BiTitanio – Colnago on ice

Der Wuppertaler Winterbrevet fand bei klarer, kalter Trockenheit statt, deren Kern irgendwo über Norwegen lag. Es war immer noch kalt genug.

Sollte man dann ein Rad fahren, das üblicherweise die Zitronen blühen sieht? Die Gelegenheit muß genutzt werden und dank Roy kam es zur  Colnago on ice-experience. Eine Brevet Testfahrt mit unbekanntem Rad.

Wie würde sich das handverlesene, perlmuttweiße Exemplar unter den verschärften Bedingungen eines Winterbrevets schlagen? Wie würde die Record Titanium-Gruppe dem aus Norwegen gesandten Eiswind begegnen?

b05Colnago hat ja in den Ohren deutscher Rennrad-freunde einen recht guten Ruf. Den Ruf, teuer, edel und extravagant zu sein. Das ist nicht unbegründet. Colnagos beste Jahre fielen in die Zeit des Rennrad“booms“, der auch Deutschland Mitte der 70er erfaßte. Ernesto Colnago hatte sich da bereits einen guten Namen gemacht. In der professionellen Szene belieferte er so einige erfolgreiche Fahrer und Teams und das sehr geschickt.

bit01Eddy Merckx war sicher Primus inter Premiumkunden und beide haben dieses Verhältnis weidlich genutzt, auch wenn Eddy schon vor seinem ersten Colnago einige Erfahrung mit Lizenzrädern und italienischen Rahmenbauern hatte: schon 1966 kamen seine Räder von Faliero Masi, einem Mailänder Meister. Eddy war ein neugieriger Perfektionist

Und so stammten manche  der orangenen Räder des Belgischen Kaisers halt von Colnago, und das ließ man die Welt wissen. Für einen Rahmenbauer gibt es nichts wichtigeres als einen Sieger auf dem eigenen Produkt.

Der Radsportversender Nummer 1, Brügelmann, wurde dann zum entscheidenden Multiplikator in Deutschland und weiter gedieh der Mythos. Man muß wissen: damals fuhrendie Gründer von Canyon Bikes  noch mit dem eigenen Kombi nach Italien, um Komponenten für den heimischen Markt einzukaufen.  – –  –

Colnago war nicht nur ein guter Löter und kluger Geschäftsmann, er war auch am Fortschritt im Rennradbau nicht unbeteiligt. Rahmenformen und – geometrien wurden weiterentwickelt, ovale und multishape Rohre eingesetzt. Vor dem Übergang zum definitiven Material des modernen Rennrads (Carbon) gab es Versuche in Titan. Wie diesen hier.

bit2Einen der extravagantesten Lösungen, das Bititanio, habe ich nun über 10 Stunden am Stück bewegt – bergauf, bergab und auf langen Flachstücken. Es erhielt seinen Namen aufgrund des Versuchs, die Steifigkeit im Unterrohr über zwei parallele Streben statt eines Oversizerohrs zu erreichen, das man bei dem Werkstoff wohl hätte wählen müssen.

Vielleicht war es ein optischer Grund, vielleicht ein technischer. Ein marketing-trick war das kaum. Denn wie sagte Tom Ritchey:“ it is one of the dirty little secrets in the bike industry, that an oversize downtube gives you a billboard  – so everyone immediately knows the name of your bike. And they won’t give that away . .. . .“

bit1Obs der Grund für die Seltenheit des Bititanio ist, einem weißen Wal unter den Rennrädern? Schon möglich, sicher ist aber auch, daß die UCI das Doppelrohr Experiment regulatorisch killte. Die Homologierung der Bauform wurde eben verweigert. Abgesehen vom baulichen Aufwand oder den schön verschliffenen Nähten, die die Fertigung verteuern war das das Ende der bititanios.

Whatever: entscheidend is aufm Platz!

bit3Und da hatte ich mit conti Classic 25mm nicht  zu klagen. Trotz optisch massiver Sitzstreben ist der Komfort am Hinterrad  sehr, sehr gut. Auf 6 bar lief es einfach geschmeidig. Vorne aber verhielt es sich ein wenig anders. Die stiletto gabel dämpft einfach weniger schön als der klassische Typ, und in den schnellen Abfahrtskurven fühlte ich mich nicht so risikofreudig wie gewohnt.

ac6Und bei einem meiner klassischen Tests fiel das Rad eigentlich durch: freihändig fahren . möglich wars schon, das aber nur bei recht hoher Geschwindigkeit, deutlich über 20kmh. Wer dann in der Abfahrt nochmal die SponsorenKappe richten will, oder ein schönes Croissant aus der Tasche ziehen, muß  aufpassen: das Ding schaukelt sich über 40 sehr schnell auf.

ad3ad3Zum Genuß wurde es dann auf den schönen langen Wegen durchs Münsterland, auch weil das häufige Schalten entfiel. Denn, wie es hier scheint, mögen Record Carbon Schaltbremshebel Dauerfrost überhaupt nicht. Oft gelang es nur noch mit Tricks (oder nach Tankstellenpausen) , den Umwerfer zu bewegen, und das lag nicht an der fein eingestellten Schaltung, denn wenns lief, dann wie Vanillesahne durch den Bratapfel.

b21Nur, bittesehr, wer fährt schon Colnago im Winter?

Die Frage die schließlich am Ende eines langen, kalten Tages beantwortet werden kann, lautet: brauchen wir jetzt ein Colnago? Brauchen wir ein bititanio? Ich kann jeden beruhigen, der sich auf die Suche nach einem bititanio macht: häufig ist es nicht. Vielleicht auch eher ein showpiece, so wie es gewisse Kleinserien bekannter Sportwagenhersteller gibt . Wertlos wird es nie .

Aber rein vom Fahrerlebnis ist die Antwort : nicht, wenn man schon ein zwei andere gute Rennräder besitzt. Wieviel vom Mythos bleibt? Das Bititanio ist ein gutes, kein sehr gutes Rennrad, dafür ist es einfach nicht steif etc. etc. genug. Die 90er bieten genug interessante Alternativen, die in der einen oder anderen Richtung besser sind.

Ließe man mir an diesem Abend die Wahl, würde ich immer das unscheinbare Peugeot nehmen.

 

 

 

 

 

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Look to the rainbow

DSCF3546Links sterben die Fichten, rechst wächst der Wald weiter. Wir bewegen uns frei, fühlen uns frei und doch gibt es Regeln, nach denen die Welt sich formt und verändert . Nicht ignorieren, auch die eigenen Grenzen im Blick halten – hier ein Versuch, bei dem mit diesen gespielt wird.

aa1Mein großes blaues Koga ist ein gutes Roß, vor zehn Jahren angeschafft, umgebaut, verfeinert  -seit 5 Jahren hat es seine Form gefunden. Der Rahmen blieb unerschütterlich.

ak1Jetzt rollt es wieder den Hang hinauf und kreuzt andere Urgesteine. Überall wird gemäht und diesmal ist es ein gutes Heujahr. Immer wieder Regengüsse, wechselnd mit milder Wärme. Ein Frühsommer.

ak2Ich bin kurz unterwegs in den Westen, nördlich von Montabaur überquere ich die Autobahnen, die mir den Weg versperren, folge den kleinen Senken und kreuze die letzten großen Waldpartien vor dem Rhein.  Überall  Mischwälder mit Roststellen, gerodete Partien, zwischen schon das Grün nachkommt.

Besonders stark wächst auf den Flächen die magentafarbene oder pinke digitalis, : Fingerhut. Ein Fingerhut liegt seit Jahrhunderten in jeder Nähkiste und jeder Haushalt  hatte seine Nähkiste, seine Reserve an Stopfwolle, Bindfäden un kleinen Knöpfen. Knopffabrikanten gab es im ganzen Land. Genau wie Räder kann man Jacken über Generationen weiterreichen, oder unter den nachwachsenden Kindern verteilen. Mend and make do – mit Rädern aus Stahl kann man das auch.

al7Unerschütterlich rollt mein Koga an allem vorbei, quirlen die schlanken alten Dura Ace Kurbeln, kaltgeschmiedet. In der Genealogie der japanischen Miyata Rahmen ist dies ein beinahe Spitzenprodukt, ein handgemachter Rahmen aus dem FM2 genannten Stahl, eine etwas kräftigere Variante der Chromoly-Stähle von Miyata. Ins Gewicht fallen die 0,2mm Wandstärke kaum, vielleicht mit 200 gramm auf den Rahmen. In dieser Größe ist das sinnvoll ist: sehr spürbar, wenn es unbeirrt seine Spur zieht in der steilen Abfahrt zum Sayntal.

Rennradrahmen werden gern nach Namen bewertet – für das einst leichteste Rohr, 753 von Reynolds – werden heute mindestens doppelt so hohe Preise gezahlt. Der gewichtsvorteil von 20% wird nur selten mit anderen Verbesserungen erkauft. Das dagegen schwere Cinelli SLX  Material in verbindung mit gegossenen Muffen fährt sich in meiner Erfahrung straff und elastisch, schwingt angenehmer aus. Es sind marginale Unterschiede. Man könnte sich endlos einlassen über die Güte und Eigenschaften der Stahlsorten. Handlötung macht einiges aus, ein gut gelöteter Rahmen vom Meister bewahrt mehr von der ursprünglichen Zugfestigkeit des Stahls, da geht mehr als bei der Rohrsorte.

ak3Hier bei Miyata haben sie Silberlot verwendet und alles vollendet gemacht. Die kleinen kronenförmigen Aussparungen der Muffen sind das Siegel. Sucht einen gut gemachten Rahmen der euch passt in einer schönen Farbe!

ak6Nach meinen Besorgungen überhole ich die Ankurbler unserer Wirtschaft, die sich vor den großen Hallen zum Stau vereint haben und nutze die Schleichwege nach Koblenz. Alte Hauptstadt der Rheinprovinz: 4 Rheinbrücken, 2 davon mit Gleisen,Knotenpunkt von Wasser und Verkehr.

ak8Nach Stunden kann ich es nicht mehr verheimlichen: vor einem enormen Hamburger fühle ich mich wohl und freue mich, wenn diese Adresse die Pandemie überlebt. Der Siebeck des Hamburgers sagt: außen knusprig gebraten und innen schön heiß und elastisch, ohne blutig zu sein. Frische Salatblätter und für die Tomaten gilt in diesem Jahr das gleiche wie für s Heu: es gibt keine schlechten. das Ei zerfließt on top, die Mayonnaise ist beinahe echt, die Zwiebeln und Gurken sind vollkommen. Alles ist da: Vitamine, Proteine, Eiweiß und Spurenelemente. Vor allem aber Genuß.

ak91Zurück, wieder ostwärts über den Rhein, die gute alte Lahn entlang. Das Training beginnt hier, vorher war einrollen. Ich will die tiefe Position und das konstant hohe Tempo üben, die Kraftausdauer. der Wind kommt wechselnd ,mal leicht von vorn, dann von der Südseite über die Lahn geweht. Unterlenker.

al1Einen Vorfahrer ausgemacht, der die Strecke verläßt, bevor ich ihn einhole. Schade.

al2Traktoren überholt, die ihre Maschinen artfremd an den Anschlag bringen.

