Das große Sonnenrad – ein Osterausflug

Kaum steht die Sonne über dem Horizont, grüßt mich ein rätselhaftes Rad, eine metallische Skulptur, die an eine Sonne erinnert, deren Strahlen nach innen weisen . Es ist nur die riesige Gußform eines speziellen Getriebes. Ein technisches Denkmal, das wie das Emblem eines heliozentrischen Sonnenkultes auf der Verkehrsinsel steht..

Mein schlichtes Zahnradgetriebe treibt mich mit seiner Kette voran. Es ist ein recht kühler Ostersamstag,  die Wolken und das milde Klima hat ein recht scharfer Nordost fortgeblasen. Er treibt mich nach Süden über die Hügel in die große Rheinebene. Ein leichter Start. Von meinem Idyll aus nähere ich mich heute großen technischen Stätten und sozialen Utopien der Moderne. Ein Besuch am Wendepunkt, am Schnittpunkt von Neckar und Rhein.

Mein blauer Eisvogel überquert die Lahn. Heute werde wir lange Geraden abspulen, im Unterlenker gegen den Wind arbeiten. Der große Stern wird meinen Schatten zeichnen. Letzte Woche waren es Hügel, Steigungen und Abfahrten (und Graupelschauer) mit dem Eisvogel, jetzt werden die Ebenen zeigen, wie gut wir harmonieren. Es gibt kein ideales Rad, es gibt eine kleine Bandbreite, in die sich der Körper einpaßt und stundenlang rollen kann.

Wir durchstreifen bukolische Schafsweiden. Nach dem goldenen Grund bei Camberg warten die letzten Wellen des Vordertaunus, hinter Heftrich die Senke von Neuhofen, dann der letzte Anstieg

vor den Obstgärten von Igstadt. Die Ebene liegt weit vor mir, erste Silhouetten von landenden Flugzeugen sind auszumachen. Fast ein Jahr hatten sie Pause – wieviel davon könnte man recyclen? Es gab ein Zeitalter der Ozeanriesen, vielleicht auch eines der Urlaubsflugzeuge?  Ich höre einen gewaltigen Männerbaß, der über die Felder schmettert, während sein Hund vorausläuft und Fährten sucht.

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In Mainz wartet das große blaue Band – schon sind drei Stunden herum, der Wind ist gnädig, wie man an der Rauchfahne erkennt.

Die Blütentupfer werden immer häufiger, die Sonne wärmt etwas mehr – bald werde ich den Weißdorn riechen. Ein sehr sanfter, honigartiger Geruch der Insekten völlig betrunken machen muß. Rheinhessen ist ein großes Sonnenbecken.

Der Eisvogel hat leichtes Spiel, ich gebe ihm die Sporen

Noch ein paar Laubengärten und Weinberge, alles wendet sich dem Himmel zu.

Hinter Guntersblum.  

Dann naht die Rekordstrecke – das weiße Band nach Worms. Auf meinem Hinterrad habe ich eine 7fach Kassette montiert, mein Kettengetriebe hat 3×7 Übersetzungen,  die von 14 bis 28 reichen. Damit endet die Kassette einen zahn über dem potenten 13er, aber wie sagte schon Jan Janssen: es wurden viele Sprints auf dem 14er gewonnen. Hier hilft es, die Stufungen der mittleren Ritzel enger zu halten, eine harmonischere Entfaltung ist möglich…

Auf der langen Chaussee nach Worms gehe ich in den Unterlenker, der Fahrgang mit 18 reicht bald nicht  mehr aus,  sobald ich lang genug in der hohen Frequenz bin gehe ich auf 16. Die Beine gewöhnen sich an die Mehrlast, passen sich an, langsam und gleichmäßig werden sie sogar schneller.

Noch ein dutzend Kilometer bis Worms und ich lege die 14 auf. Was soll ich sagen: es klappt, ich kann den Gang flüssig ziehen, Wind dreiviertel hinten, Gelände eben, tiefe und lange Position. Nur die Ampel kann mich noch stoppen. Solange es geht, muß man es machen.

Ein zwei mal wiederhole ich das Spiel, dann kommen die Bauten der Industrie, flattern die Fahnen der Gewerbeparks . Worms in lockerem Trab in der überhellen Sonne, die alles bleicht.

Mein Begleiter wartet schon auf dem sonnenüberfluteten Parkplatz vor dem Drogeriemarkt, der seinen Eingang mit einer Art überdüngter Frühlingsmotivik aufgewertet hat. Die Maiden tragen wieder geflochtenes Haar.

Schnell entschwinden wir über das Nibelungenportal auf die sichere Seite des Rheins.  Es geht in leichtem Trab und munterem Geplauder durch die Felder auf  Mannheim zu.

Wir treiben unsere primitiven Maschinen über die Felder

Wir nähern uns  durch die schlichten, frühantiken Schattenmuster der Holzzäune den Vororten

 Kurzer Halt an einer kleinen Kapelle, deren schöne Holztür und die goldunterlegte Marienfigur im Giebel  einen gewissen Kontrast zur Umgebung bilden. Es ist kein Zufall, wenn Elektroräder durchs Bild fahren – wenn einfachste Verrichtungen hochkomplexe Apparate verlangen, sind wir in unserer Zeit angekommen.

Dabei hatte es mit der Moderne ganz anders begonnen. Die Befreiung vom Schweiß des Angesichtes, von der Fron hinter dem Pflug, der Last der Mehlsäcke und Backsteine, die Glut der Öfen . . . . das war es doch! Das große Versprechen.

Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden Siedlungen, für ein sauberes, helles und freies Miteinander. Die aus der stickigen Enge kleiner Kemenaten und dunklen Stiegen ans Licht  führten.

Direkt an einem See stehen diese Hochhäuser mit Blick auf den Odenwald. Etwas weiter geht diese verkehrsberuhigte Welt in eine flächigere, Struktur von Riegeln und Reihenhäusern über,. Soliden Häusern in massiver Statik.

Und relativ zentral liegt die Schule meines Gastgebers,  vor 50 Jahren ein hochmodernes Gebäude, innen gefliest, mit Laborräumen und Werkstätten. Alles auf einer Ebene, alles gedacht, um Bildung und Fortschritt zu vermitteln. Ein säkulares Paradies vor den Toren Mannheims.

Heute verfällt das Gebäude, die Stahlmatten schauen durch den Beton,  der hunderte Jahre halten könnte. Nicht so hier: man wird abreißen. Das Dach sei zu schwach gewesen, Solarkollektoren zu tragen. Die solide Moderne wird von einer Postmoderne abgelöst, deren Verfallsdatum niemand benennen möchte.

Die Sonne strahlt geduldig auf alles hinunter, auch auf uns (unfreiwillige) Archäologen der Moderne mit ihren gar nicht so baufälligen, 40 jahre alten blauen Rädern.   

Durch die Vororte rollen motorisierte eskapistische Fantasien – seien es schwarze Pickups mit bärenstarken Motoren,

seien es rote Boliden für die Welt jenseits von 300 Kilometer in der Stunde. Fort, fort nur fort von hier.

Als wir die Stadt am Neckar wieder verlassen, werden wir bald Zeuge, wie sich das große Abwenden vollzieht. Wir folgen dem Neckar.

Bald endet die städtische Bebauung, die große Schule, in der ein Wasserturm integriert ist bildet ein letztes Bollwerk.  

Den Wasserturm der ehemaligen Glasfabrik aber umkreisen die Krähen, die Farbe bleicht und blättert. Hier stellten sie schon für Ludwig den XIV Spiegelglas her. Schon länger nicht rentabel. Zierpflaume und Forsythie sind über die volle Blüte hinaus.

Der Parkplatz vor dem Motorenwerk der Daimler Benz AG ist leer und ungepflegt. Die Daimler AG zerlegt sich gerade selbst und muß den Großaktionären aus Qatar und China Dividenden ausschütten. Wie ein Fronbauer dem Herrn den Zehnten entrichtet…

Das Verwaltungsgebäude der Roche Pharma ist ebenso  dem Abriß preisgegeben, wie das Schulgebäude der Siedlung. Nur aus der großen Papierfabrik kommt noch Dampf, auch wirken die Urgebäude aus Backstein dort noch belebt.

Zum guten Ende noch -wie unberührt  – ein intaktes Modell der großen, starken Moderne, die gerade hinter uns liegt dieser lange Verwaltungsriegel und davor die allmächtige, definitive Werksuhr. Die Zeiten ändern sich gerade sehr schnell, hier könnt ihr es sehen.

Was in der Theorie als schöpferische Zerstörung besungen wird, braucht in der Wirklichkeit ja auch den Widerpart, etwas, das Anstelle tritt. Das Neue, in dem sich eine Fortsetzung des Wissens und der Kenntnisse findet. Eine Kontinuität. Hier aber sehenunsere Augen vor allem Brüche, das Ende einer Geschichte ohne den Anfang einer Neuen. Den Industrielandschaften folgen Brachen, eigentlich immense Grabfelder eines Gesellschaftsentwurfs .

Nach unserem Abschied geht es für mich weiter gegen den Wind. Dem Rhein diesmal auf der Gegenseite folgen, um nicht die bekannte Wormser Strecke abzufahren.  Dafür muß ich mich schön lang machen, auch wenn manchmal die Auen Schutz geben: Birkenpollen färben die Reifen grün. Es ist ein ganz eigenes Fahren, das Fahren gegen den Wind. In einer Position bleiben, die Kraft mehr von hinten holen, weil man ja etwas länger sitzt, nur die Knie können noch etwas variieren, der Tritt mal schiebender, mal mehr von ganz oben. Ganz anders als am Berg arbeiten die Muskeln . Kurz wieder nach hinten rustschen. Weiter.

Und dann sehe ich mich der definitiven Fata Morgana der Moderne gegenüber: einem realen, vollständigen, wenngleich stillgelegten Atomkraftwerk. Der Radweg paßt gerade noch zwischen Rhein und Kühlturm hindurch. Die große weiße Utopie der gezähmten Sonne. Hier steht es, das Großdenkmal eines Sonnenkults, der zu große Opfer verlangte.

Mit einem mulmigen Gefühl am Zaun vorbei . Strahlung oder Aberglaube?

Ich mäandere mit dem Rhein weiter nordwärts, wobei der Wind mich aus Nordost her spürbar einbremst. Gleich kommt Gernsheim, ein eintöniger Ort in der Ebene, dann sind es immer noch 25 km bis Groß Gerau, weit über eine Stunde bis zum Main. Das wird mir zu spät- nach Einbruch der Dunkelheit will ich nicht im Großraum Frankfurt unterwegs sein.

