BiTitanio – Colnago on ice

Der Wuppertaler Winterbrevet fand bei klarer, kalter Trockenheit statt, deren Kern irgendwo über Norwegen lag. Es war immer noch genug.

Kann man dann ein Rad fahren, das üblicherweise die Zitronen blühen sieht? Die Gelegenheit muß genutzt werden und dank Roy kam es zur  Colnago on ice-experience. Eine Brevet Testfahrt mit unbekanntem Rad. Wie würde sich das handverlesene, perlmuttweiße Exemplar unter den verschärften Bedingungen eines Winterbrevets schlagen? Wie würde die Record titanium dem aus Norwegen verschickten Eiswind begegnen?

b05Colnago hat ja in den Ohren deutscher Rennrad-freunde einen recht guten Ruf. Den Ruf, teuer, edel und extravagant zu sein. Das ist nicht unbegründet. Colnagos beste Jahre fielen in die Zeit des Rennrad“booms“, der auch Deutschland Mitte der 70er erfaßte. Ernesto Colnago hatte sich da bereits einen guten Namen gemacht, da er in der professionellen Szene so einige erfolgreiche Fahrer und Teams belieferte und das sehr geschickt.

bit01Eddy Merckx war sicher einer der premium- Kunden und beide haben dieses Verhältnis weidlich genutzt, auch wenn Eddy vor seinem ersten Colnago einige Erfahrung mit Lizenzrädern und italienischen Rahmenbauern hatte: schon 1966 kamen seine Räder von Faliero Masi, einem Mailänder Meister.

Aber einige der orangenen Räder des Belgischen Kaisers waren halt von Colnago,  und das ließ man die Welt wissen. Der Radsportversender Nummer 1, Brügelmann, wurde dann ein sehr wichtigen Multiplikator für Deutschland und so gedieh der Mythos. Man muß wissen: damals fuhrendie Gründer von Canyon Bikes  noch mit dem eigenen Kombi nach Italien, um Komponenten für den heimischen Markt einzukaufen.  –

Colnago war nicht nur ein guter Löter und kluger Geschäftsmann, er war auch am Fortschritt im Rennradbau nicht unbeteiligt. Rahmenformen und – geometrien wurden weiterentwickelt, ovale und multishape Rohre eingesetzt. Vor dem Übergang zum definitiven Material des modernen Rennrads – Carbon – gab es Versuche in Titan. Wie diesen hier.

bit2Einen der extravagantesten Lösungen, das Bititanio, habe ich nun über 10 Stunden bewegt – bergauf, bergab und auf langen Flachstücken. Es erhielt seinen Namen aufgrund des Versuchs, die Steifigkeit im Unterrohr über zwei parallele Streben statt eines Oversizerohrs zu erreichen .

Vielleicht war es ein optischer Grund, vielleicht ein technischer. Ein Marketing-trick war es kaum. Denn wie sagte Tom Ritchey:“ it is one of the dirty little secrets in the bike industry, that an oversize downtube gives you a billboard  – so everyone immediately knows the name of your bike. And they won’t give that away . .. . .“

bit1Obs der Grund für die Seltenheit des Bititanio ist, einem weißen Wal unter den Rennrädern? Schon möglich, sicher ist aber auch, daß die Homologierung der Bauform von der UCI verweigert wurde, nicht zu reden vom baulichen Aufwand oder den schön verschliffenen Nähten. Whatever: entscheidend is aufm Platz!

bit3Und da hatte ich mit conti Classic 25mm nicht  zu klagen. Trotz optisch massiver Sitzstreben ist der Komfort am Hinterrad  sehr, sehr gut. Auf 6 bar lief es einfach geschmeidig. Vorne aber verhielt es sich ein wenig anders. Die stiletto gabel dämpft einfach weniger schön als der klassische Typ, und in den schnellen Abfahrtskurven fühlte ich mich nicht so risikofreudig wie gewohnt.

ac6Und bei einem meiner klassischen Tests fiel das Rad eigentlich durch: freihändig fahren . möglich wars schon, aber nur bei recht hoher Geschwindigkeit, also deutlich über 20kmh. Wer sich in der Abfahrt nochmal die SponsorenKappe richten will, oder ein schönes Croissant aus der Tasche ziehen, muß  aufpassen: das Ding schaukelt sich über 40 sehr schnell auf.

ad3ad3Zum Genuß wurde es dann auf den dem schönen Weg durchs Münsterland, auch weil das häufige Schalten entfiel. Denn, wie es scheint, mögen Record Carbon Schaltbremshebel Dauerfrost überhaupt nicht. Oft gelang es nur mit Tricks (oder nach Tankstellenpausen) , den Umwerfer zu bewegen, und das lag nicht an der fein eingestellten Schaltung, denn wenns lief, dann wie Vanillesahne durch den Bratapfel.

b21Nur, bittesehr, wer fährt schon Colnago im Winter?

Die Frage die sich aber am Ende eines langen, kalten Tages aufbaut, lautet: brauchen wir jetzt ein Colnago? Ich kann jeden beruhigen, der sich auf die Suche nach einem bititanio macht: häufig ist es nicht. Vielleicht auch eher ein showpiece, so wie es gewisse Kleinserien bekannter Sportwagenhersteller gibt . Wertlos wird es nie .

Aber rein vom Fahrerlebnis ist die Antwort : nicht, wenn man schon ein zwei andere gute Rennräder besitzt. Wieviel vom Mythos bleibt? Das Bititanio ist ein gutes, kein sehr gutes Rennrad, dafür ist es einfach nicht steif etc. etc. genug. Die 90er bieten genug interessante Alternativen, die in der einen oder anderen Richtung besser sind.

Ließe man mir an diesem Abend die Wahl, würde ich immer das unscheinbare Peugeot nehmen.

 

 

 

 

 

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Mit dem roten Racer

Manche Räder warten auf ihre Stunde. Das rote Koga, mit etwas über 40 jahren eins der älteren Räder im keller, stand dieses Jahr schon viel zu lang in der Ecke. Jetzt gab es einen Anlaß. 160km für . ..

diesen Umwerfer. Klar, der funktioniert – ein Shimano 600 hat immer funktioniert. Aber ist er nicht ein ulkiges Stück Metall? Oder Blech plus Alu? Diese ganz eigenartige Mischung aus vernieteten und verschraubten Elementen, darauf ein Plastikhäubchen mit Begrenzerschrauben mit eingeprägter Aufschrift: uniglide. Der Uni-Gleiter. Es ist eine der ersten Varianten dieser Serie, so um 1977 entstanden.

