Bohemia-Moravia 22

ab6Das Land beginnt hinter der Tankstelle. Es ist noch nicht sechs Uhr, Prag, seine Vorstädte und die Autobahnzubringer sind überwunden. Eine lose Abfolge von:

Bürostadtprojekten, Krankenhäusern,

a2sozialistischem Realismus, (auch frühen Ursprungs) und beschaulichen Vorortgegenden, in denen für Indoor-Golf geworben wird. Autobahntrasse, der Berufsverkehr beginnt.

a4Dann die Tankstelle. Die ersten Kronenscheine mit ihren altmodisch gestochenen Motiven gehen für Kaffee und Mineralwasser über den Tresen. Ein weißer rumänischer Lieferwagen mit folienverklebten Fenstern entlässt seine 6 oder 7 Insassen. Sie vertreten sich die Beine und wir machen uns auf nach Südosten, die kleine, schnurgerade Landstraße nach Benesov ist wenig befahren, das Koffein entfaltet seine zuverlässige, belebende Wirkung:

a5Bald finden wir unseren Takt und warten auf den Durchbruch der Sonne. Sehr zufrieden mit der günstigen Strecke und dem Wind. Erwartungsvoll sehen wir die endlosgestaffelten Höhenzüge vor uns. Böhmen und seine Ausläufer: eine grüne Folge sanfter Täler, Wiesen, Felder und Alleen.

Toni hat sich hier für ein anderes Rad entschieden, diese Fahrt ist Teil seines Trainings für ein 1000km Brevet über die Brauereien und Bäder Böhmens, Start-und Ziel München. Darum titan und Moderne.Sein Merckx folgt morgen aus Berlin mit anderen Teilnehmern der IVV nach. Wir haben einen Tag Vorsprung, 310 Kilometer nehmen wir heute unter die 25mm Slicks, bei km 200 kommt die Grenze nach Österreich und bis dahin wollen wir Kronen in Kalorien umsetzen. Was sich als nicht unbedingt leicht erweisen wird.

a7Bis auf einen Abschnitt auf der Schnellstraße rund um Benesov meiden wir die großen Achsen. Die kurze Erfahrung zeigt dieselben Bilder wie überall: Lasterkolonnen in Termindruck. Der Asphalt der Nebenwege ist durchweg gut, auch in den Ortschaften. Die kleinen Straßen wurden nicht schon etliche ale für Kanalisation, Strom, Internet, oder schnelleres Internet aufgerissen. Die Satellitennavigation hat diesen Sport tiefer verändert als alle übrigen Entwicklungen.  Eine solche Strecke wäre für Fremde auch mit langer Vorbereitung unauffindbar gewesen. Satelliten sind ein Segen und Tino sichert uns über seinen Tracker doppelt ab. Die Räder dagegen sind zweitrangig.

a8Wir bekommen ein wenig Sonne – aber nichts, was den Sonnenbrand fürchten ließe. Im Gegenteil: es ist ein Tag, der sich gerade noch im kurzen Trikot fahren läßt; wir folgen einer größeren Wolkenbank, der letzten eines Tiefdruckgebiets, das Tschechien und Österreich in dieser Woche mit Wasser versorgt hat.

ab1Da sind sie wieder, die endlosen Alleen, Klimaanlagen der Straße. Wir kommen voran, unerwartet schnell ist die 100 km Etappe bei Pacov erreicht.

a11Erste Garagenzeilen künden das Städtchen an, eine Trophäe sozialistischer Motorisierung ist vorgefahren. Mit dergleichen Skodas wurden Klassensiege bei der Monte Carlo eingefahren. Fürs Geschichtsbuch.

a14Die Bäckerei ist gleichzeitig ein kleiner Supermarkt fürs Notwendigste. Wir lassen uns das Zuckerwerk erklären und wählen. Ein paar Leute besuchen den Laden, kein großer Andrang, hin und wieder parkt ein Auto auf dem Platz. Nach dem Cappuccino und kleinem Gebäck weiter.

a13Zum Abschied aus Pacov  streifen wir noch den Supermarkt, der einst Textilfabrik war.

ab2Mit einigen Gravelkilometern, die sicher einmal geteert waren, bestehen die Reifen ihren Test, ein Auto macht angesichts der verfallenden Wegstrecke kehrt. Dabei können 25mm  reichen, solange es trocken ist und beide Augen wachsam. So geht es zügig Von LPG zu LPG – die Duftmarken begleiten uns.

ab3Die nächsten 100 Kilometer :der stete Wechsel von Hügel und Tal, Landwirtschaft und Waldwirtschaft. Dörfer in den Senken, ab und zu sehr sichtbares Schloß mit hohem Mauerwerk, oft bildet ein kleiner See oder gestauter Bach die Ortsmitte.

ab4Wir immer schräg daran entlang, irgendwo zwischen 400 und 600 Metern über Null. Auf und ab, man gewöhnt sich an die Umwerferarbeit. Der Rhythmus stimmt, unsere Gespräche fließen dahin,  die Beine tun unauffällig ihre Arbeit.

ab5Behausungen ja, Menschen eher weniger. Die Kinder sind in der Schule (wir haben sie gesehen), ab und zu kommen uns Traktoristen entgegen, man kann sie schon von weitem hören. Es gibt Autos, aber sie machen sich selten. So könnte unser Land vor 60 Jahren gewesen sein, die Zeit vor Deiner Geburt.

ab8Während einer längeren Fahrt schärfen sich die Sinne von allein. Man atmet tiefer, riecht die Wiesen und Kräuter und bei Gelegenheit auch 2Taktiges Benzin. Ein Bachtal entwickelt andere Aromen als ein Sonnenhang. Was ganz besonders intensiv duftet sind aber vom Menschen gemachte Speisen,  wie man sie in den Dörfern vermuten könnte.

ac8Und diesen Duft einer Bäckerei, eines Bratens aus der Wirtschaft vermissen wir, je weiter wir vorankommen, je mehr Dörfer wir hinter uns lassen.

Uns bleibt nur, auf einem Hügelkamm kurz nach Mittag die kleinen Pizzastücke aus Pacov zu verzehren und in der Musette nachzusehen, was man noch teilen könnte: Tomaten aus Berlin beispielsweise. Ein wenig Naschwerk dazu und weiter in Hoffnung auf eine kleine Stadt, während die Gegend immer weitläufiger und agrarischer wird. Ich erinnere mich an die Menschen die mit ihrem Campinggeschirr an der Straße standen und auf den Essenswagen der Caritas warteten, 2019. Irgendwo an einer Kreuzung im tiefen Böhmen.

Es dauert noch eine geschlagene Stunde bis in das hübsche Slavonice, dessen stattlicher langgezogener Markt leider mehr Nippesläden als Gastronomie bietet.

ab7Eine Gruppe englischer Motorradfahrer rastet, sie sind mit ihren Nortons über Belgien bis hier gekommen. Das einzige Restaurant am Platze bietet ganz übliche Portionen der ganz üblichen Schnellküche, wie es scheint: ich sah das Schnitzel sowie Pommes. Und fast hätten wir uns aus den Augen verloren.

ac1Noch eine Stunde bis zur Grenze und einige Dörfer noch, auf die wir unsere Hoffnung nach einem warmen Essen setzen. Es hat gerade leicht genieselt, mal ist die Straße naß, mal nur angefeuchtet: der Wind hat kurz gedreht. Das ist für sich kein Problem, nur die Entscheidung, dafür anzuhalten und Regensachen anzuziehen ist es. Psychologisch sind solche 5 Minuten, in denen man nicht weiterkommt Ewigkeiten. Also weiterfahren und auf trockene Schuhe hoffen, auf essen und ein wenig Sonne – später. Die letzten Ortschaften (wir sind in Südmähren) enttäuschen.

ac7Leider werden aus alten Brauereien mittlerweile Residenzen,schwindet mit jeder Ortschaft  die Chance, Kronen in Kalorien zu tauschen. Es ist der drohende Hungerast, der uns Sorgen macht. Gut und gerne 20 Kilometer bis zur Grenze. Selbst wenns gut läuft, die Energie wird verbraucht und gegen Kaloriedefizite ist wenig zu machen, auch Energiegels helfen nur über 15 Minuten, danach ist die Unterzuvckerung um so heftiger.

Wieder eine geschlossene Kneipe, ausgerechnet jene von 2020 mit dem schaumigen Hosta Bier. Wir sind vielleicht zu früh für den Nebenerwerbsgastwirt. Ein Tankstellezeichen lassen wir noch rechts liegen, dann kommt das nächste Dorf, auf dem Hang gegenüber grüßt ein stattliches Gebäude –

ac2Unser Weg ist plötzlich Baustelle. Gleich hinter den Baufahrzeugen eine schöne große Wirtschaft, aus der kein Lebenszeichen dringt. Toni sagt: wo Schilder draußen stehen, ist geöffnet. Ich sage: wo die Scheiben so blind sind, ist geschlossen. Die Schilder preisen die Pizza Gladiator. Wir wollen wissen, ob es wahr ist.

ac3Es ist wahr. Wir befinden uns in einem besterhaltenen KuK Wirtshaus mit hohen Decken und voller Jagdtrophäen. Am Tisch neben der Theke sitzen eingeräuchert eine Handvoll Leute, alle mit Gläsern vor sich. Einer ist bereit, den Dolmetscher zu geben und alle lachen.

ac4Bier zuerst, dann die Suppe. Diese Suppe hat uns der Dolmetscher warm empfohlen,  er selbst hat seine zu Mitnehmen verpackt vor sich stehen. Ein anderer steht auf und geht wankend hinaus. Als ich seinen Schatten zwischen der linken und rechten Hälfte der Flügeltür zurückkommen sehe, haben wir schon unser erstes Bier genossen und gleich wird die Suppe kommen. Und hier muß man Wolfram Siebeck recht geben.

In der „verpönten Küche“ erwähnt er die Delikatesse des in Streifen geschnittenen Pansen, den man in einer dunklen Brühe mit ein wenig Gemüse als Kuttelsuppe serviert. Die Pansenstücke schwimmen als proteinhaltige, nudelähnliche Streifen in der würzigen Brühe. Mit dem ersten Löffel wird uns wohler, sehr viel wohler. Der Nachbartisch lacht und möchte uns einen Schnaps ausgeben.

ac6Wir verweisen auf den weiteren Weg: noch 110! Heiterkeit.