Also wähle ich einen Lift mit der Regionalbahn: um 18h 40 sollte ich in Niederrad aussteigen können. Tausende Fahrzeuge stehen auf einem Parkplatz bei Groß Gerau. Frankfurt: Der weitere Weg  ist bekannt, die Sonne geht erst gegen 20h Sommerzeit unter.

Die Bewohner der westlichen Vorstädte flanieren wie ich längs der Autobahn und in Hofheim werde ich an der „total bonjour“ Tankstelle letzte Energie einholen. „Radtour gemacht?“ ,fragt mich der junge schlanke Mann an der Theke? „ich habe jetzt auch ein E Bike..“ Die Blüte der Jugend ist kurz.

Mit leztem Sonnenlicht stehe ich gegen halb neun auf der Heftricher Höhe, vor mir zeichnet sich in der Ferne die heimische Horizontlinie ab. Die Kalorien sind zur Stelle, gleichmäßig schnell beende ich die letzen 50 kilometer, habe die Position auf dem Eisvogel gefunden, wir sind uns einig.

Nach 14 Stunden passiere ich das große rostige Rad – es ist nichts anderes, als das riesenhafte Abbild eines Zykloidgetriebes,  keine Sonne, sondern ein Spezialteil, mit dem sich die Bewegungen von Robotern besonders gut steuern lassen.  Denn ihnen gehört die Zukunft.

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MerzGewitter über dem Viadukt

Wild Westerwald Ways Reprise ( 27012021)

Die Bastelei zog sich über Wochen hin, auch wenn nichts aus China geordert werden mußte. Um einen Koga Fullpro Rahmen „team Capri Sonne“ von 1981 zu einem bergtauglichen, Allzweck Brevetrad aufzubauen, waren ein paar kleine Tücken zu überwinden – Kleinigkeiten

Es ist ein gewisses Restrisiko dabei, wenn an ein Rad Teile kommen, die so nie zusammengearbeitet haben. Was aber heute ein Ding der Unmöglichkeit ist, kann in den 70ern und 80ern noch spielend bewältigt werden. 

So zieht ein Shimano Friktionshebel einen Campa-  Umwerfer , der andere bedient ein Suntour Schaltwerk. Die Kette läuft von einer 3fach Campagnolo Rennkurbel  auf ein klassisches 7fach Shimano-Ritzel. Die japanischen Bremshebel wirken auf späte französische Eingelenkerbremsen . . . Fast jedes Anbauteil hat einen unterschiedlichen Hersteller und doch passt alles zusammen, arbeitet reibungslos  – vom ersten Meter an.

Was in Zeiten prioritärer Insellösungen immer schwieriger wird, war bei Fahrrädern  jahrzehntelang üblich: der modulare Aufbau, bei dem ein Rahmen nur die Grundlage bildet.In der Sprache unserer Zeit ist es etwa so, als hätte ich ein Smartphone aus Samsung , Apple und Huawei-Elementen verlötet.

Und nun geht es auf die Erprobungsfahrt unter Gewitterzellen. Das Wetter schwingt um, das Wetter ist großartig. Dreimal werde ich mit Hagelfronten rechnen müssen, dreimal werden sie kommen.

Unschuldig blau wie das Rad ist  die Luft im Anstieg zu den höheren Lagen des Westerwald.  Ich trage noch Winterausrüstung; über zwei dünnen Wollpullovern eine Daunensteppjacke und darauf erst die Softshell mit den Rückentaschen.  In meinen (leichteren) Winterstiefeln stecken zwei wollene Paar Socken, die Wolle fühlt sich auch vollgesogen weder kalt noch nass an.  

Hinter meinem Sattel wird die kleine Hecktasche als rudimentäres Schutzblech wirken, das meinen Hintern vor dem Schlimmsten bewahrt. Wesentlich wichtiger als der Rest.

Der Taunusblick zeigt, was vom Tag zu erwarten ist. Merzgewitter folgen mir.

+++ Den Feldberg dort hinten schneit es jetzt voll  ++++

Der Westwind hat mich ordentlich hinaufgeschoben, die wärmende Sonne aber verschwand bald. Entscheidend ist: bis oben warmgefahren zu sein, dann, nach zwei Stunden, schreckt mich kein Wetter mehr. Schließlich schiebe ich das Rad unter Windböen über den Viadukt in seiner majestätischen Einsamkeit.

Unter mir fließt die Nister, die heute tintenschwarz wirkt. In der Luft grummelt es, erste Tropfen werden vom scharfen Wind auf meine Wangen geblasen – es ist Zeit, wieder aufs Rad zu kommen.

Im Vorbeiziehen nicke ich ein paar alten Zugmaschinen zu, stürze mich in den nächsten Hang und erreiche, als der Kern des Schauers spürbar wird, den rettenden Eingang im Dorf. Irgendwo ist immer ein Dach.

So ziehe ich Stück um Stück weiter: immer ein Auge auf die Wolkenformationen, den abziehenden Schauern ein zufriedenes Lächeln hinterher, mein erwartungsvoller Blick zu hellen Fransen am Horizont.

Aber es kommt noch ein zweiter Guß, wie angekündigt – zu früh gefreut.

Endlich Hachenburg in strahlender Sonne. Rechtzeitig für die Büchersuche und willkommene Kalorien. Dazu gut für die kurze Trocknung der dampfenden Wäsche. Die rote Zelle füllt sich bedenklich. Mit trash vor allem.  Heute dabei: ein Kolportageroman über die Bundesliga von 1974 und ein Radreiseführer über Alpenpässe – Auflage 1991. Historisches Bergfahren. Ein kleines wetterfestes buch mit Zeichnungen und einem dutzend Bildern, handlich und übersichtlich und ein guter Anlaß einmal zu vergleichen.

Die darin empfohlene Übersetzung  gleicht auf den zwei großen Blättern tatsächlich der, die ich hier rund um die Nister fahre: 52 /42. Man empfiehlt für das Stilfser Joch 42×26, für den Jaufenpass 42×23. Es ist schwer zu sagen, für welches Publikum dieser kleine blv Führer Ende der 1980er verfaßt wurde: wir müssen davon ausgehen, daß es sich um eine überschaubares, sehr trainiertes Feld handelte. es gibt keine Namen von Ausrüstern, Rädern oder effektvolle Doppelseiten. Der Name Hinault auf der Straße zum telegraphe ist noch nciht verblaßt: la vie claire 1986.

Die Zahlen zum Ötztaler –  dem Urahn aller Bergmarathonveranstaltungen. Für das Timmelsjoch werden 42×23 als möglich gesehen. Die Kompaktkurbel war noch lange nicht am Rennrad angekommen, der Ötztaler Radmarathon war bis 1990 eine Veranstaltung von weniger als 1000…heute werden die 4000 Teilnehmer ausgelost.

Hier am Koga arbeitet dagegen ganz innen ein lächerlich kleines 30er Blatt, das ich gern am Fuß der Anstiege einsetze. Die Frequenz bleibt so  recht locker, zum anderen läßt das meinem Körper Zeit,  Blutdruck und Herzfrequenz besser aufzubauen, nicht so plötzlich liefern zu müssen. Das halte ich für einen Jahrgang vor 1970 nicht für unsinnig .

Immer wieder die grünen Wellen hinabsurfen.

Der Anstieg nach Kroppach erfüllt mit Gegenwind alle Erwartungen an eine unangenehme Steigung, die nicht enden will. Der Trost sind die Schauerfahnen im Blick zurück. Aber es kommt noch was.

An der Siegener Straße liegt ein stattlicher Baum gefällt neben der leitplannke. Der durchgesägte Stamm leuchtet hell und gesund.  Nach welchen Regeln geschieht es ? Alle 50 Jahre? Man möchte gern glauben, daß von Fachleuten entschieden wird.  Der Wind bläst kräftig von vorn, der Unterlenker liegt gut in der Hand, es wird nicht lange bis zum nächsten Schauer brauchen, bleigrau baut sich die Regenwand auf – aber vorher sollte ich mein geheimes Zwischenziel erreichen…

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Denn ich suche einen Verschollenen in einem dieser Täler. Einen, der lange auf den Brachen unterwegs waren, die West und Ost trennten. Einen Spezialisten für verlassene Güterbahnhöfe und ausgestorbene Botschaftsviertel rund um den Potsdamer Platz. Einen Photographen aus Berlin der nun über 70 Jahre zählt.  . . .

Hier sind zwei Bilder von den Hansa Studios, die von ihm, Hans W Mende stammen. Eines Tages verschwand er in den Westerwald, Raum Altenkirchen, irgendwo hier, nur wenige Kilometer entfernt. Ich hatte einen Tip übers Festnetz bekommen. 

Dann komme ich ins Tal, an dessen Ende das Dorf liegen sollte. Es gibt lange schon keine Telefonbücher mehr. Die Eltern von Helmut Newton kann man  im Telefonbuch der Stadt Berlin finden, 1932. Das 21te Jahrhundert zeichnet alles auf – aber was wird aufbewahrt? Mendes Telefonnummer jedenfalls nicht. Hier, in diesem Dorf wird es jemanden geben, der ihn kennt. „Fragen sie meine Frau“, sagt ein Mann, der gerade dabei ist, einen kleinen Stall auszumisten. Die Schubkarre ist gleich voll. Am Haus finden sich Schilder mit lustigen englischen Sinnsprüchen. Als ich den Eisvogel an einer baufälligen Bank abstelle, fängt es an zu graupeln, kleine, leichte Kügelchen  wie aus Styropor prasseln auf mich ein und die Tür öffnet sich. Um mir den Weg zu zeigen, tritt sie in den Schauer hinaus und zieht sich die grüne Kapuze über…

Der Briefkasten stimmt. Es gibt eine Klingel.  

Aber Mende ist nicht da, nur seine Nachbarn. Sie werden mir weiterhelfen.

Mende steckt irgendwo in berlin fest, in den Erinnerungen an Mauern und Brachen (1978)). Ein andermal werde ich  mit ihm über den Westerwald und die Bilder reden.

In Altenkirchen hat das kleine Eiscafé geöffnet, aus dem Graupel ist ein Schauer geworden, die Straße ist leergefegt an einem Samstag um 15h. Die Häuser der großen Einkaufsstraße sind propper. Zwei von drei Schaufenstern stehen leer

Oder umgewidmet. Das Musikaliengeschäft wegen Krankheit geschlossen, die Innenstadt von Altenkrichen ist sauber, aufgeräumt , solide und ausgestorben. Ich stehe auf einer der neuen Brachen, die gerade entstehen.  Nur der kleine Italiener widersetzt sich tapfer der Flut.

Die Welt zerfällt nicht mehr in Ost und West wie es scheint. Online ist die neue Mauer,  sie wird jeden Tag höher.

