BiTitanio – Colnago on ice

Der Wuppertaler Winterbrevet fand bei klarer, kalter Trockenheit statt, deren Kern irgendwo über Norwegen lag. Es war immer noch kalt genug.

Sollte man dann ein Rad fahren, das üblicherweise die Zitronen blühen sieht? Die Gelegenheit muß genutzt werden und dank Roy kam es zur  Colnago on ice-experience. Eine Brevet Testfahrt mit unbekanntem Rad.

Wie würde sich das handverlesene, perlmuttweiße Exemplar unter den verschärften Bedingungen eines Winterbrevets schlagen? Wie würde die Record Titanium-Gruppe dem aus Norwegen gesandten Eiswind begegnen?

b05Colnago hat ja in den Ohren deutscher Rennrad-freunde einen recht guten Ruf. Den Ruf, teuer, edel und extravagant zu sein. Das ist nicht unbegründet. Colnagos beste Jahre fielen in die Zeit des Rennrad“booms“, der auch Deutschland Mitte der 70er erfaßte. Ernesto Colnago hatte sich da bereits einen guten Namen gemacht. In der professionellen Szene belieferte er so einige erfolgreiche Fahrer und Teams und das sehr geschickt.

bit01Eddy Merckx war sicher Primus inter Premiumkunden und beide haben dieses Verhältnis weidlich genutzt, auch wenn Eddy schon vor seinem ersten Colnago einige Erfahrung mit Lizenzrädern und italienischen Rahmenbauern hatte: schon 1966 kamen seine Räder von Faliero Masi, einem Mailänder Meister. Eddy war ein neugieriger Perfektionist

Und so stammten manche  der orangenen Räder des Belgischen Kaisers halt von Colnago, und das ließ man die Welt wissen. Für einen Rahmenbauer gibt es nichts wichtigeres als einen Sieger auf dem eigenen Produkt.

Der Radsportversender Nummer 1, Brügelmann, wurde dann zum entscheidenden Multiplikator in Deutschland und weiter gedieh der Mythos. Man muß wissen: damals fuhrendie Gründer von Canyon Bikes  noch mit dem eigenen Kombi nach Italien, um Komponenten für den heimischen Markt einzukaufen.  – –  –

Colnago war nicht nur ein guter Löter und kluger Geschäftsmann, er war auch am Fortschritt im Rennradbau nicht unbeteiligt. Rahmenformen und – geometrien wurden weiterentwickelt, ovale und multishape Rohre eingesetzt. Vor dem Übergang zum definitiven Material des modernen Rennrads (Carbon) gab es Versuche in Titan. Wie diesen hier.

bit2Einen der extravagantesten Lösungen, das Bititanio, habe ich nun über 10 Stunden am Stück bewegt – bergauf, bergab und auf langen Flachstücken. Es erhielt seinen Namen aufgrund des Versuchs, die Steifigkeit im Unterrohr über zwei parallele Streben statt eines Oversizerohrs zu erreichen, das man bei dem Werkstoff wohl hätte wählen müssen.

Vielleicht war es ein optischer Grund, vielleicht ein technischer. Ein marketing-trick war das kaum. Denn wie sagte Tom Ritchey:“ it is one of the dirty little secrets in the bike industry, that an oversize downtube gives you a billboard  – so everyone immediately knows the name of your bike. And they won’t give that away . .. . .“

bit1Obs der Grund für die Seltenheit des Bititanio ist, einem weißen Wal unter den Rennrädern? Schon möglich, sicher ist aber auch, daß die UCI das Doppelrohr Experiment regulatorisch killte. Die Homologierung der Bauform wurde eben verweigert. Abgesehen vom baulichen Aufwand oder den schön verschliffenen Nähten, die die Fertigung verteuern war das das Ende der bititanios.

Whatever: entscheidend is aufm Platz!

bit3Und da hatte ich mit conti Classic 25mm nicht  zu klagen. Trotz optisch massiver Sitzstreben ist der Komfort am Hinterrad  sehr, sehr gut. Auf 6 bar lief es einfach geschmeidig. Vorne aber verhielt es sich ein wenig anders. Die stiletto gabel dämpft einfach weniger schön als der klassische Typ, und in den schnellen Abfahrtskurven fühlte ich mich nicht so risikofreudig wie gewohnt.

ac6Und bei einem meiner klassischen Tests fiel das Rad eigentlich durch: freihändig fahren . möglich wars schon, das aber nur bei recht hoher Geschwindigkeit, deutlich über 20kmh. Wer dann in der Abfahrt nochmal die SponsorenKappe richten will, oder ein schönes Croissant aus der Tasche ziehen, muß  aufpassen: das Ding schaukelt sich über 40 sehr schnell auf.

ad3ad3Zum Genuß wurde es dann auf den schönen langen Wegen durchs Münsterland, auch weil das häufige Schalten entfiel. Denn, wie es hier scheint, mögen Record Carbon Schaltbremshebel Dauerfrost überhaupt nicht. Oft gelang es nur noch mit Tricks (oder nach Tankstellenpausen) , den Umwerfer zu bewegen, und das lag nicht an der fein eingestellten Schaltung, denn wenns lief, dann wie Vanillesahne durch den Bratapfel.

b21Nur, bittesehr, wer fährt schon Colnago im Winter?

