Dans le 1000

Die Farbe des Südens ist blau, azurblau. 1000 km sind es dorthin, 1000Kilometer bis zum 1000 du Sud, einer großen, übergroßen Schleife durch die südlichen Alpen.

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Auf der Höhe von Avignon hatte ich genug gesehen. Mit der Autobahn entlang der Rhone begann eine endlose Abfolge von schuhkartonförmigen, fast immer grauen Gebäuden. Sie hatten auf der Höhe von Dijon begonnen, die Aussicht zu verbauen aber hier an der Rhone wurde es unerträglich. Den Kartons ist völlig gleich, was darin gestapelt , gelagert oder verkauft wird, Schaumwein, Automobile, Halbfertigteig oder Schlafgelegenheiten.

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Die Rhone verdoppelt diese Kunstlandschaft um eine weitere, parallele  Welt von industriellen Anlagen, es wirkt fast so, als sei der Fluß  in Wahrheit ein ebenso synthetisches Bauwerk wie die Autobahn, allein dazu geschaffen, zu transportieren, was über 40 Tonnen wiegt, nebenher ein paar Atomkraftwerke zu kühlen oder die Fäkalien von Lyon zu verdünnen.

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Die Nationale 7, heute zur  DN7 degradiert, war die große Ader des Südens, Fluch und Segen der mobilen Gesellschaft. Sie war das große Asphaltband ans Mittelmeer (die Sommerferien! Campingplätze!), auf unzähligen Ortsdurchfahrten unzählige alte Laster mit maximal 300 PS, grauenhaft langsam, Überholverbote über Kilometer. Das mobile Leben war in Zeiten katalysatorfreier Explosionsmotoren ( ja, das ist der korrekte terminus technicus, Treibstoff wird nicht verbrannt, er explodiert!) eine ähnliche Hölle gewesen sein, wie es die Autoroute du Soleil an Wochenenden von Juli bis  August immer noch ist. Nur eine Frage der Fahrzeugdichte.

Ich rolle dahin und höre Geschichten im Radio. Gleich zwei Sendungen widmen sich dem letzten Buch von Gaspard Koenig, der zu Pferd den Weg Montaignes von Bordeaux nach Rom nachgeritten ist, ein gelungener Versuch, Herr seiner Zeit und seines Geschicks zu sein. Und eine gewisse Autarkie zurückzugewinnen.

Was wäre geschehen, hätte er mein blaues Rad genommen?

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Ich habe die Landstraße und die Platanen gewählt. Es stehen noch viele, nicht mehr alle, aber viele säumen jetzt über hundert Jahren den Weg des Wanderers, decken ein mildes Licht über die versengte Sommerlandschaft, ein hellgrüner Filter mit Flecken. Der Tempomat steht auf 82 kmh, der Verbrauch sinkt unter 5 Liter.

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Wie ein Mahnmal (oder ein Versprechen) erhebt sich der Total Stilit an der letzen Erhebung vor Aix. Ein Wahrzeichen des siegreichen Automobilismus.

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Spätere Archäologie wird es entschlüsseln. Seiten zur N7 gibt es schon mehrere.

Hinter Aix en Provence bleiben keine 100 Kilometer bis Cotignac, ein Dorf im Departement Var, Ausgangspunkt einer recht irrsinnigen Unternehmung: dem 1000 du Sud. Die ersten 1000 Kilometer liegen bereits hinter mir, ein langer Weg in die Wärme, ein Weg zurück in den Sommer und ins Ungewisse.

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Die Straße ist beruhigend leer, lokale Kleintransporte und Leute, deren Radius nicht weiter als zum nächsten Supermarkt geht. Gaspard Koenig hat sich auf sein Experiment eingelassen auch um nachzuforschen, wie stark sich das Bild eines Landes durch eigene Erfahrungen bildet, über die alltäglichen wirklichen Begegnungen eines Reisenden ohne Auftrag. Er ist als erfüllter Mann angekommen –

Die Platane ist ein willkommener Neophyt, der Baum des Südens ist die Pinie, deren hellgrüne Nadeln eine unerwartet frische Note haben, eine milde Frühlingsfarbe Anfang September. Rundum stehen sie. Und dann sind da neben Olivenhainen noch die Weinfelder.  

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Der Felsrücken der Ste Victoire zieht sich über den Hintergund. Der Höhenzug fällt sofort ins Auge und jeder, der einen Cezanne gesehen hat, wird den Berg sofort erkennen und auch, wenn er die Pinien und die Schraffur ihrer Äste sieht verstehen, warum man sie gar nicht anders malen konnte. Vom Auto bei Tempomat 82 ist das ganz eindeutig. Noch ein Schluck aus der Wasserflasche  zwischen den Sitzen. Pinien bilden keinen Wald, sie sind eine riesige, semitransparente Plantage. 30 Grad im September sind weniger als 39 im August, es reicht, um müde zu machen.

Die kleinen Tomaten vom Straßenstand übertreffen alles, was ich in Deutschland unter dem Etikett Bio kaufen kann an Geschmack, Süße und Dichte.

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Raoul Dufy, Provencalische Landschaft

Die Farbe der Erde ist ockern und die Felsen darunter sogar beinah orange.  Die Häuser variieren Pastelltöne, aus dem Stein kann man gute Pigmente gewinnen. Das Dorf Cotignac baut sich unter einer schroffen Felskante auf, eine Troglodytenfelsmauer hinter dem Dorf. Es sind viele Eindrücke, so viele, daß ich beinah vergesse, warum ich hier bin.  

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Hinter mir steht das blaue Rad.  Zwei Matratzenstücke (federkern) und ein Kopfkissen warten, falls sich nichts findet. Aber Gaspard Keonig hat mir Mut gemacht, die Solidarität der Menschen ist eine Tatsache.

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Ich bin in Cotignac und ausser Gesichtsmasken, die viele bei sich führen deutet nichts mehr auf das Virus CoViD. Die Inzidenz der Region ist hoch, aber die Region ist groß und Cotignac ist nicht der rechtsfreie Raum von Marseille. Hier ist das Bild intakt, das Bild der kleinen provenzalischen Stadt mit dem Markt, den Restaurants und dem entspannten Flair eines ewigen Sommerurlaubs. Mit etwas Mühe finde ich in den verwinkelten Gassen einen freien Parkplatz und das nächste, was mir beim Blick auf den Cours – den zentralen Dorfplatz – auffällt, ist ein Rennrad mit Randonneursgepäck.

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Auf einer Bank sitzt Ralf  und Ralf sucht eine Unterkunft. Bald scrollen wir  booking com Angebote durch. Er ist aus Genua über die Alpen gekommen- mit dem Rad, das neben uns steht. Ralf ist müde, vielleicht unschlüssig. Auch ihn lockt der 1000. Wir sehen eine Unterkunft in einem Nachbarort, auch wenn booking com eine recht kryptische Vorstellung von Geographie vermittelt. Die Beschreibung der unterkunft ist eher vage – mit einer umgebauten kleinen Garage hatte ich nicht gerechnet. Sicher haben nicht einmal die Anbietern die Bezeichnung Gite des Templiers ernstgemeint.

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Zwei Stunden später verlasse ich Montfort sur Argens (sehr schöne Burganlage auf dem Berg, da gehören die Templer hin) und kehre nach Cotignac zurück.

Das Autothermometer zeigt immer noch 30 Grad und ich verlasse den Ort nach Norden, wohin die Straße ordentlich und in Serpentinen ansteigt und man die Rümpfe zweier Burgfriede über die Ebene ragen sieht. Oben, an der Kreuzung nach Sillans ist ein Schild zu sehen.

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Zwanzig Minuten später zeigt man mir kühles, schönes Zimmer, das auf dem Hof noch frei ist- la Source St. Martin liegt auf der Höhe, ein frischer Wind kühlt mein verschwtztes Polohemd und gleich an der Einfahrt findet sich tatsächlich eine Quelle, aus der frisches, klares Wasser kommt. Ich habe Glück und lasse meinen Blick über die Hügelketten im Süden schweifen.

Jetzt noch den Startort finden, das Rad fertigmachen.

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„Sie müssen nur an den Mülltonnen links hochfahren und den Nummern an den Briefkästen folgen“

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Es ist ein Anstieg von vier Kilometern, erst auf einer schmalen Straße auf und ab dann nach dem letzten Haus ein scharfer Anstieg, der Weg ist mittlerweile eine  improvisierte Betonbahn und führt mitten in eine Wildnis von Pinien.

Dann das Schild: le 1000 du Sud . Auf einer Ranch soll alles beginnen . . .

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Notizen zum Tourmalet

at1Die Voie Laurent Fignon ist die alte, ursprüngliche Strecke zum Paß, die im weiten Bogen durch ein fast baumloses Seitental führt.  Schon seit mehreren Jahren ist diese Variante sich selbst überlassen, der bessere Asphalt findet sich auf der Gegenseite, dem einige hundert Meter längeren Anstieg über die Skistation Superbarèges. Für Automobile ist sie gesperrt.

at3Nur noch 6 Kilometer bis zum Paß, sagt das Schild dem hoffnungsvollen Fahrer. Der  Countdown der Schilder beginnt bei Kilometer 18, direkt hinter Luz St Sauveur. Steigungen aber gibts schon früher –

at2An diesem Lawinentunnel  ein paar Kilometer hinter  Argelès Gazost hat man erste Wellen bezwungen, und hört den Bergbach Luz in der Tiefe rauschen.

at5Hier in  Luz St Sauveur (gut besucht) teilen sich die Weg Wege zum Tourmalet und zum Cirque de Gavarnie. Links Tourmalet, Rechts Gavarnie.

Und nach dem Trubel von Luz beginnt ein langer Kampf auf einer Geraden, die sich bis Barèges ziehen wird einem Ski-Ort alter Schule. 8 oder 9 Kilometer ist sie lang, diese Gerade, und nur zwei kleine Kehren schaffen Abwechslung. Was auf zwei oder drei Kilometern noch ganz erträglich wirkt, macht sich mit den Höhenmetern immer zäher. Nie sollte man sich von der Leichtigkeit des Beginns täuschen lassen, erst recht, wenn man im Jahr noch keinen großen Pass gefahren ist.

