HH – Berlin, das lange Zeitfahren – ein Rückblick in Trainingswissenschaft

Extrem langer, populärwissenschaftlicher Text.

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Erst später, einige Tage nachdem ich vom Zeitfahren Hamburg –Berlin zurück war, habe ich mich an die Analyse gemacht. Die Analyse der einzelnen Momente dieses langen, leuchtenden Einzelzeitfahrens gegen den Wind.

Endlich einmal vorbereitet sein

Ich habe jetzt nicht intensiv gesucht, keine Bibliotheken durchforstet oder sportwissenschaftlich geforscht. Aber ich habe ein paar Anhaltspunkte gefunden, und vielleicht ist es etwas wert, wenn ich sie hier einmal aufschreibe. Es gibt nicht viele Ratgeber für solche Veranstaltungen, es gibt nicht viele Pläne, wie man ein Einzelzeitfahren von 250 Kilometern vorbereitet.  Und da ich nicht in den MetafaceBuch Erfahrungsgruppen vom unsupported ultracycling bin, muß ich Druckwerke suchen.

Manchmal findet man Artikel in Zeitschriften, beispielsweise für den ersten Bergmarathon, oder den ersten Marathon überhaupt, aber das ist vermutlich nicht vergleichbar. Hier ging es um ein einzelzeitfahren über zehn Stunden im Flachland, eine Dauerleistung gegen den Wind, zudem im gesetzten Alter von 56 Jahren.

Dazu findet sich konkret noch weniger Geschriebenes, das über die Erfahrung einiger Brevets und etlicher 200 Kilometer –Fahrten hinausgeht. Die schaffen schon Grundlagen und Erfahrungen, die etwas wert sind, nur eine halbwegs exakte Analyse sind  nicht. Wobei: eine Wissenschaft wollen wir hier auch nicht.  Die zwei, drei Anregungen, die ich fand kamen aus der mir kaum bekannten Ecke des Triathlon Sports – das wundert nicht, baut der Triathlon ja völlig (und besonders im Zeitfahren) auf der Einzelleistungen auf- Stichwort „no drafting“.

Neue Methoden

Ich erinnerte mich da schwach an eine kurze Lektüre in Joe Friels Werk zum Leistungssport im Alter.Überflogen und hastig abfotografierte seiten. Aber doch erinnert.  Mir ging es darum, zu wissen, neben extensivem Radfahrten noch wichtig wäre. Brevets fahren, Ausdauer im Sattel, Kräfte einteilen: ok, auch 2021 war ein Jahr von vielen tausenden Kilometern, wenn ich das richtig rechne.

Eine unangenehme Sache war mir aus Friels Buch (schnell u fit ab 50) noch in Erinnerung, unangenehm, weil er im Kern sagte: nicht mehr (im Sinne von: länger und weiter) fahren, sondern härter. Nicht extensiver, sondern intensiver: wer nur immer weiter fährt, wird immer langsamer. Das hört man nicht gern, aber man muß die Gesetze der Natur akzeptieren – wir werden nicht jünger und der Körper trainiert sich lieber nach unten. Die Gegenformel dazu lautet: Intervalle trainieren, den Puls immer wieder in die trainingswirksame Region bringen. Im Flachen, am Berg, egal wie egal wo. Nicht zu oft,  aber wiederholt. Sonst bilden sich die Muskeln und die die Sauerstoffaufnahmekapazitäten zurück, ganz von allein. Qualität muß zur Quantität kommen. Ich habe mir einfach die Formel 30 sek /30 sek eingeprägt und 5 Wiederholungen, wenn nicht 8. Der Grundgedanke für diese Foltermethode ist einfach – erst bei einem Puls über 130/140 (je nach Alter)  gibt es für den Körper einen Trainingsreiz. Man ist danach ganz schön platt. Wenn aber erledigt, fühlt man sich durchaus besser.DSCF1430

Eine andere Methode ist, längere Belastungen an der Schwelle zu fahren, also nicht einfach den Berg rauf, sondern 8 bis 10 Minuten hinauf, so daß es weh tut und schon fast keine Luft mehr kommt. Aber doch noch genug . Das geht ganz leicht: man wählt ein Ritzel größer als gewohnt und versucht, die ganze Zeit 90 Umdrehungen zu machen; oder man wählt ein Ritzel kleiner und versucht, den härteren Gang mit der gewohnten Umdrehungszahl bergauf zu fahren. Flach oder bergauf spielt eigentlich keine Rolle – den Effekt spürt man schnell.

Neue Erfahrungen

Ich vergaß aber nicht den Streckencharakter und dafür achte ich im flachen lieber auf eine konstant hohe Umdrehungszahl. Wenn man solche Selbstfoltern zwei- bis dreimal bei einer idyllischen Ausfahrt wiederholt, weiß man zuhause, was man getan hat.

Ich verschweige nicht: es war eine Quälerei, jedesmal wieder. Aber auch diese hat ihre Gewöhnungseffekte. Man spürt das es geht, man überlebt es und man beginnt von neuem.

Und dann kam mir noch der Veteran Jens Vogt in den Sinn: In der Woche vor dem Wettbewerb, sollst Du die die Wettbewerbsdistanz zweimal fahren. Brutal, aber er meinte hoffentlich nicht meine Altersgruppe und Distanzen von 300 Kilometer. Ich habe es bei einer Ausfahrt belassen, zweimal 250 unter der Woche bringt möglichwerweise nicht jeder unter. Aber Unrecht hat der junge Herr Vogt nicht, es hilft – denn unser Körper schafft so den Rahmen seiner Leistungsfähigkeit – er steckt die innere Grenze ab. Natürlich nur bei völliger Erholung anschließend.

Der entscheidende Monat

Alles, was ich skizziere, spielt sich einen Monat lang vor dem Zeitfahren ab, mit entsprechenden Ruhetagen, so, wie es das Wetter erlaubt und wie man sich fühlt – und völlig gesund sollte man auch sein. Sonst geht es nach hinten los. Es gibt  keine Wunder oder schlagartigen Fortschritte, am nächsten tag sitzt nicht plötzlich ein anderer Mensch auf dem Rad –   nur ein Gefühl gewisser Leichtigkeit stellt sich allmählich ein.

Und ein neues Fahren muß gelernt werden, wenn die üblichen Routen touristisch attraktive Berg- und Talbahnen sind: im Flachen wird kaum am Lenker gezogen, fast alle Kraft kommt aus den Oberschenkeln. Es ist eine konstantere Belastung   Das ist eine klare Umgewöhnung.

Ich hatte also mein Rad, meine Position und meine Frequenz gefunden. Zumindest hypothetisch. Auch die Strecke hatte ich mir im Geiste eingeteilt, sogar die ungefähren Pausenorte, also in meinem Fall Versorgungspunkte.  Die großen Unbekannten  bleiben dann noch Temperatur und Wetter dazu, ganz gleich wie vertraut man mit dem Track ist.

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Entscheidend ist aufm Platz – die Gesetze des Stoffwechsels

Eine Sache habe ich auf der Fahrt dann völlig anders gemacht, als auf anderen Touren, also beinahe: das Essen. Sonst immer mit reichlich Frühstück, wollte ich diesmal  „leichter“ starten. Ein gefülltes Croissant und ein Cappuccino sollten es 1h vor dem Start tun – weder Fettes noch Dickes noch Schweres, die Masse der Kalorien kam am Vorabend hinein. Die kleine Fronttasche war voller Riegel: entweder Frucht oder Nußmandel oder ein Proteinmix,  aber alles handliche 40 Gramm Portionen. Aus vergangenen Brevets war mir klar geworden, daß üppige Mahlzeiten zwar schöne Belohnungsrituale sind, aber bei Dauerlast manchmal nach hinten losgehen. Fette spalten sich nur langsam, komplexe Lebensmittel brauchen Verdauungszeit und kosten Kraft: der Magen arbeitet mit dem Blut, was sonst durch die Beine laufen soll. Das ist bei jedem verschieden ausgeprägt, dennoch ein Gesetz des Stoffwechsels.

Das war gar nicht so falsch,  also schon gefühlsmäßig nicht. Ich fühlte mich von Beginn an „leicht“, auch als es noch so kühl war und der Tee in der Flasche eher ein Eisgetränk. Jede Stunde ein Riegel und nachspülen. Nach drei Stunden und ein paar Minute an der Kontrolle die Flasche komplett nachfüllen, Bananen und Äpfel mitnehmen, sonst nichts. In der fünften Stunde an die Tankstelle. Wieder Flasche randvoll, warme Bockwurst mit Senf und ein dünnes Schmalzbrot. Und einmal Mr Tom als Schnellzucker.

Weil es wirklich zu schön aussah, das SalamiRucolaTomatenBaguette für die Trikottasche. Ein Fehler? Hier hätte ich lieber die kleine Colaflasche ins Trikot stecken sollen,  für  „letzte“ 120 Kilometer sind ein 750ml Bidon  (und ein Apfel) einfach zu wenig Flüssigkeit.

Aber das spürt man zunächst gar nicht. Man arbeitet weiter, findet sein Tempo, kämpft gegen Wellen und Wind und gepflasterte Ortsdurchfahrten. Ist froh, das alles hält,  daß auch die Position keine Beschwerden macht,  Sattel, Lenker, Nacken: alles ok. Nur die gewohnten Qualen der Anstrengung.  Nach acht Stunden bei Kilometer 210 (links geht es nach Barsikow)  gebe ich der Versuchung nach und beginne mit dem Baguette – es schmeckt so gut und schön würzig. Ich hätte bei der Hälfte aufhören sollen, auch wenn ich dem Magen mit dem Apfel die Arbeit erleichtere war es doch üppig. Friesack durchfahren, an Rohrlack vorbei.

Über die Grenze

Auf einer Pappe habe ich die 25 Kilometer Abschnitte markiert: jeweils eine gute Stunde Fahrt. Bei Ribbeck komme ich an Kilometer 225 vorbei – nur lächerliche zehn bis Nauen, aber die werden zur Qual, Ist es der Wind? Die Steigung kann es nicht sein. Es wird immer schwerer, den Tritt zu halten, dann geht es nicht mehr.  Das Baguette war gut, aber ein Fehler – ich spüre jetzt Durst , sehe, daß ich nichts mehr  zu trinken habe, was dringend nötig wäre. Man ist im Oktober nicht ausgedorrt, es läuft kein Schweiß die Stirn hinab,  aber Flüssigkeit verliert man doch ; 25 Kilometer vor dem Ziel treffe ich die richtige Entscheidung: schnelle fritzzkola plus orange um die vielen Kalorien ins Blut zu tragen. 3 Minuten stop statt eine Stunde Hungerast.ac7

Feinkost für Fernfahrer

Später, nachdem alles geschafft ist : Im Netz fische ich eine Studie. Habe sie schon wieder verlegt, kann aber das Gröbste noich aufsagen: eine Universität misst mit einer gruppe Probanden verschiedene Ernährungsstrategien für Zeitfahren. Eine Gruppenstudie. Sie vergleichen optimierte Nahrung mit „Lieblingsnahrung“, also dem., was üblicherweise unterwegs auf dem Rad genommen wird.  Also in meinem Fall Wurst/Baguette vs Riegel und trinken. Sie finden recht deutlich einen Zusammenhang zwischen optimierter Ernährung und Dauerbelastung. Ich kann mir die Zahlen gut merken: 90 Gramm Kohlehydrate kann ein trainierter Körper in einer Stunde verstoffwechseln und einen Liter Flüssigkeit muß er dabei zuführen. Dann arbeitet er im Optimum, greift seine Speicher nicht an und gewinnt über die gesamte Vergleichsgruppe an Dauertempo gegenüber den „Gewohnheitsessern“. Es kommt darauf an, aus Kohlehydraten Energie zu machen.

Da war ich weit von entfernt. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir auch zehn Liter in zehn Stunden nicht so recht vorstellen – denn so gesehen, hätte ich ja mit meinen 4 Flaschen und 2 Cappuccino fast verdursten müssen – da komme ich gerade mal auf 5. Sagen wir also 750ml pro Stunde als Kompromiß, dann heißt das: immer 2 Flaschen am Rad. Die Riegel waren dagegen ganz richtig. Eine Mischung aus langen und kurzen Kohlehydraten empfohlen – Fructose und Maltodextrin und vielleicht ein paar Mineralstoffe; schmeckt wahrscheinlich eintönig, soll aber optimal sein – es gibt ja so viele Riegel, das man auch etwas Eigenes zusammenstellen kann. „Meine“ Rossmann Riegel haben mich jedenfalls 5 Stunden getragen. Ich verstehe den Gedanken.