Draußen hat die Sonne schon die Straße getrocknet, als wir satt und beflügelt Richtung Österreich aufbrechen Uhercice (Ungarschitz) hieß unser Glücksort. Das sind die wundersamen Dinge, die auf den langen Fahrten geschehen. Keiner ahnt oder erwartet solche Momente –  am Ende sind es die Besten.

ac5Der Rest der verlief sonnig und ungetrübt. Retz, Hollabrunn, Wolkersdorf: Sobald das Tal der Thaya verlassen wird, liegt das große Land vor uns. Im Geleit von zwei schnellen Schweizer Radfreunden treffen wir gegen 19h30 im Hotel Klaus, Wolkersdorf ein.

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Ridin on a Flix – Juni 22

ad4Man muß dieses Toilettensystem richtig verstehen. Erst eine Münze hinein, dann öffnet sich die Drehtür. Irgendwo kommt ein kleiner Beleg heraus, den ich später an die  Theke des Autohofs  auf ein mäßig aufgebackenes Croissant anrechnen kann. Nur ist dieser Beleg bei meiner Rückkerh von der Toilette schon fort – vermutlich hat ihn ein anderer. Die junge Punkerin macht es geschickter und taucht unter die Kinderschranke hindurch, die man für  Kinder in Begleitung (bis 1m35) einrichtet. Nächstes mal weiß ich es besser und blättere solang in der Edel-Hifi Zeitschrift herum, bis die Pause vorbei ist. Es gibt sie immer noch. die Lautsprecherkabel für 5000 Euro und der große Bus steht  unter dem Dach der Tankstelle.

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Morgens bin ich aus dem sattgrünben Westerwald aufgebrochen, die IVV ( also Inveloveritas 2022) via Berlin und Prag zu erreichen. Wieder in Begleitung von Toni und wieder über eine kombinierte Flixbusanreise, die uns bei Morgengrauen in Prag entlässt. Böhmische Landpartie, anschließend KuK Atmosphäre in Wolkersdorf, dem ersten Austragungsort dieses Happenings für klassische Räder vor über 10 Jahren…

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Noch trage ich die Startnummer vom Vorjahr. Jetzt: Weiter durch die grüne Landschaft unter blauem Himmel, auf dem Oberdeck hinter getönten Scheiben. Berlin in ein paar Stunden, das Merckx  hängt sicher eingehängt am Heck und zwischen 30 Sitzreihen hier oben kann ich mir 25 aussuchen. Durch das 9 Euro Ticket der Bahn, hat der Bus in diesem Sommer einen unerwartet starken Gegner bekommen. Russsiche Paare, Punks und ein paar Staatenlose sind auf der Linie Gießen – Marburg- Braunschweig- Berlin die Kunden, die dem Bus die Stange halten und Wasser aus großen ja! Flaschen trinken. Es ist so viel leiser und schöner von hier oben. Die malerische B3 ist eine Straße, die Radfahrer unbedingt meiden sollten, manchmal wunderlich , wie auf einem afghanischen Paß, wenn Lasterkolonnen aneinander vorbei wollen.

ad3Dann kehre ich zum Buch des Tages zurück, dem ersten Roman des jungen Thomas Bernhard: Frost. Er soll mich mit der Mentalität der Österreichischen Gastgeber auf  der IVV – inveloveritas  – vertraut machen. Der junge Bernhard beschreibt seine Landsleute mit Verve und schont weder sich noch andere. Ich freue mich, denn sicher sind seit dem Jahr 1963, dem Erscheinen des Romans, nicht nur die Busse besser geworden.

ad6Um exakt 19h20 kurvt der riesige, hellgrüne Dreiachser in den ZOB Berlin neben dem Fernsehturm ein.

af1Das Rad ist unversehrt, die Reifen heiß von den Abgasen. Die Aufenthaltsräume für Reisende sind weiße Container.  Mildes Licht, angenehmes Wetter, es könnte nicht schöner sein für das kurze Wiedersehen. Die Stadt ist in diesem westlichen Teil äußerlich unverändert, die Linden blühen, der Bioladen hat noch offen – ich werde morgen unterwegs frisches Gemüse brauchen.

af2Das Auto dominiert an einigen Stellen (anderen Behauptungen zum Trotz) immer noch das Stadtbild. Die Terrassen der Lokale sind besetzt, sommerliche Stimmung am Nollendorfplatz,

af3Das kleine Georg Grosz Museum sollte sich hinter seiner Verschanzung nicht über mangelnde Aufmerksamkeit zu wundern, nur größere Bürger werden den zarten Dachgiebel der alten Tankstelle hinter den Bambusdschungel ausmachen. Hier realisiert jemand sein eigenes Projekt im Großstadtdschungel, es ist einige Werbung wert: ie 20er sind wieder da,  in anderem Gewand.

Nun erwartet mich mein Abendessen etwas weiter in einem gut konservierten Teil Schönebergs. Wie eine Wagenburg stehen Mietshäuser um den schönen Platz in der Hochkirchstraße.

af4Am Südkreuz trudeln die Busse für internationalen Reiserverkehr ein. 23h15, der Dreiachser von Blaguss (SK) nimmt unsere Räder auf. Toni hat im Erdgeschoss einen Tisch für uns und unsere langen Beine reserviert.  Auch wenn gegen 2h morgens noch ein Schwall junger Passagiere den Kahn Richtung Budapest besteigen, ist die Stimmung im schwach orange beleuchteten Bauch des Schiffes ruhig wie im Mutterleib, allenfalls flüsternd. Der gewaltige Diesel im Heck brummelt seine menschliche Fracht in  kurzen Schlaf. af5Unbehelligt rollt der Menschenfrachter um 3h58 vor dem renovierten Bahnhof von Prag aus. Unsere Reise – Prag Wolkersdorf beginnt.

af6Es ist kurz nach 4 bis die Räder bespannt sind, es ist mild und ein angenehmer Wind weht durch die Straßen – Wir wissen: heute Abend können wir die 310 Kilometer geschafft haben.

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Rennrad, Kunst und die Espressomaschine: Hagen 2022

as1Nun bin ich doch wieder in Hagen gelandet und dieser junge Mann blickt mich lässig balancierend an, als fragte er sich, ob ich noch eine Frage hätte. Wann dieses Bild gemacht wurde? – ich schätze 1930 herum in einer Straße von Hagen. Du kennst ihn noch nicht – er wird Dir gleich erst begegnen.

Es hatte eigentlich anders werden sollen, als ich das Krautscheid aus dem Wagen packte. Nicht weit von der Autobahnausfahrt, irgendwo im Zwischenreich von Gewerbegebiet, Tankstellen und Zubringer Hagen herrscht Zuversicht,

a1bis ich diese Blase entdeckte. So sieht ein Riß im Mantel aus, wenn sich der Schlauch durchquetscht wie der Kaugummi aus dem Mund eines Erstklässlers. Schnell zur Tankstelle, nur 100 Meter weiter. Ein Klebeband, möglichst Gewebe, kann den Riß im Mantel noch retten, der erste Kaffee des Tages rückt in weite Ferne. In der Tankstelle Hilfsbereitschaft, doch erst ein Camper, der gerade vor Säule 2 hält, hilft mit Isolierband entscheidend weiter. Camper müssen für alle Fährnisse des Lebens gerüstet sein, von Alaska bis Feuerland. Gerade war der Mantel von innen „versiegelt“, als sie schon ungeduldig von der Gegenseite riefen.

Die 7 Weggefährten dieses Tages. Von hier, aus dem Tal der Ruhr wollen wir nach Süden tief ins Bergische Land – Höhe Köln und wieder zurück. Veranstalter: Selbsthilfegruppe Ruhr, die fast monatlich einen 200km Brevet dank der Streckenkunde des Haiko Hebig aus der Taufe hebt. Hastig steige ich auf, ungewiß, ob der Reifen hält, ungewiß, wann der erste Espresso kommt.

a2Erst nach den ersten Hügeln gelingt es mir,  die Kamera bei Durchfahrt einer unbekannten Fußgängerzone zu ziehen. Der Koffeinmangel  (und Kalorien) machen mir definitiv zu schaffen. Der Motor will nicht warm werden, der Kopf auch nicht. Versuch, Sichtkontakt zur Gruppe zu halten, die sich in bunte Punkte auf der Landstraße zerlegt. Landstraße, Samstags, anschwellender Einkaufsverkehr. Die Tagesform muß sich jetzt rasch bessern, ein Bäcker wäre ganz angebracht – leider erst in 20, 30 Kilometern.

Mir gefällts überhaupt nicht, nicht auf der Höhe zu sein.

a3Da ganz ohne Navigation, bin ich auf die Gruppe angewiesen, deren Tempo ich nicht gehen kann. Zu meinem Glück ist da noch Tobit von der Radbude – diesmal auf einem lilanen –  selbstredend eigenhändig präparierten  – Bob Jackson, an den ich Anschluß finde. Die endlose Folge von Hügeln hat alle anderen verschluckt. Halver. Wir streifen  durch Kreisverkehre. Unsere Unterhaltung lenkt mich ab– bis wir in ein Tal kommen, das mir immer bekannter deucht.

a6Es ist das Volmetal – Hagen 15km steht da auf dem gelben Schild.  Frage an Tobit, einmal auf sein Navigationsinstrument zu sehen und tatsächlich….

a5stehen wir an einer Kreuzung in Dahlhausen, schräg gegenüber das blaue Schild am kl. Bahnhof: daher weiß ich es. Eine Fahrt ohne guten Stern, jetzt Luftlinie 12km entfernt vom eigentlichen Weg. Eine verlorene Stunde;  heute bitte ohne mich..

Tobit zuckt mit den Schultern und kehrt um, die übrigen wiederzufinden. (es wird ihm gelingen)  Unsere Wege trennen sich- ich empfehle mich für ein nächstes Mal und breche zu einem Treffen mit einem ganz anderen Radfahrer auf.

a9Zuerst aber der Bäcker, bekannt von mehreren Brevets, innen von einem Österreichischen Schreiner in Zirbelkiefer ausgekleidet, Urkunden an  der Wand, erst der Vater, dann der Sohn.

a10Urkunden  auch draußen, gleich über den EisenRingen, an denen Pferde angebunden wurden. Vor dem ersten Weltkrieg zählte Hagen auf seinem Stadtgebiet ein dutzend Turnvereine – Ehrenzeichen eines Jahrhunderts, was gelten sie heute noch.

