Kann der Vintage Conti 23 mit einem Gravelbike mithalten?

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Die Tage werden kürzer, die Straßen schmutziger, der Asphalt immer kälter. Manche fahren gar nicht mehr auf der Straße, wollen nur noch windgeschützt in den Wald und sich auf dicken Reifen warm strampeln.

Reifen sind die günstigste Möglichkeit,  Geschwindigkeit und Fahrverhalten ihres Rades zu verbessern“. Das sagte der ehemalige Entwickler der Continental Rennradreifen, aus dessen Labor möglicherweise meine Vintage Exemplare stammen, dessen naturkautschukfarbene Karkassse so schön mit dem übrigen Rad harmoniert.

IMG_1000Kann man einen solchen Reifen, wenn man ihn ungebraucht oder gar noch verpackt findet, überhaupt noch fahren? Nein, wenn man einen Hersteller fragt – er muß für die Funktion haften. Nein – wenn man einen Radladen fragt – er kann ihn nicht mehr verkaufen.  Ja, wenn man mich fragt : ich habe es probiert.

Und zwar auf der nicht mehr zeitgemäßen Breite von 23 mm. Niemand wird bestreiten, daß es sich hierbei um Rennreifen handelt, keiner aber kann sagen, ob sie noch mithalten können – außer mir.

ac4Nachdem es auf dem schicken AeroLaufradsatz schonmal mit dem Einrollen geklappt hat, und auf Asphalt einen ersten Tauglichkeitsnachweis lieferte, geht es jetzt in die verschärfte Belastungsprüfung. Kann ein 25 jahre alter conti grand prix außerhalb der glatten Piste aktuellen Gravelbikes noch das Wasser reichen, oder wird er sich als einfach unfahrbar erweisen?

Auf dem Belag der ehemaligen Bahnstrecke ist nur das schöne hohe Geräusch der leise rollenden Reifen zu hören. Unhörbar und gleichmäßig gleitet das große Koga Miyata (RH63) unter mir dahin. Ab 350 Metern über NN ist die Sonne durchgebrochen und macht aus einem trüben, späten Novembertag eine leuchtende Offenbarung.  Doch es geht noch höher.

ac2Schon bald habe ich die Laborbedingungen verlassen und begebe mich auf ein gesperrtes Stück Flickenteppich. Der alte Grand Prix muß jetzt die unsauberste Bahn fahren, so kann ich das Fahrverhalten  besser beurteilen: er läßt am Untergrund keinen Zweifel. Über den Rundlauf kann jetzt nichts mehr gesagt werden, bei knapp 8 bar Arbeitspunkt ist jeder Qualitätsunterschied der Strecke spürbar.  Das Rad bleibt beherrschbar, dem klassisch proportionierten Rahmen und 100,5 cm Radstand läuft nichts aus dem Ruder . Dar Graveler kann nicht punkten.

ac3Dann der wahre Grund für die Straßensperrung: eine frisch gefräste Bundesstraße, die vor dem großen Frost noch eine neue Decke braucht.

Hier wird nicht nur der Reifen heftigst gefordert, auch der Steuersatz und der gesamte Aufbau geraten in Vibration.

ac03Ich versuche, die optimale Geschwindigkeit zu finden, um die angenehmste Resonanz zu ermitteln. eine Folter für Reifen, mensch und Rohrsatz. Wenn die schmalen Contis hier nicht auseinanderfliegen, ist ihre Karkasse noch für viele Kilometer gut.  Jedes Fatbike allerdings würde hier mühelos rollen. Vibrieren würde es auch, nur etwas sanfter…

Eins ist nun sicher: die Karkasse des Grand Prix  ist gut, auch 20 Jahre nach Produktionsende.

Ich kann auspendeln, alles hat gehalten, freiwillig würde ich mit keinem Reifen diese Piste befahren – aber man hat nich timmer die Wahl. Über eine Straße, die ich zuvor noch einen üblen Wirtschaftsweg genannt hätte gleite ich nun wohlig dahin. Es ist alles eine Frage des Maßstabs. 1930 hätte man diese Verhältnisse für sehr gut befunden – keine Schlaglöcher! Die Oberahrer Berge nördlich von Montbaur sind ein Eldorado der kleinen Kurven, Straßen und ihrer Beläge. Dei Kurvenhaftung ist vorbildlich.

ac5Nun über kleine Wege und kleine Dörfer. Auf die halbnasse und schmutzige Piste am Waldsaum. Keine Probleme mit der Haftung.

ac6Und da sind ja auch die Vergleichsobjekte: unsere Gravelbiker, deren wulstige Noppenreifen kaum Schmutz zwischen die Gabel lassen. Schlammtriefend kommen sie mir entgegen. Der Unterschied in der reifenbreite dürfte gut und gerne 20mm betragen. Welten, Galaxien.  Wir grüßen uns kurz.

Dabei bin ich auf Breitreifen unterwegs, wenn man die Bücher der Jahre 1985 bis 2000 zu Rate zieht. Da nämlich sollen 20mm (oder 18!) mit 10 bar  Trumpf gewesen sein, am besten auf knochentrockenen Alu. Damals wäre ich ein lascher Tourist gewesen heute aber . . . So ändern sich die Zeiten und die Dogmen.

Das lustige an solchen Reifen : man fühlt sich allein deshalb schneller,  weil sich das Rad viel „lebendiger“ bewegt. jetzt die Anstiege  – Das Gravelbike  muß kämpfen. ac7

Der schöne Teil kommt bergauf, denn es ist schon deutlich, wie die spontane Reaktion auf den Wiegetritt auch als Leichtigkeit empfunden wird. Es sind halt keine Walzen und die frühen Grand Prix rollen auch straffer als ihr nachfolger „3000“ in der gleichen Größe, fällt mir dabei ein. Beides Reifen vom gleichen Entwickler .ac9

Endlich noch die Mischung von Schotter, Laub und Walderde.  Einige problemlos Kilometer, man achtet nur genauer auf die Fahrspur.

Könnte man noch mit einem Gravelbike mithalten? Vermutlich ja, die Grenzen werden bei Sand und Matsch erreicht werden, nicht auf dem Trockenen. Entscheidend ist die  Geübtheit des Fahrers,  die Vertrautheit mit seinem Rad. Natürlich bewegt sich ein 35mm+ reifen narrensicher über jedes Gebiet, stellt vor allem für Gepäck und Langstrecke einen schön rollenden Kompromiß dar. Hat der Conti Entwickler recht behalten? Auf  jeden Fall, was das Fahrverhalten betrifft.

ac8Doch welches Gefühl möchte man haben? Was will man spüren, wie will man sich bewegen mit einem Rad – das sind die Fragen, die jeder mit sich ausmachen sollte. Ginge es um wirklich grobes und unbefestigtes Terrain, würde ich eher zum guten alten Mountainbike raten.

Und der vintage Grand Prix? Für alle aber, die es interessiert: ja, man kann mit einem uralten Reifen sehr gut fahren, wenn er gut erhalten ist, nicht zu porös, geschmeidig und rund läuft.  . .  Die Erfahrung mache ich gerne wieder.

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Eine technische Randnotiz zu Rollwiderstand und Dauerleistung.

Es wird ungeheuer viel gemessen in der Radwelt und das hat auch seine guten Seiten. Wir wissen um jedes Watt. Nicht nur die Leistung des Fahrers an der Pedale vor allem die Werte des Rollwiderstands auf der Straße oder gegen den Wind, sind immer wieder schier unerschöpfliche Themen. Ich habe mal eine kurze Rechnung aufgemacht: aus einer Tabelle weiß ich, der top Reifen rollt mit 10 W Widerstand. Ein durchschnittlicher top Reifen dagegen mit 15 W. das klingt nach 50%  Unterschied. Ich möchte die Zahl durch ein kleines Exempel relativieren.

Angenommen, ein Fahrer erbringt eine Schwellenleistung von 240W – ich glaube das ist schon gut sportlich. Wie verhält sich der Unterschied im Rollwiderstand zu dieser Zahl?  12W wären 5% der Dauerleistung. Nach meiner Rechnung ist dann der Unterschied von top zu weniger top 2,5%  der Schwellenleistung. Nicht viel.  Dieser Radsportler müßte mit dem „schlechteren“ Reifen 244 W und einpaar zerquetschte treten, um den Unterschied auszugleichen. Marginal, wenn man die übrigen Parameter in Rechnung stellt. Je leistungsfähiger der Fahrer, desto geringer wiegt der unterschied zwischen einem top reifen und dem weniger toppen…

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Am meisten genießen also vor allem Untrainierte die Vorzüge eines Über-Reifens, –  jemand, der nur 200W an der Schwelle tritt, hat mehr vom Reifen, bezogen auf die eigene Leistung. Die 40W zum Konkurrenten holt er sich damit niemals zurück.  Egal wie und was er nimmt. Das ist so.

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Das grüne Monster des Radsports – eine Begegnung

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Geschichte einer Begegnung  mit der Urform des Lifestyle – Rennrads

Die letzten 10 Jahre haben es gezeigt: die Feizeit schuf einen schier grenzenlosen Markt. Es gibt in fast jeder interessanten Nische passende Produkte samt medialer Betreuung . Das special  interest Segment „Rennrad“ bringt es auf drei Magazine, die den schmalen Randstreifen bearbeiten, auf dem das Gras der fetten Marge wächst. Wir sind weit gekommen.

Wie sonst hätten wir die 10k-Euro Marke in diesem Jahrtausend durchbrechen können? Wie sonst gäbe es so gut wie in jedem Jahr komplette Neuauflagen an Zeitfahrrädern, Gravelrädern, herkömmlichen Rennrädern und weniger herkömmlichen. Jedem special interest wächst ein special interest nach und der ganze Randstreifen muß neu gemäht werden weil die Performance stetig besser wird. So they say.