Ein blauer und ein orangener Punkt vor mir helfen – wir sind eine unsichtbare Seilschaft. Hin und wieder gehe ich noch auf 24 zähne, aber sparen ist Gold, nimm 28. Man fühlt sich gut, kurbelt im Schatten, die Luft ist frisch und voll Sauerstoff – noch.

at4In Baréges ist der orangene Punkt abgebogen, aber die Gerade steigt unerbittlich weiter. Jetzt nur noch der blaue Punkt: das Blau ist der Himmel auf seinem Trikot, das die Pyrenäen zeigt – eine Sportveranstaltung. Es ist junger Mann mit rasierten Beinen. In meinem Rhythmus komme ich auf seine Höhe grüße  – vorbei ohne zu beschleunigen, immer nur den Takt halten.  Ich fahre auf keinen Fall schneller, halte einfach das tempo. Im Gegenteil, ich richte mich auf und verschränke die Arme hinter dem Helm, meine Methode, die Rückenmuskeln zu entspannen.

at8Schon zieht der Himmelblaue vorbei und geht aus dem Sattel. Bittesehr – er schaltet, ich schalte nicht, denn das Schwierigste kommt . Nicht, weil der Tourmalet irgendwo mörderisch steil würde,  das nicht, die 9% hinter Baréges sind schon das Maß. Gefährlich sind seine Länge und vor allem die „alpine“ Höhe . Die Prozente bleiben, während der Sauerstoff entweicht und die Müdigkeit steigt. Da kommt die Voie Fignon, unsere Wege trennen sich bald nach dem Trafohaus. Wie sagte Jean Albert Richard: ein Rollerberg – nun – nicht ganz.

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Die letzten Bäume stehen recht exakt an den ersten Metern der Voie Fignon, die immer noch von letzten Inschriften einer längst vergangenen Tour de France gezeichnet ist. Nach einer Viertelstunde sehe ich alles von oben. Diesen schönen Vorteil hat der Nebenweg: man sieht sehr weit ins Tal hinein, das macht die Qualen leichter, denn das, was man in einer Viertelstunde erreicht wirkt von oben fast wie ein Wunder. Und es ist einfach schön, hier völlig allein mit sich unterwegs zu sein – ohne Autos, Räder, Motorräder oder Wohnmobilen. Nur die ein oder andere (Rinder)Bremse trübt das  Bild. Merkwürdig, daß keiner diese Variante wählt.

at82Und tief da unten sind die kleinen Punkte auf der Straße, die anderen Radler, die sich über die Hauptstrecke  hinaufarbeiten. Ich versuche den blauen Punkt zu erkennen. Nicht möglich. Die blaue Luft ist so dünn, in ihr zerfließt alles. Die Ferne wird  von einem ganz leichten Hauch überzogen, ein riesiges sonnendurchflutes Tuch aus Gaze….

Immer wieder im Sattel aufrichten, ein wenig Wiegetritt, damit die Rückenmuskeln nicht verspannen. Rückenmuskulatur . Derart lange berge kann man einfach nur vor Ort  trainieren. Wie gut  der countdown der Schilder tut.

Und langsam laufen die beiden Strecken wieder aufeinander zu, begegnen sich, wo die Hänge in einem riesigen Halbrund zusammenlaufen. Die Luft ist klar kühl und dünn, wir sind über 1800 Meter. Mit einer ganz kurzen Rampe läuft die Voie Fignon auf die Strecke zu.

at9Der Blaue taucht links unter mir auf. Ich winke kurz zurück. Vor mir gibt sich endlich die Paßhöhe zu erkennen, der kleine Zacken in der großen Wand.

Und wieder andere Fahrer, bepackt, mit Leihrädern und Turnschuhen. Alle wollen sich an diesem Titanen versuchen. Eine Prozession ist es jetzt und das hilft.

at91Am 3km Schild eine kurze Erlösung, fast flach läuft die Strecke auf die nächste Rampe zu. Noch einmal die Lunge füllen und die Beine vor der letzten langen Rampe strecken und dann hinein.

Alles ist in einen blauen Schleier getaucht, das Licht wirkt weiß, irgendwie milchig und die Bergwand schwebt davon. Jetzt die Prozession der letzten zwei Kilometer am Hang entlang. Eine unterbrochene Kette gebeugter Gestalten, an denen ich langsam und grüßend vorbeiziehe.

at94Dann die weite letzte kehre vor der kleinen Schlußrampe: hier stehen Photographen, deren Vitrine unten in Luz zahllose anonyme Tourmalet Touristen ziert. Im Vorbeifahren bekomme ich eine karte zugesteckt und drehe ein letztes mal in den Wind, der scharf über den Kamm kommt und nur an der Wand rechts findet sich Schutz.

Der letzte Wiegetritt am aller allerletzten Steilstück, die Skizze eines Spurts, um es endlich zuendezubringen.  . . Dann der Halt an den Gedenktafeln mitten unter den Wartenden. Mir ist fast schwindlig. Flaschen werden geleert, Menschen fallen sich in die Arme und andere warten noch.

at72at95Das ist die kleine  Empfangslobby des Tourmalets an einem unendlich ultravioletten Tag im August.

Jetzt ein Foto und auf der Gegenseite  wieder hinunter.

at96Und dann an der anderen Seite hinunter. Man erkennt klar, an welcher Seite die Tour de France in diesem Jahr heraufkam.

Nur noch 50 Kilometer, aber die sind meist flach.

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Unter der Welle durch

Auf der Terrasse des Café du Palace, leicht bewölkt, aber sommerlich.

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Neue Sonnenbrille , Krüger?

Bitte halt Abstand – es gibt Mutanten, gegen die Deine Impfung machtlos ist.

Habe ich es je an Respekt fehlen lassen? Einen notorischen Spieler wie Dich darf man nie unterschätzen. Wie läufts in der guten alten Spielbank?

Seitdem ich die Brille habe immer besser. Aber verglichen mit dem, was hier vor hundert Jahren gesetzt wurde  . . .

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Das Kapital an den Spieltischen von vor hundert Jahren hat seitdem einigemale den Besitzer gewechselt, die Vermögen sind zerflossen. Verlorene Mühe – ich war immer auf der Seite der Steine, als sie noch nicht Betongold hießen..

Die Villen am Hang und Grand Hotels in diesem Dorf? Absolute Langeweile, nur altes knausriges Geld und ein paar Versicherungsvertreter, die eine Bonusreise nach Biarritz geschenkt bekommen.  Wenn wenigstens die Mischung stimmen würde: Araber, Russen, Amerikaner, Syrer.  . . und die Spanier erst: großartige Verlierer. Immerhin hat die Nullzinspolitik billiges Geld an den Spieltisch gespült.

Krüger – wie lang willst Du noch auf den großen Gatsby warten? So läuft es nicht mehr. Die Alten sind klug und vorsichtig, die Häuser bleiben – und Geldwäsche ist echte Arbeit. Laß den Blick schweifen. Surfer stürzen sich dekorativ  in die Wellen, eine tägliche Freiluftaufführung für glückliche Urlauber vor dieser phantastischen Kulisse. Noch ein belgisches Bier?

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Gerne – was zapfen sie hier? Affligem, Leffe oder ein Hoegaarden? So viele Abteien, so viele fette Pfaffen. Ich mags ja, daß die gedemütigten Belgier sich mit dem Bier an ihrem südlichen Nachbarn schadlos halten, dem in hundert Jahren nicht ein einziges brauchbares Pils gelungen ist…

Du übertreibst

Kaum, Du weißt doch wie sehr ich seit der Station in Prag meinem guten Pils mit böhmischem Hopfen hinterhertrauere. Die Belgier rächen mich hier auf subtile Art. Ein gutes Hoegaarden unter Magnolien soll mir den ganzen Irrsinn hier kompensieren.

Warum Irrsinn? Tarnung in der Masse ist doch ein Klima, das wir sehr behaglich finden. Wie ungemütlich die Vorsaison dagegen, wenn ich als erster auf der Terrasse sitze und jeder zweite aus den Augenwinkeln diesen verkorksten alten Engländer anschielt, der sich die Gischt um die Ohren hauen läßt, statt hinter der schönen Panoramascheibe zu sitzen- -.

Was neues vom Leuchtturm, Cornwall?

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Soweit ich höre, gibt er immer noch hin und wieder ein paar Zeichen in die Nacht.

Genieblitze oder Irrlichter?

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Erhellende Einsichten Krüger. Nur noch die Hälfte hier trägt Masken, dabei sollte diese gut konservierte Frau in den besten Jahren vor dem Laden es besser wissen. Das Virus hat noch nicht das letzte Wort gesprochen.

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Das glaubt ja hier gerade niemand mehr, Pech haben nur die anderen auf Guadeloupe oder Martinique. Ein Tag in Biarritz ist ein Fest für das erste Recht des freien Bürgers!

Sich ohne Maske zu bewegen?

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Quatsch! Das Recht auf Selbstbelohnung,  diese unendlich befriedigende Macht, die Kreditkarte spielen zu lassen: beweise wieder, daß es Dich gibt! Die definitive Gewißheit, eine gute Entscheidung zu treffen, der Genuß, endlich sein Potential zu zeigen: die Blicke der anderen. Das ist der große Pakt, der nicht aufgelöst werden darf. Du hast Dich an die Regeln gehalten, hast Dich beim Impfen sogar ein wenig vorgedrängelt, weil Dein Arzt Dich schon lange kennt und vertraust Deiner Regierung und ihren ganzen „Maßnahmen“. Aber jetzt und hier sagst Du: liebe Regierung, ihr seht in mir einen treuen Diener,  ich halte mich an die Regeln, aber ich halte den Laden in Lyon oder Bilbao am Laufen: jetzt will ich meinen Lohn, jetzt will ich endlich das Inlandsprodukt steigern!

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Ich bin hier der Systemrelevante. Was meinst Du, wie viele diese meine schöne Sonnenbrille gern gehabt hätten – von Dir einmal abgesehen. Drei oder vier Damen haben den Inhaber gebeten, nochmal im Lager nachzusehen.