Die gute Kraft

Der Sinn der Exerzitien: immer die schnell verfügbaren Kohlehydratreserven nachschieben, nie in die (tiefe) Kohlehydratschuld kommen, also möglichst keine Speicher angreifen. Die Idee der Fettverbrennung, oft in Brevetkreisen erwähnt,  ist vermutlich ein Irrweg. Wenn der Körper auf Fettverbrennung umschaltet, umschalten muß! (auch wenn er das nie ganz tut),  läuft der Motor zwar weiter, liefert aber nicht mehr die gewünschte Kraft, das Tempo sinkt unweigerlich immer mehr. So erkläre ich mir meinen Ast von Stunde 9 an – es dauerte eine halbe Stunde –  und dann lief es auf einmal wieder rund.

Man wird zwar alt, kann aber (doch noch) etwas lernen. Und es dann besser machen.  Recht geben muß ich am Schluß dem alten Hasen Vogt – die Distanz – mindestens zwei Drittel davon –  müssen in der Woche vor dem Ereignis gefahren werden,  dann weiß unser Körper, was noch vor ihm liegt…

Hebe ich mir für das nächste lange Zeitfahren auf.

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Die Säulen der sogenannten Inflation

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Ein längerer Text, in dem kein einziges Rennrad vorkaommt – dafür aber das Rad der Welt.

Ungleichgewichte, Wachstumskonkurrenz und die Wolke der Klimakrise – über die neue, nächste Phase der Globalisierung

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Die Inflation ist ein Gespenst, doch vor allem ein Gummibegriff. Steigen Preise mehr als gewohnt, wird gleich die Keule Inflation aus dem Arsenalk der Drohbegriffe geholt. Durch sie kann das gleiche Phänomen von zwei Seiten zur Katastrophe stilisiert werden. Steigende Preise und damit Entwertung des Geldes. Wobei Entwertung des Geldes nicht gleich Geldentwertung ist, da fangen die Unschärfen schon an. Daß bei steigenden Preisen das Geld an Wert ist logisch, denn für denselben Euro bekommt man weniger als gestern. Über steigende Preise kann man kaum verhandeln, sie stehen auf Tafeln und kleinen Displays, die ferngesteuert jede Sekunde verändert werden können. Viel schneller, als Konten nachgefüllt oder Tarifverträge abgeschlossen werden. Steigende Preise allein sind jedenfalls keine Inflation. Dennoch wird täglich vom Gespenst gesprochen.

Das Gespenst geht so: wenn Du mit vielen Scheinen in deiner Brieftasche morgen fast nichts mehr bezahlen kannst, dann war über Nacht die galoppierende Inflation am Werk. Es gab solche Zeiten in Deutschland, sie werden immer wieder raunend erwähnt. Zeiten, in denen der Lohn Freitags in einer Tüte ausgezahlt wurde, die eine Woche später eine Schubkarre war und, wenn man Glück hatte, gerade für ein Kilo Kartoffeln reichte. Oder  als man für eine Reichsmark schlichtweg gar nichts mehr bekam – weil sie keiner wollte. Das hat es wirklich gegeben, das war komplett verrückt, das Sparbuch war nur noch Papier und der Kreditspekulant ein reicher Mann. Zahlte die Million und dann gehörte ihm das Haus, während andere damit eine Butter holen gingen. War wirklich so, war aber nicht unsere Wirklichkeit.

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Unsere Wirklichkeit sieht gerade steigende Preise, ja, aber nicht überall und Preise steigen nicht einfach wie Ballons in den Himmel. Die Gehälter und Löhne (also die Preise für Arbeit) sind stabil, einmal im Jahr wird verhandelt, und auch da geht es immer nur um einen kleinen einstelligen Prozentsatz. Preissteigerungen für die meisten Güter sind übers ganze gesehen eher klein und einstellig. Preise und Löhne befinden sich in relativem Gleichgewicht, eine Lohn-Preisspirale gibt es nicht.

In der jetzigen,sogenannten Inflation steigen die Preise schon, teilweise empfindlich, aber eben nicht überall. Und sie steigen aufgrund von Marktungleichgewichten, die mehrere Ursachen haben, nicht aber wegen eines volkswirtschaftlichen Bankrotts wie beispielsweise  dem in Argentinien vor einem Jahrzehnt oder in Deutschland vor hundert Jahren.

Die Mechanik der aktuellen Preisanstiege hat verschiedene Treibsätze, die unabhängig voneinander den Preisanstieg bestimmen, besser gesagt, aus deren Wirkung die jetzige und zukünftige Inflation entsteht.  

1 das billige Geld

2 die Nachfrage nach Energie und der steigende Preis der Verbrennung

3 die  Knappheit organischer und anorganischer Rohstoffe

4 die Krise der Grundnahrungsmittel

5 die Kaufkraft der Emerging Nations, der Wettbewerb des Wachstums

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Im Vergleich zu unserer Welt waren die 1920er recht übersichtlich, der Club wichtiger Industrieländer klein und überschaubar. Es gab zwei Leitwährungen, von denen die Ältere, das Pfund, nach dem ersten Weltkrieg dramatisch an Wert verlor –England hatte sich gewaltig verschuldet um seinen Rang zu halten. Der Dollar war der neue und unangefochtene König. Im seinem Schatten Pfund, Franc, Lire, Peseten, Reichsmark: alles in ihrem Verhältnis durch die nationalen Goldvorräte festgelegt und begrenzt. Nur Deutschland legt die Fesseln ab und begibt immer neue Staatsanleihen, um Schulden sowie Strafzahlungen des ersten Krieges zu begleichen. Man tilgt die Kriegsschuld (ein Nennwert), indem man einfach das Geld entwertet. Das war das Grundparadigma der großen Inflation in einer gerade wieder stabilisierten Welt von 1920. Das war eine echte, aktive Geldentwertung mit steigenden Löhnen und Preisen – eine große Inflation.

Im Vergleich dazu befinden wir uns, 100 Jahre später, in einem erheblich komplexeren Umfeld, es ist als Globalisierung bekannt. Auch wenn der Dollar unter anderem als Verrechnungseinheit des Ölhandels immer noch die Leitgröße ist, stehen Konkurrenten an. Die Wirtschaftskraft des Euros, des Yen und des (unkonvertierbaren) Renminbis sind erheblich größere Bälle in der Luft, als es Pesete Franc und Lira zusammen waren. Den Rubel einfach noch dazu denken und es ist klar, wie diffus der Begriff „Währung“ geworden sowie deren Steuerung seit Freigabe der Wechselkurse . Finanzen aber stehen am Anfang und am Ende der Kreislaufwirtschaft und diese sind seit einigen Jahren billig, sprich, der zinssatz für Zentralbankgeld ist weltweit eigentlich Null.  

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1 Interessanterweise ist billiges Geld kein gutes Zeichen, denn es bedeutet teure Güter. Wenn die Zentralbanken der obengenannten Währungen ihren Banken „neues“ Geld zum Nullzins „verkaufen“, dann ist das zuerst einmal eine Rettungsmaßnahme für Finanzmärkte und Geldinstitute – die Kreditkrise von 2009 hat es gezeigt. Wer Geld verschenkt, will, daß es eingesetzt wird. Dumm nur, wenn Geld kein Geld verdient,  also der Zins für Kapitalanlagen so niedrig ist, daß er die Knappheitsverhältnisse der Gütermärkte nicht mehr bepreisen kann. Hier ist ein Gap.

Wenn Geld kein Geld mehr erwirtschaftet, versucht das überschüssige Geld durch Gütererwerb einen Mehrwert zu erzielen. Biliges Geld gleich viel Nachfrage -also hohe Preise. Wenn auf dem Flohmarkt alle Käufer die Taschen voller Scheine haben, dann wird alles teurer. In unserem Flohmarkt sind es die Immobilien und langfristigen Wertanlagen, die Güter, von denen man sich einen dauerhaften ertrag verspricht, also Anlage- und Investitionsgüter (nicht etwa das neue i-phone).

2 Die Ideologie des Wachstums hat eine bedingungslose Konsequenz: es muß von allem immer mehr geben, sonst geraten Gleichgewichte ins rutschen. Die Pandemie hat zu einem weltweiten Stopp der Produktion geführt, der in gewissen Sektoren immer noch anhält. Ein realwirtschaftliches, globales Ungleichgewicht Jetzt rennen alle gleichzeitig wieder los,  als gelte es, als erster die alte Produktivität wieder zu erreichen. Folge: es kann nicht alles auf einmal geben, es kommt zu Staus, Nachfrageüberhängen, neuen Ungleichgewichten und damit wilden Preisspiralen. Für die arbeitsteilige, globale Welt ist das eine Katastrophe. Wenn es eine feste Menge an Containern gibt und alle wollen ihre Container als erste gefüllt bekommen, werden Container nicht nur etwas teurer, sondern geradezu unbezahlbar, weil es sie schlichtweg nicht gibt.

Genauso wie man sich nicht vorstellen konnte, daß RohÖl 2019 einen negativen Preis bekam, weil es ungelöscht vor der Raffinerie verblieb, kann man sich jetzt nicht vorstellen, daß Hableiter einen Preis von positiv Unendlich erreichen, weil sie noch nicht hergestellt sind. Diese Situation ist zwar bekannt, aber sie ist völlig unbererchenbar – niemand weiß,  wieviele Waren wegen steigender Frachtkosten noch exportiert werden (die Kalkulation im Empfängerhafen ist zusammengebrochen), oder gar nicht erst nachgefragt werden. Niemand weiß,  wie lange der Überbietungswettbewerb anhält, niemand weiß, wie die aus dem Takt geratene Welt-Produktion von Gütern anhält – aber er ist da und es gibt keine regulierende Instanz, die ihn definitiv lenken könnte. Diese Folge der Pandemie ist also eine völlig neue Form der Inflation, die auf einem Mangel an Ware beruht, der eindeutig temporär ist – die aufblasbaren Pools werden im Sommer wieder anschwimmen.

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3 weniger temporär ist eine Inflation, die auf steigenden Rohstoffpreisen beruht. Zunächst die Rohstoffe für Energie: Gas, Erdöl, Kohle. Man mache sich nichts vor, die Windkraft hat ein dekoratives Dasein im Welt-Energiemix und über die Atomkraft breiten wir einstweilen das große Tabu. Die genannten Rohstoffe erster Ordnung haben nämlich auch diese hervorragende Eigenschaft: sie sind mobilisierbar, man kann sie in Schiffen und Zügen transportieren, über Kontinente hinweg. Oder auch nicht. Australien stellt Kohlelieferungen nach China ein: der Strom aus Kohlekraftwerken wird rationiert, Energie in der Werkstatt der Welt plötzlich ein rasend teurer Faktor – mit Folgen für den Rest. Europa sanktioniert Russland wegen des Krim-Raubzugs, ist aber gleichzeitig auf Erdgas Lieferungen angewiesen? Der Preis steigt,  da es einen Hahn gibt, an dem nur einer drehen kann. Diese zwei großen Preissschübe sind absolut keine Inflation im obengenannten Sinne, sie ergeben sich aus einem ganz anderen Faktor: der Verknappung von Rohstoffen und die Konkurrenz darzum. Ganz ähnlich ist es mit der nächsten Komponente

4 Manche mögen es als Bestätigung für „den“ Klimawandel sehen, andere als unglückliche Verkettung von Ereignissen. Fakt bleibt: die Erntemengen einer Reihe von Grundnahrungsmitteln waren nicht gut. Obst- das sehen wir selbst am Apfelbaum. Aber Kakao, Kaffee und Getreide/ Soja, das bekommen wir dann später zu spüren. Dazu ist die Herstellung unserer komplexeren Nahrungsmittel wie Geflügel, Schweinefleisch oder auch Milch sind dabei auf den Zukauf von Grundstoffen angewiesen. Kraftfutter wächst nicht auf unseren Äckern, da wachsen – die Polemik sei erlaubt – Grünmaissorten zur Erzeugung von „gutem“ Ethanol. . . Die Kombination von Ernteausfällen und gestiegenen Energiepreisen wirkt dann als ein Katalysator für alle Nahrungsmittelpreise. Wenn man so will, wird die biologische Preiserhöhung von einer politischen begleitet. Leider spricht vieles dafür, daß sich global ändernde Klimabedingungen nicht schnell über ein Vierteljahr durch Substitute auffangen lassen – beispielweise mit anderen Soja- , Mais- oder Weizenarten. Geschweige denn die Folge des Wassermangels. Diese „Inflation“ wird in ihren Ursachen kaum durch politische Verständigung zu steuern sein. Sie wird sogar zunehmen , weil

5 die Kaufkraft aller Länder untereinander um diese Grundstoffe konkurriert. Da verhält es sich ähnlich wie mit den konkurrierenden Währungen, deren Notenbanken immer schwieriger eine Abstimmung untereinander erreichen können. Wer den höheren Preis zahlen kann, der bekommt. Es ist zu befürchten, daß sich diese Entwicklung nicht verringern wird. Schlechte Aussichten für den Hunger in der Welt, wenn Mais für den europäischen oder amerikanischen Kühlschrank reserviert bleibt.  Aber das ist eine andere Thematik, noch ist unser Geld so viel wert, daß dieser Konkurrenzkampf  (wenn auch zu höheren Preisen) für unsere Schokoladentafelberge und Nikolauspyramiden im Oktober zu unseren Gunsten entschieden wird.

