wochenende setzte er sein Leben aufs Spiel und bekam dafür ein märchenhaftes Leben – Weltreisen, Frauen, Feiern. Internationale Siege, während gleichaltrige 1953 noch Lehrgeld zahlten. Aus Angst vor dem Flammentod schnallte er sich nie an.

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Wenn ich das mit eher blassen Lichtgestalten vergleiche, die unsere 13-jährigen zur Wahl haben. Aber der Vergleich ist sehr unfair , die Traumzone einfach stark eingeschrumpft. Dochum kurz ins Bild der Vergangenheit zu kommen:

zitieren wir kurz  den Mann selbst in AutoMotorSport

„Ich trat mit einem Privatteam an, was heute gar nicht mehr möglich wäre. Rob Walker war mein Freund und der Chef des Teams. Außer dem technischen Leiter Alf Francis hatten wir einen Mechaniker. Meistens haben wir uns noch einen zweiten von einer lokalen Autowerkstätte ausgeliehen. Es gab ja nur bescheidenes Startgeld. Wir konnten kaum davon leben. In unserem kleinen Team herrschte aber dafür eine familiäre Atmosphäre. Das gab mir Lebensqualität. Ich möchte nicht mit Lewis Hamilton tauschen, der nach einem Sieg alle Vodafone-Filialen abklappern muss, um dort halbstündige Vorträge zu halten. Ich hatte nach meinen Siegen noch Zeit, mich um die Frauen zu kümmern. Ferrari war eine ganz andere Dimension. Taffy und Phil Hill waren Angestellte mit einem festen Gehalt. Meine Abmachung mit Rob Walker sah so aus: Ich kriege 60 Prozent vom Startgeld. Ich habe mit Rob nie einen Vertrag oder eine Absichtserklärung unterschrieben. Er war ein Gentleman, dem ich hundertprozentig vertrauen konnte.“

Fahrer suchten nach Ausreden gegen die Angst

„Der Tod war damals ein ständiger Begleiter. Wenn einer der Kameraden gestorben war, hat man sich Entschuldigungen zurechtgelegt, um darüber hinwegzukommen. Du hast dir gesagt, dass er bei dem Sport, den er liebte, ums Leben gekommen ist, dass du an seiner Stelle eher gebremst und früher eingelenkt hättest, so dass dir der Unfall nicht passiert wäre. Das war natürlich Unsinn, hat dir aber über die vielen Tragödien hinweggeholfen.“

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Und hier sehen wir Moss (rechts) mit einem  Kameraden Namens Trips, nach einem seiner besten Rennen.
Gerade hat er gegen 30PS stärkere Werks-Ferrari mit Glück und viel mehr Können den Nürburgring Grand-Prix 1961 gewonnen. Es ist sein achtes Jahr in der Formel eins und sein Letztes. Ein schwerer Unfall beendet mit 32 Jahren den Traum, jemals Weltmeister zu werden.
Vor allem endet sein persönlicher Traum, auf einem englischen Rennwagen Weltmeister zu werden. Das war erklärtes Ziel . Stirling Moss war stolz Engländer zu sein und das bedeutete auch, zeigen zu wollen, daß England den besten Rennwagen bauen konnte. Nur in einem Jahr hatte er sich Mercedes verpflichtet, das Jahr, in dem er die berüchtigte Mille Miglia in ewiger Bestzeit gewann.
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Die übrigen Jahre fuhr er in allen möglichen Kategorien bei privaten englischen Teams Siege ein. „I am a road racer“ sagte er, „not a track racer.“ Dieser Rennsöldner und Künstler des Lenkrads siegte auf allen Gebieten und baute sich ein Vermögen aus Startgeldern, Preisgeldern und Werbegeldern – mit heutigen verglichen natürlich in bescheidenem Umfang, riesig dagegen sein Ruhm, der immer noch andauert.
Und diesen Ruhm verdankt er nicht nur seiner artistischen Könnerschaft, sondern auch einem heroischen Charakter. „Ich begriff, daß Stirling den Rennsport nicht trotz, sondern wegen dessen Gefahr liebte.“, sagte ein Journalist.
In dieser eigensinnigen, waghalsigen Mentalität stecken durchaus freibeuterische Züge. Eigenschaften, die England einst halfen, ein Empire zu errichten. Wahrscheinlich ist Sir Stirlings Stolz auch aus dem Bewußtsein geboren, Vertreter und Erbe eines geschrumpften Empires zu sein, als Nachfolger der Herren der alten Welt, was auch immer man von ihnen halten möge.
21625 World Copyright: LAT Photographic ref: B&W Print, 40mb RGB scan
Und das, was man von ihnen halten möge, ist solchen Menschen erst einmal egal: sie wollen gewinnen.
(Vor über zwanzig Jahren sitze ich in der AedesBar am Savignyplatz, direkt unter der Sbahn. Manchmal rauchte ich dort zum Cappuccino – es gab noch keine Pads von Nästlé – eine einzelne sweet afton. Mit dem kleinen,älteren Italiener hinter der Theke unterhielt ich mich gern über die Formel 1. Villeneuve hatte unseren Schumi sehr gefährlich in Spa attackiert, ich reklamierte ein foul. Der Italiener zuckte entschuldigend die Schultern und sah mich, um Verzeihung bittend an:  ,, suon artiste . . . „. )
Dafür werden sie bewundert. Right or wrong: my country. Darin steckt ein gewaltiger Mentalitätsunterschied zum konsensuellen , regelbasierten, wie auch immer kompromißhaften Wesen paneuropäischer Gemeinwesen.
Man mag das absurd finden, man mag auch vergessen, daß ein gewisser de Gaulle große Vorbehalte gegen Engländer in der EU hatte und daß diese nicht mit fliegenden Fahnen nach Brüssel gingen, sondern unter Vorbehalt.
Dem Vorbehalt der Selbstbestimmtheit.