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Später Oktober 2020 :

Allein das Rennrad mit Schutzblechen ist als Freizeitmaschine noch nicht gewürdigt, zu stark haften ihm die Zeichen des Arbeitspferdes an: Bleche, an denen der Winterschmutz, das Wasser und die ganzen Reste von Gummi und Bremsabrieb ebenso hängenbleiben wie der feine Dunst von Streusalz, der nun wieder in der Luft liegt. Schmutz und Elend der Radkurtisanen.

Doch genau damit, meinem grundehrlichen Marschall, werde ich heute eine Reise zu den Anfängen aller Sonderformen des Rennrads unternehmen, zur Mutter der Spezialräder, zum grünen Monster unter den Lifestyle-maschinen. . .

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Es ist also frisch an diesem morgen , nicht ganz so frisch wie am gefrorenen Vortag, reicht aber doch für zarten Reif auf den Feldern unter Sankt Lubentius. Ich fahre nach Süden, gleich schließt sich mir der Gefährte Fafnir  an und so

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durchqueren wir Triften und Auen, die uns allein gehören  Die Sonne lacht uns ins Gesicht und nimmt der Luft die Schärfe. Der Taunus sieht stumm zu, wie wir an ihm vorbeiziehen.

Nach einer kleinen Rast im Städtchen Hofheim (mit Kaffee vom neuen Begleiter „Dave“) geht es gemeinsam an den Rhein. Dort irgendwo soll es auftauchen, das grüne Monster. Die Erscheinung dieses seltenen, historischen grünen Sondermodells dürfen wir uns nicht entgehen lassen. Der Begriff Weltsensation ist nicht übertrieben, denn es ist das letzte fahrende Exemplar dieses Urahn aller special interests bikes.

Seine Geschichte 

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Schon seit einigen Monaten ist es auf Tour und wird für die mutigen Freiwilligen der Aktion zurechtjustiert.  So umrundet es Etappe um Etappe ganz Deutschland, bis es eines fernen Tages am Ort seines Ursprungs museal verewigt wird. Es handelt sich um ein Kuriosum aus den 1980ern, direkt aus der Keimzelle unserer neuen Freizeitgesellschaft , der Ära von Tennis, Golf und Aerobic…. 

Das Rad, von dem die Rede ist, war eine Sonderfabrikation der Fahrradfabrik Schauff /Remagen für den Kosmetikhersteller Lancome. Es ist das allererste Rennrad der Welt, das von einem Golfer geziert wird, dem Emblem einer Duftwasserflasche. Aber erst einmal weiter dorthin, wo seine letzte Position gemeldet wurde. . .  

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Wir durchqueren beschauliche Orte am Weinhang

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Wir überqueren den Main und sind im Süden

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Wir sondieren die Pandemielage in Groß Gerau und dann geht es zum incognito Treffpunkt an den Rhein, mitten unter nichtsahnenden Sonntagsradlern, die vor dem großen Winter ein allerletztes mal zum Schaulaufen angetreten sind – wie wir.

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Tags zuvor noch stand die gesuchte Maschine beim Willi Altig in Mannheim. Er ist der 84 jährige Bruder des legendären Rudi und eine Saison lang fuhren sie im gleichen Team, 1964 muß das gewesen sein. Heute noch steht er in seinem Radladen und ist sehr gern bereit, das Scheibenrad des grünen Monsters zu signieren. Bruder Rudi war damit einst über die neuen Golf – und Tennisresorts an der Algarve gekurvt, so als schickes kleines Accessoire des Golfers auf zwei Rädern.

Mit dem alten Schauff verbend die Altigs eine lange Beziehung, aber wäre es nach Rudi gegangen, wären an diesem Rad viele Details gelungener. So blieb es bei einer gelungenen Mimikry – was im Lifestylebereich ja oft die halbe Miete ist.

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Etwas Besonderes ist das Schauff Trophée allemal, das sieht man gleich:

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Jedem fällt sofort das kleine Vorderrad auf, eine 24 Zoll Größe, die sonst nur an Kinderrädern verbaut wird.  Wer genau hinsieht, bemerkt, daß nicht nur die Naben sondern auch die Speichen weiß lackiert wurden. Die 80er in ihren frischen Farben und ihrer Vorliebe für den Suffix Aero, der ja heute  eine ganze Gattung von Rädern beflügelt, die dem ultrasportiven Fahrer kostbare Watt erspart.

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Hier ging es zunächst einmal um Optik, Optik, Optik. Die Bauform kam mit Rädern fürs Mannschaftszeitfahren auf  -ein kleines Vorderrad erlaubte geringeren Abstand zum Vordermann – und die kolossale Überhöhung mit dem Hornlenker sah schon im Stand überaus schnell aus, ein Akzent, den die elegante Kettenscheibe noch verstärkt.

Wer weiter auf Details schaut ist zu pedantisch: es will gefahren werden.

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Selbst ein ungeübter Golf- oder Tennissportler wirkt auf diesem Monster erst einmal gefährlich sportlich, weil sich der anmutige Flachrücken von selbst einstellt. Gleichzeitig sind aber schon die 10 Kilometer zum Green in dieser Haltung eine gewisse Herausforderung. Umso größer der Mut unseres Probanden U.B. aus Mannheim, der sich mit seinem Gardemaß über mehr als 100km dieser Haltung unterwirft.

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Wir alle haben gestaunt, sind kurz probegerollt und  dankbar wieder abgestiegen. Das Rad läuft vor allem geradeaus, über die Komponenten schließe man gnädig die Augen. Aber es ist in seiner Art durchaus ein Sportgerät. Und es verlangte einigen Zuspruch auf der Rückfahrt, damit die Strapaze nicht ins Unerträgliche wuchs.

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Da halfen auch die perfekten Bedingungen nichts, das Showpiece ist kein Alltagsrenner für lange Touren– aber es weckt auf seine Weise Erinnerungen. Erinnerungen an eine Zeit, die Hedonismus als Lebenshaltung in unseren Breiten entdeckte. Menschen wollten Cabrios, tranken beim Italiener Prosecco, die Vorbilder aus „Kir Royal“ (einer Fernsehserie) wurden zögerlich kopiert.

Sport wurde zur demonstrativen Lifestyleoption, er war keine Leibesertüchtigung mehr, sondern ein sozialer Erfolgsbeweis. Damals, als wir jung waren und der ballonseidene Trainingsanzug als Ausgehuniform diente .

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Jetzt müssen wir uns eine Pause zwischendurch gönnen, an dem die Geschicke der Firma Schauff nacherzählt werden können.

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Nachdem aber der Main überquert war, gab es für die Maschine kein zurück mehr.

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Die Übergabe erfolgte nach neuem Ritus  – Pandemie oblige. Und schon wird das grüne Metallstück eine weitere Strecke durch Deutschland zurücklegen.Bis es eines Tages in Remagen einrollt und für immer an die hohe Wand des Museums kommt.

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Wir aber rollen weiter, wieder zurück, am taunus vorbei und Knipsen die Leuchten bei Büchsenlicht an. Es war ein langer, runder Tag mit echt feinen Kerlen.

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Die Schweiz ist uns voraus

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Ich habe einfach mal den Buchtitel „Sokrates auf dem Rennrad“ gegouglt und siehe da: voriges Jahr schon gab es einen Artikel in der Tageszeitung NZZ , die das Werk einen Geniestreich nennt.

https://www.nzz.ch/sport/tour-de-france-guillaume-martin-der-philosoph-unter-den-radprof-ld.1498154?reduced=true

Geniestreich? Zumindest würde ich die gesamte Konstellation sehr ungewöhnlich nennen, ein sehr kluges, unterhaltsames und originelles Buch ist es in jedem Fall. Wer den ungefähren Ton und Stil kennen will, lese einfach das Interview des philosophie Magazins aus diesem Sommer

https://www.philomag.de/artikel/guillaume-martin-ich-habe-nietzsches-worte-zu-meinem-mantra-gemacht

Es fand während der Übersetzung statt und jetzt kann das Buch erscheinen. . Guillaume Martin – den Radfahrer, der nach dem zwölften Rang auf der Tour nun das Bergtrikot der Vuelta mit nach Hause gebracht hat, dürfte im Jahr 2021 von noch mehr deutschen Fans belagert werden als bisher . . . denn sein neuer teamkollege ist der Berliner Simon Geschke.

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50 Pfennig für die Parallelgesellschaft – Wetzlar

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Roadbook 14 11 2020, Claus Lauer, 10 grad plus, schwacher Wind aus Süd

Landflucht

Unterwegs mit dem Lauer. Mitte November. Fallzahlen für Covid : um die 20Tausend Neuinfektionen täglich. Alle Ballungsgebiete sind  Hotspots.

ab71Mittagsfahrt am Samstag. Rauchsäulen in den Wiesen,Rauchschleier vor Waldhang, Herbst. Dunst über den Wäldern, starker Duft. Holzlaster holen die langen Fichtenstämme ab, die überall in Stapeln bereitliegen.

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Scharfer Ritt durch die Weiden und Lahnauen, der tote Arm der B49 ist mit Laub übersät, das Lauer läuft geschmeidig leise und schnell an der Lahn entlang. Ich schinde mich ein wenig. Das Rad will, daß ich mich schinde. Also bin ich glücklich.

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Wetzlar. Das Tor zur Stadt – die alte Kamerafabrik, die Tankstelle  – Kontaktzahlung möglich. Gute Panini, guter Cappuccino, gutes Lauer. Mische eine halbgeschmolzene, schwarze Schokolade hinein und rühre bis alles einen cremigen Jus ergibt. Noch wärmt die Sonne.