Möglich ist aber auch, daß es mit dem billigen Kakao und Zucker irgendwann vorbei ist. Keine stündliche Schokolade mehr, das droht uns.  Schlecht wäre aber in der Tat, wenn aus dem sozial beliebten urban gardening ein urban farming like it‘s 1947 werden müsste – wenn also die Wertlosigkeit des Geldes dazu führte, statt in Lohnarbeit wieder für die eigene , sehr biologische Kartoffel ackern zu müssen. Natürlich eine Karikatur, denn träfe sie ein,  wären grundstoffmärkte  außer Rand und Band. Gärtnern ist trotzdem ok und vor allem eine gute Option für die eigene Gesundheit.   

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Die Lage

Die Preissteigerung(en) des letzten Quartals 2021 ist keine Inflation alten Stils, bei der die Geldmenge ständig mitwächst (sich aufbläht) oder Folge der Abwertungsentscheidung von Notenbanken ist. Sie scheint eher ein Zeichen multipler Knappheiten rund um den Globus, bei gleichzeitig billigem Geld, also großer Geldmenge plus einer Verkettung von Marktungleichgewichten  Zu einer wirklichen Inflation käme es erst, wenn die Lohn-Preisspirale als Folge einer aktiven Geldabwertung einsetzt. Wenn also die Preisentwicklung von Teilbereichen auf alle Märkte eines Währungsraums übergreift,  und eine gesamtwirtschaftlich unverkraftbare Steigerung von Lebenshaltungskosten von zB 20% durch entsprechende Lohnsteigerungen ausgeglichen würde, weil sonst Hauskredite, Autokredite etc. etc nicht mehr bedient werden könnten und das Konsumniveau überall einbräche.

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So ernst ist die Lage nicht, es sieht eher nach einer (riskanten) Neujustierung der Märkte und Produktionspreise aus, das Konsumniveau wird nur da und in dem Maß dauerhaft verschoben, wo sich zum ersten mal in 50 jahren die Folgen reeller Knappheit andeuten. Aber nicht bei unglaublich komplexen Produkten wie smartphones. Knappheit ist für uns vielleicht ungewohnt, für die übrige Welt der Normalfall. Fragt mal in Äthiopien nach der Anzahl der Shampoosorten. Wir , die globale Mittelschicht der „entwickelten “ Länder sind die Gruppe, die lernen muß, wieder mit Knappheiten zu leben.

Die Bilder zeigen das B5 designer-Outlet Center Dallgow im Jahre 2001. Nach einigen optischen Auffrischungen erfreut es sich – wie die Mitfahrer von hamburg-berlin 2021 feststellen konnten – bei den Kunden höchster Beliebtheit

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Hamburg-Berlin 21: ein Zeitfahren! – B  Die unsichtbare Wand

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Da sind so kleine Details, die einen fangen. Der kleine Teller aus altem Porzellan, auf dem das selbstgestrichene Schmalzbrot liegt. Die offenbar etwas dickere Bockwurst, die sie hier haben. Perleberg, Berliner Straße . Hundertvierzig Kilometer sind es jetzt, hundertfünfundzwanzig liegen vor mir. Ich kaue langsam und schlucke den Cappuccino und packe noch ein Salamibaguette für später hinzu. Wasser nicht vergessen.  

Draußen parken Laster, die ihre vorgeschriebene Rast an der alten Transitroute von Hamburg nach Berlin halten. Dahinter wartet die alte Landstraße, die B5.

ba2Nach zehn Minuten sitze ich auf dem Rad und beuge mich wieder dem Wind, und als ich die Straße überqueren will, kommt dieses eigenartige Brummen, fast wie von einem Kreisel: es ist ein weißes Velomobil mit einem silbernen Punkt, das auf mich zuschießt; ich habe nicht einmal Zeit, die Kamera zu ziehen, so schnell rauscht es vorbei. Jetzt werden sie also vorbeiziehen, meine einzigen Begleiter auf der B5, hier spielen sie ihren vollen Vorteil aus, keine Richtungswechsel, keine Belagwechsel oder Ortsdurchfahrten. Für mich geht es nur um Radweg oder nicht, um den Weg mit maximaler Deckung.  

b3Dann erwische ich doch noch ein bronzenes Geschoß, noch eines kommt und dann herrscht Ruhe auf der B5. Ich bin bald wieder in meinem Takt, die grobe Richtung der Strecke ist Ost /Südost. Genau gegen den Wind,die Fahnen und Windräder zeigen es deutlich, wenn ich den Kopf hebe.

Es ist ein Fahren an der Schwelle, etwas, bei dem man keine störenden Details möchte, denn es ist hart genug. Sehe ich eine Hecke links der Straße gehe ich also auf den Radweg,  der niedriger als die Chaussee liegt. Die Alleebäume verlieren Früchte,  strichweise Eicheln, dann wieder nur Blätter und plötzlich auch endlos viele Bucheckern, samt ihrer stachligen Hülsen.

Meine Position wechselt von den Bremsgriffen – nennen sich Aero, ihr Vorzug aber ist das Fehlen störender Kabel, man kann sie besser umfassen –  zum Unterlenker und wieder zurück. Eigentlich  sehe ich mehr oder weniger nur auf den Asphalt, die drei Meter vor mir sind mein Aktionsraum, aus dem ich hin und wieder den Blick aufrichte, zur Allee, dem Blau und dem Wind.

Eine stachlige Bucheckernschale verkeilt sich in der Gabel, etwas Grünes blitzt auf,  ich fahre mit dem Handschuhballen über den Vorderreifen. Stop. Scheint  nichts drin zu stecken aber es reicht mir: ich wechsle definitiv auf die Straße – kaumVerkehr und gute Sicht

b5Im Waldstück bei Gumtow dann spüre ich das weiche Vorderrad, als ich in den Wiegetritt gehe. Also doch. Zwei Schläuche habe ich dabei, den einen direkt in der Rahmentasche. Ich habe ihn  in der Hand, bevor das Rad an der Bake lehnt.

b6Ein schwacher Trost wie leicht  der Conti von der Felge geht. Dann die Kraft der langen Pumpe. Sie schnellt nicht zurück, der lange Kolben braucht weniger Hübe als die kleinen Modelle: 8 Minuten hat die Operation gedauert, vorsichtig spüre ich dem Mantel nach, ob noch etwas zu finden ist. Nichts, hoffentlich.

b4Die B5 ist längst nicht so eben wie man denkt, es zieht sich in langen gedehnten Wellen an den alten Meilensteinen vorbei. Schlimm ist es vor allem dort, wo es Windräder gibt, dann schrumpft das Sichtfeld auf die weiße Linie, mal rauher mal glatter und es geht nur noch darum, die Kurbel im Takt zu halten. Alle paar Kilometer einen Schluck, wenn es gerade wieder etwas abwärts geht und in Gang 5, bis es doch wieder zu schwer ist. Wieder und wieder. 

Es ist ein leuchtender Tag, niemand hupt mich an, niemand lenkt mich ab, ich spüre keinen störenden Schmerz, die Kurbel passt. Es ist nur der ewig wiederkehrende Schmerz der Muskelkontraktion, rechts, links, rechts, links. Mal zähle ich zehn links, zehn rechts, damit die Belastung gleich bleibt und solange ich zählen kann, bin ich noch nicht im roten Bereich. Jedes Waldstück ist ein Ufer, das man erreichen möchte. Dorthin gelangt der Wind nicht. Der Wind ist eine Wand die zurückweicht und nie endet. Bis man sie durchbrochen hat. 

b92Der neue Schlauch hält die Luft,das Mißgeschick bald vergessen. Erinnerungen an altbekannte Orte. Jede Stunde einen Riegel nachschieben und ein paar Schluck nehmen,bisher passt die Methode. Den Tritt alle Minuten leicht verändern, ein Stück nach hinten auf dem Sattel, ein wenig mehr von oben treten, wieder den Unterlenker greifen. Alle Diskussionen der Aerodynamik am Rad sind überflüssig: die Aerodynamik bist Du. Wer es schafft, das Verhältnis von Kraft und Streckung zu verbessern ist der Gewinner. Dafür haben sie die Auflieger konstruiert, die so viele nutzen. Ich fühle mich nicht benachteiligt – zehn Minuten Unterlenker sind hart genug.

Kyritz passiert, überall gepflastert, der Weg durch diese Stadt taugt nichts – zwei Kilometer Pflastersteine,  die Einwohner lieben es laut im Stadtverkehr. .

Dann Agrarflughafen Neustadt passiert, der Asphalt flüstert jetzt, so leise sind sie noch nie gerollt die 5000er,  jede Oberflächenveränderungen teilen sie mir mit. Meine Hände kribbeln noch vom Kyritzer Pflaster.  

b7Dann ein letztes Velomobil, nicht mehr so schnell wie die vorigen.

Dann Segeletz und die kleine Baustelle – 500 Meter Sperrung mit grobem Schotter. Nicht weiter schlimm, am Kirchturm ist es halb drei .

ag3Halb drei bei Kilometer 200, jetzt brauche ich gute Beine, die gelben Schilder nach Berlin verwirren nur, die Meilensteine auch, sie rechnen die Strecke zum roten Rathaus oder meinetwegen zum Brandenburger Tor. Trotzdem wird es nicht leicht, die 65 Kilometer in 140 Minuten zu schaffen. Weitermachen, es geht auf Friesack zu,

b9Im nächsten Waldstück ziehe ich das Superbaguette mit der Tomatenrucolamischung, und es schmeckt! Salzig und würzig, total kauft gute Salami ein.  Leider habe ich nicht mehr genug Wasser, um nachzuspülen – also jetzt den Apfel nehmen: gleich ist Friesack da.

Über die Kreuzung, an der Sielaff  seine Bilder machte und sich die beiden Varianten der Strecke treffen. Friede seiner Seele. Vielleicht kommt jetzt mal ein schneller Zug und zieht mich über die baumlose Pampa die nun kommt. Es kommt nur Wind, immer nur von vorn. Eine Wand und noch eine.

ba1Bis Ribbeck reichen meine Körner, dann wird es zunehmend unbehaglich. Die Kraft der Salami kommt nicht an, das powergel hilft auch nicht und meine Akkus laufen langsam aber sicher leer. Durch die Senke von Ribbeck und dann hilft nur noch das kleine Blatt.  Nur zehn Kilometer sind es bis Nauen und Nauen hat sich gemacht – schnurgerade und geteert geht es durch die Innenstadt, ich muß etwas zu trinken finden, sonst holt mich der Mann mit dem Hammer. Lieber hier 2 oder 3 Minuten lassen als für die letzten zehn Kilometer eine Viertelstunde, so mein Gedanke.

Da kommt sie, gleichhinter der Stadt, die letzte Total. Ich entscheide mich für die hässlichste aller Getränkemischungen im Regal: fritzzkola mit orange. Kontaktlos zahlen – Warum nicht?

ag6Hinaus und rein in die leere Trinkflasche, den ersten Schluck schon auf der Betonpiste, jetzt keinen Tropfen verlieren, jedes Molekül kann Dir Kraft zurückbringen.

Von der ersten dieser absurden Überführungen habe ich sie kommen sehen: ein Zehnerpulk von hinten. Freudig erwarte ich ihren Windschatten, und er kommt bald.

ag5Gemeinsam ziehen wir parallel  als Gefährte zweiter Klasse zur B5 dahin, die seit Friesack beträchtlich an Verkehr gewonnen hat. An diesem sonnigen Tag sind Cabrios unterwegs: eine letzte Spazierfahrt für das Sonntagsauto, Spritpreise hin Spritpreise her. Nauen ist die unsichtbare Grenze von Stadt und Land. Gut für Nauen, schlecht für den Radfahrer. Der Autoverkehr rollt ungestört, Radfahrer schlängeln sich Brücke um Brücke näher ans Ziel.

Für mich ist es wie ein Rehazentrum – nur auf die Linie muß ich achten, die Beine drehen wie von selbst mit. 200 Kilometer solo und dann das. Man muß es erlebt haben.

Je näher Spandau kommt, desto unterirdischer wird die unsere Verkehrsführung. Ampeln dauern Minuten, Autos nehmen uns die Vorfahrt, einer kommt beim Stopp nicht mehr aus den Pedalen und kippt um.

b88Der Tiefpunkt lauert in Dallgow Döberitz: nach einem Zickzack durch das Gewerbegebiet bahnen wir uns einen Weg durch die Menge fröhlicher Endverbraucher, die ihr Tagwerk im B5 outlet erledigt hat und nun Papiertütenschwenkend den Heimweg in die tristesse der Vorstädte antritt. Denn ein Paar Schuhe kann Dein Leben verändern.