Durch das einst mondäne Bad Ems geschlängelt. Hier die Depesche des Kaisers, hier läßt Fontane seine Effi vom Duell ihres Gatten (so sagt man doch wohl) erfahren, hier spielte die wirkliche Clara schumann zuvor und der wirkliche Dostojewskij. Die Revolution war im Grunde schon vorgedacht, vorgezeichnet und in Preußen werden noch Standesprobleme verhandelt.

al6Den Arbeiter des Rades betrifft es wenig, er muß im Takt bleiben, er schindet sich an der Sauerstoffgrenze. 2 Stunden von Koblenz bis nach Hause – das ist der Maßstab. Ich nutze 17 Zähne hinten, 15 in den Abschwüngen, das Koga hat einen 6fach Kranz, der keine halben Sachen erlaubt. Schön lang machen, tief atmen, an nichts denken, nur die bekannten Landmarken anpeilen. Obernhof, Kalkofen, Nassau, paddelnde Kanus.  .

al4Nach einer Stunde biege ich ins Gelbachtal ein, jetzt die nächste Übung: tempo halten bei leicht ansteigendem terrain. Nur Bäume sind Zeugen, ich bin so gut wie allein, warum auch immer. Motorräder müssen heute eine sehr schlechte Wetterprognose gehabt haben- heute nur ganz vereinzelte Vertreter. Auch mit Rädern ist es mau, ein Zullo kam mir entgegen, das wars fast schon.

Radsport ist am Ende immer ein einsamer Sport. Die Blätter rauschen im Wind und ganz am Ende, wenn ich das Tal in Isselbach wieder verlasse, finde ich noch eine schöne frische Quelle, die ich dringend gebraucht habe. Die schön bemalte Brunnenwanne ist klar bis auf den Grund.

DSCF3545Noch einmal 4km richtig arbeiten, den Anstieg nach Eppenrod, im Halbschatten über den Kühen und Pferden, deren Schweife wedeln. Langsam schon wird das Korn gelb. Darüber noch die weißen Rotoren. Der letzte Anstieg – dann  bin ich über den Regenbogen.

al5Oben lass ich es rollen, es ist genug. Zum Tee bin ich am Ziel. Über zwei Tage werde ich krank sein. Beinahe krank.

 

 

 

 

 

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Abendliche Heimkehr auf Lauer

am1Absichtlich bin ich eine Station vorher ausgestiegen und nicht bis zum Hauptbahnhof nach Frankfurt gefahren. Die Schaffnerin in der dunklen Gabardine Hose mit der komischen Mütze ist fast zurückgeschreckt, als ich sie etwas fragen will. Ich gewähre ihr  gern den Mindestabstand. Im kaum gefüllten Zug geht das leicht, allen eine gute Fahrt. ..

aa2In Niederrad bin ich dann also ausgestiegen und nicht am Hauptbahnhof von Frankfurt , um dort nicht den cordon sanitaire der Gestalten durchqueren zu müssen, die ihn gerade an Wochenende besonders auffällig umgeben, wenn das Getriebe des Alltags steht und nur die Periöken der Stadt sich in Hauseingängen einnisten. Menschen, deren Blicke mich noch vom letzten besuch verfolgen.

Hier also durchquere ich eine saubere, anonyme Vorstadt im späten Nachmittagslicht, folge einer Baum- und ampelfreie Parallelstraße, die mich weiter nach Westen hinausführt, nachdem ich zuvor auf dem Bahnsteig die Maske abgenommen und das Rad geschultert habe: hinab auf die Ebene Null.

aa3 Umrisse der Bürogebäude zweiter oder dritter Ordnung. Dazu Versorgungsgebäude erste Klasse. Hier, südlich des Mains hat man die großen Kreislaufsysteme der Stadt angelegt, Die Filtrierung, die Klärung, die Siebung des Wassers, das dann wieder in Haushalte zurückströmt, Haushalte, die Woche für Woche Unmengen von bepfandeten Plastikflaschen auf  Etagen schleppen, Flasche à 25cent, in denen das noch bessere Wasser steckt. Riesenhafte Kreisläufe, die wir nur erahnen , auch wenn sie gemessen und gewogen werden.

as7Doch meine kleine Plastikflasche steckt am Rahmen.

(und das Wasser darin könnte aus einem Brunnen stammen, wie dem vor einigen Stunden an der Heidelberger Landstraße. Dort bedienten sich viele schon und füllten eine Batterie großer Plastikkanister ab, 10-Liter-Kanister, die bestimmt waren für einen türkischen Cay oder die Shisha Bar in der Stadt).

Dafür nun Gerolsteiner Medium aus der vulkanisch-tiefen Eifel, direkt von der Tankstelle. Der mineralische Geschmack wird die nächste Stunde reichen  – bis jenseits der Frankfurter Stadtgrenze;  und schon führen mich kleine grüne Schriftzeichen zum Main und über den Main

aa4An Kleingartenstreifen entlang unter dem permanenten Lärm des Verkehrs auf der großen, vielspurigen Mainbrücke. Pappeln und eine letzte Ölweide duften mir entgegen, als ich die Rampe hinunterschieße Richtung der ewig langen Mauer des Industrieparkes Griesheim.

Es ist eine Ziegelmauer, kilometerlang alte Industrie. Zum Schutze der Werkstätten und ihrer Erzeugnisse. Alte Werkstätten, neue Gasbehälter, Rohre, eiserne Därme, die anorganisches verdauen können. Draußen: Frauen laufen an Anlagen vorüber,  Zöpfe hüpfen im Takt.

aa5Fast drei Stunden Tageslicht bleiben noch, als ich von Griesheim auf Höchst zurolle. Halte meine Kamera so hoch ich kann, um zu entdecken, was die Mauern verbergen .

aa6Und es sind Autos . Neue Autos  sind dort in Hundertschaften abgestellt, nicht abgeholt, unverlängerte Leasingverträge, stornierte Flottenkäufe, Zukunftspläne. Käufer sollen sie nun zum Leben erwecken. Es bröckelt hinter den Mauern.

aa7An der Hauswand in Höchst stehen Nachrichten aus der guten alten Zeit;  man munkelt unter der Hand: seht in die Ecken –  dort stehen sie, alt wie neu, schön aufgereiht oder locker verteilt und warten auf Abholung, Verwertung. Oder eben nicht, dann ist es das nächste Manchester, dann wird es gehen wie mit den Werften und Spinnereien.

Unterdes wird der große Feldberg zu meiner Orientierungsmarke, als ich den dunklen Höhenzug hinter der Stadt ausmache. Flugzeuge, die sonst wie Lampionketten in der Luft hängen, fehlen völlig und somit auch das große Rauschen im Hintergrund. Anwohner sollen macnhmal fragend zum Himmel blicken.

aa9Ein letzter Teich Automobile schimmert zwischen den Bäumen,  diesmal ist es nur ein Autokino.

as5Und schon bin ich in den letzten Vororten, den alten Siedlungen der Farbenfabrik mit ihren prachtvoll gewachsenen Alleen und Straßennamen, die auf andere Standorte der alten IG Farben verweisen, so, wie Generälen und Schlachten auf Schildern und Tafeln gedacht wird. Kelkheim.

aa93Einmal noch um die Ecke, unter die Autobahn abtauchen und auftauchen in den Obstwiesen. Ich widerstehe den Erdbeeren, vor allem aber reifenden Kirschen, die zum Greifen nah am Wege wachsen. Nur immer den Weg vor mir im Blick, Müdigkeit und Zeit treiben mich an, schon habe ich mich 1mal verfahren, es geht hinaus nach Nordwesten, Hofheim und Eppstein – dort letzte Verpflegung.; das Tempo stimmt, das Lauer stimmt, die Reifen rollen weiter. Rechterhand zieht sich der dunkle Höhenzug entlang, dem ich mich ganz allmählich nähere.

Radfahrer grüßen von der anderen Straßenseite- sie beenden ihre Ausflüge entspannt lächelnd,  Packtaschen an den Lenkern. Hinter Hofheim kommen die Wälder, während Sonnenstrahlen fast waagerecht auftreffen. Der 20.Juni. ist ein sehr langer Tag . . .

Nach Hofheim: die Luft ist wie ausgetauscht; hier hat es geregnet, der feuchte Hauch geht tief durch die Lunge. Gleich ist sie erreicht, die Total-Tankstelle, deren Leuchtschrift durch den Schatten dringt. Spontane Auswahl an der Theke –  eine kulinarisch riskante Mischung: Hefeweizen, harte Wurst (vom Metzger!) und einen Barren Marzipan, als Vorspeise noch eine Handvoll Toppifrutti. Nacheinander wandert alles blitzartig in den Schlund und als ich mich aufs Rad setze, ist vom Hefeweizen kaum mehr die Hälfte übrig. Die Kalorien sind schnell da, die kleinen Anstiege beweisen es –  immer noch kommen letzte Fahrer vom Feldberg, die den Tag gleichfalls bis zur Neige auskosten.

aa94Ich bleibe im Rhythmus, dieser prekären Balance zwischen zu schnell und zu langsam. Jetzt geht es durch den Tann geradeaus ansteigend für einige Kilometer, bis der goldene Grund erreicht ist. Dahinten der nächste Ansteig, droben vielleicht noch einmal die Sonne.

aa95 Ich genieße es, genieße überrascht das Auftauchen eines Jets im freien Himmel, als der Wald endet. Heftrich, Waldems, Camberg, Brechen, die kleinen Etappen durch den goldenen Grund. Der längst geschlossene Biergarten „zum Salamander“, Spuren von Reifen auf Waldweg. Der Staub hat sich gelegt, ein Vater sitzt mit seinem Sohn auf der Bank, ein Pizzadienst holt die vergangenen Wochen auf .

aa97Ich stelle das Lauer kurz dort ab wo es schon vor 13 Stunden stand und verneige mich vor dem Tag, während der Himmel – wie gesagt – der immer noch nicht dunkle Himmel die Farben der Gemälde Poussins abwandelt und ich mir denke:

Et in arcadia ego.

 

 

 

 

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Vor dem längsten Tag nach Heidelberg

as9

Die Wolken leuchten gelbrosig auf, der Himmel grundiert noch sanftblau. Es sind die Farben, die in der  französischen Klassik und bei italienischen Maineristen für Himmel bevorzugt werden. Noch einmal geht die Sonne unter um sich für den längsten Tag des jahres zu verabschieden. In einer Minute stelle ich mein Rad ab.

al4Etwas über 200km war ich mit dem Lauer unterwegs – auf seinen Michelin Classic mit heller Flanke, so wie die Mode es gern sieht. Eine Fahrt nach Heidelberg liegt hinter uns, ein Tag voller Sonne und frischer angenehmer Luft, ein Tag, wie er fürs Radfahren besser nicht sein kann.

al01Die Morgensonne taucht gerade hinter dem ersten Hügel auf und streift das Metall. Der Asphalt ist noch frisch,  Hecken und Sträucher verbreiten einen angenehmen, krautigen Geruch  -der Duft des kommenden Tages.

al3Durch einen eigenartigen Beugungseffekt um gibt ein halo den Körperschatten auf oder über dem reifenden Weizen. In zwei Stunden werde ich die Wiesen und Felder, die Bachtäler und großen Doldenblüten verlassen haben.

