Zum Waffenstillstand -100

cendrars.jpgKleine Erinnerung an das Glück des Friedens. Hundert Jahre ist es jetzt her, und weitere hundert dürfen die Waffen gerne schweigen. Hier eine Literaturempfehlung von Blaise Cendrars, einem der ausgezeichneten Zeugen.

Auf Deutsch:

https://www.perlentaucher.de/buch/blaise-cendrars/die-rote-lilie.html

Die rote Lilie ist in der Schweiz erschienen, wurde gnädig rezensiert wie man liest. Cendrars erzählt sein Kriegerleben in der Fremdenlegion ohne jegliche Ausschmückung, Moralreflektion oder Überhöhung. Wie alle seine Kameraden nimmt er die Tage wie sie kommen und versucht, das Beste aus der Ohnmacht der Schützengräben zu machen. Vom Unvorstellbaren eine Vorstellung gewinnen.

 

 

 

Advertisements
Veröffentlicht unter Spleen & Ideal | 1 Kommentar

Mein Enik, Dario und die Anderen

Es gibt unzählige Marken – immer wieder entstehen neue, verschwinden alte. Diese hier soll es nur noch dem Namen nach geben, Fahrräder stellt sie keine mehr her und eigentlich ist auch dieses Rad nicht

ae1

bei Enik in Wenden (Kreis Olpe) gelötet worden. Enik war eine solide Deutsche Fahrradfirma, die seit Kriegsende Gebrauchsräder aller Art herstellte. Im Rennsport hatte man wohl seit Beginn der 1970er Ambitionen und führte  Rennräder im Programm. Hergestellt wurden die Modelle wohl von Beginn an als Auftragslötungen in Deutschland, der Schweiz (mairag) und schließlich in Italien. Der Schriftzug blieb gleich.

aer2.jpg

Im Rennsport sind Namen mehr als nur Schall und Rauch. Gerade in unsren nüchternen Breiten verkörpern sie Sehnsüchte – mit ein Grund, weshalb italienische Namen auf Rennrädern ein wahrer Nimbus umgab. Casati oder Kalkhoff, Guerciotti oder Rabeneick, Masi oder Kotter – der Ton macht eben auch die Musik. Selbst der klangvollste dieser Namen,  Ernesto Colnago, konnte ab einer gewissen Erfolgsgrad nicht mehr persönlich die Lötlampe unter jede Muffe halten. Zeiten ändern sich.

original_basilicoItalien hatte, aufgrund seiner großen Tradition kleiner Vereine und kleiner Handwerksbetriebe, eine in Europa wohl einzige Dichte an Rennrahmenbauern. Viele von Ihnen bleiben anonym, zu klein, um sich den Aufbau einer eigenen Marke zu leisten, was ja Ausstattersponsoring für Teams bedingte. Ein riskantes Geschäftsmodell, mit dem für die Meisten nicht dauerhaft Brot zu verdienen war.

paesaggiogabriele-basilicoBesser war es, sein Heil als Auftragslöter für große Namen oder kleine exklusive Händler zu suchen. Hatte man Glück, so sprach sich das eigene Geschick herum und es stand auch schon einmal ein bekannter Fahrer vor der Tür. Das Auftragsbuch füllt sich;  die meisten aber blieben im Schatten der bekannten Marken -genau so wie Dario Pegoretti.

Dario Pegoretti, einer der letzten seiner Art, ist in diesem Jahr gestorben. DarioPegoretti  hat tausende Rahmen gelötet, die nicht seinen Namen tragen. Als junger Mann trat er in dei Werkstatt seines Schwiegervaters ein und lötete, um sich ein gutes Wochenende zu leisten. Lehrer hatte er werden wollen.

basilico milanoIrgendwann muß Darios Persönlichkeit gesiegt haben. Es kam die Flucht nach vorn:  in eigenem Namen führte er eine kleine Werkstatt mit drei Angestellten, die er jeden morgen mit „lavoratori“ begrüßte.

Metall war sein Element, gemufft oder geschweißt, CroMo oder Alu – alle Techniken hatte er gesehen, alle beherrschte er.  Mehr noch aber die interessiert ihn Dekoration. Pegoretti erkennt – was eigentlich nicht schwierig ist –  daß das herausstechende Erkennungszeichen eines Rennrades Farbe und Dekore sind. Markenfarben sind das Schlachtfeld, auf denen Logos um Aufmerksameit buhlen. Pegoretti dreht das Spiel um.

art-car-by-andy-warhol-bmw-m1

BMW hatte in den 1970ern einmal die Eingebung, seine LeMans Sportwagen jeweils von Künstlern dekorieren zu lassen. Was vielleicht nur als Abwechslung gedacht war, mündete in absoluten Fahrzeugunikaten: ein Lichtenstein, ein Warhol, ein Calder als Automobil. Pegoretti geht weiter – nicht nur ist der Rahmen sein Produkt, er erweitert ihn um den Part des Künstlers. Seine zentrales Motiv zur Dekoration der Rahmen sind Elemente aus Graffiti- und Straßenkunst. Als ein Basquiat oder Haring der Fahrradgestaltung schafft Pegoretti Räder die seinen (oft wenig sichtbaren) Namenszug tragen, gleichzeitig aber das erreichen, was BMWs ArtCars verkörpern.

bdario01Auch bei der Namensgebung geht er eigene Wege. Ein Rad Responsorium zu nennen oder Love #3, klingt mehr nach Songtitel oder Kulturprojekt. In seiner Werkstatt liefen slebstgebaute Boxen an selbstgebautem Verstärker – aus ihnen kommt die Musik , deren Titel er auf Fahrradrahmen übertragen hat.