Ich verlasse diesen Ort als ein anderer Mensch, der Tag beginnt von vorn. Rechts ab.

a7Im Volmetal ist das Hochwasser 2021 bewältigt, nur die finanziellen Folgen scheinen nicht ganz geklärt: wenn das Thema aus den Nachrichten des Tages verschwindet beginnt der eigentliche Kampf.

Der Tritt geht jetzt leicht, mehr und mehr Werkstätten ziehen vorbei.

am1Die Grenzen zwischen Betrieb und außer Betrieb scheinen fließend – der tröpfelnde Menschenstrom verdichtet sich dort, wo die Einkaufszentren stehen.

am2Eine Inschrift in Sütterlin – eine letzte, danach die Folienembleme von Nagelstudio- Goldkauf- Spielhalle . In einer Seitenstraße

cs6massiver Luftschutzbunker, wie ihn Kunstsammler schätzen, hier einer von 15;  dahinter umgewidmete Textilfabrik, – daneben eine große, helle Bibliothek, man kann durch die hohen Scheiben sehen, daß die Tische gut besetzt sind – an einem Samstagmorgen. Auffällige Raumhöhen.

am3Kurzer Schwenk auf die Hauptachse  – das Tal läßt ungefähr drei große Parallelen zu – und zurück in den eigentümlichen Charme des Wiederaufbaus. Hagen gleicht vielen Städten des ausgebombten Deutschlands – sachlich- schlichte Fronten aus dem Gebot des Zwecks. Und nun – .

am4–  aus einer anderen Zeitrechnung, mit  selbstbewußter Geste, massiv-ockerfarben, begrüßt mich das  das 19te Jahrhundert. Den Vorplatz dominiert eine gewaltige Platane nebst Kastanie, die den linken, modernen Flügel des Gebäudekomplexes verdecken. Dahinter der Eingang:  Ziel erreicht und Schatz entdeckt: das Osthaus Museum.

am5Die Villa Osthaus ist ein Gesamtkunstwerk ihrer Epoche, alles gediegene Handarbeit im Sinne der arts and crafts, schmiedeeisern, gedrechselt, organisch. Der Übergang ins 20te, Abschied vom Historismus, die organisch-jugendliche Zwischenstufe. Gebaut für eine bessere Welt.

Ideal als Kulisse für einen ZDF-Mehrteiler des Genres „Fabrikanten, die fast Hitler verhindert hätten.“ Ein großartiges Haus mit viel Atmosphäre, erstklassiger Kunst, Ruhe. Eine Zeitinsel, auf der das späte Neunzehnten in die Explosion des 20ten in die Ästhetik des 21ten übergeht.

am7Renoir schickt einen letzten Gruß vom Mittelmeer, der in die Moderne tastende Rohlfs führt zum Farbenschrei des Expressionismus. Dies ist der Grundstein der Sammlung: ihre Reste wurden übrigens vor wenigen Tagen als Sammlung Colsman vom Auktionshaus Grisebach verscherbelt. Osthaus und Colsman, zwei bankiersfamilein aus Hagen und Gevelsberg. Nur diese Haus wird noch an ihren Namen erinnern.

am8Ölgemälde, Zeichnungen, Skulpturen, große Sonderausstellungen. Eine Handvoll Besucher und sehr freundliche Wärter teilen mit mir diese Oase. Ein Detail:  –   7 (in Worten .sieben. ) Euro Eintritt für das gesamte Museum Parkgebühren incl. In Darmstadt kannst Du dafür keine Stunde bleiben. Aber der Vergleich mit  Darmstadt ist unfair, Darmstädter saugen die Kunst mit der Muttermilch auf. In Hagen irren die meisten gerade durch eine Fußgängerzone, die bessere Tage gesehen hat. Was sollen sie auch sonst tun, als der Inflation hinterherzurennen. Andere sind  Pioniere und einer dieser jungen Pioniere war Emil Schumacher. Der junge Mann mit dem Rennrad.

am6„Die guten Geister und die schlechten Geister sind an allen Orten gleich. Ich kann in Hagen arbeiten“. So ungefähr sagte es der junge Radfahrer,  ein Handwerkerkind, das Werbegrafik studierteAls junger Mann überquerte er mehrfach  die Alpen mit dem Fahrrad – zu einer Zeit, als es nur drei Gänge gab. Ein zäher Bursche, dessen Entwicklung als Künstler vom drohenden Krieg überschattet wird. Als Zeichner kommte er in Hagen bei der AFA unter. Die AFA (heute Varta) baut seit 1905 Akkus für U Boote und Torpedos –ist also kriegswichtig; so kann man überleben und an die Zukunft denken.

an6Die Lebensjahre von 20 bis 30 hat ihm als Künstler ( Jahrgang 1912) der Krieg genommen. Man kann den Hunger nach Neuem, den Wunsch aufzuholen leicht nachvollziehen.

an3Abstrakt oder informel, wie auch immer man es nennt: Emil Schumacher entscheidet sich für die reine Welt von Form und Farbe um 1950. Die großen Leinwände mit groben Farbschichten. Etwas  primitiv –archaisches darin. Wenn Du nichts mehr zu verliern hast, machst Du die größten Sprünge.

an1Heute hat er ein ganzes Museum für sich, einen Flügel mit drei Stockwerken aus Glas und Beton,  Baustoffe seines Jahrhunderts, das Material der Bunker und Bürogebäude und Parkhäuser. Aber auch von Design und Reduktion als neuer Lebenskunst: Objekte der Sammlung jacobi auf einer etage mit Bildern der Epoche.

an4Im obersten Geschoß ein Zusammenspiel von Designobjekten und Kunst,  wie ein riesiger Wohnraum voller Stühle. Lampen, Tischen, Bildern und Kaffeemaschinen, glänzend wie Monumente. Der Espresso, den Schumacher aus seiner kleinen Pavoni zog. Eine Reminiszenz an die überquerten Alpen, der Treibstoff für Randonneure.

am9Und ein Radfahrer in voller Bewegung, Tuschzeichnung: die Vorstufe, der Kreis , der sich schließt. Eine Zeichnung von Umberto Boccioni. Ein junger Mann, der allen davonfährt.

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Die Tage danach (400)

d1Natürlich stellt ein bei Sonne und Tempo (gut) abgeschlosseneer 400er erst einmal ungemein zufrieden. Ich danke Christian Schulz, dem Veranstalter der Brevets in Gießen, daß er diese „star“ Tankstelle als Zielort ausgesucht hat. Sie ist mehr als nur 24h Tankstelle  -es gibt eine regelrechte Sitzecke mit englischroten Bezügen, sie erinnert entfernt an ein amerikanisches Diner. Es gibt eine Theke mit Barhockern, an der es auch angenehm ist, in Ruhe seinen Tee zu genießen.

Man sieht das Kommen und Gehen der Besucher draußen an ihren Autos, während sie die Scheibenwischer prüfen oder noch einmal nachsehen, ob  die richtige Sorte Sprit in den Tank läuft. Sie kaufen auch Blumen: wie heute, am 8 Mai für den Muttertag. Ein Indonesier, der seiner Mutter noch schnell etwas besorgt. Dazwischen Radfahrer, die eintrudeln und erleichtert  ihre Brevetkarten abgeben.

d4Das Essen schmeckt und die Erschöpfung ist noch nicht angekommen. Sie tritt erst in den folgenden Tagen auf, selbst wenn man 10 oder mehr Stunden Schlaf genossen hat.

Der Tritt ist schwer, Muskeln und Sehnen müde, gewisse Partien schmerzen noch und eine kleine Runde  in leichtem Tritt ist das äußerste. Mittagsschlaf, abends früh zu Bett. Vitamine, Vitamine, Dr. Wolz Spezialtrunk. 400 km sind kein Training, sondern in meinem Alter eher ein Angriff auf die Substanz. Ich lese dann gern wieder den Müller-Wohlfahrt, der mir die Antioxidantien erklärt, das frische Obst, das Gemüse, die guten Fettsäuren. Meine Pistazien schmecken auch wieder. Ob Ananas zählt?

d01Nachschlagen in Ratgebern ist gut, besser aber Reinhören in den Körper: was willst Du gerade. Was brauchst Du? Im Anschluß: drei Tage lang Hunger. Ich war an der Grenze unterwegs, habe sie nicht überschritten. Äußerlich bin ich beinahe unversehrt. Die guten Shimano SPD- Tourenschuhe sind alte Freunde, auch wenn schon eindeutig mitgenommen. Lenker und Bremshebel passen – kein Taubheitsgefühl,  das entwickelt sich, das trainiert sich, es sind auch Muskeln im Spiel. Genau wie beim Nacken: möglicherweis helfen dort meine täglichen Fahrten mit dem Rucksack. Man findet seine Sitzlänge, seine Überhöhung, seine Position. Ein guter Coach würde sofort sehen, ob alles stimmt.

d5Einen 400er als reine Willensleistung, am Ende zum Triumph des Willens zu erklären, ist blödsinnig, genau wie den 600er oder jede andere Distanz. Jahreskilometer und Gesundheit, das sind zwei notwendige Bedingungen; über allem steht  Wunsch, die Absicht, ihn zu meistern, sich darauf ganz einzulassen. Meistern trifft am ehesten den Umgang mit einer Distanz, die immer Unvorhergesehenes bereithält. Der Koreaner in diesem Cohen Film – a serious man –  sagte: „Akzeptiere Mysterium“ – die innere Bereitschaft, Unerwartetes einzurechnen.  Denk immer über die Kilometer nach und denk nie darüber nach. Denk nie daran, was es bedeutet, 24h wach zu sein. Zeit darf keine Rolle spielen und Zeit spielt die größte Rolle: nicht zu spät essen, trinken, anhalten…Du bist in Deiner Zeit unterwegs. .

d6Nach einer Weile bewegt man sich in der völligen Gegenwart des eigenen Tritts, des Atems, der nächsten Kurve, eines Anstiegs , der in ein paar Metern beginnt. Das richtige Tempo, das in der Situation richtige Tempo. Vielleicht gibt es Fahrer, die es leichter in der Gruppe finden, mir gelang es nur, wenn ich auf mich allein hören konnte: in der Stille der Nacht.

