Zuviel Information – zuwenig Wissen: Dialoge im toten Briefkasten

DSCF4126„Sag mal Krüger, bekommst Du jetzt auch so viele Flehbriefe?“

„Flehbriefe?“

„Mails, die dein gefälliges Einverständnis erbeten, damit Du weiterhin die Newsletter Deiner ornithologischen Post erhalten kannst! Our new privacy policy..“

„Tatsächlich,  die haben mir auch geschrieben. Gegen Bestätigung der aktuellen Adresse geht es nun weiter.  Tja, Cornwell, damit sind wir endlich mal wieder auf der richtigen Seite des Schreibtischs…“

„..und die elektronischen Spione in deinem Rechner eine Runde weiter, alter Knabe. Was in Deinem toten Postfach liegt, ist nichtmal die Spitze des kleinen Eisklumpens in deinem Whiskey, Krüger.  “

„Ach was, ein Sturm im Wasserglas. Wir sind an Land, mein Lieber. Dir gehören 1000m dieser schönen Küste während die anderen da draußen versuchen, nicht in einem Meer nutzloser, redundanter , unzusammenhängender Information unterzugehen, das immer weiter aus irrelevanten Quellen gespeist wird.  Ich weiß schon, Daten, der wertvollste Rohstoff unserer Zeit, aber welche Daten denn? Etwa meine kleine Liste mit Gartensingvögeln, die ich dem NABU zugeschickt habe, um endlich das neue Zeiss-Glas gewinnen zu können? Informationen ohne Wert!“

„Täusch Dich nicht. Wenn wir damals wußten, von 100 Informanten ist einer vielleicht die gute Quelle, war das schon deprimierend. Nur, was ein kleines Büro in Bloemfontein  ins Schwitzen bringt, kratzt den smarten Algorythmus nicht. Der frißt nur Strom, ist nicht erpreßbar und muß nicht schlafen. Er sortiert weiter, bis er die richtige Information hat.“

„Und Strom ist billig. Wer hatte uns kurz vor der Pensionierung nochmal Moores Gesetz vorgebetet? Yates oder DuMoulin? “

„Zeit für Deine Sudokus guter Junge, weder noch. Es warFroome. Redete uns auf seine neumodische Art schwindlig um zu erklären, daß , anders als in unserem Primatenprozessor  diese Kisten jedes zweite Jahr Geschwindigkeit und Kapazität verdoppeln. Den Maschinen ist die Menge egal. Wir können uns vielleicht an ein dutzend Cupsiege erinnern, das Ding dagegen an jede Spielsekunde seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. “

„Faszinierend so weit und ich finds ja auch notwendig, endlich Ergebnisse der Cricketsaison 61/62 nachzuprüfen, wenn Du wieder im recht sein willst –  aber wer will das eigentlich alles wissen? Seitdem wir die Sache mit dem Arpanet beobachtet haben, sind doch nur Amateurfilmer, Kuppler und Versandhändler dazugekommen. Es ist doch ein einziges Rauschen, eine weitere Milchstraße erloschener weißer Zwerge die tote Information senden. Was hat man an Leuten einstellen müssen, um diesen Müll zu strukturieren.  “

„Babylon.“

„Cheers!“

„Privacy Policy ist tot, Control lebt.“

„Klar. Schlaf nicht ein Cornwell, Du hast mich neugierig gemacht. Wenn meine Enkel jetzt  . . . .“

„Deine Enkel werden Dir erst wieder zuhören, wenn Du ihnen ein paar alte Tricks beibringst. Wenn Du unser ABC auf ihre Tablets schickst:  Botschaften splitten oder Texte anfügen, die aussehen wie die Mitteilung einer Nachrichtenagentur – oder gleich einen Code entwickeln. “

„Polari?“

„Als Privacy Policy? – keine schlechte Idee für einen Mann der Etappe und der Ornithologie. Der Reiz wäre derselbe wie damals im East End.  Ältere Quellen als das Netz – interessante Methode der Täuschung. Der beste bot wird nie nach etwas suchen, was vor seinem Ursprung liegt, der beste Algorhythmus nie begreifen, daß wir morgen das Gegenteil behaupten werden ! “

„Und das eine brillante Idee im nächsten Augenblick wie der größte Blödsinn klingen kann. Ich erinnere mich, wie Du begeistert die ersten Surfer beobachtet hast, Cornwell.“