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Das Bier scheint Dir mehr zu Kopf als du merkst,  Krüger. Pass auf Dich auf. Aber ein so großer Geistesblitz war das jetzt nicht.  

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Der große Geistesblitz ist, daß die Präfektur genaue Anweisungen hat, die Sache dieses Wochenende, vielleicht nächstes noch laufen zu lassen. Bis zur Zahl X. Alle Nummernschilder der parkenden Autos werden am Parkautomaten  erfaßt – schon seit ein paar Jahren. Größere Fluktuation oder Abweichung würde bemerkt . Man kennt seine guten Kunden und lebt von ihnen. Die Menschen hier können doch unmöglich wieder anfangen, Fischernetze zu flicken.

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Stimmt: über die Parkautomaten weiß die DST in Echtzeit, mit welcher Mischung sie es in den Küstengebieten zu tun hat. Was man im Namen des Terrorismus abgesegnet hat, passt doch ganz wunderbar in die Zeiten des Virus

Und kein geringerer als der Steuerzahler mit registriertem Nummernschild wird die abgelaufenen Impfampullen zurückzahlen. Der letzte blinde Fleck ist die tolerierte Grauzone der Unregistrierten, Wanderarbeiter, Ungeimpften und anderen, die nicht mitspielen wollen.

Oder können – denn vor diesen biologischen Zeitbomben haben sie tatsächlich Angst- vielleicht, weil sie selbst für deren Existenz gesorgt haben .

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Oh, ein Insulaner!

Sehr schön, so bleibt auch der gute demokratische Schein gewahrt. Dahinten höre ich eine Spanierein mit ihrem Sohn über neue Surfhosen diskutieren. Für 100 ein Schnäppchen, wenn man dem Sohn glaubt. 

Während andere an den Türen Europas kratzen oder auf Gummibooten verdursten! Gegen den Anblick von Normalos im Kaufrausch finde ich meine Spielbank grundehrlich. 

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Bitte jetzt keine Fundamentalkritik, lieber Doppelagent. Es ist wichtig, daß sich nichts ändert, wenn alles sich ändert, Krüger.  

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Staufenberg – Besuch beim Kurzeck

Juli Zweitausend21

„Als Schriftsteller machst Du aus dem entferntesten Winkel des Globus den Mittelpunkt einer Welt“

Alain Mabanckou

am1Es ist der Tag, an dem alle Geschäfte wieder öffnen, an dem überall eingekauft werden darf und in Cafés keine Abstandsregeln mehr gelten. So gesehen Tag 1 nach der Pandemie, vielleicht aber nur tag 1 vor der Delta Variante. Es ist ein schöner, ein ganz besonders milder Sommertag. Mein Rad ist die rote 1, es ist unterwegs nach Staufenberg, dem Ort von Peter Kurzeck. Peter Kurzeck hat mit Rädern nichts zu tun,  er war als Kettenraucher und Koffeinliebhaber ein eher unsportlicher MeMensch, ein Schriftsteller reisten Wassers,  ein Mensch der schreiben mußte, damit nichts verloren ging.

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Peter Kurzeck war Schriftsteller, er wuchs in Staufenberg auf und starb in Frankfurt. Auch wenn sein Kosmos im wesentlichen ein hessischer Kosmos war, wollte er das ganze Jahrhundert in seinen Romanen einfassen. Sein ganzes Jahrhundert, die Zeit von 1950 bis 2000. Der Ausgangspunkt, der Kern aller Erzählungen, die auch ein einziger Strom eigener Gedanken und Sinneseindrücke sind, ist das kleine Dorf Staufenberg mitten in Hessen.

Und hier spricht Peter Kurzeck selbst. (aus übers Eis).

„Zum Beispiel Staufenberg, das ist ein Dorf. Ist nicht weit von hier. Dort gibt es Basaltfelsen,  die sind blau. Die Pflastersteine auch blau.  Ein kleiner Mairegen und auch schon vorbei . Und wie sie so nach dem Mairegen glänzen , die Steine.Fachwerk und rote Ziegeldächer und alle Fenster offen.  Gärten und Gartentürchen und Scheunen.  Einen Turm gibt es, der hat ein Gesicht. Das Dorf steht auf einem Basaltfelsen. Immer so, wie du dich gerade fühlst, sieht der Turm dich an mit seinem Gesicht.

Gärten und Hecken und Feldwege. Langhin zwei Wagenspuren und immer auf den Horizont zu.

Am Dorfrand die Teiche. Manche Teiche am Abend wie flüssiges Gold. Du gehst aus dem Dorf. Die Straße nach Odenhausen ist auch nur ein unverdrossener steiniger Fahrweg. Aber die Bundesstraße 3, die Schosseeh, die alte Fuhrmannsstraße, die ist gepflastert. In weitem Bogen am Dorf vorbei und rennt. Rennt der Ferne entgegen. Nach Süden, nach Norden. Hörst den Abendzug fahren im westlichen Tal zwischen Fluß und Berg. Der Fluß ist die Lahn. Und neben der Lahn still daneben die alte Lahn.

ab5Nach Heu riecht es.  Erst das Heu, dann das Grummet. Über das Heu gehst du auf das Staufenberger Kirschenwäldchen zu. Mai oder Anfang Juni und bald sind die Kirschen reif.

Aber das muß weit zurück ein vergangener Mai und wenn du das nächste mal hinkommst, wirst Du nichts mehr wiedererkennen . . . .“

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Bin also gleich angekommen. Das Schloß schon von weitem sichtbar, die Straße von Ruttershausen führt schnurgerade darauf zu. Kein Vertun.

a4Staufenberg ist nich weit, nicht allzuweit. Von Gießen aus eine halbe Stunde, von meinem Gartentor dann gute 2. Richtung Nordost, schräg am Bergmassiv entlang.

Es geht über die südlichen Ausläufer des Westerwalds, Elbachtal, Ulmtal, am Schluß das Dilltal. Und danach noch ein wenig vom Gladenbacher Bergland am Hohensolms vorbei und auch neben dem Dünsberg her, das ist der Bergkegel mit dem Fernsehturm den Gießener von weitem sehen können.

a6Viel Wald, viele Wiesen. Wiesen die herumrollen, Männer die in ihren Einfahrten stehen, an der Heckleuchte ihres Autos.

Es kommen Höhenmeter zusammen. Katzenfurt, Ehringshausen, Bermoll

ab2Dann noch ein letztes Dorf mit Burgruine und die schnurgerade Straße nach Ruttershausen. Das Nachbardorfliegt auf der anderen Lahnseite, der westlichen, und eine kleine Brücke, an der zwei Schuljungen neben ihren Rädern sitzen, führt schnell drüber hinweg. Dann ein Buckel mit weiterer kleiner Kirche (die Mühle ist ein Mehrfamilienhaus mit Wäscheleinen) und unter die neugefasste B3 hindurch. Vierspurig.

Schon ist man am Fuß von Staufenberg, gleich in den Schrebergärten geht der Feldweg mit Anstieg aufs Dorf zu.

ab3Grün wird geschnitten, die Straße gefegt, es ist ja Samstag. Links hoch der Dorfturm. Das Dorf: geschlossenes Bild, keine Ruinen oder Lücken, das sind fast ausnahmslos die ursprünglichen  Häuser. Noch höher ginge es zum  Schloß.

ab6Ich geradeaus  komme schnell ans Ende zum Friedhof. Dahinter Wiese und ein Aussiedlerhof mit glitzernden Silos. Von hier der Blick auf Mainzlar ins Lumdatal , und etwas weiter rechts, ganz nach Süden die Aussicht über Lollar hinweg.

Wieder zurück in den Ort, ein Basaltvorsprung mehr als ein Kegel , die Häuser im Halbkreis unter der Burg, dicht an dicht.

ab7Gleich wieder den Knick in die Gasse und im Halbkreis vorbei am Turm, bis zum anderen Dorfende.

Dort der Blick nach Westen auf das Lahntal:  Bundesstraße 3 – also die Schosseeh, dahinter Lahn und Bahnlinie. Wie gerufen kommt der kleine Zug aus Marburg vorbei. Rote Triebwagen. Schall geht nach oben, also hört man alles sehr deutlich, die Autos auf der Vierspurigen Straße und die Bahn zwischen den Bäumen.

ac1Ein Biergarten mit diesem Ausblick, ganz ungestört.  Schon möchte mir der Wirt etwas anbieten, er macht gleich auf.Hier endet das Dorf am Waldrand. Ein alter Traktor kommt heraus. Hanomag Granit.  Ich ziehe weiter.

as3Durch die Gasse ans Torhaus, zum Kreuz. Da beginnt die Hauptstraße ins Tal, aber von hier geht niemand mehr zu Fuß bis zur Bahnstrecke, die drei Kilometer nach Lollar ins Buderuswerk.

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Der Eckladen mit seinen messinggefaßten Schaufenstern, die leicht auskragen –  ist jetzt eine Art Schneiderei.  An der Ecke geht die Hauptstraße hinunter, geradewegs zwischen zwei Schulgebäuden hindurch. Auf jeder Straßenseite eines. So läuft das Dorf aus – alles Folgende ist Vorstadt, Zwischenlage…

ac5Und dann lese ich vor der roten Schule seinen Namen: Peter-Kurzeck-Platz. Das hätten sie 1948 nicht gedacht, als er ankam in diesem Dorf. Es stehen große Linden am Schulhof. Eine Tafel mit Lagekarte, Schauplätzen und Legende. Für Kenner und Forscher. Von hier geht es gleich weiter nach Lollar, zum Buderus.

Es kommt immer einer von außen und merkt sich alles, vor allem Sachen, die keiner beachtet.

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Deutschland, heute, 20. Juli 2021

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IVV 2021 – Du und der Gimondi vom Mondsee

In Velo Veritas 202113. Juni 2021

Es ist einfach so: wer an einem Junitag früh aufsteht, hat entschieden mehr vom Leben. Als wollte sie unsere 600 Kilometer Anfahrt  belohnen, meldet die Sonne ihren Auftritt schon früh an. Sie steigt auf, um zu bleiben. Dabei ist die Luft einen Hauch frischer noch, möglicherweise auch mit einer Brise? Wir werden sehen.

