Flaneur im Gewerbegebiet

Niemand, der je die Ausfahrt Limburg Süd benutzt, wird das Areal um den ICE Bahnhof als irgendwie reizvoll empfinden. Doch Tausende kehren hier täglich ein- und aus. Pendler, Urlauber, Lastkraftfahrer auf ihrer Suche nach Pausenplätzen.  . .

a1Das Areal rund um den kubischen Sichtbetonbau (2002) verströmt die Aura eines unvollendeten Gewerbegebiets mit Autobahnanschluß. Etliche Hektar bis zum Bahnhof stehen hinter der ersten Reihe an Zweckbauten noch zur Erschließung bereit, aber die Lücken schließen sich langsam.

a3An einem warmen Sommerabend strömen die Freiflächen entlang der geparkten Autos abendlichen Heuduft aus. Die Gebührenpflicht endet am Freitag um 19h, dann füllen sich die Parkreihen für ein Wochenende. Die Besitzer sind mit dem ICE Richtung Frankfurt oder Flughafen und genießen ein Wochenende London, Paris oder Rom. Oder Istanbul, wo der Euro vielleicht für eine Flasche Champagner reicht.

a11Etwas weiter vorn, an der Zufahrt, bei Mc Donalds, und der HEM Tankstelle herrscht reger Verkehr. Ein stetes Kommen und Gehen – niemand, der hier länger verweilt, es sei denn,

a4er arbeitet in der gewaltigen Anlage von Schäfer Brot, einem lokalen Produzenten,der im Dreischichtbetrieb Brot für die Welt herstellt.

Was machen dann die zwei oder drei Männer im kurzen Hemd – leger (es ist ein Sommerabend),  die ich in weitem Abstand entlang einer künstlichen Allee an den gelben Wiesen herumstreifen  sehe? Sie scheinen nichts besonderes vorzuhaben, während die Schlange am Drive in wieder ein paar Meter vorrückt und das nächste Familienauto mit holländischem Kennzeichen von der Tankstelle auf die Autobahn zurücksprintet. Sie gehen und schauen in die Luft, oder in die Ferne Richtung Westerwald.

Vielleicht bewundern sie den noch unvollendeten Bau eines weiteren Hochparkgebäudes, vielleicht botaniseren sie? Suchen eine seltene Schmetterlingsart, die nur zwischen der A3 und ICE Schnelltrasse lebt? Nein, niemand hat ein Netz in der Hand, nur einer ein Smartphone. Wohin dann? Auch die Pizzeria namens l’Osteria ist in der anderen Richtung. Sie haben also keinen Hunger.

a2Als ich mich langsam wieder aus dem Areal „Limburg Süd“ hinausbewege, fällt mir auf der rechten Seite etwas auf. Gleich neben dem Spielplatz von KFC liegt ein weiterer Parkplatz, leicht abgesenkt:

a10die Tankstelle der Zukunft. Tesla steht auf den vielen Gebilden, aus denen gewundene kabel kommen, die in die parkenden Autos gesteckt werden.  Es ist ein Ladeparkplatz von Tesla – ein Mann im Sommerhemd steigt ein, das Nummernschild ist gelb.  Die relaxten Wanderer warten also. Warten auf die Zukunft, wenn in 2 Stunden (so das Stromnetz liefert) der Tesla endlich wieder aufgeladen ist.

In der Zwischenzeit überlegen sie, was sie mit der vielen Zeit machen sollen…

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Das 9 Euro-Ticket – ein Selbstversuch im August

Wir stehen am Hauptbahnhof Braunschweig, mein Koga und ich.  Gerade aus dem Regionalzug RB007 entstiegen, der von Magdeburg aus hier endet. Auf allen Bahnsteigen ist es rappelvoll, vielleicht nicht ganz so voll wie eben in Magdeburg. Menschen verschieben sich in alle Richtungen.

a01Die Stimmung ist gelöst – trotz oder wegen der Fülle?  Vielleicht auch wegen des unendlich langen und warmen Sommers und des 9 Euro Tickets, das Millionen seit über zwei Monaten ungeahnte Mobilität verschafft hat und eigentlich alle Fahrscheinkontrollen  überflüssig macht. Außer in ICEs – aber darin sitzen ohnehin nur subventionierte Geschäftsreisende, Seniorentickets und ehemalige TV Stars auf Regionaltournee.

a3Inmitten dieser fast anarchischen Happening-Stimmung finden sich irgendwo Bahnangestellte oder ihre Helfer in Warnwesten. Leicht erschöpft versuchen sie, mein Problem zu lösen.. Hier in Braunschweig  muß ich nach  Richtung Süden,  nach Göttingen, der schönen, beliebten Universitätsstadt. Doch niemand vom Fachpersonal weiß nun, ob der Weg über Hannover schneller wäre. Smartphones werden gezückt, Apps geöffnet – nirgends ein Streckenplan  – nur Verbindungszeiten, graue Theorie.

Für eine Entscheidung bleibt nicht viel Zeit, Apps werden  geschlossen, ich sehe mich um und lese Anzeigentafeln. Hinten, zwei Bahnsteige weiter steht ein Zug nach Seesen, der in wenigen Minuten loszockeln wird. Durchsagen: Verspätungen, Ausfälle, Sondermeldungen. Dazwischen rollen noch etliche Güterzüge gemächlich über die Gleise. Ich setze jetzt auf Seesen, schultere die Maschine und eile die Trepppen hinab und wieder hinauf…rein in den Zug!

a4Erst im gut klimatisierten Waggon finde ich eine Regional-Karte, mit der ich einigermaßen die Folgen meiner Zugwahl überschauen kann. Ein Gewirr von Strecken, Zahlen und bunten Flecken, das sind die Regionen. Seesen war gar nicht so falsch und eine Mitfahrerin erklärt mir die Geheimnisse des Verkehrsverbunds.

a1Aus der Perspektive von Regionalzügen zerfällt Deutschland in viele Kleinstaaten, wie auf einem alten historischen Atlas der Barockzeit. Hannover und Braunschweig sind hier wieder getrennte Reiche. Daneben weitere Farben. Der Harz ist von diversen Fürstentümern aufgeteilt, wie mir scheint, zudem haben sich einige freibeuterische Privatbahnen Rosinenstrecken aus dem bunten Kuchen gepickt . Kein Wunder, daß diese in keiner DB – App auftauchen, diese herrenlosen Triebwagen.

In Seesen steige ich also aus, um nicht wieder tief im Harz zu verschwinden – besten Dank für die bereitwillige Hilfe der Passagiere, die routinemäßig in dieser schönen Landesecke unterwegs sind.

a7Da stehe ich nun auf dem Bahnsteig vor einem frisch sanierten Bahnhofsgbäude (post – romanisch?) unter lauter Menschen, die noch nie in ihrem Leben nach Seesen mussten. Das Gebäude geschlossen, die Umgebung ohne die Spur einer wirtschaftlichen Aktivität. Es hat geregnet! Niemand jubelt nach 3 Monaten..und mittendrin ein so schönes Gebäude, das vordem mindestens 5 Menschen lebenslanges Auskommen bescherte. Immerhin geht die Anzeigetafel, ja, es kommt ein Zug nach Göttingen.

Recht voll auch dieser. Die Schaffnerin prüft nun 9 Euro Tickets und erkennt in mir (Helm, Trikot, shorts) unzweifelhaft einen der fünf Radfahrer, die ihre Räder abgestellt haben. Denn in Niedersachsen braucht man ein Fahrradticket , sagt sie mir. Aha: In Berlin, Hessen und Sachsen Anhalt nicht, sage ich. Sie versucht der smarten Maschine ein online ticket auszupressen und lässt bald die Arme sinken. 4 euro 50 entgehen dem Autoland Niedersachsen. Gnade vor Recht.

a5Dann steige ich  in Göttingen als letzter aus, weil ich doch die Dame mit dem Faltrad nicht stören will. Warum die anderen hier so drängeln, verstehe ich nicht. Göttingen ist ein bemerkenswert ruhiger Bahnhof, ich sehe mal auf der Anzeigentafel nach dem Anschlusszug. Ungefähr gleichzeitig entdecke ich beides: die Abfahrtszeit und den blauen Triebwagen im nächsten Gleis. Metronome kann ich noch auf seinem Rumpf lesen und mit ihm fahren all die Leute davon, die es eben noch so eilig hatten.

„Sie können es sowieso nicht mehr ändern“, lächelt mich der Bahnmann hinter dem Schalter an, der Informationen aber keine 9 Euro Tickets hat. Wer weiß, welchen Sinn der verpasste metronome Zug noch hat.