 

 

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Advent auf Nebenstrecken

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– nach drei weißen Tagen rückt das Sturmtief nach. Am 3. Advent erlebt der Schneemann seinem letzten Sonnenaufgang. Letzte Blätter fallen jetzt und schaffen Gelegenheit, sich aufs Rad zu setzen, den Wind kreuzen, die hellsten Stunden der kurzen Tage nutzen.

ad2Das Schmelzwasser rinnt die Straßen hinunter. Schutzbleche sind jetzt wichtig. Ohne zu wissen, wohin es gehen soll, bin ich erst einmal aus dem Wind gedreht. Also Kurs Südost. Vor mir liegen erste herbe Höhnemeter, aber mit dem Blick zurück auf eine grauweiße Wand aus Graupelschauern freut mich diese Wetterbarriere , die gleich überwunden ist.

ad31Erstmal oben eine Übersicht gewinnen über den 3ten Advent. In jede Richtung 12 Prozent, graue Schlieren( gestern noch weiß), hinter mir über 350m weiße Streifen, vor mir keine. Also nach vorn. Hinter mir der Westerwald, tiefer unten die Lahn. Der Wind läßt Falken wilde Kapriolen schlagen, Krähen kommen dazu , Rennerod leuchtet  auf goldgelbem Schild: 12 km.

ad3Und es ist Glück . Der Himmel reißt auf, die Sicht auf den Feldberg wird frei, ein großes blaues Auge über mir weist in die gute Richtung. Nach Süden, über die Lahn hinweg, da muß ich hin.

ad5Löhnberg. Am Burgfrieden, der das Tal aufschließt bin ich schnell vorbei. Die Straße glänzt im Gegenlicht und ich bewege mich geschützt . Die Weil rauscht munter und voll Schmelzwasser dahin.

Ich sammle Ruinen ein. Die Reste einer kleinen Bahntrasse liegen neben mir, vom Gegenufer deutet sich der Bahndamm der Weiltalbahn an. An Lagerplätzen werden Autos abgestellt,  – nur Besichtigung kein Verkauf.

am3Die Ruinen der Automobilindustrie setzen das gleiche Moos an. wie die letzten Gleise und Verladerampen der toten Erzgruben. Als man von solchen Fahrzeugen träumte, als solche Wagen noch Jungenbanden in Trance versetzten. Die Scheiben sind beschlagen, – als mein Onkel das kleine Ausstellfenster aufdreht und lässig die Asche seiner HB auf die A3 schnippt. Ich rieche die Mischung aus Lösungsmitteln, Textilien und Leder, höre die Musik aus dem Cassettenrecorder, höre wie die Tür der Erinnerung mit sattem Nachhall ins Schloß fällt.

ad6Kein reiches Land, das hier, nur voller Erz, Schiefer und Kalk. Und Marmor. Die Musik der Mühlräder ist verstummt, meine Melodie-Ketten kommen aus dem Asphalt. Eine Flöte aus den massiven Klangmauern von Zawinuls Geräten schwebt darüber, oder die kleine Flöte über den Gebirgen von Streichern am Ende der ersten Brahms. Zawinul, Brahms und mein Raleigh. Raleigh rollt, der Wind wechselt die Seiten, mal fliegen wir davon, mal drückt es heftig in den Unterlenker.