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Das Sitzleder ist frisch gefettet, Hose sitz. Leichtes Frühstück, gemeinsam auf Richtung Burg , Nummer 2 und Nummer 99 vom Team Stuttgart. Daf ür können wir nicht gemeinsam starten,  – pandemie oblige –  die Startblöcke trennen uns um 20 Minuten

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Wer jetzt im Burghof für den Kaffee ansteht, fährt die schwarze Runde, die 210 Kilometer. Ich habe keine Ahnung wo es langgeht, weiß nur, daß wir das Land nicht verlassen werden. Österreich oben rechts. Die Sonne ist noch nicht im Hof, der Kaffee wärmt und eine süße Nußrolle passt dazu. Kurze Begrüßung, schon kommt man wieder ins reden . .. .

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Jetzt aber hinaus, es ist schon 6 und Horst, der Watzl Horst, steht mit der Liste an der gelben Aufblaszielbrücke von der Raiffeisen.  Raiffeisen selbst war ja waschechter preußischer Beamter, ausgebildet in Koblenz, eingesetzt in Flammersfeld – mitten im Westerwald. Seinen Namen sehen wir hier in jeder Gemeinde auf den Kornspeichern. Ironie und Preißn…

6h01. Du hast nicht einmal in die Starterliste gesehen, aber die Farben der Trikots kommen dir bekannt vor. Es geht los, die Sonne kommt über die Dächer und läßt den Markt, den Stadtplatz hell aufleuchten. Ein schöner Start durch die menschenleere Stadt. Sonntagsruhe. Leise  surrend verschwinden geölte Maschinen ums Eck. Weitere Fahrer in Sichtweite: gleich den Anschluß finden.

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Und schon hinaus aus Laa über die einsame Landstraße nach Südosten. Vorbei am hohen Genossenschaftsturm, kurz über Bahngleise lupfen und dann die Gruppe grüßen. Tempo aufnehmen.

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Die Sonne ist jetzt ganz da und der Wind auch. Der Wind trägt, er kommt allmählich auf und führt uns die lange Straße hinunter. Wir merken, wie günstig er steht, der Asphalt ist gut, der Tritt ist gut, der Sattel ist gut. Ein flotter Beginn ohne Leid und ohne Kater. Bunte Trikots im Morgenlicht. Ein Motorrad auf der Landstraße – es verfolgt uns.

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Bald der erste Höhenzug, die erste Abzweigung. Da geht es links hinauf, fast eine Wand. Hier beginnt die erste Prüfung auf Schotter und Sand. Das Motorrad macht Bilder, bullert hin und her zwischen uns und anderen Fahrern, die verstreut  über die Landschaft ziehen. Punkte im grünen Korn, über das der Wind streicht.

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Weiter mit Helmut. Er auf dem schwarzen Running mit den weißen Reifen. Selbst zusammengesteckt und eingespeicht, an die 70 jahre alt ist das Rennrad aus Österreich. So hast du angefangen: mit 5 Ritzeln. Die weißen Ballonreifen sind Behelfslösung, es waren keine anderen zu bekommen in der Pandemie. Aber sie rollen auch, sie rollen sehr gut.  Es kommt auf gute Naben an und gute, runde Felgen.

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Wir nehmen die ersten großen Falten und Windräder. Immer neue Fahrer und irgendwann eine lange, lange Gerade durch irgendein Dorf über die uns der Wind schiebt. Wir fahren mühelos im größten Gang, 13 Zähne einmal auf dem Flachen treten, wie du in den besten Jahren. 45 zeigt die  Meßstation, 45 ohne Schmerz und Schweiß und das Rad fühlt sich immer besser an. Du  fühlst dich wohl mit deinem Rad auf den langen Geraden und dem hohen Tempo. Dafür wurde es gebaut, da ist es zuhause. Kaum 7 Uhr vorbei und schon geht’s auf die erste Kontrolle zu.  

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Ein Marktplatz den man nicht vergißt. Vor zwei Jahren war die inveloveritas hier, die Bühne steht genau so, als wollten sie wieder das große Fest beginnen. Die Tafel ist reich gedeckt,  auch der Mechaniker ist am Stammplatz,  der gleiche wie in den Jahren zuvor, mit einem neueren Espace als Werkstattwagen. Ich lasse ihn nochmal übers Hinterrad sehen, zwei Millimeter Seitenschlag und die Spannung hinten. Sie nennen ihn den Fahrradflüsterer

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Wir nehmen das zweite, große Frühstück ein, sind früh dran: der Wind trägt uns her, die Veranstalter staunen. Dann rollt die nächste Startgruppe ein. Ohne Toni? Er kommt gleich, sagt der bärtige Daniel vom del tongo team. Die Tische füllen sich, der Espresso in dem kleinen Café am Platze ist noch besser. Dann sitzt auch Toni da. Geht ihm nicht so gut heute, will eine Genußfahrt machen. Was machen wir? Fahrt mal weiter, ich rolle ganz in meinem Tempo. Also kein Team Stuttgart? Dieses jahr nicht.

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Also mit Helmut weiter, weiter mit Rückenwind nach Südosten, weiter erzählen und pedalieren und die kleinen orangenen Pfeile nicht aus den Augen verlieren. Scharfe Kurve! Es trägt uns ins Gras hinaus.

Im Osten von Poysdorf eine wellige Landschaft, plötzlich neben einem Dorf riesige Öltanks. Solche, wie in der Umgebung von Flughäfen oder Raffinerien stehen. Hier aber kein Flughafen und noch weniger Industrie.

Mein Nachbar auf dem Running weiß mehr: Nach dem Krieg nahmen die Russen die Gasfelder in Beschlag und explorierten  bis 1955 die Rohstoffe als Quasi-Reparation. Dann, 1955 der Friedensvertrag und das Ende der russischen Besatzung. Österreich war neutral und frei.

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Österreich ist grün und sonnig. Kleine Marktplätze mit ihren Lindenbäumen lösen sich ab, Helle Fassaden ziehn vorüber. Schotterpassagen und Feldwege fordern unsere Steuerkünste, der Wind treibt uns mit Hochgeschwindigkeit übers Land.  Es ist ein Genuß und wir kosten ihn aus.

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Wir wundern uns fast, wo die anderen bleiben.

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Die nächste Station verbirgt sich hinter einer kleinen Kellergasse, schattiges Grün mit Holzbänken.

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Wir sind durchweg noch satt und ich muß mit Bedauern den reich gedeckten Tisch (fast)unberührt lassen. Aber es folgen uns noch viele.

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Kornfelder, gesäumt von blauen Blumen und Klatschmohn. Der Wind bewegt die Blüten, sie tanzen an uns vorbei. Wir rauschen förmlich auf das Marchland zu, der Grenze zur Slowakei.

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Dann eine andere Gegend, häufig geht es über Deiche, an die hoch das Schilf anwächst. Mit den 35mm reifen des Running hätte ich es bequemer, aber es geht auch so. Inzwischen haben wir uns die Karte angesehen und wissen, der Wendepunkt liegt an der halben Strecke, also Kilometer 105. Dort Schloss Marchegg und sein Park. Dann geht es recht exakt gegen den Wind hundert Kilometer hinauf und eine gute Gruppe dort wird einiges wert sein.

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Wie gerufen rollt uns die Wunschgruppe ein und die Hatz über den Deich setzt sich fort.

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Es bläst so kräftig, daß es fast keine Mühe kostet, nebeneinander mit 35 herzurollen (oder gar mehr). Hier erkenne ich Gimondi in seinen Farben. Freddy ist auch in der Gruppe, Ocana habe ich noch nicht entdeckt. Aber Altig – sie sagen , er hat gestern über den Durst getrunken. Umso besser. Poulidor fährt heute ein Puch – was haben sie ihm gezahlt?

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Gemeinsam über die leere Landstraße surrt es am schönsten. Die goldenen Felgen sind Sonnenreifen, das Fahrrad ein Kosmos. Wir arbeiten uns an der March entlang, dem kleinen Grenzfluß´zur Slowakei. Verträumt schaukelt eine Fähre im Fluß.

Marchegg und sein Park.

Wir könnten auch tief, tief  in der Lausitz unterwegs sein und die March fließt durch  Muskau. Den (feinen) Unterschied macht die Bewirtung im Schatten der Torhäuser.  Die Maschine lehnt am Sandkasten, wir blicken über eine grüne Wiese, den Park. Das dunkelgelbe Schloß im Hintergrund, Störche kreisen über uns und wir hauen uns den Bauch voll. Diese Labe läßt nichts zu wünschen übrig und das ist gut: die Teilnehmer der längsten Runde und haben gleich einiges vor sich.

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Gemeinsam brechen wir auf und sehr schnell erkennen wir den Wert des Unterlenkers. Eine steife Brise beugt das Schilf und das lange Gras am Straßenrand, erst recht, als es auf eine etwas höhrere Ebene geht: lange ,endlose Geraden leigen vor uns, alle par hundert Meter ein Alleebaum, nichts, was Schutz bietet. Noch weniger Schutz haben die vereinzelt vorgefahrenen, die wir gebeugt und verloren wieder auflesen. Du hast das richtige Rad, im Unterlenker ist gut kurbeln – beinahe wie zuhause.

Die funktionierende Gruppe

Wir sind fünf oder sechs aus der großen Gruppe , die eben noch an der üppigen Tafel saß, Helmut will in seinem Tempo weiter. Nach der Kür beginnt die Pflicht. Der Wind ist erbarmungslos gegen uns, wir beginnen zu kreiseln. Alle hundert, Meter läßt sich  der Vorderste zurückfallen, die Reihe rückt Stück für Stück nach. Ganz eng fahren wir Rad an Rad, leicht versetzt, denn die Brise bläst von schräg vorn, steifer Nordnordwest.