Ahbf GöttingenSeine fast buddhistische Gelassenheit bringt mich tatsächlich zur Ruhe und ich beschließe, mir auf der Stelle, in diesem Bahnhof aus Naturstein Hannoverscher Rundbogenform ein komplettes BurgerKing Menu zu gönnen. Mit Orangensaft! Kassel? 52 km sagt eine Stimme aus der brütend warmen Küche im Hintergrund. 52km bis Kassel und 2 Stunden 45 Minuten bis zum Anschluß nach Gießen. Ich nehme die Herausforderung an. Nachdem ich das Menü auf dem Vorplatz in mich hineingedroschen, den guten Orangensaft aus den kleinen Tüten aufgeschnupft und dann die Hände in einem Kindersrpringbrunnen gewaschen habe, muß ich nur noch auf die B3, was ein leichtes ist, sie führt gleich hinter dem Bahnhof lang.

ab1Vierspurig führt sie mich aus der Stadt hinaus. Direkt an den Wohnheimen vorbei, direkt in eine milde und schöne Landschaft,

die sich in ihrer ruhigen Schönheit zeigt entfaltet, nachdem ich 5 Kilometer bergauf gefahren bin. Burger King hilft. Und dann geht’s bergab und einsam kurvig durch Felder und Tal. Hinunter nach Hann.Münden an die Weser:

ab3Ein ruhiger träger Fluß im Abendlicht, kaum Verkehr, alle anderen nutzen die A7. Ich werde das Zeitfahren gewinnen. Die metronome Bahn kann mich mal, Documenta-Stadt ich komme.

ab4Kassel hat etwas von Wolfsburg  – aber auch von Brandenburg (Havel!), nur in wellig. Von Westen schieße ich die lange Einfallsstraße hinunter,  dann geht es wieder aufwärtds – ins Tal hat kein Bahnhof gepasst.

ab6Der alte Hauptbahnhof ist ein Gespensterort; in der Halle nur zwei Zivis, die sich an einem einsamen Klavier mit dem König der Löwen austoben und dann strömen Kunsterziehrpaare mit Rassismus Detektor vorbei , die hier zur Documenta ankommen (EthnoFarben, Holzschmuck, Sandalen, neugierig prüfender Blick) Ihr könnt mich mal, ihr Gutmenschen auf Bestätigungssuche.

ab5Kasernig, weitläufig und irgendwie leer. Nicht mal Drogenhandel scheint sich an diesem Bahnhof zu lohnen. Glücksspiel geschlossen , kein Döner, vielleicht eine Shisha? Nur Documentawerbung, sonst nix. Ein Riesenkaff! kaum 8 Uhr und alles geschlossen: an einem Montag.

Aber ich bin da wo ich hinwollte – und mit mir die Zugbegleiter für den ICE aus Braunschweig, die auf anderen, verschlungenen Wegen hier eingetroffen sind und aussehen, als wollten sie schnell nach Hause.

Im letzten Abteil sitzen zwei Radfahrer, die mit Wimpel für Verkehrswende unterwegs waren. . .mit dem kleinen Ticket für 9 Euro sind alle an ihr Ziel gekommen.

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Neue Bekannte in der alten Stadt – 13 August 2022

a a1Wenn man eine Stadt besucht, in der man lange gelebt hat, zieht es einen von selbst zu den alten, bekannten Plätzen. Das kann schön, aber auch ernüchternd oder auf Dauer langweilig sein. Anders Berlin. Die schiere Größe verhindert umfassende Kenntnis, es bleibt immer etwas zu entdecken.

Unter anderem große Berliner (s.o.). Im Frühjahr schon stieß ich zufällig und ohne besonderen Anlaß auf den Namen Hannah Höch. Nach ihr ist ein bedeutender Berliner Fotopreis benannt. Von ihr selbst oder ihrem Werk wußte ich wenig, vielleicht noch die Begriffe dada und collage. Inzwischen stapeln sich einige Bücher zur Avantgardekünstlerin, die mit der Berliner Dada-Gruppe 1919 auch als Frau eine neue Epoche der bildenden Kunst einläutet.

Portret_van_Hannah_Höch_(1933),_door_Chris_Lebeau

Hannah Höch hat ihr Leben ab 1912 in Berlin verbracht, ihre künstlerische Entwicklung begann schon vor dem ersten Weltkrieg  bei Emil Orlik und endete mit ihrem Tod in einem kleinen Häuschen in Heiligensee 1978.

ac6Heiligensee, das ist einer der nördlichsten Stadtteile von Groß-Berlin. Immer schon weit draußen, ist es dort beinahe ländlich.  In der Nachkriegszeit wird Heiligensee durch die nahe Zonengrenze noch randständiger, denn der Transitverkehr fließt südlich über die Achse der B5/ Heerstraße.

Erst nach dem Tod Hannah Höchs erlaubt der Ausbau der Autobahnzubringer einen halbwegs bequemen Anschluss an die Stadt. Nach Heiligensee hatte sich die mit Ausstellungs –und Berufsverbot vom NS-Regime belegte Künstlerin 1938 zurückgezogen; eine Erbschaft machte den Kauf des Holzhauses in der Siedlung möglich, und dieses Haus, in dem sie bis zu ihrem Tod arbeitete und lebte, ist Ziel meiner kleinen Expedition.

aa01An der Heerstraße bin ich mit dem Radgenossen Dolittle, Held von Wolkersdorf, verabredet, und da steht er pünktlich um 11 an der Esso Tankstelle, die es an dieser Stelle schon über 70 Jahre gibt. Im Bummeltempo beginnen wir unseren Törn nach Norden über Spandau. Dann nördlich hinaus aus Spandau, über parkähnliche Peripherie Richtung Hennigsdorf und dann einwärts über den Kanal nach Heiligensee.

Der Weg ist immer auch das Ziel und bereits in Spandau müssen wir unsere Räder für eine kulturelle Würdigung anderer Art abstellen.

aa12Diese Bronzeskulptur fiel auf und dann gleichzeitig die eigenartige Einfassung durch Flachbauten, die an einem kleinen Park dem Wohnriegel als Vorgarten dienen. Ein Ensemble der späten 1950er also.

Auch wenn das Wohngebäude sicher einen neuen Anstrich verdient hätte. wirkt der graue Putz des Gebäudes  absolut intakt. Wir stehen vor einem Projekt, mit dem Westberlin neuen Wohnraum außerhalb der entweder zerstörten oder im Aufbau stehenden Stadt erschloß. Gleichzeitig wurden Bauten des Hansaviertels als Attraktion der Stadt bekannt. 1957 entstanden sie unter internationaler Beteiligung, um Möglichkeiten für neues urbanes Bauen aufzuzeigen. Nie wieder hat man in Berlin  so locker mitten im Park verteilt Hochhäuser gebaut: eine Sammlung hochkarätiger und genutzter Entwürfe.

ab1Hier in Spandau, trug der Geist der IBA Früchte, die, verglichen mit dem, was in folgenden Jahrzenten an monotoner Verdichtung erfolgte, großzügig und offen wirken. Eine Wohnung hier war für eine Stadt, in die niemand mehr so recht investieren wollte und mehrheitlich Kohle in Zimmeröfen verheizte fast ein Privileg.

Mehr noch aber staunen wir über diese bronzene Form, die wir nicht als Ergebnis eines studentischen Wettbewerbs vermutet hätten.

Doch in den Flachbauten sind längst schon keine Bäckereien, Lebensmittelmärkte oder Fleischer mehr. Der Zauber des Anfangs ist dahin, die autogerechte Stadt hat sie überflüssig gemacht. Stetig und träge fließt der Samstagsverkehr am Gebäuderiegel vorbei zu den großen Versorgungszentren vor den Toren der Stadt. Ein Mann steht rauchend auf dem Balkon, eine Gruppe Frauen unterhält sich auf  balkanisch hinter den Rabatten, die das Areal von der Straße trennen. Wir rollen davon.

ab5 Radfahren ist auf diesem Weg offiziell erlaubt und wir kurven durch einen Park voll künstlicher Hügel  der vermutlich den Namen eines vergessenen Bezirksverordenten trägt, bis wir plötzlich an einer Straße stehen.  Etwas weiter hinten, da wo es weitergehen soll, sehen wir eine Menschenansammlung. Ständig huschen Läufer über die Straße und Ordner sichern den Überweg. Da müssen wir entlang.

ab4Offenbar eine Kontrollstelle. Jemand liegt im trockenen Gras und wird an den Waden massiert.

Auf den nächsten Kilometern, die durch ein Wäldchen dem  Mauerweg (also dem Weg der Mauerpatroullien!) folgen, kommen uns immer wieder mehr oder weniger ausgezehrte Gestalten entgegen.

ab11Manche locker laufend, manche gehend. Manche völlig geistesabwesend und andere verklärt lächelnd.