Irgendwo absurd und cool, aber macht bestens seine Arbeit, die Hebelverhältnisse sind offenbar sehr gut. Nur Flugrost trübt das Gemüt. Allein, auch für noch so abseitige Kleinteile gibt es inzwischen einen Markt, den wir dem Internet zu verdanken haben.  Ganz in Deiner Nähe taucht ein hübscheres Exemplar dieses Umwerfers auf und die kleine Sammlerseele hüpft vor Freude ;  en selle!

Die Kornblumen winken vom Straßenrand, der Wind steht auf Nordwest, kühl und sonnig. Der Sommer kommt aus dem Norden, die Wolken fliegen dahin, und wenn sie sich vor die Sonne schieben wird es empfindlich kühler. man muß Skandinaven nich tum ihren Sommer beneiden.

Die ersten Momente auf einem Rad, das man lange nicht gefahren ist sind  verwunderlich. Der Körper wird neu vermessen, die Winkel zur Pedalachse, die Neigung des Lenkers, die Bremsgriffe. Dann erinnert er sich, mein Körper.

Das Roadracer ist ein (OR565mm) kurzes, komfortables Rad, das Rad des Amateurrennfahrers;  die 23mm reifen mit 7 bar fühlen sich gerade richtig an, ohne harte Stöße rollt es gedämpft ab, die alte 52×42 Übersetzung erlaubt über Umwerfer  harmonische Übergänge. Hinten der touristische Kranz mit 14 bis 28, das ist die Kombination. Mit 120mm Ausfallerbreite ist dieses Modell sogar noch für einen 5fach Kranz gebaut, mit ein paar Tricks wurden es aber 6.  Die Hebel müssen genau stehen, dann surrt die Kette zufrieden.

Auf nach Süden: der Rückenwind hilft über erste bekannte Wellen, ein kleiner Gravel im Bachtal liegt hinter mir. Das Rad einsitzen, schön kann ich auf dem „Rolls“ die Position ändern, ein wenig vor, ein wenig zurück. 30km wie nix.

Andere Fahrer  sind unterwegs oder machen schon Pause. Ich folge der Berufs- und  Einkaufsstrecke B8, die heute, am Sonntag nicht so übervoll ist. Der Belag ist mittelkörnig und sehr gleichmäßig – ohne Frostplatzer oder Lasterspurrinnen, die viele Landstraßen zeichnen. So kann man leicht der Linie am Rand folgen.

Der strategische Punkt der B8 heißt Waldems/Esch. Hier endet die lange, schnelle Gerade durch den Goldenen Grund, einer langgestreckten Talmulde von offenbar hoher Ergiebigkeit;  die Ausläufer des Taunus rücken näher zusammen. Im Ort gehen Straßen in alle Richtungen auseinander. Rechts hinauf nach Idstein und links hinauf nach Glashütten und Königstein, die alte Frankfurter Straße. Mein Ziel aber liegt geradeaus.

Der Weg führt über Heftrich nach Eppstein, in ruhigen Wellen geht es gemütlich auf und ab. Bald ein Waldstück – im Nebenweg döst der Förster hinter dem Lenkrad- bald eine kleine Steigung.

Radfahrer kennen den Abschnitt sehr gut –  Marathon Idstein, Marathon Hattersheim, alle Vereine der Umgebung nutzen sie. Und da ist schon einer:

Gesellschaft mit Crossrad auf der Sonntagsrunde.Smalltalk unter Radfahrern und die Kilometer vergehen im nu. Eppstein naht –  geblitzt rausche ich durch  –  ein kurzer Espresso: bonjour Total, eine SMS, das Ziel der ersten Etappe kommt näher. Hofheim im Taunus  –

Nach einem letzten Anstieg wartet die Höhle des Sammlers. Werkzeugschränke , Räder, Rahmen, Laufräder und Kleinteile ;  die Freuden alter Rennräder werden geteilt. Zum Umwerfer der aussieht, als sei er 2 Wochen alt kommen noch Lenkerstopfen . So  mache ich mich (glücklich(/beschwingt) auf den Rückweg, gegen den Wind.

Der Blick schweift über die Felder hinunter nach Frankfurt, während ein großer Düsenvogel seine Reise mit einer weiten Schleife antritt. Wer hier wohnt, ist dem Rhein-Main Kessel entkommen und genießt aus Distanz die Stadt, deren Skyline an einem klaren Tag sichtbar ist . Er sieht die Flieger kommen und gehen, leicht versetzt zum Flugkorridor. aircraftspotter.

An der Tankstelle(re-bonjour!) versorge ich mich für die nächsten Aufgaben. Bis hier waren es 70km zum Einrollen. Den Gegenwind, der jetzt auf der Landstraße wartet, will ich nicht. Berge dagegen eher.

Bei Esch (s.o) setze ich Kurs Nordost in den Taunus hinein. Der Paß des Tages nennt sich  Tenne, Danach geht es abwärts ins Weiltal, so läßt sich der Wind kreuzen. Die Weil fließt vom Feldberg aus nordwärts, schlängelt sich durch die Wälder bis Weilburg. Die 20km nehmen wir gern dazu.

Die Tenne ist einer der bekannten Anstiege im „östlichen Hintertaunus“, im Norden des des Feldbergs. Es gibt mehrere Strecken hinauf, ich wähle den geraden Weg über Steinfischbach, ein Dorf in der Senke, bekannt für einen exzellenten Gitarrenbaumeister.  Noch einen Anstieg und dann die Kreuzung zur Tenne

Hier bin ich auf 480Metern angelangt. Der Stempel in der Mitte ist ein überdimensionierter roter Stuhl – Werbung für einen Tischler. Der Blick geht von hier hinüber zum Rheintaunus, geradeaus ist irgendwo Idstein, links hinter den Höhenzügen Wiesbaden. Es ist ein Blick zurück.

Vor mir liegen die Spuren unserer eigenartigen Freizeitvergnügen. In einer abschüssigen Kurve zeichnen sie die Kollision eines entgegenkommenden Motorrads mit dem nach rechts in die Leitplanken ausweichenden Autos. Die Markierungen der Polizei zeichnen das Bild des Dramas in Hieroglyphen ab. Links ist schematisch ein Motorrad abgebildet, darunter ein großer, rostroter Fleck. Weiter oben Spuren von ausgelaufenem Kühlwasser. Da stand dann das Auto.