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Wir knabbern am Randstreifen, die  Kilometersteine fliegen nicht mehr dahin, sie werden zäh und langsam werden sie größer und kriechen vorbei. Jede Hauswand ist ein Glücksmoment. Aber es lohnt, der Kreisel läuft, Battaglin, Bianchi, Alan,Puch –  die Gruppe funktioniert – fast eine Stunde kommen wir so vorwärts. Schon kommen vier weitere Fahrer in Sicht  – nur mit dem größeren Kreisel wird es nichts, da fehlt der Wille. Der Zug ist raus, doch das Schlimmste liegt hinter uns, die Hochebene ist vorüber, bald km 140.  

Die Strecke wird wieder hügelig, endlich auch kleine Wäldchen, die uns die steife Brise vom Leib halten. Akazienblüten, manchmal Ölweiden. Die flandrische Episode liegt hinter uns. Wir sind wieder in Österreich und in den Schotterpartien müssen wir hinauf: Wind oder Hügel. 

Dann noch eine Abfahrt und ein schöner See. Plötzlich Radler in Sicht: vor uns! Es sind die Sportsfreunde von der 150er Runde, die rote Runde. Entspannt rollen sie nebeneinander her. Sie haben Halbzeit. Bevor wir sie verblasen nimmt man uns freundlich von der Strecke: 210er bitte links ab!

Haus am See

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Direkt neben dem See die Gastwirtschaft mit Biertischen unter Bäumen:  eine Labe nur für uns. Gulasch und Kartoffelsalat, vor allem große Krüge und Flaschen. Bitte Holunderschorle mit einer guten Prise Salz. Es ist warm, der Wind fächelt Kühlung zu, man möchte lieber bleiben und weiterreden. Aber es sind doch noch 60, 70 Kilometer!

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Und die werden anspruchsvoll, technisch, windig, vor allem mit Anstiegen gespickt.  Weiter also in der Gruppe – sieben oder acht sind wir jetzt, (Freddy wollte noch auf einen Wein sitzenbleiben) und rollen los. Durch die Knicks und an den Hecken lang.  

Immer neue Teilnehmer der roten Runde. Mal einzeln, oft in loser Reihe.

Die Gegenwindpassagen lösen sich ab mit Schotteranstiegen: an einem wird es besonders steil, aber Gimondi ist heute in Sonderform: er zieht sich durchdrehend mit dem 21er Ritzel hoch. Ohne Wiegetritt, sonst wär er auf der Stelle geblieben. Auf den mußt du heute achtgeben.

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Und mittlerweile sind wir nur noch zu dritt, Gimondi der Bianchifahrer und Poulidor im rostbraunen Dress vom neuen Sponsor. Beide mit Sturzring. Bei einem längeren Anstieg – wir konnten Wien am Horizont erkennen – hat es die Gruppe zerlegt.  Wenn es flach wird, lösen wir uns ab, aber nicht nur der Wind ist anstrengend, auch die winkligen Passagen durch die Felder. Dafür muntert uns jeder, der in Sichtweite kommt erneut auf.  Die rote Runde.

Was auffällt, sie fahren fast immer isoliert: zu dritt oder viert, ganz oft schwanken sie vereinzelt im Wind, die wenigsten greifen den Unterlenker. So machen sie sich eine anstrengende Sache noch schwerer. Ohne Windschatten.

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Vor Poysdorf die Bundesschnellstraße – jetzt erkennst du den Ort wieder – 2019! Zuvor ein letzter Hügel, Gimondi fährt einen scharfen Zahn, läßt erst dich, dann den Poulidor stehen am Sonnenhang. Dosiere, bleibe im tritt , ziehe dich zu Fahrern der roten Runde hoch und dann zu Poulidor und ganz am Ende des Anstiegs sehen wir, wie Gimondi sich fast am Ende des Anstiegs in die Büsche schlägt. Ein allzu dringendes Bedürfnis zur Unzeit: Vorbei.

Wieder Poysdorf 14h15

Gemeinsam mit Poulidor (auf blauem Puch!) und Gimondi rollst du in Poysdorf ein. Hier sitzen schon Gimondis Teamkollegen an der langen Tafel in ihren hellblauen Shirts. Die gregarii aus Niederbayern sind die rote Runde gefahren, sie warten auf ihren Champion, der mit großem Hallo begrüßt wird.

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Für die letzten 35 km doch noch eine Suppn und die empfindliche Maschine dem Fahrradflüsterer übergeben: am Sandkasten in Marchegg hat eine Bö das Eddy umgeweht. Zwei Gänge wollen nicht mehr ganz so geschmeidig wie sonst, er wird das Schaltauge prüfen. Der Flüsterer hebt die Braue und erklärt , was für Neurotiker Radsportler nicht selten seien, wenn es um ihr Material ginge. Aber er macht was und was er macht, macht er richtig.

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Die Helfervom Bianchi-Niederbayern Team sind schon fort, auch Poulidor hat sich davongeschlichen, als du mit Gimondi in die Kellergasse aufbrichst. Er ist nicht nur leichter, sondern auch frischer als du, die Kellergasse ist steil, erst in der Abfahrt nach Poysdorf hinaus- die mit dem Kopfsteinpflaster –  kommst du wieder heran.

Noch 35 km, noch mindestens zwei scharfe Anstiege sagte der nette Mensch, der im Manner Trikot die schöne Brevetkarte abstempelte: ein vorletztes mal.

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Schon am Ansteig zu den Kellergassen von Posysdorf war klar, daß er (heute) nicht zu schlagen ist. Vielleicht die letzten 15 rollenden Kilometer? Der federleichte Kerl zieht hinauf, läßt auf seinem Weg ein halbes Dutzend Radler stehen.

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Es geht wieder leicht auf und ab, immer noch mit Wind und einmal noch siehst du ihn in den Feldern verschwinden, Gimondi an der Spitze seines hellblauen niederbayrischen Zugs. sehr geschickt, ihn durch den Wind ins Ziel zu führen . . .Aber du gönnst ihm diese Meisterleistung, auch die WM 73 hast du ihm ja gegönnt, mehr noch als Freddy – aber das ist eine alte Geschichte. jetzt noch ein üpar Kilometer Wind fressen.

Die letzten Kilometer führen über bekannte Stationen, vor Laa noch ein bekannter Ausblick und eine Kellergasse, die Mitfahrer magisch anzieht. der Melllauner Michl macht hier eine Geheimkontrolle (mit Weinglas) und mit Handschlag gehts ab, ins tal der Thaya.

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Ein letzter Akazientunnel mit Wind im Rücken, am Ende nochmal das gfefühl vom Beginn und dannschon wieder Laa an der Thaya. Überall Radfahrer aller Runden, stehend, rollend, kreuz und quer. Alle zufrieden.

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Und am Ende wollen alle ein schönes Bild mitnehmen:

Bis zum nächsten Jahr.

PS: Thomas Kapfhammer gewinnt 2019 den Mondsee Marathon.

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LAA (an der Thaya)

12 Juni 2021

aa1Es ist ein ruhiger, milder Frühsommertag. An der Einfahrt zur Brauerei sammelt jemand Laub. Im Hof ist es still, der leicht blättrige Turm der Hubertus-Brauerei blickt seit über 150 Jahren dekorativ auf die kleine Stadt. Geduldig wartet eine Reihe Lastwagen darauf, Bier auszuliefern.

ab1Wir sind (nach 600 Kilometern) in Laa angekommen, einer Stadt inmitten weiter Felder: Ackerland bis an den Horizont. Einziges Gymnasium 40 Kilometer ringsum. Samstagmorgen im besten Café am Platze, das Stoiber. Von der Terrasse blicken wir auf das Prunkstück : das Rathaus. Frisch herausgeputzt steht es mitten auf dem Stadtplatz. Die Parkplätze füllen sich, aus den Dörfern der Umgebung kommt man zum Einkauf, oder um sich zu treffen.

Die Auswahl an gutem Backwerk ist reichhaltig, die Terrasse voll besetzt, Radler wie wir ergänzen heute das Bild. Es ist das Wochenende, an dem Österreich zögerlich wieder sein öffentliches Leben nach der Pandemie beginnt. Die Stimmung ist gut, nicht euphorisch, aber heiter. Gemütlich auch.

ab2Laa an der Thaya ist in diesem Jahr für uns Freunde klassischer Rennräder Austragungsort der inveloveritas. Mit der Brauereistadt wagt sich die inveloveritas, die eine Rebe im Wappen trägt auf Neuland – es liegt eindeutig am Rande des Weinviertels. Mehrfach höre ich: hier war Staatsgrenze  –  als wirke ein Fluch nach. Dabei ist ein so geschlossenes Stadtbild doch wohltuend für uns zersiedlungsgestrafte Vorortbürger. Wir müssen zur Burg.

Die Burg liegt an der Stadtgrenze. Lange Alleen führen auf sie zu, duftende Linden. Frühsommer, aber nicht zu warm. Wir passieren die verblichenen Inschriften einer Essigbrennerei und sehen bald schon die ersten Gleichgesinnten unter dem Butterfaßturm.

ab4Der Turm überragt den Burghof, in den man durch eine kleine Pforte gelangt.  Hier also treffen sie sich zur 2021er Ausgabe der inveloveritas – die zweite Pandemieausgabe. Genehmigung soeben erst erteilt, wir ahnen, wie knapp es gewesen sein muß. Zutritt nur für frisch Getestete (wie mich) sowie Geimpfte. Ich bin dabei!

Mit der Glücksnummer 99 , Toni bekommt fürs frühe Aufstehen die 2, alles rätselt, wer wohl  in diesem Jahr die 1 trägt. Ein österreichischer Promi ? Der helle Hof mit den Biertischen füllt sich, immer neue  Radsportler kommen und finden sich (man erkennt Trikots vom letzten Jahr) – ein wenig wie ein Klassentreffen.

ab5Unter den eintrudelnden Rädern entdecken wir ein gleichfarbiges Merckx (RSC Stuttgart!)  und fragen, ob wir die Runde zu dritt fahren wollen. Der junge Mann lehnt ab, er reist mit der FanGruppe die ihn umringt auf der „blauen“ Runde übers Land. Wir wünschen erholsame Reise. Bei einem Stammhändler am kleinen Teilemarkt eine weiße Pumpe für mein Rad: mit neuem Ventilgummi, dann schafft sie auch 5 bar aus dem Handgelenk. Ein gutes Omen.

