BiTitanio – Colnago on ice

Der Wuppertaler Winterbrevet fand bei klarer, kalter Trockenheit statt, deren Kern irgendwo über Norwegen lag. Es war immer noch genug.

Kann man dann ein Rad fahren, das üblicherweise die Zitronen blühen sieht? Die Gelegenheit muß genutzt werden und dank Roy kam es zur  Colnago on ice-experience. Eine Brevet Testfahrt mit unbekanntem Rad. Wie würde sich das handverlesene, perlmuttweiße Exemplar unter den verschärften Bedingungen eines Winterbrevets schlagen? Wie würde die Record titanium dem aus Norwegen verschickten Eiswind begegnen?

b05Colnago hat ja in den Ohren deutscher Rennrad-freunde einen recht guten Ruf. Den Ruf, teuer, edel und extravagant zu sein. Das ist nicht unbegründet. Colnagos beste Jahre fielen in die Zeit des Rennrad“booms“, der auch Deutschland Mitte der 70er erfaßte. Ernesto Colnago hatte sich da bereits einen guten Namen gemacht, da er in der professionellen Szene so einige erfolgreiche Fahrer und Teams belieferte und das sehr geschickt.

bit01Eddy Merckx war sicher einer der premium- Kunden und beide haben dieses Verhältnis weidlich genutzt, auch wenn Eddy vor seinem ersten Colnago einige Erfahrung mit Lizenzrädern und italienischen Rahmenbauern hatte: schon 1966 kamen seine Räder von Faliero Masi, einem Mailänder Meister.

Aber einige der orangenen Räder des Belgischen Kaisers waren halt von Colnago,  und das ließ man die Welt wissen. Der Radsportversender Nummer 1, Brügelmann, wurde dann ein sehr wichtigen Multiplikator für Deutschland und so gedieh der Mythos. Man muß wissen: damals fuhrendie Gründer von Canyon Bikes  noch mit dem eigenen Kombi nach Italien, um Komponenten für den heimischen Markt einzukaufen.  –

Colnago war nicht nur ein guter Löter und kluger Geschäftsmann, er war auch am Fortschritt im Rennradbau nicht unbeteiligt. Rahmenformen und – geometrien wurden weiterentwickelt, ovale und multishape Rohre eingesetzt. Vor dem Übergang zum definitiven Material des modernen Rennrads – Carbon – gab es Versuche in Titan. Wie diesen hier.

bit2Einen der extravagantesten Lösungen, das Bititanio, habe ich nun über 10 Stunden bewegt – bergauf, bergab und auf langen Flachstücken. Es erhielt seinen Namen aufgrund des Versuchs, die Steifigkeit im Unterrohr über zwei parallele Streben statt eines Oversizerohrs zu erreichen .

Vielleicht war es ein optischer Grund, vielleicht ein technischer. Ein Marketing-trick war es kaum. Denn wie sagte Tom Ritchey:“ it is one of the dirty little secrets in the bike industry, that an oversize downtube gives you a billboard  – so everyone immediately knows the name of your bike. And they won’t give that away . .. . .“

bit1Obs der Grund für die Seltenheit des Bititanio ist, einem weißen Wal unter den Rennrädern? Schon möglich, sicher ist aber auch, daß die Homologierung der Bauform von der UCI verweigert wurde, nicht zu reden vom baulichen Aufwand oder den schön verschliffenen Nähten. Whatever: entscheidend is aufm Platz!

bit3Und da hatte ich mit conti Classic 25mm nicht  zu klagen. Trotz optisch massiver Sitzstreben ist der Komfort am Hinterrad  sehr, sehr gut. Auf 6 bar lief es einfach geschmeidig. Vorne aber verhielt es sich ein wenig anders. Die stiletto gabel dämpft einfach weniger schön als der klassische Typ, und in den schnellen Abfahrtskurven fühlte ich mich nicht so risikofreudig wie gewohnt.

ac6Und bei einem meiner klassischen Tests fiel das Rad eigentlich durch: freihändig fahren . möglich wars schon, aber nur bei recht hoher Geschwindigkeit, also deutlich über 20kmh. Wer sich in der Abfahrt nochmal die SponsorenKappe richten will, oder ein schönes Croissant aus der Tasche ziehen, muß  aufpassen: das Ding schaukelt sich über 40 sehr schnell auf.

ad3ad3Zum Genuß wurde es dann auf den dem schönen Weg durchs Münsterland, auch weil das häufige Schalten entfiel. Denn, wie es scheint, mögen Record Carbon Schaltbremshebel Dauerfrost überhaupt nicht. Oft gelang es nur mit Tricks (oder nach Tankstellenpausen) , den Umwerfer zu bewegen, und das lag nicht an der fein eingestellten Schaltung, denn wenns lief, dann wie Vanillesahne durch den Bratapfel.

b21Nur, bittesehr, wer fährt schon Colnago im Winter?

Die Frage die sich aber am Ende eines langen, kalten Tages aufbaut, lautet: brauchen wir jetzt ein Colnago? Ich kann jeden beruhigen, der sich auf die Suche nach einem bititanio macht: häufig ist es nicht. Vielleicht auch eher ein showpiece, so wie es gewisse Kleinserien bekannter Sportwagenhersteller gibt . Wertlos wird es nie .

Aber rein vom Fahrerlebnis ist die Antwort : nicht, wenn man schon ein zwei andere gute Rennräder besitzt. Wieviel vom Mythos bleibt? Das Bititanio ist ein gutes, kein sehr gutes Rennrad, dafür ist es einfach nicht steif etc. etc. genug. Die 90er bieten genug interessante Alternativen, die in der einen oder anderen Richtung besser sind.

Ließe man mir an diesem Abend die Wahl, würde ich immer das unscheinbare Peugeot nehmen.

 

 

 

 

 

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2001 war gestern

an4Alles hat seine Zeit und mit ein wenig Nostalgie drehe ich am Radio. Während draußen Märzwetter tost – Graupel, Böen, schwankende zarte Sträucher-  hören wir jetzt Kulturmeldungen. Ein feature über 2001 (auch schon hier zu lesen: Ansichten des 2001-Ladens Berlin, Leibnizstraße) im klassischen Hörfunk.

b2001

Die Geschichte von 2001, das ist auch die Geschichte der Generation Brokdorf. Die Kinder der 68er sind 10 Jahre alt, die Bundesrepublik wächst heran, hat den Aufstrand gegen die Väter bewältigt, gegen die Patriarchen, Mitläufer und die vielen anderen.  Zu den mediokren will man nicht gehören – dafür gilt es, eigene Positionen zu festigen.

Material dazu liefert Versendhändler/Verleger 2001 – frei benannt nach gleichnamigem Film.  2001 – wächst und gedeiht, im ganzen Land wird das kleine Heft mit den interessanten („nur bei uns“) Angeboten herumgereicht. Ein Bild dazu: die WG- Küche, der Ikea Tisch oder einer von der Großmutter, darauf das kleine Merkheft mit den Bestellnummern. Debattenkultur. Eine critical mass entsteht.

b5

Dieses Merkheft. Eigentlich ein Poesiealbum für sich. Eigentlich pop, denn es unterläuft auch die leicht geschlossene Buchhandlungsatmosphäre, die dem Bildungsbürgertum weiterhin Kulturhoheit verspricht .