Der nun durchwurzelte Fahrradweg ist nur noch einen Meter breit, in Zweierreihe fahren wird ein Kunststück, als uns von hinten ein Aerorad bittet.

b94Wir lassen den Fahrer durch und an der orangen Windjacke erkenne ich im Davonfahren niemand geringeren als Björn Lenhard, Größe des Ultradistanzracings. Ich schaue auf die Uhr und überschlage:  Er wird an die 9 Stunden  brauchen.Meine Hoffnungen auf die 10 sind seit Ribbeck zerschlagen und jetzt erst recht.  Wir quälen uns weiter durch die radfeindliche Welt am Rande Berlins. Straßen sind nicht zur Freude geschaffen, sondern zur Verbringung des Pendlers an seine Wirkungsstätte: merke Dir das, elender Zweiradler, während die Induktionsschleife wieder und wieder nicht auf die schmalen Reifen reagiert.  

An einer letzten, weiteren, endlosen Ampel kurz vor dem Ungetüm namens Havelpark (noch heute abreißen lassen) trennen sich unsere Wege, ihr geradeaus, ich rechts herum, am Havelpark außen lang und dann zurück zur Heerstraße.

Mein Kopf grollt, aber die Beine jubeln, das Wunder ist geschehen. Der Saft ist zurück, die Fritzzkola hat die Kohlehydrate an die richtige Stelle gebracht. ich fliege – Ihr werdet mich nicht wiedersehen, die Wand ist durchbrochen.

ag7Stur drehe und drehe ich in Gang 5 die verdammte,  überbreite Heerstraße hinunter wie Moreno Argentin die Zielgerade am Boulevard de Liège, finde einen Weg zur parallelen Weinmeistrerstraße, den kleinen Hügel nach Gatow bügle ich auf dem großen Blatt weg und komme mit vollem Tempo ins Ziel.

ag8Ein Bier wartet auf mich.

 

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Hamburg – Berlin, ein Zeitfahren ! Teil A

ag2In den Startlisten zum Zeitfahren Hamburg – Berlin 2021 wird man vergeblich suchen: unter den 200 Namen, die sich die Plätze schon Minuten nach der Anmeldung gesichert haben, fehlt mein Name. Die Straßen sind frei, darum nehme ich mir vor, die letzte lange Strecke des Jahres incognito zu fahren, als einer der wenigen Einzelstarter und vermutlich als einziger Fahrer mit einem Rad von vierzig Jahren plus Randonneursgepäck.

ag1Meine silbergraue Gazelle trägt die Nummer 3259800 unter dem Innenlager eingeschlagen, eine Zahl aus dem Jahr 1980. Es ist ein 60er rahmen aus 531er Reynolds und der hat außer den lustigen Schmetterlingsstegen eine Besonderheit: ich habe ihm eine 175er Kurbel montiert. Im normalen Radleben gehen 170er Kurbeln klar, mit meiner Schrittlänge kann ich ruhig mal 175 probieren. Nach Genzling (1986) wird dann bei gleicher Umdrehungszahl weniger Pedaldruck benötigt, dort liegt mein (hypothetischer) Vorteil… auf 270 Kilometern.

ag1Mit dieser Kurbel also Hausstrecken auf- und abgefahren, vor allem das Tal des Gelbach entlang, eine Landstraße, die von Montabaur an die Lahn führt und sich mal links mal rechts vom Bach zwischen Wiesen und Felsen windet. 23 Kilometer Ruhe im Oktober. Erst glaubte ich tiefer zu sitzen und sah nach der Sattelstütze: alles am alten Ort, die Markierung hat sich nicht bewegt – es ist die Kurbel, mit der das Knie weiter hochkommt. Der Körper gewöhnt sich schnell, es lief auch nach intensiven Einheiten ohne Nachwirkungen; keine Gedanken mehr über diese 5 Millimeter. Kaum zu glauben, wie sehr man sich schinden muß, in der Hoffnung (ein wenig nur!) schneller zu werden. Eine Anleitung, wie man seine aerobe Schwelle über 10 Stunden trainiert findet sich übrigens nirgends. Doch Hamburg kann kommen, jetzt nur noch packen.

ag3Die Zeichen stehen auf Herbst, nicht nur greift die Sonne immer kürzer über den Horizont, morgens dauert es lange Stunden, bis das Gefühl von Wärme aufkommt und die Dunstschleier verfliegen. Manchmal ist es nur Feuchte, die unterkriecht, manchmal bläst ein frischer Wind kalt durch die Lagen der Trikots. Jetzt wird doppelt und dreifach geschichtet,  Merino unten, Mischwolle drüber, noch ein Trikot und zum Abschluß eine dünne Windjacke – so könnte es gehen.

Morgens 60 Kilometer zum Zug nach Gießen, Gepäcktest bestanden,Abends halbsieben in Hamburg Hbf raus und die SBahn nach Bergedorf. Oh! ein Radticket kostet das doppelte der einfachen Fahrt!Bergedorf –  Letztes Licht, Wochendestimmung, zur Sicherheit nochmal einen dicken Riegel Lübecker Marzipan für morgen, dann den Landweg nach Curslack und Kirchwerder hinunter. Erstes Dunkel, Licht funktioniert.

Am Elbdeich dagegen: keine Seele unterwegs, die Oil Tankstelle macht abends um 8 dicht, schnell noch nach Frühstück fragen: Ab 6 gibt’s MorgenKaffee, ach, und die Shell an der Hauptstraße, ja, die wurde abgerissen, die war ja schon 30 Jahre alt. .  . Die Pension unverändert, so, als hätte nie jemand anderes im Zimmer geschlafen – auch der Radiowecker derselbe wie bei den letzten drei Übernachtungen. Morgen also der nächste Versuch – doch diesmal wird nicht versucht, es soll gut gelingen –  in meinem Tempo auf meiner Strecke. Dafür ist jetzt noch ein Abendessen nötig.

ab01Hier Funfe  – Ausen sagt der Mann im AC-DC Sweater und zuckt bedauernd mit den Schultern. Die Kids von der Bushaltestelle haben mich hergelotst. Leere Pizzakartons stapeln sich am Tresen, hinten in der Küche wird gewischt. Es ist nicht einmal 21h, mit Bestellungen wird nicht mehr gerechnet. Wir machen nur mitnehmen  – aber ok – setze sich. Der ausgehungerte Radfahrer wird in der Familie aufgenommen und genießt ein Hefeweizen Zug um Zug, während der Hausvater den Teig ausrollt.  Der Sohn des Hauses genießt eine Serie etwas weiter hinten. Diskret bläuliches Flackern in der Ecke. Die Dame des Hauses verschwindet in den Gemächern. Der Freitagabend in Fünfhausen hat wenig Überraschungen für die Pizzeria Mamma Mia. Die Pizza ist ausgezeichnet.

ab00Hinaus in den kühlen morgen.

ab1Kurz noch Rücklichter anderer Radfahrer gesehen – ich folge ihnen nicht zum offiziellen Start, sondern biege ab. Der Samstag beginnt an der „Oil“ mit frisch aufgebrühtem und einem Schinkenbrötchen von gestern – als der Lieferwagen des Bäckers endlich um die Ecke kommt, bin ich schon unterwegs Richtung Berlin.

ab2Das erste Licht spiegelt sich im trägen Fluß. Ein sehr tiefer Grünton, dem violettrosa eine sehr irreale Färbung gibt, kleine Lichter von einer fernen Straße darauf.  Whistler malte solche Nachteffekte auf dem Wasser. Er ist in die zweite Reihe kuratiert worden, aber das sind so Wellen der Kunstgeschichte. Whistler, early adaptor des Impressionismus hatte eine schnelle und sichere Technik.

ab3Ein letztesmal kurz unter einer Laterne angehalten. 645h.  Höre auf Geräusche, außer Wasservögeln nichts, keine Radfahre, keine Lichter- aber doch –  hinten jagen Traktoren als Schattenrisse über den Deich, große Anhänger auf die Felder bringen. Häckselmais abfüllen.  Wenn ich Glück habe, fährt gerade einer vor mir, denn es wird Wind von vorn geben, die ganze Zeit. Wenn es in 10 Stunden klappt, bin ich zufrieden. Erstmal  zur Elbbrücke, Luft schnuppern. Horizont: ein rosa streifen der sich mit Gold füllt und breiter wird.

Eine frische Welt in Umrissen, die Autoscheiben sind  beschlagen, also maximal 3 Grad. Die Elbmarsch, das sind kleine Straßendörfer aus rotem Backstein.

Hinten ein Kraftwerk. Mein Kraftwerk fährt langsam hoch, die Dauervollast soll gang 5 sein, 4 läuft, aber nicht so locker wie gedacht ; es dauert, bis die Pace gefunden ist.  Handschuhe über den Handschuhen, doppelte Socken, Überschuhe im Gepäck – ich friere nicht. Aus den Häusern schon manchmal der Duft von Waschmaschinen in Aktion.

ab4Der Duft der Schafe  -zieht schnell vorbei. Der Duft der Kühe rechterhand ist nachhaltiger. Eine riesige Halle aus Aluminiumprofilen ist von bläulichem LED Licht geflutet. Darunter erkenne ich die Kühe, die sich träge wie ein großer Brei bewegen – es sind hunderte, wenn nicht tausende, die hier dampfend ausatmen. Frische Landmilch, Hofmilch, Weidemilch für Hamburg.

Es ist ganz still, nur meine Reifen rauschen, sie summen. Die open4 Felgen habe ich noch einmal nachsehen lassen, es stimmte alles, sie laufen so rund, wie es nur geht. Links über dem Atomkraftwerk ist der Himmel noch von einem metallischen Blau, rechts, Richtung Orient hat das ganze untere Drittel schon eine intensive, rosige Färbung angenommen.  Der Lichtfleck von der kleinen Leuchte ist schon jetzt nicht mehr auf dem Asphalt sichtbar: es bleibt für den Gegenverkehr eingeschaltet.

ab21Da kommt eines dieser kleinäugigen Ungetüme aus dem Busch. Giganten der Ackerwege. Er sieht meine Lampe und so zerquetscht er mich nicht wie einen Käfer unter seinen titanischen Gummiwalzen. Die ersten grünen Ladungen sind schon abtransportiert, immer wieder stiebt  hellgrünes Maishäcksel auf. Die nächsten 50 Kühe rücken im Melkstand weiter, ich warte auf die kommende Sonne.

ab5Landmarken erkenne ich wieder. Hinter dieser Tankstelle geht es bald rechts. Ein paar frühe Elektrobiker versorgen sich für ihre Tour. Von anderen Fahrern keine Spur. Haben sie diesmal einen ganz anderen track? Hetzt die Meute mich? Ich rolle noch ein, rechts tritt nicht wie links, an Gang 5 ist noch nicht zu denken. Zwischendehnen.

In kleinen Senken bleiben Tauflecken auf der Straße. Spuren! Aber das, was ich taufeucht auf der Straße an Fährten sehen kann, sind die Rillen der Vorderreifen von Traktoren: einen Moment lang habe ich mich getäuscht.

ab31Immer noch zarter Nebel, der erste Riegel den ich auspacke ist steinhart. Ich bekomme ihn kaum aus der Folie und lasse ihn dann wie ein Karamellbonbon in der Backe zergehen. Trinken auch, der Schweiß verdunstet ganz unbemerkt. Backsteinhäuser und Ruhe,  die Welt ist in Ordnung, die Bäcker empfangen ihre Samstagskunden-  Göhrde: 10km.

ac1Da kommt sie auf – ich fahre auf den Feuerball zu und die Gabel glitzert, gleißt, Chrom wirft die Sonne zurück und die kleinen, eingestantzen Symbole der Gazelle auf der Gabelkrone springen nach vorn. Wieder ein Riegel, wieder der Versuch, auch mal 17 Zähne rund zu treten. Geht leidlich.

ac2Und da endlich die anderen,  ein ganzer Pulk hat Dampf gemacht, mich endlich in sich aufzunehmen .Vorn der Schrittmacher, hinter ihm die dankbare Gruppe, da haben schon mehrere Trupps koaliert. Eine Wärmeglocke umgibt uns.

ab32Manche sehen mich an, aber nur ganz kurz, alle sind beschäftigt, die Spur zu halten. Ich genieße die kurze Windfreiheit, ab der dritten Reihe es ist eine ungeheure Wohltat.