Ich reise über den den Rhein nach Süden, wie vor einem Monat.

al5

Es beginnt mit dem zweiten Idyll. Nach etwa 80km liegt der Strom majestätisch ruhig vor mir, die vollbeladenen Frachter unterqueren in gemessenem Abstand die Theodor Heusss Brücke. Mainz ist wie ein Gelenk, ein großes Gleisdreieck der Ströme. Der Wein verdrängt ab hier das Bier, mit Hefe wird gebacken, Zeit für die Tageszeitung.

Kaum stehe ich an der schönen Jet Tankstelle und blicke auf die Titelseite, sehe ich, wie die Zeit ihre Opfer fordert. Was mit dem Paradies der damen begann, dämmert , bröckelt  – der rost im Stahlbeton.

al6„Are you being served“ war eine ur-Englische Comedyserie, die in einem Kaufhaus  – möglicherweise Harrods – spielte. Dort trafen nicht nur die Abteilungen von Alltags- bis Luxuswaren aufeinander, sondern es diente gleichzeitig als wunderbare Bühne für das Aufeinandertreffen sozialer Parallelwelten, die sich im England vor der EU nie begegneten.

Eine kurze Episode des Weltkonsumismus geht zuende.

Stanislaw Lem hatte schon Mitte der 1960er, als Blöcke der alten Welt noch klar getrennt waren eine interessante Beobachtung gemacht: der Zustand des Planeteten werde immer gasförmiger, alles bewege sich untereinander und strebe zu einer gleichen Verteilung zu, der homöostase.

Warenwelten sind gasförmiger geworden: die Elektronen rasen an die Bestellportale, die elektronische Zahlung wird „treuhänderisch“ weitergeleitet und wie sehr große weiße Moleküle rasen Lieferwagen durch die Geflechte ihrer Navigationssysteme. Es gibt keinen Grund mehr, das Haus zu verlassen, wenn der Diener an die Tür klopft und das gekochte Ei serviert…

ab4Mein Kompaß steht auf Süd. Die Blüten sind vergangen, das Grün sprieß, als habe der Friseur der Natur geschlossen. Mein kleines Lauer- Molekül rollt schnell über die Weindörfer, die bald südlich von Mainz beginnen. Sie bilden einen grünen Teppich, der sich von der Rheinebene an die Höhen zieht. Die B9 habe ich längst verlassen und kreuze zickzack die Baumschatten. In den Gutshöfen sind große Oleander aufgestellt, unter denen Weinproben stattfinden

ab5Reben, dazwischen ein rüstiger Traktor, flüchtiger Gruß aus der alten Welt. Dabei der schwache Geruch eines schwefligen Pestizids. Kundenschlangen an den Erdbeerständen.

ab1 Kleinere Schlangen beim pop-up Schnellimbiß. In der Ferne Allebäume der B9.

am7Worms.

al7Worms hat sich im Monat meines letzten Besuchts nicht verändert. Auf dem Blinddarm der ehemaligen B9 werden Schrottfahrzeuge und andere Dinge abgestellt. Vor der Waschanlage trifft sich eine Gruppe gleichgesinnter Männer in glänzenden, optimierten schwarzen Mercedes Limousinen. Andere Menschen schleichen mit Rucksäcken voll Pfandflaschen Richtung der Supermärkte vorbei. Dort, wo mein Treffpunkt ist.

Im Eingangsbereich eines Drogeriemarkts steht eine schöne Holzbank. Ich schlage eine Kundenzeitschrift auf .Welches Deo passt zu mir? Kundenmagazine sprechen Wahrheiten aus, die auf anderen Plattformen als politisch unkorrekt eingestuft werden. Kundenmagazinen wird nicht widersprochen.

al8Die ersten 130km sind herum, der Seitenwind war ein angenehmer Begleiter, man wird nicht unsportlich angeschoben. Das Lauer (links) mit seinem langen Oberrohr  – 59 zu 57 – ist wegen des 10cm Vorbaus absolut fahrbar, so passt es. Das nebenstehende Koga gehört einem etwas größeren Kollegen, der mich von hier durch das gefährliche Ried an den Odenwald begleiten wird. Gefährlich, weil der Fahrstil der Ried-Bewohner im Umland als unberechenbar bekannt ist.  Gerade an Wochenenden ist das Aggressionspotential erhöht.

Wir lehnen die Räder an einen leicht verunfallten Lieferwagen mit dunklen Scheiben, die Motorhaube ist angeknautscht und schließt nicht mehr. Im Innern erkenne ich mehrere Decken, die über die Vordersitze fallen. Niemand ist zu sehen und wir entfernen uns vorsichtig aus dem Areal der vollen Glascontainer.

Als ich das letzte mal an dieser Stelle stand, war das Coronavirus gerade in der Firma Westfleisch aufgetaucht und hatte für Entsetzen gesorgt. Besonders die Haltung von Lohnsklaven –  Superspreader –  sorgten für Empörung. Warum dachte ich noch letzte Woche es habe sich etwas verändert? Warum ist man überrascht, wenn sich nichts verändert hat? Velleicht weil man denkt: no news is good news. No news machen uns vorsichtiger – die Welt wird mißtrauischer in diesen Zeiten.

Bei Worms geht über den Rhein , auf die Hügel des Odenwalds zu.

ab2Heute, am 20.6.2020, werden in einer weiteren Fleischfabrik identische Zustände  offenbar – nur  hundertfach größer. Das dumpfe Gefühl, es habe sich nichts geändert, es solle sich auch nichts ändern. Gerade das Virus ist ein Gas, es verbreitet sich weltweit über unsere Lungen und folgt den Waren, zu Land, zu Wasser und in der Luft. Ein Gas, das auf Menschen tödlich und auf die Wirtschaft wie ein Nervengift wirkt. Es paralysiert und ändert kollektives Verhalten. Niemand fliegt mehr ohne Zwang, niemand braucht ein Kaufhaus.

Die Allgegenwart eines Feindes zu akzeptieren ist schwierig, zu tief greift er mit dreister Unsichtbarkeit in unsere komfortablen Vorrechte ein und zwingt uns, nach seinen Regeln zu spielen. Gleichzeitig testet es unsere kollektiven Reflexe: sie sind schwach geworden.

ab8Das Gas vom Typ Corona ist ein Indikator. Die Trennwände sind durchlässig –  es sind nur paywalls. Wie Engländer in alten Kaufhäusern weigern wir uns innerlich, die Präsenz paralleler Gesellschaften zu akzeptieren. Corona is here to stay.

Längst sind wir in Weinheim eingetroffen. In unmittelbarer Nachbarschaft finden sich gegenüber dem Bahnhof 2 kulturelle Perlen.

al11

1  – der Belz Verlag, hier erschien „der Grüffelo“. Der  Kinder – und Jugendbuch Verlag schlechthin in Deutschland. Seit über 50 Jahren! Auch wenn man viel Geld verliert , wenn man „Conni mit der Schleife im Haar “ ablehnt, als Verlag beweist man damit Überlegenheit. Man kannnicht früh genug anfangen.

al122 Gleich daneben: Eis Bertoli. Wir parken außerhalb der Distanzstreifen. Drei -Sterne-Eis. Immer wieder stürzen Kunden  herbei.  (Durch den Weitwinkel wirkt das Lauer zierlich, obwohl es gerade einen cm niedriger ist). Wir genießen das Eis, insbesondere das Sorbet, und die Abwechslung des Bahnhofs: Baustellen, Wassertürme, Postboten auf Elektrodreirädern.

af1

Ein milder Anstieg führt westlich aus Weinheim hinaus in den Odenwald, an den ersten Kirschen vorbei und über viele Kilometer (gegen den Wind) wieder zum Neckar hinunter.

am9Im Odenwald überdauern Zeichen der alten Welt. Wandschmuck aus der Zeit vor dem Digitaldruck, als das duale Ausbildungssystem Existenzen schuf: der Radio – und Fernsehtechniker…. ab10 Mauern wie von Riesen gesetzt fangen die Kraft der Felswand über der Bahnlinie ab. Das markante Rot des Sandsteins, aus dem alle großen und alten Gebäude der Region gemacht sind – das Heidelberger Rot, das Rot des Neckartals, durch das wir jetzt ganz allmählich gegen einen steifen Wind anrollen. Eine breite Straße, auf der uns immer mehr Radfahrer entgegenkommen, je näher Heidelberg rückt. Verdichtung, denn auch die Luft wird wärmer. Dann die Stadt und die nächste Tankstelle.

ab12Sedgways – Gruppen rollen das Ufer entlang, Smartphones werden gegen die Schloßkulisse gehalten,  auf den Wiesen am Neckar kreisen Reifröcke zu folkloristischen Melodien. Offene Cabrios, Sonnenbrillen, Pflastersteine und Straßenbahnschienen. Heidelberg ist eine riesige Postkarte mit Geranienampeln. Heidelberg ist eine Kulisse, die mich nicht wirklich interessiert.

am1Hier trennen sich unsere Wege wieder , der Zug bringt mich an Mannheim vorbei nach Frankfurt. Auf zur letzten Etappe, dem Zeitfahren gegen den Sonnenuntergang.

 

 

 

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Was sie einem Mann über 50 nicht sagen

„When do you plan to retire?“

„Retire?, retire from what?“ Duke Ellington

a5Duke Ellington war über 70 .

Auch Männer über dem 50sten Breitengrad lassen sich nicht gerne etwas vorschreiben, nach einem halben Jahrhundert auf diesem Planeten möchte man sich keine neuen Tricks beibringen lassen. Man ergraut in Ehren und fährt die Räder der alten Idole, weil es einfach nichts Besseres gibt. Nur anderen Silberrücken kommt das Recht zu, von Zeit zu Zeit gehört zu werden.

Andererseits sind Männer über 50 sehr gute Kunden, sie gehen jedem auf dem Leim, der ihnen suggeriert, im entsprechenden Trikot, mit der passenden Sonnenbrille und dem Rad dazu wieder 30 zu sein. Warum auch sonst gibt es einen schwunghaften Umsatz mit technischem Spielzeug jenseits aller Ökonomie? Wo sonst werden Unterschiede im Promillebereich als sensationeller Leistungsgewinn gefeiert ?  . . . .

a2Auf dem Ohr bin ich etwas taub  –   und sehe nur die wachsende Zahl an Ritzeln, die schwindende Zahl der Speichen und immergrüne Varianten technischen Dopings, die meinen Altersgenossen verkauft werden. Placebo ist wichtig, der Rest ist euer Geld.