bdariokitIn der Summe ist es nicht allein handwerkliches Können, sondern die schiere Persönlichkeit, die im Rennrad ihren Ausdruck findet. Es mag einigen als Exzentrik erscheinen, oder geschnmacklich grenzwertig, für einen Einzelkämpfer ist es (auch) eine Frage des Überlebens. Es ist eine Selbstbehauptung in einem Produktfeld, das eben keine Meister mehr braucht, das vom Unikat und der Manufaktur zum perfekten Serienprodukt geworden ist. Pegoretti, der das Fahrrad als Industrieprodukt des alten Europas erlebt hat und den Niedergang der Industrie um sich herum („wir waren das China Europas“) hat seinen Weg gefunden, nicht vom Wandel der Zeit überrollt und in die Anonymität verschwunden zu sein. Nicht ausgelöscht werden- darum gings.

aen1Mein braves Enik daneben: ist eines dieser vielen Räder aus Norditalien, erschaffen von einem tüchtigen Könner seiner Zunft, der wie Bildhauer des Mittelalters in der Anonymität bleibt –  vielleicht ein Romani, vielleicht ein Dancelli, eines dieser gut gemachten, angenehmen Räder im schlichten grauen Kleid.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Mehr Räder, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Appleby

ap1Woher kam dieser Name noch? Aus einem anderen Medienzeitalter, als Serien gerade entwickelt und (sogenannte) Kultserien von staatlichen Sendern produziert wurden. Appleby, Sir Humphrey ist eine zentrale Figur in der britischen Politsatire Yes Minister, die immer noch zu empfehlen ist. Gewisse Dinge werden mit der Zeit vielleicht sogar besser, besonders , wenn die Realität sich müht, sie zu übertreffen.

Yes Minister kann immer noch als Systemanalyse in Zeiten des Brexits verstanden werden. Vorbehalte und Mechanismen der englischen Machtausübung haben sich wenig verändert, manche Übertreibungen wirken in Zeiten populistischer Parolen fast wieder als Untertreibungen. Soweit die rein insulare Perspektive.

ap6Aber Appleby –  Synonym für Scharfsinnigkeit und Realitätssinn – hat ein dunkles, internationales alter ego gefunden. Eine Kanzlei gleichen Namens, die mitten in der Affäre um die Panama Papers stand. Erinnern wir uns? Bevor Flüchtlinge, Geflohene und Geflüchtete begannen, das politische Tagesgeschäft (und im Gefolge das Nachrichtengeschäft) zu dominieren, hatte man da eine ganz große Ratte am Schwanz gepackt.

ap5Eine Ratte, die für die Souveränität der Rechtsstaaten eine weitaus größere Gefahr darstellt und deren Hilflosigkeit gegenüber dem organisiserten Kapitalverbrechen bloßstellte. Eine Ratte namens Steuerbetrug, Hinterziehung, Geldwäsche. Daß die leaks immer noch Informationen liefern, hat das Problem des massiven Steuerentzugs nicht reell gelöst, es folgten (medial) stille Verfahren, die lange andauern.

Vor lauter Nullen begreift man die Größe des Verbrechens nicht. Es ist unvermindert akut, umsomehr, als jetzt zu befürchten ist, daß ein Brexit (bei weiter freiem Kapitalverkehr) Britannien einen einzigen nennenswerten Wirtschaftsfaktor läßt: die Rolle des offshore-Über-Luxemburgs jenseits der EU Konstellation. Bei fehlenden Sanktionsmöglichkeiten.

ap4Ich unterdessen sammle weiter die Früchte der Erde ein: meine Äpfel des Sommers 2018 Vitaminreich, legal, steuerfrei. Appleby.

Veröffentlicht unter Mehr Licht, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Leuchtende Innenwelten

ad0Der Herbst hält Wort. Es geht auf den ersten November zu und das erste Sturmtief trifft ziemlich genau ein, wie angekündigt. Pünktlich mit den Pensionierungsgedanken der Kanzlerin Merkel stimmt auch das Jahr uns auf sein Ende ein.

Der Blick geht zu den Türdichtungen des Altbaus, durch die der Wind nun wieder Bahn sucht. Er geht auf die Regale, wo die Gesellschaftsspiele warten und über die Musiksammlung, die man endlich in Ruhe hören will.Schon ist es dunkel draußen.

Aber noch etwas anderes wartete länger darauf , neu entdeckt zu werden.

d1Wenige Medien haben in ihrer Zeit so viel satirische Energie freigesetzt, wie der Dia-Abend. Der Dia-Abend war einstmals, was heute Urlaubstweests, snaps und -grammin‘ sind.  Für Verwandte und Freundeskreis haben aber heutige Freizeit-erfolgsnachrichten den Vorteil, mit einem Wisch beseitigt und gleich am folgenden Tag der gefühlten Steinzeit anzugehören. Sie müssen nich tlängger als nötig erduldet werden. Für uns ist es völlig ok, jeden Tag hunderte Bilder von Freunden, bekannten, Abteilungsleitern, Vertriebskoordinatoren oder -therapeuten zu sehen – und dann ab in die Tonne.