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Durch einen kleinen Pfad vom Tankstellenparkplatz in die Mitte. Fototouristen kommen entgegen, blinzeln in die tiefstehende Sonne auf der Suche nach Motiven.

ab82 Nostalgie – das alte Wort für Vintage. 600Meter Fachwerk vom Besten. Strickläden, Antiker Hausrat, natürlich pseudo antik, Gründerzeitantik aus der Fabrik. Nichts davon einzigartig, das wäre für  Laufkundschaft viel zu schade; was einen Wert hat, geht auf den internationalen Markt ins Netz .

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Das ist das alte Zentrum, gleich unter dem Dom mit seiner Haube. An der Ecke noch ein Fotografiegeschäft, nur für alte Cameras mit dem roten Punkt , der Stolz der Stadt. Camera obscura : Dinge, die ohne den Film, den es bald nigends mehr zu kaufen gibt, der heute schon nirgends mehr in Wetzlar zu haben ist,  genau das werden, was sie letztlich immer schon waren: technische Fetische von Größe einer Modelleisenbahnlokomotive. Benutzt um Fachwerk zu photographieren, benutzt, um immer die gleichen Trauerweiden im Stadtpark, Tautropfen,Sonnenuntergänge mit extrascharfen Schwanenhälsen in Goldstimmung einzufangen. Oder eben New York, den Zuckerhut und den 8ten Ring um Peking, Benutzt, um auszulösen und zu spulen und auszulösen und genauso wie  . . ..

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Weil alles gut ist, wie es ist. Die Partei hat recht, die Partei hat immer recht.

Kameras blicken auf Fachwerk, Menschen in Mänteln sehen sich um, Kameras baumeln und der Cappuccino dampft. Frauen stehen vor Modeboutiquen. Schilder mahnen die Radfahrer zum Absteigen. Wer zu Fuß geht, kauft mehr ein und sieht länger in die Schaufenster.

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John Lennon als Kunstdruck. Künstler, die aus John Lennon Pressephotos Zeichnungen fertigen und in aufwendige Rahmen stecken. Die 68er sind jetzt alle in Rente, ihre Kinder langsam auch. Lennon smells funny.

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In der Parfumerie als einziger Gast. Wiederentdeckung : Carven, Vetiver, wurde in den 90ern massiv verramscht. 20 DM.  Erinnerung an Berlin. Ein warmer Winterduft. Verkäuferinnen belehren mich kurz  – Carven war nie weg, Carven war immer da. Probe auf den Handrücken und und den Lederhandschuh wieder darüber – den Duft mitnehmen und dann später die Gegenprobe machen – weil alles sich ändert, weil Moschus als Grundstoff seit Jahrzehnten verboten ist. Weil am Ende alles anders ist, als in der Erinnerung. Ich erinnere mich an meinen Freund Thomas Bernhard. Der hatte über 300 Düfte, sorgfältig in Schränken sortiert. Temperiert, es waren umgebaute Weinkühlschränke. Er benutzte sie fast nie, eigentlich benutzte er sie nur einmal, wenn er die Probe machte. Dann kaufte er eine Packung und stellte sie in den Schrank.

Ich glaube, er nahm nie etwas anderes als Kernseife und Farina Gegenüber. Er trug auch nie etwas anderes, als das Paar schwarzer Slipper, in dem ich ihn jedesmal sah. Obwohl er gleichfalls schränkeweise Schuhe besaß, Maßschuhe, blitze- blank und eine großartige Küche mit 6flammigem Gasherd, La Cornue, den er nie nutzte. Er aß immer auswärts und schimpfte fürchterlich über die schlechte Küche. Er hatte die Düfte im Kopf, mehr brauchte er nicht.  Drei Düfte namens Vetiver: Lanvin, Guerlain und den Carven, weil er dort sich seine Kravatten kaufte . Aber das ist eine weitere Geschichte, sie fürht immer weiter… Aus einem Sammler wird man halt nie schlau.

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Immer noch sind einige auf dem Marktplatz, es ist angenehm windstill und der Himmel blau.  Buchläden, Schreibwaren, Foto sind schon geschlossen – es ist erst kurz nach zwei. Den kleinen Bäcker gibt es noch, es ist aber eine andere Bedienung drinnen und ich bin noch recht satt, bleibe also draußen. Sie  backen ihr Brot im holzbefeuerten Ofen um drei in der Früh.  Mein Laden für Hifi, Wein und erlesenen Kaffeesorten ist noch geöffnet. Ein Lautsprecher  steht davor und spielt neo-Reggae: everything will be allright. ein wenig Stimmung. Aber weder kann ich mir ein Stück Musik, noch ein Buch, noch ein gescheites Bild in dieser wunderhübschen ALtstadt um 14h15 kaufen.

Auf dem Platz daneben findet sonst der Weihnachtsmarkt statt und der Panini Italiener  an der besten  Ecke, sonst brechend voll an Samstagen, also jedesmal, wenn ich an Samstagen vorbeikam, ist heute geschlossen, wie auch den ganzen Monat. Wann offen?

In diesem jahr nicht mehr. Was überhaupt in diesem Jahr noch sein wird, steht nirgends fest. Der Westerwald steht voller Weihnachtbäume, die niemand abholt. Mein Lauer läuft wie von allein, lenkt leicht und die Sonne läßt das schöne geschwungene Monogramm auf den Schultern der Gabel leuchten.

Anatomie der Parallelgesellschaft

Ich verlasse die Stadt über den Ring, eine Asphaltschneise, die die Stadt wirksam und nachhaltig zerteilt. Sie schafft ein glacis, ein no mans land, bevor  Lahn und die schnelle, kleine Dill sich treffen. ab33

Aber auf die Opfer der alten economy folgen bald Autoschlangen und das bunte Leben. Hier also sind sie: nahe der großen Einkaufszentren  –   Möbel, Hausrat, Garten und Supermarkt.  Kulturfolger auf den (sainierten!) Stätten der alten Industrie. Die Parallelgesellschaft. Hier die Fußgänger vor Fachwerk mit ihren Kameras und Strickwolle, dort die Vollklimatisierten mit ihren smartphonestarrenden Insassen in -Loungewear. Die zwei Gesellschaften von Wetzlar treffen sich nicht. Sie ignorieren sich nicht einmal.

Sie brauchen keinen Bäcker auf dieser Seite der Lahn, keine Buchhändler, Fachgeschäfte und keine Beratung. Sie brauchen sie nicht und sie wollen sie nicht, sie beraten sich selbst mit dem Gerät, das sie nie verläßt. Die Welt auf 6 Zoll reicht ihnen völlig, sie sehen sich die Altstadt ihrer Stadt auf dem Display an und finden sie schön.

Stadtflucht und glückliche Heimkehr

Schon bin ich in den Siedlungen vor der Stadt, den kleinen Einfamilienhäusern mit weißen Giebeln und Vorgärten. Dem geordneten Feierabend in der Sudetenstraße.

20Tausend Menschen siedelten nach dem Krieg an. Leitz, Buderus, die Hütte in Aßlar. An einem der vielen weißen Häuschen ist ein kunstgeschmiedetes Motiv an der  Wand angebracht : eine junge Frau mit Zopf kniet auf dem Boden und setzt ein Reis in die Erde. Rückenansicht. Eine vage bekannte  Ansicht, aber entfernt wie ein Märchenbild.

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Es ist die Rückseite der 50 Pfennig Münze. Mit 50 Pfennig ging lange das, was heute mit einem Euro geht, wenn nicht zwei. Seht das einfache Symbol: neu Pflanzen, neu Aufbauen. Was für ein merkwürdig unschuldiges Bild, pflanzt Luisa Neubauer so einen Baum ? Altes Geld. –  Was sollen wir tun, Alexa?

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Mitte November: noch zwei Stunden Sonne für mein Lauer und mich. Das lange Oberrohr, die automatisch gestreckte Haltung. Das Rad, das mich erzieht.  Ich halte die Kadenz, die Sonne sinkt allmählich, aber es wird reichen.

Nach Biskirchen geht es in den Westerwald hinein. Zuerst kommt die Big Sky Ranch. Dann Barig und weiter nach Merenberg hinauf , fast an den Burgfried heran.ab44

Traktoren bearbeiten die Erde für die neue Saat;  am Horizont, schöne satte, rotbraune Feldränder und leises tuckern aus der Ferne. Der Boden wird winterfertig gemacht. Lautes, rhythmisches Puckern aus Autos, die mich mit der beute ihrer Einkäufe auf Heimweg überholen.

ac2Milchiger Horizont West und lange Schatten. Auspendeln , austrudeln, ankommen.  Man sieht viel an einem Nachmittag.

Ich ziehe den Handschuh aus – es riecht gut. Jetzt etwas Warmes.

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Finale in Hollabrunn – IVV 2020 Teil 3

Nach der Labe in Elsarn – km 144 – verläßt Team Stuttgart das Straßertal mit gefülltem Magen und einigen (wenigen) Promille im Blut. Auf den letzten 65 Kilometern werden wir alles verrauchen, dafür sorgen der Parcours und die Nachmittagssonne.

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Die ultimative Stufe der Konsekration

Waren die ersten hundert (und vierzig) Kilometer etwas für Liebhaber der weiten und einsamen Natur, scheint es plötzlich von Radfahrern zu wimmeln, je mehr wir nach Süden und also Hollabrunn näher kommen.

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Die nächste kulinarische Versuchung kommt schneller als man denkt. Nach wenigen Kilometern schon bietet ein Jazz-Liebhaber eigene Trauben und Rebensaft für Vorbeifahrende an. Der Berlin/Brandenburger läßt sich nicht zweimal bitten und während ich den Akkorden von Dollar Brand/ Abdulla Ibrahim aus dem Radio lausche, leert Tino das nächste Glas. Ich bin noch satt, danke. 