Bei allen Widersprüchen; alle, die über den Zenit des Lebens sind werden hellhörig, wenn es um die eigene Form geht. Das Phantom, das wir alle jagen.

a6In dieser Saison 2020 herrschen besondere Umstände, nicht nur wegen Corona. Dabei hatte das Jahr so gut begonnen, mit einem nassen, windigen, aber sauber absolvierten 200km Ritt durchs Münsterland. Dann kamen Einschränkungen hier, kleine Krankheiten da – nichts großes: aber immer etwas, das den Körper aus der idealen Formkurve trug. Doch man fährt weiter und es geht auch. Es ist ein großer Frühling und ich fahre weiter wie immer, trotz ein paar Seitenhieben.  Nicht ganz.

Die großen Landmarken fehlen. Der 400er, der 600er, Ereignisse, an denen man schonungslos erkennt ob man sich nur gut fühlt oder auch gut ist. Ein Ziel des Jahres aber steht fest: Berlin-Wien im August –  600km ohne Rückfahrticket. Es geht nicht ums  überstehen sondern gutes Gelingen, inklusive Inveloveritas. Alles eine Frage der Form.

a9Am vergangenen Wochenende bin ich es anders angegangen.  An zwei Tagen hintereinander 5 Stunden fahren:   Zwei trockene und warme Tage: einmal mit vielen Höhenmetern, einmal mit weniger. Viel trinken, wenig essen, konstant schnell sein. Es war der Gedanke eines Spezialisten. Der Mann heißt Joe Friel.

Das ist der Trainingsflüsterer für Männer über 50. No nonsense, auch wenn er sich als Tria -Man zuerst an Triathleten richtet. Kein placebo, keine buzzwords, nur körperliche Leistung zählt. Eine Trainingsbibel trägt seinen Namen, seit zwei Jahren liegt das Ü50 Buch vor.

a11Was Joe Friel Gleichaltrigen zu sagen hat, stammt aus seiner Erfahrung als alternder Wettkämpfer. Seine Ehrlichkeit  hilft anderen, sich nicht selbst zu belügen. Und was er sagt ist unangenehm: wir werden nicht besser , schneller und stärker, sondern nur älter und schwächer. Es kommt aber darauf an, so langsam wie möglich alt zu werden. Dafür sind wir verantwortlich, daran können wir ein wenig ändern – wenn wir wollen. Ein erster Trost.

Mich haben weniger die ausgetüftelten Trainingspläne interessiert oder die Vorbereitungstechniken auf bestimmte Wettkämpfe. da mag sich jeder auf seine Art, nach seinen Zielen  vertiefen. Interessanter fand ich das Grundverständnis für Leistungsfähigkeit. Die Bedingungen, die Voraussetzungen, um wenigstens gut in Form zu bleiben. Summe: gutes Training ist jenseits der 50 (noch) wichtiger als davor.

a3Unsere Physiologie belohnt uns langsamer und bestraft uns viel schneller. Es bestraft die Nachlässigkeit und die kleinen Mogeleien, das ist so. Friel schickt uns nicht auf radikalen Entzug, er ist kein asketischer Prediger, er warnt nur, daß jeder Schritt zurück mit dreien nach vorn kompensiert werden muß . In allen Bereichen –  das setting für Radsportler beschreibt er so:.

Der alternde Sportler fährt keine Rennen mehr. Vielleicht braucht er diese Herausforderung nicht mehr, vielleicht hat er keine Gelegenheit dazu. Die Ausweichsstrategie ist oft die lange Distanz. Also lieber weit und lang fahren, dafür aber nicht so schnell. Hat man unter Randonneuren auch öfter gehört. Für manche eine Möglichkeit, Sport bei geringer kompetitiver Veranlagung zu treiben. Aber Ziele erreicht man damit immer weniger und immer schwerer, denn auch bei großen Umfängen und langen Strecken trainiert man ab.

Wozu sich noch schinden, wir wollen doch nichts (mehr) gewinnen? . . .  ein wenig dachte ich auch so.

DSCF1800Nach Friel hat diese Einstellung folgenden Haken: wer nur immer weitere Entfernungen sucht, möglichst ohne Anstrengung, wird dafür immer länger brauchen. Der Körper, der nicht mehr extrem gefordert wird , regelt seine Systeme nach unten.

Je älter er wird, desto schneller wird er langsam – wenn er nichts dagegen unternimmt. Denn die bittere Wahrheit lautet: ohne starke Reize, ohne Höchstbelastung ist das Ergebnis Muskelschwund, Rückbau der Herz-Lungen Kapazität.  Es gibt keine Wahl. Mindestens zweimal in der Woche sollte der alternde Athlet Maximalreize setzen: am Berg oder als Sprint, ganz gleich. Das gute alte Intervalltraining ist dazu das Mittel der Wahl, aber die Hauptsache bleibt, um Walter Röhrl zu zitieren:

„Solange mein Puls auf 170 kommt, gebe ich nicht auf.“ (2020!) .

Der Mann über 50 hat es vernommen, jetzt muß er verstehen und handeln. Es sind unangehnehme Wahrheiten, die mit Material und Technik nichts mehr zu tun haben, dies sind absolute Marginalien die man sich leisten kann oder auch nicht. Entscheidend ist die Persönlichkeit des Sportlers; die Selbstdisziplin, das permanente Fordern.

Besser also kürzere Strecken mit einer höheren Intensität bewältigen, in jedem Fall aber mit Intensivreizen zu arbeiten.  Abwechslung und Intensität und ein gesundes Leben,  das wird die Summe sein. Gerade jene Methoden, die man im Grunde für Wettkampfsportler anwendet, helfen am Ende, Leistung auf Dauer zu erhalten. Gediegene, selbstzufriedene Ruhe ist das nicht – es ist ungemütlich und darum sagen sie es einem auch nicht und preisen lieber den neu entwickelten Aero Helm oder gleich den Hilfsmotor.

Das ist in der Summe nicht eben angenehm und oft habe ich mich gefragt, warum man so selten davon in der Fachpresse oder den Fachportalen oder den F#Gruppen liest. Vermutlich weil es unangenehm ist. Wahrscheinlich, weil es auch mal gar keinen Spaß macht, sich gegen den Schweinehund zu entscheiden. Mühsal ist kein Narrativ.

a4Aber sie lohnt sich, denn es  gilt das Gesetz ständiger Praxis. Handwerker und Musiker kennen es, der Franzose sagt hier „ne pas perdre la main.“ Kategorisch widerlegt es den Gedanken von Rente und Pensionierung , den plötzlichen Bruch mit der Übung, das Verlassen der Werkbank, die plötzliche Aufgabe dessen, was man kann und liebt.

Und genau das meinte eingangs der große Duke Ellington.

 

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In den alten Westen

Kaum kehrt man dem kleinen Meerbuscher Ortskern den Rücken zu, kommen schon die  Felder. Noch eine letzte Reihe wohlgeordneter Häuser, dann führt eine Allee von schlanken Pappeln ins Freie.

b12Mit gutem Wind nehme ich die letzten 50Kilometer nach Westen. In den Feldern durchzieht ein Netz von schmalen Wegen die Gemüseplantagen, am Horizont grüßen Fernsehtürme (so hießen sie damals) aus der großen Stadt. Jetzt aber eine Abfolge von kleineren und größeren Vorstädten, dicht an dicht kommen die Siedlungen.

b11Die Stadt hat weit um ihren Kern unsichtbare Zirkelmaße gezogen. Reihenhäuser und Siedlungsbauten aus fünf Jahrzehnten bilden mit ihren Varianten Schwerpunkte –  Kaarst, Büttgen oder Willich. Die große Zeit der Suburbanisiserung besichtigen. Wohnzeilen, Garagenzeilen.

In der angenehmen, späten Nachmittagssonne entfaltet sich das Setting der Stubennachbarn meiner Bundeswehrkompanie. Nach mehr als 30 Jahren verorte ich in den Außenbezirken Träume und Wünsche hinter Uniformen – einen großen kollektiven Motor.

Für anstrengende Übungen und Nachtwachen brachten sie Amphetamine oder Antidepressiva mit. Freitagmittags lagen die Nerven blank – das Wochenende und seine Abenteuer. Einer, Sievers,  verlängerte den Wehrdienst um in Holland bleiben zu können, wo die Ausbildungskompanie lag und die Unteroffiziere kifften. Auf der Fahrt zurück in die Kaserne starb er in seinem Renault Alpine. Die Lücke verstehen.

Mildes Licht fällt auf die Alleen, Hecken und Strauchgruppen, die der anonymen Architektur eine grüne Tarnung verleihen. Richtungspfeile, Kreuzungen – alles ist wohlgeordnet. Mit dem Merckx geht es mühelos hindurch, die Kette fällt präzise auf die Ritzel, ich stehle mich über fast leblose Landstraßen.

b2Die nächste Ausfallstraße ist nie weit, links in die Bürokomplexe, rechts wieder durch die Felder,  parkartig verträumt wirken die Passagen und beinahe dörflich ist es an der alten Bolten Brauerei. Korschenbroich Seele des Altbiers.

b22Aber kleine Kirchtürme und verstreute Gehöfte täuschen: noch ist der alte Westen nicht zuende, ländliches Intermezzo für das Finale der Industrie. Links vom Rhein ist industrielles Urland mit den Städten Rheydt und Mönchengladbach –  ein Ruhrrevier aus Baumwolle und Seide, über hundert Jahre lang.

b4Ich schneide Rheydt an. Rheydt ist lange schon Mönchengladbach einverleibt, ursprünglich aber eine ganz eigenständige Stadt, nicht zuletzt da calvinistisch . Hier an der Hochschule für Textil und Gewerbe wurde 1948 der Werkbund neu gegründet;

Die folgenden Jahrzehnte waren die letzte große Zeit für Webereien und Spinnereien, eine Stellung, die man sich den Nachbarn Mönchengladbach und Krefeld teilte. Die Krise der Textilindustrie war Anfang der 60er jahre eine der ersten industriellen Krisen Deutschlands, wenn nicht die Erste.

Niemand fährt hier spazieren, keiner läuft hier zum Vergnügen herum, ich bin allein unterwegs. In einer Erzählung beschreibt Siegfried Lenz, wie es morgens an endlosen Backsteinmauern in ein Werk geht . .

c1Diese Mauern, in deren Schatten ich entlanggleite gehören zu einem frühen industriellen Komplex. Schon erkenne ich einen Schornstein und die unvermeidliche Peitschenlampe.

c2

Wie oft kann wikipedia erst nachher die ganze Dimension der Anlage erklären. Es sind die Schorch Werke – ein Hersteller von Elektromotoren , ungefähr 1882 gegründet. vier Generationen. Heute prangt der Name Wolong auf dem Turm  –  der Atem der Geschichte.

Die Straßen Rheydts ähneln vielen Straßen deutscher Städte nach dem Krieg. Städte, in denen dicht an dicht wieder aufgebaut wurde. Kaum Bäume, schmale Gehwege, eine Fortsetzung des Ruhrgebiets – Rheydt, eine Fußnote vom alten Westen.

b3 Kaum Menschen, dagegen viele leere Schaufenster und aufgegebene Läden. Ob heute noch ein Bus kommt? Geschrei vom Gehweg, als ich die Straßenflucht belichte. Es ist keine Slum Situation, viel besser wirkt es aber nicht.