Wenn die Papierfabrik im Tal schließt, sieht es hier in zehn Jahren aus wie in Wittenberge oder anderswo. Erinnerung 2005: Wittenberge, Veritas Nähmaschinenfabrik, vormals Naumann, vormals Singer (arisiert). Rathaus wie Charlottenburg, nur etwas kleiner. Stolze Bürgerschaft. Zwei junge Filmschaffende diskutieren über die richtige Größe bei Armani Anzügen und jammern über die vielen Statisten, die sie noch für den Film in den Werkshallen finden müssen. Wittenberge hat einen ICE Bahf , an dem Kanzler Schröder beschimpft wurde. Altenkirchen eine Kleinbahn.

Einen Film über Altenkirchen wird es nie geben ,auch wenn Claus Lauer die feinsten Räder Deutschlands gebaut hat – ich besitze eines und kann also Werbung machen

Die nasse Straße gleißt in der Sonne als ich das kleine Zentrum des Westerwalds verlasse. Vier große Landstraßen und eine Bahnlinie treffen sich, mein Weg ist die einsame Landstraße.

Aus dem Wiedtal  über die alte Chaussee heraus. Es geht gemächlich aufwärts.. Was mag Mende gerade machen ? Neue Abzüge von den alten Brachen? Neue Abzüge von den Grenztürmen hinter dem Kanal?  Um Berlin wird man sich immer kümmern, berlin wird immer ein Rätsel aufgeben Es. ist zu groß, um vergessen zu werden, es sind zuviele unglaubliche Geschichten  geschehen. Altenkirchen dagegen . . .

Noch eine Kirche, ein kleines Dorf, dann ist das freie Land erreicht. Keine Verdichtung, parzellierung, Verdichtung. Suburbia ist weit, der Wald nah. Ich bin voll und ganz auf dem Land, das seit den letzten Wochen viel an farbe gewonnen hat. Es ist kühl, frisch, aber der Winter ist vorbei, in dieser nacht wird die zeit  umgestellt, die Sonne geht auf einmal kurz vor 20 uhr unter.

Auch wenn die Chaussee kaum befahren ist, sie nur eine einsame grüne Landstraße ist, die durch den gerupften Wald führt,  sind mir die Nebenwege lieber. Jetzt folgen die Dörfer aufeinander, Tal um Tal Hügel um Hügel.  Riegel einnehmen und das Trinken nicht vergessen. Das Auge prüft immer wieder den Horizont. Die großen Märzwolken sind davongezogen, nur noch leichte weiße Wolken verlaufen sich am Im Westen  und die Luft ist noch reiner, klarer, als ohnehin schon. Vorfrühling.

Hier kann ich besser in die Schuppen sehen, die Dörfer von der Feldseite anfahren. 

Umwerfer rauf, Umwerfer runter, die Kraft reicht  für einen improvisierten Gravel Abschnitt . Alle Adepten dieser Sportart kann ich nur sagen: diese Meter kosten Kraft. Hinüber zur Landstraße, wieder den Asphalt in den Reifen summen hören.  Dazu der Schlag der Drosseln, die ihren Frühling besingen, die Rufe der Bussarde, ihr  ewiger Streit mit den Krähen.  Schuß ins nächste Tal.

Vorüber am nächsten Steinbruch, Kurs auf den nächsten Kirchturm. Grüne Wogen mit Andeutungen von Farbe.  In der nächsten Woche werden die Farben explodieren…

Manchmal grüßt man zwei, die sich an einer Ecke unterhalten, sonst ist es ruhig. Der Hochwasserbehälter ist Zeuge der letzten Anhöhe vor der großen Stadt.   

einen Monat später rolle ich fast auf die Minute in Montabaur ein,  während über mir Besucher einer Shopping Mall über eine Fußgängerbrücke verlassen. Sie schleppen ihre Beute zurück zu den Parkplätzen,

Die Tankstelle, faßt die mit ihren blauen Dekorationselementen das Rad passend ein . . . Genug Kraft für die letzten 25 Kilometer. Ganz unbemerkt zeigt sich ein Gast, der  die meisete zeit hinter den Schauerfahnen des Merztage  verborgen blieb.

Der volle Mond .

 

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Für die frühen Vögel Wild Westerwald Ways 280221

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Der 28 te Februar ist ein besonderer Tag. Es ist der Tag der meisten Geburtstage – hier feiern auch alle, die im Schaltjahr geboren sind. Für den ersten Geburtstag des  200 Kilometer „brevet“ Wild Westerwald Ways ein guter Termin: mit Vollmond! Und eine Sonne, die zuverlässig am Horzizont aufgeht. Die Himmelskörper stehen also in der richtigen Position.

Und so fand die Jungfernfahrt der Westerwald Runde von Monduntergang bis Mondaufgang statt. Ende Februar ist es anfangs recht frisch, aber die steigende  Sonne wird es gleich richten, die Vorhersage der vergangenen Tage trifft ein.

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Noch über die Lahn setzen und dem Eisvogel hinterherstaunen: das bringt Glück. Vom weitläufigen, absolut coronasicheren Parkplatz in der kleinen Stadt geht es  los .

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Es müssen nur die Räder schnell aufgebaut werden. An der Wahl von drei Kettenblättern erkennt man: es werden Höhenmeter erwartet – zu recht. Etwas mehr als  2500 sinds, alle gut verteilt. Das typische Profil eines kleinen Mittelgebirges.

Zwei Mitfahrer hatten sich definitiv angesagt, drei wurden es  –  den Verwegenen, die dem Ruf in den Westerwald folgten, winkte ein kleines Startgeschenk. Es ist eine gutes Prinzip, Gelegenheiten nie verstreichen zu lassen . . .

8h – auf gehts, immer der Lahn entlang, südlicher Grenzfluß des Westerwalds,

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über dem ein bekannter Dom liegt.

Wer in den Westerwald will, muß den Weg nach oben  finden. Über dem Nebel wartet die Sonne, die den Reif bald verscheucht haben wird. Es ist ein recht sanfter Anstieg und stetig ist er auch. Lange habe ich gebraucht, um ihn in dieser talreichen Gegend auszumachen,  der Einstieg in die kommenden 200 Kilometer soll nicht entmutigen.

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Ganz  allmählich lassen wir den Taunus hinter uns und folgen nordöstlich dem Lasterbach, ein kleiner Fließ der sich durch die Wiesen schlängelt.  Diese Strecke bin ich unter allen erdenklichen Wolkendichten entlanggefahren, heute sind die Verhältnisse kristallklar, die Rotoren der Windräder auf dem Kamm grüßen.

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Über zehn Kilometer geht es  immer ein Stückchen höher, immer etwas weiter  in die Ruhe dieses Samstagmorgens auf dem Land. Aber nicht alles läuft harmonisch. Schon an der ersten Steigung reißt es die kleine Gruppe auseinander.  Koffeinmangel? Wir tanken nach.

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Keine Besserung beim Mannheimer und als wir nur wenige hundert Meter vor dem „Paß“an der Krombachtalsperre sind , wird klar, daß es nicht so weitergeht. Ich ermutige, wenigstens noch diese Höhe zu nehmen, denn er will schon umkehren. In der Sonne Rat halten . Sobald der Puls wieder unten ist,  kommt die Luft auch zurück.

Dahinter rollt es sanft weiter nach Rennerod. Das geht im Standgas, vielleicht fängt der Mannheimer sich.  Aber vergeblich – sobald die Straße sich neigt, zeigt ihm das System die rote Flagge.  Was nach Einrollschwierigkeiten aussah ist wohl ein tieferes Problem.  Bitter für ihn und für uns.

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Vor Rennerod prüfen wir noch ein gutes Stück vereisten Waldweg; auch 23mm Reifen bewältigen solche Abschnitte, wenn die Steuerkünste stimmen. Und beim Frankfurter Bub stimmen sie.  Es geht über den letzten Schneerest.

Schon ist die frisch aufgefüllte Krombachtalsperre (Campingflaggen, Wochenendhäuser) umrundet und wir bremsen erst am Café Mühlenbäcker. Nicht um zu genießen, sondern um Abschied zu nehmen.

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Kurzes Gruppenfoto, denn gleich zieht der Mannheimer heim. Das 66cm Koga-Prologue dreht ab nach Süden. Solche Unternehmungen gelingen nur, wenn der Körper völlig fit ist. Bleiben nur noch drei, der Frankfurter Bub, der Letzeburger und ich. Der Letzeburger, das ist Boris .

Er macht aus seinem Trainingsrückstand keinen Hehl, warum auch. Aber er hat vorgesorgt. Sein Brevet –allzweckrad, das schon den eisigen Transcimbrica 1200er bewältigt hat, ist eine perfekte Autarkiemaschine. Wo wir nur leichtes Zeug dabei haben, führt der Letzeburger sein Haus  mit sich. Anders wir, aber die Sonne kompensiert die leichtere Ausrüstung mehrfach.

Schnell geht es über die Landtraße 255, die monoton über die Hochebene führt. Autos weichen uns aus, wir sind gut sichtbar. Schon in Höhn entschwinden wir der Rollbahn und tauchen erstmals ins Nistertal ab, um gleich wieder in den Gegenhang zu wechseln.

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Dann sehen wir ihn, den großen Viadukt. Noch ein paar Meter durch den Wald und wir sind da.

Drei Räder im vollen Sonnenlicht über der großen Nister. Manchmal weht eine Pollenwolke Haseln übers Tal oder die Rauchschwaden von einem Feuer.

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Es ist ein spezieller Moment, nur das Rauschen des Bachs und in der ferne der Motor eines kleinen Flugzeugs. Als würde man in der Luft schweben…  Auf der anderen Seite des Tals nehmen wir wieder Fahrt auf. Es geht aufwärts nach Hachenburg.

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um die 70 Km : Hachenburg

Wieder Beute an der roten Bücherzelle. Murakamis Epos namens Kafka am Strand. Die alten und billigen Bücher bleiben. Mit Murakami wiege ich 400 Gramm mehr, was sich verkraften lässt. Wichtiger ist jetzt konkrete Energie. Unter 10 grad braucht unser Körper erheblich mehr davon, allein um die Eigentemperatur zu regeln. Vor allem stehen jetzt ungefähr 70 kilometer ohne größere Versorgungsmöglichkeit an. Körpertank und Taschenfüllen angebracht.

Verkehrsgastronomie 1 – Die rote Tankstelle.

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Während wir in der Sonne cappuccino genießen halten wir Rat.  Ab hier teilen wir uns also auf, Boris hat volles Verständnis. Eine Fahrt Anfang Februar folgt auch bei Sonne anderen Gesetzen als ein Sommerausflug . Unter Randonneuren ist es ok, getrennt zu fahren, wenn die Geschwindigkeitsunterschiede zu groß sind. Wir haben alle unser navi dabei, niemand wird den Wölfen des Westerwalds anheimfallen.