Oft tragen sie Schultergurte, in denen Trinkflaschen stecken. Auch eigenartige Kappen mit flappendem Nackenschutz sind häufig. Wir sind ganz offensichtlich in etwas Größeres geraten, von dem wir keine blasse Ahnung hatten. Berlin, die Hauptstadt der Exzentriker?

ab6An einer weiteren Kontrolle bleiben wir dann stehen um der Sache auf den Grund zu gehen. Es ist eine Art Gedenklauf, ausgetragen als Extreme-Running Ereignis über 100 Meilen, rund um den Berliner Mauerstreifen. Teilnehmer aus aller Welt erweisen der Mauer und ihren Opfern Reverenz mit einem 160Kilometer Lauf. Es ist doch der 13 August, es ist sehr warm, schwül und leicht bedeckt. Etwas Regen täte gut.

ab7Die Station, an der wir uns aus dem Stadtgebiet verabschieden. Dolittle beeindruckt: „Die wirkten wie Teilnehmer einer mittelalterlichen Geißelungsprozession..“. Unsere Begegnung mit der ultra-running Szene und ihren finisher-shirts macht auch nachdenklich. Wirken 1000km Randonneure denn so anders auf Außenstehende?

Kurz wird es uns durch die Felder nach Norden über Bahnlinien und eigenartig trist zersiedelte Straßendörfer führen. Wir haben die Parallelwelt verlassen und tauchen in Hennigsdorf wieder in  städtische Struktur ein.

ac1Ein Schild, ein Waldstück, dann beginnt Heiligensee auf der anderen Seite der dicht an dicht befahrenen Straße, der glücklicherweise beidseitig ein Radweg zugesellt wurde. Neben einer Shell Tankstelle dringen wir zur Siedlung vor. Diese ist rasterförmig angelegt, alle Wege sind Alleen und haben kuriose botanische Namen. Die Parzellen sind gleichmäßig wie in einer Planstadt, aber die Stile variieren. Je nach Geschmack werden Anklänge an klassische Forsthäuser oder kleine Ausgaben der Nachkriegsmoderne sichtbar .

ac2Alles sehr moderat, vieles in Selbsthilfe mit Bordmitteln gestaltet, sehr zurückhaltend. Weder Erker noch Pilaster noch toskanische Fertigbauteile, wie sie ab den 1980ern die Neubauten bestimmen. Und  große Ruhe. Wie ein riesiges Dorf liegt Heiligensee in samstäglicher Stille, als ein kurzer Schauer den ersten regen seit Monaten über uns bringt: das wohlige Gefühl und gleichzeitig der intensive Geruch, der augenblicklich vom Boden ausströmt. kaum möglich, sich in Berlin eine noch ruhigere Ecke zu denken.

Aber das bekannte Haus haben wir noch nicht gesichtet, auch wenn wir ganz nah dran sein müssten. An einer Ecke fällt es mir ein: Hausnummer 33. Weiß nicht warum, bin aber ziemlich sicher. Wir sind also schon zu weit.

ab12Tatsächlich fuhren wir gerade an ihm vorbei, so wirksam entzieht es sich durch kleine Bäume und dichte Hecke allen Blicken.

Das Haus steht auf der Ecke, blau leuchten Läden und Holzbeschläge durch. Himmelblau. Ein Rasensprenger neben dem Weg, eine Klingel. Räder abgestellt, Helm abgenommen .

ac4Eine Frau von unbestimmt mittleren Jahren kommt den Weg entlang, mustert uns. An ihrem Ohr ein tragbares Telefon. „Ich bin im Gespräch“, sagt sie uns freundlich aber bestimmt. „ Sie können nur nach Voranmeldung besichtigen – oder am Tag des offenen Denkmals.“ . . . Viel los hier. Privat.

Wir verstehen: wollen nicht weiter stören und umrunden diskret das Haus – dort das Atelier, da ein Anbau. Wirklich nicht groß: ein Ofen am Hausende, vermutlich in der Küche, ein kleiner Schornstein ragt empor. Der Schauer hat schon aufgehört, hinterläßt nur ein paar feuchte Stellen.

ac5Hannah Höch hatte keine Zentralheizung, der Schuppen war kein Ausstellungsraum und wie sie in diesem kleinen Garten über die Jahre und den Winter und die Einsamkeit gekommen ist, kann sich ein Kind der 68er kaum vorstellen. Die Nachbarn waren „gute Leute“, sie in der Kunst ein Revolutionär.

Dada, diese Kunstrichtung die 1919 mit der (kaputten) alten Ordnung aufräumen wollte und experimentell die Möglichkeiten der neuen Freiheit (Flugblätter, Collagen, Plakate, Aktionen) erprobte, war jedoch schon 1938 nur mehr ferne Erinnerung, das Interview von Roditi, aus dem ich zitiere, wurde 1959 geführt . Der Satz: „Sonst führe ich hier ein stilles Leben und bin es ganz zufrieden, von der Mehrzahl der bedeutenden Kritiker vergessen zu sein.…“

a hhoffenbart, daß sie in Berlin eine im Grunde vergessene Künstlerin war. Daß Berlin – und auch Deutschland – 1933-1945 von der künstlerischen Vergangenheit abgeschnitten waren – ebenso wie es Emil Schumacher empfunden hatte.Auch wenn sie immer und immer weiter machte, die Farbfotografie als sehr willkommene Bereicherung ihrer Collagen sah und ganz bestimmt und klar der Muse folgte – die Durststrecke war lang. .

1964 erst – also 20 Jahre nach dem Krieg –  wird Hannah Höch in die Akademie der Künste aufgenommen, dessen  Neubau da schon über 5 Jahre im Hansaviertel (s.o.) steht, und, als Hüterin der Weimarer Avantgarde,  allmählich immer stärker als Vorreiterin einer durchaus genderbewußten, weiblichen Avantgarde  wahrgenommen. Die Werke der entarteten und vertriebenen Kollegen von Haussmann bis Grosz, die Essenz einer starken Berliner Kunstströmung, hat sie mehr als  30 Jahre in diesem Häuschen über die Zeit gerettet – auch vor dem Zugriff der Gestapo. Material, das sie umgehend ins Gefängnis gebracht hätte und umso wertvoller wurde, als ihre Kollegen hastig alle Spuren verwischten, bevor sie emigrierten. Es waren gute Nachbarn hier.

Hannah Höch ist eine kleine, absolut bestimmte Dame deren Augenlicht stark nachläßt, als  man ihr endlich einen guten Preis für ihr Werkkonvolut anbietet: 120tausend (DM)…?  „na, dafür können sie alles mitnehmen!“ Die Berlinische Galerie macht einen späten Fang.

ac7Wir fahren dann in das neue spirituelle Zentrum Heiligensees – eine Shell Tankstelle- und genehmigen uns einen schönen Cappuccino, während Frau Tankwart drei Berliner Ausflüglerinnen mit ondulierten grauem Haar zeigt, wo im BMW M5 (SUV)  Öl nachgefüllt wird. Unterdessen reden wir über die neue Zeit, die ihre Konturen unmissverständlich zeigt –  Preise steigen, die Temperaturen steigen, nichts scheint mehr in den geordneten Bahnen der letzten Jahrzehnte zu laufen  – und fragen uns beide, was zu tun sei? Was wir eben tun können,  – nicht die „anderen“, noch die „Allgemeinheit“ , sondern wir selbst.

ac9Dann nehmen wir unsere Räder und eilen der nächsten Verabredung entgegen. Durch den Forst und die verschlungene Waldsiedlung Frohnau arbeiten wir uns hindurch,  um auf seiner anderen Seite den Randonneurs-Doyen Dietmar Clever zu beehren

ac11Winkend steht er am Ende der Straße. Es gibt viel zu erzählen – aber davon ein andermal.

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Gents Touring II –  durch die Deutsche Steppe

 

Bevern bei Holzminden Km 230, zweiter Tag, 700h.

a001Andreas Berthoud schiebt seinen Werkzeuganhänger aus dem Haustor und bricht auf,  seiner Tochter beim Ausbau des Hauses zu helfen

Das Navi hat den zweiten Teil der Strecke problemlos geladen, die Lithium Batterien werden viel länger halten, als diese Fahrt dauert. Die  Akkuleuchten warten auf ihren Einsatz, das Rad schnurrt dahin  – volles Vertrauen in die Laufräder, in diese simple Maschine. Für alle Fälle ruht in meiner Börse der Joker: das 9 euro Ticket… Wir beginnen den Tag gemeinsam auf dem Rad.

a002Und trennen uns an der B64, der alten Poststraße von Braunschweig nach Seesen. Er links ich rechts. Es ist kurz nach 8, bis an die Tore Berlins bleiben mir ein Hauch mehr als 300 Kilometer.

Es ist der frische Morgen eines heißen Tages, an dem es keine einzige Wolke geben wird. Trikot und Hose waren über Nacht  gerade trocken geworden, hinterlassen auf der Haut ein angenehm frisches Gefühl. Die Luft  am Rand des Solling ist klar und rein, mein Schlaf war tief.