2001 versprach dagegen: Aufregung, Linksrebellion, Sex und Umweltideologie.

Ich lernte es, das Merkheft, erst durch die Läden kennen vor denen es auslag. Lieber als stundenlang im Laden unter Studniks & Friends abzuhängen, sah ich mir aber das Angebot dann zuhause an. Bei einer Tasse Tee mit einem 0,5stabilo fineliner, auch was Neues (damals).

Meine Musiksammelei begann damals und dort: Köln, Ehrenstraße. Die ersten Jazz CDs unter 10 Euro, Klassik ab 5 Euro. Das war schon schon post-ideologisch, die Sozialisierung durch den club of rome report und robert crumb comics in der WG war an mir vorbeigegangen.

b9Auch pilgerte ich nicht nach Brokdorf; Gestehe, ich gehörte eher zu denen, die an die Wirkung der flexible response glaubten. Die Klassenfahrt nach Berlin (incl. Ost) hatte mir die Aussicht auf ein mögliches „lieber rot“ sehr verdorben und die Kirschen der Freiheit noch mehr lieben gelehrt; es gab einfach nix gescheites zu essen, zu trinken, zu . . . und das Gespräch mit dem Jungen in meinem Alter (15+) auf dem großen Fernsehturm machte mich vorsichtig. Wenn ich dem jetzt ehrlich antworte, daß er natürlich recht hat, wenn er sein Land ziemlich beschissen findet und völlig hinterher, dann bring ich den womöglich um sein Abitur oder so – wer weiß, wer hier alles mithört?

Bloß wieder raus aus dem Kuriosum und das Geld für 1 Amiga und den Abschiedstrunk rausgeworfen. Ein Mädchen brachte die absolut schlechteste Kohla meines Lebens (nur an-genippt)  auf die Terasse und wirkte, als würde sie uns Importdeutsche und linksrheinische Welschländer, dekadent, verwöhnt, ahnungslos, alle alle hassen.

So eine beknackte Schürze, dachte ich noch.

DSCF9437

Ganz meiner Meinung war auch dies Geigerin, die dem Sowjet-Imperium entfloh, das sie vorzüglich ausgebildet hatte. Um diese Zeit hatte 2001 begonnen mir den Grundstock meiner kleinen Sammlung zu liefern, und eine Grundausbildung von Hörerfahrungen.  Für wenig Geld Kultur in die entfernten Provinzen tragen. Das Fall-out des Direktversands war erfolgreich.

DSCF9439

Nur konnte mit diesem Geschäftsmodell nicht gelingen, was die Pandora internet schuf: Transparenz. Keine geheimen Sonderposten, verschollene Restbestände, sensationelle Grauimporte. Alles sichtbar, alles vergleichbar, alles zum gleichen Preis lieferbar. Analog zur Verbreitung der Galsfaser sinkt der Umsatz.  2001 kann die Pforten schließen, das kleine Monopol ist futsch, die critical mass ist weitergewandert und sitzt im Trockenen.

Warum jetzt dieses Bartók Violinkonzert? Als Herausforderung, Neuland, weil etwas gefallen hatte, andererseits immer noch ein Schlüssel fehlte. Über Ravel nicht hinausgekommen, das 20Jahdt war eigentlich Jazz und Pop. Nicht Klassik.

b6Und der Rundfunk (immer noch das schnellste Medium!) meldet: unser Hausdirigent Michael Gielen starb gestern, 91 jährig. Man flicht sonst Kränze, streut Blumen oder läßt Nachrufe verlesen, die einen schon Vergessenen preisen. Nicht hier : da machen sie einen ganzen Tag Sendung über den ehemaligen Orchsterchef des SWR. Ich höre seine Stimme und – –

DSCF2511das erinnert mich an ein sehr langes Interview, so 2017 gehört in einer heißen Badewanne nach 100 kalten Kilometern. Ein geschliffenes Deutsch mit Vorkriegsakzent, leicht nasal, leicht burgtheaterlich – ein Mann, der weiß, wovon er spricht, weiß was er will in einer an Eitelkeiten nicht armen Dirigentenszene. Und ein Mann, der im Kreis der neuen Wiener Musik des letzten Jahrhunderts aufwuchs, ein Schwamm, der die Moderne  aufsaugt.

Wie ich mich in meine Bartok Violin-Einspielungen einhöre, immer wieder die Spur  von Motiv und Variation in diesem Konzert verfolge, die Eingangsmelodie , diesen flüchtigen kleinen Schmetterling, fühlte ich mich ein wenig wie der Schüler, der kyrillische Schriftzeichen lernt . Alles sieht ähnlich aus, die Bedeutung ist manchmal eine andere.

DSCF2612Zu Hilfe kamen mir da gestern die Orchestermitglieder bei ihrer Rückschau auf den alten Chef („Herr Gielen“ sagten sie immer). Orchestermusiker die bejahten, richtig,  es habe wohl eine Fraktion gegeben im Orchester, die wollte mit Werken jenseits von Mahler nichts zu tun haben ; möglicherweise nicht einmal mit dem. Gielen wußte das natürlich auch und wußte, damit umzugehen.

„Sehen Sie, ich hatte das Glück durch mein Elternhaus zunächst mit neuer Musik konfrontiert zu werden. Ich bin den Weg aus der Gegenwart gleichsam zurückgegangen . Aber auch als ich Schönbergs drittes Streichquartett zum ersten mal hörte, war ich völlig perplex. Ich konnte nichts damit anfangen. Wie mußte es da den Hörern gehen, die über Beethovens mittlere Quartette hinaus nie etwas Neueres gehört hatten ?  Genauso war es mit der Musik, mit der viele meiner Orchestermusiker aufgewachsen sind…“

(Ich zitiere sinngemäß, so, wie es mir aus meiner Fahrt gestern, während der Sturm ums Auto tobte und immer neue Gischt gegen das schöne große Fenster schlug, in Erinnerung ist) .

„Sie müssen die Syntax erklären, die Harmonik, sie brauchen einen Schlüssel.“

b8Damit hatte er es getroffen. Wer einen modernen Klassiker hören lernen will , kann das wohl ebensowenig aus dem Stand, wie das Publikum einst Brahms erste Symphonie aus dem Stand „konnte“ oder Strawinsky’s Sacre annahm. Für unsere 400 Jahre Harmonielehre  sind tritonfolgen eigentlich eben keine vollwertigen melodien. Le mystére des voix Bulgares hieß ein 2001 -Seller, in dem es um Achteltonschritte ging…

Wahrscheinlich ging es 1987 Orchstermitgliedern noch ganz ähnlich, als sie begannen ein neues Programm mit dem neuen Dirigenten einzustudieren.  Oder mir, als ich vor ein paar Wochen mir das große 2te Violinkonzert begann einzuverleiben.

b72001 war eine Etappe auf der Reise in die kulturelle Zukunft. 2001 schuf nebenher eine Plattform für ideologische Setzungen einer Generation. Diese generation ist digital migriert mit dem Sprung zur nächsten Plattform, dem Netz. Es ist schön sich an seine alten Utopien zu erinnern, vielleicht auch gut, die Meilensteine zu bestaunen- auf dem Weg in die Zukunft. Auch das Netz wurde zur Utopiemaschine erklärt und hat viele neue Versprechungen erfüllt. Unter anderem die  einer weltweiten, offenen und schnelleren Kommunikation. Auch wenn es vielleicht an einem Wendepunkt steht, tut es das immer noch

Jede Utopie hat ihre Zeit – der Winter ist bald vorüber.