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Weiter als Duo unterwegs: In Elsarn kam die alte Gruppe nochmal zusammen, jeder machte Pause nach Bedarf: Einige sind uns voraus, andere ziehen nach – nur das MX Leader ist gerade wieder an uns vorübergezogen. Ringsum jetzt Reben -sie verheißen neue Kellergassen und schmale, steile Wege dorthin.

Wenn es nicht die Abfahrten sind. Diese hier hat es allen besonders angetan, die Lösung lag auf dem Randstreifen aus sehr gepflegtem Gras…

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Es sei übrigens verraten, daß alle Geländestücke mit serienmäßgien Contis in 25 zu machen sind. Solange der Untergrund trocken ist, absolut kein Problem.

Der Instinkt des Jägers

Unterdessen nehmen die staubigen Schotterpassagen zu und von weitem werden neue Mitfahrer sichtbar, die offenbar schonend mit dem Material umgehen. Das spornt automatisch an. Wir sind bei der Sache, immer wieder zeige ich Tino das markante Trikot des MX Leader, wenn es im Hintergrund des Panoramas sichtbar wird. . .

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. . .Vor einigen jahren traf ich im Taunus auf einen ehemaligen Amateur-Rennfahrer, zufällig. An einem Anstieg in der Gegend von Heinzberg war ich bei einer Radtouristik auf ihn aufgefahren, weil das alte Trikot und das alte Simoncini Rad mich angezogen hatten. Mr Simoncini nannte ich ihn und lernte meine Lektion: gut trainierte Fahrer fahren gleichmäßig schnell. „Komm Junge, gib Gas!“ meinte er, als es über den Höhenkamm zurück nach Bad Homburg ging und ich nach dem Anstieg in eine Art Bummeltrab verfiel. Er machte sich wenig aus Kontrollstellen und Verpflegung und rollte irgendwann davon . . .

Jetzt sah ich den Bummeltrab wieder – bei vielen, die vor uns der MX Leader-Mann aufrollte. Die meisten geben in den Anstiegen alles, ruhen sich danach aus und bewältigen ihre gewählte Distanz. Schließlich ist es ein Sonntag. Auf der schwarzen Runde herrscht eine gewisser Sportsgeist, vielleicht mehr Adrenalin, vielleicht der Jagdinstinkt, der, einmal geweckt, bis zur Erschöpfung nie nachläßt. Wir wissen es eigentlich nicht. 

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Deutlich wird dieser Unterschied vor allem auf den „Naturpassagen“. Vielleicht ist es auch wegen der Materialschonung – auf Schotter wird von vielen erheblich verhaltener gefahren als auf Asphalt. .

Dabei ist dieser Unterschied für das Rad irrelevant. Gravel ist ein Marketingetikett. Im Gegenteil: auf einer harten Schotterpiste mit stellenweise Sandplacken ist ein zügiges tempo und „gerades“ Fahren durchaus sicherer. Tino läßt bei unserem Ritt öfter mal die Klingel hören – ein unverzichtbares Accessoire. Der MX Leader wird von einer Dreiergruppe aufgehalten – wir sind dran.

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Und hier gehts an den Tandems vorbei, freudige Grüße!

Und dann auf einmal das neo-Colnago Trikot in blau. „Erinnerst Du Dich?“, frage ich Tino, zeige auf die goldeloxierten Schlauchreifenfelgen. Tino nickt und ich glaube, ein Lächeln zu sehen. Ernesto würde es genauso machen. Wir sind jenseits von Kilometer hundertfünfzig und lassen die Kurbel sausen, daß die roten und schwarzen Startnummern im Fahrtwind flattern.

Im Zickzack geht es durch die Felder.Tino: “ Wir haben eine Schmeißfliege am Hinterrad“. Das Tempo bleibt hoch und als wir den Feldweg verlassen, geht es gleich links auf Asphalt: bergauf, und zwar deftig .Von der Fliege ist nichts mehr zu hören.

Die Straße zum Triumphbogen

Es ist einer dieser ordentlichen Anstiege mit ein -zweihundert Höhenmetern. Nichts gewaltiges, aber nach 150 Kilometern schon eine Prüfung – man fühlt gleich, wie es den Muskeln geht, die sich schwer tun, die neue Aufgabe anzunehmen. Etwas unwillig, aber nur ganz kurz. Dann ist der Rhythmus gefunden, der Puls bei 140 stabilisiert. Weiß nicht, warum ich mich hier, im Schatten eines Niederösterreichischen Waldes so gut fühle, während der Schweiß an mir herunterrinnt. Die gute alte Hose paßt prima, der Ledereinsatz sitzt wie eine zweite Haut, ich spule und spule die Kurbel, bis ich oben bin…

Der Pleyel Saal.

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Der Pleyel -Saal war lange (bis 2015!) das einzige Symphonische Konzerthaus in Paris, da hatte Berlin längst drei. Ignaz Pleyel (Pleyl bis 1783) war ein fabelhaft erfolgreicher Musik – Unternehmer und Klavierproduzent. Chopin lobte“seinen“ Pleyel in den höchsten Tönen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, daß der Urheber Ignaz Pleyel aus dem beschaulichen Ruppertsthal kommt, das sich seit seiner Geburt nur unwesentlich verändert hat. Sein malerischer Geburtsort hat zu Ehren des Sohnes seines ehemaligen Dorflehrers dieses schöne, moderne Saalgebäude errichten lassen, in das nun dutzende durstige Radfahrer hineinstürmen. Choquant.

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Nur wenige setzten sich auf die schöne Sonnenterasse mit Aussicht, auf der ein Wasseranschluß meinen ersten Durst löscht. Die meisten bleiben im angenehm kühlen Gebäude. Tino sucht derweil einen von drei gebotenen Weißweinen aus. Das ist vernünftig.

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Draußen habe ich dem neoColnago angeboten sein Rad zu halten, während er sich einen Krampf aus den Schenkeln dehnte. Es geht nichts über sportliche Kameradschaft.Und nun habe ich Radsport-Tourist einen Stempel der Pleyel Gesellschaft im Buch des Lebens.

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Gleich neben Hanni Hack wartet die Nummer 1 auf die letzten Kilometer – es sind nur 30 – und bald gleiten wir durch die niederösterreichische Wärme über Wagram nach Hollabrunn. Nach Pleyel die zweite Remineszenz an Paris, :die Schlacht von Wagram gab einer Avenue (unweit des Pleyel Saals) ihren Namen . Die Avenue de Wagram führt gleich auf den Triumphbogen zu, der ja eine einzige Huldigung an die napoleonischen Siege ist . Das haben wir natürlich niemandem erzählt.

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Unsere Avenue de Wagram (Genau: Deutsch Wagram) sind kleine beschauliche Feldwege durchs Weinviertel. Unser mikroskopischer, unblutiger, und politisch bedeutungsloser Triumph über die vereinten Radtruppen aller Kaiserreiche ist in greifbarer Nähe. Natürlich warten noch ein paar Kellergassen, aber auf die kommt es nicht mehr an.

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Wir danken dem Team um Horts Watzl und dem capitaine de route Daniel Ehrl für diese sonnige Etappe in unserem Leben als Radfahrer – ein Simulakrum, das jeden Meter lohnt.

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Und dann ist es geschafft – Team Stuttgart hat den langen Tag von Hollabrunn glücklich beendet. Mögen wir uns genauso 2021 wiedersehen  . .  ..

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Das schöne Simulakrum von Hollabrunn – Teil 2

IVV 2020 – Zweiter Teil der Konsekration

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Team Stuttgart findet sich im weit auseinandergezogenen im Feld nach 50 km isoliert und kreuzt die idyllischen kleinen Orte, die auf dem Weg der Inveloveritas 2020 liegen . Ungestört von nennenswertem Straßenverkehr können wir uns ganz auf die Strecke konzentrieren, beziehungsweise auf bunte Trikotpunkte, die weit vor uns über Kuppen immer wieder auftauchen

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Hier haben wir die Startnummer 2. Hallo! Und weiter. Wie an einer Strickleiter werden wir uns langsam an ihnen entlanghangeln, den leichten Tempoüberschuß nutzend.

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Alle 5 Minuten kommt es so zu einem netten, kurzen Gespräch mit weiteren Mitfahrern von der langen, schwarzen Runde. Die Vielfalt von Trikots und Radvarianten Österreichs macht für uns Touristen den Reiz aus. Hier ein Puch, dort ein RIH; Man grüßt freundlich, plauscht, zieht weiter. Wenig später der nächste Punkt, unser Sport ist nun, zu rätseln, ob wir den Fahrer vor der letzten Panne schon gesehen hatten. Schön dabei, die einzelnen Räder wahrzunehmen – es sind allesamt eigens hergerrichtetete Unikate, die ihre Bewährung des Radsportjahres feiern.

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Die Sonne steigt. Wieder kommt ein Punkt in Sicht, der ab und zu in einer Welle abtaucht. Der Ruhetag mit Abstecher nach Wien (Gute Besserung, Horst Watzl!) hat gut getan. Wir sind erholt unterwegs.

Eine Rennszene

Diesmal ein BassoFahrer mit Rucksack, Basso Trikot-Armlinge-Beinlinge. Er ist eher schweigsam. Er hängt sich eine Weile an uns heran, wirkt immer noch nicht gesprächsbereit. Nun greifen ungeschriebene (und oft uneingestandene) Gesetze . Wer mitfährt, muß mitarbeiten, genauso wie Team Stuttgart sich in schweigendem Einverständnis ablöst, um die Last des aufkommenden Gegenwind zu teilen. Weigert sich der (aufgerollte) Fahrer jedoch zu kooperieren, wird ganz instinktiv und zunächst unmerklich das Tempo erhöht, bis es den alten Wert wieder erreicht hat.