Die Frage die schließlich am Ende eines langen, kalten Tages beantwortet werden kann, lautet: brauchen wir jetzt ein Colnago? Brauchen wir ein bititanio? Ich kann jeden beruhigen, der sich auf die Suche nach einem bititanio macht: häufig ist es nicht. Vielleicht auch eher ein showpiece, so wie es gewisse Kleinserien bekannter Sportwagenhersteller gibt . Wertlos wird es nie .

Aber rein vom Fahrerlebnis ist die Antwort : nicht, wenn man schon ein zwei andere gute Rennräder besitzt. Wieviel vom Mythos bleibt? Das Bititanio ist ein gutes, kein sehr gutes Rennrad, dafür ist es einfach nicht steif etc. etc. genug. Die 90er bieten genug interessante Alternativen, die in der einen oder anderen Richtung besser sind.

Ließe man mir an diesem Abend die Wahl, würde ich immer das unscheinbare Peugeot nehmen.

 

 

 

 

 

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In den Sonnenuntergang reiten

Eigentlich geht die Sonne noch nicht unter. Es ist ein leicht diesiger Tag gewesen, der erste warme Sonnentag im neuen Frühjahr und der Dunst läßt die tiefe Sonne lange vor dem Untergehen rötlicher scheinen, ein mildes Licht  .

as91Das große runde Auge des Motorrads kommt den Hang hinab, mir entgegen, ein Blinker ist gesetzt und die Gänge schalten treppab – 4 -3-2-1 – fast gleichzeitig biegen wir in der Talsenke des Kerkerbachs nach Westen . Ich komme vom Feldberg, das Krad vom Schupbach Marmor her. Es hat einen hellen, singenden Ton, einen blauen Streifen auf dem Weißen Tanks und drei Auspuffe, deren Chrom so glänzt wie die Gabel meines Koga Miyata.  – 1 -2-3- 4

ak3Mit steigendem Ton nimmt es mühelos singend den Hang in Angriff, den Hang der vor mir liegt, die vielleicht letzte einer Unzahl von Steigungen , die ich heute gefahren bin.

Heute, dem sonnendurchfluteten Tag, eine noch kalte Sonne, die Luft immer frisch und tief und die Schatten sind leicht. Der Hang liegt vor mir, der Jubel der Maschine hängt noch lange im Himmel und meine Nase zieht tief den speziellen Duft des Zweitaktbenzins ein, bevor ich wieder Kraft sammle, um diesen kleinen Hügel geduldig zu bezwingen.

ba3Die ersten Wildkirschen blühen, ich habe es gesehen. Staub und Pollen liegen auf den Bremszangen und pudern mattes Aluminium. Der Taunus, ein Land voller Winkel und Bäche und versteckten Dörfern, die man von den Höhen kaum ahnt. Ein Kontinuum von Wellen und Wäldern zwischen Lahn und Weil, Dörfer, die nach kleinen Bächen benannt sind, die immer neue Kerben in das Gestein geschliffen haben.

ak7Es ist kaum vorstellbar, daß hinter dem Feldberg, dessen Gipfelturm immer wieder auftaucht, eine völlig andere Welt liegt. Auch wenn diese völlig andere Welt mit den Landebahnen , Terminals, Bürotürmen und endlosen Siedlungen gerade die Luft anhält. Auch wenn der Taunus plötzlich nicht mehr wie ein pittoreskes Reservat anmutet, sondern wie ein Lebensmodell unter Corona im Alltag.

Und manchmal ist der Gedanke nicht fern : ist diese hier nicht die eigentliche Welt? Aber vielleicht ist es auch nur der Rausch der Frühlingssonne und der Überschwang, wenn die nächste Kuppe genommen ist, die Reserven noch nicht angegriffen sind. Die richtige Welt- die Welt die zählt  – ist hinter dem Berg :unsichtbar hinter einem tannengrünen Vorhang. Dort wird das geld gedruckt.

Die Ahnung, daß es so schnell nicht wieder wird, daß wir den titanischen A380 zum letzten mal haben fliegen sehen – sie geht schnell vorüber –  zu viele Wunder warten noch, zuviel Grün, zuviele Kurven und neue Anstiege.

as8Hier geht es den samstäglichen Gang. Traktoren sind mit der Familie ins Holz ausgerückt, bis Mai folgen noch einige kalte Nächte, für die Brennholz gestapelt wird. Möglich, daß es noch etwas ruhiger als sonst ist. Ungestört folgen wir der Ideallinie in den Abfahrten, rollen Seite an Seite den nächsten Anstieg hinauf.

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Laubach, Wiesbach, Weinbach, Erlenbach, Eschbach, Saubach, Crazbach usw.

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Erst am großen Feldberg wurde es lebendiger, schossen die Motorräder vorbei. Wenn die richtige Welt die Hinterwäldler besucht.

Eine harte Prüfung ist der Feldberg nicht, seine Länge und die mögliche Aussicht machen ihn für Radsportler attraktiv – und so kommen sie bei Sandplacken um die Ecke, die jungen Produktionen und alten Recken.  ak12Schon an der Auffahrt zur letzten Rampe Absperrungen und Verkehrskontrolleure die in wenigen Minuten für alle Motoren schließen werden. Die Pause auf dem Feldberg ist immer ein Moment aufgehobener Zeit, alle staunen, alle haben ihr Ziel erreicht. Auch Du mein Koga. Und jetzt ist Ruhe.