 

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2001 war gestern

an4Alles hat seine Zeit und mit ein wenig Nostalgie drehe ich am Radio. Während draußen Märzwetter tost – Graupel, Böen, schwankende zarte Sträucher-  hören wir jetzt Kulturmeldungen. Ein feature über 2001 (auch schon hier zu lesen: die letzten Monate des 2001-Ladens Berlin, Leibnizstraße).

b2001

Die Geschichte von 2001, das ist auch die Geschichte der Generation Brokdorf. Die Kinder der 68er sind 10 Jahre alt, die Bundesrepublik wächst heran, hat den Aufstrand gegen die Väter bewältigt, gegen die Patriarchen, Mitläufer und die vielen anderen.  Nun gilt es, eigene Positionen zu festigen.

Material dazu liefert Versendhändler und verleger 2001 – auch benannt nach einem gleichnamigen Film von 2001 – wächst und gedeiht, im ganzen Land wird das kleine Heft mit den interessanten („nur bei uns“) Angeboten herumgereicht. Ein Bild dazu: die WG- Küche, der Ikea Tisch oder einer von der Großmutter, darauf das kleine Merkheft mit den Bestellnummern. Debattenkultur. Eine critical mass entsteht.

b5

Dieses Merkheft. Eigentlich ein Poesiealbum für sich.

Ich lernte es, das Merkheft, erst durch die Läden kennen vor denen es auslag. Lieber als stundenlang im Laden unter Studniks & Friends abzuhängen, sah ich mir das Angebot dann zuhause an. Bei einer Tasse Tee mit einem 0,5stabilo fineliner, auch was Neues (damals).

Meine Musiksammelei begann damals und dort: Köln, Ehrenstraße. Die ersten Jazz CDs unter 10 Euro, Klassik ab 5 Euro. Das war schon schon post-ideologisch, die Sozialisierung durch den club of rome report und robert crumb comics in der WG war an mir vorbeigegangen.

b9Auch pilgerte ich nicht nach Brokdorf; Gestehe, ich gehörte eher zu denen, die an die Wirkung der flexible response glaubten. Die Klassenfahrt nach Berlin (incl. Ost) hatte mir die Aussicht auf ein mögliches „lieber rot“ sehr verdorben und die Kirschen der Freiheit noch mehr lieben gelehrt; es gab einfach nix gescheites zu essen, zu trinken, zu . . . und das Gespräch mit dem Jungen in meinem Alter (15+) auf dem großen Fernsehturm machte mich vorsichtig. Wenn ich dem jetzt ehrlich antworte, daß er natürlich recht hat, wenn er sein Land ziemlich beschissen findet und völlig hinterher, dann bring ich den womöglich um sein Abitur oder so – wer weiß, wer hier alles mithört?

Bloß wieder raus aus dem Kuriosum und das Geld für 1 Amiga und den Abschiedstrunk rausgeworfen. Ein Mädchen brachte die absolut schlechteste Kohla meines Lebens (nur an-genippt)  auf die Terasse und wirkte, als würde sie uns Importdeutsche und linksrheinische Welschländer, dekadent, verwöhnt, ahnungslos, alle alle hassen.

So eine beknackte Schürze, dachte ich noch.

DSCF9437

Ganz meiner Meinung war auch dies Geigerin, die dem Sowjet-Imperium entfloh, das sie vorzüglich ausgebildet hatte. Um diese Zeit hatte 2001 begonnen mir den Grundstock meiner kleinen Sammlung zu liefern, und eine Grundausbildung von Hörerfahrungen.  Für wenig Geld Kultur in die entfernten Provinzen tragen. Das Fall-out des Direktversands war erfolgreich.

DSCF9439

Nur konnte mit diesem Geschäftsmodell nicht gelingen, was die Pandora internet schuf: Transparenz. Keine geheimen Sonderposten, verschollene Restbestände, sensationelle Grauimporte. Alles sichtbar, alles vergleichbar, alles zum gleichen Preis lieferbar. Analog zur Verbreitung der Galsfaser sinkt der Umsatz.  2001 kann die Pforten schließen, das kleine Monopol ist futsch, die critical mass ist weitergewandert und sitzt im Trockenen.

Warum jetzt dieses Bartók Violinkonzert? Als Herausforderung, Neuland, weil etwas gefallen hatte, andererseits immer noch ein Schlüssel fehlte. Über Ravel nicht hinausgekommen, das 20Jahdt war eigentlich Jazz und Pop. Nicht Klassik.

b6Und der Rundfunk (immer noch das schnellste Medium!) meldet: unser Hausdirigent Michael Gielen starb gestern, 91 jährig. Man flicht sonst Kränze, streut Blumen oder läßt Nachrufe verlesen, die einen schon Vergessenen preist. Nicht hier : da machen sie einen ganzen Tag Sendung über den ehemaligen Orchsterchef des SWR. Ich höre seine Stimme und – –

DSCF2511das erinnert mich an ein sehr langes Interview, so 2017 gehört in einer heißen Badewanne nach 100 kalten Kilometern. Ein geschliffenes Deutsch mit Vorkriegsakzent, leicht nasal, leicht burgtheaterlich – ein Mann, der weiß, wovon er spricht, weiß was er will in einer an Eitelkeiten nicht armen Dirigentenszene. Und ein Mann, der im Kreis der neuen Wiener Musik des letzten Jahrhunderts aufwuchs, ein Schwamm der die Modernau aufsaugt.

Wie ich mich in meine Bartok Violin-Einspielungen einhöre, immer wieder die Spur  von Motiv und Variation in diesem Konzert verfolge, die Eingangsmelodie , diesen flüchtigen kleinen Schmetterling, fühlte ich mich ein wenig wie der Schüler, der kyrillische Schriftzeichen lernt . Alles sieht ähnlich aus, die Bedeutung sind unterschiedlich.

DSCF2612Zu Hilfe kamen mir gestern die Orchestermitglieder in der Rückschau auf ihren alten Chef („Herr Gielen“ sagten sie immer). Orchestermusiker die bejahten, richtig,  es habe wohl eine Fraktion gegeben im Orchester, die wollte mit Werken jenseits von Mahler nichts zu tun haben ; möglicherweise nicht einmal mit dem. Gielen wußte das natürlich auch.