Ich zähle die Dörfer. Bis Weilmünster ist es nicht weit.  Dort wartet eine sichere Herberge.ad7

Hier an der großen Kreuzung steht die bekannte und ersehnte Total „tout-va-bien“ bonjour. Entdeckt beim 300er aus Gießen 2018 ist sie ein strategischer Punkt aller Fahrten in den Hintertaunus geworden.  Entscheidend ist das Sortiment. Cappuccino und Croissant können alle, Baguette mit Hähnchenbrust und Salat schon weniger.

Auf einer gepolsterten Sitzbank lege ich  Helm und Handschuhe ab und mache es mir bequem. Umrühren, Blick auf die Kasse, Zeitschriften und alle Regale. Alkohol und Zucker sind beliebt, der Tabak immer hinter der Theke. Manchmal geht es nur um ein Päckchen Zigaretten und dann schnell wieder mit kurzen Jeggins ins wartende Auto. Dann tritt ein Paar auf, beide mit Hut, beide  in  grünlich-grauer Outdoor Kleidung. Sie sieht glasig zu ihm auf, während er, wallender Bart und Zopf, mit gebieterischer Geste nach kleinen dunkelgrünen Flaschen greift. Dazu Dosenbiere und Tabak. Wanderstiefel.

Ich sehe nach draußen und suche das passende Auto. Es ist ein alter Pritschenlaster, 7 Tonner  – ein plakettenfreier Dieselmercedes, mit Holz beladen. Steht auf der anderen Straßenseite und die Sonne scheint schräg durchs Führerhaus. Zwei Hunde hüpfen auf und ab und blicken Richtung Tankstelle.

Gleich sind sie wieder bei euch und ich frage mich jetzt noch ,wo es dann hingeht. Rückzugsorte gibt es genug hier. Es ist der dritte Advent und so gut wie nichts los im Weiltal. Nun ist Zeit, die Sonne versinkt kurz vor 5.  Eine Karte in passendem Maßstab habe ich vergeblich gesucht – also mit  memory navigation.

df_dk_0010001_5515_1907Ein Labyrinth aus dem ich wieder hinaus muß, über die Falten der Bachtäler nach Norden zurück. Ernstbach, Kerkerbach. . .  ich vergesse einige. Solche Messtischblätter sind fast unendlich präzise, sie geben alte Ortsnamen und Naturdenkmäler preis. Auch sind die alten,also wichtigen Wege verzeichnet man genau.

Sie sind über hundert Jahre alt und schlafen in Fototheken. Ein engamaschiges Netz von Stahlstichen überzieht das gesamte Land, wird nach und nach von elektronischen Netzen abgelöst, die in Echtzeit arbeiten und eigentlich noch viel mehr  verzeichnen könnten. Aber werden sie das? Werden sie jemals mehr wollen, als Kaufinformationen liefern? Wir wissen es nicht und noch weniger wissen wir , ob die kleinen Eisenbahnlinien, die für den Abbau der Bodenschätze angelegt und dann im Nahverkehr genutzt wurden, jemals wieder auferstehen, wenn den Individualmotoren die Luft ausgeht. Der Wind bläst an.

ad8Auf zum härteren Teil des Tages, zum eigentlichen Training. nach 2 Stunden sind – auch mit Pause- die Speicher einigermaßen leer. Bergauf gegen den Wind, Höhenkamm um Höhenkamm. Sich gleichmäßig verausgaben. immer wieder auf den Abfahrten erholen und dann von vorn. 8 Grad im Plus sagt eine Volksbank auf ihrer prähistorischen Digitalanzeige. Aulenhausen, Weinbach, Aumenau.

Eine gesperrte Straße hinunter zur Lahn: nach zwei Monaten überzieht Laub die Teerdecke .