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So verschwindet er allmählich und wird zur blauen Horizontlinie, Welle um Welle rückt er nach hinten, Welle um Welle vergeuden wir unsere Kraft, jetzt gegen den Wind. Keine Zeit, an Seuchen und Notstand zu denken – der nächste Rossmann/Tankplatz ist in Weilmünster, eine Stunde entfernt.

Die Straßen sind frei und Konkurrenten auf 4 und 2 Rädern erfreulich abwesend, auch wenn es der mit Abstand schönste und windstillste Samstag des Jahres ist. Vielleicht hat man andere Sorgen, vielleicht liegt es an der nunmehr geschlossenen Bühne und der unsicheren Versorgung in den Tälern. Ungewöhnliche Zeiten und gottschön.

ba4Auffällig die Häufigkeit alter Nutzfahrzeuge, hier ein Unimog; eine über 60 jahre alte Konstruktion, die möglicherweise viele Milleniumsgeräte übereleben wird. Als das Schmiedehandwerk noch weiterhalf und Halbachsen ewig hielten.

Man kann das wunderbar weiterdichten, nicht als Retroverklärung, sondern als harten, technischen Minimalismus. Genau wie die 6 Ritzel an meinem Hinterrad, die fast unzerstörbar scheinen und mich auch heute wieder über 150km vorwärtstreiben. Überleben und weiterfahren, darum geht’s

as2Wie schön, daß ihr nicht da seid. Nur einzelne Wanderer verlassen die Hauptwege.Auf geht es und wieder hinunter, bis die Kräfte schwinden. Wieder und wieder, jedesmal neu den Rhythmus wechseln und von oben hinunter.  Eine Frühlingssonate , gleich beginnt ihr letzter Satz.

ba5Wie nach der Schule stehen wir an einer Straßenecke und reden über dies und das in der Nachmitagssonne, bevor sich unsere Wege trennen. Ein schwarzes Auto mit foliertem Spruchband auf der Scheibe hält und läßt die elektrischen Fenster hinunter. Der junge Mann darin fragt uns:

„Seid ihr noch gesund? “ . . . .  . Wir wünschen es ihm gleichfalls, auch wenns nicht leichtfiel. Gleich geht die Sonne unter, gleich kommt mir die Kawasaki entgegen.Aber bis dahin sind es noch zwei oder drei Rampen.

 

 

 

 

 

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Der Geburtstag eines Umstrittenen

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29. März; heute ist der 125e Geburtstag von Ernst Jünger.  Vor über 20 Jahren verstarb der Schriftsteller, als Zeuge des letzten Jahrhunderts ist er aber noch so präsent, daß er medial immer wieder zum Thema wird , die Person beinahe mehr als ihr Werk.

Hier eine kleine Fundstelle aus seinem Tagebuch vom 6.März 1942 in Paris. Ein historischer Moment.

“ Mittags mit Mossakowski . . . . Wenn ich ihm Glauben schenken soll, so gibt es in den großen Schinderhütten, die in den östlichen Randstaaten errichtet worden sind, einzelne Schlächter, die so viel Menschen mit eigener Hand getötet haben, wie eine mittlere Stadt Einwohner zählt. Solche Nachrichten löschen die Farben eines Tages aus. Man möchte die Augen vor ihnen schließen, doch es ist wichtig,  daß man sie mit dem Blick eines Arztes betrachtet, der eine Wunde prüft. Sie sind Symptome eines ungeheuren Krankheitsherdes, den es zu heilen gilt – von dem ich glaube, daß er heilbar ist .“

Erkenntnis und Methode.  Wenn nicht alles täuscht, sind wir immer noch/wieder mit der Heilung beschäftigt.

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Mit Fafnir im Hochgebirge – 1 Plagiat

as92Wenn wir in Anbetracht der Tatsache, daß mit dem Frühlingsbeginn die Tage länger werden schon früh in den Wald und also an den Berg fahren um ihn zu bezwingen, nehmen wir uns im Hinblick darauf, daß Rennradfahren wieder länger möglich ist immer noch zu weite Fahrten vor, die über den Tag hinausdauern, die wir in den seltensten Fällen zur Gänze, so wie wir es geplant haben, ausfahren können, und müssen in eine Tankstelle hinein oder auch in ein Haus, das keine Tankstelle ist hinein, weil wir keine Tankstelle erreichen können . . . . .

DSCF9442Sind wir unfähig eine Tankstelle zu suchen, nach einer Tankstelle zu fragen, obwohl es gerade in der Schlucht merkwürdigerweise so viele Tankstellen gibt, daß man ohne weiteres sagen könnte, jedes zweite oder dritte Haus ist eine Tankstelle. Viele dieser Tankstellen sind mir bekannt, aber es gibt noch eine Reihe mir vollkommen  unbekannter, von denen ich bis jetzt nur gehört, die ich aber noch niemals gesehen, geschweige denn aufgesucht habe

as3Allein suche ich aus bekannten Gründen keine Tankstelle auf, aber zu zweien macht mir das Aufsuchen einer Tankstelle unter Umständen immer noch Vergnügen , und das Aufsuchen einer Tankstelle ist oft die einzige Rettung vor dem Zusammenbruch. Es gibt hier so viele Tankstellen, sage ich, weil es so finster ist. Viel Finsternis, viele Tankstellen. Zweifellos sind wir erschöpft, haben uns auch heute wieder zu viel vorgenommen, schuld an der Erschöpfung sein unser rasches ,rücksichtsloses, vor allem gegen uns selber rücksichtsloses Fahren.