Menschen, die in ihrer freien Zeit mit dem eigenen Leben spielen. Für mich geht es in die Abfahrt, vorbei an Riedelbach. Mit Sonne im Rücken ins Weiltal.

Just perfect. Mit dem Benzingeruch eines 250GT in der Nase.

Just perfect. Die Baustellen des Sommers – exklusiv

Der Total Tankstelle in Weilmünster geben wir drei Sterne (von 3). Die junge Dame hinter der Theke verliert die Ruhe nicht, findet sogar noch Zeit knusprige Baguettes nachzureichen, während die Rationen an RedBll, Dosenbier Kola und Kippen munter über den Tresen gehen. „Aber nur eine Caprisonne!“ wird das Kind angeherrscht.

Nun der Nachtisch

Für den letzten Teil der Tour einmal etwas Neues probieren: südlich von Weilburg fließen lahn und Weil zusammen. Der Lahnradweg (in lila) beginnt hier und wer genau hinsieht entdeckt in orange unter Odersbach die strategisch wichtige Brücke. Sie ist nur für uns Fußgänger geschaffen. Gleich darunter in der Lahnbeuge ein Campingplatz und dicht daneben durchs Dorf der Weg hinauf, gleich mit 12%.

Aber die Kalorien hatten genug zeit, die Muskeln antworten und es macht an diesem späten nachmittag fast schon Spaß, ganz gleichmäßig am Lenker zu ziehen und das 26er Ritzel zu treten. Denn danach , nach den tannen, nach einem letzten Blick auf den ruhig dösenden warmen Fluß wird es eigentlich geschafft sein.

Bringing the Bike back home.

7 . Juli 2019

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Neue Zeiten, neue Kannibalen

5Über zu geringe Aufmerksamkeit kann sich das 2Rad in den letzten Jahren nicht beklagen. Als Element der Verkehrswende ins Spiel gebracht, als Statement gegen die Dominanz des motorverseuchten Nahverkehrs haben Räder einen leichten politischen Stand, – besonders im Sommer.

Verklärung und Alltag

2In Europa geben Deutsche gern und viel Geld für Ihre Räder aus, (so 700pro Kopf?), schon seit Jahren. Nur darf man dieses Wachstum nicht für den Vorboten einer Verkehrswende halten. Die A3 ist in dieser Zeit nämlich auch nicht leerer geworden.  Das Fahrrad ist und bleibt ein Freizeitobjekt, das (manchmal) als Nutzfahrzeug genutzt wird. Den Zweitwagen opfert man eher selten einem Fahrrad.

Der Lahnradweg, eine schöne Freizeitstrecke durchs nahegelegene Flußtal gibt in diesen Monaten ein sprechendes Bild ab, wenn sich Kohorten an Pollern, Verengungen und anderen kleinen Hindernissen im Weg stehen.

7Am Ende der Mühen wartet ein gepflegtes Automobil, ein Wohnmobil oder ein Fahrradverleih.

Geld und Spiel

4Drei bis vier Magazine widmeten sich in den letzten Jahren allein dem Rennrad. Dem Rennrad und seinen Entwicklungen, Verfeinerungen und Accessoires. Hübsch garniert mit Reiseempfehlungen, ein wenig professionellem Radsport, dazu bunte Socken an Trikotfolklore. Munter ging es von 10  zu 11 und 12 Gängen, elektrifiziert Bremsen zu Scheiben und Laufräder zu Plastikringen. Dazu kann man stehen wie man will, dieses nicht ganz billige Wettrüsten muß funktioniert haben: warum sonst darüber schreiben?

Eine Fallstudie

https://i1.wp.com/www.hifi-archiv.info/Denon%20Kataloge%20und%20Anleitungen/1979%20HiFi-Programm/04.jpg

(hifi -archiv.info)

In den verflossenen, fast karikatural verherrlichten 70ern (einschließlich 34 Bulli-PS) gab es etwas neues: überschüssiges Geld. Nicht unbedingt für Rennräder, es floß zunächst  in andere Kanäle. Räder waren Sportgeräte einer Minderheit oder Lastenesel für Meschen, die sich (immer noch) kein Auto leisten konnten. Das Spielgeld ging damals in Stereo auf, was zu HiFi erblühte. Oder in Farbfernseher, die wuchtigen, an mehreren Deutschen Standorten hergestellten Wohnzimmerkönige, gekrönt vom Videorekorder.

Das Spiel mit der Unterhaltungselektronik lief mehr als ein gutes Jahrzehnt und es hätte immer so weitergehen können, wäre da nicht ein Kannibale aufgetaucht.

Der PC.

Anfangs noch Spielzeug von Nerds, die gerne in grüner Leuchtschrift eigenartige  Zeichen schrieben, wurde er zum Kultgegenstand, selbst wenn man noch nicht wirklich wußte, was man persönlich davon hatte. Dieser Kannibale fraß das Geld, das sonst in die überoptimierte Generation nächster CD Player gesteckt hätte… HiFi schrumpfte und schrumpfte und wanderte zurück in die Nische, aus der der Computer kam. Nerds und Liebhaber.

 

Sport und Status

In diesem Millenium des totalen Konsumismus hieß das Premium Spielzeug auf zwei Rädern Rennrad. Der ausgemergelte Mensch im Latextrikot auf halbjährlich neuem Carbon wurde zum Idol des Mittelklassespartaners. Wir sahen wie die 10k Marke (Mehrwertsteuer incl.)  geknackt wurde. Das muß nicht ewig dauern.

1Denn : der Kannibale der leichten Rennräder ist schon ein paar Jahre unterwegs. Ohne Krisengipfel der Fahrradindustrie, ohne Diskussion um Ladenetze verdrängt er die teuren Rennmaschinen im aus der cash flow Gleichung der Haushalte . Der Kannibale kommt nicht aus Belgien oder obskuren Tälern Kaliforniens- er fährt in unserer Mitte und wuchs langsam heran, die vermeintlich überlegenen Maschinen zu überholen.