„Eine Plage geworden.“

„Und dennoch halten sie sich immer noch für den Inbegriff von Freiheit und Abenteuer. Genauso wie sie das Netz noch den Raum der unbegrenzten Möglichkeiten nennen.  Nur – in dem Moment, wo ich meine Parkuhr nicht mehr mit Münzen bedienen kann, ist doch alles klar. Wir alle sind Teil des Spiels. Und wer keinen Zugang hat, ist weniger als ein Unberührbarer. Das Verfassungsgericht schwenkt dazu Weihrauch: Neutralität, Datenschutz, Transparenz. Es kann niemanden davor schützen, von der société civile des Netzes ausgeschlossen zu werden. Wer den ignore button drückt ist tot “

„Akzeptiert, Hardy: wir sind alle im Wasser undmüssen surfen lernen. “

„Oder Fliegen, David. Fliegen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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What goes round – Sonntags im Mai

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Eine endlose Folge grüner Basaltkegel, eine immense Basaltplatte, Fahrten über erstarrter Lava: das ist meine Umgebung.  Wer Basalt sagt, meint gute Straßen, denn der Unterschotter aus den zahlloen Gruben der „basalt a g“  ist nichts,was so leicht dem Druck der LKW-Achsen nachgibt.

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Wieviele Fahrten braucht es, bis meine schmalen Reifen hier irgendeine Spur hinterlassen?  Ich rolle durch den Westerwald: ein Sonntagsausflug, ein gemächliches Wandern. Der kommende 600er Ende des Monats will Meilen,  mein Magen aber braucht Ruhe. Die Kraft ist weg. Aber ohne ein paar Kilometer in den Beinen verfliegt sie noch mehr.  Mit einer Flasche Mineralwasser den Bakterienteufel aus dem Gedärm strampeln. a04

Kurz einen Blick zurück, vorn geht es weiter hoch und meine Übersetzung ist unwürdig. Nur: ist  es gerade nicht wundervoll, seltenst schön und nicht einmal zu warm? Hier enden die Wiesen und der Tann beginnt. Westerburg /Seck – dort gehts zum Schießstand. Die Bundeswehr ist auch das: Strukturelement in dünn besiedelten Landschaften. regelmäßiger Sold, mopnatliche Ausgaben, die das Dorfleben gebrauchen kann.

a11Auch wenn die andere Seite der Medaille in jedem Dorf sichtbar ist. Basalt, ein Stoff, der Licht verschluckt.  Sich wieder dem dreifachen Rauschen hingeben. Der Fahrtwind, das Laub in den Bäumen, das Rollen der Reifen. Und manchmal ein Bach dazu.

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Unten im Tal,

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oben auf der Basaltplatte (kreisende Flugzeuge)

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über die große Landstraße von Ost nach West  – B255 .

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Eine Pause für Bildung am Wegesrand. Remarque, Celine,  Heyer, der Lord von Barmbeck und ganz unten Generation Golf. Das Spektrum solcher Bücherkisten ist erstaunlich homogen.  C. Kracht hält eine vielbeachtete Poetikvorlesung amMain, die neue Deutungen auf sein Werk erlauben soll. Von Kracht finde ich nichts, da haben sich die Bewohner Hachenburgs (2 Buchhandlungen) zurückgehalten. Den Lord von Barmbeck lasse ich stehen, nachdem ich eine Szene von Kindesmißhandlung las: er wußte den Ursprung der Elbe nicht, da griff der bärtige Lehrer zum Stock, der uneinsichtige Schüler biß dem Peiniger  erst „in die Lenden“ und warf ihm dann das Tintenfaß ins Gesicht. Der Ex-Schüler verstand sich später auf Geldschränke und Glücksspiel.

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Wieder tiefer ins Grün tauchen. Den schwarzen Tee von der Tankstelle wirken lassen und einfach rund treten. Dicke Reifen plus langer Radstand sind schon angenehm. Erster Holunder, auch Heckenrosen. Die Generation Golf sitzt am Strand denkt über neue Mobilität nach und über die Leasingraten . Hier sehe ich sie nicht.

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Noch eine kleine Begegnung am Rothenbacher Lay und dann schon die letzten Kilometer, stufenweise vom hohen Westerwald in den etwas tieferen. Himburg, Kölbingen, Wallmerod

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In Molsberg war Prozession, es wird mit Blumen Anfang und Ende gemalt und erinnert an mein traditionelles Ziel.

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Den großen Randonneur an die alte Eiche stellen: für Glück auf allen Wegen.