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Von oben sehe ich die formationen neuer Wolken, im Bachtal sehen mir Schafe und 1 Hund nach. Noch ein Anstieg und noch einer, sich langsam leerfahren, die ganze treue Körpermaschine. Sie lohnt es einem .

ad91Und dann beginnt der Regen: nur noch 7 Kilometer; es reicht um naß zu werden, es reicht, um sich auf leuchtende Kerzen am Küchentisch zu freuen, samt Christstolle.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die vergessene Kurbel

Erster Dezember 2019.

Die Tage werden kürzer, die Ausfahrten auch. Mancher Infekt steckt noch irgendwo im Körper, da ist Vorsicht angebracht – sagen Gesundheitsexperten. sagt aber auch das Körpergefühl: warm verpackt und mit leichtem Tritt, so ist es besser, damit die 100km nicht mehr schaden als nutzen.

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Für das Training im Winter wurden Starrgänge propagiert. Dabei ging es bei mittelkleinen Übersetzungen (je nach Fähigkeit) darum, immer im Tritt zu bleiben, die Muskeln immer in Aktion zu halten und ordentlich durchblutet. Meine Absichten sind ähnlich, mein Weg ein anderer.

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Er führt über den Westen Richtung Rhein,  um vielleich ein paar mehr Grad Celsius zu bekommen. Denn Rückweg später an der Lahn entlang, der gleichmäßig und eben verläuft. Das Mittel der Wahl ist nicht der starre Gang, sondern die verpönte DreifachKurbel.

Sie ist an einem klassischen Rennrad eine wunderbare Möglichkeit, nicht nur leichte, sondern auch eng gestufte Gänge zu fahren. Hier: 50/40/30 und 13-26 auf 6 Ritzeln. Mit dem kleinen Kettenblatt von 30 sind sehr angenehme Frequenzen bergauf möglich, die den Körper wärmen und nicht zu stark schlauchen.

ak5Und wenn es durch den Wald geht, weil dem grünen Radwegschild gefolgt wird, dann macht sie sich auf heiklen Passagen im Schrittempo nützlich. Klare Empfehlung und Kauftipp. Aber warum sich den Kopf einer Firma für Radkomponenten zerbrechen ? – ich erinnere  nur an Vorzüge alter Lösungen aus d. letzten Jahrtsd.

Denn leider sind diese schönen Stücke schon lange aus den Katalogen verschwunden.

Eine Weile ging es nach Westen, über den Limes hinaus, dessen Türme hier und da nachgebaut sind. Dann beginnt der Abstieg zum Rhein und meistens steigen auch die Temperaturen spürbar an. Heute ist es genau umgekehrt. Immer tiefer dringe ich in eine dichte Watte ein .

ak7Über dem Rhein ist  eine kalte Nebelsuppe aufgezogen, die sich in feinen Tröpfchen durch Handschuhe und Trikots zieht. Eine kurze Partie an der Uferpromenade mit einem Fahrtgenossen, dem es ebenso geht. Ganz kurze Pause.

ak6In der Tankstelle: Menschen aus wohlgeheizten Autos strömen hinein. Auf dem Bildschirm kurvt ein betont lässiger Reporter mit roten Cabrios über Küstenstraßen, auf denen er völlig allein unterwegs ist. Draußen steht ein junger Mann an seinem Wagen und raucht eine, der Adventssamstagsverkehr am Rheinuferrollt an ihm vorbei, Familien schieben Kinderwagen auf ein unsichtbares Ziel hin. Niemand sieht dem strahlenden Reporter in seinem roten Cabrio zu, während er die verchromten Schalthebel streichelt.Was ich hier brauche, sind viele Kalorien.

ak9Hier sind sie. Ich bin froh, noch einen Platz im weihnachtlich dekorierten Palazzo gefunden zu haben. Von den praktischen Tischen an der Bar habe ich gleichzeitig einen Blick auf den geschmückten Platz und das Krautscheid. Zugunsten von Kalorien verzichte ich heute auf die geliebte Pizza. Nach dem dritten oder vierten saftigen Biß beginnt es in meinen Fingern zu kribbeln. Dazu ein schönes, herbes Pils. 300g Energie wollen verdünnt werden. Frittierte Kartoffeln (keine Pommes!) könnte man öfter sehen.