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Nun also zu zweit. Den Frankfurter Bub (er heißt Klaus) kenne ich von zwei Treffen  – unser Tempo sollte harmonieren. Wer die 3fach Kurbel für eine Rentnerlösung hält, darf gern folgen. Klaus beherrscht meisterhaft die geschmeidigen Übergänge vom größten aufs kleinste Blatt. Denn jetzt geht es noch zwei , dreimal zur Nister hinunter, an Marienstatt und Kroppach vorbei, immer auf- und ab, nicht zweistellig, aber kurz davor. Das zehrt auf Dauer Kraft, ständig wechselt der Rhythmus.

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Klaus meint sogar , die Ecken zu erkennen – aus einem Besuch vor über 20 jahren. Seitdem hat sich hier auch nicht viel verändert .D

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Der heftigste Schnitt in die Landschaft ist das massive Fichtensterben. An allen Hängen hektarweise gerodete Plantagen: da wird sichtbar, wie klein der Anteil von „echtem“ Mischwald ist. Der Wald ist nackt, lieber Camper!

Hinter Kroppach werden die Flächen fruchtbarer – mehr Weiden , mehr Wind und wir arbeiten uns langsam zum Beulskopf hoch. Es zuckt und beinahe passiert es: Krämpfe in beiden Oberschenkeln kündigen sich wie Blitze an. Schnell trinke ich die Geroslteiner Flasche, bevor die Muskeln definitiv zumachen. Auch im Winter, wenn kaum Durst zu spüren ist, verlieren wir Mineralien. Es hilft. Große und weit breitet sich das Land in der Sonne aus, mein schneller Gast ist sehr zufrieden.

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100km oder so: Sehr kurze Rast mit Erinnerungsbild am Beulskopf, dann ein großer Bogen nördlich von Altenkirchen, den Birnbach hinab und bis zur Mündung des Puderbachs. 

Unsere  Maschinen laufen, die Gespräche laufen, die Sonne scheint mild in den späten Wintertag .. es macht glücklich und ein wenig stolz, den Westerwald von dieser Seite zu zeigen, dieses gebiet,das ich gerade erst erschlossen habe: eine sanfte, einsame, aber gar nicht öde Landschaft, in der  ein Dorf aufs nächste folgt Vom hohen sind wir in den milderen Teil gekommen. Traktoren beim Holztransport, Menschen beim Feuermachen. Das Leben an der Luft beginnt wieder.

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Diese Luft bring schönen, frischen Sauerstoff, der Lungen und die Muskeln durchströmt. Wie es der Trainer sagte: Je mehr wir fahren, desto besser binden die Zellen den Sauerstoff, desto besser schöpfen wir die Kapazität unserer Lunge aus. Es ist nicht nur Sport, es ist auch eine Prävention gegen die dritte Welle. Hier, am 28. Februar ist sie nur eine statistische Möglichkeit – aber die Statistik hat uns in der Corona Krise nie  im Stich gelassen

Verkehrsgastronomie – Teil2 mit Feldstudien

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Die Tankstelle in Herschbach an km 150 gab es schon, bevor die Umgehungsstraße gebaut wurde. Es ist eine freie Tankstelle, was bedeutet ,sie gehört nicht zur Handvoll globaler Unternehmen, die sich den Markt aufgeteilt haben.  Solche Tankstellen sind ein Kosmos der Privatwirtschaft, der um eine Wohnhaus herum die Einheit von Werkstatt, Schankwirtschaft  und  Brennstoff bildet. Kurzer einen Stopp in der Nachmittagssonne, um schnell ein paar Kalorien zu finden. Im Verkaufsraum stapelt sich der Tabak bis an die Decke, türmen sich Energydrinks und Alkoholika. Ein kleiner Kühlschrank brummt vor sich hin. Wir klemmen uns zwischen die ein- und ausströmenden Kunden.

Die Sonne wärmt und wir dehnen uns. Autos kommen und rollen weiter -sie halten  für Sprit oder Zigaretten oder Alkohol oder alles zusammen. Ein frischgeduschter schwarzer Golf stoppt vor der Zapfsäule, darin ein junges Paar. Sie auf dem Beifahrersitz, blondes langes Haar leuchtet in der tiefen Sonne, vor der sie eine große Brille schützt. Er springt hinaus nachdem sie ein paar Worte gewechselt haben. Dann blickt sie.. gelangweilt vor sich hin. Gleich danach ein silberner kleiner Wagen mit der bunten Aufdruckfolie eines Physiotherapeuten. Eine junge Frau in Legging und Turnschuhen steppt heraus, ihr dunkles Haar schwingt, als sie zur Zapfsäule geht. Sie grüßt kurz. Ein halbes Snickers später hält etwas weiter ein  silberner Familienkombi.  Auch die Beine dieser Frau stecken in schwarzen Leggings, der riesige weiße  Pullover wölbt sich lose über die Figur, der ich ohne zu zögern dreißig Kilo Übergewicht zuschreibe. Sie wird mit zwei Packungen Zigaretten zurückkommen, von denen sie eine an den Beifahrer weiterreicht. Drei gleichalte Frauen, eine Tankstelle in der Provinz. 

Was sie wohl über zwei graue Männer denken, die frühen Vögel  im Westerwald? Als wir aufbrechen verschwindet hinter den Häusern eine Gruppe Kraniche nach Nordosten. Traktoren stoßen blaue Wolken in den Dorfhimmel.

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Nun folgt ein Hügel auf den anderen. Grobe Richtung Montabaur, alle Bachläufe liegen jetzt quer zum Kurs. Nach jeder Abfahrt heißt es kurz aufs kleinste Blatt und wieder Schwung holen, wieder den Rhythmus im Anstieg finden.

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Die Oberahrer Berge fordern uns und belohnen uns.

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Verkehrsgastronomie – Sterneverleihung bei Aral

Wir ziehen weiter in die immer tiefere, gelbe Sonne. Montabaur erreichen wir  in einer langen schnurgeraden Abfahrt kurz nach  Sonnenuntergang.  Bei Aral das fortgesetzte Schauspiel des Samstäglichen  Mobilitätsgipfels. Aber auch ein kulinarischer Höhepunkt. Dem Klaus überlasse ich das Lachsbagel mit Sesam und riskiere ein mediterranes Putenbaguette mit heißem Kakao. Nachdem der (tiefergelegte) schwarze AMGMercedes  die Spur seiner Reifen in den Beton gebrannt hat, verlassen wir  den Drei-Sterne ort der Verkehrsgastronomie. . .

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Kakao wirkt schnell. Die letzten 20 kilometer führen im gealopp durchs Gelbachtal, das wir ganz für uns haben. Dann noch ein Anstieg und zu allerletzt ins Lahntal bei aufgehendem Mond. Der Kreis schließt sich nach 200 Kilometern. .

In Balduinstein kommen wirwieder ans Lahnufer, der kleine Pfad knirscht unter den Reifen, der Vollmond ist so gut, auf den letzten einsamen Kilometern zusätzliches Licht zu geben.  Wir reisen von Mond zu mond und verabschieden uns : müde und mit der Welt zufrieden.  

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Mein Covid, Dein Covid – Mitte Februar 2021

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Sonst war es im Winter immer so: die Weihnachtsferien enden, die Schule beginnt und eine Woche später kreisen die Infekte, ob man will oder nicht. Meist harmloses Darmgrollen oder eine Erkältung mit hohem Verbrauch an Taschentüchern.

In diesem Jahr nichts dergleichen, seit dem Herbst schon. Kein Husten, keine Triefnasen, kein Desinfektionsspray gegen den Norovirus in allen Bädern. Dafür eine Menge Masken und Abstandsregeln und noch wirksamere Antiseptika. Die allgegenwärtige Pandemie. aff03

Dazu ein echter Winter. Konstante Minusgrade, Niederschläge, Schnee über Wochen und scharfer Frost mit  Streusalz. Hunderte Kilometer bis zur Erschöpfung und bei Minustemperaturen. Das Training lief gut für die kommende Saison. Sonst war es nach dem Ruhetag immer schon etwas kritisch, mehr Schlaf muß den Körper vor einer Niederlage gegen Infekte bewahren. In diesem Jahr nicht. Müde schon, nicht krank. Ja, man ist schon über ein halbes Jahrhundert dabei.

An einem Dienstag aber spürte ich auf einnmal kaum Lust auf  die kleinen Intervalle, mit denen ich sonst den Morgen würze, vor allem in der Steigung hinter Niedererbach. Ich ließ die Steigung aus. Am Mittwoch ging es dann auch im Flachen nur mit einer gewissen Gequältheit im  Entspannungsgang über die Felder. Ein Gefühl wie Gegenwind, aber ohne Gegenwind.aff1

Der Donnerstag war ein wundervoller Tag, trocken, fast zweistellige Temperaturen und sonnig, schöner kann es rund um Isselbach nicht sein. Ich lasse den Anstieg zum Höchst mit Gang 1 angehen, was ok ist, Lunge nimmt Sauerstoff auf, aber die Beine tun fast weh, so, als hätte ich gestern die Muskulatur ungewöhnlich ermüdet –nicht wie ein  Muskelkater, nur einfach ein müder blöder Schmerz. Eigenartig. Also in ganz zurückhaltendem Rhythmus mit Gang 2 den Berg hinauf – wohl drei Minuten länger gebraucht. Das ist eine Welt, das ist Stillstand… af4

Die Sonne ist fantastique, es ist Mitte Februar und ein erstes Gefühl von Frühling liegt in der Luft, die Haseln lassen ihre blassen gelben Blüten pulvernd in der Sonne baumeln. Und ich bin  absolut nicht auf der Höhe des Wetters . Aber sonst alles in Ordnung, das Leben ist schön. Morgen besser eine Pause . . . .

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Zwei Tage später kehre ich aus Marburg zurück. 170 Kilometer, gutes Wetter –  es hat lang gedauert. Ich bin müde, sehr müde ,ganz eigenartig erschöpft. Weder der  Tee noch die Spaghetti wollen dem ausgepumpten Körper schmecken, fast mit Widerwillen nehme ich die Kalorien auf. Trotzdem finde ich lange keinen Schlaf – der Puls bleibt zu hoch, so um die 60,  aber es ist noch etwas ,das mich hindert, irgendetwas geht nicht in den Leerlauf, irgendetwas ist in Alarmbereitschaft. Irgendwann schlafe ich ein und der morgen ist schön.