9Die neuen Nerds waren unsere Rentnter, die nach Reichweitenvorteilen suchten. Als E-biker der ersten Stunde wuchsen sie unbemerkt im Schatten der Werbekernzielgruppe 19-49 heran.  Anders als beim Computer, kamen diese early adaptors eher vom Ende des humanen Ladezyklus. Lächerliche Gegner für Generation fit for fun, die immer neue Apps auf ihre Di-elektrisch geshifteten Boliden schnallte.  Doch dieser lächerliche Gegner ist zum Kannibalen der schnellen und leichten Hasen geworden.

01Aus dem sperrigen Gewand des rüstigen Rentners in Alugrau ist er in immer engere Carbonanzüge geschlüpft, um als E- Mountainbike die Kaufkraft einer Generation zu saugen, die es für ein teures technisches Spielzeug bereit hält. Als Vorbote sind schon viele bunte Blätter mit dem Zusatz e- aufgetaucht,  die darüber alles wissen.

3So wird das Rennrad dezimiert und bald wieder in die Ecke der Leistungssportler und der jungen Wilden zurückkehren. Die Verkehrswende kann also warten.

 

6Der Rest wird sich in einer (immer noch nicht ganz) ausentwickelten Freizeitgesellschaft  auf jene verteilen, die sich nur ein Rad leisten können.

 

 

 

 

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Der milde Blick zurück nach vorn – IVV 2019

Eroica, Velowino, Inveloveritas, wie auch immer. Private Initiativen werden zu Franchisemodellen, oder eine handvoll Enthusiasten begründet eine schöne Tradition rund um alte Rennräder: die Botschaft hat sich herumgesprochen.

c5Neben alten Traktoren, Oldtimern oder historischen Motorrädern hat auch die Erzählung um das alte Rennrad ihren Platz in der Freizeit-Folklore Europas gefunden. Unter den vielen Mythen des Alltags ist die Geschichte des Stahlrads eher eine Renaissance als ein Abgesang. Die Erzählung , die von Leiden verblichener Helden zu Rade kündet und von sagenhaft primitiven Bedingungen alter Radrennen lebt fort.

Auch wer tausende Kilometer im Jahr fährt bleibt voller Demut, denn er kann über das stählerne Rennrad unmittelbar nachvollziehen, was andere schon lange vor ihm geleistet haben. Kein Motor, keine Aerodynamik, keine geheimen Kraftstoffe.

„Die Pyrenäen mit 24Zähnen, das war das , was wir hatten, wir haben uns keine Fragen gestellt..“ zitiere ich einen Sprinter, der einmal auch das gelbe Trikot trug.

ab1Das Rad hat den unzerstörbaren Vorzug der Schlichtheit – der Aufwand für die perfekte Retrokulisse ist minim, die Nähe zur historischen Rennszene ist viel unmittelbarer, die Maschine spricht für sich.Vor dem Schöpfer sind wir alle gleich.

Dagegen werden bei historischen Sportwagen Konzernabteilungen beschäftigt , Rennwagen fahrfähig zu machen und zu erhalten, vorzuführen um sie wieder einzumotten. Es liegen Galaxien zwischen Zuschauern, Neben- und Hauptdarstellern, deren Adorationswilligkeit geprüft wird und die der Kapitaleinsatz auf Abstand hält.

Anders hier

c01Beim Radsport ist das anders. Es mag zwar seltenerere, kostbarerere und noch unglaubliche leichtererere Maschinen geben: es ist marginal; der Körper entscheidet am Ende, ob es für unter oder über hundert Kilometer reicht. Und der Körper ist sichtbar. Auf einem Rad kann niemand sein Wesen verleugnen oder durch Motorleistung ersetzen.

c2 Kostümierung als Bekenntnis: die historischen Verweise der Trikots machen die Sache sympathisch, schaffen eine historische Nähe. Es gibt kaum einen Sport, der diese direkte Vergleichbarkeit der Kategorien zuläßt. Dafür hat der Amerikaner Lemond einmal einen absolut treffenden Satz geprägt: es tut nicht weniger weh, man wird nur irgendwann schneller. Die Beschränkung auf Stahlräder macht die Teilnehmer noch gleicher.

c7Auch wenn ich nach 200 km genußvoll vom Rad steige, verstehe ich völlig, warum ein anderer Mensch nach 70km glaubt, alle Kreise der Hölle durchlebt zu haben. Denn so ging es mir auch einmal; –  und manchmal kann man schon fragen, ob nicht die durchtrainierten Kilometerfresser ungesünder leben als die Gelegenheitsfahrer. Doch am Ende sitzen sie alle an einem Tisch und lassen sich die gleichen Getränke schmecken.

c6In unserer stark virtualisierten Welt ist auch die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit ein starkes Argument. Wie freute sich ein Kollege, als er endlich keine Meßgeräte mehr an seinem Rad sah. Als er es endlich „ganz“ genießen konnte. Genau das dürfte der Punkt sein: unser Alltag ist verziffert genug, dennoch ist der latente Zwang, ständig zu Messen und zu vergleichen eine Geißel, die immer stärker die Freizeit erfaßt.

c9Vielleicht ist die Fraktion der Retrofahrer auch eine (natürliche) Reaktion darauf.

c4Eine inveloveritas ist jedenfalls die beste Gelegenheit, dem Wahn ein Ende zu bereiten, den andere noch beim Ironman in Frankfurt fetischistisch zelebrieren. Grenzen ausloten geht auch auf einem alten Rad wirklich leicht – völlig ohne Leistungsmessung und  Cardiometer. Und vor allem ohne dieser merkwürdigen, selbstoptimierenden Leistungsspirale, deren Ende ein spezieller Autismus ist. Oder ein overkill.