Der Tag geht schnell zu Neige. Ohne eine Sehenswürdigkeit zu streifen, muß ich schon zur Stadt hinaus.

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Koblenz, Lahnstein, das Lahntal. Menschen mit Laubbläsern auf dem Gehweg. Plötzlich ein Streifen blau.

al2 Der Turner Moment ist da und gibt den Blick auf die eindrucksvolle Lahnbrücke frei. Sie führt die lahntalbahn seit über 150 Jahren an den Rhein. Preußen finanzierte diese knifflige Strecke durch Hessen Nassau (viele Tunnel, viele Kurven), damit Erz, Kohle und Holz an Rhein kamen. Noch 50km, jetzt noch soviel von der Sonne mitnehmen wie möglich, soweit es die tief eingekerbte Lahn zuläßt.

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Lahninseln und Siedlungen wechseln sich ab. Ich grüße sie als alte Bekannte aus sommerlicher Zeit :Bad Ems, Nassau, und noch eine Persönlichkeit im letzten Licht:

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Der schiefe Turm von Obernhof. Mit dem Licht wird es knapp werden, schon bilden sich über der Lahn erste, feine Nebelstreifen. Mit dem Verkehr gibt es keine Probleme, sehr wenige stören meine fahrt durch einss der schönsten Flußtäler Deutschlands. Struppige Wälder auf Schieferfelsen, die als stenerne Schraffur die Vegetation durchbrechen. Dann verlase ich das lahntal und biege nach Norden in das noch kleinere, noch wildere Gelbachtal ein.

ak91Im Büchsenlicht bewege ich mich durch das dichte Gestrüpp am Bach entlang, seit über einer Stunde auf dem großen Blatt. Nur eine Heckleuchte und die Leuchtweste schützen mich ,  aber es kommt nur alle 5Kilometer jemand. Meine reflektoren entfalten ihre volle Macht, das kleine rote Rücklicht läßt die verchromte Kettenstrebe wie eine Weihnachtskugel leuchten. die Kräfte werden reichen, aber mehr sollte es nicht sein. Einen ganzen tag werde ich brauchen, um mich von dem Ritt zu erholen, da nutzt auch die vergessene Kurbel nichts.

ak99Weihnachten kommt näher.

 

 

 

 

 

 

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Midcult: wenn Kunstwerke zu absolutem Geld werden

Es war Anfang des Jahrtausends. Die Zeitschrift Monopol war noch nicht gegründet, nur ein feiner Imbiss neben dem Landgericht Moabit trug diesen Namen. Dort hörte ich  den Ausdruck „midcult“ zum ersten mal. Kunst, daß sei jetzt midcult, sagte der eine Referendar zum anderen. Sie nickten einander wissend zu.

dat31 Jahrtausendwende ; die Generation Golf steckt in den Startblöcken ihrer Karriere. Konsum haben wir, Design ist durch, jetzt kommt Kunst. Ein Verhandlungsgegenstand im innern der frisch bezogene Eigentumswohnungen rund um den Landwehrkanal, oder Einfamilienhäusern weiter draußen. Damals, als Berlin noch nicht wirklich durchdrehte mit den Immobilien.

Von der Zahl kleiner Ausstellungen moderner Kunst  in der Stadt zu urteilen, war das schon ein Trend. Es gab Vieles und Verschiedenes. Manches war war improvisiert (oder sollte so wirken), vor allem Galerieräume und Ausstellungsflächen gab es in guter Mittellage immer wieder. Ein Phänomen im Kleinformat und für begrenzte Zeit, noch nicht völlig im Geiste der Rankings von Künstlern und Auktionsergebnissen. Jahre, bevor Player ganze Bunker in der Stadt bezogen. Die Jahre, von denen die Generation Golf bald schwärmen wird. Kunst also.

aa1Um die gleiche Zeit gehen die Erben der Firma Picasso auf den Deal ein, ihren guten Namen einer Linie von Automobilen zu leihen . Das funktioniert ertragreich bis zum heutigen Tag und ist vielleicht ein gutes Indiz. Signaturen als universell anerkanntes Kapital, verwertbar auf Prozellantassen und Autotüren. Und in diese Zeit fällt auch die Entstehung von Donna Tartt „Distelfink“, ein Buch , an dem sie zehn Jahre arbeitet.