Letztes Idyll

aa1Eine lange, großzügige Allee trägt mich ins Harzvorland – stattliche Bäume über viele Kilometer hinweg schützen vor der Sonne, die aus Osten herüberscheint : Hauptfahrtrichtung. Ich nehme Welle um Welle, unaufgeregt, moderato. Orangene Schutzkleidung für die Männer, die Baumpflege machen, ein frischer Grasduft bringt Abwechslung auf der Chaussee, wenige Laster, kaum Verkehr. Bis zur A7, die ich irgendwann überquere, wird das so bleiben.

a8Ich bin in der Landschaft, die ich so oft von dieser Autobahn gesehen habe. Eine (Adrian Ludwig) Richter –  Landschaft: Alleen, Höfe, Dörfer. Wenige Menschen nur, meist eben in orange und mit Geräten unterwegs. Ein Schild sagt  Einbeck und bringt die kurze, starke Erinnerung an den Willkommensschluck gestern aus der eiskalten Flasche. Wegekreuzung . Grüß mir alte Tankstellen, Obeliske der Motorisierung.aa3

Dann eine erste Stadt: Bad Gandersheim. Fachwerk und mächtige Stiftskirche,schöner, hellgrauer Stein.Festspiele werden angekündigt, das staufische Portal dient als imposante Kulisse

aa4Er wird die Kurhäuser im Hang überleben, diese Relikte einer eigenartigen Freizeitkultur. Beton altert einfach schlechter.

aa5Das erste mal nehme ich am Horizont den Brocken wahr – in dunstiger Ferne. Er wird meinen Tag begleiten und langsam (allzu langsam) an mir vorüberziehen. 50km Luftlinie schätze ich von hier. Nach dem sehr markanten Viadukt bei Greene überquereich die Leine, wieder ein ruhiger Fluß in fruchtbarer Ebene. Kleine Hügel ringsum, Laub und noch viel Schatten auf meinen Wegen. Kraftsparend fahren, langsam bergauf, in den Abfahrten schnell. Letzte Waldpartien.

Überwindung des Landrückens

290 km In Seesen habe ich nicht nur die Autobahn 7 sondern auch den Deutschen Mittelgebirgsrücken passiert; vor mir liegt das Harzvorland, die Börde und die Brandenburgische Ebene. Man merkt es zunächst nicht, aber spätestens in Richtung Goslar wird die Veränderung sichtbar.

a1Das Land wird weiter, endloser und einsamer. Manchmal platzt das Pflaster der alten Straße hindurch.

Zweimal schon habe ich Vorräte aufgefüllt. Einmal in Seesen und das letztemal in Vienenburg; der Flüsigkeitsverbrauch steigt, mehr als ein Liter auf die Stunde.

a3Km 300 plus Die Zwillingstrüme von Lüttgenrode als Eröffnung. Ein Dorf, vielleicht eine kleine Stadt, der graue Putz langer Gebäude, das untrügliche Zeichen des Landeswechsels .

Der Eindruck verstärkt sich mit jedem hübschen Dorf, mit jedem verwaisten Gewerbegebiet. Ich bin in einem Endverbraucherland, die einzig sichtbare Aktivität kommt von den Windrädern auf den Höhenzügen.

a4Höhenzüge, die ich einen nach dem anderen in der Hitze und gegen den Wind niederringe.Das Geld hat für neue Straßen gereicht – bis an die Gemeindegrenze. Wo keine nennenswerte Gewerbesteuer fließt, begnügt man sich mit den guten alten Reichspflastersteinen – wenn es nicht Bruchsteine gröberer Art sind, die mich in vielen Orten begrüßen.

336km

In Osterwieck habe ich in einer Scheune der alten Mühle ein Dorfladen, der mit solidem Angebot meine Oase für Stunden wird. Buttermilch, Würstchen, Kartoffelsalat und heimische Tomaten. 2 Bananen zum Nachreifen und 1,5 liter frisches Mineralwasser. Auf der Terrasse neben Rentnerinnen, die in Erinnerungen reden Elektromonteure bei der Mittagspause. Sie betreuen die Windräder, die den steten Nordost produzieren, gegen den ich mich heute behaupten muss. Ein paar verstohlene Blicke, kurzer Gruß und wieder in den Sattel.

a6Der Brocken liegt jetzt auf vier Uhr, entschwindet langsam. Die Börde beginnt. Ich suche schonmal die Türme des Magdeburger Doms aber vergeblich; einzige Zielmarke ist ein größeres, weißes Objekt in ca 50km Entfernung. Ich vermute Silos. Mal sehn, ob ich es in zwei Stunden erreichen werde.– wenig zu sehen außer weiten Feldern, ein stumpfes, fahles Gelb : gut, daß ich genug im Koffer habe.

IN einem fremden Land

Die Börde hat begonnen. Sie ist eine Steppe, ein dustbowl. Riesige Felder, Pappelalleen (spärlich), die bereits ihr Laub abgeworfen haben. Ausgetrocknete Fließe und kleine Bäche, die wasserlos überwuchert sind. Um den Nacken zu schützen lege ich  das Halstuch auch in der Hitze nicht ab. Ab und zu gieße ich ein wenig Wasser drüber, zur Verdunstung.

a9Staubwolken, die von gigantischen Landmaschinen erzeugt werden wenn sie die versteppten Felder aufbereiten. Hier ahnt ihr, was der Begriff Skaleneffekt meint: wenn kleinteilige Struktur sich nicht rechnet, unter einer Mindestgröße die Produktion nicht lohnt. Was rechnet sich überhaupt?

aa0Komoot hat einen Landwirtschaftsweg zur Straße erklärt, ich zähle die Fugen der Betonplatten mit dem Hintern. Dutzende Bussarde kreisen wie Geier im leeren Himmel, warten auf Mäuse, die die Walzenegge emporschleudert. In den Senken kleine Dörfer, unbeweglich. Mezzogiorno, Friedensstraße, Straße des Friedens, keine Plakate für schnelles Internet. Mein Sattel rät dringend zur Nutzung der Gehwege. Eine Art Steinbruch mitten im hang: alter Galgenplatz,  hier hingen sie also im Wind, bis die Raben sie verzehrt hatten. An mir ist noch Fleisch, die Muskeln tun ihre Arbeit, ich denke nicht weiter nach.

a5Halberstadt liegt irgendwo südlich, Magdeburg wirkt unendlich weit. Der Brocken verschwindet im Dunst. Immerhin das ist geschafft. Während ich meiner dünnen Linie einsam folge, wälzen sich nur wenige Kilometer nördlich endlose Kolonnen von Lastern dreispurig bis die bis Frankfurt/Oder, schaffen Güter über die Autobahn 2.

360km

aa8Schlanstedt unverändert: hier war ich doch schonmal vor einem Vierteljahrhundert. In einem Altenheim saß die 93jährige auf ihrem Zimmer und sprach über ihr Leben. Als Erntehelferin bei den Kartoffeln, auf dem Acker ihr Kind geboren, am nächsten Tag wieder zur Arbeit, mit Kind. „Meine Nachbarin ist nur 81, die vergißt leider alles. Mit der muß ich mich nun rumschlagen. Die halten uns hier alle für blöde. Weißt Du, mit wieviel die mich abrechnen: 3500 pro Monat…“

aa7Als die Hitze am stärksten wirkt und der Wind mich unnachgiebig in den Unterlenker drückt, muß ich auf eine Abkürzung ausweichen. Die Teermaschinen lassen mir keine andere Wahl als einen knüppelharten Feldweg. Doch hinten wartet die Straße. Ich danke dem Wiederaufbaufonds, daß er Geld für Alleebäume spendiert hat. Sie sind meine Rettung, ich zähle jeden einzelnen Schatten. Ich trinke. Bald müssen frische Kalorien her.

a7Halb drei, nicht weit vom sowjetischen Ehrenmal von Oschersleben (an der Bode). Auf einer ruinösen Restfläche hat sich Netto einen Parkplatz herausgeseägt, der jetzt in praller Sonne liegt.  Innen heißt es zugreifen. Eine sanpellegrino Granatapfellimonade direkt aus der Kühltheke wird umgehend geöffnet und geleert, während ich die übrigen Regale abschreite. Bauchgesteuert wähle ich BioBio Trockenfrüchte, einen halben Liter Kefir, reif duftende Pfirsiche und eine Riesenflasche Medium Mineralwasser, dessen Magnesiumwerte überzeugen. Die Trostlosigkeit des Publikums, in dessen Einkaufswagen Alkohohol eine zentrale Rolle spielt, übersehe ich.

ab1Draußen entdecke ich merkwürdige Zeichen an der Wand. Kryptische Verabredungen? Weiter – hinaus aus der Stadt. Das riesige weiße Gebilde rückt näher und näher.

Die Troglodyten von Wanzleben

395km

ab7Wanzleben, Klein-Wanzleben. Im Zentrum der Zuckerproduktion. Rüben gedeihen gut auf Lößboden, das macht ihn so wertvoll. Wanzleben liegt in einer Senke – ein Rinnsal irgendwo –  und grüßt mich als die „Zuckerstadt“. Wanzleben oder Kuba, die Optionen für süßen sozialistischen Kaffee.