Viel Zeit bleibt nicht, gleich schon kommen die Dünen, die Berge der Elbe, eine Abfolge von Wellen mitten im Wald. Keine bösen und langen Anstiege – trotzdem fliegt die Gruppe auseinander, gleich im ersten Anstieg nach 50 Metern – und oben schreit der Anfahrer „pinkeln“. Danke, ich habe kein Bedürfnis, dafür ziehe ich mir die Beinlinge aus, die Sonne steht jetzt über dem Wald und sie wird bleiben. Um die 70 Kilometer geschafft –ich warte nicht länger und weiter, denn da kommt noch was, einholen können sie mich immer noch. Meine Beine atmen frei in der Abfahrt, es kitzelt lustig.

ac3Ein paar Wellen später – sie ziehen sich über Kilometer – treffe ich auf einen Triathleten aus der Ex -Gruppe, der mit seiner Maschine wohl Mühe hat, wenn es bergauf geht. Man kann an diesen Stummelflügeln von Lenkern nicht gut ziehen. Hier hatten mich die Paulianer weggebissen 2013, heute, das weiß ich, würden sie still sein.

ac4Dann zurück die Deichlandschaft von Danneberg, der Wind ist nun da, unmißverständlich macht er klar, wer Herr am blauen Himmel ist. Es ist nicht mehr weit bis Dömitz, der dritte Riegel ist fällig. Der parcours geht durch die Felder, da existieren einige Varianten, die den Elbbogen abkürzen. Schon habe ich mich verfranst. Es ist nicht viel Zeit verloren, aber man ärgert sich doch.

Kurz vor der Brücke fährt mich ein schwarzer Riese mit lockerem Tritt auf – er hat keinerlei Gepäck und erst halte ich ihn für einen hurtigen Sonntagsfahrer, bis ich das kleine Rahmenschild der Teilnehmer entdecke.

ac5Am Ende der Brücke geht es zwischen dicken Pollern auf einen Parkplatz. Als Erinnerungsstück der Staatsteilung ist ein Meter Altbrücke aufgebahrt. Hier wartet die Streckenkontrolle des Audaxclubs Schleswig-Holstein, da stellen sie immer ein kleines Zelt hin:  –  Essen für alle, Getränke in großen Kanistern. Ein Drittel ist geschafft,  nur kurz lüfte ich mein incognito, bitte um Banane und Apfel und mich rasch empfehlen.

ac11Bananen auf Rädern, adieu!

Der schwarze Riese von der Brücke hat mich flott wieder eingeholt, während ich die Bananenschale in die Dömitz werfe; der gleiche Gedanke bewegt uns: solange Du frisch bist, keine Zeit verlieren, schnell ist das Momentum verflogen. Gemeinsam holpern wir über die Dömitzer Pflastersteine und machen uns hinaus auf den Weg in die Prignitz.

ac6Das Tempo, mit dem er aufrecht gegen den Wind dahinrollt, liegt für mich an der Schwelle – wenn nicht drüber. Wir unterhalten uns kurz und ich entschuldige mich, weil ich wieder hinter dem breiten Rücken verschwinde.  Er fragt noch, ob sein Hecklämpchen aus ist, ich frage, ob er die Strecke heute noch zurückfahren möchte. Nein, nur abends zum Zug nach Spandau. Er rollt die Straße ab, als führe er auf dem kleinen Blatt. Die Jugend ist schön, ich entschuldige mich fürs Hinterradfahren.

ac51Absolut ok sagt er mir, denn heute fährt er solo,  vor Jahren habe er schon mit Team elektroland24 das Zeitfahren gewonnen, aber – und da werden andere  genannt – was hier mit Begleitfahrzeugen samt Troß  laufe, sei übertrieben. Die Distanz selbständig schaffen, das sollte man als Erwachsener schon können.

Ewig werde ich mein Schicksal nicht an das Seine ketten und bald schon, kurz vor einem Ort Namens Seedorf,  trennen sich unsere Wege – die B5 mag er nicht, die vielen Eicheln auf dem Radweg, der Verkehr, die eintönige Landschaft. Vielleicht hat er recht, vielleicht habe ich mein Ziel – die Total Raststelle in Perleberg.

ac7Denn so hast Du es gewollt: allein, volle Fahrt voraus. Die Sonne leuchtet immer goldener, schräg durch die  Alleen und kleinen Dörfer, deren Schornsteinrauch hart in meine Richtung bläst. Immer  wieder kurz den Kopf nach oben recken, ein Stück Himmel und Landschaft,  anders geht es nicht.

Trotz Banane kehrt der Hunger zurück, jetzt schon; essen, bevor man richtig richtig hungrig ist – also ziehe ich den dicken Marzipanriegel aus der Hintertasche. Er hilft. An jedem Waldstück atme ich auf, in jedem Ort findet sich einen Moment lang Deckung.

Perleberg liegt gleich hinter der riesigen Solarfarm,

ad2ad2und am Ende der Stadt, wo die alte Chaussee noch sichtbar ist die Total –  gleich schlägt es 12, über die Hälfte ist  geschafft.

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Über den Esterel

Über den Esterel – eine Notiz

 

be0Die letzte Steigung in der Mittagssonne ist geschafft, jetzt kommt endlich die kühle Luft der Abfahrt, als ein junger Mann mit Funksprechgerät mich mitten auf der Straße anhält. Ich möge bitte fünf Minuten warten. Verdutzt halten auch die folgenden Automobilisten und die Ventilatoren ihrer Klimaanlagen veranstalten ein mehrstimmiges Konzert. Im Schatten einer Pinie trinke ich und schäle meine letzte Banane. Es herrscht völlig Ruhe, nur unterbrochen, wenn der Thermostat erneut einen Ventilator anspringen lässt.

Das Esterel-Massif ist eine Hügellandschaft, die von der Küste des Mittlemeers gleich auf ungefähr 400 Meter ansteigt. Auf der Landkarte kann man es für ein ausgedehntes Waldgebiet halten. Tatsächlich überziehen struppige Bäume überall die kleinen Falten und Schluchten der ockerfarbenen Erde, an der Landstraße spenden größere Pinien Schatten. In einem Supermarkt von Cannes-La Bocca habe ich mir die Situation grob auf einer Landkarte angesehen.  

Es gibt nur diese Straße, die durch die Halbwildnis hindurchführt, die alte Nationale 7. In La Napoule heißt sie D6007 irgendwann DN7, doch es ist immer dieselbe, schöne Route, die sich  verlassen am Nordrand des Esterel entlangschlängelt. Seitdem es die A7 gibt – und die Corniche – ist sie so etwas wie ihr eigenes Museum. Hunderttausende, die hinwegzogen hinterliessen keine Spur.

Aber das Esterel ist weniger wild und einsam, als eine Karte vermuten lässt. An allen Hügeln entdeckt der schweifende  Blick Häuser, Domänen, Anwesen. Dazwischen kleine Dörfer. Direkt an der Straße fallen immer wieder eindrucksvolle Portale auf,  die mit Steinlöwen und Überwachungskameras besetzt sind: Privatland –  gated communities.

Die Vorstellung malt sich eine geheimnisvolle Gemeinschaft kosmopolitischer Privatiers und offshore- Existenzen aus, deren Geld erfolgreich gearbeitet hat (und es weiter tut). Die indigene Bevölkerung verfügt als Hoflieferant diverser Dienstleistungen temporären Zutritt. Sie sorgt für die irdische Funktionsfähigkeit dieser komplexen sozialen Gebilde und bewahrt das Siegel des Schweigens. Nur Waldbrände haben sie zu fürchten. So denkt es sich der Romancier.be2

Die Steigungen und die Hitze haben mir zu schaffen gemacht, dabei sind es noch 100 Kilometer bis Cotignac und ich bin seit gestern 2000h auf dem Rad. Bewegung in der Autoschlange – der Grund dieser kleinen, privaten Verkehrssperre wird sichtbar. Zwei Autos tauchen auf, das eine folgt dem anderen in dichtem Abstand. Auf dem vorderen Wagen ist ein Auslegekran befestigt, an seinem Ende eine schwere Videokamera. Wir dürfen und folgen dem Gespann zu Tal.

Das Rad rollt beinahe so schnell wie die Autos, und so kann ich jede einzelne Bewegung der Kamera verfolgen. Das Objektiv nähert sich dem Kühler, vereint sich mit dem Emblem,  dann filmt sie von oben, von der Seite,  umtanzt das fahrende dunkle Automobil wie ein Insekt, das nach der richtigen Stelle sucht, um sich niederzulassen. Aber die Kamera läßt sich nicht nieder,  sie nähert sich, entfernt sich und der Reigen findet seinen akrobatischen Höhepunkt,  als das Objektiv die vordere rechte Felge in voller Fahrt zu küssen scheint. Vermutlich haben sie auf Superzeitlupe eingestellt. Ich schreibe das als Radwanderer zu Beginn des 21 Jahrhunderts, im Jahrzehnt der Verkehrswende.

be3Als ich den Kopf hebe, sehe ich kurz den blauen Streifen des Mittelmeers, einen Turm, vielleicht den Leuchtturm von Frejus oder der Bucht von St Raphael. Der Fahrtwind lüftet das duchschwitzte Trikot, aber bis Frèjus wird er mich nicht tragen.

Meine Reise nach Süden endet gleich: ich muß wieder nach Norden –   ins Hinterland  – und verlasse den Esterel mit der nächsten Straße…

be4Unter dem Fragment eines römischen Aquedukts hindurch erreiche ich bald die große Ader der A7, finde eine Brücke und das Schild Barjols-en-fôret weist mir den Weg. Auf einer Motorhaube leigt ein Soldat in der Sonne. Der schwere Truppentransporter gehört zu den Einheiten, die das Übungsgelände ringsum nutzen. Hindurch zieht sich die zweispurige Straße.  

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Beim Ausstatter

Ende September

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Es ist Zwischensaison. Ist es Mittags immer noch sommerlich mild,  werden die Tage doch spürbar kürzer und der nächste Morgen kann schon herbstlich vernebelt, kühl oder windig sein.

Die Übergangszeit ist für den Radausstatter nicht leicht. Die neuen Containerladungen sind nicht alle da, wo sie sein sollten: Der Euphemismus Lieferengpässe beschreibt den staunenden Blick des Kunden nur unzureichend.

Aber es hat noch ein wenig Zeit. Man möchte noch nicht ins lange Beinkleid, das immer ein wenig beengt. Allein obenherum gibt es kein Entkommen. Wer im kurzen Shirt startet, fröstelt nicht nur auf den ersten Kilometern, das wäre nicht weiter tragisch. Schlimm ist die kalte Zugluft in den Abfahrten, der man nichts entgegensetzen kann und die schon für einige plötzliche Erkältungen gesorgt hat, die dann die letzten sonnigen Wochen verderben.

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Langarm tragen heißt es dann und da darf man als bike-influencer gleich einen beliebten Ausstatter empfehlen, eine französische Firma. Decathlon – nichts aufregendes,  aber für 0,5% kann man nicht meckern. Nur falls jemand wissen will, wovon ich eigentlich lebe.

Andere können sicher besser zu Positionierung, Qualität oder Preisleistungsverhältnisse urteilen.Andere sind Radfashionisten auf der Jagd nach Spitzenprodukten.

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Ich rede nur von einem Produkt, daß ich gesucht und endlich gefunden habe: ein warmes, praktisches, langarmiges Herbsttrikot.Und lange habe ich auf ein warmes Gewebe gewartet, daß nicht ausschließlich auf die Poly plus fleece Formel zurückgreift. Ich gebe gern zu, daß mir auch dei Farbe gefallen hat: sie erinnert eben an gute alte Wollpullover.

Decathlon -um sie beim Namen zu nennen – ist ein Sport Gemischtwarenladen. Manchmal verlaufe ich mich sogar darin. Aber es fällt auf, wie sinnvoll und durchdacht die Produkte für den Radsport sind. Keine Aktionsware oder Billigvarianten sogenannter Markenartikler, sondern eigenständige Produkte, die andere nicht führen, weil sie selbst entwickelt werden.

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Kein winddichtes softshell also, kein ultrawarmes Daunengewebe für Polarnächte. Nein, ein schlichtes Stück mit Taschen am Rücken, das nicht so eng anliegt wie die vielen Elastico-Latexkombis, für die man Profis bemitleidet und Amateure belächelt. Gerade so gewebt, daß noch eine Lage drunter paßt und  lang genug, um den empfindlichen Nierenbereich abzudecken. Links hinten noch eine Zusatztasche – zum Beispiel für die Maske, die man die nächsten Jahre bei sich tragen wird. Also rundum gut und mehr als nur ein Sweatshirt mit Taschen drauf.

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Und da hing es: das letzte seiner Art;  nachdem man mir das Vorführmodell vor zwei Wochen nicht verkaufen konnte, gelang mir der überraschende Fang eines herbstlich roten XL. Ich hinterließ ein verwaistes L.