ab2Wenn ein Roman von über 900 Seiten sich um ein Kunstwerk aufbaut, dann muß es schon eine große Kraft besitzen. Donna Tartt zumindest schreibt dem kleinen Bild „der Distelfink“ von Carel Fabritius die Wirkung zu, nicht nur das Leben der Hauptfigur sondern auch der Umgebung auszurichten;  – was schon in die Logik eines midcult geht, am Ende nur noch Kunstwerken eine Aura zuzuschreiben. Der Plot des 2013 veröffentlichten Romans ist einfach: ein Anschlag verwüstet in New York ein Museum, macht einen Jungen (13) zum Halbwaisen und läßt ihn im Chaos mit dem kleinen Bild unter dem Arm entkommen.

Schnell wird ihm klar, daß das Bild Unsummen wert ist und sehr gesucht. Auf dem nun folgenden, epischen „coming of age“ – Weg führt er es bei sich, immer irgendwo versteckt, egal wie prekär die persönliche Situation ist.  jahrelang hält er es versteckt, bis er bemerkt, daß er es nicht mehr besitzt.

Die Autorin nutzt die Schauplätze der Erzählung weidlich, um gesellschaftliche Depraviertheit mancher Art zu schildern. Wir werden Zeuge von alkoholisierten, spielsüchtigen Vätern, Pflegeeltern mit Luxusverwahrlosung in Manhattan, sowie einer beginnenden jugendlichen Suchtkarriere mit einem ukrainischem Kumpel als sidekick. Im Hintergrund das Bild  – und irgendwo auch die reine, große Liebe in Form eines Mädchens, deren erwiderter Blick im Museum kurz vor der Explosion der Bombe zum zweiten, parallelen Faden der Handlung wird.

ab1Dieses Mädchen, (nach der Mutter einzige Person, die eine konstante Liebesbezeugung erfährt ) tritt sporadisch auf, erzeugt Wallungen von Sehnsucht und Glück. Der junge Mann aber, inzwischen selbst gerissener Antiquitätenhändler, wird am Ende nicht für sie, sondern nur für das Bild sein Leben aufs Spiel setzen.

Das alles wird gewürzt mit kunsthistorischen Andeutungen, perlender Kennerschaft, geschmackssicheren Apercus etc. etc. . Dinge, die in den absurden Statuswettbewerben von downtown Manhattan zum Spiel gehören. Voller Überzeugung, es gehe um das Kunstwerk, die Schönheit,  Kunst an sich. Im Abgang leistet sich der Roman seitenlange philosophisch – psychologische Ansätze und Erklärungsversuche. Das hätte hat das Werk nicht gebraucht.

dat2Man sollte es tiefer hängen, sagte schon der alte Fritz und auch beim Bruch des Jahrhunderts sah man das vermutlich ähnlich. Der Einbruch ins Grüne Gewölbe, Dresden, zeigt vor allem eine Verbindung von Hoher Kunst und schnellem Profit. Geht es im Distelfink um Ideelles und nebenher Pfandgeschäfte, bei denen das kleine, handliche Bild immer wieder als Sicherheit für schwere Deals benutzt wird, findet bei den Juwelenräubern wahrscheinlich ein anderes Geschäftsmodell Anwendung.

Während das gestohlene Meisterwerk seinen Wert als Sicherheit, als Erpressungsmittel, als Verhandlungsmasse ausspilet, surft es auf dem midcult : alle (also eine möglichst große Öffentlichkeit)  wollen das Meisterwerk bewahren, damit bleibt zugeschriebene Wert stabil .

Anders liegt die Sache, wenn riesige Smaragde oder Diamantencolliers geraubt werden. Die Kriminellen, denen niemand „Kunstsinn“ als Motiv unterstellt, nutzen gar nicht erst den fetischistischen Charakter der Beute, sondern verwerten sie direkt, greifen nach dem Material. Diamanten sind Diamanten, sie aus Gruben zu fördern ist viel schwieriger. Vielleicht ist der Raub im grünen Gewölbe auch ein düsterer erster Schritt in eine Welt, bei der Museen eben keine zugänglichen, öffentlichen Orte mehr sind, oder ihre Schätze der Öffentlichkeit ganz verschließen , Kulturauftrag hin oder her. Gleichwie.

ab4Donna Tartts Roman wäre bald ein überholtes Werk, wenn die Feder im Uhrwerk, das geraubte Werk, nicht mehr spannt . Sobald „der Distelfink“ als etwas Austauschbares wahrgenommen wird, sobald es keine gierigen Erben und gerissene Kunsthändler gibt ein Original zu jagen, sobald Kunst aufgehört hat midcult zu sein, oder Distinktionsmerkmal der upper few, verlöre die Erzählung ihre Antriebskraft.