Aus dem Galeerentrott der Landstraße aufschrecken: ein Hochbau aus rohem Beton hat meine ganze Aufmerksamkeit. Spukhaft leer wirken die Löcher in seiner Fassade. Ist es ein Speicher oder sollten es doch Fenster sein? Auf dem Dach ein kleiner Antennenwald. Ich komme näher und bin immer noch unschlüssig, ob es sich nicht um moderne Troglodyten handelt, die einen alten Zuckerspeicher besetzen.

ab8Bäume verstellen plötzlich das Objekt und die Straße erfordert Konzentration.

Ein Friedensdenkmal stimmt mich vor dem knackigen Anstieg milde – die Tauben über den Medaillons der großen sozialistischen Friedensführer  (von denen ich hier kaum eine sehe) wirken als ferne Remineszenz an die Biodiversität. Und oben dann der riesige, weiße Doppelkonus der Zuckersilos, das mysteriöse Gebilde vor über 2 Stunden.

klein_wanzlebenIm Rückblick entschlüsselt das Netz den mysteriösen Bau eindeutig als Wohnhaus. Ob es Glasfaseranschlüsse gibt? Schott in Mainz hat sie erfunden. Homeoffice in Wanzleben.

Eine Allee neben den weißen Silos der Zuckerfabrik erlöst mich dank Permaschatten. Es ist so heiß – und es pasiert nichts! Titanische Landmaschinen, Baukolonnen sind das einzige Zeichen menschlichen Lebens, in den Dörfern überweigt seit 25 Jarhen Homeoffice – niemand zu sehen, keine Läden, eine Handvoll Kinder am Brunnen.Deutschlands Mitte ist ausgestorben – wir wissen es nur nicht.

Magdeburg in 20 Minuten. Jetzt ist es also (innerlich) geschafft. Neue Kraft finden. Nach den Datschen und Vororten führt die kilomterlange Halberstädter Straße ins Zentrum: vom Krieg unbeleckt, ahnt man, wie wohlhabend diese Stadt war.

Eine Hauptstadt als Peripherie

ab3Mittendrin in plattierter Umgebung der imposante Dom, den ich vor vielen Jahren mal  im Gestrüpp und Ruinen  bestaunte. Jetzt wirkt er wie auf dem Präsentierteller, mit Sicherheitsabstand zu den Häusern. Es könnte ein Objekt von Anselm Kiefer sein. Ein spirituelles Zentrum außer Dienst.

415km

ab4Elbe überquert.

ab5Aus irgendwelchen Gründen hat jemand mein Geburtsjahr auf die Stromkästen gesprüht. Hier bin ich also richtig – nur leider ist die Kühltheke leergefegt und für ein alkoholfreies Weizen gibt s keine Öffner. Auch der Espresso dieser Prestigetankstelle ist schlecht UND teuer. Lokale Bräuche.

Mit einer langen Folge  Kasernengebäude, die sich nun als „Campus“ tarnen, verabschiedet mich Magddeburg – zähe Route, besser wäre ich der Landstraße gefolgt. In Städten verliert man unterwegs elend Zeit.

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Ulrich Wüst fotografierte Magdeburg  schon in den 1980ern und  später bis 2000 mit gemsichten Gefühlen verlasse ich diese Hauptstadt des NoMans Land, in der eine interessante Spielart getunter westdeutscher Automobile die Rolle der Ferraris und Lambos aus anderen Showspots der Republik übernommen hat. Ich meine:ein maximal tiefergelegter Ford Escort 82 vintage hat ja auch was.

(Immer) Noch 120 Kilometer,

ab2der Wind hat nicht nachgelassen und in den Dörfern Ostelbiens gibt es nicht nur Friedensstraßen sondern auch die Straße der DSF. Ich überlasse dem Leser den Sinn dieser Abkürzung und gebe nur einen Hinweis: eine gute Band nannte sich einmal Deutsch Amerikanische Freundschaft.

Glücklicherweise werden  Chicken Teriyaki sandwiches für die Aral AG halbfertig vorgeliefert, so gibts für  die Qualität der bitter nötigen Kalorien keine regionalen Schwankungen.

ab9Im dürftigen Schatten eines kleinen Pflaumenbaums (mein Nachtisch) packe ich kurz vor Möckern das Baguette aus und trinke reichlich. Die Börde will mich noch nicht freigeben. Sehnsüchtig rolle ich auf den grünen Fleck zu, den mein Navi anzeigt: ein Wald. Nicht die Sonne ist jetzt der Feind, sondern dieser absurde Wind ,der meine letzte Energie vernichtet

Hinter Möckern kann ich matt jubeln – die Bäume der Allee alt und wunderschön. Beginn  der letzten Partie: ich habe die Börde geschafft und wenn die Kilometerangaben stimmen, schaffe ich es vorm Ladenschluß 20h auch bis Ziesar. Ein bulliger alter Audi mit modifiziertem Auspuff rollt an mir vorbei und sprüht zum gruß eine duftende Wolke Scheibenwaschwasser in die Luft, so wie einst Passagierdampfer in New York von Feuerlöschbooten fontänig bejubelt wurden. Danke dafür.

466 km Ziesar! Kleine Auferstehung

Als ich gegen 19h45 den Netto Markt mit demselben Ritual wie in Oschersleben begehe (nur diesmal Cola statt Pellegrino), habe ich die Partie im Sack. Während sich letzte Kunden noch mit Müllbeuteln voller  Pfandflaschen vor einer überforderten Rücknahmemaschine drängen, haue ich mir zum kalten Kefir eine halbe Dose Ültjes Nüsse vom feinsten rein. Der Parkplatz wird von Abendsonne überströmt, auf dem Rasen weiter hinten beginnt für die blauen Trikots von Ziesar31 das Training. Die Kalorien kommen an, das Trockenobst (beste Qualität: ungeschwefelt) lässt mein Blut prickeln. 80 noch – eine letzte SMS, move on.

ac2Und als ich wieder auf dem bronzenen Koga sitze ist das Wunder geschehen: der Gang, der sich eben kaum treten ließ, läuft wie von allein. Die Kiefern lassen letzte Sonne durch und wie im Traum reiße ich die waldigen 30 Kmchen bis Brandenburg/Havel ab, während die Autobahn parallel zu mir wie ein kleiner Bach dahinrauscht.  Transformationen.

Brandenburg im Abendlicht grüßt mit einer ähnlich gemischten Kulisse wie zuvor Magdeburg. Einige hochinteressante, leider aufgelassene Industriebauten der 1920er, gartensädtische Wohnanlagen und die Betonplatten des Stadtrings. Ich widerstehe dem nahem Bahnhof (mit dem 9 Euro Ticket wäre ich in 15 Minuten in Potsdam) und grüße die anbrechende Nacht. Die Akkulampen glühen, der kleine Wurm auf zwei Rädern macht sich auf die letzten Kilometer über die B1.

B1,  B2 vorbei

Und jetzt kommt die Müdigkeit, die echte. Wie ein Traumbild nehme ich vor Werder eine Frau in langen blonden dreadlocks wahr, die ein Schmiedeeisernes Tor schließt, in dessen Gitter der Schattenriss eines Kaninchens eingelassen ist. Wie in Wellen kommt es kühl von den Wiesen und warm von den Mauern, in der Ferne der nächste Regionalzug: nein, auch am Bahnhof Werder ignoriere ich den Bahnhof, und  trage meine Fuhre über die Behelfsbrücke der Havel, die mir die deutsche Bahn persönlich in den Weg gestellt, während der 10 Uhr Zug passiert. das 9 euro Ticket bleibt wo es ist, der nachtzug gleitet an mir vorbei.

ac4Der Mond hat übernommen,  ein allerletzer rosiger Streifen liegt über dem Horizont der Havel bei Werder, die Nacht verschluckt mich.

kiefer juno sonne(Anselm Kiefer)

Dann, als ich in Potsdam neben einem nächtlichen Radler durch den sommerwarmen, grasüberwucherten Platz vor dem Neuen Palais fahre, mache ich mein kleines Navi aus. Ich brauche es nicht mehr.

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Deutschland – nicht umsonst

a1In den schmiedeeisernen Zaun ist das neue Logo eingelassen, die Buchstaben LSH in einem Kreis.

a2Das Landschulheim am Solling ist ein Komplex mehrerer Gebäude, den wir durch eine Allee betreten, mein Guide Andreas Bèrthoud und ich. Es liegt oberhalb von Holzminden, ein paar hundert Meter, hangaufwärts hinter der letzten Siedlung gepflegter Einfamilienhäuser.