Das wichtigste aber ist das richtige Tempo. So sagt es schon Mozart von einer ganz anderen Disziplin. Es dauert, es ist sehr individuell, aber irgendwann kennt man es.

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Eine letzte Runde nach Gießen : 400km Teil 3

Die Handvoll Pistazien wirkt, die kleinen Stücke der Honigmandelpaste wirken, Der Fruchtriegel wirkt. Es braucht nur ein paar Minuten, dann rauscht der Engergieschub durchs Blut, und trägt mich sanft über den grünen Heubacher Hang, (fast) mühelos über den hessischen Landrücken. Morgens um 6.

0a1Das letzte Drittel. Der Kopf ist wieder klar, der Zucker und das Tageslicht bringen Struktur zurück, auch im Gefühl, das Schwierigste hinter sich zu haben. Höhenmeter, Nacht, Kälte –  Energie:es ist noch lang, sagte der Mann mit dem schnellen Pedaltritt, als er mich bei Sonnenaufgang überholt hatte.

Noch 130km – ungefähr. Das Sinntal liegt voraus, ein langes, einsames Tal, in dem noch gegen Strommasten protestiert wird. Abgeschieden, über und über grün rollt es sich dort leicht… für eine Handvoll Kilometer sogar auf der falschen Seite. Am Hang gegenüber sehe ich die Neonwesten fahren, ich bin müde, aber es ist kein Irrtumt! Nur ein Schleifchen mehr.

0a11Bis hierhin habe ich die Kräfte ausgeschöpft, nur um vorwärtszukommen, über die Nacht und die Kilometer. Wie eine Flasche, die man vorsichtig leert. Vielleicht war sie etwas zu leer. Aber jetzt, wo der Rest der Strecke vor meinem inneren Auge deutlich zu sehen ist, setze ich  Ziele. Konkrete Ziele. Etwa um 7 Uhr könnte ich in Burgsinn sein.

Gewiß hat jeder seine eigene Methode, einen Brevet zu bewältigen. Für mich beginnt jetzt ein Zeitfahren. Den Brevet ab hier vom Ende her denken. Ich sehe die Kilometer vor mir, die Orte und Wegmarken, kann die Windrichtung abschätzen: Nordost. Die vergangenen Kilometer zählen nicht, nur die kommenden, die kommenden Anstiege, die Leuchtfeuer im Gedächtnis. Jeder wird jetzt seine Methode haben, Kräfte zu mobilisieren.

0a2Für mich ist es das Rennen gegen die 20 Stunden Marke. 400 Kilometer unter 20 Stunden. Kontrolle 3 – Kurz nach  7 in Burgsinn habe ich gute Chancen. Ankommen vor 13 Uhr: das ist es, was den Motor und den Kopf ans laufen bringt. Von hier 30 Kilometer bis Bad Orb, der großen Oase mit der Tankstelle, die keine kulinarischen Wünsche offen lässt.

0a3Vorher wartet der Gegner im Sinngrund. Ich habe den Anstieg hinter Aura nicht vergessen. Aura im Sinngrund,  philosophischer Name für einen erbarmungsloses Stück Spessart, das mich zwingt, tatsächlich diesen Mister Tom Erdnußriegel aufzuknacken. Die Milch dieser Kühe müßte ich stattdessen bekommen.

0a4Der Hang liegt schon in voller Sonne, Jacke bleibt an, noch ist es nicht zu heiß, nicht anhalten, nicht den Rhythmus verlieren. Es sind nur 2 oder drei Kehren, diese aber steil.  Kollegen passieren, die sich schon umziehen, der Mann mit dem schnellen Tritt schlief eben in einer Bushaltestelle. 30er Blatt, 23 Zähne, kurbeln.

Durch die kühle Luft in den Joßgrund. Bad Orb: noch 13, die Hälfte davon bergauf.

0a5Gerade erst 8 an der Schloßuhr. Du weißt, der Anstieg nach Orb ist ein Roller, ein vollkommener Roller. Immer nur die Kraft einteilen und den Rhythmus wahren. Weiße Streifen an der Straße markieren Kilometer. Jetzt der Letzte bis zur Kuppe mitten im Wald. Halte den Rhythmus und zähle. Zähle die Tritte, 3m30 pro Umdrehung, das dürfte stimmen. Also zählst Du. Es funktioniert, die Zahlen sind wie ein Metronom, dessen Takt Du folgst. 256, 257, 258 . . . da kommt das Ende. Um halb 9 wirst Du an der Tankstelle halten: essen, umziehen, frisches Wasser -vor allem ein schöner Cappuccino.

0a12Maximal eine Viertelstunde also und Du kannst es schaffen in dieser Zeit. Die lange Gerade Abfahrt nach Orb, Muskeln ganz locker austreten, Laktat wegspülen, aus dem Sattel und Strecken, beide Beine, Oberschenkel, Unterschenkel, Hüfte,  alles was schmerzt. Gleich ist es soweit: raus aus der Regenjacke. Kalorien, Kalorien.

Meine längste Pause auf dieser Fahrt. Eine schöne kleine Ecke, warm und cosy, Blumen für den Muttertag kaufen manche hier: das ist heute am 8 Mai, die Sonne scheint und wird bleiben – das Hoch aus Nordost wird mich noch eine Stunde vorwärtsblasen. Danach 60km NordNordWest.

0a6Mitfahrer sind eingetroffen. Laufen draußen herum bis der Tankwart sie bittet, doch eine Bank zu nehmen. Wo wir herkommen – „Ha! Ha Ha  ! Hessisch Lichtenau! Da war ich W 18er beim Fernmeldezug. Ständige Schlepperei zum Hohen Meißner, wo der Horchposten Ost war.“ 18 Monate und des klang, als seien es 18 Jahre gewesen.50 Jahre her, als Wehrpflichtiger in Nordhessen kalten Krieg führten. Einen Schluck Cappuccino noch, die Flasche ist nachgefüllt.  Blick zur Uhr. Auf.

0a7Das Lachsbaguette war so riesig, daß ich die zweite Hälfte im Fahren esse ; langsam kauen, rollen, es läuft noch bis zur Kinzig bergab. Gute Entscheidung. Nächstes Ziel bei km 360, die penultimo Kontrolle. Gelnhausen überwinden jetzt. Blödsinniger Track, nicht ausreichend korrigiert. Mal der Nase nach, mal Baustelle. Besser auf der Hauptstraße bleiben, aber das verbieten die Algorhythmen dem Rad. Holprig und im Zickzack durch die Felder, so sehen sie uns herumirren.

0a8Aber es hat auch Lieblos sein Ende.

Endlich die Allee hinaus, die letzten Bäume des Ländchens: Hier ist der Boden gut, Bäume werden selten: fruchtbares Land. Unverdrossen die erste Welle nach Altenstadt. Ein Mitfahrer voraus. Da ist er wieder. Mit Auflieger. Tippitoppi ausgerüstet steht er an einer Kreuzung

Warum hält er?  No Problem – zunicken. Nach dem nächsten Anstieg in ein Wäldchen, gleich nach der Obstbaumallee (hier machte ich vor vier Jahren ein Bild, war ich müde?)  hat er mich eingeholt. Navigationsproblem, ein junger Pole, Spezialist für Ultradistanzen. Keine 60 kg Masse. Wir bewundern die Landschaft, genießen den Blütenduft, überqueren die nächste Baustelle, lassen uns von der RTF des Clubs aus Flörsheim mit SWorks Aerofeilen überrollen.

0a91Er sagt –: noch eine Steigung, die vorletzte bis ins Ziel.

0a22Um Punkt 11 an der letzten Kontrolle. Eintracht Trikots vor der Theke. Ich bestelle 2 Espresso für uns beide und die letzten 40km: er winkt ab ; enough coffeine – also trinke ich zwei und wir verabschieden uns, denn er hat keine Eile. Noch 40km.

Entweder ist er Espresso besonders gut oder das Koffein. Es läuft. Unterlenker gegen Nordost, Alleen Bäume machen sich rar,  irgendwo Butzbach,  Lich, nur den Takt halten, nur den Takt halten. Der Motor läuft, Nacken ok, Hände ok, Schuhe passen  – keine Druckstellen keine Taubheit. Beine müssen, Wind dreiviertel vorn.

0a21Nur einmal noch ein Foto über der Wetterau, an der gleichen Stelle das Autoportrait von vor vier Jahren. Da war es wärmer. An dieser Stelle, nach einer Strunde Unterlenker am Stück ohne aufzublicken, den Augen auf der magentafarbenen  Linie des etrex-Displays weiß ich, die Zeit ist auf meiner Seite – in der hellen Sonne eines Sonntagmorgen im Mai.

Nochmals Neonfarben voraus: rosa und gelb  – wer mögen die wohl sein?  Noch 300, noch 200 meter – dann sagt der magenta Track: Umgehung verlassen, links durch den Ort. Ich gehorche. Am Kreisverkehr der Landstraße bin ich schon durch, als sie gerade auftauchen – auch mal den Algorhythmus loben. Nicht mehr umdrehen, Bundesstraße, gleich geht es abwärts, alle Segel setzen 52×13. An jeder Ampel ein Sprint, mit jeder Ampel neue Endorphine, das wird es sein.

0a01Giessen = Null – Austrudeln. Star Café an der Star Tanke.

0a02Mein Sattel, mein Rad. Nun ein Sandwich und ein Hefeweizen ohne.

c8Still genießen, es war eine letzte große Runde, aber eine Gute. 432 km sagt der kleine Tracker.

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Hymnen an die Nacht Gießen 400 – 22 Teil 2

Eigentlich wissen wir nichts über die Dinge ringsum. Wir gehen jeden Tag aus dem Haus und ahnen kaum, was hinter der nächsten Tür, der Hecke am Weg vorgeht. Wieviel weniger noch von dem, was dort unten, beispielsweise hinter Hessisch–Lichtenau geschieht. Millionen von Daten, Millarden von Daten werden gesammelt und freiwillig gesendet. Alles was dabei herauskommt sind Bewegungsprofile. Ameisen aus dem All betrachten und fragen, wohin sie wollen…

c00Mein Bewegungsprofil in Nordhessen kann nur als kleine Lichtspur verfolgt werden. Das Navigationsgerät ist so alt, daß es nur Satellitensignale empfängt, es ortet sogar russische. Wenigstens kenne ich den Punktan dem ich bin, wieviel Uhr es ist und wann heute die Sonne aufgeht. Heute, am 8 Mai 2022 ziemlich genau um 6 Uhr, in etwas sieben Stunden. Mehr aber  nicht. Wo aber werde ich dann sein? Niemand weiß es, am wenigsten ich selbst, die Ameise auf dem Rad. 22Uhr 30.