„Sehen Sie, ich hatte das Glück durch mein Elternhaus zunächst mit neuer Musik konfrontiert zu werden. Ich bin den Weg aus der Gegenwart gleichsam zurückgegangen . Aber auch als ich Schönbergs drittes Streichquartett zum ersten mal hörte, war ich völlig perplex. Ich konnte nichts damit anfangen. Wie mußte es da den Hörern gehen, die über Beethovens mittlere Quartette hinaus nie etwas Neueres gehört hatten ?  Genauso war es mit der Musik, mit der viele meiner Orchestermusiker aufgewachsen sind…“

(Ich zitiere sinngemäß, so, wie es mir aus meiner Fahrt gestern, während der Sturm ums Auto tobte und immer neue Gischt gegen das schöne große Fenster schlug, in Erinnerung ist) .

„Sie müssen die Syntax erklären, die Harmonik, sie brauchen einen Schlüssel.“

b8Damit hatte er es getroffen. Wer einen modernen Klassiker hören lernen will , kann das wohl ebensowenig aus dem Stand, wie das Publikum einst Brahms erste Symphonie aus dem Stand „konnte“ oder Strawinsky’s Sacre annahm. Für unsere 400 Jahre Harmonielehre  sind tritonfolgen eigentlich eben keine vollwertigen melodien. Le mystére des voix Bulgares hieß ein 2001 -Seller, in dem es um Achteltonschritte ging…

Wahrscheinlich ging es 1987 Orchstermitgliedern noch ganz ähnlich, als sie begannen ein neues Programm mit dem neuen Dirigenten einzustudieren.  Oder mir, als ich vor ein paar Wochen mir das große 2te Violinkonzert begann einzuverleiben.

b72001 war eine Etappe auf der Reise in die kulturelle Zukunft. 2001 schuf nebenher eine „neue“ Plattform für ideologische Setzungen einer Generation. Diese generation ist digital migriert mit dem Sprung zur nächsten Plattform, dem Netz. Es ist falsch, in alten Utopien zu verharren- und das Natz hat viele neue Versprechungen erfüllt. Doch auch diese Utopie hat ihre Zeit – der Winter ist bald vorüber.

 

 

 

 

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Freitags für da future, Samstags auf the road

Zur Erinnerung. Ein wenig Dauerfrost, eine ordentliche Prise Schnee und mehrere Sturmtiefs – der Winter 18/19 war eigentlich ganz so, wie er in gemäßigten Breiten sein sollte. Nicht zu hart und nicht zu weich. Dennoch spricht nichts dagegen, wenn meine Tochter Freitags für/wider  das Klima demonstriert. Es gibt manche Gründe.

a05Also auf den Unterricht verzichtet, um gegen die globale Erwärmung der planetarischen Atmosphäre zu demonstrieren. Im Unterschied zu den Ostermärschen (Schwerter zu Pflugscharen) oder Golfkriegsdemonstrationen (Kein Blut für Öl) ist es erfolgversprechend, wenn eine Generation sich überlegt, ihr Verhalten den eigenen Zukunftserwartungen anzupassen. Klima hin Klima her – die Kollateralschäden einer intensiven Umweltverschleißung sind schon länger sichtbar.

a06Im Unterschied zu den vorgenannten Bewegungen, liegt das Erreichen der Wunschziele sogar in der Macht der Demonstranten. Sie wissen, daß ihr eigenes Verhalten den Konsum fossiler Brennstoffe steigert . Verzicht und Mäßigung könnte ein Weg sein, auch, um en passant den Sieg des totalen Konsumismus aufzuhalten. Norbert Bolz kann man immer noch lesen.

Dennoch brauche ich zu meinem Schutz ein neues Paar Winterstiefel fürs Rad. So stark ist mein Glaube an die Erderwärmung dann doch nicht, daß ich das altgediente Paar fröhlich in den Sondermüllcontainer entsorge.

a12Dünn sind darum Fachhändler gesät, die überhaupt Winterstiefel führen. Schließlich legt man sich ungern 10 paar verschiedener Schuhe ins Regal, die bei ausgepreisten 200+  (UVP, UVP!) nur Staub anlegen. Dünn sind aber auch Kunden gesät, die schon genauer hinsehen was es wo gibt und auch mal völlig erfolglos 150km fahren . Skistiefel  findest Du an jeder Ecke, wer Winterstiefel sucht, braucht sie wahrscheinlich wirklich.  die Fahrt nach Gießen war eine Lehre.

a01Darum heute, Samstag den 2.März 2019 westwärts ins Rheintal.  Koblenz. Dort  – und nur dort –  kann ich hoffen, mehr als drei Modelle zur Auswahl zu haben. Ich folge der alten Handelsstraße, die Frankfurt und Koblenz verbindet.

b12Dazu ein Meilenstein, den Erzbischof Clemens von Trier kurz vor der Säkularisierung aufstellen ließ. Dann habe ich mit dem Enik den letzten Höhenzug überquert, der den westlichen Westerwald vom Rheintal trennt. Es ist feuchtkalt – Ab hier wird der Weg leichter und wärmer.Ich brauche drei Minuten, bis ich wieder auf die Straße komme, und weniger als eine Stunde für den Rest.

a02in Arenberg überhole ich noch den Weihnachtsmann. Sie nennen es Fasching. Eine viel ältere Tradition als die aktuellen Klima-Schuldzuweisungstänze in unterschiedlichen Kostümen. Hier haben sich ein paar Demonstranten neben einem lokalen Klimaburner-Hotspot aufgebaut. Es geht rasch bergab: in einer halben Stunde sollte ich unterhalb der Festung Ehrenbreitstein den Rhein sehen. Dann über die Brücke und eine verdiente Pizza, der Mittag ist lange schon vorbei.

a4Hier steht sie. Der Chef empfiehlt das unübersehbare weiße Gebäude am Kopfende des Marktes. Der Teig ist dünn und knusprig, Schinken, Feigen und  gehobelter Parmesan vom Laib. Ein gezapftes Bier versotg mich mit Mineralien und B-Vitaminen. Dieses ideale Essen kostet kaum einen Fünfer mehr als ein Fastfood Menu. Ein wenig ist es wie mit dem Klima: wir haben die Wahl.

a1Koblenz  ist aufgeräumt und hübsch. Mittelalterliche Relikte und der Gruß ans Deutsche Eck, das in wenigen Monaten stark belaufen sein wird. Heute läßt sich flanieren –  parke kurz im Klostergarten.

a3Daumen rauf Koblenz

a6Bigger ist better titelt das kleine, feine Ludwig Museum seine nächste Ausstellung. Es muß Ironie sein. Alex Katz ist ein klassischer moderner Maler –  will heißen: figurativ. Wie viele Pop-Künstler (Wesselman, Wahrhol, Rosenquist) ist Katz von Werbeplakaten fasziniert, am. engl.  billboards. Größe und Schlichtheit.

b13Und in die Welt der billboards geht es jetzt. Vor den Toren der Stadt steht ein Einkaufzentrum, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Vor über dreißig Jahren war das keine schlechte Prognose: nur daß sich vor den Toren Koblenz die Zentren vermehrt haben wie auf einem schlechten Trip.

a8Zwischen Bahngleisen, Zubringern und stückwerkigen Relikten alter Wege.  Fremdkörper. Die großen farbigen Kästen in der Ebene suche ich mit dem Auge. Ich sehe das schmutzige Gras am Rand der Straße, das sich im fahrtwind biegt, die Plastikfetzen in den Baken und verstreut in den Kurven;  Leitplanken, Leitplanken, Leitplanken. Es rauscht ununterbrochen.