 

 

 

 

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Auf die Erde zurück

Bilder leuchten nach. Streckenpassagen, snapshots. Ungeordnet lebt der Brevet im Hirn weiter und läßt von Zeit zu zeit ein Bild aufflackern, wie eine Seifenblase, die vorbeikommt und schillernd zerplatzt.

b bouquetVermutlich sind solche Tage auf dem Rad so ungewöhnlich, daß das Gehirn sie mit besonderer Intensität wahrnimmt. Dieser Zustand von Daueranstrengung und erhöhter Wachsamkeit – man kann sich jederzeit verfahren, ein kleiner Fehler und alles war für die Katz – ist ein ganz besonderer .

Genauso, wie es manchmal 50km dauert, bis der Körper sich auf dem Rad richtig zuhause fühlt und dabei auf eine neue Stufe gelangt , braucht es am Ende Tage, bis er von dieser Stufe zurückkehrt.

IMG_0036Radfahrer fliegen nicht, schweben nicht, sie bewegen sich dazwischen. Sie ähneln vielleicht Seeleuten, die es bekanntlich ja auch immer wieder hinauszieht, oder Bergsteigern, für die es immer einen nächsten Gipfel gibt.

a aral1John le Carré, vielleicht auch als David Cornwell bekannt, wurde neulich gefragt, warum man mit über 80 Jahren einen weiteren Roman schreibt. „Weil man dem Affen Zucker geben muß“ . .  .war sinngemäß die Antwort. Warum fährt man einen weiteren Brevet? Es ist etwas in uns, daß wir bestätigen oder fortsetzen wollen, oder einfach ein Zustand, in den wir immer wieder eintreten möchten.

IMG_0137Und wenn das Danach beginnt, dauert es etwas, bis wir ganz zurückkehren in den Alltag und seine vielen kleinen Schritte. Dann können wir kaum glauben, letzten Sonntag 400km auf einem Rad gesessen zu haben.

DSCF8981Aber es war so und es wird schon bald wieder so sein: auf diesem schlichten Ding mit dem schmalen Sattel und denn dünnen Reifen. En route!

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Die Welt, die Du kennst / II

a aufgang

Out of the darkness into the blue. –  aber die Nacht dauert.

Du bist in ihr unterwegs, immer geradeaus an Schlitz und Fulda entlang. Die Reifen singen, Du hörst ihr Lied. Hin und wieder schießt ein Sammeltaxi an Dir vorbei, in den Dörfern fährst Du unter den Bogenlampen und erkennst auch ohne Beleuchtung den kleinen Pfeil auf dem Navi, der fest am magentafarbenen Track klebt. Da geht es über den Fluß und die Kühle des Wassers kriecht an Dir hoch – tritt fester nun, die Scheiben der parkenden Autos sind beschlagen –  heißt in Celsius 3plus;  dann geht es kurz aufwärts im Wald, es raschelt laut neben Dir und da siehst Du zwischen den Bäumen einen roten Lichtpunkt. Und noch einen. Sie kommen näher.

a nachtrittDu denkst, das sind Mitfahrer, irgendwo weiter vorn aber dann erkennst Du die Windräder und ihre Positionslichter. Lachen im Dunkeln -hey Alter ! mach mal Pause, du wirst weich in der Birne, beginnst schon wieder Musik zu hören; warum ist es diesmal Jeff Beck? Endlich eine Tanke mit offener Tür – rein in die Wärme, Kaffee bestellen, Marzipancroissant und noch 1 Laugen drauf. Die Nachtvögel am Tisch lallen weiter und fallen sich in die Arme. das Sammeltaxi fährt weiter und Du auch. Fulda at dawn ist schon ein weirder Moment.

a21Ein, zwei mal hast Du die Nachtigall gehört, aber jetzt schlagen die Drosseln an. Das Cis-moll der Nacht wechselt über nach Es-Dur. Aus den Nocturnes wird ein Hornkonzert. Nur der kleine Mondfingernagel steht am Himmel, die weichen Ausläufer der Rhön zeichnen sich mattgrün ab. Weiße Nebel dazu geben den Gräsern hellen Flaum.