Das war zur analogen Zeit ein wenig anders. Zum Dia-Abend wurde geladen, der Dia-Abend war eine Inszenierung, ein soziales Ereignis, da stand (auch) Familienehre auf dem Spiel: eine Offenbarung für den inneren Zirkel; dazu eine Spielstättte für Technikbeherrschung, Medienkompetenz und ostentativen Wohlstand.

ad5Zudem: eine rein männliche Domäne, die Zweiteilung Projektor und Herd verlief völlig unstrittig . Möglicherweise ist dieses Setting, das ich hier umschreibe, welches ein so schales und glanzloses Erinnerungsbild von den vielen Abenden erzeugt, an denen höfliche Besucher ihr Gähnen unterdrückten. Es war nun einmal so.

Dabei hat es das Medium nicht so ganz verdient. Es hat Vorzüge, die keine okkulte Zeremonie brauchen, um genossen zu werden. Für Dias reicht ein kleines Stück weiße Wand, eine Zimmerecke, die nicht in der Sonne liegt und ein paar gute Bilder.

ad2Die Betrachter danken es einem mit leisem Erstaunen; denn sauber gelagerte Dias haben auch nach 40 Jahren volle Leuchtkraft, die Blaus,  Grüns und rots kommen in einer Intensität, die Beamer nicht erreichen und auch auf OLED Schirmen nicht in dieser Form.  Seitenlängen von über 1m sind auch in kleinen Räumen kein Problem, Gesichter erscheinen über-Lebensgroß, Personen leuchten fast 1:1 aus der Vergangenheit auf. Die Nähe und Lebendigkeit ist unmittelbar – Die Zeit steht still und wandert nach 20 Minuten wieder in die Kiste.

Es mag tatsächlich so kommen, daß, wie es ein Bekannter meinte, der sich mit  der Reparatur von digitalen Speichern befaßt, von Bilderinnerungen der Millenials fast nichts bleiben wird. Festplatte, SSD, Flash -alles egal : wer Speicher nicht doppelt, verliert.

ad1So konsumistisch wir auch wurden, selbst den affinsten Technikfolgern gefällt eine derartige Selbstauslöschung ab einem gewissen Stadium nicht. Spätestens nämlich wenn man begreift, daß man nur ein Leben hat und am Ende nichts davon erhalten bleibt. Ein guter Projektor und Diakästen sind darum für mich kein Analogfetischismus (digitalisiseren kann man ohnehin). Sie sind der visuelle Faden, der sich bis in die Zeit vor der eigenen Geburt zurückspulen läßt. Gerade verläßt uns die Generation, die dieses Medium erschlossen und zur Massenbewegung gemacht hat; es gibt soviel Dia wie nie und auch wer seine Geschichte damit fortschreiben will, kann noch material finden und es  -immer noch! beim Discounter entwickeln lassen. Nicht wegwerfen.

Die üblichen Modelle sind auf dem Gebrauchtmarkt leicht zu finden, das meiste ist konstruktiv für mehrere Generationen ausgelegt. Es gab sie zu Millionen – zugreifen.

 

 

 

Veröffentlicht unter Spleen & Ideal, Mehr Licht | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Eine Runde Pause vom Wahlkampf

Es ist Wahlkampf.  Auch wenn es gerade ein wenig lauter wurde,  hört man hier nicht gerade viel davon, man sieht ihn eher.

In einer Gegend, in der es der Plakatwerbung immer schwerer hat, ist es  die große Stunde der Parteien. Maximale Reichweite, maximale Plakatierung – ein Subventionsprogramm. Parteienwerbung ist von Produktwerbung nicht grundsätzlich verschieden, nur daß sie dem Ahnungslosen  kryptisch bleibt – denn das Produkt (nicht die Marke) ist nur schwer erkennbar.

Die Die Botschaften sind kurz, sehr allgemein gehalten und wirken beliebig. Da wird geschafft, geleistet, da ist Erfolg und viel Sicherheit gibt es gratis dazu. Wirkt Produktwerbung bisweilen merkwürdig abstrakt  („mach mehr aus Deinem Dach – liberté toujours!“), so weiß man doch recht genau, was dann gekauft werden soll. Beim Produkt „Partei“  bleibt die Frage offen, ob es sich um Absichten, Wünsche oder konkrete Leistungszusagen handelt.

Viel Mehr als den Konsens „für das Grundgesetz – gegen Armut“ scheint es nicht zu geben. Das verwirrt – ich muß dringend eine Runde Urlaub vom Wahlkampf machen

Gut, daß die Sonne scheint und die Landesgrenze nicht weit ist. Das werbefreie Nachbarland liegt nur 2km entfernt. Der Himmel ist  blau, aber die Faserwolken schreiben ein neues Signal: Kaltluft in hohen Lagen. Als ich hinaufsehe ist gerade ein Schock Kraniche durchgezogen – wahrscheinlich genau aus der Richtung, aus der die Kühlluft in unsere Windrotoren fächelt.

Ein himmelblaues Hemd in lang liegt bereit. Es ist aus einem Material, das schon lang nicht mehr in der Sportbekleidung auf der vorderen Bühne steht: dunova. ich mag diese Shirts, die, wie es scheint, vor allem von der Firma Gonso produziert wurden. Der Wollanteil (innen) ist ein guter Wärmespeicher und bannt die Geruchsentwicklung; , das Polyacryl gibt dem Stoff und seiner Farbe Haltbarkeit und Leuchtkraft über hunderte vonWäschen hinweg. KM 0

Wenn auf allen Gebieten das Neueste geprüft und gepriesen wird, warum nicht einmal das Alte prüfen und dessen Eignung preisen (oder seine Unbrauchbarkeit feststellen). Die Enttäuschung vollmundiger Versprechen mit eingebautem Verfallsdatum bleibt einem erspart. Ja, ich eröffne eine neues Berufsfeld: ich bin Altwarentester, ein Don Q der Erhaltungsgesellschaft. Nicht weil ich das Neue nicht mag sondern wissen will, was das Alte taugt. Am Ende seiner Entwertungskurve als „Konsumartikel“ ist es angelangt, es bleibt der sein Gebrauchswert, wogegen alles Neue mittlerweile mit der Ungewissheit politischer Versprechen einherkommt.