Nachdem der der Basso Fahrer keine Freude mehr an uns hat, steuern wir durch die stillen Gassen des nächsten Dorfes auf den nächsten Hang zu, zur Freude eines Carbonfahrers, der seinen Morgenplausch bei unserm Anblick nur zu gern unterbricht. Einen Kilometer später , gerade als wir eine wundervoll kiefrige Kuppe erreichen, hören wir hinter uns sehr schweren Atem

Fahrts ihr . . . a Rennen . . . oder was??!!!

Ja, was fahren wir eigentlich?: weder noch. Wir suchen das schöne Leiden und den Lohn der nächsten Labe. Dort oben in der blauen Luft neben dem Kirchturm wird sie sein. Mit neuen Begleitern stellen wir unsere Räder in den Schatten, der jetzt begehrenswert wird. Wir haben Durst.

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Und entdecken etwas großartiges, wie die wunderbare Spezialität des Ortes: Flieder-Sirup! Desgleichen in Holunder, alles Eigenfabrikation. Schnell ein Glas gefüllt und noch ein wenig für die Flaschen und schnell an die Tische zu den übrigen gesellt, die uns zuprosten. Prost Japons!

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Wir wollen niemand warten lassen. Rasch ein paar Wurstbrote eingesteckt, Riegel, Flaschen gefüllt und halt, den schönen weißen gran Compe Sattel mit einem Konusschlüssel nachgespannt. Tino trennt sich schweren Herzens von einem Glas spritzig frischem Weißen . . .

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Km 90 oder so

Mit kleinem Troß machen wir uns wieder auf, ein mixtum compositum der Gruppe vom Start. Gutes Tempo, perfekte Räder, tadellose Trikots. Im lockeren Trab geht es auf die nächsten 60 Kilometer Niederösterreichs, zunächst weiter über Weinfelder, aber langsam wird es wilder, weiter, und wärmer.

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Ab und zu lesen wir Fahrer auf, das Gesetz der großen Zahl macht sich bemerkbar. Hier haben wir ein ganz ungewöhnliches MX Leader aus Eddys Werkstatt, eine der letzten Evolutionen im klassischen Rahmenbau mit dünnen Stahlrohren. Team Stuttgart grüßt den jüngeren Artgenossen.

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Taktik und Gruppendynamik

So gehen die „mittleren “ Kilometer dahin – zügig, aber unterhaltsam. Bleibt die Gruppe im Flachen gut beisammen, setzt bei längeren Anstiegen schnell der Zerfall ein. Die Profile gleichen von Länge und Höhenmetern durchaus dem, was im deutschen Mittelgebirge zu finden ist, allerdings scheinen mir die Steigungen zu Beginn etwas schärfer. So mancher prescht da hinein, als sei der Spuk nach ein- oder zweihundert Metern schon vorüber.

Aber so ist es nicht. Erfahrung sagt, wer zu (für seine Verhältnisse) schnell in einen Berg geht, stirbt bald. Niemand hier hat mehr ein so junges Herz, daß es den Druck so rasch aufbauen könnte. Wenn man dann einmal über dem Maximalpuls ist, dann regelt es brutal ab und muß zurück ins Standgas. Bis man wieder Luft bekommt, dauert es. Genau das dürfte die häufigste Ursache für spätere Erzählungen von Nahtoderfahrungen sein.

Es ist ein schönes Dorf am Hang. Bei der ersten Kurve waren wir noch ein dutzend, bei der zweiten grerade einmal ein halbes und dann, am Waldsaum hatte sich alles zerlegt, zerfasert, zerbröselt. Es ist ein Simulakrum, kein Rennen bittesehr.

Ich habe mich an den Rhythmus meines Vordermanns im blauen Trikot mit Zielflagge auf himmelblauem Italo-Brügelmann (2×5!) Rad gehalten, seine ultrakurzen Socken bieten wohlrasierte Waden feil, die mir den Takt vorgeben. Der Ehrl Daniel und sein rotes „master olympic“  etliche Längen weiter vorn und spielt mit uns. Ich erinnere meine Lektion der Berge, zu wissen, wie lang ein Anstieg werden kann. Mein Tritt bleibt gleich, mein Atem geht tiefer, der Schatten der Tannen ist schön, die Luft bekommt Aroma.

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Auf der Höhe bleibt Daniel dann stehen, die Gruppe wird sich wieder sammeln; Es geht weiter auf dem flachen Berggrat, aus dem Tann und dann in eine warme, lange Abfahrt, bei der das 12er Ritzel seine Nützlichkeit beweist. Mein Corsa Extra ist eine Downhill Maschine, steif und unbeirrt fliegen wir zu Tal, genießen den Duft von Heu in vollen Zügen, den Duft der Hecken und Wiesen – der späte, große Sommer. Das große, weite Niederösterreich.

Wie heiß es geworden ist, spüren wir dann unten, als alle wieder zusammenfinden und auf Schotterpassagen merke ich, wie vor mir die Konzentration abnimmt. Da sind einige Wackler – vielleicht auch die Sorge, ums gepflegte Alteisen. Aber es geht alles gut. Der Schotter ist sehr fahrbar, schön fest unterlegt, kaum Sand – perfekt, um zügig zu rollen.

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Wir durchstreifen ein Stadt, schöner und stattlicher noch als die vorigen und mit einem Brunnen in der Mitte. Es sprudelt in der Mittagshitze, der bunte Putz der Fassaden reflektiert in der Sonne.

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Alles sucht Wasser, manche mißtrauen dem Brunnen. Was soll schon sein? Grüne Hügel ringsum, keine Industrie, keine Massentierhaltung: bedient euch doch, das kann man trinken. Eine definitiv nicht-urbane Gegend, keine Spätis, keine Tankstellen, nur Sonntagsruhe.

Unschlüssig laufen sie hin und her. Zwei sind schon wieder fort : auch der mit dem anderen, großen Merckx. Wir nicken kurz den übrigen zu, verständigen uns –  und folgen ihnen: wir verfolgen. Team Stuttgart hat einen Freibrief und nutzt ihn. Kilometer Hundert ist überschritten, wieder geht es über Felder und Dörfer, die einsam in der strahlenden Sonne liegen und ein ab und zu vorbeirollendes Rad genießen.

Die dritte Stufe der Konsekration – Vereinigung mit der kleinen Runde.

 

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Für alle , die nicht so verrückt sind, ihre eigenen Kräfte zu überschätzen, gibt es ja passende Runden. Wir haben jetzt gerne die hundert Kilometer überschritten, sind also nach einigen anspruchsvollen Stücken eigentlich mitten im Rollen, Gefühlt könnte es noch lange so weitergehen.

 nach einer Schleife, die die „schwarzen Startnummern“ gerade bewältigt haben trifft die lange Strecke auf die 150 Kilometer Runde. Man bekommt es irgendwie beiläufig mit – sieht jemand zu Beginn eines Anstegs sein Rad schieben. Er ist bei 70 Kilometern, wir bei Hundertdreißig.

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Der schönste, längste und letzte große Anstieg liegt vor uns. Hinter ihm wartet das Schalaraffenland des Straßertals, die große Kontrolle und ersehnte Labe von Elsarn. Ein Name, der von Tolkien hätte stammen können.

Wie so oft beginnt alles mit einer Talsenke, einem Bach und einer schönen Mühle. Und mit einem Ex-Amateurfahrer von Peugeot Tirol – solche Trikots mit farbigen Streifen erhielten Amateurteams, die von Peugeot mit Material ausgestattet waren. Der Brustring des ACBB beispielsweise war dunkelorange, Heraldik des alten Radsports …

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Unser Weg führt über einen kleinen Sattel in einen hohen Laubwald, wo dann plötzlich der geteerte Belag endet. Hier ist sie, die letzte noch, ungeteerte österreichische Bundesstraße. So hatte es uns der Rennradwanderer verraten. Auf der welligen, aber harten Piste kommen immer neue Teilnehmer in Sicht. Traut den Maschinen etwas zu, lasst es rollen, Automobile gibt es hier keine.

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Einige schieben, auch weil der Pannenteufel sie verfolgt hat. Gleich aber wartet schon die Abfahrt, die Erinnerung an eroica-Pisten ist kein Zufall.

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Noch einmal ganz tief Luft holen, sich fast schwerelos fühlen. Schließlich das Tal und seine gastfreundliche Stätte – eine Kombination aus Museum und modernem Restaurant.

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Die Räder lehnen ringsum, hinter dem Haupthaus sind im Gras einige germanischen Hütten nachgebaut . Das Schlaraffenland aber befindet sich innnen: der Duft von Gebratenem und Gesottenem lockt. Es geht zu wie in einem Taubenschlag, ständig drängen neue Teilnehmer hinein an die Fleischtöpfe.

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Mir sind die Augen ehrlich gesagt übergegangen und da bedaure ich jeden, der sich das Drei-Gänge Menu nicht hat schmecken lassen. Es waren sicher nur wenige. Denn jetzt wird jede Kalorie auch gebraucht, die Speicher sind unter Garantie leer, auch wenn wir es nicht spüren – es sind noch 60km bis Hollabrunn .

Wer gern beim Radwandern gut essen möchte, sollte sich diese Veranstaltung merken.

Draußen lockt die große Fahrrad- Parade, der Reparaturstand hat zu tun, aber auch noch einen Schlauch für mich übrig, die Mobilitätsversicherung.