Eine Baustelle straft die Konzentrationslöcher im Hirn mit einem Schlag, aber das Hinterrad hält. Irgendwo neben Dir hörst Du den frühen Zug und dann ist es wirklich hell, das Navi läßt sich frei lesen und zeigt : Kontrolle 3. Das Roadbook hast Du irgendwo verloren und erinnerst Dich nicht mehr an den genauen Ort. Die Sonne kommt über den Horizont, es ist kurz vor 6 und nach ein paar wirren Schlenkern mitten auf der Dorfstraße hast Du die Terasse von „Fliesen Kiesel “ erreicht. Das Burgfräulein steht am Balkon und ruft Dich hinauf.

a22Danke Kiesel! der Tisch war reich gedeckt! Ich verlasse die anderen Ritter der Tafelrunde und ziehe wieder einsam meinem Schatten hinter,dringe immer weiter nach Süden vor, während die Sonne erste Wärme verteilt. Südwärts, immer nur südwärts bei sehr leichter Brise aus Ost. Es geht  – nur für einen Moment – wie von selbst.

b iceDieser zweite Teil des Brevets von Nord nach Süd hat einen treuen Begleiter: die ICE Trasse. Über mehr als 100km kreuzt sie die Strecke, verschwindet und läßt hier kurz vor dem Sinntal wieder ihr Rückgrat  blicken. Die Luft ist klar und frisch, das Morgenlicht wunderbar weich.  Das Gefühl, allein auf der Welt zu sein schärft die Sinne, vor allem den Blick.

Erste Insekten flattern umher, die frühe Meise bedient sich auf der Straße, da fällt vom Baum ein Schatten herunter – lautlos spreizt er die Schwinge und greift mit beiden Krallen zu. ich höre die Rufe der Meise, während sie davongetragen wird. Ein Sperber. Warum ergreife ich partei für die Meise? Ich rolle durch die Welt und berühre sie nicht: die frischen Kalorien in mir tun Wunder, aber vor der Nahrungskette schauderts mich.

Dann  – km284 –  ist der Südpunkt erreicht, die Route dreht aus dem  bayrisch/würzburgisch geprägten Burgsinn nach Nordwest, der Spessart wartet.

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Es ist ja nicht so, daß hier alles mit einem Liedchen auf den Lippen abgespult würde. Die Schulter spannt, aber freihändig kann man einiges entspannen, der Sattel drückt, hier reicht ein wenig Wiegetritt: immer wieder aus dem Sattel, die Beine durchstrecken, den Lenker anders greifen. Der größte Antrieb ist dieses Gefühl, es zu schaffen.  Ein blankpoliertes rotes Automobil mit zwei dickreifigen“Bergrädern“ huckepack saust an mir vorbei zum „point of interest“. Ach wie muß ich an den seligen Jobst brandt denken, der sich auf 25er boyaux alle Pfade der wilden Westküste untertan machte. Onkel Tom (Ritchey) wird sich erinnern,,,

Nun geht es in zwei Schüben über den Spessart. Der erste nach knackigem Beginn , sehr knackig, ist eher kurz und schmerzhaft, erstmals wird es zu warm unter der Joppe.

a selfie

Genußvoll zerschmilzt das  Fuldaer Laugencroissant, während das Gespann mit 40plus freihändig die sehr gute Straße abrollt und Tannenduft durch die Lunge zieht. Dann wartet ein zweiter, langer Anstieg im Wald. Es ist der letzte dieser Fahrt. Wenig Prozente: nur dauert es, bis ein Rhythmus gefunden ist, in dem Schmerz und Wohlbefidnen die Waage eingehen- es zieht sich und zieht sich und  –  endlich erlöst schieße ich hinunter: Bad Orb könnte für ein zweites Frühstück nicht besser liegen.

a 21Ein paar sekunden vor 9; ich habe das Überzeug abgelegt, gefaltet und in die Hecktasche gezwängt . Nun betrete ich kurz-kurz und hoffentlich nicht allzu unfrisch die Aral Gaststube. „Christoph! “ ruft der Mann hinterm Tresen. „Hier!“ rufe ich unbewußt  und höre hinter mir ein Echo. Ein weiterer Mann in den besten Jahren steht da und auf seinem Namensschild steht: Christoph.  “ Das ist auch Christoph aber er schreibt sich falsch,“ sagt der Mann, „sehen Sie:“ und zeigt auf sein Namensschild, worauf „Christof“ steht. „Dann sind wir ja zu dritt“, sagt der Partner. Leider bin ich in diesem Fall auch der falsche Christoph und verwerfe die aufkeimende Idee eines Dreiers. Stattdessen mache ich verdiente Komplimente für die Fünf-Sterne Versorgung mit Cappuccino und einem sagenhaften Ei-Baguette. Darauf ein Karamalz und ab ins Finale. Es weht ein schwaches Lüftchen, in bester Stimmung verlasse ich bad Orb.

b road1a 22

Es ist ein großer Sonntag auf dem Rad, alle, die unterwegs sind grüßen sich,  der Raps wird gelb , die Kastanien sind in voller Blüte. Reiterhöfe sind gefüllt, Cabrioletts schwirren durch die Gegend und  EBikes Summen. Alles da, um die Stimmung des müden Körpers zu heben. Noch ein Stop, noch eine Kontrolle und noch einmal durchziehen bis zu Jet.