as4Wir haben der Ökonomie unseres Fahrens zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.  Wir Fahren und denken, aber denken nicht, wie wir fahren. Vor allem, daß wir zu schnell fahren , während wir denken, wir denken und beobachten unser Fahren nicht. Wir fahren, denken aber nicht, wie in einer immer größeren Erschöpfung. Wir glauben, immer rascher und rascher fahren zu können und immer intensiver phantasieren und denken zu können, philosophieren zu können; ohne zu denken, daß wir nicht rasch sondern langsam zu fahren hätten, fahren wir viel zu schnell und sind dadurch bald Opfer unserer jetzt katastrophalen Erschöpfung.

as7Unser Erschöpfung, sage ich, ich durchaus eine solche katastrophale, wie wir sie fürchten. Wir haben unsere Körperkräfte überschätzt. Angehalten sage ich zu Fafnir: obwohl es in der Schlucht so viele Tankstellen gibt, sind wir im Augenblick weit von der nächsten Tankstelle entfernt, ich glaube nicht, daß wir die Kraft haben zur nächsten Tankstelle zu kommen. Die Natur irritiert uns. Wir waren Stunden in ihr glücklich gewesen, jetzt bedrückt sie uns.

as5Dann ist es auf einmal, als hielte man das Gedröhn des Wassers, hielte die Luft nicht mehr aus, das Gestein, sage ich. Man meint, die Vögel wie Gestein zu Boden fallen zu hören. Gleichgültig in was für ein Haus, ins nächste Haus hinein, sage ich. Alle Häuser sind leer. Der Corona Virus hat sie geleert, die Menschen sind geflohen vor dem Virus, haben sich in die Hütten dort oben zurückgezogen vor dem Virus, sind zum Vieh und zu den Schafen zurück, die sie geborgen halten.  Nicht alle, sagte Fafnir. Die ausgestorbenen Tankstellen verfallen , niemand in der Schlucht interessiert sich dafür. Einmal, vor Jahrzehnten, waren alle diese Häuser Tankstellen. . . . .

as11Es geht keine Eisenbahn mehr auf der Strecke. Morsche Mühlräder, sage ich. In dem ganzen Wahnsinn zurückgebliebene. Nur zweimal im Jahr fällt das Sonnenlicht auf den Boden der Schlucht.  Hier ist es am finstersten, aber nicht, weil es tatsächlich am finstersten in der Schlucht ist, weil diese Schlucht die kälteste ist. Mit dieser Bemerkung hatten wir ein zur Hälfte in den Felsen hineingebautes Mühlengebäude erreicht . . . .

as6Kurze Zeit nach meinem Klopfen wurde uns aufgemacht.

 

 

 

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Two is Company

Frühlingsbeginn,  – Tag 4 : „Two is company – three a crowd . . „ .

Dazu ein Virologe

„Auf Dinge, die schön sind, aber nicht systemrelevant, wird man lange verzichten“.

Das muß nicht sein, denn die systemirrelevante Variante des Radwanderns zu zweit trifft genau in die pandemische Lücke. Auch wenn Menschen, die ihr Rad mittlerweile als sytemrelevant empfinden, immer  häufiger werden.

ab1Es ist angebracht, den Beistand des heiligen Blasius zu erbeten. er ist für die Atemwege zuständig. Genauso haben ein Mannheimer und ich das heute mit den großen , firmamentblauen Rahmen gemacht. Pilgern und Segen einholen. Und an der Luft sein.

Wir bewegen uns unter dem Radar der öffentlichen Beobachtung. Das große AA-Gazelle Stück (RH66) hat ein brüsselblouwes Kleid, eine Farbe die an das dunkle Blau Delfter Kacheln erinnert, mein großes (RH63) Koga trägt die Hausfarbe, bei der ich einen guten Schuß Lapislazulipigmente vermute. Farben, die der Sonne gefallen.

ab15In der Öffentlichkeit schränken wir uns auf Paare und Familien ein, wobei es mit Patchworkfamilien zu interessanten Zwischenmodellen plus Erklärungsbedarf kommen könnte.  Eine wirkliche Ausgangssperre gibt es aber für die erste Frühlingswoche vom 22. März nicht, eben nur eine deutliche Reduktion der Klumpenrisiken die gemäß einem alten englischen Sprichwort  mit „three is a crowd“ definiert sind.

Er beginnt  fulminant,der Frühling 2020; und da alle Klassiker abgesagt sind, sollte man seine eigenen Klassiker fahren. Die Hachenburger Hausrunde beispielsweise.