a7Im Auge des Orkans ein kleiner Radweg. Das Rauschen läßt nach, die zeit steht ein paar Sekunden still. „hej, schön daß Du hier bist!“

Die großen Kästen ringsum lassen sagen, das internet gefährde ihr Geschäftsmodell. Das Geschäftsmodell des Ausflugs ins Gewerbegebiet scheint am Monatsbeginn eher gut zu laufen. Ist es das, wogegen die Kinder Freitags protestieren?  Der nächste generationenkonflikt nach ’68? Fällt hier das Urteil über Feinstaub, Wegwerfleben und Mikroplastik ? Eine kampzone wäre es schon. ich sehe keinen Protest, eher noch unzufriedene Gesichter an Ampeln. Ein paar Radfahrer wehen mir entgegen – sie ziehen sich auf Gehwege zurück.

b1Ich weiß es nicht. Die Waschanlagen laufen für 9Euro90 gegen das böse Wintersalz, die schlechten Geister des Winters mit der rotierenden Bürste verjagen. Eine riesige, synthetische Himbeerwolke umfängt mich.

b2Dort ein Relikt, einen anderen Meilenstein, der von der guten alten B9 zeugt . Köln, Koblenz, Mainz – – – bis ans Ende der Welt, einer Welt voller großer bunter Flaggen und Billboards.

b3Samstag, 2 märz.

b5Schweißgebadet bin ich aus der riesigen Halle gekommen, das Personal vom BikeXXL-Discount arbeitet im tshirt für Mindestlohn. Schuhe anprobiert, keinen gekauft. Aus der lärmenden Menge geflohen . Immerhin weiß ich jetzt, was nicht geht. Die Suche geht weiter.

b4Der Westwind bläst mich phänomenal nach vorn, Richtung Rhein. Dort wartet eine Entdeckung: die große Eisenbahnbrücke im Kolossalstil.

b6Die Brückenpfeiler sind ganz ähnlich wie die Relikte der berühmten Remagener Brücke. Beiderseits der Eisenbahn führt ein kleiner schmaler Steg, den man nach den Torhäusern befährt.

b8Die Bohlen rappeln unter den Reifen, Schiffe ziehen unter mir hinweg. der Rhein hat wieder den alten Pegel

b9Stromabwärts erspähe ich den alten Kühlturm. Dort sollte einmal der schnelle Brüter hin, der Atommeiler von Mühlheim Kärlich. Es war eine Protestbewegung, die ich hier anfangs vergessen habe. Die Bewegung mit der roten lachenden Sonne auf gelbem Grund. Eine sehr jugendliche Bewegung, ähnlich Fridays for Future. Brokdorf war die große Schlacht, danach entstand allmählich die Grüne Partei. Die grüne Partei regiert jetzt seit 20 jahren hier und da mit, lauert um die 12% auf den nächsten Koalitionspartner . Grün ist FDP 2000 sagte Theaterpolitiker Schlingensief 1998. Grün ist für Klimawandel – aber auch für Braunkohle oder sehr große Flughäfen  undsoweiter. Grün ist nur eine Farbe; BIGGER IS BETTER.

Der Rhein liegt hinter mir, jetzt kommt die Wildnis, Germania hinter dem Limes. Mein Enik, das gute Rad rollt und  freut sich, denn der Frühling kommt. Ab in die Wälder.

 

 

 

 

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Kiton und Richie : Ein Vermächtnis

Er bringt es auf den Punkt. Nicht retro, nicht vintage – es geht um mehr, viel mehr. Der Unterschied zwischen einem Schneidermeister und den Schinderhütten in Bangladesh, zwischen einer Meisterwerkstatt und dem Sklavenmarkt, den wir alle allzu willig mitfinanzieren. Denkt dran, wenn die nächste Fahrradschau euer Eintrittsgeld nimmt.

„The practice is the master. The maker is the servant.
.
I’m that guy. I get this. Repetition. Routine. Relentlessness. Cut from a different cloth. I’ve observed it. Disecected it. Defended it. Advocated for it. That ship sailed. The few cats who got it with me – some I knew only from afar. One I knew like a brother. All are gone.
.
In the mad rush to create energy around making a bicycle, as if it’s some noble pursuit. An answer to a higher calling. Bleeding for your craft. It’s become dumbed down. A side show to a larger carnival that routinely eats its own.
.
There are two thought bubbles that haunt my days. One is about experience. And the path walked to get there. And why can’t more folks look at the tailors at Kiton as role models. The other is about me. And why I even should care. I’ve eked out a career. Had an adult life at the bench. Everyone else can just go to Hell.
.
This is my truth.
.
All This By Hand“

(Richard Sachs)

Oder:

Die Praxis ist der Meister,  der Macher sein Diener.

Dieser Typ bin ich. Ich kapier das. Routine. Unermüdlich. Aus einem anderen Stoff gemacht. ich habs beobachtet. Auseinandergenommen. Es verteidigt. War sein Anwalt. Das Schiff unter Segel gesetzt. Von den paar Kumpel die es so wie ich sahen kannte ich manche nur entfernt. einen kannte ich wie einen Bruder. Nun sind sie alle fort.

Im wahnsinnigen Bestreben, alle Energie auf die Herstellung eines Rades zu verwenden, als wäre es eine edle Sache. Die Antwort auf einen höheren Ruf. Fürs eigene Werk bluten.  Wurde fortgespült, beiseitegekehrt. Zum Pausenfüller für einen größeren Karneval, der sich nebenbei selbst verschlingt.

Zwei Gedankenblasen geistern durch meine Tage. Die eine beinhaltet Erfahrung und den langen Weg zu ihr. Und warum können nur diese Leute, die für Kiton schneidern, nicht als Vorbilder dienen? Die andere Blase dreht sich um mich. Und warum das alles mich überhaupt etwas scheren sollte.  Ich habe mir eine Karriere daraus geschnitzt. Ein ganzes Leben an der Werkbank verbracht. Die anderen können zur Hölle fahren.  . .. RS

 

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Die Maas in Aluminium

Ein kurzer Brevet ist etwas Feines – er läßt sich unbeschwert angehen. Wenig Gepäck, stabile Wetterlagen. Das nächste Räderexperiment kann beginnen. Nach dem Colnago-on- ice  diesmal  Maastricht 200 in Aluminium .

aa4Das Vitus 979 war ein game-changer im Rennradbau. Nicht nur weil das Ergebnis schnell weniger als 9kg wiegen konnte, während bis dahin Micro-Bohrungen an Schaltwerken und Bremsen halfen, das Gewicht unter die magischen 10kg zu bringen.  Der Grund, aus dem das Vitus 1979 eine neue Ära beschritt, lag in der Fertigung. Aluminium hatte man zwar schon durch Schraubungen  oder Verschweißen befestigt, etwas wirklich renntaugliches war dabei aber nicht herausgekommen, schon gar nicht in Serie.