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400, die sich gelohnt haben. In der ersten Euphorie erkläre ich ihn zu meiner Lieblingsdistanz.

 

 

 

 

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Die Welt, die Du kennst / I

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Die Welt ist grün und blau heute, es ist kurz nach 18ooh, wir sind unterwegs. Hessen liegt vor uns – 400km davon . Wir sind in Lollar, einen Steinwurf  nördlich von Gießen.

a01An der Zweckmäßigkeit solcher Bauten der frühen BRD-Neuzeit gibt es nichts zu knabbern, sie tun ihre Pflicht, geben der Schar umherziehnder Radzigeuner ein willkommenes Startdach.

a12Und alles geht leicht, die Gespräche sind anregend, der frische Ostwind kein Problem für die ausgeruhten Beine am Anfang des Brevets . Km 0-60. Welliges Land,  ruhige Dörfer die noch lange keine Vororte sind.

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Solide und aus dem vollen geschnitzt wirken die Fachwerkdörfer Richtung Ziegenhain. Diese unter Landgraf Philipp 1537  massiv befestigte Stadt strahlt auch heute noch Gediegenheit aus. Weder im schmalkaldischen noch im 30 jährigen Krieg wurde sie eingenommen. Wir Radbummler durchkreuzen in friedlicher Absicht eine nach guter Küche und Pizza duftende Hauptstraße. Auf den Landgrafen komme ich noch zurück.

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Die kleine Gruppe fährt der immer niedriger stehenden Sonne entgegen, hin und wieder von sehr weiten Aussichten belohnt, die Siedlung auf dem Vulkankegel weiter hinten sollte Amöneburg sein. In Wellen kommt uns nun warme Luft aus den Stallungen entgegen, hin und wieder Insekten; letzte Traktoren beenden den Tag. a14

An dieser Shell Tankstelle hält kurz der muntere Ritt . Im letzten Jahr noch Kontrolle, endet hier der erste Abschnitt des Brevets nach gut zwei Stunden Fahrt. Einige versorgen sich, alle ziehen Überkleidung für die nun rasch eintretende Dunkelheit an.  Es werden ein paar neue Mitfahrer aufgenommen, die schon vor uns eintrafen.

Gemeinsam  ziehen wir über die große Bundesstraße auf nach Homberg /Efze. Das Profil der Bundesstraße bis km 80 ist wellig, auf dem Randstreifen lösen wir uns gegen den Wind ab. Als Gruppe hilft das, genauso wie es Sicherheit verschafft, denn in der Dämmerung ist es gefährlich für den Einzelnen. So geht es bis Homberg. Das Tempo ist zügig, es gibt viele „junge“ Mitfahrer, was sehr willkommen ist. Wir sehen den Umriß der Stadt auf dem Berg und dringen zur Altstadt vor. a homberg

Hier klingle ich mich über Pflasterstein an der massiven Kirche vorbei, mitten durch die sittsame Menschenmenge, die ihr Stadtfest feiert (ohne Scherben). Hier ist ein für Hessen sehr historischer Ort: in der Homberger Synode von 1527 erklärte der oben erwähnte Landgraf Philipp sein Land Hessen nunmehr für protestantisch; – lutherisch genaugenommen und Luther war Zeuge. Damit wurden die hesssichen Klöster aufgelöst und ihr Vermögen beschlagnahmt. man sagt, das Vermögen sei fürs Gemeinwohl eingesetzt worden, unter anderem zur Gründung der Marburger Philipps Universität.

Dieser Philipp, der mit 13,5 jahren seinem frühzeitig syphillitisch verstorbenen Vater an die Landesspitze folgte, war nicht ungeschickt. Er empfing das Abendmahl aus den Händen Martin Luthers, welcher dem bigamistischen Landesherrn auch die zweite Ehe bestätigte. (Entre nous: Als Katholik wäre das nicht ohne Weiteres möglich gewesen). Die Kinder (mehrere Söhne, einige Töchter) erster Ehe teilten sich Hessen auf, jene aus der Nebenehe wurden zu den nachkommenlosen Grafen von Diez…..