Wir drehen noch eine Runde durch die Stadt, die Eröffnungsfeier ist erst am Nachmittag. Das Leben endet Samstagmittags, ruhig liegen die Straßen da, Erinnerungen an den Ladenschluß um 13 Uhr kommen auf. Was hatten wir Zeit, haben sie eigentlich immer noch.

ab8Es findet sich eine kleine Wirtschaft unweit der Kirche, in der der abgesprengte Teil einer Hochzeitsgesellschaft fröhlich zecht. Ausser Pommes kein Essen, erst  ab 17 Uhr. Wir müssen uns noch eingewöhnen in die Sitten des Landes. Schlager und lautes Mitsingen – man wird draußen leidlich satt. Radler ziehen mit frischer Startnummer vorüber, Einstellfahrten, Beute heimbringen, Speichen kontrollieren.

ab9Am Stadtplatz schlägt das Wetter plötzlich um, so gerade noch mit Rädern im Gewölbe  vorm WeinStein untergekommen. Mittagsruhe allerorten. Wir stromern durch eine kleine Stdt am Samstagnachmittag. Als würde niemand mehr hier wohnen.

ac1Alle plötzlich in die dritte Welt verreist und den Schlüssel unter den Stein gelegt. Der ulkige Schornstein der Mälzerei – ein Blech-Ding, gebogen wie eine Zipfelmütze – grüßt uns still und ein wenig rostig. Kann sich mit dem Wind drehen.

DSCF9099Unsere Pension in der langen Staatsbahnstraße. Wieder die Alleen, wieder die Häuserreihen, die auch geradewegs nach Pritzwalk führen könnten. Hier führen sie zur Staatsbahn und gleich hinter dem Bahnhof endet die Stadt : nur noch ein billa Supermarkt, der tatsächlich alllerletzte Gelegenheit bietet, letzte Besorgungen für den Kühlschrank, das Pensionsfrühstück aufbessern, bevor es bis Montag rein gar nichts mehr zu kaufen gibt.

ac2Dann beginnt die inveloveritas „for real“. Der Burghof hat sich gefüllt, Bier und Wein fließen, Musik ist in der Luft, es regnet rote Rosen – die Gespräche nehmen ihren Lauf bis nach Sonnenuntergang.

Morgen wird wieder ein langer Tag auf dem Rad. 210 Kilometer . Mein Start : 6 Uhr 01.  Sachen bereitgelegt, Wecker auf 5 Uhr, die Restmüdigkeit vom Tag und den 600 Kilometern zuvor tut das Übrige.

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Donaumonarchie und Alltag 2 – Austria

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Grüße aus Unterstinkenbrunn

10.Juni 21, kurz nach 6h

Da liegt er vor unserem Fenster, der große Strom. Kaum hörbar gleitet er dahin, dahinter die grüne Wand der Bäume voll unsichtbarer Vögel, die ihr Morgenlied singen. Wieder Wolken, aber nur dünn, gleich werden sie der Sonne Platz machen. Sachen in der Dusche gewaschen, über Nacht trocken.  Gut geschlafen ,aber noch nicht hellwach.

ab1Für den zweiten Tag, für die zweiten 300 Kilometer der Reise zur inveloveritas ist alles bereit. Fast alles. Richtiges Packen will gekonnt sein. Während ein Schulbus die Kinder vor der Anlegestelle aufsammelt, macht Toni es mir vor. Nun ist sie prall gefüllt und sitzt bombenfest, die Hecktasch: auf geht’s, liebe Donau, die nächsten zwölf Stunden werden wir Dich nicht aus den Augen lassen.

Hier zieht sie wundervolle Bögen und Schleifen, hier ist sie ein gewaltiger Naturstrom, der sich durch ein Felsmassiv windet.

ab2So dicht ist der Fels am Fluß, daß  manchmal vor akuter und permanenter Felssturzgefahr gewarnt wird. Wir kämpfen wir uns tatsächlich über frisch gestürzte Brocken der brüchigen Felsen und eilen schnell weiter.  Bald schon liegen die gefährlichen Felsen hinter uns. reste einer therme, ein Modell des Störs in Lebensgröße – ein Fisch, dessen Größe dem Strom angemessen ist.

Diese Kilometer seit Passau sind der Abschnitt, der schon1934 Patrick Leigh Fermor in seiner „Zeit der Gaben“ so beeindruckte. Als  Wanderer im Schneetreiben auf hochgelegenen Burgen Herberge finden. Sein großartiges Buch wurde zuletzt bei Fischer verlegt; es ist ein reiches Werk ,ein vielschichtiger Bericht vom alten Europa – dessen Puzzlestücke sich langsam wieder zu einem anderen Bild  zusammenfügen.

Heute werden wir unser Ziel Laa an der Thaya erreichen, etwa 50 Kilometer nördlich von Wien, gleich an der Grenze Tschechiens gelegen. Wir haben dann einen guten Teil des Landes von West nach Nordost durchfahren, wiederum 300 Kilometer. Einstweilen machen wir unsere Vorfrühstücksrunde an der Donau entlang, der  Anblick läßt den Hunger fast vergessen. Aber weit ist es nicht mehr, der milde Morgen meint es gut mit uns.

ab4Dort in Aschach servieren sie uns auch feldfrische Erdbeeren – direkt neue Ernte vom Bauern. Die ersten reifen Erdbeeren im Jahr sind etwas, das man nicht vergißt.

Hier hat die Donau das Waldmassiv durchbrochen und gleitet sie träge durch Feldlandschaften. Der Fluß wird von Auwäldern gesäumt, immer wieder folgt ihm der Radweg schnurgerade wie ein Treidelpfad . Nicht zum letzten Mal erinnert das Bild uns an die Elbe und ihre Deiche. Unbehelligt rollen wir nebeneinander her und plaudern.

Nach der Wildnis, den Feldern und der Regattastrecke bald schon Vorzeichen von Linz, erste und größte Stadt vor Wien. Linz war geteilte Stadt bis 1955. Die Russen besetzten das Nordufer, die amerikanischen Truppen, (die es am 5 Mai 45 einnahmen), die Südseite der Donau. Dann schlossen die Österreicher Freiden und die Russen zogen sich zurück.

ab5Wir bleiben nördlich und streifen  eine Stadtbebauung, die es mit  Plattenbautypen für Arbeiterstaaten aufnehmen kann. Heute redet man  von „Bausünden der 1960er“. Die Bewohner blicken dafür auf den schöneren Teil der Stadt und haben das baumgesäumte Ufer für sich. Darunter eine gruppe schwangerer Frauen, die hantelschwenkend flanieren….

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Etwas später- einen langen Bogen weiter – dann das Stahlwerk.

ac3Esin Musikereignis, brachte mir die Stadt auf die Landkarte: hier führte der Elektronik-Musik Pionier Klaus Schulze seine Linzer Stahlsinfonie im Rahmen der ars electronica 1980 auf. Er bezog  Geräusche des Stahlwerks mit ein und kombinierte sie mit Sequenzerpassagen, plus Klangschichten aus einer Batterie früher Synthesizer. 1980, Digitale Saurier. Archäologen des Techno finden auf youtube die ersten Schritte ins digitale zeitalter..Es wurde live im westdeutschen Rundfunk übertragen , nach 22 Uhr . . .

Die Gebäude selbst, ein gewaltiger Komplex am Strom immer noch in Betrieb, immer noch groß, immer noch der Wirtschaftsfaktor. Die großdeutschen  Anlagen –Linz sollte 1938 zur Industriemetropole des NS-Österreich werden , wurden als Pendant zum Komplex Salzgitter Volkswagenwerk errichtet.

ac4Ich nehme eine kleine Ibuprofen Tablette, aber nicht wegen der Kopfschmerzen der Vergangenheit: Krumm gelegen, Nerv im Nacken ist eingeklemmt, kann den Kopf eigentlich nur noch nach links drehen. Krasses Doping, ich mache keinen Hehl daraus: aber es wirkt.  . .

Nach der Linzer Episode geht es in die weiten Schwemmgebiete des Machlandes über. Manche Dörfer können mit Betonwänden gegen die Überflutungen regelrecht abgeschottet werden. Ein Schild weist uns auf die Straße der Kaiser und Könige hin,  dem man ein kleines, gesterntes  *innen zugefügt hat. Sprachkosmetik stellt Gerechtigkeit her.

ac5Wieder  schwül jetzt, die Auwälder zeigen Holundergewächse von tropischen Dimensionen, die sich zwischen den hohen Pappeln auftürmen. Ein schwerer Duft hängt in der Luft, kleine Pfützen und abgebrochene Äste zeigen, daß uns ein Unwetter vorangegangen ist. Wir spielen weiter Katz und Maus.

Um kurz vor 12 sind es nur noch 200 Kilometer, der Wind steht gut für uns, in zehn Stunden geht die Sonne unter, in zehn Stunden könnten wir bei Büchsenlicht im Ziel sein. Huntertfünfzig kilometer davon am Strom entlang – gute Aussichten.

ac6Nach dem Machlande verengt sich allmählich das Tal und der Fluß windet sich erneut durch wildere Landschaft, besser gesagt eine sehr zivile Wildnis. Kleines Fährboot nur für Wanderer und Räder gesichtet.

ac7Kurz später verfransen wir uns im hübschen Grein, weil wir der Anzeige eines Radladens Folge geleistet haben. Der aber schon geschlossen, man weiß noch nicht, das in Österreich die Mittagspause um Schlag 12 beginnt. Schönes Städtchen aber auf die Schnelle nichts greifbares zu Essen. Unsere Rast verschieben wir auf Persenbeug, 25 Kilometer weiter, denn der Wind schenkt uns Meilen.