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Am Montag bleibt meine Tochter im Bett – sie hat Kopfschmerzen und fühlt sich einfach schlapp. Bei mir geht es einigermaßen, aber der Dienstag wird schwer. Wie jeden Tag nehme ich  viele Vitamine, Karotten, Paprika Bananen und sehr schön saure Mandarinen. Alles wie  immer. Nur eben absolut keine Spritzigkeit. Dienstags eine Siesta, leichte Kopfschmerzen. Ich habe nie Kopfschmerzen, außer vor Jahren, bei einer immensen Stirnhöhlenentzündung. Diese hier sind nicht weiter schlimm, aber eben merkwürdig.

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Mittwochs beim Aufstehen fühlt der erste Schritt sich gut an, ich habe den guten Geschmack im Mund, den, wenn ich mich gut erholt und frisch  fühle . Und so ist es. Der Pedaltritt ist plötzlich so viel leichter – man glaubt kaum, im selben Gang gestern  unterwegs zu sein. Donnerstag nehme ich den Höchst mit Vorsicht – aber die Kraft ist eindeutig zurück, das blaue Koga läuft, alles läuft.

Meine Vermutung hatte ich Montag, aber spätestens Dienstag, als die Kopfschmerzen kamen –  das könnte Covid gewesen sein – vielleicht  eine der Mutanten, von mir aus B 117, was weiß man. Eben: man weiß je eigentlich nichts, die Verläufe seien ja unterschiedlich, es gibt ein unendliches Geraune, die Mutanten sind unter uns. Das war halt mein Verlauf. Oder eben nicht. af2 Mache ich einen Test?  Einerseits :Wo? Andererseits : Wozu?  Kinder gleich mittesten?  Ganz ehrlich – was hätte man davon? Es waren in der Familie nicht einmal die Hälfte von Symptomen betroffen. Die Gewißheit,  Covid überstanden zu haben? Ich hätte ja nicht einmal etwas von einer Impfung – wenn Sie mir denn angeboten würde. Mit einer Impfung kann keiner  Geschäfte öffnen. Ein Test macht nur Ärger, vor allem, wenn alle sich völlig normal fühlen, völlig normal leben. Wenn dann nicht einmal eine Impfung Vorteile bringt – wozu dann die Mühe eines Tests, schließlich gibt’s den auch nur gegen Geld und Termin.

Wenn ich Corona hatte und es jetzt vorbei ist: umso besser für mich. Das wird jeder denken, der es hinter sich hat. Wenns etwas anderes war – dann freue ich mich über die Impfung, jederzeit gern . Aber es gibt nicht mal einen vagen Plan . Da ist nur Desinformation und Ärger für alle, die Corona mit sich tragen, so ein bisserl krank sind und dann auch noch laut „hier“ rufen.  Niemand fragt Dich und ohne Nachweis glaubts Dir keiner . .

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Ich schreibs einfach auf, damit man weiß, wie das im Februar war, als das große Schwimmen begann.

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Lippenbekenntnisse der TechNostalgie

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Eigentlich wissen wir ja, wie die Dinge unseres Alltags entstehen. Schön finden wir es nicht, aber es ist halt der Lauf der Zeit. Produkte sind fast ausnahmslos industriell- wie sollte es auch anders gehen. Ausnahmen bestätigen diese Regel nur.

Wie allzuvieles, umgibt auch das Fahrrad diese gewisse Obskurität globaler Herkunft, seit der europäische Kontinent nur noch Versandkartons öffnet.  Rahmen und Komponenten entspringen der Magie eines Konfigurators, den Rest erledigen Vertriebsorganisationen in hübschen showrooms – wenns etwas mehr sein darf. Trotz der leuchtenden Oberfläche unserer Bildschirme, die jedes winzige Detail einer Schraube erhellen, bleibt die Herkunft der Dinge recht dunkel.  

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Wir sind gespalten: Einerseits beten wir  Kreativität, Handwerk, Genie an, andererseits besitzt die Leuchtkraft eines globalen Markenlogos die viel höhere Potenz– die Umsätze der Branche sprechen eine harte Sprache. Einerseits geloben wir Nachhaltigkeit, Achtsamkeit und erhöhtes Bewußtsein – und tun am Ende wir nicht viel mehr, als Müll zu trennen. Es ist doch das Lohngefälle, Dummilein . . .

Manchmal gibt es einen kleinen Lichtstrahl und spezialisierte Zeitschriften erwähnen noch die Helden  und Ritter der individuellen Fertigung, die letzten  ihrer Zunft: die Rahmenbauer. Irgendwo sitzen sie am wärmenden Feuer ihrer Lötlampen, geschwärzt vom Ruß harter, ehrlicher Stahlarbeit.

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Doch sie sind kaum mehr als ein dekoratives Element im Meer des neuen Fahrradbooms. Randfiguren, an denen sich hin und wieder unsere Technostalgie erfreut . . .

Wir happy few, das affine Publikum, das eine Wahl hat, sehnen uns auf allen Gebieten nach Haptik, dem Authentischem und guter analoger Arbeit. Aber unverdrossen stecken wir dann tausende in (zu mehr als zweifelhaften Umweltbedingungen erzeugte, schnell alternde) Carbonteile, statt in die verehrte, solide und äußerst nachhaltige Schöpfung eines Rahmenbauers. Denn wenn es darum geht, schnell auszusehen, nicht schnell zu sein gibt es keine Tech-Nostalgie mehr. Bei ihren Spielzeugen machen die neuen Biedermeier ernst mit dem Fortschritt.    

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Das ist die Wirklichkeit und sie boomt. Ein Spielverderber, wer da die Trauben zu sauer findet. Unsere Technostalgie ist ein Lippenbekenntnis.

Gleichzeitig sind ausgerechnet jene, die unsere höchste Achtung verdienen auch die, die am härtesten dafür kämpfen. Die Meister ihres Fachs, keine austauschbaren Lohnknechte, echte Könner arbeiten oft unter Mindestlohn, wenn man genau rechnet. Denn ein guter Rahmenbauer zu sein ist ein sehr harter, langer und riskanter Weg sein Leben zu bestreiten – für das Mittelmaß ist schon lange kein Platz mehr. Die anderen stehen im Überlebenskampf des Lohngefälles, auch wenn ihre Maßarbeit kaum mehr als ein konfiguriertes Plastikspielzeug kostet. Die Frage nach der Würde überlasse ich dem Leser.

Aus den Staaten finde ich eine etwas ältere Quelle (Rivendell Bike Works ) , die das ganz gut zeigt. Der  Interviewschnipsel , den ich hier übersetzt habe, macht die mikroskopischen Größenordnungen deutlich, in dnene auch einer der renommiertesten amerikanischen Rahmenbauer arbeitet. Mark Nobilette. . .

Auszug aus einem Interview der kalifornischen Marke  Rivendell (2014)

Mark Nobilette

 Rahmenbauer aus Colorado  Jahrgang 1953, antwortet auf die Fragen von Rivendell  zur Herstellung von Rahmen

Wie lang dauert es, bis ein Rahmen fertig ist?

M.N. :  Für einen TIG/WIG geschweissten Rahmen mit ein paar zusätzlichen Lötstellen brauche ich 16 bis 17 Stunden. Ich mach keine reinen TIG Aufbauten, die wären noch viel schneller fertig. Ein Fillet brazed Rahmen (das Lötzeug fließt in die Verbindungen) braucht ungefähr 20 Stunden und ein gemuffter Rahmen 24.  Für eine Gabelkrone kommen noch einmal 3 bis 4 Stunden hinzu .

Meine höchste Jahresproduktion waren 100 Rahmen.

Worauf achtest Du bei einem gemufften Rahmen?

M.N.:  Bei einem gemufften Rahmen achte ich auf saubere Linien, scharfe, gleichmäßige Abschlüsse, bei einem TIG Rahmen ist es die Gleichmäßigkeit der Schweißnaht und die Sauberkeit ihrer Ausführung ohne Nachbesserung . Das Gesamtbild muß stimmen, alles sollte am richtigen Platz sein.

Irgendein Rat für Anfänger?

Lern Dein Handwerk, bevor du Tausende in Ausrüstung versenkst.  . . .

A Screenshot_2021-03-08 Richard Sachs auf Instagram „- i got hosed yesterday All This By Hand #lifedeathcyclocross #neverfuck[...]

Lass uns die berühmten Männer preisen. therichardsachs.com

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Das Diktat von Eisen und Stahl – was 2021 davon blieb

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Deutschstunde im vierten Schuljahr, Diktate über das Ruhrgebiet. Geschichten von geheimnisvollen, nachts rot leuchtenden Landschaften aus Kohle und Stahl schreiben wir in unsere Hefte, von Landschaften, die Kinder vom Dorf nie gesehen hatten. Auch wenn es hier und da einen Schornstein gab eine Weberei und auch eine einzelne Kohlengrube- Randerscheinungen.  

Aber Stahlöfen, die den Horizont einnehmen und Schlote in Reihe, aus denen  Rauch quoll (quoll: schwieriges Wort) bis sich die Sonne verdunkelte – das konnte sich nur die Phantasie ausmalen. Expressionismus, lange bevor der Begriff im Kunstunterricht fiel.

Unsere Räder fuhren durch Wiesen, der Wind kam frisch vom Atlantik und es roch allenfalls streng nach Dung. Industrie war ein Nebenschauplatz der Arbeit. Ein Schüler bedauert 1973 Menschen, die in einer solchen Welt gefangen waren. Schlimm genug, wenn man von den Staublungen aus den Siedlungen hörte und den Husten beim Bäcker….

A.R-P, Bohrerstrasse

Nachrichten aus einer Welt, die noch vor 50 Jahren wie ein gigantischer Koloß wirkte, der die großen Dinge bewegte und aus der Ferne auf düstere Weise großartig und übermächtig schien. Ein Titan, unsterblich wie seine mythischen Vorbilder. Unsere Pyramiden.  

Als dann später, lange Jahre nach der Deutschstunde, diese Welt an der Endhaltestelle Essen-Frohnhausen meine tägliche Umgebung wurde und ich sogar wußte, wo „Bulle“ Rahn (Sommermärchen) seinen Gebrauchtwagenhandel betrieben hatte, waren es Reste des großen Bildes, die ich hier fand – großartige Fragmente, aber eben Stückwerk, letzte zuckende Kammern eines Patienten, den man verdammt weiß. Und dessen Musealisierung schon begonnen hat. Mancher Förderturm stand auf der Denkmalliste. Das Ruhrgebiet zehrte vom eigenen Mythos, während Subventionsmillarden schon damals in Beteiligungsgesellschaften flossen.

A.R-P, Strasse in Essen-Stoppenberg

Gleichzeitig aber entdeckten meine Augen einen Zeugen aus großer Zeit Zeit: Renger Patzsch und die Ruhrgebietslandschaften. Der Photograph Albert Renger Patzsch lebte mitten in Essen, bis die Bomben seine Wohnung zerstörten und er aufs Land zog. Vorher hatte er über 10 Jahre ein immenses photographisches Zeugnis vom Ruhrgebiet und seinen Landschaften abgelegt.