Feine Tuche waren die Spezialität der Stadt. Weiter oben sind noch Villen der  Fabrikanten – schöne Dinge aus Rheydt.

b23Hier schauen fünf Passanten der Polizisten zu. Mit Maßband knien die Uniformierten in dunkelblauer Hose und hellblauem Hemd zwischen geparkten Autos, um einen Einparkunfall zu vermessen.  Ein ruhiger Samstagabend in der Stadt.

b5Dann die letzte Ausfallstraße und die neue Ökonomie. Das Material wechselt, die Gebäude gleichen sich. Es sind Logistikzentren, also Lagerplätze für Waren, fertige Produkte aus aller Welt sind der Silberstreif am Rande von Rheydt. The shape of things ro come.

Alleen für immer, weiter gegen die langsam absinkende Sonne, noch weiter nach Westen. So fällt der 200ste Kilometer leicht, wenn das Band der Straße duftend und wogend eingerahmt ist,  – rare as a day in June.

Jetzt ein paar Straßendörfer, mit sorgfältig arrangierten Häusern.Eigenheime, Einfamilien, hier schläft man ruhiger. Der Sportplatz am Waldrand ist eingeebnet. Erinnerungen kommen auf, hier wohnte doch . . .Vorgärten aus Stein haben sich vermehrt, Unkraut wird daraus entfernt, ich grüße diskret.

c6Dann endlich der Wald, aus dem ich zu meinen ersten Abenteuern aufbrach – ich grüße den alten Weg für ein paar Minuten. Keine jets über mir, RAF Wildenrath ist schon 25 Jahre geschlossen. Es geht alles sehr schnell vorbei.

 

 

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Wenn alte weiße Männer die Bazooka rausholen

Wenn alte weiße Männer die bazooka rausholen.

d16dann meinen sie nicht dieses Eddy Merckx von 1989.

Als Bazooka bezeichnet der neue politische Sprachgebrauch ein recht umfangreiches Schuldenpaket von 130 Millionen Milliarden Euro. Ohne vernehmbare Opposition wurde es den „kommenden“ Generationen aufgebürdet.

Meine Bazooka ist ein Rad, daß jeden Fahrer dazu bringt, seine Kräfte zu steigern und gleichzeitig Maß zu halten, als wolle man 100 werden. Mein Merckx ist eine Bazooka gegen rollende Kuschelpanzer auf 20ZollFelgen .

d11Es bedurfte eines langen zweiten Frühlings, um diese Maschine über hunderte Kilometer, Stunde um Stunde richtig zu bewegen. Die investierte Zeit zahlt sich vielfach aus- in jede Dimension. Denn zu oft muß der AwM erkennen, daß man ihm Assistenzsysteme anbietet, die seine Leistungsfähigkeit verringern. Hier das Gegenmodell zur entmündigten Mobilität.

b8Anders als der Markt für Neuwagen ist der Markt für gebrauchte, auch renntaugliche Räder transparent, unverzerrt und von freier Preisbildung geprägt. Anders als im Fahrzeugmarkt, zu dem mir noch die Schweinemast einfiele. Der alte weiße Mann fordert auf, Technologie-Artenschutz zu beenden und setzt auf Konkurrenz.

d17Wertverlust, Betriebskosten und Wirkungsgrad des Merckx sind eine wirksame Waffe für die Folgeprobleme unserer Pandemie: eine bazooka im Alltagsgebrauch. Kurbeln von 172,5mm bringen jede Konjunktur in Schwung, erfüllen auf der Stelle alle Klimaziele künftiger Generationen. Ein Rad kommt ins rollen.

c8Die geschnürten Kraftpakete zur Rettung der Deutschen Konjunktur darf man mit wunderlicher Skepsis betrachten, wenn man durch Nutzung eines Merckx die Lebensdauer seines Automobils um Jahre verlängert. Die Verlängerung von Lebenszyklen sollte ein Ziel sein, nicht die Verkürzung.

Auch Taschenspielertricks mit Mehrwertsteuer blenden nur den, der nicht überlegt: mit 3% – Senkungen fängt man allenfalls eine angekündigte Inflation auf oder beschert der Konsumgüterindustrie bei gleichem Verkaufspreis höhere Gewinnspannen. Eigenartige Welt, vermutlich staatlich durchgerechnet.

b11Sinnvoll nutze ich die üppige Infrastruktur, die der Staat für 40Tonner und die nächste Generation Golf auf die Beine gestellt hat. Fahrradwege? Nicht immer, wir kommen mit allem klar. In Jahrhunderten werde ich die Bitumenteppiche nicht verschleißen, die uns Straßenbauer ausgebreitet haben.

b5Der Alte Weiße Mann auf seiner bazooka will nicht polemisch sein, er möchte nur, daß mit Verschuldungspaketen keine Technofriedhöfe eingezäunt werden. Er sieht es lieber, wenn damit in Versorgungsstrukturen der Zukunft investiert wird.

Er fragt nach neuen Lösungen, statt kuriose Beweise politischer Vergreisung zu liefern. Der alte weiße Mann bittet höflich darum, ihn und kommende Generationen nicht zum Narren zu halten.

d18Der Alte Weiße Mann hat in seinem Leben genug Autos gefahren, um im Merckx die echte Bazooka zu erkennen.

 

 

 

 

 

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Der grüne Rhein und Dinos Cappuccino

Wo andere die Lockerung(en) nutzen, um aus dem Dickicht der Städte zu fliehen, wird das strahlende Wetter mir helfen, die Schauplätze unseres Bruttosozialprodukts besser auszuleuchten. Aus der Alltagsidylle in den Sonntag der Gewerbegebiete. Zwei Tage Kilometer machen, zwei Tage dem Rhein folgen.

a02Mit dem Merckx von den grünen Hügeln hinunter an den großen Strom. Einmal stromabwärts bis zu Dinos Cappuccino in Meerbusch, dann wieder zurück

Neuwied, Bonn, Köln, Neuss, das ist eine Linie von Nord nach Süd, von den Weinbergen zu den Crackern, vom kühlen Weißwein zu den Distillen des Erdöls. Das Rad schafft einen Erfahrungsvorteil: die schärfere, dichtere Wahrnehmung von Zeit und Raum. Man spürt, wie sich die Temperatur der Straße verändert, man riecht alles, ob man will oder nicht, hört den Klang der Natur und gleichzeitig den der Maschinen. Alles strömt zu, während die Kurbel kreist und das Kreislaufsystem sich auf Puls 120 einrichtet.

a03Ich nehme mein Merckx um die Wirklichkeit zu erkennen, die Substanz unter der Elektronenwolke aus Propaganda, die omnimedial über uns liegt und wabert.

Ich verlasse einen Garten, in dem die Rosen gerade zu blühen beginnen, ziehe an den Wiesen vorbei, die Sanft nach Heu duften.  Hinunter in den Maschinenraum; Stahl, Öl, Chemie, – Energie!

a01Das Schild der Inveloveritas am Rahmen bringt mit den ersten Metern Erinnerungen an die Fahrt von Berlin nach Wien zurück. Schon die Grundposition auf dem Rad, die gestreckte Haltung. Das zentriert – . Dein Rad als Pädagoge.

Die ersten Hügel liegen hinter mir, Robinien duften am Weg. Sehe ich eine Viehherde grasen, ziehe ich die Kappe tiefer: gleich prasseln die Insekten auf mich ein. Die Natur hat ihre Gesetze.

a0640km, definitiv warmgefahren; ein schneller Stop für einen kleinen Schuß Koffein mit Zucker. Schon ahne ich den Rhein, der sich hinter Wällen von Holunder und Heckenrosen versteckt.

Ein erster Hinweis

Hinter Neuwied entfalten sich die Anlagen der ThyssenKrupp Rasselstein auf der Gegenseite, ein Walzwerk für Feinbleche, das unmehr größte der Welt. Vor hundert Jahren lieh man der Reichsregierung Geld, heute steht es zur Disposition. Andernach und sein alter Dom machen sich klein aus neben dem Gelände. Sie werden es überleben.

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Jetzt, wo das Tal wieder enger wird kommen Weinberge. Winzerdörfer reihen sich aneinander-  später Linz, Remagen, Unkel, Bonn. Es ist ein gutes, schnelles Gleiten an so einem Morgen – die besten Stunden des Tages.

a09Ein altes Straßenschild mit echten Kilometerangaben. Warum die überall verschwunden sind? Eine EU Norm vielleicht?  Der Strom der Radtouristen wird dichter, manchmal schlägt die Strecke einen Haken fort vom Rhein und ich sehe den lahmen Kahn wieder, den ich eben noch locker überholt habe.

Aus Winzerdörfern werden kleine Städte. Villen und Parks am Weg als Vorzeichen. Die Reste wilhelminischer Pracht überstehen die Zeit. Das Erbe der Fabrikanten, Generaldirektoren und der Ära Adenauer.

a10Schon kommt Bonn. Sauber und gepflegt ist hier die Radstrecke, die sich Joseph Schumpeter Weg nennt, weil irgendwo hier im Grünen der Wirtschafts-Campus liegt. Der Satz von der schöpferischen Zerstörung  – im Grunde ein Nihilist.

Riesige Platanen säumen das Ufer. Wünsche ihnen ein langes Leben. Familien beim workout – Bonn ist Residenzstadt, Bonn hat seit jeher Promenaden, das macht es Radfahrern leicht, sie bekommen wunderbar glatten Asphalt unter Bäumen.

c12Ein Sprungturm wartet auf seine Eröffnung. Liegewiesen werden erprobt, der Sommer ist schon da, der Pool noch leer. Die Denkmäler kommunaler Größe warten .

a12Dann die Tiefebene zwischen Rhein und der Ville-Faltung im Westen, das Reich der Plantagenbauern. Es wird ein großes Jahr für die Erdbeere. Schlag zwölf in Uedorf,  bald kommt Köln, die alte B9 erlaubt Tempo. Sie ist wenig befahren, gut geteert, flach und gerade.

Das heimlich lodernde Feuer der B9

Und sie führt mitten durch ein Universum der Petrochemie. Riesige Anlagen, die schon vor dem Krieg Destillierung und Raffinierung von Erdöl betrieben. Ein Geflecht von Rohren, Leitungen und Edelmetallschornsteinen. Werktore nummeriert, Parkhäuser aus Waschbeton dazu .

b25Mit dem Rad erlebt man die Dimension solcher Anlagen stärker, ihre Ausdehnung und  Präsenz. Die schiere Größe. Nicht daß man es schön finden solle, es darf einmal einen Platz bekommen, dieses schwarze Loch der Klimadebatten, der stille Teilhaber in Debatten der Energie- oder Verkehrswende. Im Geflecht von  Vorschlägen „zur Ankurbelung der Wirtschaft“.