Ist dieser Fall wahrscheinlich? Die Säulen von Palmyra,  Panzergranaten auf Buddhafiguren; die Diamanten von Dresden könnten  nahelegen, daß unter Raubkunst etwas ganz neues zu verstehen ist.

Donna Tartt hat einen sehr erfolgreichen Roman geschrieben. Ihr gelingt, auf  900 Seiten den Rhythmus zu halten, in einem Fluß zu bleiben.  Metaphern, streifen durchaus haarscharf am Klischee vorbei, das namedropping von Hemdenmarken erinnert stark an Popliteraten der Nuller-Jahre, die Mechanik der Handlung kommt stellenweise hölzern um die Ecke.

Zwei Dinge sind herausragend und helfen, von den vielen Seiten gefesselt zu bleiben: die  innere Welt eines labilen Charakters und die Präsenz der geschilderten Umgebungen, seien es die Wüstenpanoramen von Las Vegas oder die Atmosphäre des Central Park und seiner Anwohner. Eine Welt in der kein Protagonist eine intakte persönliche Beziehung zu leben scheint, gleichzeitig voller Gier.

Der Focus des Buchs liegt ganz auf dem Meisterwerk von der Größe einer DinA 4 Seite. Nur dieses hat Bestand, sein Wert bleibt. Bei Menschen kann man sich nicht sicher sein.

dat3Ob midcult oder nicht, ob die Menge der Fans abnimmt oder nicht. Die Zahl der Bewunderer hat für den wichtigsten Aspekt, den immensen Wert eines Kunstgegenstands, sei es ein Bild, sei es  Ei von Fabergé, eine völlig untergeordnete Bedeutung. Auch die Kenner und Liebhaber sind nur Statisten in einem anderen Spiel .

Denn je näher man (im Roman) dem Bild kommt, desto unmittelbarer seine Entdeckung und Rückgabe naht, desto klarer wird seine Funktion. Es ist Geld in absoluter Form, ähnlich wie die Million-Pfundnote von Mark Twain. Es dient als Pfandgeschäft im Drogenhandel, bildet die Garantiesumme mehrerer illegalen Transaktionen. Sollte es dazu nicht taugen, kann seine „Entdeckung“ immer noch als Lösegeld monetarisiert werden. Die Diamanten von Dresden die verschwundenen Goldmünzen stehen in  primitiver Konkurrenz zu den gestohlenen Van Goghs oder Picassos oder Piero della Francescas. Diamanten oder Gold dienen gleichfalls als Quasigeld, als Ersatzwährung, ihr Wert aber beschränkt sich auf den nackten Materialwert zum Tageskurs minus Abschlag.

DSCF6305Um die Zukunft solcher Parallelwährungen ist es nicht schlecht bestellt. Die globale Welt ist immer schon voller illegaler Transaktionen gewesen. In einer Zeit konkurrierender Machtsphären, Ölembargos, unkontrollierter Waffengeschäfte, weltweiter onlinewetten und kolossaler Drogenbewegungen ist Geldwäsche ein enormes Problem geworden.

Allein der Drogenhandel ist eine globale Parallelwirtschaft für sich. Dringend werden Möglichkeiten gesucht. Allein, jede Kryptowährung kann decodiert oder liquidiert werden, elektronische Transfers auch Jahre später rückverfolgt. Der physische Transfer von Geld über Kontinente bleibt darum ein ungelöstes Problem. Ein Zimmer voller Monets, ein kleiner Koffer voller Diamanten dagegen sind Valuta, die ganz ohne Bewegung funktionieren.

Sie sind dem Großkapital das, was dem kleinen King der Reeperbahn eine mit Edelsteinen besetzte Uhr ist: das As im Ärmel, sofortige Kreditwürdigkeit. Um Kredit, um Vertrauen – darum geht es , je weniger davon vorhanden ist.

Bei Donna Tartt wie im echten Leben.

 

 

 

 

 

 

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