Die Zäsur war in der Fertigungsweise begründet.  Die Rohrsätze waren standardisiert, und wurden nach Vorgabe des ursprünglichen Designs verklebt. Solche Heißverklebungen mit Epoxid-Harzen wurden für Tragflächen von Kampfjets verwendet. Die wackeren Schmiede in ihren Ateliers konnten so etwas nicht- man wählte Zulieferer der Aeronautik. Damit war der Anfang vom Ende gemacht. Der Meister und magische Monteur mit dem klangvollen Namen, dessen auratische Lötkunst bis dahin nur den Besten (und Wohlhabenden) zugute kam, lebte aus einem anderen Geschäftsmodell. Seine Existenz war über kurz oder lang zur Nische verdammt, zum Kunsthandwerk.  Ein vitus wurde nach einem bestimmten prozeß verklebt – keine Lötkunst, keine befeilten Muffen und geheimen Legierungen. Industrial proceedings.

a12Mit dem vitus war man den Schritt gegangen, den die Fertigung aktueller Carbonrahmen fortsetzt. Es räumte auch mit dem Mythos auf, allein ein persönlich und auf Maß gefertiger Rahmen könne das Optimum aus dem Athleten herausholen. Auch Spitzenathleten haben einen Körperbau, der mit Stangenware harmoniert. Nicht alle, aber die meisten, so auch ich. Nur ein Brevet ist mal eine neue Erfahrung.

aa1Der Himmel ist klar.  Es sind eher Windrichtung und Kälte, die heute Fragen aufwerfen. Vermummt treffen sich an die Hundert Randonneure unter der großen Platane vor dem stayokay Hotel in Maastricht, gelegen am schönen, sanften Fluß . Jetzt „hat“ es knapp über 0, für Mittags sind optimistische 15 gemeldet. Kleiner Rucksack ist bereit für Ballast.

aa5Der 200km Parcours führt erst über die wichtigsten Hügel Hollands, dann in den Niederrhein nach Norden, bis er am Wendepunkt Venlo bei km 110 eng dem Lauf der Maas nach Süden folgt.  Keine dramatische Strecke, aber eine Strecke voller Erinnerungen, in dieser Gegend bin ich geboren und aufgewachsen. Die ersten hundert Kilometer auf dem Rad  – vor über 30 jahren. . .

aa2Paris Brest Paris (im folgenden PBP) im August ist das Ziel, dieser 200er die erste Stufe der Qualifikation. Das erklärt den Zulauf dieser sonst eher intimen Veranstaltung.

a19 Uhr  – In mehreren Gruppen brechen wir aus der verträumten Stadt auf, ein Ort an dem Europa noch ein glaubwürdiges Projekt ist.

a2Bald ist die alte Brücke überquert, die ersten Anstiege aus dem Maastal wärmen : der Tag ist jung und das Jahr auch.

a4Auf den Anstiegen betrachte ich einen der fliegenden Fische, eine dieser sonderbaren Maschinen, die uns bald entfliehen werden. Ihre Domäne ist die Ebene und der widrige Wind, den sie lässig unterqueren.

a3a6Die Reviere des Amstel GoldRace liegen bald hinter uns, die Lunge ist richtig frei , und es geht – nach diesem von Herbergen und Gasthäusern bevölkerten Idyll –  in ein ganz anderes Revier.

Das Aachener Kohlebecken überspannt einen kleinen Landstreifen beiderseits der Grenze. Von Heerlen bis kurz vor Aachen wurde Kohle gefördert – die Städte ringsum (Würselen) bekamen ein industrielles Gesicht.

a8Was wir heute noch sehen, sind die Schuttberge, die man gern Abraumkegel nennt. und Siedlungen. Dazwischen findet sich ein Bachtal, die idyllische Falte im grauen Alltag.  Wind macht sich bemerkbar – der kühle Gegner aus Ost.

b1Im Zeichen der Schildkröte bittet der Veranstalter zur Geheimkontrolle, – mit Zuckerimbiß aus dem Kofferraum. Ein Snickers jetzt, ein Mars später. Eine Schildkröte dient beiderseits als Brückenwächter und Durchfahrtssperre, ein Traktor rauscht lässig darüber hinweg. Kurzer Plausch, Fahrer finden zusammen und zerstreuen sich. Bevor uns kalt wird, geht es weiter.

aa6Und jetzt sind wir im Landkreis meiner Kindheit. Nach windigen Ackerflächen (Unterlenker) durchfahren wir die Relikte des Kohlebergbaus, der ein halbes Jahrhundert lang üppigen Verdienst in ein kleinagrarisches Gebiet brachte. Gefüllte Stadtkassen waren das Positive, Bergschäden und Folgen sah man erst später, alles übrige sind weiche Fakten.

aa7Am Ende bleibt Zersiedelung, Stückwerk und ein Monument aus Schutt, eine enorme Halde, die von Funkmasten gekrönt wird. Und es war nicht schöner, als diese Siedlungen noch im Wechsel von Tag- und Nachtschicht lebten, wie ein unsichtbares Schwungwerk, das alles in Takt hielt.

Denn die 70er (und auch noch die 80er) waren hier definitv nicht cool. Sie rochen nach Kohleöfen, Autos hatten unter 70PS , stanken, und Menschen liefen in Klamotten rum, die weder richtig passten noch angenehm zu tragen waren. Greko Kleiderfabriken Mönchengladbach. Bei Aldi gab es keine Regale und keine Vollmilch und schon gar keine italienische Feinkost. Fahrräder hatten ausgeschlagene Keilkurbeln und maximal drei Gänge. So für die Allermeisten, bevor der Videorecorder kam. Vorbei.

b4b5Eine Pause in zwei Bildern. Brüggen liegt bei km 85. Es ist ein hübsches kleines Städtchen mitten im Grünen kurz vor der niederländischen Grenze . Der Ruhrgraben – 40hm-  (and all that) ist überwunden. Hier tanken wir schon vor der Halbzeit in Venlo Kalorien. Denn auch bei einem so kleinen Brevet ist es klug, sich außerhalb der Kontrolle zu verpflegen.Auch für Paris Brest gilt die Empfehlung – Zeit, die man an Kontrollen in einer Schlange vor einem Nudeltopf verliert, holt man nicht wieder auf. b6

Weiter Richtung Holland, gemeinsam mit Chris, der heute sein BobJackson Super Tourist für das große Abenteuer im August probefährt: selbstgenähte Taschen inklusive. Wir prüfen hier die Kohlernte und nach ein paar  weiteren, windigen Kilometern im Grenzgebiet stoßen wir auf die Kontrolle, eine Gastwirtschaft alter Machart.

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b8b9 Schnell die Karten gestempelt, bevor der nächste Schwung Mitfahrer eintrifft und sich um den letzten Streusel balgt. Die meisjes rotieren fröhlich, die Kasse stimmt, die Sonne scheint gleißend vormärzig und es geht weiter.

b10Venlo hat sich ins Narrenkostüm geschmissen und zeigt, wie eine fahrradfreundliche Stadt in Realität aussieht. Wir balancieren uns vorwärts. b11

Mehrspurige Radstraßen mit Ampeln, eine Verkehrsdichte fast wie in Hanoi – nur ohne Mundschutz. Ruhig und gesittet bewegen sich Holländer in ihrer gepflegten Umgebung. Überhaupt wirkt alles backsteinig-sauber und gut strukturiert. Schon immer wirkte die Verkehrsführung durchdacht. Vom Bahnhofsgebäude grüßt eine große Analoguhr auf Stele.