 

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Sättel im Duett, Tino und Mr. Bartleby sehen sich an, herr Doolittle ist prä extatisch – kein Wunder:Mit gefülltem Wanst läßt sich gut plaudern – wir treffen Bekannte aus den Weiten des Net, auf ex-Rennfahrer und Österreichische Meisterinnen wie Hanni Hack und ihr schönes Rad:

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oder dieses sensationelle Tandem Paar – eine interessante Spezies!

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Es geht gleich auf zur letzten Etappe. Fünfundvierzig Minuten soll es dauern, bis lange Kalorien erstmals im Blut ankommen – soviel werden sicher gebraucht. Denn jetzt kommt der auf der letzte kurze , in den Beinen längste Abschnitt bis zum Pleyel Saal und dann hinunter nach Hollabrunn . . . Wir reden erst einmal über Kulinarisches und die Weinsorten des Tages – Toni kann nur gutes berichten.

Mit Toni verlassen wir nun das gelobte Tal im Zockelgang, die Muskeln möchten ein wenig Zuspruch. Und hinten geht es gleich wieder hinauf . . . Da schießt an uns ein Mann in einem himmelblauen, verdächtig neuen Colnago Shirt vorbei (grußlos). Das Trikot habe ich mir gemerkt.

 

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Das Schöne Simulakrum – erster Teil – InVeloVeritas 2020

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Was eine Simulation ist, wissen wir: wir haben einen Bildschirm, laden das Programm, greifen zum Controller und schön können wir fliegen. Wir können auch Autorennen fahren oder auf der Tour de France unterwegs sein und wenn wir es geschickt anstellen, überqueren wir die Linie auf Platz 1.
Natürlich wissen wir, daß wir nie auf Platz 1 landen werden und alles nur ein Spuk ist, genauso wie wir wissen, daß unser schöner Sessel nie die Erde verlassen hat. Aber die Simulation kann uns immerhin eine schöne kleine Illusion verschaffen, einen Wachtraum in dem kein Tropfen Schweiß geflossen ist, oder ein Absturz überlebt wurde. Das Problem der Simulation ist: es mangelt ihr an mehreren Dimensionen.


Aber um den schalen Beigeschmack der reinen Illusion und die ihr folgende Leere zu kompensieren, gibt es Wege. Man kann die Illusion in die Realität heben, sie nachleben. Es sind sehr alte Wege, auch wenn der Kulturphilosoph Baudrillard ihnen erst vor etwas 30 jahren einen Namen gab. Er nannte diese diversen Techniken zur Überhöhung unseres modernen Alltags Simulakren. Sie finden auf vielen Feldern statt, doch ihre Muster bleiben gleich. Was eine Simulation ist ist klar, ein Simulant ebenfalls ; Aber was sind Simulakren?


Das Simulakrum.

Ich habe lange gegrübelt und nachgeforscht , was eigentlich genau gemeint sei, doch als gelerntem Katholik hätte es mir früher einfallen können! Jede heilige Messe zelebriert ein fundamentales Simulakrum. Es ist so essentiell, daß sich darüber die christliche Religion aufgespalten hat. Gemeint ist die Wandlung  – samt heiliger Kommunion. Der Priester weiht die Hostie, hebt sie hinauf und nach einem Moment nennt er dies Stück trocken Brot den Leib Christi. Dieser wird sodann an die Gläubigen verteilt und verzehrt. Somit hat der Gläubige durch den physischen Verzehr seines Gottes auch die innere Vereinigung mit ihm vollzogen.

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Genau das ist ein Simulakrum: auch die Ungläubigsten werden nicht abstreiten, daß es etwas gegessen wird, sei es nun nur Brot, oder eben der Leib Christi. Jeder wird den zelebratorischen Aufwand, die Inszenierung, das Personal das Bauwerk etc. erkennen. Nichts ist daran simuliert – es findet wirklich etwas statt. Doch nur der Gläubige vollzieht das Simulakrum, der Nichtgläubige wird allenfalls Zuschauer, nie Teilnehmer. Den Rest wird er als ungeheuren Aufwand um ein kleines Stück Brot sehen Und möglicherweise einen gigantischen Schwindel, den er als Anlaß zu einem 30-Jährigen, sehr reellen Krieg nimmt . . .

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Das aber sind alte Fragen, wir Radfahrer haben es nicht mehr so schwer, unsere Glaubensdifferenzen können leicht bei einem Glas, einem Schoppen oder Humpen beigelegt werden.  

Baudrillard sah in unserer Zeit eine Epoche der Simulakren. Abseits der an Bedeutung verlierenden Kirchen (wir bewundern die Bauwerke, nicht aber den Sinn), haben sich in unseren Gesellschaften eine ganze reiher paganer Kulte entwickelt, die ihren Mitgliedern eine riesige Palette an Simulakren bereitstellen, weil sie ermöglichen Trapper, Expeditionsteilnehmer, Profifotografen oder eben Radrennfahrer alter Schule zu sein. Eine der schönsten Varianten des Radrenn-Simulakrums lohnt die Reise nach Österreich:

Die schöne Variante des Simulakrums – IVV

Und damit bin ich im Thema: die IVV ist die österreichische Spielart einer Reihe ähnlicher Veranstaltungen, die Simulakren alter Radrennen sind. Es gibt Trikots, Startgruppen, Startnummern und Stempelstellen, wie bei der Tour der France und dem Giro vor der Radioübertragung. Es gibt einen Start, einen Parcours und eine Ziellinie und Straßen ohne Teer . . . alles Elemente eines Rennens.

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Anders aber als weiland, als man um einen Schinken oder einen Kühlschrak fuhr, herrscht bei den Teilnehmern keine Not und sie werden reich versorgt für ihr Nenngeld. Es gibt auch keine Siegerehrung, jeder ist ein Sieger, der sich und die Strecke besiegt hat – eine durchaus reelle Erfahrung, die auch Tage später zu spüren ist. Und darum hat die nervöse Erwartung auch nichts von einer Simulation.

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Die IVV, zu der nun wir als „Team Stuttgart“ angereist sind (ein Team, das es tatsächlich gab und deren Räder unseren weitgehend glichen) blickt auf ein Jahrzehnt Tradition zurück und für seine Rekordteilnahme erhält Mannschaftskamerad  Tino an seinem Rad an diesem denkwürdigen Tag die Nummer 1 in schwarz .


Es ist zwar kein Rennen, wie gesagt, aber die Nummer1 in schwarz bedeutet, der Teilnehmer wird die längste Strecke von 205 Kilometern zurücklegen. Damit schon einmal klar ist, auf welcher Stufe des Simulakrums sich Team Stuttgart bewegt.

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Von der Länge ist es dann nicht mehr ganz soweit zu einem sportlichen Wettbewerb. Es verlangt Vorbereitung, das Material muß stimmen, die Hose schon richtig sitzen, oder wie Jan U einst sagte: man fährt das nicht mal so eben aus der kalten Hose. Meine Merckx- Hose mit gefettetem Ledereinsatz saugt sich perfekt an die wichtigen Körperteile. Für viele ist diese alte, durchaus übliche Renndistanz schon extrem zu nennen. . .

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Das Rahmenprogramm und die üppig gepriesenen kulinarischen Stopps sollten darüber nicht hinwegtäuschen; bis zur höchsten Heiligkeit ist es halt ein langer, steiniger Weg – auch wenn niemand den Märtyrertod sterben muß.

Und ob es nicht doch auch etwas von einem Rennen hat, das zeigt sich definitiv auf der Strecke. Die Wahrheit des Simulakrums liegt auf dem Schotter.


Erste Stufe der Konsekration

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: frühes Aufstehen. Gut, daß auch im August die Sonne noch gegen 5 Uhr aufgeht. Wir treffen im Morgengrauen ein und sehen die ersten Vorreiter schon Hollabrunn verlassen. Uns wird noch ein wenig Koffein helfen, ein letzter prüfender Blick – der capitaine de route ruft .

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Kein geringerer als Daniel Ehrl wird heute im Trikot der Kalkhoff Werke die Gruppe ins Weinviertel führen, wo Anstieg um Anstieg unsre Kräfte verschleißt. Als Bewältiger von (Ultra)Langstreckenmonumenten, die da heißen TPR, TCR, TPBR usw, hat er uns allen wahre Auszeichnungen voraus.

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Aber zunächst in Es Dur auf die aufgehende Sonne zu: das ehrfürchtige Staunen, die Freude auf einen gelingenden Tag, der Genuß frischer, guter Luft. Als kleine Gruppe bewegen wir uns locker im Gespräch über den guten Asphalt. Aller Anfang ist leicht.

Bald schon biegen wir in Feldwege und

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bald schon werden die ersten dieser kleinen Hütten, die Kellergassenhäuser sichtbar. Wir sind bis zum Horizont in einer Weinlandschaft. Sie wogt um uns herum, wir schlängeln uns hindurch und blicken rundum auf grüne Rebenfelder.

Kurz taucht ein Motorrad mit Sportfotografen neben uns auf, (es fehlt nur das Presseschild), und lichtet uns fürs Poesialbum ab. Einige habe ich hier verwendet. Die Strecke ist gut angelegt, böse Überraschungen (grausame Anstiege) gibts auf dem Weg zur ersten Restaurantterrasse nicht.

Ein Reparaturwagen steht bereit; während die ersten Fahrer das Frühstück genießen, gibt es Feintuning fürs Merckx am Hinterrad – sowie Hochleistungsöl für die Kette. Die Terrasse liegt in voller Morgensonne, die Laune steigt mit dem Himmelsstern. Reichlich Rührei und diverse Semmeln, wir sind nur die erste Welle – die Kaffeemaschine wird den ganzen morgen nonstop laufen…….

Weiter geht’s, noch ist die Luft mild.