Kraftwerk : schon sie nutzen die Ambivalenz großer Energieproduktion.

b21Hier ist zu sehen, was der Fall ist. Die Realität, die wir täglich in Rechnung stellen, unser unsichtbar loderndes Herdfeuer. Die Anlagen sind alle gewartet, gesteuert und sicher. Daneben blühen die Linden voll, Straßen mit grünen summenden Kuppeln. Hier und da Geißblattspitzen und dann fast narkotisch der Duft der Ölweide.

Ölweide in Brückensenke vor Raffinerie.

a11Allseits kommen Radfahrer mir aus der nahen Stadt entgegen. Unterwegs ins Grüne oder ans Wasser. Wandervögel der Lockerung.

Köln: eine Parenthese

Köln beginnt im Süden sehr gepflegt. Die Vororte Hahnwald und Rodenkirchen, der Hahnwald als Äquivalent zum Münchner Grünwald : ein Luxusprojekt des Nachkriegs, ein jäher Aufstieg, unvermittelt nach den Raffinerien und Gewerbehallen von Godorf.

Jenseits des Verteilerkreises –  die südliche Landmarke der Stadt –  beginnt der Stadtteil Marienburg.  Wer Berlin Dahlem und den Grunewald kennt, wird die frappierende Ähnlichkeit feststellen. Und beide Viertel vom Kriege recht verschont. Nur daß der Grunewald fast 50 Jahre seinen Dornröschenschlaf pflegte.

b23In gerader Linie den Rhein hinauf, die Hafenanlagen zu Promenade und Esplanade umgestaltet. Eine Brücke, zwei Brücken, Dom, HBf.

b24Nördlich des Bahnhofs die Verdichtung der Stadt. Hier entstand vor über 1958 ein völlig neuartiges Porträt Kölns im Nachkrieg.  An den Antipoden der Marienburg.

Chargesheimer war der Photograph, mit Böll als Texter gelingt die historisch einmalige Synthese – wie schon beim Titel „Im Ruhrgebiet“.  Aber von der damaligen Atmosphäre – dem Leben auf der Straße – ist heute nichts zu spüren. Es sind fast leblose Mauern. Wie ein Sperrgebiet begrenzt sie die Verkehrsführung rund um den Ebertplatz.

a15Plötzlich, Neusser Straße, das pralle Leben. Cafes, Menschen, Geschäfte ohne Franchisenamen. Als würde hier eine neue Stadt beginnen, unter dem Titel: „Leben in einer Stadt“.

a16Nach dem stattlichen Doppel/Espresso/Eis gleite ich flanierend hindurch, die Alleebäume decken alles in eine sanfte Farbe, ich muß nur noch weiter nach Norden.

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Eine Bahnlinie beendet die Klammer – die Stadt läuft nach letzten Tankstellen in grüne Alleen aus, zuerst werden die Gebäude billiger, dann gerwerblicher, dann ländlich. Das Haus an der Chaussee – Die Neusser Straße führt nach Neuss, Straßennamen die noch lange bestehen.

Die zweite Strophe der B9

b4Der Asphalt der Bundesstraße ist solide, kaum vom Verkehr ausgewalzt,der Untergrund muß gut sein. Der weiße Streifen läßt mir sogar Spielraum nach rechts. So reicht es mir und meiner 44cm breiten Silhouette. Eine gute Straße sieht nach Jahren noch so aus wie hier die B9, die die gesamte chemischen Industrie durchmißt. Fast spiegelbildlich zum Süden der Norden Kölns. Der Fluß rechts, Anlagen links, die Schornsteine, Rohre, Einfahrten, Drehgitter, Parkdecks

b3Ab und zu ein Warenlager.

Überall ist es grün, gepflegt geht es kilometerlang an Maschendrahtzaun entlang, Verladekräne gegenüber, industrielle Aktivität bis an den Horizont. Und noch viele Kilometer stromabwärts. Bunte Punkte auf Fahrrädern, die ein lustiges, unsichtbares Band in der Landschaft bilden.

b2Millionen sind auf dem Asphalt gerollt, den meine 25mm Reifen jetzt berühren. Gegenüber erkennt man noch alten Untergrund, das Pflaster. Nur ein paar Ampeln unterbrechen den Rhythmus und ein allerletzter Tankstopp für Wasser, 1Banane, Laugenback. Der Moment, an dem man noch einmal das Tempo anziehen kann. Das Merckx läuft absolut ruhig, ganz leise höre ich die Kette, ganz gerade läuft sie über das große Blatt. Gleich bin ich in Neuss.

b7 Lohnt es sich, in Neuss Zeit zu verlieren? Eine verkehrsberuhigte Innenstadt voller Menschen, die maskiert den Monatsanfang feiern. Einkaufen jetzt, Corona war gestern, wie es scheint.

Die Straßenbahnschienen sind eine ungewohnte Herausforderung, die an den Nerven zerrt. Zum Ziel sind es nur wenige Kilometer, ein Stadtring, eine Ausfallstraße und schon sieht man Meerbusch downtown – den kantigen Eckturm aus Klinkern, der das kleine Einkaufszentrum abschließt. GLEICH DAHINTER mein Ziel nach 160km:

c91der Sportsfreund und sein Cappuccino.

b10Aber auf Dinos kleiner Terrasse unter der blühenden Linde ist er nicht zu finden . Nur andere Sportsfreunde . Im Partnerlook, mit italienischer Mimik und Neo-Retro Trikots.es war ein zu schöner Tag , aber er . . . .

b8Er sollte nicht kommen. Die Straßenbahnschienen hatten ihn erwischt.. .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Claus Lauer Test – Space for the Papa

Gut Ding will  Weile haben. Das marineblaue Lauer mit dem diskreten Schriftzug wartet nun die ganze Pandemie über auf seine große Stunde. Erst waren es die Laufräder, die einfach strammer werden mußten, dann kam die Wahl der Kurbel.

a03Das Rad ist vollständig mit Teilen der Firma Suntour ausgestattet – Steuersatz und Lenker bilden die Ausnahme. Die sehr klassischen Cyclone Komponenten von 1984 verwenden jedoch als Kurbel eine alte Campagnolo Dimension, das kostet am Berg richtig Kraft.

a11Zur richtigen Kurbel mußte die passende Welle her. Japanisch auf japanisch passt, nach zwei Probefahrten lief alles rund, der Vatertag des Claus Lauer rückt näher.

a13Über das Rad selbst weiß ich wenig, außer das es in einem bekannten Radladen (intra) der Frankfurter Gegend stand, dessen Aufkleber  einst das Steuerrohr zierte. War es eine Kooperation mit Lauer, war es eine Einzelanfertigung ? Der Rahmen mißt 62cm Höhe, das Steuerrohr ist deutlich steiler als das Sattelrohr und sein Oberrohr mit 59cm recht lang. Ein Sportgerät, das meinen Körper auf die Probe stellen wird .

a04Jetzt ist die Sitzposition um einen Hauch gestreckter. Auch wenn der Vorbau nur 10cm mißt, muß ich mich auf dem Rad lang machen, bis der Blick korrekt auf die Vorderradnabe fällt. Aber eben nur etwas länger als auf einem Rahmen, der 2cm „kürzer“ wäre. Mal sehen, wie sich das in einigen Stunden anfühlt.

a14

Wenn das Heu gemacht ist, wird der Vatertag auch im Lauer-Land mit Wanderungen begangen. Junge und ältere Männer schließen sich zusammen, packen Flaschenbier ein und ziehen ins Grüne.  Mein beschwingter Ausflug findet dagegen (fast) ohne Alkohol statt, für dieses Rad muß ich alle Sinne beisammen haben.

Der körnige Asphalt nach Westerburg rollt unter den Michelin Reifen dahin, und jede Woche staune ich, wie stark das Blätterdach weiter zusammenwächst.

b1Im Vorbeifahren sehe ich mit Melancholie die Auslagen eines Schreibwarengeschäfts alter Schule. Wie schnell die Auslagen bleichen, manche scheinen ihre Farbe nicht eine Saison zu halten. Fast 40 Jahre ist dieses Lauer alt, einzweiter Frühling.

a2Auf dem großen Höhenzug eine alte S-Klasse für den Vatertag. Der Wind weht unbestimmt zwischen Nordwest und Nordost, macht keine allzugroße Mühe, schon kann ich den tiefen Unterlenker nutzen. Siehe da, die Kraft geht in die Pedale. Zeit genug, mich wieder an Schaltung und Gangwechssel zu gewöhnen; die alte Cyclone ist da sehr direkt, ganz kurzer Seilweg für die Ritzelwechsel – das muß genau passen.

a3In Hachenburg der traditionelle Stop zum Nachtanken und 1 für die Trikottasche. Die Cafémaschine wird nicht mit den schlechtesten Bohnen gefüttert.  Zeitschriften als Vorzeichen. Bei Digitalkameras war es anfangs ähnlich- bis es keine analogen Kameras mehr gab.

Dann lenkt ein kleiner, hellgrüner metallischer Fleck meine Aufmerksamkeit ab. Ein Insekt von hoher Leuchtkraft , gleich neben dem Cappucinobecher in der Sonne, Fasziniert beuge ich mich hinab und locke es auf meine Hand.

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Ein hübscher Rüsselkäfer, der gern auf Nesseln lebt.  Grün ist die Hoffnung. Nichts gegen Akkumulatoren mein Lieber, aber so weit ich das sehe sind sie weder sauber produziert, noch nachhaltig, noch fair gehandelt.

b4Jetzt  westwärts, Richtung Rhein; über Felder und durch Täler ducke ich mich in den Wind, Zwischenziel Puderbach. Nur als ich die B8 kurz shortcutte gibt es ein wenig Verkehr ,  gemäßigte Zündapp Zweitakt-Kolonnen kommen mir entgegen. Dann durch die Wälder, an torkelnden Vatertaglern vorbei. Das Rad gefällt – space for the papa.

Kleiner Bergtest in Puderbach, wo es es giftig steil hinaufgeht gelingt. Gang 1 sitzt im Wiegetritt, die Cyclone Hebel lassen sich gut packen. Wieder hinaus aufs offene Feld, die Gerste setzt an und wiegt sich. Gewerbegebiete künden die Nähe der A3 an .

b3In der Ferne erkenne ich das Siebengebirge und einen Förderturm, im Süden die bekannten Panoramen vom Köppel bei Montabaur und südöstlicher noch den Fernsehturm hinter Koblenz. Dort werde ich irgendwann sein,  gelbe Schilder sagen mir :Neuwied 25km .

25km gepflegte Deutsche Landstraße sind auf Dauer eintönig, so unterfordere ich die Maschine am Ende.

a5Also rechts ab, dorthin, wo unter mir nur Wald zu erkennen ist. Ich stürze mich ins Tal. Meine Landkarte, die in der hinteren Trikottasche steckt, hatte irgendwo da unten eine schöne Strecke versprochen. Schön gewunden und mit grünem Rand. Hier war ich noch nie, hier will ich einmal entlang.