Neben einem weiteren Wasserkraftwerk entdecken wir dort einen hübschen Dorfplatz samt Linde und Biertischen. Sehr einlandend und gerade zur rechten Zeit. außer uns nur ein Paar, daß den Mittag mit Aperol Spritz anläutet.

ad2ad2Hier  einkehren, während es sich über uns doch bedenklich verdunkelt. Und tatsächlich: während ich Muße habe über die Bestellung die gesamte Kronen Zeitung zu studieren, (Lastwagenwerk verkauft, EM Pinup, PromiDramen mit unbekannten Promis) , schauert es auf die Sonnenschirme. Zufrieden  prosten wir uns zu, Bier ist immer gut, die Kronen Zeitung spricht von einer Europameisterschaft, die bald beginnt…

Eine gute halbe Stunde später machen wir uns (leidlich gesättigt) wieder auf. Mehr kann über Aufbackbaguette leider nicht gesagt werden. Aber es gibt wichtigeres: das  heutige Rennen mit dem Regen hat begonnen. Wir leben in einer aufgeklärten Zeit, alle halbe Stunde gibt es ein update zu den umliegenden Gewitterzellen.

ad3Unterwegs lesen wir eine  Staffel junger Radwanderer auf, doch bald fallen erste schwere Tropfen, die uns zur strategischen Pause zwingen und  dann winken sie uns dem Vordach zu. Wir peilen Wetterlage, schieben Kalorien nach, regenwesten auspacken.

Wir sind umzingelt: östlich verschwindet KlosterMelk in einer Regenwand, rundum sieht es nicht gut aus, von Nordwest wird sich bald die nächste Regenblase heranschieben. Wie wir es auch angehen: der Nässe entkommen wir nicht.

ad4Also los, einfach darauf setzen, daß dieser Schauer bald weiterzieht.  Der Donauradweg mit neuem, allzuglattem Asphalt, der das Wasser aufschwimmen läßt. Was solls, nun sind wir eh nass, ruckzuck durchgeregnet. Weiterstrampeln, mitleidig auf rastende Trekkingbeiker blicken, die ihre Akkus schützen – so haben wir die Strecke für uns allein. Immer wieder wechselt der Weg nun die Seiten.

ad5ad5Melk in einer Regenhülle – erinnere Adson von Melk, Erzähler vom Namen der Rose. Zu seiner Zeit stand das barocke Prunkstück nicht.

Auf manchern Passagen genießen wir ein Rennrad –Privileg,  aber insgesamt sind solche (ausgerechnet solche) Radwanderstrecken nicht für Kilometerfresser gemacht. Die Interessen von Wohnmobilen, Lastverkehr und radtourismus überschneiden sich allzuoft, und so geht der Donauradweg mit vielen kleinen Schikanen und Ortsdurchfahrten in leidlichem Rhythmus .  Das Rennrad liebt die gleichmäßige Strecke.

ad6ad6Über diese kleinliche Kritik ist dafür die Landschaft erhaben. Kaum kommt die Sonne heraus, beginnen die fantastischen Weinberge der Wachau,  der Wechsel sanfter Hügel, Reben an den Hängen und darüber waldige grüne Kuppen.

ad7Die hartnäckig altmodische Bepflasterung schüttelt durch, die schönen, gepflegten Dörfer begeistern.

ad9Hier, mitten in Wösendorf dirigiert die Braut vor der Kirche die Musik. Sie gibt der Kapelle den Takt, die Zuschauer klatschen, die Musiker sind ausgezeichnet. Der Saum des Kleides ist feucht, denn die Sonne kam eben erst durch. Eine Weinkönigin in ihrem Reich? –  man möchte eigentlich gar nicht mehr weiter und wartet auf knallende Korken.

ad8Die kleine Salutkanone weckt mich aus meinem Tagtraum , Toni hat geduldig gewartet. Zurück durch die Weinberge! Noch einige Kilometer geht es so auf und ab, zwischen Landstraße und kleiner Eisenbahn, die auch mitten durch die Dörfer läuft.

Dann ist das kapitel beendet –

ae1Mit Krems schließt die lieblichen Episode Wachau ab. Die Provinzhauptstadt bildet Anfang und Ende, je nachdem von wo man kommt. Weinakademie, Kunsthalle, wir schlängeln durhc einen moderaten Abendverkehr. Eine proppere Stadt mit langen Fassadenreihen voller Stuckornament. Hell und freundlich .

ae2Und dann gleich wieder industriell und nüchtern. Kanäle, Müllverbrennung, Metallverwertung, Industrie. Schluß mit der Postkarte für den Tourismus, vorbei am großen Klärwerk.

Und jetzt der Wind und der Treidelpfad am Strom, der immer breiter wird. Kurz nach 6, Seitenwechsel, die Donau wieder in einer weiten und flachen Ebene.  Das Schilf beugt sich im Wind. Im Zeitraffer über Tulln bis Stockerau. Jetzt lang gemacht auf den Eddys und Meilen schrubben, die Räder wollen es !

Immer häufiger nun Radsportler auf der Abendrunde: auch auf dem anderen Ufer bolzen sie Tempo. Wir gleiten dahin, essen die Leberkäs-Semmel aus der Wachau und andere Früchte, die sich noch in meinem gelben Beutel befinden.

Um 7, abends,

ae3geht es dann nach Norden. Ein letztes mal die Uferseite wechseln. Auf Wiedersehen liebe Donau, nun Kurs Nordost. Noch zwei Stunden bis Laa. Die Wolkenwand zu unserer Linken ist irgendwo hinter uns geblieben, garniert den Horizont. Die Drohkulisse löst sich in harmlose Streifen und versprengte Wölkchen auf. Wir sind müde aber fühlen uns wie Gewinner.

ae4Welle um Welle weiter nach Norden, die untergehende Sonne linkerhand.

ae5Kaum Autos auf der schönen Landstraße, ganz ungestört genießen wir die letzten Kilometer ins Ziel (noch ein Anstieg der dritten Kategorie), während der Schweiß letztmals rinnt. Dort die Radome des Buschbergs, dahinter geht es in die Thaya-Ebene hinunter. Diese Zwiebelknolle haben wir leuchten sehen

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Wir lachen in Unterstinkenbrunn -Danke Leo Schatzl. Dann wird es ernsthaft dunkel, aber wir sind schon da:

ae6Mir ist, als käme ich irgendwo in der Prignitz an. Verblichene Plakate, graue Häuser aus alten jahrhunderten, unbekannte Ampelzeichen und neue Supermärkte.  Allebäume und eine Brauerei: wir sind überrascht und neugierig. Angekommen bei der inveloveritas 2021!

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Ein Fax von Bridgestone

Um nicht irgendwelche geistigen Eigentumsrechte zu verletzen nur als Link dieser Beitrag im Schriftwechsel zwischen Bridgestone Cycle und dem Rahmenbauer Richard Sachs. Bridgestone – damals noch in den USA unter Grant Petersen vertreten – sollte ein Topmodell, das RB1, mit Muffen herstellen, die Richard Sachs entworfen hatte.

Ein Dokument dafür ,wie schwierig es auch schon in stählernen Zeiten war, beste Qualität herstellen zu lassen, wenn es um Produktionskosten geht. Hier das Dokument:

A fax from Bridgestone

Mein Respekt vor der kleinen Zunft der Rahmenbauer wächst.

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Donaumonarchie und Alltag 1 -Germania

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9. Juni 2021. Toni taucht aus dem Nebel auf. Wir treffen uns vor den Toren Nürnbergs. Toni kommt vom Bahnhof, direkt aus dem Berliner Nachtzug, mir hilft ein Taxler („sonst geb i koane tipps . . .“ ) noch durch das Dickicht der Parkgebühren. Nervenbalsam – Für vier Tage steht der Wagen sicher und „gebührenfrei“ unter einem Hochhaus der Neuen Heimat, gleich neben den Mülltonnen.

Kurz nach sechs am Morgen. Wir rollen gegen den langsam eintröpfelnden Strom der Pendler Richtung Osten hinaus aus der Stadt. Zwei Tage auf dem Rad liegen vor uns, eine komfortable Übernachtung dazwischen.

am1Einen Espresso später verrauchen die Vororte der Vororte hinter uns im Nebel. Team Stuttgart zum dritten mal unterwegs nach Österreich zur inveloveritas, diesmal an einen Ort mit dem mysteriösen Namen Laa. Laa an der Thaya genau gesagt liegt noch 600 Kilometer entfernt von unseren Maschinen. In zwei Tagen wollen wir dort sein. Heute einrollen, morgen anrollen.

ama2Komoot hat uns  Route für „Fahrräder“ ermittelt, was nichts anderes bedeutet, als dem Algorhythmus Schotter, Sand, Radwege und Kopfsteinpflaster zu empfehlen. Ein abwechslungsreiches Programm – welcher Reifen wird zuerst aufgeben?

Franken und die Capricen des Algorhythmus

am2Der Schotter am alten Ludwig –Donau-Main Kanal ist noch taufeucht aber sehr rollend, überhaupt ein angenehmer Tag, der hinter dem Nebel auf uns wartet, wenig Wind, kaum mehr als 25 Grad,  also bestens.

am3An dieser Skulptur nehmen wir uns nochmal die Zeit, unsere Räder zu präsentieren. Es sind die bewährten corsa extras aus der Merckx –Manufaktur in Meise, so um 89/90 gelötet und in diesem Dekor für das Team Stuttgart ausgeliefert. Das Gerät mit dem rosa Lenkerband ist einen Zentimeter größer und modernisiert auf 10 fach cum „kompakter“ 50/34 Kurbel. Bei mir tut es die Originalausstattung. In letzter Minute habe ich das Hinterrad mit den gemütlichen 28Zähnen gegen das ursprüngliche 26er tauschen müssen – die Konen vom Letztjährigen sind bedenklich verschlissen.

am5Noch sind wir nicht an der Donau,  wir arbeiten uns über fränkische Hügel, Dörfer und Täler. Die Kräfte sind noch frisch,  Steigungen nicht der Rede wert, der Durst nicht akut. Das Tageslicht fällt in einem anderen Winkel , die Sonne leuchtet schon anders hier unten. Blau und Grün leuchtet die Welt.

am4 Wirtshäuser  am Wegesrand passieren wir stoisch, ihr schöner Anblick muß genügen. Die 300 Tageskilometer bedeuten, wir kommen heute bis kurz hinter Passau. Wir sind da unterwegs, wo Deutschlands Karte einen Fuß nach Österreich hin macht,  die Beuge südlich entlang am Böhmerwald. Bayern liegt weiter im Osten , als wir denken.

am6Unbekanntes grünes Land, wir lassen es an uns vorbeitreiben im munteren Gespräch: fast ein Jahr haben wir uns nicht gesehen, die virtuelle Welt ist nur ein schwaches Substitut. So laufen die Kilometer dahin, kleine Zacken inbegriffen. Ein Langer Brevet braucht kein hohes Tempo, er braucht nur das Richtige;  Reserven werden irgendwann gebraucht,- immer.