Dank einer Ampelphase fahren wir auf einen Schwung weiterer Randonneure auf – eine gute Gelegenheit, zügig nach Süden zu kommen.

b12Auf dem Maasdeich mischen sich noch einige Hobbyracer mit Trillerpfeife dazu. Sehr sehr schönes Material. Man rangelt ein wenig um Windschatten (gibt es nicht gratis) und dann ertönt die Trillerpfeife. Sportgruppe rechts ab.

Hier an der Maas wirkt Holland gar nicht wie ein Land mit hoher Siedlungsdichte. Der breite Strom hat weite Rückhaltebecken und Altarme, alle Viertelstunde taucht ein Kirchturm auf, manchmal ein kleines Wäldchen. Die Streckenführung lotst uns geschickt durch das Hinterland von Roermond  – von dem wir nur den großen Fernsehturm sehen, der einer Interkontinentalrakete ähnelt. Wir bleiben am Hinterrad, denn der Wind kommt oft von schräg vorn.

aa8Hier ein eigenartiges Denkmal „für Kirche und Vaderland“

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Dort ein flotter Capucco

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Dort wieder Wind, Alleen, Gehöfte. Wir machen Meile um Meile.

b15Und plötzlich sind wir in Thorn, der weißen Stadt mit den getünchten Häusern und Natursteinstraßen.

b20b21Es ist kurz nach 4, das Vitus hält und der Rijder genießt seinen Motivator. Noch 40kmchen.  Läßt der Wind nach? Auf!

b19Immer wieder pendeln wir zwischen Stom und Kanal und unbemerkt besuchen wir kurz Belgien. Die Sonne sinkt allmählich tiefer, aber es wird bei Tageslicht möglich sein.

c3c6c2Das flämische Licht: die Wolle der Schafe leuchtet im Zaundraht, noch 15 kleine Kilometer, nur mein Tank ist plötzlich leer. Good Company needed.

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Und hier ist der Treibstoff: danke Chris! – man glaubt nicht, wie gut solche Zuckersachen einem tun können. Es kribbelt in den Oberschenkeln und die Hände werden warm: da ist schon Maastricht, Maastricht am Samstagabend. c7

Kids bringen ihre Boards nach Hause

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Alte Herren ihre Räder.

BRM Maastricht 200, 23 Februar 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Jahresuhr (steht niemals still)

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Vielleicht sagen die Daten des Kalenders nicht die ganze Wahrheit. Auch wenn die Tage seit Weihnachten länger werden: mir kommt es vor, als würden die ersten Tulpen in den Supermärkten ein sicheres Zeichen sein. Tauchen sie auf, wecken mich plötzlich morgens die Spatzen  – der Himmel ist schneller hell.

a5Auf dem Weg nach Gießen begleiten mich Feldlerchen, aus den stummen Waldstücken, tönen jetzt Stimmen polyphon: auch wenn die Straßen durchweg gesalzen sind und Schattenpartien weiß von Reif. Die Sonne entscheidet.

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Auf dem Weg in die Stadt wärmen frühe Anstiege den Körper durch, am Nachmittag, auf dem Rückweg werden sie den Formbeweis erbringen. Und jedesmal geht es wie ein Vogel in die Abfahrt. Record Ace oder accipiter gentilis.

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Weißer Racer vor Freskenmalerei – sie hat die Gaststätte überlebt, hoffentlich auch den nächsten Inhaber. Das Rad hat jetzt seine endgültige Form gefunden. Profilierte Felgen von Wolber – leicht und hart, ein Sattel mit Titangestell – leicht und hart, 23er Slicks – unkomfortabel (aber leicht) ; das alles sorgt für ein intensives Fahrbahngefühl . Nach den Winterwochen auf dem (vergleichsweise) sanften dunkelgrauen Enik mit seinem langen 12cm Vorbau, bin ich für den kurzen 11er hier schon gut vorgestreckt.

Ein mittelalter Körper verliert an Schnellkraft, zum Glück bleibt er dehnbar. Was man an Power einbüßt kann man (gefühlt) durch die tiefere Position ausgleichen – so der Wunsch.

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Das schräge Februarlicht schreibt Tattoos auf den Asphalt, die am abend von selbst verschwinden. Die Sonne flirrt durch nackte Äste, manchmal gleißt ein teilgefrorener See durch, wie eine abgeschliffene Münze, die jemand ins Licht hält.   Hin und wieder kommen auf langen Geraden schwarzbunte Punkte entgegen: Radfahrer in frischer Wäsche. Neonfarben leuchten, viele Räder haben elektrische Antriebe. Darunter das erste e-Rennrad in freier Wildbahn – ein Unterrohr massiv wie ein Oberschenkel. Riesige Buchstaben, die ich vergessen habe. Man hat seinen Stolz.

a16Fahrzeuge ballen sich an Tankstellen. Mit Red Bull Dosen in der Hand warten die Fahrzeugführer in der Sonne, bis sie an der Reihe sind. Sie genießen den Vorfrühling an ihren Waschanlagen.  Später dann, viel später, werden sich dann andere Tankstellen um ihre Autos kümmern.

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Und zur gleichen Zeit schneidet ein Mann die Obstbäume in seinem Garten

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Hin und wieder passiere ich interessante Exemplare, die den Sauerstoff suchen, den ich meine. Ein Endzeit-Gitane im originalen Kleid der späten 1980er. Dreifachkurbel Serienmäßig – hier wird noch lange kein Hilfsantrieb notwendig sein.  Im diskreten Klang einer frischen Kette treibt es mich weiter nach Gießen. Dort gibt es Nahrung für Geist und Körper.

(An dieser Stelle einmal ein Zitat aus der Fachpresse verdauen
„Die Tage werden länger, das Frühjahr rückt näher – es wird langsam Zeit, das Fahrrad für die nächste Saison vorzubereiten. Dazu gehört auch das lästige Ölen der Kette. Das entfällt bei einem neuen . . . “ )
Vielleicht auch noch etwas, damit das lästige Treten der Pedale entfällt? )

Wohl dem, der dann ein AltRad in seiner Größe findet. Der Gegenwert oder Gebrauchswert, den man für einen eingesetzten Euro erhält, läßt sich kaum übertreffen. Ich fürchte nur, vom Gebrauchswert gehen nicht allzuviele  aus. Gießen ist nah –

a11Ich bin ein wenig herumgerollt, nachdem ich den Hamburger bestellt habe. Das kleine Restaurant ist gut besucht und dementsprechend lang die Wartezeit – es geht auf 15h zu und viele junge Menschen haben Hunger. Ich besichtige die nahe Umgebung

b9Karstadt gibt es (noch) und auch das kleine Kino an der Ecke. Die Baulücke gegenüber ist immer noch frei. In Berlin hat dieser Zustand 50 jahre angedauert  – mitten in Gießen verwundert er.

b8Es war einmal Guthschrift: der Dämpfer für meinen Ausflug. Nach der Pleite vom Buchgrossisten KNV in dieser Woche muß ich diesen abgeschriebenen Mikrokredit des Antiquariats verarbeiten.  Hier hatten sie mich damals auf den gutburgerlichen Hamburger nebenan gebracht, hier und heute hatte ich mich schon auf ein feines kleines Buch gefreut, oder eine kleine exotische CD. Wer wollte, konnte unter guthschrift.com auch online bestellen. Irgendwie weht mich die Erinnerung der Antiquariate in Berlin an, die schon vor zehn Jahren gentrifiziert oder liquidiert wurden.