In diesem Augenblick bin ich in  Altmorschen und das Blatt könnte sich nach 130 km des 400ers gewendet haben. In der feuchten Abfahrt häuften sich trockene Flecken auf der Straße, mehr und mehr und schließlich war klar, daß ich die Regengrenze passiert hatte. Südlich von mir wird es trocken und wärmer sein. Nur die Wollsocken waren noch feucht. Unwichtig, denn die Temperatur wird nicht unter 5 Grad Kälte sinken. Der Mond ist aufgegangen, ein paar Sterne sind zu sehen, nicht allzuviele –  Altmoschen und Morschen und ein paar Bahnlinien, ein altes Schloß, jetzt Jugendherberge – Notbeleuchtungen erleuchten den Kasten von innen. Die Dörfer schweigen und wahren ihr Geheimnis.

c3In einer Stunde oder etwas mehr die nächste Kontrolle – Remsfeld an der Autobahn. Vorher noch haben mich die Mitfahrer aus Hessisch-Lichtenau überholt, 5 oder 6, ich werde nicht versuchen, mich dem Pulk anzuschließen. Dorf um Dorf gehe ich vor,  immer an das nächstliegende denken.

Die Nacht für mich allein, mein eigener Rhythmus, keine ständig tanzenden Lichter um mich, keine mechanischen Geräusche aller Art – und vor allem kein falsches Tempo – es ist noch lang, die Kraft muß reichen, die Energie muß reichen. .

Es geht auf und ab, ringsum die Nacht, immer wieder erkenne ich bekannte Fragmente der Strecke: Umrisse. Wegmarken, wie eine Unterquerung der ICE Trasse, der endlose Anstieg, der sich zäh dahinzieht und den ich mit Gelassenheit und kleinen Gängen bewältige. Auch Dorfecken, scharfe Abbiegungen, die im Licht einer Natriumdampflampe kurz sichtbar werden, sind nach vier Jahren nicht aus dem Gedächtnis verschwunden. Vielleicht arbeiten nachts unsere Sinne schärfer? Vielleicht sehen wir nachts mit anderen Augen?

Vor Mitternacht: Autohof Remsfeld Km 159

c4Blau leuchtet die Nacht, wieder ist es ARAL und Räder sind auch da. Auf der Suche nach einem Nachtmahl bedienen wir uns an den noch vorhandenen Stücken in der Backtheke. Eine Geflügelwurst im Teigmantel erfährt meine Gunst, was noch bleibt wird nicht viele satt machen. Statt Kaffee nehme ich einen kalte Dose Nespresso zu mir, spekuliere auf mehr, mehr Koffein tanken. Für Flüssigkeit noch: immer Gerolsteiner Mineral.  4 oder fünf Fahrer, die im kleinen Verkaufsraum hin- und herlaufen und auf ihre Smartphones blicken machen die Kontrolle Remsfeld kurz vor Mitternacht zu einem lebendigen Ort im einsamen Tal.  Wir wechseln ein paar Worte, nicht viel, alle sind sehr geschäftig. Eigenartigerweise bin ich der erste, der wieder zur Abfahrt bereit ist. Bleib bei Deinem Rhythmus.

Die Tiefe der Nacht beginnt nach einem auffällig gut beleuchteten Fußgängerüberweg.

In den Knüllwald geht es langsam und in Wellen hinauf – Hier und da ein paar Häuserreihen, letzte Siedlungen, dann 15 Kilometer Dunkelheit. Aber diese Dunkelheit erinnere ich am deutlichsten von vorigen Fahrten. Landmarken wie ein Mobilmast hier, ein einsamer Telekomturm vom anderen Hügel, mit rotem Lichtpunkt . Der Mond gibt Restlicht, hin und wieder schalte ich die Lampe aus: der scharfe weiße Kegel des Scheinwerfers auf der Straße macht müde.

Nötig wäre die Kamera, die ich nicht mehr am Rücken spüre, das kleine Stück Glas und Metall, das zuverlässig hunderte Bilder macht seit Jahren. Ich wühle mich durch die Lagen meiner Kluft – sie ist tatsächlich futsch. Vermutlich an der Kontrolle vergessen. Da kommt ein Lichterschwarm und zieht an mir vorbei. Über 10 Kilometer völlig umsonst: umkehren also. Zurück zu Kontrolle 2.

Nach Mitternacht, Autohof Remsfeld immer noch Km 159

c01Vor der Aral wieder das gleiche Bild, es sind nur andere Fahrer. Ich frage, keiner hat etwas gesehen, die Kassiererin auch nicht. Den Verkaufsraum wie einen Tatort abschreiten. Gleich neben der Kasse  -: auf einer halben Palette Flachmännern ruht das gesuchte Stück, von niemandem bemerkt. Freude.

c12Die Tiefe der Nacht beginnt nach diesem auffällig gut beleuchteten Fußgänger- über- weg.

Eine gute halbe Stunde verloren. Ins Finstere, zurück in den Wald, hinauf auf den Hügel. Jetzt Musik, der Beginn von Bartok dritten Klavierkonzert tönt durch die letzten Fichten. Schwer und getragen kommt es aus dem Nichts zu mir geflogen. Da überholt einer mich mit hoher Frequenz. Weiter im Stück. Den Takt mit  42×26 geben und nicht erst drücken. Innerlich an Fulda denken und dem kleinen roten Licht folgen, während im Nebel unter mir zwei weiße Lichter folgen. Stimmen in der Nacht. Werde ganz oben eine Pause machen, nochmal essen. Nicht zuviel, sonst sackt das Blut in den Magen. Und trinken – man gibt sich jetzt schon selbst Befehle. Oben die Ruhe, die vorbeiziehenden Kollegen grüßen, nochmal Wind/Regenjacke und Schal richten, Mütze über die Ohren. Dünne Handschuhe anziehen. Wie gut, wenn die Mütze über die Ohren geht. Trinken. Noch drei, vier Stunden bis Fulda. Der Weg ist leicht zu finden.

Im Fulda Gap, zwischen 1 und 3 Uhr

Das Navigationsgerät rührt sich nicht mehr, zeigt immer dieselbe Position. Reset  – fängt es sich? Keine Reaktion. Ausschalten, weiterrollen, warten. Umsonst. Zum Glück ist der Weg leicht zu finden. Weiterrollen. Jetzt das Lichtfestival der Autohöfe -Kirchheim schon. Burger King geschlossen, 2 Räder vor einer Tankstelle. Sich Zeit nehmen? Lieber nicht, besser weiterfahren, einfach tun was auf den großen gelben Schiildern bei Niederaula steht. Fulda- folge deiner Erinnerung. Nimm den inneren Kompaß.

An einem großen Parkplatz das nächste Schild. Hunderte, vielleicht tausend graue Lieferwagen unter Flutlicht auf denen das schöne Wort Amazon steht. Sie sind neu und warten auf Fahrer. Die Systeme sind noch nicht hochgefahren, die smartphones ruhen noch – der Amazon Hub macht die einzige Pause in der woche. Die Strecke ist flach, ich versuche den Rhythmus zu halten, lese die Nummernschilder in den Dörfern. Immer noch VB, Vogelsberg. Schlitz, Bad Salzschirf – lese ich FD, ist die Erlösung nah.

Die zwei Fahrer aus dem Knüllwald schließen aus dem Nichts auf, nehmen mich in ihre Mitte. Wir reden kurz. Ich spreche über Fulda. Dort vielleicht ein Burger, eine Pommes. Auf jeden Fall Tankstelle. Km 230 sagt er -, Avia. Sehe ich noch: betrunkene Taxifahrer und noch betrunkenere Gäste. Räudig. Ich will warme Pommes und einen Royal TS mit viel frischem Salat. Die Beiden ziehen weiter, geben Gas, ich bleibe in meinem Tempo, kein Watt zuviel im Fulda Gap, die Nacht dauert noch drei Stunden. Das Geflügelwürstchen der Tankstelle schmeckt erstaunlich gut für eine Vorspeise. Die Lichter der anderen: sind fort. Lautloses Rollen in lautloser Umgebung. Ein Rad muß sich unauffällig benehmen auf der langen Distanz. Nicht zu träge, nicht zu nervös, sauber rollen. Weiterrollen

Mehr Lichter  – Fulda  – so um 3 Uhr

Tankstellen ja, aber erloschen, suche das Wort Zentrum. Fahre im Kreis. Die Straßenbeleuchtung ist üppig. Ampeln sind am Sonntagmorgen das einzige Lebenszeichen in dieser Stadt. Lebenshungrige junge Leute mögen sich bitte einen anderen Ort wählen. Hungrige Menschen auch: die nächste geschlosene Tankstelle. Im Licht einer besonders hellen, großen und leeren Kreuzung nehme ich das Navi ab, löse den Batteriedeckel und achte deutlichst auf plus und minus. Wieder einschieben. Läuft: die rosa Trasse ist sichtbar und das kleine grüne Dreieck: that’s me. Die nächste, schöne große Kreuzung und zwei Radfahrer, die mir entgegenkommen: kein Zweifel: es sind dieselben zwei wie vorhin, hatten an einer Bushalte eine kleine Pause gemacht.

c5„Wo willst du hin?“ rufen sie mir zu  -„fährst Du zurück?“ Aus dem Fulda Gap geht es in Gegenrichtung hinaus. Fahre also schon im Kreis, gefangen in diesem riesigen, sauberen Verkehrsübungsplatz Fulda mit den schönen Fahrradstreifen. Ihnen hinterher. Gleich kommt endlich diese Tankstelle an einer Kreuzung, die ich schon kenne. Sie ziehen weiter. Vor der Tankstelle vier Gestalten die laut pöbeln. Drinnen ein junger Mann, der überlegt, ob er an den Nachtschalter soll, oder vielleicht besser die Polizei ruft? Die Situation gefällt mir nicht. So komme ich nicht an mein Essen, falls da überhaupt noch etwas ist. Auf der Hauptstraße endlich ein McDonalds closed (ich habe tatsächlich nachgesehen!), und dann schon, hinaus aus der Stadt, zwei weitere Tankstellen im Dornröschenschlaf. Gibt es eigentlich den Royal TS noch? Ein Fluch liegt auf dieser Stadt.