Philipp organisierte also nicht nur die hessischen Vermögens- und Machtverhältnisse neu, er forderte mit gleichgesinnten Fürsten den eigenen Kaiserheraus, in dessen Reich die Sonne nicht unterging , den Habsburger Heinrich den Fünften.  Der Erfolg im schmalkaldischen Krieg war eher juristischer Natur, denn seit dem Religionsfrieden von Augsburg 1555 hieß es nämlich: cuius regio eius religio. Ein nicht unbedeutender Schritt.

Das idyllische Homberg(Efze!) eine Keimzelle der ersten deutschen Teilungen zu nennen greift sicher zu weit, aber soviel politische Sprengkraft hätte ich ihm nicht zugetraut, so ruhig und geordnet sich die alte Stadt nach 500 jahren zeigt. Wir ziehen weiter.

a15Es ist definitiv dunkel geworden, die ersten längeren Anstiege  warten.

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Gemeinsam treffen wir noch am Nordzipfel Hessisch-Lichtenau ein (km 112), gerade als uns die Lichter der schnellsten Fahrer entgegenrollen. Ich höre das Carbon der Hochprofilräder in die Nacht verschwinden.  Danach sehe ich sie nicht mehr wieder.

Hier hast Du die Wahl: durch die Futterluke irgendein unsicheres Aufbackzeugs zu nehmen oder Dich bei Mc Donalds in eine Schlange von verirrten Nachtbummlern einreihen? Richtig Hunger habe ich nicht, der Magen ist nicht richtig fit, die temperaturen nicht schweißtreibend; also beschließt Du, sowohl dem Aral als auch dem McD Lebewohl zu sagen und – da sie noch an ihren Sachen und Flaschen und Taschen rummmachen – den anderen Kollegen auch. Was soll schon schiefgehen, die nächste kontrolle ist nur 35km entfernt. Man sieht sich dann. DSCF3864Um die 150 km und Du stehst wieder allein vor der Futterluke. Also nur um den Stempel betteln und Wasser nachfüllen lassen. Währenddessen die Vollkornbrote auspacken und im kauen (gemächlich) nachdenken. Allein durch die Nacht geht also, ist vielleicht nach 100 forschen Kilometern sogar besser,  weil es immer das eigene Tempo ist, das gefahren wird.  Die magentafarbene Spur leuchtet zuverlässig und viele Wegmarken fallen mir schlagartig wieder ein. Die schwach schimmernden Burgfriede von Spangenberg, der preußische Bahnhof in Altmorschen. Stille Dörfer im bernsteinfarbenen Licht.

In der Kälte immer wieder Wärmeblasen, die sich vom Tag noch am Hang stauen. Die dünnen Roeckl Handschuhe sind genau richtig und der Fleece-Schal wandert bei den Abfahrten über die Ohren.  Absolute Dunkelheit und Stille um mich, ein riesiges Sternenzelt über mir. So dicht, daß die Helligkeiten kaum mehr auseinanderzuhalten sind und die bekannten Formationen verschwinden in einem Haufen kleinerer Sonnen. Linkerhand orange-blinkend ein Leuchtzeichen am Firmament. Nur das Signal einer ICE-brücke.

DSCF3877Der lange Anstieg ins Knüllgerbirge , Tourismus Wegweiser aus geschnitzetem Holz – rustikal und naturnah- tauchen im Lichtkegel auf. Ich erkenne den Weg, ein großer Fernsehmast weist die grobe Richtung. Ein vereinzeltes Auto kommt vom Berg gegenüber herunter. Ich lasse es passieren und schalte mein Fahrtlicht aus. Nun ist es dunkel, sehr dunkel – nach ein paar Sekunden erkenne ich noch die Mittelstreifen, an die ich mich jetzt halte. So ist es noch schöner: das Rad rollt geräuschlos,  tief  höre ich in den Wald hinein. Nur ein paar streitende Krähen, keine Eulen in diesem Jahr. Manchmal raschelt es ungehalten – Wildschweine.  Ein langer, wunderbarer Moment, bis die Höhe erreicht ist, das Dach der Tour.