Wäre es keine Schule, könnte man diesen Campus auch für eine Tagungsstätte oder ein Sanatorium halten. Nur die Hinweisschilder und ein Sportplatz mit authentischer Aschebahn lassen keinen Zweifel aufkommen.

a3Ich folge Andreas Berthoud, dem Tischler des Internats. Es wurde einst von Herrnhutern in Anlehnung an die Reformpädagogik gegründet, also im Unterschied zur ganz überwiegend autoritären, wenig toleranten „Pädagogik“ der preußischen Lehranstalt. Diese Unterschiede haben sich nach dem Kriege zwar verschleift, ein Hinweis  aber lohnt dennoch: ganzheitliche Pädagogik und religiöse Toleranz sind formell zwar Verfassungsgrundsatz, die Wirklichkeit deutscher Schulen dürfte bedeutend nüchterner aussehen. Hier ist immerhin ein idealer Platz dafür.

Michael Holzach – einstiger Schüler des LSH – war ganz und gar kein nüchterner Mensch. Der Autor von Deutschland Umsonst, hatte als  Journalist zuvor ein Jahr unter Hutterern (Das vergessene Volk, dtv) in den Vereinigten Staaten gelebt und mit seinem Bericht Aufsehen erregt. Diese Form des egalitären Kommunitarismus, man könnte von christlichen Fundamentalisten sprechen, war für die Generation der sogenannten 68er, also auch für Holzach, die Möglichkeit einer idealen Lebensform, deren Grenzen er aber klar erkannte. Wie so viele Kinder des Nachkriegs blieb er ein Suchender, dem das gesellschaftliche Ziel alternativer, nachhaltiger und egalitärer Lebensformen ein ganz persönlicher Wunsch war: eine Folge der vielen Brüche in der Deutschen Erfolgsgeschichte nach dem Kriege.

a4Diese Schule formte ihn nicht nur als als Person, sie sollte am Ende zum Lebensziel werden, nachdem sein Bericht über die Wanderung durch Deutschland ihn schlagartig bekannt gemacht hatte. Doch kurz bevor er seine Stelle als Gärtner antreten konnte, ertrank er, weil er seinem Hund in die Emscher nachsprang.

a5Hier liegt er jetzt begraben, auf dem kleinen Friedhof der Schule, dessen in Efeu gefasste Gräber eine schmucklose Sandsteinplatten ziert. Beinahe ein Soldatenfriedhof.

Der Tischler, mein Radgenosse, erzählt, die Gärtnerei sei zwar neulich von einem sehr guten Kollegen besetzt worden, das schulische Interesse aber verschwindend gering. Die Beete stünden verwahrlost, es gäbe kaum Interesse  – genauso wie für Kurse in Tischlerei.  In 8 Monaten geht er in Rente .

a8„Es ging immer nur um Anmeldungen und Zahlen . .  .“ Armes reiches Land, denn ein Landschulheim kann sich nicht jeder leisten. Inzwischen müssen auch die Kinder der  Wohlhabenden sich armortisieren.

a7Der Gedanke der Nachhaltigkeit, der Ganzheitlichkeit etc.  hat zwar die Parlamente erobert und die öffentliche Rede  -in der Realität zielstrebiger Internatsschüler aber spielt er vermutlich eine geringe Rolle. Die Holzachschen Selbstversuche, ebenso wie Pilgerreisen in den Ashram sind Geschichte. Im Zeichen der Krise, wenn das Boot leck schlägt,  gilt es die wenigen trockenen Plätze zu sichern. Weiter unten hinter den Gebäuden schimmert  der Sand eines Reitplatzes – der ist neu. Lange schon verteilt der Lehrer keine Schokolade mehr für den (oder die Ersten), die im Frühjahr kurze Hosen tragen.

a0So verlassen wir beiden Holzach-Pilger diesen ferienruhigen Ort (sahen nur 1e einzelne –Schülerin?) und fahren durch die Siedlung, Panoptikum deutscher Eigenheime aus dem 20.Jhdt . – zurück nach Bevern. Es ist ein milder, schöner Augustabend mit gutem Gespräch…

Michael Holzach der verlorene Sohn und Andreas Berthoud – sie wären jetzt vielleicht noch Kollegen .

Während ein beinah voller Mond über dem Solling aufsteigt, schlafe ich ein. Morgen geht es weiter durch Deutschland. Mitten hindurch.

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Gents-Touring über den Landrücken I

a00Kurz nach Neun ist es jetzt und die Fahrt geht in die dritte Stunde. Das kleine Halstuch, das mich in der Frühe  gegen die Frische der Bachtäler und den Wind in den Abfahrten geschützt hat ist nun zuviel, ich lasse es am Lenker flattern, während es Kurve um Kurve, Meter um Meter hinauf zur Wasserscheide zwischen Schelde und Lahn rollt. Es lüftet aus aus, bevor es in die Trikottasche hinten links kommt. Mit diesem sanften Anstieg –

aa1werde ich ihn hinter mir lassen, den Westerwald, den Scheldewald und dann, auf dem Weg nach Norden, ein letztes mal die Lahn überqueren.

a01Heute, das ist mitten im August, einem langen, trockenen und heißen August. Wochen ohne Regen, die nächsten Tage werden es auch sein; angenehm kühl macht es der Nordostwind in der Nacht und am morgen, und hier in den baumgeschützten Stücken der Wälder, habe ich mit dem lästigen Gefährten Gegenwind wenig zu schaffen.

a0Als die Glocke an diesem Kirchturm 7 schlug,  war ich auf dem Weg zum Höhenzug des  Westerwald unterwegs, alles grün und würzig und es gab nur ein paar Rinder zu grüßen.

a1Schlag 8 den alten Kern von Herborn erreicht, eine unversehrte Stadt, gewachsen und nach außen zersiedelt, das Tal fast völlig okkupiert von vierspuriger Straße, Autobahn und Eisenbahn. Drei Damen öffnen einen Juwelierladen – lange vor Publikum.

a3Auf einem Spielplatz neben den Juno-Werken ein entkernter Traktor, an dem die Lastwagen der großen Straße achtlos vorbeirauschen… Stahlmaschinen, Gußeisen, Feuer und Hitze.

Und jetzt die immer grünere Lunge des Scheldetals. Ein ruhiges kleines Tal, sanft und grün der große Reichtum mitten unter uns, unser Begleiter am Wegrand, das Schutzdach, das mit uns wächst und atmet. Das Hirzenheiner Diabas- Massiv kommt näher, eine noch ältere Gesteinsformation als der Basalt. Die Lahn macht einen großen Bogen darum – Biedenkopf, markburg, Gießen – ich zwischendurch nach Nord.

aa2Mit einer langen sanften Abfahrt erreiche ich das weite Lahntal um kurz nach zehn,  Zeit für ein zweites Frühstück. Letzte Weiden werden gemäht – die nächsten Monate werde ich kein frisches Heu mehr riechen.

Ich bin auf der ersten Etappe einer Fahrt, die mich nach Berlin führt. Zwei Tage habe ich mir eingeteilt:  am ersten 240km, morgen 330. Der zweite Abschnitt verläuft flacher, es ist eine Sommerexpedition, eine Art Brevet für mich selbst.

a5Der Navigationsalgorhythmus von komoot hat diese Tour für „rennrad“ geplant, damit es nicht auf allzu holprige Wald und Forststrecken geht – und ich habe nach Kräften auf dem Bildschirm nachgeholfen, die Strecke nochmals und nochmals zu verbessern. Doch Überraschungen wird es  – ja muß es geben, wo wäre sonst der Kitzel? Auch wenn es nur Hügel sind, werden über 3500 Höhenmeter überwunden, die meisten am ersten Tag:

Das stabile Sommerwetter erlaubt mir, so gut wie keine Schutzkleidung mitzunehmen. Sollte es regnen, hilft eine zweite Ausrüstung und eine leichte Reflexweste mit Reißverschluß. Heute trage ich das etwas wärmere von beidenTrikots, erst morgen sollen es deutlich über 30 Grad werden. Über Nacht werden die im Becken gewaschenen Sachen ohnehin trocken. Ich fahre ein altes Rad, aber die Wäsche braucht nicht mehr aus Wolle zu bestehen.

b1Das Gents –Touring von 1983 ist kein leichtes Rad und die Schutzbleche sind sicher überflüssig für diese Unternehmung, trotzdem wähle ich dieses eher unauffällige Eisen von 12kg Leergewicht. Gesattelt und gezäumt macht es an die 15kg, wenn nicht mehr, wenn die Trinkflaschen voll sind. Außer der Lust am Experiment gibt es Vernunftgründe für diese Maschine

b2Dieses Koga Vom Beginn der 80er Jahre ist ein sehr laufruhiges Gerät, auch unter Beladung stabil bei jeder Geschwindigkeit. in allen Abmessungen ist dieses 63er Rad etwas größer und länger, aber nur etwas.  Ich habe keine Hemmungen, in  Fahrt den Lenker loszulassen, sauber hält es die Spur : auch in den schnellen Kurven der Abfahrten. 7 Gänge sind genauso viele wie ich brauche und die leichtgängige, gerasterte Schaltung läßt sie auch bei Erschöpfung sicher finden. Kein reines  Rennrad mehr, aber doch noch präzise genug zu steuern, kein träger Dampfer, der mit Gepäck herumschlingert.

b3Nach dem herzhaften zweiten Frühstück habe ich ausreichend Grundlage für die nächsten zwei Stunden. Auf Riegeln allein läßt sich nicht fahren.

a02Über die Lahn. Die Wälder sind zuende, jetzt beginnt das wogende nordhessische Land unter hoher Sonne. Von der Kappe tropft es hin und wieder. Doch die Steigungen sind gnädig, die Dörfer urig, der Rhythmus passt, komoot hat gute Arbeit gemacht.

a6Es geht  über kleine Dörfer und abgeerntete Felder in Richtung Frankenberg und Ederstausee. Der deep state hat begonnen –ein Agrarland, durch das unbeteiligt kreuz und quer die Lastwagen donnern.