Ein großes Bildwerk Von Kohle, Eisen und Stahl.  Es waren die Fragmente seiner Welt , die ich aufsuchte, betrachtete und rekonstruierte. Der Krieg und die Zeit hatten aufgeräumt – die letzten Kohlegruben waren weit an den Nordsaum des Reviers gewandert mit den Kokereien, die nur noch einen Überrest an Hochöfen belieferten. Vor, im und auch nach dem Krieg kochten sie ununterbrochen ihren Stahl. Aber sie wurden weniger, fusionierten und dann, kurz vor dem Millenium, bauten die Chinesen die Westfalenhütte ab.

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Es war der lange Tod dessen, was in den Erdkundebüchern die Montanindustrie hieß, das Gold des frühen 20ten Jahrhunderts. Man ist Kruppianer, man gehörte zu Hoesch oder zu Thyssen, die Titanen schufen sich ihre treuen Gefolgsleute, Generationen davon, und versorgten sie mit  Siedlungswohnungen samt kleiner Gärten. Wer über Tage kam, der hatte es geschafft und meist bis zur (ordentlichen) Rente ausgesorgt. Es gab den Feierabend sogar als Siedlungsnamen. Auch wenn nichts mit unseren Maßstäben zu messen ist; es gab die Bottropper Protokolle als Berichtsform, Max von der Grün ist einer der literarischen Zeugen und Herbert Berger: der Pütt hat mich ausgespuckt.

A.R-P, Gehoft in Essen-Fronhausen

Der große Wind der Globalisierung erhob sich und fegte Stück um Stück hinweg. Von dieser Zeche in Mühlheim, der Rosenblumendelle, steht kein Stein mehr. Ich weiß es, ich habe dort gestanden. Renger Patzsch stirbt 1966, seine Werksammlung zum Ruhrgebiet ist schon 1935 vollendet.

Reste des alten Imperiums – ein Treffen

Hie und da ist immer noch einiges übrig von dieser Welt, die sich längst nicht aufs Ruhrrevier beschränkte – sie fand dort nur ihren konsequentesten Ausdruck. Angefangen hat vieles davon um Lahn und Dill, Gegenden mit erzvorkommen. Da und dort schwimmen noch ein paar aktive Inseln im Meer der Konjunktur, Unternehmen, die über 250 jahre gewachsenesWissen in sich tragen anwenden – ich bin unterwegs zu den Resten.

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Auch heute, an diesem kalten Februartag 2021 führt mich mein Weg vom Land in die Stadt, von den beinahe wilden Hügeln des Waldes zu den Halden der rückgebauten Industrie. In Zeiten des Lockdowns ist es eine einsames, fast meditatives trainieren mit dem Edelstahlrad von Marschall. Fast wie ein rätselhafter fremdling wird begrüt, wer eine Bäckerei betritt, der mitten im Gewerbegebiet die Besuchher fernbleiben. Herborn an der Dill. Dann südwärts, dann östlich in die Hügel zurück.

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Nach guten zwei Stunden habe ich die kleinen Hügel hinter mir, das Hinterland von Lahn und Dill bietet reichlich Möglichkeiten, sich im Februar auszubelasten. Nach den Kuppen und Steigungen rund um den Hohensolms geht es wieder hinab ins Tal, wo Dill und Lahn zusammenfließen: Wetzlar.

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Die Straßen sind feucht und ich bin mit dem Marschall aus den Wäldern in die Neuzeit unterwegs. Ich folge der Spur der tausend Feuer, die für das Erz brannten.  Zu Orten, die mich anziehen, weil an ihnen eine Geschichte begann und immer noch sichtbar ist.

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Der Lahn und ihrer Umgebung ist das Schicksal des Ruhrgebiets erspart geblieben, das noch Fürst Pückler um 1830 als eine der lieblichsten Gegenden beschreibt, durch die er je gekommen sei. Die Hütten waren schonda, es lag nur keine Kohle unter der Rasenkante. Industrie gab es immer noch genug. Es war nur keine so absolute Mobilmachung, die Dimensionen blieben moderat.

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Denn noch bevor es Krupp gab, gab es Buderus, eine Familie aus Wetzlar. Sie hatte sich seit dem 18ten Jahrhundert Schürfrechte an Dill und Lahn gesichert und damit den Zugang zum einzigen Reichtum dieser Gegend : Erz, das aus winzigen Stollen gewonnen wurden. Mit den Öfen und „Hämmern“ die  unter der Regie der Familie Buderus Gußeisen und später Stahl erzeugten, erweiterte sich die Produktion – das ganze Tal der Lahn war eine Buderus-Industrie. An die hundert Hütten kochten zwichen Dill und Lahn.

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Buderus wuchs und gedieh fast 250 Jahre lang, aus Hütten wurden Stahlwerke und es kamen  Werkssiedlungen nach preußischem Muster hinzu, genau solche, wie Renger-Patzsch sie  immer wieder im Vordergrund seiner Bilder zeigt.

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Hier Exemplare der Aßlarer Hütte, sorgfältig aufgereiht, mit Gartenschuppen. Als ich ein letztes Bild mache geht ein Fenster auf. Ich verschwinde.

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Etwas weiter, glich um die Ecke an einem alten Fahrradschuppen. Drei alte vergessene Räder hängen müde an ihren überflüssigen Schlössern. Der Hinterhof des Gebäudes verwahrlost langsam. Nur eine Fotokopie am Eingang belegt  die Obsoleszenz des Ortes, der einmal die Verwaltung des Betriebs war.

Gegenüber liegt die Hütte – das letzte Stahlwerk der Region. Aus Metallschrott wird Edelstahl. Daneben eine große Feuerwehrhalle und die Beruflichen sehen mir über die Bahngleise zu. Es ist ein langweiliger Samstagnachmittag – ich weiß – und eigentlich treibt sich niemand hier herum,  denn diese  Sackgasse führt nur noch zur Anlieferung des Ikea Geländes.

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Geleise, Gestrüpp, dahinter die Hütte, ein langes, blasses Gebäude mit ein paar Schornsteinen. Eher niedrig, kaum größer als das Ikea Lager nebenan , das die Stelle ehemaliger Werkteile eingenommen hat. Wetzlar nach dem Regen- wie frisch geschleift liegen Areale brach oder dienen als Zwischenlager. Wer glaubt, Wetzlar sei eine Stadt der Optik, irrt. Der Boden ist eine riesige Platte aus Guß. Der Guß hat einen Sprung.

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Wie ein Puppenkabinett erhebt sich die Altstadt. Sie erschafft eine Gemütlichhkeit, der man seit einem Jahr nicht mehr recht trauen kann, eine Geborgenheit die attraktiv, aber mehr Fassade als Leben ist – mehr bürgerlicher Schein als bürgerliches Leben. Strickwaren, Bilderrahmen und dritte Welt Artikel sind keine langfristige Antwort. Nicht zu denken, wäre alles irgendwann ein Buyout, für dessen Besuch Eintritt zu zahlen ist. Wozu ein Disneyland bauen, wenn man eines ready to use findet?

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Ich ziehe wieder zum Städele hinaus, in der Hoffnung, meine Ahnung bleibt nur ein huschender Alb. Jetzt lasst uns Tankstellen niederreißen, in einer Welt aus Fahrrädern brauchen wir sie nicht mehr. Mit der Hupe weist mich der Hintermann zurecht. Noch 50km.

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Behrings Gold

Februar 2021 – fast ein Jahrestag.

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Die Pandemie macht weiter, genau so, wie es Virologen, Chemiker, Epidemologen gesagt haben. Die Verbreitung ist ein Jahr nach dem ersten Lockdown global, die ersten Mutanten sind ein Jahr nach vermutlicher Entstehung des Virus ebenso zuverlässig aufgetreten, wie man sie totschweigen wollte und verbreiten sich mit gleicher Dynamik. Alles trifft ein, die Zwischentöne kann man sich wegdenken, es ist das Gebell von gestern.  

Auch der vorhergesagte Impfstoff ist gekommen, etwas später als verkündet, nicht im Herbst, sondern erst im Winter 2020, dafür von mehreren Anbietern gleichzeitig.  Das hat die Lage nicht übersichtlicher gemacht. Er ist Gegenstand einer endlosen öffentlichen Debatte , während vor allem eins sicher ist: einen Impfstoff machen bedeutet lage noch nicht , ihn zu haben. Da liegt der „dirty little secret“ der Pandemie.

Es ist eine Frage von  Produktion, Kapazität, Logistik. Bekannte Faktoren, die in jeder industriellen  Fertigung vorkommen – und selten kommuniziert werden. Und über die offenbar keine valide Information existiert. Denn niemand traut mehr niemandem. Mir aber vertraut man. Das ist die Situation, in der ich morgens aufbreche. Ich bekam den Auftrag ganz zufällig, so wie fast alle Aufträge. Man weiß, wo man mich findet, man kennt meine Technik. Kein Funk, kein GPS kein Tracker. OK.

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Der Radfahrer bewegt sich im Terrain zwischen lockdown, Inzidenz und Ausgangssperren unbehelligt, hat in einem Jahr schon mindestens drei Generationen an Masken erlebt und bewaffnet sich nunmehr auf Ausfahrten mit dem typ FFP2. Der Sommer des bunten Stoffmasken mit individueller Ausdrucksmöglichkeit ist vorbei, nun sind wir dem chinesischen Einheitsdesign unterworfen : von dort stammen die meisten dieser eigenartigen Filtertüten mit dem Haltegummi einer Clownsnase. Sie sind unser Eintrittsbillett.

Das Koga Randonneur von 1986 ist die beste Tarnung, es verbindet die Möglichkeiten eines Rennpferds mit der Ästhetik eines von Gepäckträgern übertürmten Kaufhaussportrades.  Außer an seiner Überhöhung wird niemand auf die Vermutung kommen, daß hier jemand damit 170 Kilometer unterwegs ist. Ein Exzentriker vielleicht, der wie viele sein altes Rad wieder entdeckt hat, ganz harmlos,

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Ich soll Behrings Pferd finden. Alles weitere dort. Ja, ich kenne die Stelle, sie fiel mir schon einmal auf. Dann ist ja alles gesagt. Sie wollen Behrings Gold, sein neues Gold.

An die vier Stunden werde ich unterwegs sein. Das Jahr meint es gut: vor ein paar Tagen sind die ersten Kraniche durchgeflogen, sicheres Zeichen für kommende Wärme. Plötzlich ist Frühling , die Kilometer werden kürzer.

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Mir ist fast schon zu warm, ein  Zustand, den ich seit Monaten nicht mehr kenne, und es ist schön, wenn die Sonne streift, während der Stausee wieder die alte Marke aufweist. Auch der Untersee ist voll.