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Keine Leuchtfarbe, aber ein paar Reflexstreifen. Kein feines Garn, eine robuste Mischung aus Merino, Poly und irgendwo noch Baumwolle: nicht zu warm, nicht zu kalt, angenehm auf der Haut.

Ganz ähnlich also den von mir geschätzten dunova Stücken aus den fernen 1980ern, unverwüstlich und farbecht.  Decathlon hat damit eine kleine Lücke geschlossen, die andere Jahre offen ließen  –

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Die Farben des Sommers verblassen langsam, da heißt es noch einmal zubeißen. 

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Über Cannes – tender is the night

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Mit Grasse endet die wilde Provence. Südlich davon beginnt ein eigenartiges, überfrachtetes Amalgam von Zweckbauten, Ferienvillen und drive-ins um alte Ortskerne, für das Natur nur Dekorationsmaterial ist. Eine komprimierte periurbane Zone, ein schier endloser Streifen der Zweitwohnsitze, Swimming Pools und Zubringer. Alles unter der Sonne, die vermutlich der kalifornischen Sonne als Muster diente.

aa1Mit Mühe lässt sich nach Mougins ein schattiger Platz finden, an dem sich ein Baguette in Ruhe genießen läßt. Eine Parkbucht der Nationale 86, ein schmiedeeisernes Gitter, der Blick auf einen Swimmingpool im Gegenhang. Einer von millionen Entwürfen, ein privates Paradies zu schaffen, zu dem die Welt keinen Zutritt hat.

Die Straße gleitet in sanften Kurven hinunter Richtung Meer.

ac5Gebäude links und rechts, Wegwerfarchitektur in der sich alles umschlagen läßt, was schnell raus muß .

Endlich den letzten Kreisverkehr überwunden, dazwischen immer wieder gleißende Schnipsel des Meeres. Männer in SUVs mit goldenen Uhren – so ließe sich der automobile Stil beschreiben, der das vergangene Jahrzehnt geprägt hat.aa3

Eine alte Gasse führt direkt aufs Meer zu und stürzt in die Stadt hinunter

Touristengruppen werden auf Elektrorollern durch Cannes geführt – der Sedgway hat ausgedient,  falls sich jemand erinnert. Aus allen Ecken gleichzeitig scheinen Menschen durch die Stadt zu strömen.  Es ist 12h Mittags, ich bin an der Croisette

513800191Man sollte Bilder hochhalten, wie dieses von Raoul Dufy, der 1940 einen friedlichen Platz malt, auf dem der Musikkiosk fürs Abendkonzert bereitsteht. Aber Cannes ist das Gegenteil von Nostalgie.

Ganz ohne Vorahnung bin ich hierher geraten und entdecke eine Karikatur in Übergröße . Die Grand Hotels erwarten geduldig eine Endlosschleife an Gästen, die das immense Messegelände saisonal wie Ebbe und Flut anspült.

aa5Dieser Radstreifen – er kann noch nicht sehr alt sein- verwandelt die Avenue unter Palmen in eine Dauerprozession von Fahrzeugen, die vermutlich nur zwischen  2 und 5 Uhr morgens unterbrochen wird. Wer ein Rad führt, bewegt sich im Sandwich zwischen der überlaufenen Promenade und den schwarzen heißen Panzern, die sich stoisch an ungefähr 100 Schmuck-Boutiquen vorbeidefilieren. Die Aufzählung aller Markennamen würde auch Christian Kracht überfordern.

aa7Noch etwas weiter der Strand. Gut belegt, dahinter als Verschiebebilder auf flüssigem Untergrund Yachten und ein Kreuzfahrtschiff, daß die Luxusspielzeuge zu Meereszwergen degradiert. Rentner, wohlhabend vermutlich, schlank getrimmte 70 jährige eilen zielsicher vorbei, nicht bereit sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Daneben: Uniformierte Arbeitsdarsteller höherer Ordnung; meist Männer in neuen Anzügen und sehr neuen Schuhen. Ein auffällig buntes Band am Handgelenk ist kein Zeichen modischer Verspieltheit sondern deutet auf den Zulass zum Kongressgebäude. Ein gläsernes Maul wartet dort auf Menschenfutter.

aa2Die Immobilienmesse findet statt und on top die Yachtmesse. Postergirl ist eine junge Frau, deren Gesicht halb von einem breitkrempigen Strohhut verdeckt ist – man sieht aber noch den roten Lippenstift und ein makelloses Profil. Motorjacht oder Segelschiff wird nicht präzisiert.

ab3Wie Schichten eines  Kuchens bewegen sich die Menschen aneinander vorbei. Die  Kaste der Hostessen ist reichlich vertreten, bunte Flecken schreiten frohgemut aus.  Und einige flanieren tatsächlich zum eigenen Vergnügen hier entlang. Die Sonne strahlt hell und leuchtend über allem, ein sanfter Wind macht sie sehr erträglich, geduldig warten die Verkäufer in den konzessionierten Kiosken der Stadt.

ab6Der Blick aufs Meer ist von den spitzen Plastikgiebeln der Hospitalityzelte versperrt. In der künstlichen Kleinstadt werden Abschlüsse unterzeichnet, für die ein Lebensarbeitseinkommen (Euro) manchmal nicht ausreicht.  Der Strand besteht aber offensichtlich nach wie vor aus Sand.

Wenn es eine Droge gibt, die mir zu Biarritz einfiele dann eher Marihuana. Hier in Cannes ist Gras allenfalls als Pausendroge geduldet, und Alkohol war gestern – Alkohol  ok, aber Ohne Koks kommst Du nicht rein .

ab4Ich will sehen und man zeigt mir. Sehen, was geschieht, wenn man morgens auf einem Felsstück erwacht, auf den rosa Streifen Licht wartet, der endlich die Umrisse der Berge ausmalt, um dann aus der kargen Höhe auf zwei schmalen Reifen in eine verwirrende Dichte zu gleiten, in ein bizarres Kondensat aller Träume vom guten und schönen Dasein, die sich seit hundert Jahren über die Cote d’Azur wälzen, angefangen von tender is the night bis zur aktuellen Ausgabe der Yachtmesse, für die aktuelle und die nächste Generation der Unersättlichen.

ab5In der dritten Reihe warten die Restaurants auf den Abend, und es sieht nicht so aus, als hätte Covid unter ihnen ein Massaker ausgelöst, es sieht überhaupt gar nicht so aus, als gäbe es eine weltweite Pandemie. Wer tot ist, ist einfach nicht mehr im Geschäft.

cannes dufyDer Kiosk ist immer noch leer. Ich werde gleich weiter der Palmenpromenade bis la Bocca folgen, dem unseligen Vorort aus James G Ballards Roman.

ab7Dann lasse ich die Hauptstadt der Traumvermarktung, der Werbephantasien und des Influencergoldes  verblassen, werde die graduelle Abstufung der Immobilien wahrnehmen, bis sie nur noch triste Apartmentblocks mit Meerblick sind, irgendwann als solides Investment von guten Angestellten des Kontinents gekauft. Neue Heimat Côte d’Azur.

Nach dem letzten der 178 durchnumerierten Strandkioske  führt ein Geschlängel von Autostraßen und Kreisverkehren durch die Vororte zur alten Nationale 7: Überlebender. Hinter La Napoule ist es soweit, es geht hinauf  ins Hügelmassiv des Esterel.

caus if money doesn’t matter tonight it sure didn’t matter yesterday…

ac0Hier heißt die Route du Soleil nur noch D 6800! Während das Gewimmel der Riviera immer leiser und kleiner wird, findest Du Dich fast völlig allein in der Hitze wieder….

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Le 100 du Sud – hinunter zum weißen Gold

Die ersten Autos haben mich morgens gegen 5 Uhr geweckt. Ich liege auf einem Rastplatz neben einer Straße, die ich später als Route Napoléon identifiziere. Vor mir hat schon ein Wohnmobil mit Münchner Kennzeichen die Stelle entdeckt. Ein kleiner Fels schützt mich vor dem kalten Wind, der vom Berg herunterkommt. Ein wenig provenzalisches Gras, Moos und hier und dort. Darunter nackter Fels. Ein leichter weißer Seidenbeutel hüllt mich ein, darüber der dünne Biwacksack. Die Kombination funktioniert bei knapp 10 Grad auf 1000 Metern, richtig bequem ist es immer noch nicht.  

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6Uhr 20, ein Blaulicht gleitet lautlos zu Tal, mit ihm folgen meine Augen dem Verlauf der Paßstraße.  . Die Umrisse der provenzalischen Alpen zeichnen sich ab – dort, wo es heller wird, muß ungefähr das Mittelmeer liegen.

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Es war angenehm warm beim Start und die Stimmung in der goldgelben Sonne gelöst. Hier Pascal Bride beim vorbereiten seines S-Works Geschosses. Er und seine Mitfahrer aus Mulhouse wissen wie es geht: Diagonale, Three PeaksBikerace, Race Across France und jetzt den 1000 hinten dran…..

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Bernard – Mr Citroen – läutet lautstark zum Start. Viel Glück ruft er uns zu und ab ins Tal.

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Noch einmal ganz hinunter, vorbei am First eines alten Hauses, in dessen Dreieck eine kleine Glocke baumelt, während die Wolken immer stärker vom letzten Sonnenlicht eingefärbt werden. Dann tanzen die Lichter der Räder durch die Weinberge.

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Wir durchqueren in kleiner Gruppe noch ein, zwei sehr malerische Orte, erstaunte Passanten blicken uns vom Restaurant aus nach. Es geht weiter bergauf und es wird kühl, kühler und dunkler. Bald sehe ich nur noch den Lichtkegel meines hellen weißen Vorderlichts und zwei, drei Lichter meiner Begleiter. Schwankende Punkte.  

Es ist kaum zu glauben, wie dunkel es wird. Nur ganz selten ein einzelnes Gebäude, das rote Positionslicht eines Mastes auf dem Berg, so genau kann man das nicht erkennen. Der Rest sind Umrisse verschiedener Unsichtbarkeit.  Es ist keine besondere Steigung, aber sie ist lang und es geht immer weiter hinauf. Irgendwo rechts von mir ist es noch dunkler, vermutlich ein Tal. Ich sehe nichts und fühle nichts. Ein Anstieg folgt dem nächsten und zieht sich.

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Es sind ein paar Stunden herum und es ist eigenartig: nicht zu anstrengend, die Beine tun was sie sollen, aber alles zu dunkel, eintönig und allmählich zu kalt. Irgendwann ein Passschild: 1100 Meter. Es wird weiter hinaufgehen, der Col d’Allos liegt auf 2000 Metern bei km 160. Also noch kälter. Dahinter hinunter nach Italien bei Tageslicht. Irgendwo, sehr weit fort. Aber jetzt ist es Mitternacht und wir stehen irgendwo in einem Dorf, vielleicht ist es Castellane, wir sind zu viert, finden Wasser und ziehen wärmende Jacken an. Ich esse Mandelriegel und noch einen Fruchtriegel und muß an die gute Daube denken, die es in Cotignac beim Bäcker am Kirchplatz gab. . .

Wege aus dem Dunkel

Soll das jetzt immer so weitergehen? Der starke Grund, weiter ins Leere zu fahren ist fort – dagegen keimt die Befürchtung, mich in eine endlose Abfolge kalter, einsamer Anstiege und Abfahrten zu begeben, aus der es kein Entrinnen gibt. Bis Albertville in 500 Kilometern kommt nicht allzuviel.  

Die ununterbrochene Folge von Naturschauspielen und diversen Steigerungen der Einsamkeit machen ja gerade den Reiz der 1000 du Sud aus. Das unverfälschte Schauspiel unberührter Natur, die Bergeinsamkeit und ihrer unwegsamen kleinen Pfade . Das sagen sie alle, das ist die coffee table book Phantasie, die die Freunde erschaudern und von Abenteuern und endlosen Weiten träumen lässt. Aber man muß vor allem eine unbändige Lust verspüren, Kälte, Erschöpfung, schlechten Schlaf und mäßiges Essen dafür in Kauf zu nehmen. Das sieht man auf Bildern nie.

Ich habe vorhin den grünen Wegweiser nach Grasse gesehen. Das hat meine Phantasie wieder in Gang gesetzt . . . und die Erinnerung an Super Cannes.

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Nach kaum 100 Kilometern weiß ich, daß ich nie eine einzige Kontrollstelle des 1000 du Sud passieren werde, mein Rad an keinem der 13 oder 14 Pässe abstellen werde, um es zum Beweis seiner Existenz abzulichten.