Auch mein Vitus-Rad ist nicht neu – es dürfte genaugenommen um die 35 Jahre alt sein und die geklebten Muffen, einst kritisch beäugt, halten hier immer noch meinem Tritt stand.  Das Vitus ist ein Voll-Aluminium-Rad, bei dem ich nur einmal die Gabel tauschte – so wurde es noch ein wenig wendiger. Sonst sieht es aus und fährt sich wie alle guten Rennräder dieser Zeit.

Einen guten Ruf hatte es in seiner Zeit auch nicht immer, dabei verschob die Bauweise tatsächlich alle Konkurrenten auf die Ränge. Man sparte auf Anhieb fast ein Kilo Gewicht, und auch Profis gewannen Klassiker und Etappen darauf. Das Problem: das Vitus zerstörte ein geschäftsmodell aufgrund seiner Bauweise. Als fertigmotiertes Industrieprodukt machte es den Rahmenbauer und erfahrenen Löter schlagartig überflüssig. Genau so, wie es 20 jahre später die Carbonrahmen vollendeten.

Es fährt sich munter und gibt mir bergauf  ein Gefühl von Leichtigkeit. Und hebt mich über die Tristesse der politischen Ebene.

KM10;  der erste nennenswerte Berg folgt nach ein paar Kilometern Einrollen. Er ist Anlaß, endlich die Körpertemperatur hinaufzuschrauben; der Stich nach Winnen, ein harter Haken von 1km200, beginnt  mit 9% und endet mit reellen 17. Die Sauerstoffmoleküle der frischen Luft hier werden oben dringend benötigt. Als Lohn für den gelungenen Anfang hebe ich mir zwei winzige rote Kugeln aus einem gepflegten Vorgarten auf- Äpfel. Der Blick zurück zeigt dem Wanderer: die erste Stufe zum hohen Westerwald ist genommen.

Ich blicke auf das Land Hessen zurück und kann jetzt ungestört von Parteiwerbung meditieren. Es geht jetzt in Wellen südwestlich der Nister nach Hachenburg (kein Gymnasium).

Ein Radfahrer ist einerseeits weit von allem entfernt, lebt glücklich in seiner Solipsismus-Blase, gleichzeitig sieht er alles und nichts entgeht ihm. Er ist ständig mit der sogenannten Kontingenz konfrontiert: dem Straßenbelag, den einsamen Dörfern mit ihren tückischen Ecken. Er und kennt denZustand der Garageneinfahrten, aus denen jederzeit ein tiefergeleges Auto schießen kann.  Der Radfahrer sieht die Menschen und ihr Leben unverstellt. Ich registriere, wenn die Gärten und Häuser unverändert sind, wenn die Sportplätze gemäht und die wenigen Wirtschaften nach Braten duften. Mich trennt keine Scheibe, keine Kabine vom Rest der Welt.

Immer wieder Unterlenker, denn es fehlt ganz deutlich eine Schicht am Leib. Zwei reichen nicht , auch wenn die Volkssender nominell von 12 Celsius sprechen. Jeder Anstieg ist eine Freude, jede Abfahrt ein verhaltenes Zittern. Verkehrte Welt. Vor recht genau 3 Jahren hatte ich mich schon einmal ähnlich verkalkuliert und dann eine zähe Erkältung eingefangen. Heiliger dunova, hilf mir , jetzt und in dieser Stunde.

Ich bin auf meiner Hunderter Runde unterwegs, vorbei am Fallschirmspringerflughafen Ailertchen – heute ohne bunte Punkte in der Luft. Ich folge den Schildern, streife die Imbisse und winke den Motorradfahrern zu.

Dort wo einst eine Chrysler-Simca Werkstatt war, hat sich ein Verwerter mit einem „etwas anderen Kaufhaus“ niedergelassen. Zeichen einer neuen Zeit. Die Positionsgüter meiner Eltern und Großeltern finden keine Erben. Sie landen entweder im Müll oder werden  – wie hier –  zu Schleuderpreisen in aufgelassenen Gewerbeimmobilien feilgeboten. Geschirr, Glas, Porzellan, Möbel, Stoffe und Wäsche: die Aussteuer liegt bereit. Über Geschmack kann man sich streiten, von der Qualität gilt das gleiche wie oben.  Baumwollbattist, ein bayrisches Porzellan  Kristallglas oder Cromargan wird nie besser zu haben sein.

Wenn ich durch die Dörfer streife, erlebe ich den Vorzug von Abwesenheit. Abwesenheit von Franchising, von Wahlkampf,  – von optischem, akustischen und olfaktorischem Dreck sowieso. In positivem Sinne ist nichts los – wir sind im 21ten Jhdt, Licht, Strom, Wasser, Gas fließen wie anderswo auch. Ein internet nutzt hier jeder. Die aufgelassenen Kaufhäuser müssten nicht einmal sein, wenn die Gier nach dem billigen Aufbackbrötchen nicht so groß wäre. Das ist selbstgemachter Strukturverlust.