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Der Beginn des schönen Leids

Es gibt auf dem Rad das schöne und das häßliche Leid. Das häßliche Leid sind Kaltstarts, brutale Anstiege auf vollen Magen, Unterzuckerung, Temperaturstürze mit Hagelschauern – also alles Dinge, die hier nicht vorkommen. Schönes Leid dagegen ist das, was man sich gern selbst antut, wenn die Muskeln geschmeidig sind, der Zuckerpegel stimmt und die Luft noch reichlich, die Sonne die Speichen zum glitzern bringt…

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Und das schönste daran sind Passagen, die man wohl nur als Lederstrumpf des Weinviertels findet, wie dieser steile, völlig überwachsene Weg – eine Kellergasse auch das – dessen sandiger Schotter so lose und weich geworden ist, daß der Wiegetrit nicht möglich ist: gleich rutscht das Hinterrad durch. Das schöne Leiden hier: man muß schon ein wenig nachdenken und (vorher!)schlau das größte Ritzel einfädeln, um die kleine Sonderprüfung gut zu meistern. Dann, oben, genießt der Fahrer den Segen glatten Asphalts und plötzlicher, weiter Weinfelder.

Das Tempo schmeckt dann doppelt schön, bis zur nächsten orangenen Pfeilmarkierung mit mehrfachem Ausrufezeichen.!!!!!! !

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eine Haarnadelkurve führt auf die nächste Sonderprüfung. Nicht unbedingt steil, aber mit tiefen Rinnen zerfurcht ist auf dem regendurchweichten, astübersäten Weg nun der Steuerkünstler gefragt. Die gestrige Gewitterzelle (nicht für uns, nicht für uns!) hat ihre Spuren hinterlassen und ich sehe mit Sorge, daß es gerade das frische Holz der Robinie gern geknickt hat. Diese Äste tragen sehr gern lange Stachel.

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Diesmal also der Vorderreifen. Mein letzter Schlauch ist nun dahin, auf meinem Inveloveritas Einkaufszettel steht nun: neuen Schlauch von der nächsten Labe mitbringen. Danke wiederum meinem geduldigen Teamkameraden für die schlanke goldene Pumpe – meine Schlauchwechselzeit klar verbessert.

Nur ist unser Trupp ist lange schon vorbeigezogen……..versprengte Husaren vor Wagram, wird es später heißen. Team Stuttgart findet sich früh schon isoliert im weit auseinandergezogenen Feld. Es wird wärmer, die Partie hat gerade erst begonnen.

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Für den Gabentisch

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Mit den Sommermärchen kann ich demnächst fortsetzen ,vielleicht auch schöner, für den Winter ein paar sonnige Momente aus Prä Coronazeiten auf Lager zu haben . . . Es kam etwas dazwischen. Ein Buch für den Gabentisch, ein Buch vom Radfahrer für den Radfahrer. jedenfalls ist es jetzt übersetzt und wird in Form gebracht. Auf Amazon kann man schon den Titel sehen:

Guillaume Martin, Sokrates auf dem Rennrad, Covadonga Verlag.

Ein ungewöhnliches Werk voneinem ganz ungewöhnlichem Autor. Er hat sich gerade das Bergtrikot auf der Vuelat geholt und wurde zum zweiten male zwölfter der Toru de France – womit er nicht ganz zufrieden ist. Sehr zufrieden war ich dagegen, dieses kluge, lustige und ganz ungewöhnliche Buch über den Radsport zu lesen .

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Wer also mag – , demnächst geht es dann hier mit den Geschichten aus Feld, Wald und Flur weiter.

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Böhmische Ballade

 

Prag nach Hollabrunn, August 2020 – Reiseveranstalter: ESK, Tino, Eddy Merckx Cycles

ap01Von Prag nach Wien. 30 jahre später stehe ich wieder vor dem großen Bahnhof, durch dessen Scheiben Licht auf den Parkplatz fällt. Damals, um eine private Pension zu finden: ein kleines Büro im Bahnhof, ein hornbebrillter alter Mann und eine Kladde mit Bleistifteinträgen.  Das genügte.

Jetzt ist es 5 und die nautische Dämmerung hat begonnen.

apa2 . .  . mit Rad und Begleiter. Team Stuttgart macht sich auf Richtung Hollabrunn. Der Flixbus zeiht weiter nach Wien und die Fahrer fragen uns  erstaunt, warum wir schon aussteigen – sie zeigen auf die Tickets: „Vienna ! Vienna!“ Nein, hier ist Prag , und es ist schön. Fahrt nur weiter mit eurer großen grünen Quetschkommode. .  .

ap2Die große Stadt schläft noch und ein rosiges Licht bringt die alten Steine zum Leuchten. Wir müßten hinauf, aber wir zunächst fahren wir hinab, in den alten Teil, der sonst den Massen gehört. Die Stadt schläft, alles ist geschlossen und nur die Notbeleuchtungen sind in den Lokalen an.

ap3Das Morgengedeck in dem Café Paris ist schon gerichtet, in enem der Häuser, die das mittelalterliche und habsburgische Prag mit einem Schuß Art Deco würzen.

Schönheit ringsum und Leere. Nur gibt es keine Bäcker mehr, deren Teig wir jetzt riechen könnten.

IMG_1218Nur ein paar wenige Frühaufsteher oder Durchzecher. Die verschiedenen kleinen Geschäfte sind von Passagen abgelöst worden, deren Franchiseadressen genauso heißen, wie im Rest der Welt.  Devisen ins Land bringen. So sei es denn –  es nimmt nichts von der Magie der Stadt, die uns still umgibt wie ein faszinierender alter Anzug .

ap5Zurück und hinauf über den Wenzelsplatz,  dann rechts auf die Magistrale, die über einen hohen Viadukt aus der Kernstadt hinausführt, letzter Blick auf Palastsilhouetten und Kirchen.

ap6Dann streichen die Sonnenstrahlen vom Horizont über die  höher liegenden, immer jünger werdenden Gebäude. Das Staatsfernsehen, die Polikliniken und Universitäten. Die Versuche einer Moderne.

ap8Und Plattenbauten Typ G40 haben auch Namen. Unter Zubringern hindurch, kleine StadtwaldPfade hinauf parallel zu den großen Adern, die Prag  versorgen. Eine Sirene von weitem, eine Tankstelle, eine kleine sozialistische Musterstadt und dann kommt das Land. Vorher eine Tankstelle: erster Café, ich wähle das Modell Americano und gehe schnell zum doppelten Espresso über . . .

ap9Nach neuen Golf Resorts im erweiterten Speckgürtel sind wir schnell draußen auf dem Land spüren am Asphalt, am Verkehr, an den Blicken der Menschen, wie die Uhren wieder langsamer ticken. Die Böhmische Ballade nimmt ihren Lauf.

IMG_1234Endlich : entrollt sich allmählich das Land, und wir haben zu arbeiten, an immer neuen kleinen Anstiegen. Im Wellenprofil geht es ganz sachte hinauf, jeder Anstieg bringt uns höher als der vorige.  Zwei Stunden sind vergangen und ein letzter Blick zurück Richtung Hauptstadt  – sie ist verschwunden. man ist also doch vorwärts gekommen.

ap03Kurs SO halten, die Wiesen sind so grün und ein Dorf, mal mit Schornstein, mal mit Burg, wird dem nächsten folgen.  Komoot, so nennt sich das Routenprogramm –  leitet uns an den Städtchen vorüber, auf gewundene, kleine Nebenstrecken.

Die Sonne wärmt, aber sie brennt nicht, denn der Wind kühlt mit leichter seitlicher Brise. Fast überall steht noch der Weizen, aber es sollten seine letzten Tage sein. Wir kreuzen erst eine Domäne, dann ein Schloß.

ap91Jemniste, Barock mit französischem Garten. Breit und einladen öffnet sich seine gelb leuchtende Fassade. Wir ziehen am hübschen Gewächshaus vorbei und machen geduldig Kilometer um Kilometer, sichten Alleebäume und ferne Kuppen, mit dunklen zackigen Linien von Nadelholz. Wir pendeln zwischen 400 und 600 Metern, es wird angenehm frisch; überall Felder und späte Blumen am Wegrand. Die Äpfel sind noch nicht reif.

ap93Unsere Weggefährten sind ältere und neuere Traktoren, kaum Automobile, kaum Menschen.  Es ist die Tiefe des Landes, es sind böhmische Dörfer. Man spürt auf einmal, wieviel Platz Werbezeichen in unseren Ländern beanspruchen – hier fehlen sie.  Wir sehen Wolken, aber keine dunklen. Wir hoffen hinunter durchzutauchen, bevor sie sich zum angekündigten Gewitter ballen. Höhenzüge liegen hinter uns, die Vorräte schrumpfen. 1,5 liter Wasser halten keine Ewigkeit.

Immer noch Wälder, kleine Steinbrüche und das kleine graue Band unter dem Reifen.

IMG_1242 Zhor (Schorsch)

heißt das kleine verborgene Dorf mit der Wasserpumpe. Nach heftigem Schwenken kommt das Wasser aus dem Berg. Falsche gefüllt, Mittagszeit, weiter gehts. Leute stehen hier und da vor ihren Häusern – mit kleinen Behältern. Ich grüße und die Blicke sind eigenartig verlegen. Wenig später kommt ein kleiner Kombi von der Caritas uns entgegen: alte Leute, die auf ihr Essen warten oder für Angehörige anstehen. Kurz nach einem großen Stallgebäude („2000 Milchkühe“ sagt der Experte an meiner Seite), kurz nach einer holprigen Abfahrt durch eine schöne Allee die Panne des Tages. Hinterrad.

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Mein Schlauch ist schnell getauscht, die Mittagssonne heiter, die goldene Lezyne Pumpe ein kleines Meisterstück. Unter einer Art Thermometerskala sehe ich, wie der Druck allmählich knapp unter  7 steigt – das schaffen nicht alle kleinen Pumpen.