Ich muß nach Süden – schrieb ich schon, daß Berge nachts sehr langweilig sein können? Ich sage den anderen Bescheid (sie wirken etwas verwundert – nein danke, es fehlt mir an nichts,  ich habe einfach keine Lust mehr) und mache mich allein in eine Nacht auf, die erst gegen 2 Uhr morgens auf dieser kleinen Nische der Route Napoléon endet,  einem Ort, an dem es endlich warm genug zum schlafen wurde. Ich träume von Grasse und Super Cannes, die Alpen können warten.

Super Cannes

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Seit mehr als 40 Jahren war ich nicht mehr an diesem Teil der Küste. Ich schäle mich aus dem Seidenbeutel, der sich wunderbar zusammenknautschen läßt und stopfe alles wieder in diese Hecktasche, die nun auch schon 6 Jahre treu dient. Sehr leidlich geschlafen, aber die Aussicht, hinter den Bergen ein gutes Croissant von einem guten Bäcker zu bekommen macht es wett.

Es rollt wunderbar den Berg hinunter in die Frühe, pausenlos überholen  Autos und Lieferwagen mit Vollgas, streifen beinahe die Poller am Abgrund, weil sie vermutlich genau dorthin müssen, wo ich auch hin will: Grasse. Und danach Super Cannes: endlich Orte des großen Romans ins Auge fassen, die Wirklichkeit von Super Cannes sehen, um die Fiktion an der Realität eines heißen Spätsommertages zu messen.

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Mit diesem letzten Paß verlasse ich definitiv die Welt des 1000 du Sud, jetzt wartet die Welt von Super Cannes.

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James Ballard schrieb den Roman um 1996 und eine Deutsche Übersetzung dazu gibt es bis heute nur in einer Schublade meines Schreibtischs. Es ist die doppelte Dystopie einer Kunstlandschaft in einem Freizeitpark namens Cote D’Azur. Die Vision einer idealen gated community globaler Führungskräfte, in der unter der Haut eines minutiös optimierten Hochleistungslebens die Perversionen ungestraft blühen. Mitten in der Landschaft, die ich nun endlich sehen will. Das Scheitern eines Kinderarztes in einer Welt ohne Kinder. Das Hinterland von Cannes.

Grasse im Morgenlicht

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Man ahnt schon alles eine Kurve vorher. Als es am 500Meter Schwimmbad vorbeigeht, öffnet sich das Panorama,  die gelbe Stadt wird von der aufgehende Sonne hauchweise rosan angefärbt, an den letzten Ausläufern des großen Massivs, diese schöne alte Stadt am Hang, ein lombardischer Turm grüßt von weitem und eine Frau auf dem Rennrad kommt mir entgegen – am Horizont das Mittelmeer.

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Ich habe nicht gewußt, daß Grasse – also Grasso –  lange italienisch war, aber die Gebäude und Palmen, die ganze Anlage der Stadt läßt keinen Zweifel. Die katalanische Flagge am lombardischen Kirchturm erinnert an noch ältere Herrschaft. Vom  Boulevard geht es auf eine Piazza hinunter, mit der Suche nach dem nächsten Café dringe ich ins Labyrinth der dichten Altstadt.

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Dort reiht sich eine Parfumboutique an die nächste. Keine Filialen von Sephora, nein , kleine, alte und neue Hersteller, die aus den Produktionen der Distillen im Umland ihre eigenen Kreationen ausstellen. Grasse ist die Stadt der Blumen und Düfte, fast 300 jahre schon finden sich Distillen, Alambics  und Ölpressen um aus den feldern des Umlands die Esssenz zu extrahieren

Neben Molinard ist Fragonard (mit dem Maler verwandt) der große Name. Beide Häuser ehrwürdig und alt, Molinards Ruhm gründet auf einem Duft der 20er Jahre: Habanita! Bevor Chanel sie alle hinwegfegte. Aber sie leben weiter,  verdienen hier auch an Chanel und Dior,  ich werde es bald erfahren. . .

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Fragonard scheint eine ganze Straße zu gehören, man hat in Inneneinrichtung und Stoffe diversifiziert.

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An einem alten Wasserbecken wasche ich mich kurz und spüle meine Kappe aus. Nur Einheimische  mit Hunden oder auf dem Weg zum Croissant unterwegs. Ich genieße ein Zweites und ein Drittes.

Dann der alte Bischofssitz und der Dom, eine spätromanische Basilika aus dem 12ten Jahrhundert.  

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Mein Rad steht vor dem Portal der eindrucksvollen, gedrungenen Basilika, am Rande eines kleinen Plateaus über der Altstadt. Diese späte romanische Kirche erinnert innen unmittelbar an den Limburger Dom – von außen verrät nichts die Ähnlichkeit. Weniger hoch gebaut, massiver, ohne Verputz, erheblich gedrungener wirken die Säulen. Ein niedriges Dach und kleine Fenster vermitteln Geborgenheit. Wie eine dunkle, massive Vorstufe zur kommenden Gotik. Ich dringe nicht weiter vor, es wird gerade die Morgenmesse gelesen  –  eine Handvoll Gläubige.

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Die Läden werden gleich öffnen und die Gassen füllen sich allmählich. Zeit für die alte Route Nationale nach Cannes und Super Cannes .. .  . aber bald schon bremse ich ab.

Die kleine Welt der Düfte

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Es ist ein schlichter Flachbau an der alten Nationale, das Werksmuseum der Parfums Fragonard. Wann, wenn nicht jetzt. Offenbar bin ich der erste Gast an diesem Morgen, umso warmherziger der Empfang. Der Mann vom Sicherheitsdienst stellt mein Rad hinter seinem Scooter ab und bietet mir einen Café aus seiner kleinen Maschine an. Die Dame hinter dem Tresen fragt mich woher und wohin – ein Radfahrer in einer Parfumfabrik! Gleich kommt eine Führung für Sie!

Dafür verrät sie mir, daß in ihrem Dorf gerade die Blüten geerntet werden. Die Blüten aus denen Chanel dann das Jasminextrakt und die Nelke gewinnt. Sie ist aus Plascassier, ein Dorf unterhalb Grasse, das immer schon Blumen für die Parfumerie angebaut hat. „Aaah, Madame est une Plascassiette . . „ macht der Sicherheitsmann sein Wortspiel. „Und wie seid ihr Leute von Plascassier so?“ „Sehr gut! Sagt Madame, „wir lassen uns nicht gegenseitig fallen, wir wissen, wann es einem Alten schlecht geht oder jemand Hilfe braucht. „ Das ist gut so!“ und zu mir sagt er noch mit einem vagen Blick Richtung Grasse: “ . . während da oben, die da kennen nur sich selbst, kein Zusammenhalt mehr, nichts…“

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Die Führung besorgte dann eine Asiatin, deren vornehmliches Ziel es offenbar war, mich in den tiefergelegenen Verkaufsraum zu bugsieren. „Sie sind ein Sportler, vermutlich mögen sie ein sportliches Parfum?“ Nur Eau de Cologne für mich, haben sie eines? Natürlich. Kleinste Größe? 200ml. Bedaure, ich reise mit sehr leichtem Gepäck. Vermutlich ist sie hier, weil sie mehrere Sprachen beherrscht.

Der Wachmann mit dem Scooter gibt mir eine Empfehlung. „Wenn Sie Zeit haben, gehen Sie zu Molinard, ils sont très serieux“ …

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Nach einem wirklich scharfen Anstieg erreiche ich die Felder von Plascassier und sehe die kleine Gruppe bei der Ernte. Für manche Blüten beginnt sie schon vor Sonnenaufgang, bevor die Blumen sich öffnen und auch hier wird das Tagwerk bald vorbei sein. Es sind Nelken . . . .

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Weiter unten, ganz unscheinbar auf einem kleinen Feld der ersehnte weiße Schatz, die schwierigste und teuerste Blüte. Drei, vier Feldstücke, die eine Million wert sind, Dior hat sie gepachtet, auf  Jahre und ausschließlich für seine eigene Produktion: die Tuberose. Ein erdiger und gleichzeitig grüner Duft weht herüber, ich traue mich nicht über den Zaun.  Der Duft dieser Blüte muß über imprägnierte, geschichtete Tücher extrahiert werden – sehr aufwendig und entsprechend unbezahlbar ist das Extrakt.  Ich habe das weiße Gold gesehen und kann nun durch die steigende Hitze nach Super Cannes. . . . . .

Im Vorbeifahren sehe ich die letzten Pflückerinnen das Blumenfeld verlassen. Es sind die ersten Menschen seit Tagen, die ich bei einer Arbeit gesehen habe,  hier und in der kleinen Werkstatt.

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  • und jetzt sehen, was von Cannes nach CoVid übrig ist.
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Die Schraube der Knebworth

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Schon ein Periskop gesichtet Cornwall?

Offenbar weißt Du immer noch nicht, was ein Ornithologe mit einem Fernglas macht, Krüger. Und der Port-Vieux hier ist einer der vorzüglichsten Plätze für dieses Hobby . . .“

Und einer der besten Plätze, wenn man seine Ruhe haben will, prima Funkloch diese kleine, windgeschützte Bucht in der der Wellenschlag alle Gespräche überdeckt. Die Kneipe ist auch wieder „fréquentable“, jetzt wo sie alle wieder in ihren Home offices, Co-Working Spaces und Logistiktürmen sitzen.

Hast Du die Schraube gesehen?

Was für eine?

Die Schiffsschraube der SS Knebworth, hinten an der Mauer. SS bedeutet übrigens Steam Ship, Krüger, nichts für ungut.

Keine Ursache, Cornwall,  ein Frachter also wie der Kahn da am Horizont, nur mit Dampfantrieb. Jedenfalls kein U Boot.

Auf die Anspielungen komme ich gleich,  einen kleinen Moment noch. Erstmal müssen wir den mühsamen Umweg über die Geschichte der Knebworth mehmen.

Hm. Aber bitte nicht länger als ich brauche, um mein Scourmont-Triple zu leeren.

Selbstverständlich nicht! Die Knebworth ist ein Kohlefrachter, ein paar tausend Tonnen nur,  aber das ist 1930, lange vor den Öltankern schon eine Menge Brennstoff. Sie wollte die Ladung in Bayonne löschen, ein paar Seemeilen von hier, genau wie die unzähligen Frachter, die hier seit Jahrhunderten vorbeizeihen, um in die Mündung der Adour einzulaufen.

Und was mach die Schraube dann hier im alten Fischerhafen von Biarritz?

Sie ging verloren, genau wie der Rest des Schiffes, das nur ein paar Kabellängen von hier in einem Januarsturm auf Grund lief. Das Wrack war eine Zeitlang geradezu eine Touristenattraktion.

Und weil die Ladung nur aus Kohlen bestand, blieb Biarritz von der ersten Ölkatastrophe der Geschichte verschont . . . nicht sehr aufregend. Hätte der Kahn nicht wenigstens von von der U96 versenkt werden können?

Krüger, Du hast meine Schlußfolgerungen instinktiv erahnt. Du hättest mit Deiner Intuition ein brillanter Mitarbeiter werden können. Nun ja.

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Weil ich Periskope sehe, wo es keine geben kann? Nicht einmal die kleinen U Boote der Drogenkartelle  kämen hier entlang. Die Spalte von Capbreton beginnt erst einige Seemeilen nördlich. Nur noch 25 cl . . .

Wie bitte?

Entschuldigung, ihr müßt ja wieder in Flüssigunzen rechnen – in meiner Flasche sind noch drei Schluck.

Genau, flüssige Unzen, fl Oz, die Maßeinheiten des Empires.  Wir hatten Kohle, viel Kohle, das war unser Vorsprung. Dann hatten wir auch das erste Öl. Zusammen mit der Royal Dutch und vor allem der Anglo Iranian – den Kanal hatten uns ja die Franzosen gelegt und wir haben gut auf ihn aufgepaßt.  

Und so eine Allianz gebildet, die die Deutschen zwang, sich unter anderem eine Standard Oil Raffinerie in Ingolstadt bauen zu lassen.

Oder sich bis heute mit schottischem Brent beliefern zu lassen. Sehr richtig, aber auch diese Zeiten  gehen dem Ende zu, nach allem, was man aus dem kontinentalen Wahlprogrammen vernimmt. Der Wettlauf der Pipelines . . .

… vorher noch die Raffinerien in Schwedt oder Schwarzheide

…und Leuna, wo man für die ungeliebte Deutsche Einheit den Franzosen ein Vorkaufsrecht faktisch einräumen mußte. Aber auch das ist tiefes 20 Jahrhundert, lange her, nicht wahr?

Und lange vorbei – und vor allem ohne irgendeinen Zusammenhang zu einem alternden englischen Kohlefrachter, der in einem Biskayasturm absäuft.

Nicht so schnell Krüger – Du hast doch noch einen Schluck übrig?

Mindestens.

Natürlich schmerzt es mich irgendwo, wenn ich sehe, wie wir unseren Vorsprung – unseren riesigen Vorsprung – über die Jahrzehnte verspielt haben. Natürlich haben auch die kaiserlichen wunderbare Schiffe gebaut,  die Imperator, die zweite Bremen,  die schreckliche Bismarck.