Diese Runde ist eine Werbefahrt für den tieferen Westerwald, eine Fahrt die  uns Möglichkeiten jenseits von Lusthansa noch DumpingAir zeigt. Solche Ausflüge ins nahe Grün galten lange als nicht ganz zeitgemäß, das kann sich schnell ändern. Über die Festung Westerburg geht es nördwärts bis Hachenburg.

ab4Westerburg erwartet uns mit seinem Viadukt , den die Sonne dunkelrosten leuchten läßt –  so überspannt er das Stadtpanorama. Wir inspizieren die Möglichkeiten der Verkehrswende und von hier, kann ich alle Stadtteile zeigen. Interessieren wird uns heute besonders der ehemalige Bundeswehr Standort. Kamerad mark793 hat hier jede menge glückliche Stunden in der Nähe von Raketen verbracht.

Die Sonne senkt den blick auf die Schwellen. Da sind Zeichen.

ab2 Das Licht bringt uralte Reliefs an den Tag. Ungewollt ist man Industriearchäologe und entdeckt Schriften, die beweisen , daß Gußstahl 100 jahre hält. Stahlwerke sind auf den Schwellen gemarkt, die meisten aus Dortmund oder Bochum.

Jetzt nicht mehr. Was man an Stahlwerken nicht verschrottet hat, wurde demontiert und mit Kokerei in China wieder aufgebaut. Chinesische Kohle oder Pakistanische ist dort eben viel leichter zu verfeuern als hier.  So sind die Sitten.

ab5Dann ein kleiner Blick weiter hinten ins Tal. Auf der Suche nach dem alten Bundeswehrstandort ,von dem man hinter dem Gehölz nur noch Fahrzeughallen und ehemalige Heizgebäude sieht. Die Unterkünfte sind geblieben – der Sperrmüll davor ist wirklicher Sperrmüll.

Kurz salutieren wir im Andenken an den Wahl-Westerburger und ziehen zur Stadt hinaus.

ab6Die Sonne steigt immer noch und der stetige Ost läßt den Aufstieg auf die Kuppen leichter scheinen. Verkehr wie vor 50 Jahren. Jetzt erleben wir das Gefühl eines ruhigen Sonntags noch intensiver – um uns nichts, über uns nichts, der Himmel bleibt ungestört blau, es sind nur die Schaltrollen und das Surren der Kette zu hören

Nur das Zwitschern einer Aluminium-Schaltrolle stört überlaut. Es verlangt nach Öl.  , – Dort hinter der Kurve kommt ein Trödler, der hat das ein- oder andere Tröpfchen sicher beim Sondermüll. 10W40 läßt sich bei 6Celsius noch bestens verpinseln. Voilà, surrend bewegen sich die Glieder.

adom versoDoch dabei bleibt es nicht. Der Container spuckt ein Stück Metallurgie für die Trikottasche aus. Man nennt es Kunstguss, ein Handgießverfahren, mit dem man verzierte Ofenplatten, Untersetzer und andere Stücke fertigte; dieser Guß stammt von einer traditionsreichen Firma, wie die Rückseite zeigt.

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Nennt es Nippes. Aber ein gewisse Tradition steckt drin und die ist haltbar. Es basiert auf einer Technik, die um 1731 eingeführt wurde. Dieses Stück stammt möglicherweise aus der Gießerei Hirzenhain, einem der ersten Buderus Werke. Familie Buderus, deren Expansion das Lahntal zur frühen Industrialisierung verhalf. Tausende aus dem Lahntal dürften in den dieversen Gießereien in Stellung gewesen sein, als das Ruhrgebiet noch ein zarter Keimling war. ab10

Wir ziehen weiter durch das Land der Ascheplätze, Richtung Hachenburg, der stolzen Festung. Die Burg, ein riesiger Kasten, ist schon lange im Besitz der Bundesbank. Mitarbeiter werden darin geschult. In sie setzen wir unsere Hoffnung, dann wird es mit der kommenden Rezession vielleicht nicht ganz so schlimm. Rezession ist an so einem Tag auch ein ganz unpassendes Wort, keine Analysen mehr: Frühling jetzt. Das blaue Band weht im steifen Ostwind. Die Altstadt strahlt – doch auch hier alles geschlossen.

ab8Mittagsrast an der bekannten Tankstelle. Mitarbeiter hinter Plexiglas. Die Cafés werden draußen an der Sonnenwand eingenommen. Es ist auffällig, wie verhalten der Betrieb an dieser sonst so belebten Tankstelle ist. Trauen sie den Preisrekorden nicht?

Eigentlich müßten Motorräder ein- und ausströmen, um sich ins Nistertal zu stürzen. Wir dagegen genießen die Ruhe und Sonnenwärme an der Hauswand und können uns schon auf den Beton setzen. Mit staunen lesen wir den „Test“ über Wolltrikots für Vintagefahrer, unsere Brüder im Geiste

Die Preise für den kurzärmeligen Stoff gehen von 70 bis 170 Euro. Nur ein Trikot ist tatsächlich aus reiner (Merino)Wolle. Die anderen sind sämtlich nur 50/50, im Grunde also keine Konkurrenz. Immerhin braucht man sich jetzt nach nichts anderem als einem ORWI- trikot umzusehen. Aber Obacht: die Tester fanden es ein wenig zu schwer.