Eigentlich wissen wir nichts über die Dinge ringsum. Wir wissen nichts über Fulda.

Dann ist Fulda, das Loch im Nichts, wirklich zuende. Habe noch Riegel und Pistazien irgendwo hinten. Muß weiter. Navi funktioniert, wenn es auch nur eine rosa Linie ist ohne Karte. Karte unsichtbar- Nachtmodus. Wie im Halbschlaf durch Dörfer, muß irgendwo noch Kraft finden, muß mit mir reden…

Es ist wirklich alles sehr dunkel. Fulda Gap südlicher, km 245, gegen 5 Uhr.

c6Wenn der Himmel grau wird links von Dir, hörst Du schon die Vögel. Du bist in einer schönen Landschaft zwischen Wiesen und Wäldern. Ein Tal neben Dir. Du hast es gut, kleine graue Wolken, die nicht bleiben werden. Von unten rufen Kühe, sie verwechseln Dich. Kurz nach fünf. Der Sattel schmerzt schon etwas länger, eigentlich seit Stunden schon. Wenigstens ist Dir nicht kalt.

Du mußt irgendwann nochmal tief in die Tasche greifen. Noch Mandelpaste in der knistrigen Folie, nimm sie doch endlich. Also gut. Später nochmal bei den Pistazien nachsehen. Die Vögel singen. Die Schaltung fällt ins nächste Ritzel, warum reicht der Gang nicht? Doch gar nicht so steil. Jetzt ist der Himmel schon rosa. Der Gang reicht immer noch nicht –

Das blaue Grau ringsum wird allmählich grün, aber kalt ist es – siehst Du da hinten die Watte: da ist die Fulda, sei froh. Bei Uttrichhausen ist der Himmel rosaner- ab ins Tal, nicht mehr lang bis Kalbach. Mühe die Leitplanke zu sehen. Da stand ein Imbiß. Geschlossen. Schlafen alle tief. Kein Geräusch, nur Vogelstimmen und reifengeräusche. In Kalbach halte ich an, versprochen. Muß ja, habe den track dort geteilt. Und nochmal geht’s hinauf, wo ist nur das kleinste Blatt? Jemand überholt – wieder der mit dem schnellen Tritt – er schwebt davon und ruft: „es ist noch lang!“. Hier ist das 30er Blättchen, gleich bist Du oben, noch an diesem Wald vorbei, der so eigenartig herb duftet. Wie Zitronen, die es hier gar nicht gibt. Hess. Rhön steht da auf einem Schild, Wanderer, ein Paar, Mann und Frau, sie hat etwas längeres Haar.

Ortsausgang Kalbach oder Heubach: endlich ißt Du etwas, zieh die dünnen Handschuhe aus, die brauchst Du jetzt nicht mehr-  knack die Pistazien, nimm soviel Du kannst, noch 30 Kilometer bis Burgsinn: ein Witz. Die Pistazien sind bitter, –  iß sie trotzdem. Trinken. Die Vitaminmischung wie Medizin, aber gut. In der anderen Flasche noch Reste vom Ingwer. Dann fällt der Riegel runter, der letzte mit der Birnen-Pflaumenmischung. Du mußt Dich schon bücken. Und mußt es jetzt endlich aufheben, sonst kannst Du es nicht essen! Ich hebe es auf, ich esse, ich fahre weiter, hinten ist der letze Hang vor dem langen Sinntal, die Sonne streichelt mich schon, es wird noch ein schöner Tag.

Km 260.

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In den tiefen Staat –  400 Kilometer Hessen

Ohne den Kredit eines Dreihunderters für die 400er Runde gemeldet. Ermutigung aus den Bergen , gewisse Formgewinne seit den Märzgewittern. Kleiner Unfall im Aprilregen, nur Kratzer, viel wichtiger dagegen die freien Bronchien. Minimalprogramm in der ersten Maiwoche. Die Route ist noch in Erinnerung, aber was digital vor 4 Jahren letztmalig gesichtet wurde, ist längst gelöscht, verloschen. Mühselige Puzzlearbeit mit Streckenbeschreibung, Dorf für Dorf wird die Linie auf den Bildschirm sichtbar. Auf dem Bildschirm habe ich den 400km Brevet rund um Gießen schon bewältigt.

Ah!, – die größte Änderung aber ist die Startzeit. 17 Uhr, dann werde ich vieles noch sehen, was mir die Dunkelheit die beiden letzten male verweigert hat. Jetzt noch die Wetterkarte beobachten.

a001Alles was Du zuhause lässt, muß nirgends mitgeschleppt werden. Kleine Lenkertasche immer, dann die Ersatzklamotten im Heck. Hier die schmale, lehmfarbene Evoc Tasche. Ist zur Not ein kleines Schutzblech, wackelt nicht, soll wasserdicht sein. Ab ans blaue Koga, das auch Eisvogel heißt. Über 4000 Höhenmeter auf 400 Kilometer, da lohnt das kleine Blatt.

a1Die Sonne scheint in Gießen, es ist geradezu schwül und Haufenwolken ballen sich mengenweis bis bedrohlich. Windstöße, Regenfahnen am Horizont. Das Rad ist bereit – bist Du es auch? DreiviertelHose (die vom Sturz), Wolltrikot mit Taschen vorn!, langes Unterhemd.

a01Der 400km Brevet von Gießen ist eine Fahrt durch den tiefen Staat. Östlich einer Linie Gießen Marburg geht es nach Norden. Wie in der Schule bei der Heimatkunde: Lahn, Ohm, Wohra, Efze, Fulda, grobe Richtung Hoher Meißner. Oben hinter Hessisch Lichtenau bei etwas mehr als 120km die erste Kontrolle. Dann dreht die Tour nach Süden Richtung Fulda (Stadt), wobei der Knüllwald überwunden wird. Anschließend immer Kap Süd in Sichtweite der ICE Linie Fulda-Nürnberg, immer weiter bis an die bayrische Staatsgrenze in Burgsinn. Macht schonmal 300 Kilometer. Dort könnte es schon länger wieder hell sein.

a02Sorgen jenseits von Futur 2. Ich habe keine Ahnung, ob ich der Strecke diesmal gewachsen bin, noch weniger, welche Rolle das Wetter spielen wird. Der Wind hat die Hauptrichtung Nordost, also Kombination von frische Luft und kühler Nacht – schwer abzusehen, was der Regen noch hinzugibt. Ein Rad ohne Schutzbleche dient zur Beschwörung des Wetterglücks. Ein Paar Wollsocken ist auch dabei. Bestimmt werde ich kein Regenbrevet fahren.

a2In einer Viertelstunde gilt es; der Vorplatz dieses mittleren Großbäckers ist gut besetzt, dort sitzen Radsportler vor ihrem letzten Kuchen, den uns Der Veranstalter spendiert. An einem Tische der gute alte Roy aus Köln.

a3Sein Traum: mit dem Meral diesen Brevet als Baustein für Paris-Brest-Paris bewältigen. Seine dritte oder vierte Teilnahme dort. Nicht wenige (die meisten?) dürften aus dem gleichen Grund hier sein. Ich verrate Roy bei einer Mohnschecke und einem Glas Tee, daß dieser wohl mein letzter 400er sein wird. Er staunt und versteht nicht. Ich weiß es nur, weil ich es spüre und auch keine Sehnsucht nach der Reise nach Brest habe. Das schöne und gute eine mal soll mir reichen: Risiken und Nebenwirkungen sind bekannt. Was sollte besser werden? Auch das wundert ihn, aber es steckt jeder in seinem Traum.

Heute soll es noch einmal gut werden, was bedeutet, mentale und körperliche Reserven abrufen. Kaum hat das Navigationsinstrument die Strecke aufgespielt, geht es auch schon los. Warm trocken, leichter Wind von vorn, darf so bleiben.

a5Die ersten Kilometer aus Gießen suche ich Anschluß: der Wind kommt von vorn, da ist es besser, eine Gruppe zu haben, die sich um Tempo bemüht. An einer Ampel gelingt die Gruppierung und sie bemühen sich, es wird  Einerreihe gefahren. 30 plus, keine Schnörkel.

a6Man staunt und sieht uns hinterher. Lollarer Hauptstraße, ein zwei Döner, Spielhallen, alte Tankstellen . Kurzeck lesen!

Gleich schon geht die Strecke unterhalb Staufenberg vorbei, direkt durch die Lahnweiden. ir bleibt keum Zeit, den Apparat aus der Tasche zu ziehen, es geht so gerade mit dem rechten Arm  – da sind sie schon fort.a8

Nun suche Dein eigenes Tempo durch die einsamen Rapsfelder. Bitte nicht glauben, daß Randonneure bummeln oder „keine Rennen fahren“. Radwege und andere schlenker sind nicht vorgesehen, der Blick bleibt auf der weißen Linie, die die Fahrbahn begrenzt. kilometer müsen gefressen werden.

a9Ganz schnell hat sich das Land geleert, es ist Samstagabend, Mittelhessen überläßt seine Hauptachsen den Radfahrern. Rechts und links liegen Höfe, weidet Vieh, blüht Raps. Ein idealer Vorabend. Mit rapsgelbem Rand, dessen wächserner Duft mich noch in der Nacht heimsuchen wird. – irgendwann ist man überempfindlich.