An den steileren Passagen nehme ich gleich das kleinste der drei Kettenblätter – ich weiß, wie lang der Tag noch ist und daß dieses Rad einfach 3 Kilo mehr wiegt. Aber es hat eine schöne Ruhe , rollt unerschütterlich geradeaus und erlaubt mir, schöne freihändige Passagen mit Pulle Tee in der Hand und dem Dattelriegel .

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Ich variiere mal kurz die bekannte Route, umgehe die verlockende Agip Tankstelle von Ehringhausen und nutze einen kleinen Pass im Wald. Neuland, dunstige Aussichten überall Traktoren bei der Arbeit, es wird schon gedüngt. Keine Zeit verloren, neue Wege entdeckt.  

Hin und wieder ein Radler – man grüßt den Kollegen.

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Geschlagenes Holz, Weiden und Pappeln die schon wieder austreiben, Natur verliert keine Zeit, sie fragt nicht, sie handelt nach eigenen Gesetzen. Wir entschlüsseln  immer noch.

Das Problem, das diese Fahrt lösen soll, ist Information. Besser gesagt: fehlende Information. Es gibt Dinge, die alle wissen, über die jeder spricht, am besten gleichzeitig. Und es gibt die facts, zu der die Informatioenen fehlen oder falsch gesendet werden. Wir leben seit einem Jahr in einer Situation großer Desinformation. Und das betrifft nicht nur kleine Fische, die wissen wollen, ob ihr Ferienflugzeug  abhebt.

Es läuft eine regelrechte, verdeckte Schlacht um das Virus, den Impfstoff und die Information darüber. Wieviel produzieren Sie? Wann produzieren Sie? Für wen produzieren Sie? Darum sitze ich auf dem Rad. Alle Kanäle, um an valide Informationen zu kommen sind kontaminiert. Keine Elektronik am Rad, Du bist das Medium. Du bekommst Fakten und reichst sie weiter –ohne eine Spur zu hinterlassen.

Die Kerben von  Elb, Ullm und Dill liegen hinter mir, Fakten, die das laufende Wasser seit Jahrmillionen durch den Fels gräbt.

An Bermoll und Erda vorbei und an Hohenahr – weiter hinunter und hinauf -so ein schönes Land.

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Diese wunderbare Ruhe unter der Eiche. In ihrem hohlen Stamm ist diesmal ein kleiner Stick. Jetzt führt die Route nach Nordost, die Felder werden größer, die Hofstätten auch.

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Sorgfältig ist das Fachwerk nachgestrichen, es soll noch ein paar Generationen halten. Sie wissen, was es wert ist.  In einer Stunde werde ich beim Pferd stehen, dem Freund des Menschen. Das Pferd wird vom verzinkten Rolltor verdeckt, als wolle man die lebensgroße Skulptur am Ausbruch hindern. Als Kunsthistoriker bin ich mit der  Entstehungsgeschichte dieser sehr gelungenen, neusachlichen Plastik betraut, deren Ursprung sich leider verloren hat. So die Legende. Wenn dann ein schwarzer Mini an mir vorbeirollt, habe ich genug gesehen . . .

Noch ein par Wellen, noch ein paar Riegel, dann bei Niederwalgern ins Lahntal. Gleich ist die Stadt in Sicht, plötzlich wimmelt es auf den Radwegen von Fahrrädern. Es ist der erste sonnige, warme Samstag des Jahres. Frohlocket, Bürger, das Heil naht.

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Sie nannten es Behrings Gold. Erst vor  wenigen Jahren war die Isolierung der kleinen Wesen gelungen ,die man Bakterien nennt. Kaum zu glauben, daß so kleine Organismen so verheerend sein können, kaum zu glauben, daß der Tod unsichtbar kommt, er in der Luft schwebt und über das Blut wandert. Es war die erste Ursache für die Mortalität von Kindern zwischen 3 und 5 jahren, es war ein Schrecken, der keinen Unterschied zwischen reich und Arm machte.

Erreger  ignorieren die Ständegesellschaft von 1900.An dieses Gesetz erinnert heute das Coronavirus.  Die Krankheit nannte sich Diphterie und Behring war der Mann, der sie mit einem japanischen Kollegen besiegte.  Er hatte erkannt, daß es resistente Patienten gab, auto-immunisierte. Ihr Blut erhielt das, was den anderen Kindern fehlte: Antikörper. Damit war das Prinzip erkannt.

Viren wirken anders, aber die Lösungswege gleichen sich. Das Wirkungsprinzip muß erkannt werden, dann muß das Gegenmittel rezeugt werden. Dann muß es produziert werden. Produktion kostet Geld. Produktion braucht Lieferanten, Verträge, Bauteile. Und da stecken die Geheimnisse. Da stecken die Fakten, die Fakten zu denen ich die Information besorge.

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Die Stadt Marburg liegt in der unschuldigen Sonne. Paare schlendern über dien Ring und blicken zufrieden durch Sonnenbrillen auf Einkaufsstraßen, auch wenn die meisten Läden noch geschlossen sind. Aber der Eisverkauf hat begonnen. Eis ist ein prima Stimmungsbarometer- die Stimmung steigt. Die Stadt ist ein buntes gemisch aus historisierenden und mittelalterlichen Stücken, alles in rötölichem Sandstein, der an Heidelberg erinnert. Neubauten zeigen das Wachstum im Nachkrieg an. Hinter der gotischen Kirche geht es links hinauf – zum Zielort.

Es liegt am Ende des Tals, nur noch E-Biker fahren hier hoch, andere schieben. Zuerst kommt die Tankstelle, die Entscheidende.  Dann noch ein paar Häuser, auch Villen .

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Links dann die überschüssigen Gebäudeteile aus der großen Zeit der Hoechst AG, sie dienen der Fortbildung oder stehen zur Vermietung.

Schließlich das Hauptgebäude, dessen breite, weißverblendete Brust die talaufwärts liegenden Produktionsstätten verbirgt.

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Und dort das Rolltor. Dahinter wartet ein einsames, großes, grünspaniges  Pferd im neoklassischen Stil. Jetzt warte ich und sehe mir das Tier an, mit dem Behring damals sein Produktionsproblem löste: Pferde, die Antikörper bilden, bilden auch erheblich mehr Blut als Menschen. Dem Pferd als Blutspender verdanken die Kinder ihr Antitoxin, die kleine Ampulle, die sie vor der Diphterie schützt, vor dem tödlichen Ersticken.

 Der Ursprung dieser neuen Krankheit dagegen ist verschwommener, vieles spricht für ein Tiervirus mit „gain of function“, eine besonders schöner Euphemismus für ein Laborprodukt. Eine menschengemachte Katastrophe. Ganz sicher wird die Lösung des Problems aus einem Labor kommen, das den Impfstoff unter anderem hinter diesem Pferd produziert. Und hier wissen sie auch, was sie unterschrieben haben.

Mit  Ankündigung des ersten Impfstoffs neuen  Typs war klar, das Rennen hatte begonnen. Brüssel war ein Kompromiß, damit es nicht allzu häßlich ausginge, wenn sich EU Staaten, die nach außen Einheit zeigten innen Bietergefechte austrugen.  Dabei hatten wohl einige die Übersicht verloren – vor allem  über die Nebenabreden und Vertragsklauseln, die nie ein Parlament sehen würden. Wer die Verträge aber kennt, hat die Macht – und so kamen die Behringwerke ins Spiel, dachte ich noch,  während ein schwarzer Mini langsam durchs Tor rollte.

Sie trug eine dunkle Sonnenbrille unter dunklen Haaren und nach einer letzten kontemplativen Pause in Betrachtung der Bronzeplastik folgte ich dem Wagen, der jetzt die Tankstelle erreicht haben mußte.  

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Als ich mir an der Theke Croissants und einen Lattemacchiato geordert hatte, betrat sie den shop. Sie trug eine lange weiße Trainingshose aus Baumwolle mit Aufdruck, dazu weiße Socken und weiße Sneaker, wie sie gerade durch die ganze Stadt liefen.  Ihre kurze braune Jacke aus Lackleder hätte Andy Warhol gut gepaßt. In der Hand hatte sie eine rosane Büchse eines Energy Drinks : das war das Erkennungsmerkmal. Mein Lattemacchiato, ihr Energydrink, die Getränke unserer Generation.

Sie sucht jetzt nach der anderen Sorte Energy drinks, die türkise, die im Regal weiter unten steht .  Dann gleitet der Stick aus ihrem Jackenärmel. Ich bücke mich, tausche die Sticks aus und  sage ihr: sie haben etwas fallengelassen.  Oh, danke – ein kurzer Blick, sie nimmt meinen Stick und ich gehe hinaus auf den Vorplatz der Tankstelle Verzehr bitte draußen – Danke), um das Nußnougatcroissant in meinem Lattemacchiato zu verrühren, während sie mit der türkisen Dose zur Kasse geht. Auf ihrem Stick wird sie vermutlich ein paar Nummern finden, die sie nur einmal verwenden kann. Der Stick den ich jetzt habe, werden andere auswerten: möge er ihnen nutzen und der Produktion auf die Sprünge helfen.

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Draußen stehen Autos wartend vor der kleinen Waschanlage, die Sonne wärmt uns alle. Autos tanken, Fahrräder ziehen vorbei. Langsam kaue ich auf meinem Croissant und dann auf einem kräftigen, belegten Brötchen, während ein Auto nach dem anderen im Samstag verschwindet, wie der schwarze Mini, der hinter dem schönen Fachwerkhaus neben der Tankstelle abgebogen ist.

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Marburg liegt weit hinter mir. Parallel folge ich seit Wetzlar der B49, einer doppelspurigen Schnellstraße. Auf der Höhe von Oberbiel kann man die B49 verlassen, um nur ein paar hundert Meter später, nach der kleinen Ortschaft wieder hinaufzufahren. Hier könnten sich Wege kreuzen. Die Pizzeria Angelo ist geschlossen und wird renoviert. Daneben liegt  der Schützenverein, auf dessen Parkplatz das Moos wächst, seitdem die Pandemie herrscht.

Mein Koga Miyata lehnt an einem Baum, während ich mir eine Jacke für die abendliche Kälte überstreife. In einer Stunde hat es seine Arbeit getan. An einem zinkfarbenen Mülleimer klebt mit dem guten Vorwerk Reifenband ein kleiner Stick.

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Ich ziehe weiter, vorbei an Eisdielen, vor denen sie immer noch Schlange stehen, vorbei an den Schildern die den Weg zum Impfzentrum des Landkreises weisen. Ich schalte die Leuchte an.

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Is there Spiders on Mars?