Die Felder mattgelb, darauf die Rollen des Strohs, alles vom Nordost gebürstet, der mir das Leben schwer machen will. Die nächsten Windräder sehen mir zu und rotieren, während ich kurbele.

a7Viele Kilometer Bundesstraße sind es nach Korbach  Ederstausee – manchmal ist auch der Radweg eine passable Lösung – aber meistens ziehe ich ihm das schmale Aspahltband rechts neben dem weißen Streifen vor, das die gnädige Teermaschine übriggelassen hat. Nicht nur weil es besser rollt, sondern auch, weil ich den Sog passierender laster gern mitnehme. Nur so machst Du Meilen.

a9Den Ederstausee gleicht eher einer Furt und wird nach 130 km überquert dann kommen die Waldecker Gefilde und andere Teile des endlosen Mitteldeutschen Landrückens, auf den die Mittagssonne immer intensiver niederscheint. Gleich Korbach

In Korbach mit den rettungssanitätern an der Salattheke des REWE. Außer uns tragen  so gut wie alle in diesem Laden eine Maske. Ich vermute einen Seuchenherd im ansässigen Continentalwerk? Vielleicht ticken die Uhren auch anders hier. However: mögen sie noch lange Fahrradreifen produzieren, ich kann sie gebrauchen. Den Korbach kurz gesegnet und weider mit Vorräten hinaus.

ab9Rundherum nur Wald und Feld, eine unendliche Folge abgeernteter Getreidefelder, überall hängt der milde Staub in der Luft, die eindeutig gegen mich strömt.  Die Kirchen sind (wieder?) in katholische Hand gewechselt.  Wo Boden gut ist, wird leider an Bäumen gespart. Der Blick geht weit über die Bördelandschaft, die satt und gleichgültig den durstigen Radfahrer empfängt. Kämpfe mich durch die fruchtbare Öde und das Diemeltal bis

Peckesheim, km 190 ein Dorf in den Feldern. Da es sicher niemand in den letzten hundert Jahren erwähnt hat, mach ich es hier. Absolute Auguststille. Tankstelle am Ortsausgang, sehnsüchtig erkenne ich die roten Buchstaben der Preisanzeige von weitem.

ab1

Jetzt hier: Cola, toppifrutti, Mineralwasser, die drei Nothelfer wirken schnell, während ich mich im klimatisierten Raum der „star“ auf die Landkarte konzentriere: Grob Richtung Beverungen, dann Höxter. Gefühlt nicht mehr allzuweit – die Straße neigt sich sanft hinab, es rollt weider wie zur ersten Stunde.

ab2Ich entdecke eine weitere Variante Deutscher Landschaft – sehr sanfte Hügel, zunehmend Alleebäume und üppige Laubwälder ringsum. Ein tiefer Frieden geht von allem aus und irgendwo unten fließt ein ruhiger Strom: die Weser. Ein großer Park.  die Kalorien der Tankstelle haben ein kleines Hochgefühl erzeugt, das eine Stunde anhält. Alleen, Alleen – sie versüßen die Anstrengung.

ab3Am Ende der langen, geraden Landstraße entlang der Weser Höxter –  eine Kirche mit Zwillingsturm aus dunkelrosanem Stein, herb und schlank. Rundum Fachwerk, Weserpromenade und Innenstadt werden neu und aufwendig gepflastert. Ich schiebe also durch Höxter. Es kostet mich Zeit , aber nun komme ich ja an. Diese Stadt wirkt eigentümlich intakt und nicht verwahrlost wie so viele, die ich sehe. Gibt es vielleicht ein Förderprogramm „die Westdeutsche Innenstadt um 1980“? Eintritt Frei in Höxter.

ab4Die Weser begleitet  träge und zufrieden meine letzten Kilometer nach Holzminden,. Ich feiere mit wilden Brombeeren in der Weseraue meine Ankunft in niedersächsische Gefilde. Nicht alle sind durchweg reif, aber der unvergleichliche Geschmack und Duft der Hecke macht die paar Fehlfarben wett.

In Bevern, nur wenige Kilometer weiter, wartet mein Herbergsvater für die Nacht –  aus der Bruderschaft der Radfreunde. Einmal frug er, wie ich es stundenlang allein aushielte. Man muß die Dinge immer vom Ziel aus denken, den Faden aufspulen.

ab5Gleich nach dem großzügigen Schloß, (in seinen Stallungen ein ReweMarkt ), werde ich auf das alte Bauernhaus treffen, das unter Liebhabern von Stahlrädern einen ausgezeichneten Ruf besitzt. Leicht zurückgesetzt von der Hauptstraße wartet es seit Jahrhunderten auf die nächste Ernte.

ab6Andreas Berthoud, der Tischler vom Landschulheim am solling erwartet mich hinter diesem Tor mit einem Einbecker Pils

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Entdecke die Kroppacher Schweiz mit komoot und lass Dich überraschen

a1Unter den Navigationsportalen ist komoot das einzige, was mir geblieben ist. Gpsies wurde vor Jahren samt seiner Routen verkauft, bikemap schränkte die seit über 10 jahren von mir genutzten Funktionen so ein, daß ich meine eigenen Strecken, nicht mehr ohne Bezahlung herunterladen konnte. Komoot läßt mich zwar nur in meiner eigenen Region kostenfrei herumfahren, wenigstens beschränkt es mich nicht in der Reichweite. Da lade ich meine Daten  gern hinauf.

Heute habe ich dem Algorhythmus anvertraut, eine Strecke durch bekannte Umgebung zu gestalten. Völlig der Willkür einer Navigationsmaschine ausgeliefert, wird das magentane Band mich nördlich über den Westerwald in die Kroppacher Schweiz leiten. Es wird – und es soll ja auch –  Überraschungen geben.

a3Algorhythmen setzen zwei Prioritäten: Kürze der Strecken und die Ausrichtung an ausgewiesenen Radfahrrouten, Den R-Wegen. Diese R-Wege können sehr schön sein und den Fremden sicher durch Ballungsräume führen. Leider haben sie auch ein Problem, wenn man weiter aufs Land kommt:

aa1die Strecken können anstrengend werden. Nach diesem – glücklicherweise bekannten – Eröffnungsakkord sind die Bronchien definitiv durchlüftet, noch nach 4 Wochen sind die folgen des kleinen Pfingst Covid zu spüren Alles übrige wird leicht erscheinen. Zu den Problemchen der Radrouten:

Möglichwerweise werden sie nicht von Radfahrern geplant, sondern von Verkehrsplanern, die aus Verlegenheit und zu unserer Sicherheit auf Nebenstrecken führen möchten. Das gelingt dann zuverlässig. In einem Mittelgebirge sind die Strecken mit den geringsten Anstiegen eben dem Lastverkehr vorbehalten. Bis in die 60er Jahre waren mehr als 6% für einen beladenen 180PS MAN kaum zu schaffen. Und so bleiben dem innig geliebten Rad (diesem lästigen Parasiten des Fortschritts) nur die Feld und –Nebenwege.