Hinter Niederraden wird der Asphalt immer schmaler und endet ganz. Links muß es gehen. Da kommen auch Räder, die Passierbarkeit bestätigen. Ein wildes Tal in voller Pracht.

a6Das Aubachtal

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Nun gilt es für die Classic Reifen von Michelin: um das Rad mache ich mir wenig Sorgen, kein unten offenes Gehäuse, die Bremsen packen. Die Reifen werden halten.

a7Leicht abwärts rollt es flott, ich muß mich nur aufs Steuern konzentrieren, die wechselhaften Rinnen und den Gegenverkehr . Mal sind es Wanderer, mal Elektrobiker. Es geht hinab zu einer Talsperre in 8 Kilometern, ich gravele weiter. Bei trockenem Boden und festem Schotter ist es vom Fahren absolut kein Problem: eroica du Westerwald.

a8Je näher die Talsperre (Bierschwemme) kommt, desto dichter wird der Gegenverkehr. Ich lasse den gut besuchten Ort links liegen und empfehle ihn allen ,die wissen wollen, wie schön der Westerwald ist.

b6Auch nach dieser extreme graveling passage ist das Lauer sauber weitergerollt. Nachahmer willkommen.

Nun sitze ich in Koblenz bei meinem Leibgericht und fülle auf. Unvergleichlich aber der erste Schluck Bier. Ein halber Liter kommt gerade recht, im Rheintal –  Schwimmer, Angler, Radler Motorboote, ist es warm geworden.

b5Nach rund hundert Kilometern in gutem Tempo weiß ich: das Lauer paßt. Ich steige schmerzfrei ab, die Hände kribbeln nicht, der Nacken ist entspannt.

Nicht so schön ist, daß man solche extensiven Proberunden nicht bei Canyon nebenan drehen kann, aber das muß jeder selber wissen. Bei mir hat es Jahre gedauert, bis der Körper in dieser Position ausdauernd Leistung bringt. Tausende Stunden, bitte nicht vergessen.

b8Und so kann ich  nur staunen, wie Menschen , sich nach ein paar Mausklicks für ein Rad  entscheiden sollen. Oder nach einem „Testbericht“, meist in ein paar Stunden durchgeführt von einem jungen Enthusiasten. Räder, bei denen Vorbauten und Lenker kaum zu variieren sind. Erst so, wie es jetzt steht, ist das Rad von Claus Lauer mein Rad. Und nur, solange ich im Training bleibe. Weiter

b7Zum Finale. Die Sonne wärmt den Rücken, die Luft ist mild. Der Holunder steht überall in Fülle, erste Robinien dazu. Zusammen riechen sie beinah nach Lakritze.

b9Auf diesem Flachstück entlang der Lahn werde ich ihm richtig die Sporen geben. Erst wenn ich eine Zeitlang auf einer Übersetzung eine gute Kadenz gefahren bin, so daß der Tritt beinahe zu leicht vorkommt, erst dann lege ich ein kleineres Ritzel auf. Dann zieh ich durch, vergesse nicht, genau zu fühlen, wie lang man auf einem bestimmten Level halten kann.

a12Es rauscht dahin, das Rad ist ruhig , die Laufräder seidig, der Tag scheint endlos. Vor dem letzten Anstieg nochmal die kleine Tüte toppifrutti öffnen und den Zucker im Mund schmelzen lassen.

https://www.bikemap.net/de/r/create/#7.42/50.565/8.591100 Meilen Lauer  – space for the papa.

Bilanz

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Es gibt keine Testsieger. Es gibt auf diesem Niveau sehr viele gute Räder, an deren Details und an deren Verarbeitung man sich freuen kann. Entscheidend ist auf der Straße, entscheidend ist die eigene Form, die körperliche und sportliche Form. Claus Lauer hat ein Rad von sehr sportlicher Geometrie gebaut, sehr schlicht und sehr clean. Es ist eine Freude, damit an seine Grenzen zu gehen.

 

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Fafnir auf dem Greifenstein

a01Mitte Mai. Der schönste Sonntag des Jahres. Der Wind weht nur leicht aus Nordost, die Luft bleibt frisch genug. Wir fahren und spüren den Schweiß nicht, die Sonne strahlt den ganzen Tag, aber sie brennt nicht.

a03Wieder ins Dilltal, quer über den Westerwaldbuckel. Das erste Heu ist gemacht, eine neue Stufe der Lockerung erklommen. Die Spritpreise ziehen leicht an und Autos werden wie immer gewaschen. Wir nennen es Normalität.

a06Am höchsten Punkt halte ich kurz für Maikäfer, die vermutlcih in der Kühle den Abflug nicht geschafft haben. Noch ein Tal und ich bin am Treffpunkt. Erste Elektroräder kommen in Sicht, vor der Bäckerei werden Masken getragen , meine Bäckerei wird eine gelbe Tankstelle sein.

a08Das Vitus im Schatten, der Espresso in der Sonne. Unterwegs sind die Spinnweben aus den Laufrädern geflogen, so lang stand der silberne Aluminiumvogel in der letzten Reihe – es ist ein Rad, das Sonne braucht um  zu glänzen. Vor langer zeit waren auch die Bäuche der Lufthansa-Boeings ganz in silber. Auch diesen Sonntag sind kaum Streifen am Himmel.

a09Bald gesellt sich Fafnirs neueste Komposition dazu,  sein Rad für die schnellen und kurzen Touren unter 300km. Mit großer Akribie komponiert er 10 Gänge und scharfe laufräder für das „alte“ Kogamodell von 1990. Denn es war lange Zeit ein schöner Vorteil an Rennrädern, daß sie beinahe wie Baukästen waren.

Nun durchs Dilltal, ohne festgesteckte Route, einfach der Nase nach – ein Ziel findet sich von allein. Die Kettenblätter schimmern seidig, nur ein Surren ist unterwegs zu hören. Mein vitus enttäuscht mich nicht, schnell sind die kleinen Eigenheiten wieder bekannt, das Bremsverhalten, die simplex retrofriktionshebel mit dem ganz speziellen Schaltgefühl.

Das Ziel zeigt sich ganz plötzlich: der Greifenstein. Hoch über uns taucht die mächtige Burganlage auf und bald ist auch ein grüner Wegweiser gefunden. Mit kleinem Hinweis: 9%.

Die Aufforderung haben wir nicht zweimal gebraucht; bald schon geht es deftig aus einem kleinen Ort hinauf, Motrräder überholen uns – das muß der rechte Weg sein. nach einer ersten Rampe mildert sich der Anstieg, der Blick schweift über die Wiesen an den Waldsaum. Der Atem geht tiefer.

b1Die Nadelhölzer duften schon sommerlich trocken, schön, daß der böse Käfer noch ein paar übrigließ. An allen Hängen die rostroten Spuren seiner Zerstörung. Bis Greifenstein sind es noch einige Höhenmeter. Ich muß auf mein 28er Ritzel zurückgreifen und aus dem Sattel, fafnir hat es da  mit seiner schmalen Kurbel leichter, wenn er will, macht er pro Umdrehung einen Meter weniger. Lächle, denn die Sonne lacht.

b2Dann schon die letzte Rampe hinauf zur Burg. Das Gras steht hoch, die Grillen jubeln uns zu. Angekommen –  ein Blick fast rundum, vor allem über das Dilltal.

b4

Wie im alten Sachkundebuch sehen wir die Bahnline mit dem Güterzug, das graue Band der Autobahn und die Stelzen der Brücken, die kleinen Dörfer verstreut im Grünen. Von hier konnten die Solmser Herren das Tal leicht kontrollieren. Das Grün unten ist so frisch und zart in blau geht der Blick ganz weit nach Süden übers Land.

Motorradfahrer kommen im Reigen herauf und verlassen die Esplanade wieder. Eine Gruppe wünscht sich ein Bild. Man reicht mir ein Smartphone. Waagerecht passen sie alle so gerade ins Format, das Problem ist der sogenannte Mindestabstand ; der Preis unserer kleinen Freiheit. Covid ist unter uns.

b81Fafnir kann nicht nur Räder perfekt zusammenbauen und abstimmen, auch von Musikinstrumenten und Klang versteht er mehr als mancher; wir sprechen von Musik und ihrer Wiedergabe über Lautsprecher. Wie man solche Geräte beurteilt. Warum es da selten Beschreibung des Klangs einzelner Instrumente gäbe, warum die Rezensenten nicht darauf eingingen , wie Holz oder Blechbläser oder Saiteninstrumente über die Boxen klingen, damit man eine Vorstellung von der Qualität bekomme.

Weil wir es nicht immer beurteilen können, mein Fafnir. Die Voraussetzung über eine Oboe oder Geige zu sprechen sei zunächst, daß man wisse, wie das Instrument in Wirklichkeit klänge, oder wie eine Oper im Saal lebt. Unser Wissen ist immer eine Summe. Unser Urteil über einen Lautsprecher in einem Raum beinhaltet immer auch das Wissen über die Instrumente, das wir schon vorher gebildet haben. Und nichts ersetze das Erlebnis aus erster Hand.

b82Der böhmische Geigenlehrer Sevcik damals, als er in den 1920ern eine Menge begieriger amerikanischer Schüler hatte: gewiß gäbe es genauso begabte, genauso musikalische und ehrgeizige amerikanische Schüler. Wichtig aber sei, daß man die Musik, den Gesang schon von ganz klein auf gehört habe. Das Singen, auch des eigene, sei ein Schatz, den man in sich trägt, ein Gefühl, das man auf sein Instrument und die Musik übertragen wird.

Als wir aufbrechen kommen uns noch ein paar Ebikes entgegen – s‘ gibt keine Rennräder mehr. Wir ziehen weiter in den Westerwald, grobe Richtung Rennerod folgen wir der Route des Gießener 300km Brevets. Niemand stört uns auf den Nebenwegen,  dann aber hat uns die Freizeitkultur allmählich wieder.

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Ziel Rennerod. Eine Stadt an der B54 ,der großen Verbindungslinie zwischen Siegtal und Lahn. Im Winter ein einsamer, fast trostloser Ort. Heute Rudelbildung der Zweiradler vor der Eisdiele.

b7Wir suchen keine Eisdiele, wir brauchen handfeste Kalorien. Ganz am Ende der Stadt, hinter dem Kreisverkehr, da gibt es einen kulturimperialistischen McDonald – den zu allerallerletzt! Wir suchen weiter.

b8Und so landen wir an einem kleinen türkischen Laden, an dem nur eine kleine LED Leiste leuchtet. Freundlich, fast glücklich bedient uns der Inhaber. Sein Saal ist leer , alles ist aufgeräumt und sauber, doch niemand da. Auch gut. So nehmen wir Platz im überdachten Eingang, speisen und unterhalten uns weiter. Reden an gegen den unablässigen Strom von Motorrädern, Autos, Quads, Oldtimern, Sonntagstraktoren, die vorüberzeihen. Da ist sie: die neue, alte Normalität. Der schöne Sonntag der B54.

b9Sobald es geht, verlassen wir die unselige Bundesstraße und ihre ersten Verkehrsunfälle, schlagen uns in die Büsche und über Feldwege. Unsere Räder rollen dahin, leicht und schnell – nur von Muskeln angetrieben.