Gerade schieße ich aus dem Wald heraus, da sehe ich ihn südlich über den Tannen: den gelblichen Mondzipfel, konisch, ein Vanillekipferl . Und dann ist unten im Tal, km170, unter der Bogenlampe schon die Bundesstraße  erreicht , die Nordsüdroute von hier bis Fulda. Lichter der Autobahn, das ewige Rauschen, Stelzen der ICE Trasse, Tankstellen. Die Zivilisation ist wieder da und blinkt mir zu. Ich lehne ab;  noch keinen Hunger, genug zu trinken und diesmal ist mir nicht nach Abbruch.  Weiter DSCF3865 durch die Dunkelheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

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400 remastered

DSCF3865Die früheren Berichte über die Distanz sind ferne Erinnerung. Der Körper erinnert sich undeutlich. Ein 400km Brevet ist keine logische Fortsetzung des vorigen Brevets, kein verlängerter 200er Espresso. Ein 400km Brevet bringt eine neue Dimension: die Dimension der 24h, die Dimension der Nacht. Sind kürzere Brevets noch Tagesangelegenheiten, paßt der 400er nicht mehr in das Tag/Nacht Schema des Alltags.

Der Körper muß dazu eine neue Stufe bewältigen, Mahlzeiten überspringen, seinen Biorhythmus überlisten und dazu größere Temperaturunterschiede bewältigen.

caarlton iconicDer Gießener 400er vom Vorjahr  – 2017-  war schwierig, die Bedingungen feindselig: Kälte, auf die Regen folgte und dann die Ausfahrt. Das Wetter ist ein erheblicher Faktor, von ihm hängt ab, wieviel Kraft der Körper nur zur Fortbewegung braucht und wieviel, um nur seine Temperatur konstant zu halten – man kann nich genug mit dem Wetter rechnen. Dementsprechend gehören am Rad mindestens 500 Gramm Wechselkleidung hinzu.

DSCF3877Und dieses Rad muß stimmen, no jokes, kein Mechaniker am Wegesrand : unverändert das lagoon-blue Competition.  Alles nochmal überprüft, Schaltauge gerichtet, Schutzbleche festgezogen und neue Bremsbeläge montiert. Frisches 38er Kettenblatt von TA, damit habe ich 13-26 hinten und 50/38 vorn. Es muß leise laufen und harmonisch, gerade nachts zerren Fehlgeräusche an den Nerven. Der Nabendynamo leuchtet vorn und hinten das AAA-Klemmlicht, das strahlt 8 Stunden zuverlässig rot ab. Rot sieht man nachts unglaublich weit.

b5Die Ortlieb Tasche mit der robusten Sattelstützenklemmung fasst exakt : den Reserveschlauch, das Notwerkzeug und die Zusatzkleidung für die Nachtfahrt.

Die Vordertasche hält auch nach drei Jahren noch, die Klettverschlüsse sind gut – also keine Bedenken, darin alles für unterwegs einzupacken: Magnesiumtabletten, 2Mettwürste, 3 fett bestrichene Vollkornbrote, Messer von Opinel (leichter als jedes Taschenmesser) und medizinische Nothilfe. Die Wegbeschreibung obendrauf, sollte das Navigationsinstrument streiken.
DSCF3864Pedale: die guten alten Universalpedale mit dem Käfig (für ungeklickte Notfälle) müssen runter, das rechte Lager hat zuviel Spiel: kein Risiko zuviel, ein kaputtes Pedal ist das Ende des brevets, darum 105er Renn-SPD drangemacht. Die Schuhe : wie beim 300er, Shimano sp-d Tourenschuhe, die nicht drücken und deren Hartgummisohle mir  eine feste aber drucklose Pedalbewegung ermöglichen.

Ein 400er Brevet , die Welt des overnighters ist der Beginn der Superlangstrecke. Auch für die trainiertesten Radsportler vom TCR ein Tagesmaximum. Es ist die Welt, in der die körperliche Verfassung nur noch ein Teil der Gleichung ist. Der Körper wurde über die kürzeren Brevets an die Belastbarkeit herangeführt, die Psyche nicht.

b3Die bleibt ein unsichtbares Hindernis, das jeder auf einem 400er überwinden muß. Mentale Ansprüche, aus Energieverbrauch, Schlafentzug und anspruchsvollen Streckenstücken summieren sich zu unbekannten Steilstücke, unsichtbare Knüppel, die vors Rad geworfen werden, wenn es am wenigsten erwartet wurde.

a4Vor einem (plus) 400er versuche ich mir immer eine „mentale Landkarte“ zu verschaffen, mit der ich mich auf mein Ziel hin bewege. Eine Mischung aus Wetterspekulation, erinnerten Streckenabschnitten und allerlei phantastischen Einbildungen, die den Steuermann an Deck hält. Eine Büchse voller mentaler Ersatzteile und Belohnungen, die noch während des Brevets nachgefüllt wird. a6

Jetzt kann er kommen.