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Nach dem Produktsprech (keine Brüder im Geiste) zurück in die Wälder. Geschützt vor dem jetzt böse zuströmenden Ostwind geht es auf und ab, das Virus ist weit weg, genieße die Luft. Nimm die Sonne mit, lasst die Reifen singen. Gute Laufräder sind das halbe Leben. Einige Dörfer Seen und Waldstücke später

ab12

Der weite Blick nach Westen, unten liegt Hartenfels, weit hinten die Mosel und das Siebengebirge. 40 Kilometer von uns ist die Welt blau. Immer noch kein Kondesstreifen, immer noch kein Geräusch , es ist der leiseste Sonntag des Jahres. Weit hinten hebt eine Lerche ab. Und doch ein Traktor , but that’s ok.

Brüder im Geiste. Ciclismo e cosà mentale – wir haben unsere Form gefunden zwischen den Fanboys der UCI, den Rennaspiranten, den RTF Simulanten, den Liegerad Apologeten und Radwegkontrolleuren in ihrem ewigen Kampf gegen das Böse.

ac6Wir haben die Möglichkeit, unter die Pandemie hindurchzuschießen.Wir sind lange gefahren, fast täglich, um so einen Tag über die Hügel und gegen den Wind zu genießen wie einen Spaziergang. Denn wir haben die Form gefunden: ein Rennrad ohne Rennen, Unterlenker, weil es sein muß, nicht weil es schneller aussieht. Gestreckt, weil es auf viele Kilometer die Kraft spart, die man für seine Ziele braucht.

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Wie im Flug ist die zeit vorüber, als die Runde sich an der Molsberger Eiche schließt. Auch die große Gazelle bekommt ihren Segen, ruhig und zufrieden blickt die Madonna  auf des dunkelblaue Champion Mondial.

Wir haben Hunger und schwingen uns wieder in den Sattel.

22.03.2020

 

 

 

 

 

 

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Shutdown und Struktur

Tag 2. : „500 millions de chinois, j’y pense et puis j’oublie . .“

Jacques Dutronc

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Eigentlich ist das ein schönes Geschäftshaus in einer historischen Altstadt. Eigentlich ist es aber dem Strukturwandel zum Opfer gefallen, den die kleine Garnisonstadt seit Jahren bewältigt.

Niemand freut sich darüber, auch wenn alle das unsanierte, ungedämmte alte Haus ganz dekorativ finden, wenn sie mit dem Rad durch die Altstadt flanieren, die sich von ihren Siedlungen doch so unterscheidet. Nur ein Vorgeschmack von shutdown.

ak6Mein kleiner Radladen liegt nur wenige Meter entfernt, schräg gegenüber. Besser gesagt: lag, denn seitdem der einzige Fachmann Altersdiabetes bekam  –  ein Fahrradmechanikermeister als Aufstocker – ist das hoffnungsvolle Startup nach 5 Jahren geschlossen.  Kein Azubi, kein Geselle in Sicht – der Inhaber ist nicht vom Fach. In den letzten 5 Jahren hat er sicher etwas beiseitelegen können, aber Systemrelevanz kann er nicht behaupten.

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Als ich mein KogaMiyata 2015 für Paris-Brest in Frankfurt abholte, stand ich wenig später im Stau. Es war ein schöner Tag, man lustwandelte unter stehenden Blechreihen und kam ins Gespräch. Der  Hintermann war Ladenbauer. Er wollte in eine Mittelstadt des Westerwaldes. Eine Stadt mit historischem Kern und ICE Anschluß.

Über die alte Stadt sprachen wir nicht, allenfalls dient sie als Kulisse.

DSCF9031Denn vor Ihren Toren entstand parallel zu Bahntrasse und Autobahn ein neues Einkaufszentrum, für das Bäche begradigt und Wäldchen (1Eiche = 150 Jahre)  gerodet wurden. Der Zufallsbekannte der A3 fragte nach den Aussichten eines so großen Projekts auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Köln, auch wenn es auf der anderen Seite der Autobahn schon ein Gewerbegebiet gebe;  und ich sagte: gut. Sie wollten es FOC nennen.

Er kannte nicht das Lied vom goldenen Reiter ,es ist schon 40 jahre alt.

Und so kam es. Late Night Shopping und Fußgängerbrücke. Sie hatten einen Parkplatz für 2000. Dann wurden es 3000 neue Plätze und nun, 5 Jahre später – wollen sie 2000 mehr.

ak4Denn so lief das Millenium. Kleinkaufhäuser, Einzelhändler und Fachgeschäfte für die happy few unter den Kunden und den Überzeugungstätern. Kunden stimmen mit dem Auto ab, auch wenn  viele den Verfall der beschaulichen Innenstädte mit verheucheltem Wehklagen bejammern. Sie sind es, die den Verfall verursacht haben. Sie, mit ihren 10 Euro Sneakern.

ac5Nun der shutdown der Geschäfte und dazu vielleicht ein lockdown, also die Bewegungs- und Handlungsbeschränkung wegen Coronavirus. Das italienische Haus schließt, Das deutsche Haus schließt.

ac6Meine Wege kenne ich, die kleinen Haken des Alltags. Meine Routinen, ich fahre sie oft genug, um jede Veränderung zu erkennen. Sie werden kommen.

Die Lerche steigt in den Himmel und verteidigt singend die unsichtbaren Grenzen ihres Reviers. Wir bereiten uns auf den shutdown vor.