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Wir Saurier der Landstraße. Ein großer Tag mehr für unser Überleben.

17. Mai 2020

 

 

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20 Jahre danach – ein Streiflicht

Die kleine Eisdiele am Bahnhof Weinheim markiert das Ende der Fahrt in den Odenwald. Im Sicherheitsabstand stehen wir an und warten auf den Zug, der mich das flache Stück nach Frankfurt bringen wird.

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Leider wird noch kein Espresso ausgeschenkt, nur Eis darf man mitnehmen, das Regelwerk der Lockerung ist vertrackt, jedes Bundesland hat seine eigenen.  Wir haben das Ried durchquert und in Heppenheim den Odenwald angegriffen. Bei guter Gesellschaft macht das auch mit feuchtkühlem Wetter Spaß.

ca2Kurz vor Weinheim streiften wir eine Industrieruine, die bisher keine Investoren glücklich machen konnte.  Sie träumt ihren Dornröschenschlaf weiter.

Nun bringt der Regionalzug mich über Darmstadt nach Norden. Das Abteil ist kaum besetzt, es ist leicht, Abstand zu halten. Alle sitzen mit Masken in den Polstern und hören das helle Sirren der Gleise. Ich döse, ein wenig müde und zufrieden wie ein Baby. Für mein System ist Eis Bertolini ist relevant.

ba2Es ist leicht, das nahende Frankfurt zu erkennen: die Gebäude an der Bahnlinie rücken immer dichter aneinander, verlieren Charakter und die Vegetation verschwindet. Nach kaum einer Stunde Fahrt durchquere ich den immensen Hauptbahnhof und schwinge mich zurück in den Sattel. Um heimzukehren, bleiben mehr als drei Stunden Tageslicht.

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Bald lasse ich das Zentrum hinter mir, durchquere das Epizentrum, immer geradeaus, immer weiter unter Brücken hindurch, im munteren Wechsel von Radweg und Straße quäle ich meine schmalen Reifen;  nach Westen zur Konstabler Wache hinaus, dort ein Imbiß mit aktivem Alkoholausschank, vermutlich Anfang 20tes Jhdt.

b6Nun wieder Siedlungen und ihre Kriegsschauplätze: Straßen, Kreuzungen, Bahnübergänge . Die alte Schranke mag noch aus den 1950ern gestammt haben, heute, drei Menschenleben später wird man handeln.

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Weiter Richtung Höchst. nach flachbautigen Siedlungen südlich der Bahnlinie kommen ältere Häuser, dann der Stadtkern, eine Mischung aus Gründerzeit und solider Nachkriegsbebauung. Ein geschlossenes Stadtbild.

am9Danach geht es mehrere Kilometer an einer langen Mauer vorbei.

Die Mauer gehört zum Industriepark Höchst. Hinter ihr verbirgt sich nichts anders als der Rest des dritten Chemiegiganten der Bundesrepublick –  der Hoechst AG.

b2Es mag uns vorkommen, als sei es schon lange her, aber 20 Jahre sind nicht unbedingt eine Ewigkeit. Zeit genug um zu vergessen, daß „da mal etwas war“. Hoechst war nach Bayer und BASF die dritte Säule der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland.

Die Geschichte beginnt um 1860 – noch vor Reichsgründung  – und geht bis 1999.

b3Wem Wirtschaftsgeschichte zu langweilig ist, der kann zum Ende des Blogs auf das schöne Schlußbild hinunterscrollen. Mich haben diese flachen und ereignislosen zehn Kilometer um die Werksanlagen so schnell nicht losgelassen.

Es soll nicht alles ausgebreitet sein, was die Wikipedia gut und ausführlich darlegt, sie liefern Details – mich interessiert die Geschichte als Muster .  Hoechst begann gleich in seinem ersten Jahrzehnt als globales Unternehmen. Farbstoffe waren ein international begehrtes Gut und wer die Farbe rot synthetisieren konnte, der hatte mit einem Schlag einen weltweiten Markt zu bedienen. Von Beginn an handeln Chemieunternehmen weltweit in economies of scales, als die Luftfahrt noch eine Spielwiese von Tüftlern und Hasardeuren ist.

Zur Produktion einheitlicher, synthetischer Güter gilt das Gesetz des Wachstums. Dafür müssen Produktionsanlagen erweitert, angekauft  und aufgestockt werden. Die Firma wächst physisch zur eigenen Stadt heran. Wenn das nicht reicht, geht es zu wie im Fischteich: mögen sie noch so solide wirtschaften, kapitalschwächere Konkurrenten werden geschluckt, bevor es ein anderer tut. Es ist kein Raubtiergesetz , es ist einfach das Gesetz der größeren Zahl, die Präambel der Globalisierung.

So wächst die Hoechst am Main über zwei Weltkriege,  mit Unterbrechungen , aber sie wächst. So wichtig war sie für die Welt, daß  das immense Werk von Bombentreffern im zweiten Krieg verschont bleibt, während das alte Frankfurt in Schutt und Asche gelegt wurde.

ba6Zuerst war dort die Stadt, die der Firma den Namen gab. Anders als mitten in Frankfurt, herrscht buntes Treiben, Leben auf der Straße. Viele Geschäfte tragen neue Schilder, auf arabisch, türkisch oder deutsch. Die Kulturfolger richten sich ein und schaffen einen neuen Alltag, nachdem alte Besitzer in Höchst keine geschäftliche Zukunft  mehr sahen. Warenhauskonzerne verschwinden, Sandburgen zerfallen.

ca4Der letzte Vorstandschef der damaligen Höchst, Jürgen Dormann, war zugleich auch erster Nicht-Chemiker, also nicht-Ingenieur,  an der Spitze des Chemieunternehmens. Es war der Blick des Kaufmanns, der sein Handeln bestimmte. Und 1994 ist Deutschand noch ein ganz anderes Land. Die Auflösung des Ostblocks hat begonnen die gesamte Welt zu verändern. Die Kosten der Wiedervereinigung -Sorgenfalte der Politik – waren auf diesem Schachbrett irrelevante Größen. Bei Grundstoffen und Pharamzeutika geht es immer schon um das große Spiel. Und für das weltweite Bestehen darin ist eine kritische Masse notwendig.

Das Grundproblem von Höchst war Größe und Struktur. Von den großen drei Unternehmen der IG Farben (aufgelöst 1951) war sie der Junior und blibe es auch. Darum versuchte Dormann zunächst durch Fusionen mit französischen Chemieunternehmen das notwendige Kampfgewicht zu erreichen. Es war vorgezeichnet, daß eine solche Kooperation unter Gleichen nicht mehr die stolze alte Hoechst sein konnte, von dem ein Haus am Berliner Hardenbergplatz immer noch kündet.

ca5Ich erinnere mich an eine Woge des Unverständisses als die traditionsreiche, durch eigene Erfindungen, Patente und Leistung gewachsene Struktur so schnell zur Disposition gestellt wurde. Die Öffnung allein war eine Identitätskrise , nur wenigen war bewußt, daß man ein Scheinriese war.

Was in Jahrzehnten gewachsen war, sollte keinen Bestandswert haben. Dormann war kein Sympathieträger, auch wenn ich mich gut an ein langes Interview im FAZ Magazin erinnere. Allerdings zeigt Wikipedia schön, welch komplexes Geflecht an Abteilungen, Bereichen, Direktionen und Produkten diese alte Hoechst war. Ein solches Schiff zu lenken, ist eine Kunst für sich: und als Dormann wohl begriff, daß seine Wachstumspolitik nicht die angestrebte kritische Masse erreichen würde, wechselte er die Strategie.

ca1Das Unternehmen, dem er seit 1963 angehörte, wurde zerlegt, aufgespalten, umbenannt. Demerger heißt das Wort. Die vielen Kilometer lange Mauer des kleinen Imperiums blieben, ganz wie die Mauern, die alte Domänen französischer Könige umgeben.

Wie immer man Tradition und historisches Wachstum schätzt. In der Welt globaler Unternehmen ist diese am Ende ebenso synthetisch, wie der rote Farbstoff, der die Tradition begründet hat. Unternehmen sind am Ende auf Gewinn ausgerichtete Zweckgemeinschaften, auch wenn sie nach hundert Jahren einen anderen Anschein erwecken können. Soviel Genie, Aufopferung und Leidenschaft, soviel Selbstlosigkeit dahinter stecken mag, das Überleben erwächst allein aus dem zählbaren Erfolg. Den würde es in der alten Unternehmensform bald nicht mehr geben – das wußte ein Rechner wie Dormann genau.

b5Bei allen Fehlentscheidungen gibt die Geschichte spätestens jetzt Dormann recht. Diese Krise werden wirklich nur die Großen überleben und selbst dafür gibt es keine Garantie.

Dormanns Entscheidung hat Hoechst das Schicksal englischer Industriemetropolen erspart, das lange Siechtum eines alten Elefanten, gestützt von alter Glorie und politischem Kalkül.  Er hat ein Überleben auf reellem Niveau ermöglicht, bei dem sich mehrere Unternehmen der für sich erforderlichen Anlagen und Verfahren bedienen, solange sie global bestehen können. Die alte Hoechst hätte das nicht gekonnt, ein Bristol oder Liverpool am Main wurde verhindert.

Es gibt nie ein zurück in alte Zeiten – hier ist es sichtbar . Hoechst ist keine alte Geschichte, sondern ein Muster für die Gesetze des Wandels zur Vermeidung des Untergangs. Die Queen Elisabeth, die United States, die France – all diese Kunstwerke des Schiffbaus sind mit dem Schweißbrenner aufgetrennt, zerlegt und neu eingeschmolzen worden. Autobauer – noch könnt ihr eure Schlüsse selber ziehen .

„Was bleibt aber stiften die Dichter..“(F.H.)

b7Hoechst liegt hinter mir , die Wiesen, Erdbeerfelder und der Taunus vor mir. In zweieinhalb Stunden geht die Sonne unter, die jetzt den feuchten Asphalt wärmt. Die Straßen duften, ein letzter Espresso mit viel Zucker wärmt die Seele, meine Kraft wird reichen.

bi1Ein wunderbarer Abend hat begonnen. Die Rückkehr ins Idyll. Die Kastanien blühen stolz, hinter Eppstein kommt der Anstieg. Die Ausläufer des Maintaunus werden an ihrer niedrigsten Stelle überwunden, danach geht es zurück in den goldenen Grund. Das Strobl ist eine scharfe Maschine auf den 23er „one“ Reifen, agil aber nicht unruhig, mit einer Überhöhung an der Grenze meiner Möglichkeiten: umsonst ist nichts zu haben.

catrocken rasten die Schalthebel der frühen dura ace ein – so schnell werden sie sich nicht verstellen.

ba9Heftrich markiert den Punkt ab dem es schnittig abwärts rollt, der wichtige Moment einer Fahrt, wenn klar wird, das alles gut gelingt. Der Kreis ist wieder geschlossen, wieder war es anders als geplant. Jede Wiederholung lohnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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