 

 

 

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Im Kontext

Team Renault Gitane im Wintertraining auf Crossrädern 1985 (Le Querrec)

Für Bilder ist das Netz buschstäblich das große Fangnetz.  Nicht ein Bruchteil an radsportgeschichte in Photographien oder Bildern wäe uns sonst bekannt. Dinge, die sonst nur folienverschweißt auf Flohmärkten gezeigt werden, in Stapeln bei Sammlern verstauben werden plötzlich sichtbar.

Fast jeder Tag spült Neues an den Strand der Displays, hebt ein wenig Plankton aus den inoffiziellen Archiven, aus den großen Speichern .

Vor zwei Jahren öffnet die Weltbekannte Agentur magnum ihre Archive und stellt daraus einen „pavé“ von Bildband über den Radsport zusammen. Von Capa über Le Querrec und Vink, also vom Beginn bis in die Gegenwart ist der Radsport ein Topos, den die Agentur mehrfach behandelt hat.

Was nachdenklich macht: ich entdeckte das Buch nicht in einem Geschäft, bekam es nicht von einem Händler empfohlen, sondern fand es nebenher, bei der Bildersuche. Suchbegriffe: le Querrec, gitane, 1985. Schon finde ich eine ganze Reihe von Bildern, die auf das große Buch verwiesen. Vielleicht bin ich einer der Letzten, die die Umkehrung der Reihenfolge noch überrascht und erwähne es,  weil es definitiv den Paradigmenwechsel markiert.

Tour de France 1939 (Capa)

Wenn Archive, Bibliotheken, Buchhandlungen eine Fundgrube waren, aus der die Schätze des Wissens  gehoben wurden, so ist es nun definitiv das Netz. Ob es in den Magazinen der Bibliothekenund Museen nicht noch unendlich viel mehr Material gibt?  Früher wühlten sich die Neugierigen durch Untergeschosse, erwirkten Genehmingugnen, studierten Karteikartenverzeichniss, die mit der Feder geschrieben waren, wie ich im Folkwang oder der KuBi. Vor zehn, zwanzig Jahren.

Team Gitane auf dem Weg zur letzten Etappe, Tour 1982 (Gruyaert)

Zurück zu Magnum, der Agentur, die sich als Kooperative der besten Fotoreporter gründete. Capa oder Cartier Bresson, Chim, Burri oder Gruyaert–  längst sind sie ihre eigenen Monumente. Seit Jahren hebt magnum seinen Schatz, digitalisiert seine „backlist“.  Der Blick auf den Radsport beginnt mit den Anfängen der Agentur –  Capa 1939 – und dessen Blick richtet sich gleich auf den Kontext. Nicht der pedalierende Held steht im Zentrum: Magnum zeigt eine Kultur, vorzüglich französisch, in der Radsport stattfindet. Magnum zeigt den Sport in seiner Umgebung und schafft so Verweise, die über die reinen (längst vergessenen) Fakten der Rennen hinausgehen.

Tour 1969 marino Basso?

Der Holländer Winnen (Alpe d’Huez) sprach von Radrennfahrern als Parias, deren extreme Leistungen einen Mythos ermöglicht und so die Anerkennung der Gesellschaft. Aber potentielle Parias blieben sie, irgendwo zwischen Zigeunern, Zirkusartisten oder Eskapisten. Die Bilder von Magnum zeigen genau das: die Kluft zwischen den Zuschauern und Radfahrern,  die Ungewißheit und Verletzlichkeit, die die Sportler umgibt. Noch in Trainingsgruppen bleibt es sichtbar.

Thurau auf der letzten Bergetappe , Tour 1982 (Gruyaert)

Schließlich die Frage nach dem Medium. Ja, in einem Buch finden sich die Bilder größer und deutlicher wieder,  aber wenn sie gleichzeitig im Netz für sich studiert werden können und dazu die Bilder, die in einem Buch aus Platzmangel nicht aufgenommen werden können – ist dann das Netz nicht überlegen?

Ob wir unsere Erinnerungen und Erlebnisse lieber virtuell oder reell aufbewahren wollen,  das dürfte eine der wichtigen Fragen der Zeit sein. Bildbände bleiben schöne Dinge, so oder so.

 

 

 

 

 

 

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