Eine Problem dabei,  Versammlungen über 100 Personen sind verboten – nur Märkte für weniger als 100 Kunden existieren faktisch nirgends. Wie sollen die Menschen dann ihr Essen kaufen? Werden die Kaufländer und Globus- und Realpaläste den Zutritt kontingentieren? Werden sie sich anstellen, wie früher beim Berghain, auf Gnade der Türsteher hoffend ?

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Jahrelang wurden wir immer wieder von entsetzlichen Beschreibungen verseuchter, kollabierter und verbrannter sweatshops am Sonntagstisch erschüttert, in denen tausende, anonyme Textil- und Spielzeugproduktionssklaven ihr Leben ließen. Dazu detaillierte Informationen zu Umweltverbrechen aller Art. Wir machten uns unsere Gedanken und vergaßen sie am nächsten Samstag.

„J’y pense et puis j’oublie . ..“

Die angedrohte Katastrophe aber ist: Franchiseketten, in denen Hasi und Mausi das 5 Euro T-Shirt finden, bekommen einen lockdown verpaßt.

ak5Doch der Staat wird helfen, auf daß 10 Fußballfelder, die das Warenlager von KIK Textil bei Unna in die Landschaft fräst, nicht zur wirtschaftlichen Ruine wird. Der Standort muß gesichert werden. Waren wollen gekauft werden, Sklaven beschäftigt.

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Ich kenne die Schleichwege rund um den shutdown, ich besuche die Supermärkte im Schatten der Bilanz und letzte Einzelhändler, die eine lokale Bevölkerung versorgen, die am Monatsende meist zuhause bleibt.   Rundum werden die Klagegesänge anschwellen, nachdem das Naturrecht auf Urlaub am Korallenriff gekippt wurde und die Weltreise auf einem Plattenbau der Meere ins Wasser fiel.  Denken Sie darüber nach.

Dieses Virus hat einen interessanten Nebeneffekt: es macht jedem klar, in welcher Spirale von Komfortgewinn bei schrumpfender Marge die „entwickelten“ Gesellschaften des zweiten Jahrtausends gefangen sind. Welch labilen Fließgleichgewichten der großen Zahl, steigender Containerumschläge und Wachstumszwängen sie ausgesetzt sind.  Wenn ich Tulpen gieße, wachsen sie endlos weiter und kollabieren.

ac4Um im physikalischen Bild zu bleiben: Diese Unterbrechung einer fortgesetzt wachsenden Zahl von Kettenreaktionen aus Verschuldung, Investition und Konsum würde bei Andauer zum meltdown in Teilbereichen degenerieren, und den Zentralreaktor in Gefahr bringen. Ein Wirtschaftsfukushima, dessen Zentrum eine chinesische Provinz ist.

Das System Weltwirtschaft implodiert jedoch nicht von allein, erst zerfällt in dysfunktionale Teile, die kein Ganzes mehr bilden können.  Und dazu reicht eine Unterbrechung der Brennstoffnachfuhr (Consumare: verbrennen!) von nur wenigen Wochen.

Die Wirtschaftsingeniöre weltweit sind viel zu beschäftigt damit, exponentielle Effekte von Ketteninsolvenzen mit Helikoptergeld und anderen Hilfsinstrumenten (der Instrumentenkasten!) gegenzusteuern, um noch über das eingebaute Paradox ihres Gebildes nachzudenken. Wir übrigen sind in den  von uns geschaffenen Strukturen gefangen.

Denn tausende müssen ununterbrochen in ein outlet strömen, damit es sich rechnet. Produktionen laufen im Dreischichtbetrieb – es gibt keine stop taste, kein reset, diese Dinge sind Realität, wenn auch nur der kleine Ausschnitt für Endverbraucher.

ak1Look how they run like pigs from a gun sangen die Alten. Sie fahren immer dichter an mir vorbei, sie hupen mich weg – vielleicht war ihr Nachbar schneller. Ich bin ihnen im Weg, denn die elementare Freiheit ist bedroht: nicht mehr einkaufen können.

ac8Tulpen stehen in Mengen vor den Läden und verblühen. Der Frühling beginnt unaufhaltsam.

 

 

 

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Alle Brücken abreissen

Es ist noch keinen Monat her. Unterwegs mit dem Lauer, neue Kurbel testen, den trockenen, späten Wintertag für ein paar Kadenzen nutzen,.

c2Irgendetwas brachte mich bis ans Ende der alten Bahnlinie . bis hinter den Bahnhof Westerburg. Westerburg, das ist eine ehemalige Kreisstadt der Region. Zwischen Hügeln ragt der alte Eisenbahnviadukt auf, eine Eisenträger-Fachwerk Konstruktion. Nach dem Gesetz der schöpferischen Zerstörung hätte man ihn abreissen müssen, als der Zug stoppte.

In der schwachen Abendsonne leuchten die Träger noch einmal auf.  Stillgelegt – aber er steht noch.

c3Heute, am 16 März  strahlt die Sonne wie noch nie in diesem Jahr und der Weißdorn macht um das Lauer einen Sternenkranz. Wir wissen es noch nicht, ohne es zu wollen sind wir auf Hamsterfahrt. Auf den Feldwegen, die ich üblicherweise in heroischer Einsamkeit überfliege sehe ich plötzlich Menschen und gleich mehrere. Kinder in Gruppen, oder mit Eltern, Wanderer. Jungs auf Mountainbikes. Schulen geschlossen – verordnete Freizeit.