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13 Uhr.  Essen und trinken – irgendwann ist die Musette leer. Man muß entscheiden, und wir können nicht immer auf die Dorfpumpe bauen. Pacov (Patzau) heißt diese Stadt, deren weißer Kirchturm weithin das Zentrum mit dem schönen Markt überragt. Dort ein Restaurant, die Leute sitzen davor unter Bäumen, bestellen ihr essen.

Die lokalen Rivalen vom Schnellessen (grelle Preisschilder aus dem Billigdrucker) lassen wir links liegen, lieber hier die altmodischen Kronenscheine mit ihren aufwendigen Gravuren verkleinern. Wo kein M-cD ist, werden Länder kulinarisch interessant. Gutes und ordentliches Hamburger Menu, der Pizzaofen ist stattlich, der Laden voll. Wir  nehmen den einzigen Tisch, der frei ist.

ati5Wer noch einmal ein richtig herbes Pils trinken will, sollte Budweiser in Tschechien probieren. Stolz lehnen unsere Teamräder an den kleinen Bäumen die den Platz säumen, während Fleisch gegrillt und Kartofeln geröstet werden. Nach einer guten halben Stunde verläßt Team Stuttgart wieder die kleine, friedliche Stadt von  gerade 5000 Einwohnern.

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Patzau markiert ungefähr die Hälfte der Distanz, aber nicht in Höhenmetern. Alleen und Anstiege, mein Stolz weigert sich, auf die 28 Zähne zu gehen. Hinter jeder Kuppe ein neues Tal und dann wieder gerade hinauf, dieses Land ist voller Bäche. Ein ewig langes Intervalltraining, viel anstrengender als der lange Paß, an dem man sich auf dem richtigen Ritzel schön einrichtet. (und am Ende 15 Min abrollt). 

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Nicht, daß wir es nicht genießen – diese sehr spezielle Schwierigkeit sollte nur erwähnt werden, genau wie die kleine Bahnline, die sich um uns schlängelt. Hallo, da bist Du wieder, kleiner, holpriger Bahnübergang.

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Aber dann ist der Rhythmus gefunden, die Essenz der langen Strecke, der Rhythmus, der Kilometer spurlos vorüberzeihen lässt.  Es wird schwüler und schon macht es ein schöner dichter Tannenwald angenehm. Die Wolken drängeln sich langsam vor und quellen auf, sie wollen die Prognosen unserer Apps erfüllen. So wälzen sie sich nordwärts, über uns hinweg oder an uns vorbei, dorthin, wo wir eigentlich in 10 Stunden (gewesen) wären. Doch das war der alte Plan, wir folgen einem besseren.

Bushaltestellen, davor Wartende. Nicht jeder besitzt ein Auto, andererseits wirken die kleinen Dörfer nirgends verlassen oder aufgegeben, wie in Brandenburg oder den Tiefen Frankreichs. Wir wissen zuwenig, aber Tino und ich sind uns sicher, daß Tschechen nie auf der Stufe des Trabants waren.

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Mohnfelder, Dörfer, Weizen. Der Mohn wächst fast mannshoch, seine Stengel sind blaßbläulich, die Frucht nur ein kleines Köpfchen gleicher Farbe. Diese „Kuchenpflanze“ kannte ich nur von ihren kleinen Körnern in der Eierschecke oder auf den Brötchen – ( Semmeln) geannnt. 

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Der Track weist zuverlässig durch eine völlige Fremde; diese kleinen Navigationsmaschinen verleihen traumhafte Sicherheit  – mitten im Unbekannten aber nicht verloren. Österreich naht, aber wo liegt es? Suche nach Straßenschildern -da: Iglau  25km , das ist nördlich; wir fahren weiter, irgendwann verrät ein anderes Schild an größerer Straße uns, wie weit noch die Grenze bei Znojmo ist. Eine Stunde.

Die Nachmittagssonne sinkt, doch bis 20h (Dämmerung) bleibt damit genug Zeit. Denn mein  Frontlicht liegt irgendwo auf der Autobahn hinter Dresden. . . Dörfer, Städtchen, Menschen an Bushaltestellen im Nichts. Alle drei Stunden braucht der Körper nachschub -wo ist er diesmal?

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Wieder ein kleiner Ort mit coop Supermarkt. Wir bekommen alles, was wir brauchen.  – draußen der tschechische Freitagabend, erste Bierchen laufen über die Straße, leicht getunte Autos bollern davon. Ein paar unschöne Kämme sind es noch, und nach Österreich hin wird es noch einen ganz langen, aber sanften Anstieg über die Nationalstraße geben,

ap05Die Autofahrer und Lasterfahrer haben es gut mit uns gemeint, dennoch sind wir froh, uns an der Kuppe von der großen Landstraße zu verabschieden. Wer mögen diese Pokornys gewesen sein? Über einen schmalen Weg fällt es sanft Richtung Österreich ab. Gleich sind wir da ~ (gleich = < 50km)

Doch halt! Vor der Grenze noch einmal einen Ort finden, an dem Kronen gegen Kalorien getauscht werden können. Die Dorfstraße liegt in einer schönen späten Sonne, die von dem hellen Putz der Häuser zurückleuchtet.

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Der Busfahrer feiert seine Schicht mit einem Hostan Bier, wir auch. Es herrscht eine schöne Ruhe, hin und wieder ein Traktor, viel mehr nicht. Wir haben fast Mühe, uns wieder aufzumachen.

aq8Langsam verlassen wir dieses sanfte Land, bei dem ich manchmal glauben möchte, es habe in der Geschichte einen Weg zwischen den „Systemen“ gefunden, ihm sei ein Übergang gelungen, der das Erbe der sozialistischen Ära nützlich in unser Jahrhundert gerettet hat, genauso wie es das Erbe deer Jahrhunderte zuvor weiter nutzt und pflegt, wie es sie goldenen Sterne an den Heiligenscheinen und die frisch leuchtenden alten Fassaden zeigen.

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Nördlich der Staatsgrenze beginnt dann ein  Landstreifen, auf dem Bäume rar werden und die Ernte bis zum Horizont im Gange ist. Es rollt sich gut jetzt, die Sache wird gelingen, auch wenn die Wolken weiter zunehmen, hier und da eine graue Wand steht, die Barriere baut sich im Norden auf.

Unvermittelt kommt es in Sichtweite:

aq2dieses Gebäude –  und mehr noch nachfolgende Schilder machen deutlich –

aq3wir sind im Land, dessen Raffinesse allein am Detail sichtbar wird, den lateinischen Namen zum Nationalitätskennzeichen zu wählen – so rückt man im diplomatischen Alphabet an die erste Stelle.

Die letzten 2 Stunden: einmal noch aus dem Thal der Thaya hinauf ein letztes, ein allerletztes mal, dann liegts vor uns, das Weinviertel. Die Reifen haben gehalten, auch über Buckelpisten und Baustellenschotter zwischendurch. Alles hat gehalten und jettz darf auch alles einmal naß werden.

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Wolken , die sich zusammenziehen, ein Schauer, der uns erwischt – zum Glück geht’s abwärts und der Wind hat gedreht, trägt die Wolken wieder fort, die verräterischen grauen Streifen liegen abseits der strecke, die Sonne bricht wieder durch.

 

Wir entkommen.

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20h Wir kommen an.  Die IVV wartet und wir haben eine ganzen Tag gewonnen –  zur sorgfältigen Vorbereitung auf epische 200km. 

 

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Das Rennen der fallenden Blätter

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Die ersten Laubsäcke füllen sich und die Sommerräder ziehen ihre letzen Runden, ganz wie die Schwalben, die sich jetzt aufgemacht haben. Dieses Rad hat mir ein Freund aus Meerbusch besorgt, der schlanke Vorbau stammt aus seinem Keller-Fundus. Heute bin ich noch einmal zur Molsberger Madonna gefahren, auch wenn ich es hier schon eingeführt hatte. Aber seit dieser Woche ist es ein besonderes Rad. .

aga6Ein besonderes Auto ist das hier. Der Freund über den ich schreibe nannte sein Exemplar Darkmobil und ich vergass nie, frisch entdeckte Exemplare auf meinen Runden (wie dieses hier) abzulichten und zur gefälligen Begutachtung zu versenden. Denn man muß wissen: als Rennradtransporter ist es völlig unterschätzt. Aber das wissen sie in Staggia Senese, Montalcino oder Gaiole mittlerweile auch. Und vielleicht sogar in Meerbusch.

Dann kam  vor ein par Jahrendieses heimtückische dunkle Ding, das nur durch Dialyse in Schach gehalten werden konnte. Aber der Rollator war schon wieder in die Abstellkammer verbannt, seit dem letzten Winter ging es bergauf.

So lang es ging, haben wir uns immer zu gemeinsamen Runden getroffen. Es ist jetzt doppelt unglücklich, wenn er sich vor unserem letzten Treffen vor der Haustür das Becken brach. Das war im Juli. Das Becken verheilte, die Rippen auch,  und

Rolf die Bilder seines Rollout neulich waren ein großer Sonnenstrahl . Es war das Rennen der fallenden Blätter. Eroica!

Und so ging es mit meinem neuesten Exemplar zur Madonna nach Molsberg, um bald gemeinsam die kleine Runde nachzuholen und direkt vor seiner Haustür bei Dino einen Cappuccino zu genießen, bei unserem Rennen der fallenden Blätter.

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Die rote 1 hat ihm gefallen. Aber die Schwalben sind fort, die Blätter fallen weiter und sein letztes Rennen ist vorbei. Er will in seinem Trikot beerdigt werden.

Ich ziehe meine Kappe, Rolf

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