Als ich das Vitus an der beliebten Kruve unter dem beliebten Ahorn abstelle, höre ich fast nichts – nur ein Geräusch von Ferne: das Tuckern eines Traktors, irgendwo dort unten Richtung  Schafherde.

Der Blick geht rundum übers Tal, wo ein paar Rundballen foliert auf  Verwendung warten, die Bäume werden vom dunstigen Licht bläulich umrissen –  dahinter: die Ecke des Solardachs einer Viehalle blitzt in der Sonne auf. Ancient and Modern, behutsam dosiert. Was man hier sieht ist Natur – keine Wildnis. Jeder ar ist in Arbeit.

Dann folgt der dichte Wald vor Hachenburg. Die Straße ist erst ganz verlassen, plötzlich überall bunte Punkte : eine Kohorte von Spendenläufern kommt mir entgegen. Ich höre auch bergab nicht auf zu treten, weil mir so kalt wird. Gleich werde ich Hachenburg erreichen und dort eine warme Tasse in die Hand nehmen. Die gepflegte Stadt mit ihrem barocken Marktplatz ist stets aufgeräumt und ihr gelingts, einige Besucher  (Herbstferien!) anzulocken, die zwei, drei Eiscafés füllen und mir (Schrittempo) zusehen.

Da ist sie schon  – die Tankstelle meiner Wahl, meiner Herbstrunden und des Frühlingsbrevets 2018. Für sie lasse ich jedes Café liegen, denn Radfahrer haben sehr klare Prioritäten: schnell und gut Energie nachführen. Die begrenzte Stellfläche verhindert Motorradaufläufe oder mehr als 3 parkende PKW, Radfahrer schlüpfen durch die Maschen.

Immer noch erstaunt mich di unbändige Vielzahl an Zeitschriften im Regal, Printmedien genannt. Vier Magazine um Jagd und Wild, sieben (oder mehr) für den Radfahrer.  Die special interest Ecke scheint von großen Abbildungen auf Papier noch leben zu können, auch Anzeigen werden nach wie vor geschaltet. Vielleicht ist gerade bei der Anzeigenschaltung die paywall  für den ernsthaften Verkauf hochwertiger Rennräder von Vorteil? einmal bleibt eine Anzeige ja darin konstant sichtbar, zum anderen setzt ein Kontakt voraus, das jemand eine Radzeitschrift wirklich liest. Kleine Medeientheorie beim Aufwärmen. Kein Tropfen Schweiß am Leib.

Wieder draußen : der Samstagnachmittag in der Kleinstädtischen Peripherie. Einkaufen auf Großparkplätzen, Autos pflegen, Kästen heben, was man halt vor der Sportschau noch erledigen kann. Neu ist dieses kleine Logistikzentrum das mich die Kreuzung fast nicht mehr wiedererkennen läßt. Zurück in die Wälder, raus aus dem windchill. KM50.

Laubwälder, Dörfer, Bäche und Wanderer. Irgendwann habe ich den Bereich meiner Ortskenntnis verlassen und fahre auf Sicht nach Himmelrichtung, verlasse eine Ortschaft über ihr Neubaugebiet „am Sonnenhang“.

Wie überall sind die Dörfer um Einfamilien- oder Doppelhäuser angewachsen, das ist für sie die Chance zum Überleben – oft zum Preis des Pendlerschicksals.  Links über mir  vernehme ich ein insektöses Schwirren. Da steht jemand mit seiner Frau im Garten und hält eine Fernbedienung in der Hand. Die Nachbarn stehen auch im Vorgarten und wir blicken alle in die gleiche Richtung: eine kleine Drohne schwebt 20m über  dem Haus und macht bei jedem Richtungswechsel ein Geräusch wie mehrere Hornissenschwärme. Was würden sie wählen? Keine Experimente.

Ich halte weiter Kurs Richtung Bundesstraße; dabei läßt sich eine Waldpassage nicht vermeiden und mein Glück ist, daß die monatelange Trockenheit absolut jeden Waldweg hat knochenhart werden lassen. Fun, dann wieder Automobile, heimkehrend von den wöchentlichen Einkaufsausflügen.,dann wieder Einsamkeit, Herbstlaub und kleine Vogelschwärme.

Nach der Sonne die Richtung wählen und dann im schützenden Tann anhalten. Es ist frisch unter dem Wams doch bevor ich Isoliermittel suche, muß ich den sicheren Heimweg finden. Unbeirrt rollt das Vitus weiter.

Die Straßen in ihrem milden  Auf- und Ab gleichen sich sehr – plötzlich eine Landmarke erkannt: Hartenfels und sein markanter Burgfried, den ich sonst aus dem Tal anfahre. Also nicht vom Weg abgekommen, vor allem nicht mehr weit von der nächsten, rettenden Tankstelle entfernt – Aral in Steinen.  Ein paar Höhenmeter noch. KM70 :das blaue Glück.

Mit einer Bildzeitung- “ die kauft jetzt niemand mehr“ – bilde ich einen Brustpanzer und erhalte zum Cappuccino plus doppeltwix noch ein wenig geschäumte Milch gratis. Ein Lieferfahrer bringt als retoure zwei Teppiche herein; Er flucht über die unmögliche sprachliche Verständigung mit Kollegen anderer Logistikdienstleister. Die Sonne steht tief, wärmt absolut nicht mehr, aber die Zeitung wirkt. Frisch gewaschene Autos kommen im regelmäßigen Turnus auf die Tankstelle zu.