Wer noch in Ruhe einkaufen will, braucht jetzt einen Supermarkt mit kleinem Parkplatz, leicht versteckt, verkehrstechnisch suboptimal gelegen. Also meinen Supermarkt. Alle sind unterwegs, die Schlangen lang, Parkplätze brummen wie ein Bienenstock. Deutschland fährt einkaufen.

c7Ich zeige noch dazu das Bild einer Tankstelle, damit mir der alte, teure Zustand vom letzten Monat überhaupt geglaubt wird.

Diesen Monat haben alle vollgetankt. Das Barrel liegt unter 30 Dollar. Die Osterferien werden mental schonmal gestrichen, oder inländisch verschoben. Geld fließt in die unteren Etagen der Bedürfnispyramide: Klopapier . Heute begann die zweite Hamsterwelle – nach uns der Notstand. Schmalzbezugsschein, Brotmarken und all das Zeug.

c4Das Lauer steht vor der Grillkohle anstelle der Briketts. Frühlingserwachen.

Drinnen erwartet mich ein fast gewöhnlich leerer Supermarkt.(Uff!) Gewöhnlich? Nicht ganz, denn es klaffen ein paar strategische Lücken in den Regalen. Klopapier wird flächig durch Küchenrollen substituiert. Die meisten günstigen Nudelsorten sind weg. Es bleiben die kleinen Packungen mit Edelnudeln. Beim Gemüse sieht es besser aus, alles absolut normal. Nicht so bei Reis und Tomatenmark. Futsch. Frühmorgendlich abgeräumt. Auch im Ketchupregal fällt Ausdünnung auf. Aber das suche ich alles nicht. Erwischt hats mich dann beim Frischkäse und der Milch. Nur die Bioqualitäten jenseits 1 Euro noch verfügbar – aber gerne. Leere Kartons. Im Laden wirds plötzlich voller. Nichts wie weg und einen schönen Tag noch .

c5Ich gab der bayrischen Milch einen Ehrenplatz am Lauer und fuhr durch die sonnigen Felder zurück.

c6Dann stieß ich auf den Besenwagen. Fast alle Busse in diesem Gewerbegebiet kommen aus dem Süden Frankreichs. Sie bleiben nicht lange, es ist ein kommen und gehen, aber immer aus dem Süden, wo diese Karosserien wenig leiden. Hier ist es der Besenwagen einer Jugendradsportveranstaltung im Tarn. Der tour du tarn cadets. Die Busse verschwinden aus der Provence, dem Roussillon und dem Tarn. Neulich noch ein Bus aus Manosque, dem Westerburg von Jean Giono.

Wie er da den ersten Bus nach dem Krieg beschreibt, der die Arbeiter über schmale, frostige Straßen in die Stadt bringt. Reißen die Franzosen die Brücken ab? Sie verramschen einstweilen Busse, vermutlich ist es der Feinstaub. Es gibt von allem zuviel.

DSCF5914Vor 70 Jahren eine Revolution, heute eine Umweltlast. Wie die Brücke in Westerburg. Sie ist einfach zu schön, um sie abzureißen. Aber man könnte auch wieder Gleise verlegen.

 

 

 

 

 

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Unter dem Coronamond

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Wir sollten ein Auge auf die Lieferketten werfen, sprach der Nestlemanager im Funk. Ein Auge auf die Infektionsketten dazu. Aber Lieferketten sind wohl  das, was uns in Zeiten der großen Verkehrswende bewegt.

Aber irgendwie war Verkehrswende und Feinstaub gestern ; bis auf die ganz nebenläufige Information –  in Holland fahre man jetzt maximal Tempo 100-  hat uns wenig an Zeiten erinnert, in denen wir uns nicht wegen ein paar italienischer Nudeln, sondern wegen Euro-Plaketten in die Haare gerieten.

cov1Nach dem Hamstern ist  zur Zeit vor dem Hamstern. Die Idee ist nicht, möglichst viel Klopapiurrollen in eine Ortlieb Tasche zu bekommen. Papier ist ein eher lokales Produkt. Was aber ist mit den Südfrüchten und Gemüsesorten aus mediterranen Ländern?    Die Kette nach Italien könnte schon gerissen sein. Wieviel die Hochregal- lager der Großhändler  als Reserve bereithalten, ist unklar.

Meine kleinen Taschen werden allemal ausreichen, die Familie sattzubekommen.

cov6Möglicherweise retten uns nachlassende Restaurantbesuche die Bestände an Zucchini, Tomaten, Gurken oder anderen Feinkostartikeln.  Sonst heißt es irgendwann wie im Steckrübenwinter 1917 auf Kohl, Wirsing und Wurzelgemüse zurückgreifen. Und Möhren.  Nu ja.

Seltsamerweise bunkert niemand Möhren.

cov4Dann aber wieder: auf was wird man wirklich verzichten müssen? Was wird es zur Fristung des Daseins nicht mehr geben, überhaupt nicht mehr zu haben sein. Weder für Geld noch gute Worte?

cov5Menschen füllen Kofferräume mit Wasser – dabei hat es üppig geregnet, die Stauseen rundum sind gefüllt, das Wasser, unbelastet vom Winter, fließt klar und rein aus dem Hahn.

Die Vögel wecken mich morgens wieder: 140320

 

 

 

 

 

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