Auch ich halte mein Tempo, die Position auf dem Rad stimmt, die Übersetzung stimmt; so wie auf den ersten hundert Kilometern rollst Du nie wieder.

a11Der Bergkegel trägt das kleine Amöneburg auf seinen Schultern. Das Gebäude an seinem Rand sollte die Schule sein. Wie schön, von dort während des Unterrichts hinauszusehen. Es ist ein sanftes, großes Land,  in ganz langen Kurven zieht die Bundesstraße durch die Felder, hier eine Überführung, da eine elegante Kreuzung, mustergültige Abfahrten und Auffahrten aus erstklassigem Material. Dies ist nicht der kürzeste mögliche Weg,  aber der schnellste, weil er einen durchgängigen Rhythmus erlaubt. Weit und breit niemand in Sicht.

a12Schon vorüber: Kirchhain, weitere alte kleine Stadt mit großenmteils aufgelassenen Einkaufsstraßen. Hier hat jemand seiner Empörung grafisch gelungen Luft gemacht. Keine Läden mehr – habt ihr es nicht alle  gewollt? Gerade ist ein einzelner Fahrer grußlos mit hohem Pedaldruck an mir vorbeigezogen. Kurz-Kurz gewandet kleiner leuchtgelber Rucksack, mehr nicht. An der Ampel sieht er sich noch einmal kurz um, ob ich folge. Ich folge nicht.

a14Und dann geht es allmählich, in Wellen hinauf. Eine kleine, ganz liebliche Straße windet sich durch die Fluren und Waldstücke, macht einen haken hier, einen Haken da.

Der Fahrer mit dem kleinen gelben Rucksack sprintet hinauf. Eine Minute auf 2 Kilometer, sagt mir die Uhr am Handgelenk, deren Leuchtziffern mich auch durch die Nacht führen können. Links und rechts sehe ich hinunter auf frisch gemähte Weiden, das Heu liegt schon in Reihe zum trocknen. Pferde weiter hinten, ein Traktor dreht sich. Ruhige Dörfer, ein Mädchen führt zwei Pferde, der Hund läuft nebenher. Wenige Menschen. Ich gleite, es ist einer dieser Momente auf dem Rad, wo wir schweben. Sie dauern nie lang.

Bald dann der nächste Mitfahrer. Auch er kurze Hose, kurzes Shirt, kleine Tasche am Lenker, sonst nichts. Auch er schnell – hier einmal am Hinterrad bleiben. Das gefällt ihm nicht, er weicht aus und lässt sich zurückfallen.

a13Ich lasse rollen, er überholt wieder und ich frage, ob es ihn wirklich so stört, wenn ich kurz einmal sein Hinterrad nutze. Es stört ihn dann doch nicht, nachdem ich bemerkte, vor kaum 5 Minuten habe mich ein recht flotter Fahrer wortlos überholt – „mit gelbem Rucksack?“ – „ja!“ – „ .  . mein Arbeitskollege, er wird später langsamer werden…“.

b1Direkt vor dem Neubau der A49 Brücke über die Wohra kommen wir an einer Quelle im Abendlicht vorüber. Menschen stehen an ihr und füllen Kanister. Die umstrittene Autobahn kennt der schnelle Mann  spricht von endlosen Lasterkolonnen durch Stadtallendorf nachts aber auch ab morgens um 4. Man könne im Sommer kein Fenster öffnen – es liegt ganz in der Nähe. Die Nutella Fabrik diktiert ihre Bedingungen – und die Pendler, meint er noch. Erleben wir nicht, wie die autobahnbasierte Form des Arbeitens gerade an einen Endpunkt gelangt? Wir wissen es beide nicht. Im nächsten Ort, Treysa, bewirbt der Bürgermeisterkandidat sich auf Plakaten mit dem Erhalt des Bahnhofs.

Dann trennen sich unsere Wege und ich habe die Felder und die langsam untergehende Sonne wieder für mich allein. Einmal sehe ich ihn noch auf die große Bundesstraße biegen, die nach Homberg führt.

b2Hier sind wir schon. Zwei auffällig ähnlich ausgerüstete Fahrer haben mich eingeholt. Sind aber nicht Vater und Sohn. Der jüngerer lacht. Kurz gebe ich Windschatten, wir lösen uns in hohem Tempo ab, bis eine Baustelle naht:

b3Die Bundesstraße wird auf meiner Seite renoviert. Fahre ich eben durch die Baustelle, so schlimm wird’s nicht werden. Die beiden anderen – es sind nicht Vater und Sohn –  schwirren auf eine Seitenstraße ab. Die Baustelle wird tatsächlich mein Refugium, bis auf 2 oder drei geschotterte Querfugen alles wie gehabt, in langen Schwüngen geht’s voran, aber ich mache vorsichtig – sonst gehen mir bald die Lichter aus. Vorsicht jetzt, weiter –  ma non troppo .  Riegel aus der Brusttasche ziehen, atmen. Wie sinnvoll diese Brusttaschen sind.

b4Und es war gut. Kurz vor Homberg (Efze), der Stadt auf dem Berg,  kommt der Mann mit dem kleinen gelben Rucksack wieder und stampft an 2 weiteren Mitfahrern vorbei die Altstadt hinauf.

b5Am  Marktplatz unter dem Kirchturm liegt alles in mildem Licht, die Stühle sind aufgestellt. Auf Homberg folgt ein kräftiger Anstieg, der ein breites Panorama nach Norden öffnet

b6Die riesige Albendwolke über Fritzlar – vorletzte Höhenmeter über dem Fuldatal. Vorbei am nächsten Steinbruch und seinem Trafohaus.

Und dann zieht auch schon Arbeitskollege vorüber, jetzt bereits mit Neonweste. Von oben sehe ich, wie er mit maximaler Geschwindigkeit zwei weiteren, neonfarbenen Punkten nachsetzt, die sich flatternd dem großen Autohof über der A7nähern.

b8Oben war das Märchen, das hier ist die Wirklichkeit. Ich versuche, die besondere Schönheit der geometrischen Arrangements von Lastwagen und Lagerhallen einzufangen, vor dem Hintergrundgeräusch der A7. Noch bin ich mitten in der Zivilisation, gleich nach dem Fuldatal noch Melsungen und dann in den Wald, in ein grünes, tiefes Land

b9Viel verpasst habe ich nicht, die Carl Braun Werke, die eine Millarde Gewerbesteuer einbringen werden, sind bei Nacht eindrucksvoller.Wild und schön der folgende, lange Anstieg nach Hessisch Lichtenau durch ein frischgrünes Tal,in dem ich, immer eine Minute vor mir, wieder zwei Neonwesten ausmache. Wie riesenhafte Blüten. Der Anstieg erst sanft und harmonisch, nur eine eindeutige Wolke verheißt dem Ende dieser Partie unangenehmes. Melsungen –  Tor zum Dschungel.

Drei Minuten später  ziehe die Regenjacke heraus, während  (nicht) Vater und Sohn grüßend passieren. Noch 6 km bis Lichtenau. Und diese 6km sind nicht nur feucht, sondern an einer oder zwei Stellen auch kernig steil. Vor mir hüpfen winzige Frösche über den blanken, nassen Asphalt, unter den Reifen knistern die Ahornsamen, die der Regen von den Bäumen geschüttelt hat. Als ich oben bin, ist es endgültig Nacht und der Regen nimmt ab und dann leider wieder zu. Alles ist plötzlich schwarz, bis auf den kleinen Lichtkegel der auf das Schild zeigt : 11% Gefälle.

Nur wenige Minuten später es ist noch nicht einmal Zehn,erreiche ich den Autohof: ich kann also noch eintreten Wasserkaufen und stempeln lassen. Aral, ich bin bereit für die erste Kontrolle.

c1Im bunten Verkaufsraum herrscht  Füssescharren: Männer ziehen sich für Nacht und Kälte warme Sachen über. Gleich wird die Tankstelle geschlossen. Ungewohnte Hektik für diesen Teil Hessens. Rasch, die Tankstelle schließt gleich.  – 22h.

c2Ich wechsle draußen die nassen Socken: Wolle wärmt immer, mehr braucht es nicht. Mit den anderen vor 5 Stunden gestartet dann hier weider zusammengefunden, jetzt geht es verstreut in die Nacht. Es regnet nicht mehr. Ein Schild sagt Kassel 25 km: eine Stunde, und ich könnte nach einem warmen Bett suchen. Aber die Schauer ziehen von West nach Ost, haben sich abgeregnet (hoffentlich).  Ein anderes Schild zeigt nach Süden; also beginne ich das Abenteuer der Nacht – der Brevet führt hinunter ins Tal

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Zwischen Platanen ein neues Radar – April 22

ab2Es war im Februar, gar nicht lange nach der Booster Impfung. Die Grundschulen meldeten jede Woche weitere kranke Kinder, manche mit positivem Covidtest, manche ohne. Maskenpflicht im Unterricht, weitere Tests, es half nichts. Die Mutanten setzen sich durch, der Unterricht ging weiter, der Virenexport auch, reihum wird die Familie krank.

Der Frühling lässt auf sich warten.

a8Zwei Monate später sind diese zwei Wochen im Februar schon Vergangenheit, aber Erkältungssymptome, Kopfschmerzen und manchmal Schwindelgefühle bleiben als flüchtige Gäste im Haus. Irgendetwas, ein Rest, ein schlummerndes Tier war geblieben: deutlich zu sprüen, wenn ich mich auf den ersten Kilometern meiner Runden immer wieder freihuste.

So also bis in den April. Irgendwie infiziert, aber nicht krank. Keine Statisitik dazu, kein Name dafür, nur ein ärgerlicher Zustand, der doch irgendwann einmal aufhören muß.Sonne und frische Luft könnten helfen. Blüten können helfen. Luftveränderung hilft. Kräutertee sowieso. Im Frühling aufs Rad.

a4Der Frühling ist eine große Woge, sie treibt mich über die alten Hügel. Das Erste: wieder zu lernen, wie man mit dem Rad eine echte, französische Landstraße schaltet. Der Umwerfer wird zur wichtigsten Waffe, großes Blatt, steil hinunter, 13 Zähne, mit Schwung die ersten hundert Meter hinauf, dann hoch auf 18, 20 Zähne und dann am Ende den Umwerfer aufs Kleine schnappen lassen.

a01Oben ankommen, Glyzinie und Hausbesitzer grüßen und dann wieder hinunter.

a3Das Spiel ist alt, die Straße ist alt. Sie verbindet die Hafenstadt Bayonne in möglichst gerader Linie mit der Residenzstadt Pau. Vor Jahren wurde sie, wie viele andere, von der roten Nationalstraße  zur gelben Provinzstraße degradiert. Der Autobahn gehört seit einem Vierteljahrhundert die neue Zeit. Die Platanenreihen bleiben, der Asphalt wird allmählich rauh, in den letzten Jahren war es ein ruhiger, einsamer Pfad, den nur Anwohner benutzten.In den Hintergärten finden sich Autowracks – Ersatzteile.

a6

Heute aber herrscht  Andrang auf der napoleonischen Landstraße. Einst  grüßte ich hie und da ein verfallendes Haus, dessen aufgemalte  Werbung nicht mehr zu entziffern war. Blasses blau, Reste von Gelb, Produkte, die keiner mehr kennt. Gewesen. Jetzt hat das Haus eine neue Mauer, ist ein halber Rohbau, die Wäscheleine wird am Strommasten festgemacht. Das von den Gelbwesten zerstörte Radar ist durch ein neues Modell an gleicher Stelle ersetzt worden, der weiße Zyklop überblickt von unerreichbarer Höhe die Straße. Und der Verkehr hat sich verdoppelt.

a1Die neue Zeitrechnung: Wer hier  mit 80 rollt statt 120 auf der Autobahn hat nicht nur Maut gespart, sondern gleich auch drei oder vier Euro Sprit. Schnelle Lernkurve. Die Croissants haben ihren Preis, gegessen wird immer, Tankstellen schließen, Bäcker bleiben.

a7Geruch von Sonnencreme und rinnender Schweiß – Frühling auf dem Rad . Die Hügel des Baskenlandes zeichnen sich allmählich ab, gleich geht es hinauf und hindurch.

ab1Unter einem rauschenden  kleinen Meer von Glyzinien stelle ich kurz das gute alte Roß ab. Covid ist nur noch ein Schatten.Wir werden bis zum Ozean kommen und Eis essen. Versprochen.