Hier aber wird eine alte Geschichte neu erzählt, um auf ihren wahren Kern zu kommen:

ao2Siegerbild

Es ist deshalb nicht zwangsläufig eine Veranstaltung für Nostalgiker, Kindheitsträume oder alte Männer auf der Suche nach ihrer verlorenen Jugend. Jedenfalls haben eindeutig frischere Altersklassen das alte Rennrad in Poysdorf wiederentdeckt.Vielleicht auch seine coolness.

ag2Anfangs dachte ich bei den eroici mißtrauisch an die Idee des Simulacrums, eines großen „als ob“,  wie es beispielsweise mit alten Landmaschinen praktiziert wird. man restauriert und führt Traktoren vor, ohne den Gedanken, damit je die praktische Bestimmung zu erfüllen. Beim Rennrad ist es anders. Sobald es bewegt wird.

ao1Viele glückliche und erschöpfte Gesichter, die erstmals die 100km Grenze knacken. Und dann es ist ein wohlfeiler Sport, geradezu spottbillig – jedenfalls für alle, die nicht auf eine limitierte, vergoldete Schaltgruppe angewiesen sind.

ab6Möglicherweise  geht die Reise in die Vergangenheit erst darum richtig los. Kaum jemandem ist bewußt, mit wie wenig Spielgeld man sich ein bestens funktionierendes rennrad (oder Randonneursrad) aufbauen kann. Und wie simpel diese Technologie war, die sich in den letzten 25 Jahren in immer neue, dekadente Zweiglösungen totentwickelt hat. Und es gibt sie immer noch in Mengen. Manch alter Besitzer wartet nur auf den Studenten, in dessen Augen ein Leuchten beim Anblick des Rades aufflackert, auf dem er dann die Nachfolge der unvergeßlichen Momente antritt, die es schon vermittelt hat. . .

ao4Poysdorf hat genau diese Waage : keine Rummel um Retrofetische, ein Dorffest, bei dem die Wiener aufs Land strömen um am Abend glücklich (und ein wenig erschöpft) heimzukehren

 

 

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Die Pastorale – inveloveritas 2019

a15Manche halten die Pastorale für die gelungenste von Beethovens 9 Symphonien. Sie stammt aus seiner Wiener Zeit und es ist leicht denkbar, daß es ein Sonntag im Weinviertel war, der für einige Sätze als Vorlage diente.

Heute ist ein Sonntag im Juni, und es wird wieder ein warmer langer Tag. Wir sind in Poysdorf nahe Posysbrunn. Nördlich von Wien, von der Höhe aus sieht man die Nikolsburg und Mikulov in Tschechien. 500km bin ich auf dem Rad hierhergefahren über die letzten 2 Tage. Mein Teamkamerad vom Team Stuttgart, Tino, hat es sogar auf 627 gebracht. Die Qualifikation für Paris Brest hätte er damit locker in der Tasche. Aber wir wollten nach Wien – oder fast.

aa1.jpg Und heute nur eine kleine Runde ums Weinviertel drehen. Kurzweilige 140 oder „epische“ 210 stehen zur Auswahl. Für mich liegt die Würze in der Kürze.

Am abend vorher noch die Gesundheitskontrolle:

„Wie ist Dein Puls?“

„60“

„Das muß die Aufregung sein.“

IMG_7243

Der Sommer ist  groß, ohne Mühe kommen wir aus dem Bett und steigen auf unsere nackten Räder. Heute eine Shorts mit gut gefettetem Ledereinsatz: sitzt wie eine zweite Haut – und die brauche ich.  Plötzlich wirken die Anstiege so flach, das Rad wie ein Spielzeug.

Die Pastorale beginnt.

Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande

aa2Auf dem Marktplatz sammlen sich die Starter der längsten Runde. Es hat gute Gründe, im Sommer um 6Uhr zu beginnen: die Sonne grüßt und die Luft ist einfach. Wer hier steht, weiß das. Letzte Durchsagen des Veranstalters „…….sehr selektiv.!!“. Ab

aa5

durchs Dorf.

aa6Das Leben ist leicht und die ersten Kilometer auch.  Vorn geht das Rennen bei der ersten Steigung augenblicklich los.  Wir  schauen uns die Kette der bunten Trikots entspannt an.

aa8Poysdorf ist von sanften Hügeln umgeben, Wein wird rundum angebaut , es geht durch kleine Dörfer und sehr diskret haben die Veranstalter orangene Richtungspfeile auf den Boden gesprüht. Nach zwei Verfahrern  passe ich besser auf.

a13Unterwegs werden noch Bekannte vom Vorabend gegrüßt: Moin Goldrad!

Erinnerung an den Vorabend:

Lustiges Zusammensein der Landleute

In Poysdorf gelangt man nach einer gepflasterten Steigung gleich zum Zentrum des Geschehens: ein mit Bäumen und Häusern umstandener Platz, nicht zu klein, nicht zu groß. Rundum Stände, in der Mitte die Bänke und dahinter mittig eine große Bühne.

ab3Dort werden die Räder von den Teilnehmern hinaufgeführt und einzeln untersucht: Startnummernvergabe. Es sind natürlich viele graue Männer unterwegs, manche sehen ambitioniert aus, alle tragen  ihre Lieblingsfarben.

ab4Aber auch ein anderes Publikum entdeckt die inveloveritas. Jünger und (auch) weiblicher. das gefällt umsomehr, als man den heroischen Ernst aus der Sache nehmen darf. Er ist ohnehin nur bei Bruchteilen vorhanden. Die anderen wollen nur spielen, sammeln und saufen.

ab5Habe mich gut unterhalten, die vielen Varianten an Puch Trikots genossen und hier und dort einige kompetente bekannte aus dem Forum wiedergetroffen.

aa3Das schönste an allem war die heitere Stimmung eines Dorffestes, das nicht zum Rummel ausgeartet ist und die umgängliche fast fürsorgliche österreichische Art. Man fühlt sich einfach gut.

Szene am Bach

aa9Wir halten nicht in einem Bachtal, sonden auf einem Bergkegel, der weithin sichtbar von einer Burgruine gekrönt ist. Falkenstein beherrscht das gesamte Land. Dorthin führt eine kernige Naturstrecke. Oben sehen wir: der Wind hat gedreht und eine geschlossene Wolkenbank rückt näher. Nicht weiter schlimm wenn man vergißt, daß unsere Anfahrt heute mit Rückenwind möglich wäre.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMan soll die Dinge nehmen wie sie kommen und hier kommt ein sensationelles zweites Frühstück. Ein unbeschreiblich gutes Rührei und jetzt schon warme Küche. Vielleicht vorgehalten für die 70km Runde , die erst in 2 Stunden startet? Wir lassen uns nicht lumpen, denn 500km verursachen Appetit für mehrere Tage.