Irgendwann dann sehe ich bekannte Windräder und rausche durch den Blättertunnel. In den letzten vier Jahren hat sich auf dieser Strecke so gut wie nichts verändert. Ein Verwerter, Logistikunternehmen und zwei Windräder mehr-  das wärs ungefähr.

Ist das Stillstand oder eigentlich schon eine Form von  Fortschritt? Dieses Land ist ruhig und diszipliniert, Müll kaum zu sehen, ein ruhiges und nach außen streßfreies leben. Es gibt mehr Beerdigungen als Taufen in der Kirche nebenan. Als Jugendlicher hätte ich das alles wohl schrecklich langweilig gefunden.

Es täuscht aber, wenn wir denken, es stünde in all dieser Beständigkeit nichts auf dem Spiel.

Am Montag schmeiß‘ ich die bunten Umschläge ein. Gute Reise.

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Übers Land, Mehr Licht, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Vom Lande im Oktober

Man kann das nicht genau beschreiben –  es sind nur Andeutungen.

07

Die kleine Trasse auf dem Höhenzug zwischen dem Salzbachtal und Montabaur war einmal Bahnstrecke und führte mit mäßigen Steigungsgraden zur ehemaligen Kreisstadt Westerburg. Dann hat es sich wohl nicht mehr gelohnt, eine Verkehrswende wurde eingeläutet, die Strecke asphaltiert. Seit vier Jahren befahre ich diese 11km und die Winter haben dem Asphalt nichts angehabt.

02

Jetzt sind die großen Herbsthimmel da und die Stromleitungen nicht mehr besetzt. Die Luft ist frisch und klar und man kann den Unterschied zur Feinstaubzone mit Fahrverbot beim Einatmen spüren: der Sauerstoffgehalt ist gefühlt dreimal so hoch, oder welchen Begriff auch immer Luftreinhaltepläne für diese Qualität verwenden. Es wird eher eine dürre Zahl sein.

DSCF6209

Was man nicht messen kann ist Geruch,  oder besser gesagt Duft. Einer der Vorzüge der Jahreszeit und einer der Vorzüge ländlicher Stellung. Mit jedem Atemzug kommt fließt eine neue Variante von Geruch durch den Körper. Beeren, Laub und Erde. Dazu die  Abwesenheit stüörender Geräusche. So kündigt sich der Vogelzug schon lange an bevor man ihn sieht.

08

Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß  Kraniche diesen Kirchturm aus der Erinnerung anpeilen und als Wegmarke nutzen. Im Fernglas kann ich sehen , wie die tiefe Sonne die großen Schwingen vergoldet. Von unten grüßt sie der kleine Hahn gleicher Farbe.

Und mit ein wenig Einbildung ist auch das Laub golden, das meine schmalen Reifen aufwirbeln.  Auf diesen langen schmalen Geraden lasse ich die Kurbel schnell und flüssig kreisen – nach wenigen Minuten stellt sich ein spezieller Zustand ein, ein echter, ungestörter flow, aus dem nur kurz vom gruß der Passanten aufgetaucht wird.

01

Ich kehre von der Runde zurück ins Tal und beeile mich, letzte Sonnenstrahlen einzufangen. Ein par Äpfel hebe ich auf fürs Abendessen, in der Ferne höre ich die Landstraße mit den heimfahrenden Autos. Sie ist spürbar, entzieht sich aber den Worten: diese andere Qualität, dieses Mehr an Leben, das einem auf dem Land geschenkt wird.  Wir filtern nicht, wir nehmen auf.

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Übers Land, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Drivin Lessons (cap 158)

DSCF5792Die ersten Meter auf dem Rad wird  niemand vergessen. Der Moment, wenn die Räder wie von Geisterhand gerade und immer sicherer rollen, man selbst verwundert auf den Boden sieht und lernt, den Lenker ganz ruhig zu halten, während man weitertritt. Dann ist der riesige Schritt geschafft.

Dem folgen viele kleine Fortschritte,  die das Rad immer weiter bringen und immer schneller machen . Auch wenn es nicht der ganz große Moment ist – immer, wenn ich an einem schönen Tag aufs Rad steige und losrolle, ist etwas neues da. Also etwas, das so grundlegend anders ist als die Existenz eines Haustiers und Fußgängers.

a1Auch wenn die Schritte kleiner werden, den Schwung versucht man immer aufs neue zu erzeugen. Eine weitere Grenze Suchen – vielleicht auch das ein großes Motiv für Brevets und Ultradistanzen. Als ich mich dann mit René Bonn traf wollte ich auch wissen,  wie jemand, der ein Benchmark setzt die kleinen und großen Lernschritte gestaltet hatte.

Denn wir lernen alle durch Vorbilder. Ich bin bereit.

a05Um es gleich zu sagen. Vieles, was ich in meiner historischen Retroaffinität schätze, wurde über den Haufen geworfen. Niemand fährt eine Heldenkurbel um des Heldentums willen . René kommt vom MTB und vom Triathlon, zwei Sportarten die dank Marketing sorgfältig in andere Sparten ausgelagert wurden. Doch hierbei lerne ich, wie Einfälle und Erfindungen diffundieren, die Sparten wieder zusammenfließen.