Kriege werden in der Luft gewonnen,  das haben wir gemerkt, Cornwall.

Aber vielleicht werden sie auf der See verhindert ?

Mit Periskopen?

Nicht so laut, unsere französischen Gastgeber sind zur Zeit sehr schlecht auf Periskope zu sprechen.

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Wegen dieser Australischen „magouille?“

Wegen des plötzlich erwachten Interesses, das Gleichgewicht des Schreckens aufrecht zu erhalten –  ihr Deutschen leistet mit der Herberge in Ramstein einen äußerst erfolgreichen Beitrag dazu, vergiss das nicht.

Und ihr Briten?

Wir sind das gute alte Lions Inn und seit kurzem wieder ein ungebundenes Elektron,  gewissermaßen eine oder zwei Schalen nach außen gehüpft, nachdem die europäische Molekülgruppe ein wenig abgespalten wurde.  . .

Ihr dürft euren Wein jetzt selbst anbauen!

Verzeihung,  es sind nur neue Fakten und die  lassen uns wehmütig an alte Freunde denken. Wenn das Commonwealth ruft – 

Achtung, ich verschlucke mich.

Nun ja, . . .  wenn Joe uns an das Commonwealth erinnert.

Bevor Du rot wirst Cornwall,  und weil Du womöglich gleich noch von patriotischer Pflicht sprichst, will ich Dir einmal sagen, was mein Periskop gerade sieht: wir wickeln gerade mit den Kaugummis diese endlos peinliche Afghanistan Geschichte ab, ok. Wir verstehen, daß auch für Joe der Zweifrontenkrieg allmählich zu teuer wird. Vielleicht erklärt das auch die plötzliche Eile, mit der die alten Hubschrauber und sonstigen Spielzeuge jetzt afghanischen Kindern in die Hände fallen. Der französische Deal mit den U Booten für Australien war so etwas wie der kleine Stachel im Fuß – und für die Känguruhs am Ende eine schöne Gelegenheit,  die Schutzmacht Nummer 1 an weitaus dringendere Angelegenheiten zu erinnern. Beispielsweise an eine wirksame Abschreckung in den Straßen von Formosa und Malakka,  gleich vor der Haustüre des neuen Kontinents.

Etwas derb formuliert aber intuitiv richtig. Gegenfrage: Was hätten die Australier denn von konventionellen U Booten und ihrer vergleichsweise bescheidenen Leistung erwarten können, wenn dann plötzlich ein Angebot kommt, das sie nicht ablehnen können? Vielleicht haben sie die teuren französichen Kisten nur auf eine weitaus bessere Idee kommen lassen? Die Fähigkeiten atomgetriebener submarines sind in jeder Hinsicht überlegen: Tauchtiefe, Geschwindigkeit, Lokalisierung,  Reichweite.

Und bitte nicht die kleinen nuklearen Speilzeuge vergessen, die man darauf transportieren kann. Aber auch das hätten die Franzosen liefern können!

Mit einem Unterschied – die Franzosen sind nicht in der NATO – also eher zurückhaltend, wenn es um die Betriebsgeheimnisse der Force de Frappe geht. Sie sollten mit dem Gejaule aufhören und dann ernsthaft mit den Deutschen über kontinentale Angelegenheiten reden.  Aber als nuklear-neutraler Pazifist sieht man alles nur vom Spielfeldrand, Krüger. Wir – und damit meine ich uns Engländer-  teilen dagegen sehr viele nukleartaktische Geheimnisse mit den ehemaligen Pilgervätern und das Commonwealth ist doch unser altes Wohnzimmer. Es war doch ein Deutscher, Haffner nannte er sich, der schon vor 50 Jahren sagte: Durch  ihre Insellage sind die Briten in einer einzigartigen strategischen Position, man sollte sie nie unterschätzen.

Guter Punkt Cornwall,  wir hören da immer häufiger von leeren Regalen im Supermarkt . 

Privat waren wir schon immer sehr bescheiden und haben lieber den  gesicherten Welthandel im Blick, als die Delikatessenabteilung des KdW. Der Untergang der Knebworth erfolgt am Ende des Kohleschiffahrt. Diese Zeit ist vorbei,  fossile Brennstoffe sind endlich. Unser neuer Rohstoff ist all das, was Südkorea, Taiwan und – disons le nom –  Rotchina uns wohlfeil fertigen und per Schiffscontainer liefern. Ein Spiel mit hohem Einsatz und das Empire hat an dieser Naht 1940 schon einmal alles verloren: Singapur, Malaysia, Shanghai, Hong Kong. Wire sind zwar keine Experten im Weinbau -leider- aber dort hinten haben wir einen Wissensvorsprung, und Schiffe bauen können wir auch.  Darf ich mit einem altdeutschen Spruch enden, Krüger?

Dafür geht die nächste Runde auf Dich Cornwall

„Ist fatal bemerkte Schlich, aber diesmal nicht für mich“….

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1000 und eine Nacht/ 1

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Der Tag vor dem Tag

Diesen Weg, den eine Radwanderkarte nur als graveltauglich ausweisen würde, haben Autos schon lange bewältigt. Auf mehrere Schuppen verteilt, entdecken die Ankömmlinge des 1000 du Sud gleich mehrere historische Modelle der Firma Citroen.

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Dieser 15 CV ist aus eigener Kraft die enge und holprige Bahn hinaufgekommen,  Ahnherr des illustren Fuhrparks rundum…mehrere XM, eine DS als Kombi,  viele Fahrräder.

Im letzten Jahr haben die Veranstalterin Sophie Matter und ihr Lebensgefährte, den ich hier einfach Monsieur Citroen nenne, mehrere Holzgebäude geschaffen, die jetzt den Superbrevet 1000 du Sud beherbergen. Ein Schuppen für Sanitäranlagen, ein Schlafzelt und eine Art Waldküche mit Tischen, Koch- und Spülgelegenheiten.  Alles an einem Ort der wirkt, als gäbe es noch nicht lange fließendes Wasser.

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Wir nehmen vieles einfach als gegeben an – hier sieht man, wofür  man dankbar sein muß. Ich bin schon einen Tag vor dem Start angekommen, häuslich eingerichtet an der Source St. Martin, dem Hügel gegenüber. Der Start findet in zwei Gruppen statt. Die erste startet  Montagabend um 20h, ziemlich genau zu Sonnenuntergang. Je früher ich starte, desto eher bin ich zurück,  so mein Gedanke…

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Es sind schon einige Räder zu sehen, rund um den Tisch wird deutsch gesprochen; Daneben ist eine riesige Landkarte wie in einem Klassenzimmer aufgestellt. Darauf  ist der Parcours abgezeichnet,  genauso, wie ich ihn in meinem Michelin Atlas nachgezeichnet habe – auf einer Tafel wirkt er nur unendlich viel größer. 100 Stunden denke ich, natürlich kann man auch länger brauchen, aber das Ziel ist 100 Stunden für 1000 Kilometer, wenn ich am Wochenende wieder zurückfahren will. Ich habe kein wirkliches Gefühl für diese Dimension.

es ist angenehm hier zu sitzen und sich mit Bernard – Mr Citroen-  über seine Sammlung interessanter Modelle zu unterhalten. Eines davon gibt es auf der Erde nur einmal, seltener als eine Apollo Kapsel. Er sagt: 20 Jahre habe ich darauf gewartet…. Es waren immer Autos, die niemanden kalt liessen. Und heute, in der historischen Perspektive geht es mir nicht anders.

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Er hat die Provence Randonneurs ins Leben gerufen, eine Paris Dakar bestritten und vermutlich könnten wir den ganzen Abend über seine Radreisen reden. Jetzt aber, am Ende einer automobilen Epoche – jedenfalls mehren sich die Zeichen – macht es Spaß über die Entwicklungslinien der Gattung zu reden, ihre Experimente und Glücksfälle. Über die großen Schritte einer Evolution, die allmählich eine neue Art braucht.

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Mit dem Rad sollte ich mich auch noch beschäftigen. Was mitnehmen und was nicht? Wie schwer kann man sein, damit es nicht zur Qual ausartet.  

Eine ganze Nische an Zubehören ist da in den letzten Jahren entstanden und das grüne Rad, das in meinem Gite stand bildet den state oft he Art: Carbonfelgen, Carbonrahmen und eine Geometrie, die die Aufnahme der diversen Taschen gestattet, die sich seit 6, 7 jahren immer weiter vermehren.

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Es gehört Christine, die aus Nizza heraufgeradelt ist.

Anders dagegen bei mir,  es ist das blaue Koga, mit dem ich in diesem Frühjahr so viel unterwegs war. Weil es doch schneller dunkel wird und wir mehrere Tage unterwegs sind, habe ich den Nabendynamo mit dem entsprechenden Licht angebracht. Die Pedale sind aus dem MTBbikeregal – zweiseitiger Einstieg kann in  kniffligen Situationen ganz praktisch sein.

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Die Hauptfrage aber dreht sich hier eigentlich ums Gewicht, denn es stehen 20 000 Höhenmeter auf dem Programm, viele Kleine und einige große Alpenpässe. Sehr hohe Alpenpässe. Jedes Gramm ist auf dem Weg nach oben wichtig, kostet Substanz. Ein alter Stahlrahmen bringt 1 Kilo Handicap,  –  das kritische Gewicht jedoch macht  (neben dem eigenen) das Gepäck, die Anzahl an Taschen und ihr Inhalt. Wer diese Tour mit 12kg bei leeren Flaschen antritt, hat das Optimum herausgeholt. Und das ist nicht einfach,  gerade ohne Erfahrungswerte. Auf dem Parcours herrschen durchaus Temperaturdifferenzen von 30 Grad zwischen einem warmen Tal und einem Gipfel, abends wird es sehr schnell kalt und man muß auch eine Weile im Dunkeln fahren – ab 20h. Und Regen kann es immer geben. Ein kniffliges und individuelles Puzzle.

Einige lösen es, indem sie den Parcours genau mit Hotels abgesteckt haben- dann spart man nicht nur einen Schlafsack, auch Wechselwäsche kann minimiert werden: die Hose ist am morgen wieder trocken. Wie man sieht gibt es Details, die alles ändern.  

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Was ich jetzt sehe, ist das ausgesprochen milde Licht im Schatten der Pinien. Und der leise Windhauch, der über die Anhöhe zieht. Wir sind in einem kleinen Universum hier oben, alles, was  die Mühlen der Medien mahlen ist weit weg, wirkt völlig unbedeutend. Hier geht es nur um vergangene und zukünftige Radfahrten, um Erlebnisse und wie man sie meistert.

Auch wenn mehrtägige Brevets meist einsam und allein bestritten werden: nicht wenige hier kennen sich aus vorigen Abenteuern oder  werden sich gleich (und morgen noch)  an den Tischen der Restaurants auf dem Cours von Cotignac noch besser kennenlernen. Und die Tische sind gut gefüllt an diesem Sonntagabend, bunte Farben, lange Sommerkleider senken sich über die Stühle ringsum.  

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Der Tag X

Unser Frühstück ist ein Festival selbst hergestellter Marmelade: Mispel, Feige, Pfirsich, Kirsche,  lauter Dinge die hier wachsen und geerntet und in einem großen Kupferkessel gekocht werden. Alles von der Maitresse de Maison vorbereitet. Mit zwei Teilnehmern des „1000“ genießen wir. Letzte Ausrüstungsgegenstände werden betrachtet.

Ich habe sehr gut geschlafen, der Roman eines depressiven Mittfünfzigers ist genau das Richtige. Houellebecqs Serotonin setzt eine gut ausgebildete Seele voraus. Sein Stil ist gekonnt, die Sprache präzise und immer wieder von bösartiger Ironie und Sarkasmen durchzogen. Nicht mit Zynismus verwechseln,  da ist etwas durchaus romantisches an diesem stark pornographisch gelabelten Autor. Andere beschreiben stundenlang das setup ihrer Fahrräder, die Wahl der richtigen Schaltung: eine Obsession ist eine andere wert,  in der sexuellen steckt immerhin ein starker Wunsch nach menschlicher Nähe.  Auch die spottgünstigen französischen Taschenbücher haben einen guten Satz, eine gute typo,  es liest sich dahin, den 1000 hatte ich fast darüber vergessen.

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Es  ist ein schöner, warmer Tag,  ich werde nach Cotignac hinunterfahren und Leute treffen. Leute, die die ganze Tour schon einigemal hinter sich gebracht haben. Vielleicht komme ich der Sache näher, vielleicht kehre ich mit der Formel wieder, mit der ich die Sache angehe, die Formel , zur transzendierenden Übung, die der 1000 du Sud ist….

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