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Als wir den Ort verlassen, folgt uns die Wolkenbank dichtauf und schiebt einen Schwall schwüler Luft vor sich her.

a1Den Berkegel hinunter und  wieder hinauf und Richtung Norden an die Grenze. Liechtenstein von Nikolsburg hat dieses Denkmal des Größenwahns seinem Sohn errichten lassen.

a2Dahinter grüßt eine kleine, südmährische Stadt, die einst zur  Herrschaft zählte . Tschechien erkennt man an interessanten Wassertürmen die von weitem  die Form eines riesigen Lollis haben.

a3Zwischendurch kleiner Pannendienst für den jungen Mann, der mit 12 Jahren dabei ist auf einem blauen Gitane, Tour de France Siegerrad 1979-1984. Wir machen uns gemeinsam auf den Weg zur nächsten Labe.

a4Dann wieder westwärts auf einem Grenzradweg: sehr gut, und erholsam , dichte Hecken und hier höre ich wieder den Pirol. – wie im vergangenen Jahr. Es  bleibt schwül, die Wolkenbank zeiht vor uns dahin, wir haben sie umfahren!!! Early Birds.

Gewitter, Sturm

Kreuz und quer durch die Felder, die Bauern ernten schon erste Kirschen, , noch ein Schotterweg und die zweite Station ist erreicht. Mitten in den Reben. 70km bereits und es fühlt sich wie 30 an. Ein Flensburger neben mir verschluckt sich.

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So genießen wir einen Tropfen, während sich im Hintergrund – also dort, wo wir herkamen eine Gewitterfront entlädt. Blitze durchzucken senkrecht die bleigraue Regenwand. Sie sorgt für eine Naturkatastrophe auf der 70er Runde. Episches Drama.

Wir Hirten von den längeren Distanzen stimmen unterwegs freudige Lieder an, ganz wie Beethoven es in seinem letzten Satz der Pastorale vorgibta12

Hurtig überwinden wir die eingestreuten Schotterpassagen und Wildpfade,  alles Beläge, die mit Conti 25ern fahrbar sind: auch Pannenopfer sahen wir nicht mehr. Zwei drei Tropfen vielleicht, Dörfer mit Getreidespeichern auf denen das allgegenwärtige Raiffeisenwappen prnag. Dann kam die letzte gemeinsame Schwierigkeit des Tage in Sicht, der Buschberg bei km 110.

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Hier sind die zwei Radome, die aus den Wipfeln ragen nur zu erahnen. Berliner werden sie gut kennen: es stehen auf dem Teufelsberg identische. Ein verbindendes Element. Mein üppiges Frühstück zahlt sich aus, die Beine drehen leicht den 4 km langen Anstieg hinauf, auf dessen Gipfel kühle Erfrischungen warten. Es ist eigentlich der Wahnsinn, wie gut es uns geht.

Frohe Gefühle nach dem Sturm

Und wir lassen es uns gutgehen. Schnitzel, Salat, Bier und Mineralwasser, für mich bitte noch ein Kaffee. Im Schatten von Kiefern sind Liegestühle aufgebaut, die Holztische sind einladend, der mechaniker sieht sich Tinos rad an, das hinten Seitenschlag hat.

a14Huch! eine gerissene Speiche. Das war wohl letzte nacht der Aufsetzer. Bei 36 Speichen sind solche  Dinge eher unbedenklich, Tino wird die gesamte Distanz abspulen. Gerade als die Schnellsten der 140er Rund eintreffen machen wir uns auf.

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Und hier trennen sich unsere Wege – ich werde Zeit brauchen meine Sachen zu packen, wieder ans Rad zu schnallen etc. etc. Dann ohne Hast den letzten Kleinzug nach Wien zu bekommen. Aber den Gedanken an die Heimfahrt verdrängen wir. Vorsorglicher Abschied und dann mit Rückenwind Kurs Poysdorf: was für ein Genuß. ac1

Ich wittere meine Chance und nutze sie. Mein Vorsprung auf die 140er Runde ist nur noch von Eddy merckx persönlich aufzuholen. Die Windrichtung stimmt. Nur noch 2km. Großartig , denke ich nch und wähne mich im Ziel. Da geht es aber die Kellergasse hinauf, die ultimative Pavé -Bergwertung mit anschleißender Geheimkontrolle. Ein brutaler, technisch sehr anspruchsvoller Anstieg, der über das Classement entscheidet.   Beobachter am Straßenrand warten auf einbrechende Radsportler. Hier wird Tino in eingien Stunden die letzten Versprengten der 70er Runde überrollen . . . .

ac2Poysdorf!

 

 

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Der Mann, den ich nie kannte 280644

Es sollte jetzt auf den Tag 75 Jahre her sein. Jahrgang 1906 und eigentlich war er Lehrer in einem Eifeldorf, hatte Frau und drei Söhne. Aber dann „brauchten“ sie ihn in einer Bewährungskompanie an der Ostfront.

800px-Operation_bagration-bobruisk_operation-june_24-27_1944Im Kessel von Bobruisk herrschte blankes Entsetzen, die Heeresgruppe Mitte wurde in weinigen Tagen überrollt, wer einen motorisierten Untersatz hatte, konnte entkommen. Zehntausende fielen, Zehntausende kamen in Gefangenschaft, aber Zahlen sind in dieser Schwärze kein Maßstab. Das große  Sterben ohne Namen ging weiter.

DRK Suchdienst Josef Sanders 2

Mein Großvater wurde 38 Jahre alt.  In einer Strafkompanie- vielleicht sehe ich eines Tages diesen Ort.

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Der letzte Tag: Berlin-Poysdorf 3

Early Bird

Der Morgen beginnt gegen 4, es sind Amseln die uns wecken. Noch keine Sonne, aber ein rosiger Schein deutet den kommenden Tag an. An uns ist alles klamm, auf der Haut liegt ein unsichtbarer Belag aus Sonnencreme, Straßenstaub und Schweiß.

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Die Sachen sind schnell gepackt. Schnelles Radreisen ist sehr übersichtlich. Die letzte Banane, noch ein Riegel, Studentenfutter: ein Frühstück im Sattel. Es geht los.

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Das Land ist weit und leer, noch ist der Wind nicht da. Eine kleine Stadt im Tal. Die Tageszeitungen sind verteilt, alles schläft, nirgends der Duft von Kaffee oder Backwaren. Ein erster Anstieg. 12 Prozent steht auf dem Schild. Kann nicht stimmen, denn ohne Pulsrasen geht es hinauf . Bald schon der nächste – lang und zäh.

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Was nicht mehr so geht, ist mein linker Schinken, mein schwacher Flügel, trotz aller Pflege und Hege. Irgendwann kommte die Sonne von hinten links und damit ist auch der Wind ist zurück (von vorn). Es wird zäh, sehr zäh.