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Because the sky is blue – die Spur der Späne

Die Fahnen des großen Gewerbegebiets flattern munter im Ostwind. Seit über einer Woche  herrscht Polarkälte mit wechselndem Wolkenbild . Heute ohne Wolken – der Himmel ist vom reinsten Blau. Ich mache mich auf fürs Ausdauertraining und für einen Report vom Lockdown vor Ort. 

Der blaue Himmel ist  Grund genug, mit dem weißen Raleigh zum samstäglichen Faktencheck ins aktivste Gewerbegebiet des Landes aufzubrechen. Die Farbe des Rades mag das strahlende, harte Winterlicht. Das Gewerbegebiet liegt hinter 7 Hügeln in der Rheinebene, wo es oft um ganze 3 Grad wärmer ist, als im Tal, aus dem ich aufbreche. Nur noch Minus 2 drunten am großen Fluß!

Der Ostwind erleichtert manches – vor allem eine Fahrt nach Westen. Die gleißende Sonne macht Minustemperaturen vergessen, nach einer Viertelstunde ist die Betriebstemperatur dank der Hügel erreicht . Ab durch die Wälder, oder das, was von ihnen blieb.

Ruhig liegen die Dörfer und Straßen, so manche durch massenhaft gefallene Bäume entblößt. Es verändert bekannte Ansichten. Was aus dem Holz nun wird? Sägespäne oder Brennholz? Ich vermute :vor allem Späne. Maximale Wertschöpfung erfahren sie genau dort , wohin diese Fahrt führt.

Heute ist auch Brenntag, der Tag, an dem privates Schnittholz offen verbrannt werden darf. Manchmal sieht man nur einen zarten blauen Schleier, aber der Duft der Holzarten zieht aromatisch durch die Dörfer. Größere Stücke werden für den häuslichen Kamin gestapelt. Ich ziehe hindurch.

Das  Raleigh ist eigentlich kein Wanderrad, die beste Position hat man nicht als entspannter Randonneur, sondern gestreckt und mit Zug auf der Kette. Auch darum habe ich es heute gewählt, nicht nur der Farbe wegen: weil es mich fordert und  diese Position vor Unterkühlung schützt.

Hier über dem Sayntal erkennt man heute die vulkanischen Höhenzüge der Eifel bis zur hohen Acht.  Klar und deutlich. Der weiße Zacken ist die Rheinbrücke von Neuwied. Unter mir wartet das kleine Dorf mit seinem Schloß, der alten Ananaszucht und dem Schmetterlingsmuseum, das noch im tiefen Winterschlaf liegt und seine tropischen Gäste warm verschlossen hält. Gleich eine Rast dort unten.

Bei Aral herrscht Hochbetrieb, ein Umbau und  Pandemie treiben die Preise, aber die Kundschaft (Bild oben) ist treu. Während ich ein exklusives Körnerbrötchen im Anblick des Kreisverkehrs verspeise und mein Nougatcroissant im Cappuccino die geschmeidige Nachhut bildet, verläßt ein blitzendes Auto nach dem anderen die Waschanlage mit tropfendem Auspuff. Nicht wenige tun ihre Freude über die strahlende Sonne und das strahlende Fahrzeug mit durchdrehenden Reifen kund.

Der richtige Moment für eine kleine Werbeuternbrechung

Hinten im Gitter der phantastischen Rheinbrücke von Urmitz (das Schwesterschiff zur Remagener Brücke) mahnt der Schornstein des (totgeborenen ) Atomkraftwerks M-Kärlich noch an seinen bevorstehenden Abriß – dieser kleine Bleistift hinten rechts. Die Betonkuppel des Brüters ist im letzten Jahr schon aufwendig zu neuem Schotter verraspelt worden.

Beide Brücken übrigens waren aus strategischen Gründen angelegte Eissenbahnbrücken.

Der Rhein führt viel eisiges Wasser, ein Frachter kämpft gegen die Strömung an, wie das Raleigh gegen den Wind.  

Noch ein paar Kilometer im aufgewirbelten Staub der Salzkristalle und ich bin vor Ort.

Einzelne Autos patroullieren vor den verwaisten Gewerbehallen. Ungestört kann ich wie ein Kind mit dem Roller über die sonst vollgestauten Straßen Slalom fahren. So erkenne ich besser  das Ausmaß der Verlassenheit.

Die Kunden der Outdoor Hallen sind heute outdoor, die Stützen des Fahrradbooms bleiben am wärmenden Ofen und die Bettensucher kommen nicht einmal für  54% Preisnachlaß wegen Schließung aus den Federn. Es ist halt seit Weihnachten alles anders.

Wie  zart und zerbrechlich so ein Rad vor der Fassade wirkt . Dünnes Rohr, zum Teil nur einen halben Millimeter dick. Dabei dürfte die Zerbrechlichkeit der Hallen und ihrer Ausstellungsstücke, die mehrheitlich aus Sägemehl bestehen, weitaus höher sein.

Ich jedenfalls traue weder diesen Gebäuden noch den Erzeugnissen von XXXL Möbel et. al. nicht die Lebensdauer meines 89er Raleigh Rahmens zu. Man kennt ja die Gegenstände, die sich regelmäßig am Straßenrand stapeln. Die maximale Wertschöpfung der Holzspäne. Ich bin ihrer Spur gefolgt: hier sind sie…..

Und wenn dies die Dimensionen sind, die ein Fahrradgeschäft erreichen muß, will es im Boom rentabel bleiben, dann fällt es einem kleinen Radwanderer schwer, es als Gewinn zu empfinden. Den anderen bleiben nur die Späne.

Because the sky is blue it makes me high.

Alles ist ruhig. Nicht ganz – außer dem Flattern der Fahnen vernehme ich deutlich das Summen und Brummen hunderter Klimageneratoren, die diese leeren Hallen auf  Überlebenstemperatur halten. Das Geld wird verbrannt und von oben schüttet unser Staat es in einen Trichter, damit weiter geheizt werden kann . 

Wie war es noch mit dem Kraftwerk drüben? Dreißig  Jahre hat es gedauert, um das Gehäuse eines arbeitslosen Meilers zu zersetzen.

Andere Imperien werden schneller vergehen. Noch gestern strahlte ihr Stern hell. Der Kunde ist ein untreues Wesen .

Aber vielleicht kommt er bald wieder -ausgehungert und auf der Suche nach seinen Bäumen aus dem Wald, die in dieser Saison  zersiebt wurden, weil ein kleiner Käfer sie besiegt hat. Wer weiß.

Hier reduziert man schon einmal Ausstellungsfläche und mauert die Tore vorsichtshalber zu.Nur eine kleine Vorsichtsmaßnahme, heißt es in einem internen Papier des Konzerns.

Und fünfhundert Meter weiter kümmert sich jemand liebevoll um die sterblichen Überreste einstiger Göttinnen  der Mobilität sowie anderer Produkte einer hoch angesehenen Automobilmarke.

Mir fallen die vierrädrigen Wertobjekte ein, die eben noch die Waschanlage (Alles Super) verließen und vor lauter Kraft kaum laufen konnten.  Nicht die Autos erschrecken, sondern die Verschwendung, die auf wenigen Kilometern so offenbar wird. Das, was unter gleißender Sonne und strahlendem Blau sichtbar wird. Die im UV Licht verblassenden Banner, Ikonen und Tafeln.

Und ich muß an mein zweirädriges, schlichtes Wunder denken, daß mich an all diesen potemkinschen Dörfern des Wohlstands vorbeigetragen hat und weiter lautlos rollt. Ein Tropfen Öl – hin und wieder, mehr nicht.

Schon läuft  es zurück über den Rhein, diesen großartigen Fluß. Es bläst tüchtig weiter.jetzt also beginne das eigentliche Training: mit konstanter Geschwindigkeit dem Ostwind die Stirn bieten. Obstriegel kauen, weitertreten.

Durchs Lahntal der langsam sinkenden Sonne hinterherjagen. Ihre Strahlen auf dem Rücken spüren: sie wärmen so schön. Und es läßt sich gut an – den Schmerz dosieren, die Position halten, Unterlenker üben. So läßt sich alles vergessen und das Schöne wieder gewinnen. Dieses schöne, stille Tal.

Der rauschende Gelbach und die letzten Sonnenstrahlen. Die allerletzen Sonnenstrahlen nehme ich mit, den Rest lasse ich hinter mir und behalte nur noch  den Fund von der Straße:

Eine kleine Kanne und ein Photoalbum, für all das, was ich sehen durfte. . . ..

 

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500 Miles High

Alle um die 50 haben eine goldene Zeit erlebt. Musikalisch gesehen war es eine schwindelerregende Folge von Neuerungen und Meilensteinen. Jazz, Rock, Pop – ein Sternenregen in allen Sparten.

cc11Chick Corea war ein Feuerwerker im Kosmos der Jazz Pianisten. Er war viel mehr als ein berühmter Jazz Pianist. DieTradition mit der er aufwuchs war (neben Jazz Standards) die Mischung aus Latino- Tanzmusik und spätromatischer Klassik. Dieses Pfund brachte er gegen Ende der 1960er in die Welt des Jazz, welche unter Miles Davis anging, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Als großer Virtuose des Fender Rhodes und des MiniMoog bringt er eine unverkennbare Stimme in die fusionierenden Welten von Jazz, Funk und Rock.  Eine Stimme,  die schnell über den Ozean drang: es war ein Deutscher Schallplattenproduzent, der Corea und die Band Return to Forever  mit der gleichnamigen LP auf den Markt brachte: Manfred Eicher von ECM. Im Maßstab des Jazz war das ein kleiner Welterfolg – für Eicher der Beginn eines Aufstiegs zum internationalen Label. .

Über 40 Jahre hat Corea  mit immer neuen Besetzung sein Spektrum erweitert, mal in diese, mal in jene Richtung. Mal härter, mal lyrischer, mal kammermusikalisch mal orchestral. Eine schillernde Melange, die nicht allen gefallen konnte. Für mich hat er immer die Grenze zum Kitsch meisterhaft ausbalanciert. Es ist durchaus nicht häufig, wenn  im Jazz Ironie und Humor einfließen

Mein Cover zeigt Corea, als er dem Klassischen Jazz so nahe kommt wie später nie. Zweimal hat er in dieser trio Besetzung eingespielt . Das zweite mal live in Europa, wieder unter Manfred Eicher als trio music.

cc2Eine unter seinen vielen Platten wird auch für die Freunde der Klassik bleiben. Mit dem gleichfalls grenzüberschreitenden Gulda bildet er in dieser Aufnahme ein Gespann, das die Lust und Heiterkeit dieses Konzerts für zwei Klaviere mindestens 500 Meilen in die Höhe liftet: dorthin, wo er jetzt für immer spielt –  in den Himmel der Musik.

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