Ein Algorhythmus ist kein capitaine de route,  der Unterschied zwischen Karte und Gebiet wird ab und zu deutlich – manchmal reicht uns ein Blick, um die vorgeschlagene Route über einen engen Knüppelpfad zu verwerfen und die kaum befahrene Landstraße zu wählen. Eine völlig unbekannte Gegend lesen, den besten Weg mit dem Auge finden. Auf langen Strecken ist alles eine Frage des flows. Und der Pausen am richtigen Ort mit den  richtigen Kalorien. Nach den Hügeln, (die sanft sind),  folgen Täler wie für eine Illustration von Grimms Märchen;  wer hier eine Mühle hatte, war auf Generationen versorgt.

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Dann kam die Eisenbahn und später der Asphalt. Wir sind Kinder des Asphalts. Bayern meint es gut mit uns, wenig Verkehr, kaum etwas, das uns unterwegs stört. Nicht einmal Touristen:  einerseits schön, andererseits traurige Coronafolge. Die lockenden Versuchungen am Wegesrand fallen einstweilen aus.

Niederbayern und die Ruhe der reifenden Feldfrucht

am7Eine größere Falte muß überwunden werden, sie führt am ältesten Wirtshaus Bayern und der Welt vorüber (mit Brauerei), das den Namen Röhrl trägt. Ein Name wie Donnerhall, der Name ist ansässig, Regensburg also nicht mehr allzuweit, die große Donau auch nicht. Wenn ich es richtig sehe, haben wir Franken verlassen und sind auf dem Gebiet Niederbayerns.

Und dann sehen wir den Strom; es ist um Mittag, ein träges graugrünes Band in der Sonne. Breit wie der Rhein, aber mitten in den Feldern und landschaftlich großzügig gerahmt, kaum Straßen, verstreute Dörfer, unaufgeregte Landschaft. Sonne und weiße Quellwolken. Bayern macht kostenlos Werbung für sich.

ama4Wir überwinden eine der großen Brücken und machen uns über einen Schotterweg am Ufer entlang auf nach Regensburg. Plötzlich Menschen, Wanderer, Angler und Radfahrer.

am9Und dann auch schon mittendrin, dem Dom die Ehre erweisen. Eine Stadt der Kirchen;  rund um den Dom kann ich die Zahl klerikaler Gebäude kaum erfassen. Die Stadt verströmt feierliches Selbstbewußtsein, großzügig sind die Pflasterstraßen auch im alten Kern angelegt, die Zahl der Besucher  (wie wir)  bestätigt den Bischof in seinem Entwurf. Regensburg hat ein Pfund.

am91Mittlerweile trage ich die Spuren eines Cacaoccino-Unglücks auf der Brust (und nicht nur dort) . . . Wer im fahren trinkt , sollte besser aufpassen, vor allem wenn einscherende Rentner das Tempo hemmen. Für uns geht es gleich weiter, Mittag ist vorüber, rasten wollen wir abseits der Stadt.

am92Mit diesem Radladen in Apothekengewand (Geschäftsaufgabe wegen verwerflicher Namensgebung)  verabscheidet sich Regensburg;  über Kopfstein und  durch Torhäuser sind wir bald wieder auf die andere Seite der Donau.  Nürnberg – Regensburg – Passau,  das ist der große Dreiklang. Es geht sich aus.

Bleibt also Zeit für einen  kleinen Abstecher zur Deutschen Ruhmeshalle, wer weiß, wann große Denkmäler wieder so nah am Weg liegen. Dieser Neo-Parthenon wurde Walhalla getauft – weil hier die Großen Germaniens als Gedenktrafeln und Büsten versammelt sind. Also ein Pantheon (ohne Grablege) großer Teutscher Geister im Gehäuse eines antiken Tempels, errichtet auf einem sanften Hügelvorsprung über der Donau.

ar2Die eigenartige Verkappung  einer germanischen Weihestätte durch stahlarmierte antike Tempelbaukunst (das schwülstige Fries übersehen wir) –  läßt uns in milderem Klima die großartigen Proportionen des Gebäudes genießen. Im Rücken der Antike : die Laubwälder.

ar8Wir sind nun definitiv im flachen Land, es ist gut Meilen machen auf unserer Strecke, nach der Rast bauen sich immer dunklere Wolkenformationen seitlich auf, noch drängt der Wind sie zurück. Holunderrausch, Pappelblüte, Lindenwolken.

Vielleicht ist Halbzeit, vielleicht schon mehr, so genau spürt man das nicht.

Kirchtürme im Hintergrund deuten die Linie der großen Chaussee nach Passau an. Dahinter Umrisse des Böhmerwalds. Wir rollen als Schattengespann parallel.  Seit 9 Stunden ist das Leben ein langer, ruhiger Fluß, der durch Bayern fließt. Man versteht das Befremden der Einheimischen gegenüber den ballungsräumen der Republik.

ar4Die Räder surren zwischen den Feldern dahin, alles wächst und gedeiht. Das Corsa Extra ist ganz bestimmt kein Reiserad, man kann es dennoch dafür nutzen. Der Rahmen ist steif genug für ein paar Kilo Last, der Geradeauslauf stimmt, nur eine komfortable Position bekommt man nicht: sie bleibt gestreckt. es ist allemal besser, vorher schon ein paar hundert Kilometer mit einem solchen Design zu proben. So entgeht man  Verspannungen oder Rückenschmerzen. Eine recht scharfe Klinge also, wer aber vom Rennrad kommt, den wird sie nicht schrecken. Allein, man muß es selbst herausfinden….

ar3Bei Deggendorf prallen wir auf die Reste der Wetterwand, werden angefeuchtet, sehen aber, wie sich die Wolkenmassen an einem letzten Vorsprung des Böhmerwaldes brechen. Die Sonne übernimmt, sie wird die Straße (und uns) schnell wieder trockenblasen. Auch wenn die Strecke keine dramatischen Aufgaben stellt, auch wenn die Meilen dahinfließen – am Ende zehren sie doch. Zwanzig Stunden werden wir heute wach gewesen sein, wenn wir in der Etappe sind, die Anfahrt zählt ja auch. Der Hunger wächst stetig mit der Distanz .

Über Passau ins Ziel

Und so sehen wir Passau kommen, davor ein monumentales Stauwehr aus Backstein, überqueren den Strom und freuen uns auf frische Kalorien.ar92

Denns Bio Supermarkt ist der Ort, an dem Dein Kilo Tomaten bis zu 8 Euro kosten kann. Wer nie das Glück hatte, dem Ambiente herkömmlicher Supermärkte zu entkommen, immer auf der Suche nach dem schnellen Schnapp, der sollte sich  zu einem Rundgang verleiten lassen. Am Eingang schon wird mit Gebäck und fairem Kaffee gegrüßt,  die Zukunft ist bereits Wirklichkeit: nirgends Plastiktüten, nur Papier, Milch vor allem in Glasflaschen, genau wie Joghurt; Obst und Gemüse sind handverlesen, vorsichtig wähle ich Banane Tomate und ein, vielleicht zwei Äpfel aus. Die Menschen bewegen sich gelassener, dabei durchaus konzentriert, manche ohne Einkaufswagen (welche leiser rollen als bei der Konkurrenz). Sie jagen keine Schnäppchen, sie denken nach. Bewußtes konsumieren. Alles ist erlesen, ohne auffällig zu wirken – gute Jeans, richtige shirts aus richtiger Baumwolle, gesunde Sandalen, der faire Nagellack, die Sonnenbrille im Haar. Wir sollten heuer die einzigen Menschen in Synthetikfasern sein. Exotisch repräsentieren wir die falsche Welt in der Richtigen. Man muß schon genau hinschauen, denn Erfrischungsgetränke tragen alle fremde Namen, ihre Farben leuchten nicht so auffällig. An der Kasse wird nicht gedrängelt. Draußen auf dem ersten Parkplatz vor dem Eingang steht ein schwerer Hybrid Porsche. Sein Kennzeichen endet auf E.

ar93Passau ist voller Leben. Die Pandemie ist vorbei – oder macht große Pause. Ich hätte so gern einen Mc Donalds,  aber der hat sich versteckt. Frevelhaftes Denken, sicher, aber der Hunger ist stärker.

ar94 Wir sind schon auf der Rückseite, über die Inn, die aus Österreich hinaukommt und sich in die Donau ergießt.  die letzte Stunde unserer Fahrt schon an. Ein wundervoller Blick zurück, ein letztes Staunen, gleich kommt die Grenze. Die Straßen sind voller kleiner Äste und feuchter Flecken. Hier also war das Gewitter. Das Wetterglück bleibt uns treu .

Jetzt fließt die Donau plötzlich zwischen wilden Hügeln hindurch, so daß gerade einmal eine kleine Straße dazwischen paßt. Grüne Wälder türmen sich auf. Es erinnert mich an die Lahn, nur alles dreifach vergrößert.Wo die Donau Platz hat, baut man ihr ein Stauwerk, dieses hier ist wie ein klassisches Monument.

ar96Das Wasser rauscht, donnert und schäumt wie am Atlantik. Die Gischt sprüht – aber ohne eine Spur von Salz. Der Fluß riecht gut, keine Spur von Klärchemie.

ar97Die Sonne senkt sich allmählich über das Schauspiel – Gleich haben wir es für heute geschafft, in Engelhardtszell erwartet uns das Goldene Schiff mit einem großen Schnitzel . . .

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