Da fehlt definitiv Druck auf dem Pedal, und nur der hilft gegen Sattelschmerz . Sobald es auch nur leicht abwärts geht, rolle ich im Stütz hinterher. Tino ist nur noch ein Punkt auf der nächsten Kuppe. Mein Gesichtskreis beschränkt sich auf drei Meter. Alles andere verschwindet.

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Wieder eine Baustelle mit Rüttelasphalt und am Horizont ein Dorf, – eine Stadt gar?

Wir wagen uns an die Durchfahrt – Hoffnung auf Kaffee und Kalorien. Ein Städtchen mit Fernstraße, regelmäßiger Autoverkehr und an der Kreuzung: eine Tankstelle. Kurz nach halb 7, sie ist offen.

Guter Rat

Ungewaschene Fernfahrer im Inneren. Auch wir sind ungewaschen, aber Hunger riecht anders. Toni spendiert mir einen Kaffee, der Automat nimmt nur Kronen, ich suche eine Landkarte. Orientierung gewinnen: ich muß dringend wissen, wo wir sind.

So gehts nicht weiter Tino, ich werde zum Treibanker. Wir denken dassselbe. Ich habe eine Landkarte der Umgebung gefunden, eine, auf der die Handwerker und Werkstätten inserieren und zeige sie der Kassiererin. Sie zeigt mir mit einem Kuli wo ich bin. Tino sagt, von hier sind es noch etwas über 200km bis ins Ziel. Nennenswerte Städte unterwegs? Keine. Ein Bäcker wäre etwas wunderbares. Das ist der Unterschied zum Brevet, alle  70km gibt es ein Relais. ich muß aufhören zu jammern, eine kürzere Route gibts nicht.

Wenn ich hier wieder zu mir komme und durchhalte, sind das noch 12Stunden. Wenn nicht 13 oder mehr. Ankunft nach 19h und in Poysdorf sind dann schon alle betrunken. Ich möchte nicht als Leiche durch Poysdorf getragen werden. Als Pflegefall mit erstarrtem grinsen und getrocknetem Schaum im Mundwinkel.

Tino zückt das Smartphone, ich sehe auf die Karte. Die nächste Stadt heißt Kolin, die Bahnstrecke führt von Kolin nach Brünn. Das ist die Lösung. Toni sagt: Der Zug kommt um 8h25. Bis Kolin sind es 20km, von Brünn nach Poysdorf  ca. 70. Machbar, auch für einen Treibanker, oder

Als Tourist.

a21Wir haben nicht viel Zeit für den Abschied. Tino gehts gut, er wird dem track folgen bis Poysdorf. Ich werde jetztTourist und ihn dort empfangen. Sein tracker sendet – addio Tino, wenns nicht aussichtslos wäre, wäre ich gern mitgefahren.

Der Kaffee wirkt enorm, aber  noch viel besser ist nach 400km zum ersten mal das Gefühl von Rückenwind zu haben. Rückenwind und glatter Asphalt. Ich fliege nach Kolin und Kolin ist die schönste Stadt der Welt.

a23Rathaus, Stadttheater, Burg, Kirche, Bürgerhäuser und ein stattlicher Bahnhof mit besetztem Schalter. Es bleibt Zeit für eine kleine Morgentoilette hinter den Umbau-Sichtschutzwänden und ich kann mich unter die Passagiere auf Gleis 2 mischen.

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Die Atmosphäre erinnert sehr an die gute alte Deutsche Reichsbahn (um 1992), leider auch die abgerissenen Schuppen im Hintergrund, die von der kommenden Zeit künden. Hier wohl gemächlicher als der Milleniums-Durchmarsch ins ICE Zeitalter, den wir daheim bitter zu bereuen beginnen. Er hat viele Züge und Gleise gekostet, viel Personal redundant gemacht und zum Glück ist der Regierung Schröder die Privatisierung in letzter Sekunde nicht gelungen (01er Blase), sonst sähe es bei uns so aus wie mit den englischen Wasserwerken. Infrastruktur ist privat kaum zu bekommen, nicht mal ein ElektroAutoLadenetz.

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Auf den Gleisen warten Wochenendurlauber auf den Express nach Budapest. Die Frauen haben  manchmal ganz eigenwillige Kleider an, Buntes mit glitzerndem, es gibt noch Nähmaschinen. Der Zug ist voll, nicht überfüllt, die Waggons gut klimatisiert. Alles unterhält sich, die Landschaft fliegt vorbei,  Ähren biegen sich im Wind – wir folgen einem Tal bis Brünn. Ich döse vor meinem treuen Stahlroß.

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Da ist Brünn: eine Kathedrale: ich muß hin, auch wenn die Beine im Anstieg höllisch brennen und sich die Straßenbahnschienen gefährlich in den Weg schieben. War die Berliner Tram  nicht von Tatra ? – eine Industriemetropole mit historischem Kern.

Wieder dieses Gefühl von 1992, von Brachen im heißen Wind,  rostigen Eisenträgern,  alter Idustrie neben neuen Bürokomplexen. Und in der Mitte die alte Stadt. a27a28Und das ist nur einer von drei Märkten

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Und das ist ein Trolleybus. Ich muß rechts hinaus.

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Ins Ziel

Die Flaschen sind voll, die Kappe ist naß und der Wind kommt heiß von vorn aus Österreich. Mein Magen ist voll, die Beine drehen wieder. Wie es jetzt Tino geht?. Der Randstreifen der Bundesstraße ist schmal, noch 40km bis zur Grenze. Dort eine Tankstelle, Flüssigkeit und Kalorien. Die linke Wade wird von Lasterabgasen geflämmt.

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Dann die letzte, zähe Steigung vor dem Ziel. Zuerst aber in die Herberge, ein kleines Weingut in herrnbaumgarten. Dort steht ein Rucksack, dort wartet eine Dusche. Es waren doch nur 500km. In Poysdorf ein Sommerbier und noch ein Sommerbier und auf dem Tracker nach Tino sehen. 17h 18h 19h oha!

Und Tino kam dann um 19Uhr, um sein erstes Bier zu empfangen. Tosender Applaus für Team Stuttgart, Erste Etappe geschafft.  Morgen sind wir wieder am Start.