Screenshot_2018-10-07 Kentaro Omori auf Instagram „Cover art of New cycling Mar 1984 #roadbike #randonneur #mtb #rapha #cam[...].pngDas Mountainbike war, wie man sich vielleicht noch erinnert, der Urknall einer Rad-Epoche. Niemand hatte sie kommen sehen, sie war nicht die Folge einer geduldigen, kontinuierlichen Entwicklung: ein paar mild-verrückte Kalifornier , die enfach neue Formen des Sports suchten, hatten diese neue Zeitrechnung eingeläutet . Tom Ritcheys Interviews geben ein Zeugnis, wie sich ohne Scheuklappen die Möglichkeit der Kleinserienfertigung aus dem Flugzeugbau, Titan und Aluminium aufs Rad übertragen ließen. Man wollte sich neue Welten erschließen und schuf nebenher eine weltweite Bewegung –  denn Übersetzungen von Mountainbikes halfen auch den Untrainierten Gipfel zu erreichen, die sie nur aus Träumen kannten.

a04Ich bin kein Mountainbiker, werde auch nie einer werden – mir gefällt die lineare, gleitende Forbewegung, das Rollen und geschmeidige pedalieren auf dem schönen Asphalt. Eine Geschmackssache. Was ich aber nicht wirklich eingeschätzt habe, ist der Einfluß, den diese Kalifornischen Potheads und die hawaiifixierten Solipsisten auf eine Gesamtentwicklung haben. Und wie René Bonn von ihr profitiert.

René Bonn setzte sich ein Ziel, das aus dem Traum enstand, quer durch Europa ein Radrennen auf eigene Faust zu erleben, ein echtes Abenteuer. Dem Traum stundenlang ohne Ermüdung weiterzufahren, bis zum Horizont. Dafür wählt die technischen Mittel.

a10Technik ist ein Konsumfetisch, ja! , aber wie schon Melvin Kranzberg sagte,  Technik und ihre Entwicklung sind ein gewaltiger Motor der Geschichte, und diese Dynamik gilt auch für Zweiräder. Ohne Satellitennavigation wäre ein TCR nicht möglich. Ohne Mountainbike-Cassetten wären Kontrollpunkte in den Karpaten, Transsylvanien und Bosnien nicht im Traum zu erreichen. Wir lernen etwas über Übersetzungen.

Die ersten fünfzig jahre der Tour de France waren eine heroische Zeit   – aber wider besseres Wissen . „Wir haben uns keine Fragen gestellt.“ sagte mir der über 80jährige TourHeld Cazala, ein Sprinter, der zweimal das gelbe Trikot trug. Wie alle bezwang er die endlosen, oft ungeteerten Pässe mit maximal 24 Zähnen, mit über 3,5 metern pro Pedalumdrehung. Jedem leuchtet ein, daß diese Kraft auf zwei Pedalumdrehungen von 2Metern verteilt bei doppelter Frequenz eine höhere Geschwindigkeit ergibt. Nur gab es weder das dazu nötige Material noch die erfolgreichen Vorbilder-  das Wissen um die ökonomischste Kraftentfaltung.  Und dazu einen falsch verstandenen Heroismus, in dem dicke Gänge Selbstzweck sind. Bonn, der bis zu 40 Zähne am Hinterrad nutzt ist überzeugt, daß mit kleineren Übersetzungen in den letzten Jahren die Geschwindigkeiten am Berg bei Rennen stiegen. Dank MTB Übersetzungen.

Ich sehe zu und lerne.

a03

Ich sehe zu und lerne.

Screenshot_2018-10-07 Kentaro Omori auf Instagram „Cover art of New cycling Mar 1984 #roadbike #randonneur #mtb #rapha #cam[...]Scheibenbremsen sind nicht schön, sie stören die Einfahcheit eines Laufrades, die Harmonie des perfekten Kreises mit den schlanken Felgen. Scheibenbremsen mischen sich ein wie ein unerwünchster Gast, drängen sich in die optische Achse, fügen einen weiteren Kreis hinzu und verwirren durch Kabel und Kleinteile. Aber Scheibenbremsen wirken, sind leichtgängig und sprechen bei Regen sofort an. Auf der Abfahrt kann ich René Bonn nicht folgen, als es steil hinunter über den Flickenteppich der Landstraße geht. Ich kann die  Bremsen kaum halten die Hände sind bis zum Schmerz angespannt. René leidet nicht und hat sein Rad unter Kontrolle – hunderte von Abfahrten lang, sicher und ohne, daß seine Hände verkrampfen.  Wer über 300km am tag fährt, wird den Vorteil spüren. Der Körper dankt es  – das ist der Punkt.

Die technische Komplexität nimmt zu, aber sie bringen eine klare Verbesserung. Das Problem liegt nicht nur auf technischer Ebene. Dazu später mehr, wenn ich die Triathlon-Auflieger begriffen habe. Ein anderes Feld.

a02Triathleten entstammen der gleichen Epoche wie Mountainbiker. Sie kamen aus diversen Sportarten,  sind eher Abtrünnige denn eine Fordes Radsports. Ende der Achtziger Jahre entwickeln sie für den Fahrradwettbewerb eine neuartige Körperhaltung, der einer Gottesanbeterin gleicht. Sie wird durch zwei Metallhörner erreicht, die auf Rennlenker montiert werden. Beim Race Across America 1986 ist ein erstes, selbstegbaute Exemplar zu sehen. Dieser eigenartige Fortsatz, den wir als triathlon Auflieger kennen,  geht in die Geschichte des Radsports spätestens mit dem Tour de France Sieg von Greg LeMond  1989 ein. Er gewinnt das abschließende Zeitfahren  – und welche Gründe auch immer  Laurent Fignon bewegt haben darauf zu verzichten: es dürfte der größte Fehler seiner Laufbahn gewesen sein.