Guthschrift oder KNV. Etwas wird sichtbar, wie es einmal hieß. Oder unsichtbar.

Denn Bücher gibt es weiterhin – nur woanders – und ich gestehe:  nur sehr selten sieht man mich in einer regulären Buchhandlung. Nicht allein wegen des bequemen A^^8z*n, (habe keinen Account)da gibt es lustigeres , sondern weil „das gute neue Buch vom Buchhändler ihres Vertrauens“ ökonomisch tot ist. Wer sich Krimis von HannsMartin Suter (Name von der  Redaktion geändert) kauft,  ignoriert ihre Halbwertszeit. Nicht nur die Halbwertszeit des Inhalts, sondern auch des Anschaffungspreises. Es gibt ein Publikum, das sich das leisten will, es schwindet nur. Ein Grossist spürt das zuerst.

a12Eine der bitteren Lehren im Berliner Antiquariat war, wie unendlich viel ungelesenes Buchmaterial in einer Stadt flottiert und wieviel dann von einer alternden Gesellschaft freiwillig entsorgt wird. Das internet zündete einen Angebotsturbo, indem es die schiere, verfügbare Menge sichtbar machte, die vorher irgendwo gehortet wurde.

Und dann kam die kulturelle Zäsur, die Invasion der Flachbildschirme.

Bücher als Produkt- sind verglichen mit anderen Medien – einfach zu sperrig . Denn allen slowfood-Freunden zum trotz: die Menge will convenience und wählt sie. Sie werden nicht alle zu McDingens gehen, es gibt dann einen Schnellbrater de Luxe, wie ich ihn gleich besuche. Oft sind Bücher als Informationsspeicher einfach langsam, teuer und unhandlich. Als unterhaltungsmedium haben sies schwer und ich befürchte, als Massenmedium wird es am Ende nur mit einer staatlichen Grundsicherung gehen, damit in der Population der gewünschte Alphabetisierungsgrad erhalten bleibt – nicht aus kulturellem Elitismus.

b6Wir leben in Endzeiten von Dinosauriern; Es wird Überlebende geben, so wie Vögel ihre häßlichen und größenwahnsinnigen Verwandten überlebt haben – niemand vermißt Kursbücher. Meine Finger werden kalt – der Hamburger sollte nun bald fertig sein.

b02Mein Helm ist abgelegt, ich lehne mich gegen die Wand und sauge Gerüche ein, die vom offenen Grillblech kommen. Das Rad habe ich im Blick, den kleinen Saal und seine hundert Stimmen ebenfalls. Gutburgerlich brummt, das Publikum ist eher jung, also U30,  gut frisiert und styliert. Auffällig viele Dates. Schnell höre ich heraus daß sich in der Kommunikation zwischen Mann und Frau nichtallzuviel verändert in 50 Jahren (ich bin sehr alt).  – Meine Tochter war neulich in der Straußenfarm und ganz begeistert, wie sich die Tiere aufplusterten.  –  Hier geht es um Masterarbeiten und um Jobs und um die Akkulaufzeit neuester Smartphones. Es wird Zukunft entworfen oder Gegenwart verhandelt. Einige junge Familien darunter, sie sind erheblich stiller. Lippenstift glänzt und Handtschen haben goldene Tressen. Rechts schwitzt die  Küche im schwarzen TShirt. Mein Vorname wird gerufen. So läuft das hier und es läuft gut.

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Ich beiße zu und es ist wirklich  – in seiner Art – allererste Qualität. Spiegelei, Zwiebeln, durchgebratenes Rind und Gurken und Pommes aus echten Kartoffeln. Siebeck würde es mögen, der alte Schnösel. Nach einer Viertelstunde habe ich genug Kalorien für den Rückweg, die Hände sind wieder warm, den Cappuccino werde ich mir vor der Stadt gönnen.

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In den ersten Hügeln, jetzt, wo es an die Reserven geht, höre ich sie rufen. Seit mehreren tausend Jahren überfliegen sie diesen Wald und das Tal auf ihrer Jahresreise und erzählen sich immer wieder die  gleichen Geschichten in ihrer einfachen Sprache. Sie sehen Wälder, Wasserläufe und Asphaltbänder – bestimmt auch Kondensstreifen großer Vögel, von denen sie längst wissen, daß sie ihnen nichts anhaben können.

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16.Februar 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

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Struktur und Wandel

Die Gegend, in der ich lebe gehört gewiß zum ländlichen Raum. Zersiedelung hält sich in Grenzen, ein paar Neubaugebiete gehören halt dazu. Die einzigen großen Bodenversiegelungen sehe ich nur, wenn ich vom höchsten Punkt sehr weit in die Ferne bis zur Autobahn schauen kann.  Das übrige Land teilen sich Dörfer, Wiesen und Wälder.  Vorteile, die ich als Radfahrer hemmungslos nutze.  Frische Luft, ruhige Straßen und Nebenstraßen, Landschaften, Panoramen ringsum.

Soweit so ländlich. Aber es gibt Zeichen der Veränderung.

Dieses größere Dorf ( Name gelöscht)  liegt direkt an einer Bundesstraße – dem altehrwürdigen Handelsweg zwischen Frankfurt und Köln. Stabile Einwohnerzahl, schöne Lage – unversehrt.

Angefangen hat es nicht erst im letzen Jahr, aber da griff im Ortskern  die lautlose Implosion um sich.

Diese  Gastwirtschaft ist lange schon geschlossen, so ungefähr nach der Schlecker-Pleite  -falls noch jemand weiß, was das war.

Die Apotheke ist nur etwas weiter an den Rand gezogen.

Dann verschwanden andere, an die man sich kaum erinnert.

Den Bäcker haben die Backvollautomaten aus den ÜberMärkten erledigt; das, was sie dort Brötchen nennen, kostet schließlich nur ein paar cent . . .

Die Post war schon länger Zwischenmieter, jetzt sind nur noch Briefkasten da. Alles auf wenigen hundert Metern. Die 1A Lage.

Und die Kulturfolger sind schon gekommen. Es ist soweit alles ok, das Gewerbegebiet am Ortseingang ersetzt alles – mit über 300 Parkplätzen. Wohl also dem, der ein Auto hat, denn auch 500m können ganz schön weit sein. Aber vielleicht stellen sie das bald mit der Grundrente zur Verfügung? Sarkasmus beiseite, ich kann genau sehen, was dann kommt:

Sie schicken Frauen und Kinder mit alten Tüten los, weil das schon immer so war.

 

 

 

 

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