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Die Zwischenprüfung am Soulor

aa4Es gibt Dinge, die man nicht simulieren kann. Ein Pass über 10 Kilometer, das sind 10 Kilometer ununterbrochene Anstrengung ohne Erholung. Man kann (vielleicht) noch einen Zahn leichter schalten, das ist dann aber auch alles; außer abzusteigen, bleibt keine Möglichkeit, den Körper zu entlasten – die Wahrheit über unsere Kletterform offenbart der Berg.

Der Soulor ist eine Zwischenmahlzeit in der großen Rundfahrt – entweder ein Vorspeise zum Aubisque oder eben als Dessert, wenn es in die Gegenrichtung geht.

aa1Es gibt noch eine dritte Auffahrt von Norden. Sie ist  die Älteste, kommt aber nur selten ins Programm. Mit 13 Kilometern Anstieg ist sie nicht nur die schwierigste, sondern auch die schönste Möglichkeit auf den Pass zu kommen, der mit etwas über1400 Meter Höhe nicht zu den Titanen zählt. Für mich ist sie ein guter Bekannter geworden, den ich regelmäßig besuche. Man ist gern unter sich.

Zunächst läuft es lange durch ein grünes Tal, die Vallée d’Assons, ganz unmerklich geht es aufwärts, immer weiter auf eine grüne Wand zu, während Höfe und Vorgebirge links und rechts vorbeiziehen.

aa3In Ferrières, ganz am Ende des Tals gibt es kein Ausweichen mehr, das Tal endet mit dem Dorf, das sich hier verborgen wie eine Mönchsklause eingenistet hat.Mit einem scharfen Haken von 11% geht es in den Hang. Dieser erste Kilometer wird zum wichtigsten, weil hier der Takt für die 12 folgenden gefunden werden muss. Die Prüfung beginnt.

ab1Es ist das Ende einer (sehr) verregneten Woche. Mit wenig Hoffnung startet man Richtung Berg, wenn Dauerregen und 10 Grad auf der Wetterseite stehen. Aber nach der  nassen Durchfahrt von Pau mehren sich helle Zeichen am Himmel, der kleine Scheibenwischer kann hinter Nay abgeschaltet bleiben.

a3Mein Parkplatz liegt wie reserviert. Ich bleibe der einzige Besucher des seit Jahren geschlossenen Restaurants. Ein Postauto kommt den Hang herab und biegt Richtung Pau. Der Fremdenverkehr wird sich auf mich beschränken und beginnt jetzt.

Vielen, die den Systemwechsel auf die Scheibenbremse vollziehen, werden eine Fahrt auf dem rostgesprenkelten Snel, vermutlich als lebensgefährlich finden, ein Kamikazerad aus finsterer Vorzeit. Dabei ist seine Shimano 600, die um 1982 als New 600EX vorgestellt wurde, Höhepunkt einer langen Tradition. Friktionsschaltungen, Eingelenkerbremsen, 130er Lochkreis – das wurde über 80 Jahre entwickelt und wird wenige Jahre später nicht mehr üblich sein. Hier findet sich ein vollendetes Produkt, wenn es gut eingestellt wird. Ausgereift, leicht, preiswert und unzerstörbar.

a1Schalten braucht man am Berg nur wenig, Hauptsache, das größte Ritzel geht geschmeidig drauf. Die 600 könnte bis 32 Zähne packen – muß sie aber bei mir nicht. Nach dem ersten Kilometer hole ich noch einmal tief Luft und huste aus was geht. Der Brustkasten ist plötzlich nicht mehr eingeschnürt, tief und frei geht der Atem durch die zartgrünen Blätter. Endlich.

aa2Das Wetter bleibt stabil, ich meine sogar, einen Sonnenstrahl auszumachen. Hauptsache es ist mir oben gnädig, gleich werde ich die Wolkendecke abschätzen können.  An der nächsten Ecke kommt das kleine Dorf Arbeost in Sicht.

a4Von hier kann man sonst die Bergkette sehen und auch das einsam Hotel am Aubisque rechterhand. Heut nicht. Auf 1500 m sind also permanent schon Wolken, aber ich meine, den berühmten Tunnel gegenüber in der Bergwand zu erkennen. Halbe Miete.

aa6Jetzt lasse ich schon Arbeost und seine kleine Rampe am Ortsausgang hinter mir, danach kommt der Hof, dessen Eigentümer auch das Passcafé pachten und dort ihren Käse anbieten.

Für einen verlorenen, einzigen Tagesgast werden sie kaum öffnen. Die nächsten grünen Serpentinen laufen durch ein Waldstück, dem letzten auf dem Weg zum Paß. Schon fast Halbzeit, ich rede mir zu und bleibe vorsichtig. Schlimm wird es an der 5 Kilometer Kante, wenn die allletzten Hütten hinter mir liegen.

a2Aber erst noch der Blick über das Idyll, das ich noch nie so grün und frühlingssatt erlebt habe. Pferde, blühende Kirschen, Autowracks als Hühnerhäuser und Traktoren. Alles in vollkommener Stille, außer dem Postauto wird niemand mehr vorbeikommen. Keine Abgase, keine stechenden Insekten, weder Schwüle noch erbarmungslose Sonne, große Stille. Ein Gleichgewicht.

aa7Dann die Felsen und die Nebelbänke, dahinter kann das Grauen warten, wenn der Wind vom Pass herunter fegt und dich in den Stillstand drückt oder die Sonne unbarmherzig auf den Hang schlägt.

Heute bleibt es ruhig: weder Sonne noch Wind und nur noch 4 Kilometer. Unter dem helm kann ich meinen Puls spüren, mit dem Sekundenzeiger am Handgelenk zähle ich mit . Etwas über 140, stabil.

aa8Übermütig gehe ich in den Wiegetritt und auf 24 Zähne – das lasse ich aber schnell wieder bleiben. Genieße die Luft, die Du noch hast. Die Wolken haben sich verzogen, Schneerest hier und da, bis zum Paß wird sich nichts ändern. Es ist besser als in der Sonne, beinahe besser als die anderen male gelaufen.

aa9Da steht die Maschine und wie gut, hier oben ein zweites Restaurant zu haben. Heißer Kakao, Postkarte und ein paar nette Worte mit dem Wirt.  Windjacke und die Handschuhe zur Abfahrt. Eine gute Überraschung ist der Soulor diesmal gewesen, das Jahr auf dem Rad kann eine gute Runde weiter gehen. Die Bremsen haben gehalten – wie immer.

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Kurzer Exkurs in die Bräuche und Sitten des Westerwalds

ao12Der erste Mai ist ein Feiertag. In manchen Städten klirren die Fensterscheiben oder werden Brandsätze gezündet.  Festreden zum Tag der Arbeit werden gehalten, hie und da gibt es Kundgebungen im Namen einer flüchtigen Klasse, deren Konturen längst verschwommen sind: die neuen Sklavenstände werden geflissentlich übersehen. Aber das ist eine andere Geschichte – der Mai auf dem Lande hat mit ihr wenig zu schaffen.

ao1Nach dem Sturz gestern in einem regennassen Kreisverkehr wieder aufs (intakte) Rad. Auf der frisch präparierten Landstraße bin ich garantiert allein unterwegs. Die Beine müssen sanft bewegt werden und tatsächlich geht es mit jedem Kilometerchen auf dem kleinsten Blatt leichter. Treppensteigen ist dagegen schwieriger.

ao8Hinauf auf die Westerwaldbahn, den 11km Radweg nach Westerburg über die alte Bahnstrecke. Die Strecke für die hohen Frequenzen und Entspannungskilometer, an Feiertagen eine Wanderbahn mit kleinen Unterständen .

Schon bald sehe ich die ersten Gruppen, die sich an den Unterständen versammeln.

ao3Jeder Ort, der früher seinen kleinen Anschluß hatte, feiert heute den ersten Mai. Es sind Imbißwagen aufgestellt und Jugendliche ziehen über die bahnstrekce von Dorf zu Dorf, von Stand zu Stand.

Meine Rennglocke hat  zu tun  – lachend macht man mir Platz. Am Kopf des Teams versucht jemand, auf dem Rand des Asphalts eine gerade Linie zu laufen. Covid ist vorüber.

ao5Von einem Einachser gezogen bewegt sich ein vollbesetzter Anhänger von Kaden auf Härtlingen zu. Es wird gescherzt, nicht gegröhlt. Familien sind unterwegs, das EBike hat die Wahlen gewonnen. Mit lockerem Tritt freue ich mich, daß die geprellten Gelenke ohne Beschwerden arbeiten.

ao9In Sainscheid belohne ich mich für mein Sturzpech mit einem Westerwaldbräu aus Hachenburg. Es ist eine der zwei Biersorten aus der lokalen, konzernfreien Brauerei. Ein gutes Pils.

ao11Die Apfelbäume blühen, das Holz ist gestapelt, ich habe nur zufriedene Menschen gesehen.

1 Mai 2022

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