a08René Bonn hat genau wie die Überzahl der Transcontinental Racer nicht auf die Dienste des Triathlon Aufsatzes verzichtet, der in diesem Rennen zwei Vorzüge vereint: seine Aerodynamik wirkt ab 25kmh und ist zudem praktischer Gepäckhalter. 25kmh wirken auf den ersten Blick nicht schnell und der verringerte Kraftwaufwand ist sicher nicht hoch. Auf den ersten Blick und den ersten hundert Kilometern. Bei einem Rennen ohne Peloton und über mehrere 1000km sieht das ganz anders aus, dort addieren sich Sekunden zu Minuten und Stunden.

Und wieder lerne ich – dazu reicht eine kurze, kurvenarme  2km lange Abfahrt. Bonn zieht mir, dem schweren alten Mann, rollend Meter um Meter davon ohne einen Pedaltritt zu tun – ich kann mich krümmen wie ich will. Unten werde ich über 300m verloren haben. Der Triathlon Aufsatz ist auch 30 Jahre nach erfolgreichem Einsatz ein spezielles Ausstattungsteil. In Rennradmagazinen ist er selten zu sehen – außer bei speziellen Zeitfahrmaschinen.

Die Geschichte seiner Ablehnung durch Fignon ist eigentlich so bezeichnend, daß sie unter einem neuen Aspekt erzählt werden kann.

a09Fignon führt also die Tour de France am Tag vor dem letzten Zeitfahren an . Das Zeitfahren ist kurz – um die dreißig Kilometer. Auch wenn LeMond der bessere Zeitfahrer ist, dürfte der Unterschied auf dieser Distanz zu gering sein, um Fignon den Sieg zu nehmen. Die Strecke ist flach, ohne besondere Schwierigkeiten. Angeblich hat Fignon schon seit einigen Tagen ein Sitzfleischproblem, aber auf einer halben Stunde kann das nicht mehr entscheidend sein – all things being equal.

Für mich gibt es da eine Erklärung, die in der Diskussion um um die 8 verlorenen Sekunden nie gefallen ist.

a06Man weiß, daß die Mannschaft um Fignon und Guimard den Tria-Aufsatz erprobt hatten, aber nicht wirklich, warum sie sich gegen dessen Einsatz entschieden. LeMond dagegen hatte nichts zu verlieren – nur alles zu gewinnen. Ihn als Sieger wegen eines neuartigen Hilfsmittels zu disqualifizieren ist heikel, ihm als Zweitschnellsten eine Zeitstrafe aufzubrummen kein Risiko. Dann ist man halt Zweiter zuvor. Um Fignon kursieren seit diesem Tag Gerüchte, die diese 8 Sekunden erklären wollen.

Guimard und Fignon kannten sich seit Jahren, das Renault Team von 1984 war am technischen Fortschritt nicht nur interessiert, sondern machte als erstes Windkanaltests  mit Fahrern und Maschinen.Der faktor aero ist bekannt, daß ein Triathlon-Lenker einen so eklatanten Vorteil bieten wird, offensichtlich nicht. Dabei gibt es heute daran keinen Zweifel.

a11Ich denke, man hat das Ding einfach unterschätzt, vor allem aber hat man diesem spin-off einer amerikanischen Randsportart mit (zugegebenermaßen) oft eigenartigen Leuten nicht getraut, nicht nur weil es von der falschen Seite kam, sondern auch weil es den gesamten Aspekt, eine typische Haltung veränderte.  Ein rein psychologischer Grund also, der zur Entscheidung führt, die Tour nicht zu gewinnen.

Vielleicht konnte da einfach nicht sein, was nicht sein durfte: 100 jahre Tradition konnten nicht irren und noch Heute Jahrzehnte später tauchen die Auflieger nur als Sonderzubehör für die merkwürdigen Radfahrer auf, die auch noch Laufen und Schwimmen können. So ist es halt.  Mountainbikemagazine beschäftigen sich mit Mountainbiken, Triathlon nur mit Triathleten und Rennräder sind ausschließlich für echte Rennfahrer: genauso funktioniert es heute noch, dreißig jahre später lassen wir uns gern noch Scheuklappen aufsetzen.

DSCF6157Was ist also die Summe? Daß Synthese der richtige Weg ist. René Bonn praktiziert alle genannten Sportarten und wählte aus ihnen, was ihm nutzte. Und so entsteht das aktuelle Rennreiserad, eine Maschine mit Scheibenbremsen, Carbonlaufrädern, Tubelessreifen und Mountainbikeschaltungen. Eigentlich das perfekte Werkzeug für alle, die nicht aktiv um Kriterien oder Rundkursmeisterschaften fahren – die meisten also.

Ich sah und habe gelernt.

Aber wie das so ist: am Ende möchte ich  von all diesem Fortschritt nichts. Das ist das Privileg des Alters. Mir widerstrebt die Komplexität, das „Draufgesetzte“, so wie ich heutige Formel 1 Autos mit ihren seltsamen Fortsätzen und Flossen nicht mag. Ich fahre nicht um Ergebnisse, ich will ein schönes Rad, mit dem ich meine Ziele erreiche. Das ist eine ästhetische Entscheidung, mit deren funktionalen Nachteilen ich leben kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Spleen & Ideal | 7 Kommentare