 

 

 

 

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Nachts hindurch: Berlin-Poysdorf 2

Eine lange Gerade führt auf und ab, ab und auf immer tiefer in die Nacht. Der höchste Bergkegel – hinten, am Horizont –  ist am Gipfel erleuchtet. „Mordor“ tauft ihn Tino. Dann wird es wirklich dunkel. Das weiße Band der Straße leuchtet noch schwach. Mal ist die Luft frischer, mal schwüler, je nachdem , ob es ein Bachtal  oder eine Ortschaft war. Wir rollen, zwei Glühwürmer auf Rädern.

Die letzte offene Tankstelle zieht vorbei. Aber das weiß man erst später, viel später

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Durch Waldgebiete (es duftet nach Harz) stetig aufwärts. Nur der Mond ist Zeuge dieser langen Kilometer. Alle zehn Minuten ein Auto: unsere Lichter sind gut sichtbar. Die Kalorien aus Jablonne sind da, ich genieße gleichmäßige Anstiege, besonders wenn der Wald den Wind blockt. Die Kalorien sind da und machen die Beine leicht.

Wir kommen durch kleine Siedlungen. Eine Kirche, ein paar Häuser und das typische, rosagelbe Xenonlicht. Kleine Kornspeicher, alte Hallen schiebn sich als dunkle Schatten vorbei.

Manchmal ein Duft von Holzfeuer, lustige Geräusche von trinkfesten Stimmen. Ein kleines Städtchen, es geht steil hinauf. Auf dem Plateau ist die Bushaltestelle. Ein Mädchen wartet mit dem Smartphone, das ihr Gesicht anleuchtet auf den Nachtbus, wir winden uns durch eine Baustelle hinaus aus dem Zentrum, vorbei an der Pizzeria, zurück ins freie Feld. Eine Bahn kommt noch. Ein kleiner Triebwagen mit erleuchteten Fenstern der vorbeisaust, elektrisch leise. 23 Uhr vorbei.

Der Weg führt über Hochplateaus, Obstbaumalleen über die der Wind weht, dann wieder hinab in die Wälder. Wie schön, einen kleinen Track mit bunter Landkarte zu sehen. Openstreetmap heißt das Zaubermittel. es ist unglaublich dunkel hier unten, aber es geht gleich wieder hinauf. Wiegetritt, damit schont man die Rückseite.

Die Lichter einer Stadt hellen den Horizont auf  und wir suchen auf den geflickten Nebenstrecken nach der guten Spur. Im Zickzack über Teerflecken, hier kommt heute niemand mehr vorbei, wir können uns die Seite aussuchen. Dann die nächste Abfahrt in die Kühle eines Flußtals, das Rad vibriert, aber es ist nur der schlechte Asphalt.

Ich warte unter der Laterne, es geht in drei Richtungen. Da sehe ich den strahlenden weißen Lichtpunkt. Tino kommt aus dem Dunkel wie ein Fisch aus der Tiefsee. Irgendwo mit dem Rad aufgesetzt, er ist für eine Sekunde eingeschlafen.

a9Weiter, wir müssen Meilen machen, die Nacht schenkt sie uns. Das Wasser ist wieder alle. Da an der Straßenecke eine Kneipe; davor steht draußen ein langer Holztisch und auf ihm im Wechsel: Wodkaflaschen, leere Gläser, Bier, Zigaretten. Zwei drei Männer, einer mit Schluckauf. Drinnen ist es stickig, eine Thailänderin sitzt an der Theke und rechnet auf Papier etwas aus.

„Water?“ sage ich und sie macht beim dritten Fragen eine kleine Kopfbewegung in unbestimmte Richtung. Der junge Mann mit basecap, der vor ihr an der Theke sitzt, hat die Augen nicht vom smartphone genommen.

Ich blicke in die Richtung „toilety“ und sehe zwei Türen. Die eine läßt ein orangenes Licht hindurch, das von einer Reihe Spielautomaten kommt, die ins Dunkel hinein ein paar menschliche Schemen anblinken. Die andere Tür führt dem Geruch nach in die richtige Richtung. Es sieht auf den Kacheln aus wie nach einer Saalschlacht: Blutstropfen, nasses Klopapier überall Scherben? und Wasser und noch mehr Blut. Ein kleines Waschbecken – ich versuche den Hahn nicht direkt zu berühren und zeige Tino den Weg. das Wasser ist kühl und gut, ich hänge meine Teebeutel ein, während der Mann mit dem Schluckauf sich entschuldigt.

Wir rollen weiter, hinunter zum großen Fluß. Zwei Männer wanken unter den Laternen den Weg hinunter.Sie stützen einander, um nicht umzufallen. Nach der Brücke eine Bushaltestelle. Unter diesem immer gleichen Licht sitzen dort Jugendliche mit diversen Getränken. Sie sehen uns an, als seien wir sturzbesoffene Irre auf dem Weg in die Anstalt.  Wir rufen ihnen zu und machen uns in den Anstieg aus dem Tal. Nymburk lese ich auf einem blauen Schild.

Oben: nüscht wie Jejend und immer der Wind, der über die Ebene kommt und in den Bäumen raschelt. Weiter Tino! Weiter Christoph!

Im Vollmond sehe ich die Leuchtzeiger meiner Uhr, Mitternacht ist längst vorbei, kleine Pflegepause. Laß uns noch eine Stunde machen (oder zwei)  und dann einen ruhigen Platz suchen. Erst über diese Baustelle, eine Brücke über die Eisenbahn, wir balancieren mit den Rädern,  Hunde schlagen an. Die Zäune halten dicht. Und hop! in den Sattel zurück.

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Die 400km marke rückt näher, der Tracker blinkt auf der Tasche, der Bordcomputer liefert alle Daten nach.

Noch einer große Straßenkreuzung noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Das Dorf hat eine Doppelreihe Bäume, hinter der die Häuser zurücktreten. Es durftet nach Linde, aus den Augenwinkeln ein Kriegerdenkmal. Das könnte es sein. Der Boden ist trocken wie in der Lausitz und schräg hinter dem Denkmal ist eine kleine Holzveranda mit Bänken, die breit genug sind: eine Pension,  Menüschilder stehen draußen.

Tino verschwindet in einem Rettungsbeutel, ich roll mich auf einer Bank ein und ziehe noch einen Pullover über. Es geht. In zwei Stunden wird es hell, von weitem rauscht eine Autobahn, unablässig.

 

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