Nach einer Stunde die erste Überraschung – und gleich habe ich den kleinen Abzweig in einen Feldweg auch übersehen. Steil und wenig übersichtlich geht es hinab in ein schattiges Tal. Die EBike Bremssättel dürften hier glühen.

a4Nisterbrücke, kühl und schön – nur geht es von hier an nur eine Richtung: hinauf. Und so geschieht es dann mit 8 bis 10 prozentiger Steigung über einen hübschen kleinen Weg durch den  Forst. Für mich eine erwünschte Übung – aber für einen Radtouristen? Bin ich schließlich auch.

aa2Über 200 Höhenmeter dürfen es gewesen sein, als ich dann diese massive Versorgungsstation passiere. Die schwarze Nister ist ein erstmals bezwungen. Das schwere Koga Miyata mit voller Wasserlast übt für seine Rolle als Tourenrad.

a2Jetzt kann die volle Aussicht genossen werden- gemähte Wiesen, Mischwald und die bedauerlichen Kiefernschonungen, eine Landschaft im August. Ich folge weiter der Nister auf Distanz, bis sie nördlich von Hachenburg beginnt, mäandernd ihren Weg durch das Basaltmassiv zu suchen.

a5Die Landschaft kleiner Schluchten und verborgener Dörfer wird Kroppacher Schweiz genannt –  nach einem kleinen Ort namens Kroppach. Bei Streithausen stürze ich mich hinunter, hinter Leimbach geht es kernig hinauf. Ein Radwanderweg für motorisierte und Fortgeschrittene.

aa6Kundert, Mörsbach – dann habe ich die kräftezehrende Differenz zwischen Tal und Höhenkamm das vierte mal bewältigt und bewundere die hübsche Postkarte, die sich vor mir ausbreitet. Dort liegt Burbach;  in einem riesigen Kirschbaum üben kleine Krähen laut rufend den Segelflug, ab und zu kommt ein Auto vorbei. Links hinten sehe ich einen Baum, den ich auf meiner Strecke nach Stein-Wingert passieren werde. Es geht also wieder abwärts.

Diese vielen kleinen Täler liegen nur wenige Kilometer abseits der Höhenstraßen und doch sind sie dem Blick fast völlig entzogen. Die Kroppacher Schweiz ist bekannt. Das Touristikdeutsch nennt sie ein „Naherholungsgebiet“. Einige Gasthöfe und Campingareale habe ich gesehen, aber überlaufen wirkt die Gegend nicht. An den Ferienhäusern erkennt man immerhin, es gibt Liebhaber.

aa7 In Stein Wingert, tief unten in einer kerbe finde ich mich plötzlich vor einer  Furt (die komoot geplant hat) und kann nur auf der großen Brücke über die Nister. Statt 500 meter werden es ein paar Kilometer bis zurgesuchten Stelle. Komoot muß man wirklich genau auf die Route sehen – nehmen wir es sportlich.

ab7und  folgen wieder dem anspruchsvollen Radweg im Wald, statt die doch kleine und einsame Landstrße zu wählen, auf die ich am Ende ohnehin treffe! . . . Ein E-bike Akku dürfte allmählich platt sein, bei mir leeren sich allmählich die Trinkflaschen.

Dort oben hinter den blondgelben Stoppeln zeichnet sich die Baumlinie der Höhenstraße ab, Bundesstraße zweiter Ordnung. Gleich werde ich auf ihr mein Zwischenziel erreicht haben .

Das kleine Schild mit unbekannter Biersorte ist der einsame, zarte Hinweis mitten im Forst.

a8Und der Weg hinunter in die Schlucht ist nicht vertrauensbildend. Doch plötzlich höre ich ihre Geräusche, die Motorsägen gleichen. Dort unten müssen sie sein.

a7Wie die letzten einer als ausgestorben geltenden Art entdecke ich eine kleine Go-Kart-Bahn, die sich in der Talsohle eingenistet hat. hier treffen sich Enthusiasten an Wochenenden, seit kurzem gibt es auch Leihkarts, die Anlage war etwas vernachlässigt worden.

Komoot weiß nichts hiervon – und das ist auch gut so.

Mit dem Malzbier in der Linken verfolge ich die rasenden kleinen Karts, die auch von Kindern bewegt werden. Gleich neben der Bahn fließt ein winziger Bach. und wieder hinauf aus der kleinen Schlucht – von den Karts ist bald nichts mehr zu hören.

aa8Der Rückweg über Altenkirchen (man braucht mehr als nur eine Banane) beginnt und verläuft über bekanntes Gelände. Wo es mir passt, werde ich komoot überstimmen, es hat seinen Dienst getan. Eine gute Karte (höhenlinien) als unterstützung bei der Routenplanung ist angebracht, damit ist es eine feine Sache.  Die Kroppacher Schweiz war Pflicht,  jetzt kommen 70 kilometer Kür, stetes und gleichmäßiges fahren mit wenig Kalorien und genug Flüssigkeit. Als Training für die nächste, lange Fahrt.

aa9Ich grüße die prominentesten Trafotürme der Region.

ab8Ich grüße die sanften Wellen und den hohen Sommer, der die Koppeln vergoldet.

ab6Ich grüße die verlassenen automobilen Träume und Dörfer, in denen kleine Bierpavillons aufgebaut sind.

ab4Ich grüße das glückliche Vieh am Trog

ab5Und die klugen Tiere, die den Schatten suchen

Überall sehe ich den großen Sommer und lasse rollen.

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Warum ist es am Rhein so schön?

a1Es ist ein klarer, warmer Sommertag. Ein Tag, wie er im Juli nicht besser sein könnte – unter 30 Grad, kaum bewölkt, leichter Wind. Wochenende und Ferienzeit.

a2An diesen zwei Tankstellen messe ich die energetische Temperatur. Sie liegen ganz unweit der Autobahn, die den Verkehr vom Rheintal über den Westerwald an die Nord –Südachse A3 leitet. Der von der Regierung ausgelobte Tankrabatt ist unvermindert in Kraft, die Preise oszillieren seit einem Monat in einem Korridor von einem Dutzend cent unter der psychologischen 2 Euro Marke.

Ein kleines Schmerzmittel im Sommer der Inflation.

a3Meine Fahrt wird mich über den Rhein bringen und wieder zurück. Zweimal wird der Fluss mit der Fähre gekreuzt, einmal in Linz, einmal in Remagen, nur wenige Meter von den Überresten der kriegswichtigen Brücke.

Dort, wo ich ins Rheintal hinunterschieße – Bendorf –  wird es breit und übersichtlich. Zwischen Koblenz und Neuwied liegt ein weites, gut besiedeltes Becken, das nördlich hinter Andernach wieder von schroffen Felsen und Weinbergen abgelöst wird. Besonders Neuwied hebt sich durch sein schachbrettförmiges Straßenmuster von den anderen Städtchen heraus. Als Residenzstadt folgt es Karlsruhe oder Mannheim in kleinerem Maßstab. Der Rhein macht hiereinen großen und breiten Bogen , der einem Schloß und schönen Promenaden Raum läßt.

aa1Die Talenge macht sich bald für Radfahrer bemerkbar: auf beiden Ufern sind die Bundesstraßen strichweise für 2 Räder gesperrt – man fädelt sich dann durch Unterführungen und Bahntrasssen auf Ersatzwege, die ursprünglich als Wirtschaftswege der Weinbauern angelegt waren.

a4Jetzt sind es sauber geteerte Abschnitte, ausgiebig beschildert. Es gibt Ausflugsdampfer auf dem Wasser und auf Asphalt, in Gruppen ziehen Wanderer über die Weindörfer. Verblassende Inschriften in Frakturschrift zeugen von der alten Tradition weinseliger Ausflüge.

aa2Man grüßt und zieht gut gelaunt aneinander vorbei.

aa5An dieser Kreuzung in Bad Hönningen muß ich die B42 verlassen. Einige Jahrzehnte stehen diese Schilder unverändert – fast sieht es aus, als habe man sie vergessen, diese Zeitzeugen:  für den Fernverkehr hatten Bundesstraßen lange die größte Bedeutung. Heute überlässt man sie  Amateuren. . . .

aa3In der Kette der Weindörfer und Kurorte ist nur in Bad Hönningen Industrialisierung zu erkennen. Eine kohlensaure Quelle wird seit Ende des 19 Jahrhunderts genutzt, um Bariumsulfat aufzuspalten und Grundstoffe der chemischen Industrie zu produzieren. Auch heute zeigt die kleine weiße Wolke über der Solvay Fabrik deren ununterbrochene Aktivität. Der Arienheller Sprudel aus dieser Quelle ist ein Nebenprodukt für die gehobene Gastronomie.

aa4Ein Wasserturm im Stil des deutschen Backsteinexpressionismus hat als Funkmast eine zweite Versorgungsfunktion übernommen. Danach wieder Weinberge, Geststätten, Obstwiesen.

Linz am Rhein : Radfahrer ruhen im Schatten der Promenadenbäume, während sich von der Remagener Gegenseite die Autofähre in Bewegung setzt. Gegenüber liegt die kleine Stadt mit ihrem mittelalterlichen Kern und den hier und da erbauten Sommervillen bürgerlicher Gründerzeit.

aa6Gleich wird die gemächlich tuckernde Dieselfähre Autos und Motorräder an Deck nehmen, die jetzt  in voller Sonne auf der abschüssigen Rampe warten.

Fußgänger und Radfahrer genießen die Schatteseite auf der Gangway, während sich die Fähre zwischen zwei Frachtkähnen über den blauen Fluß schiebt.

aa7Zwei Männer kassieren zwischen Autos und Motorrädern die Passsage – es wird in Bargeld abgerechnet. Eine Frau reinigt in Ihrem weißen Cabrio mit einem Vlies das Display ihres Smartphones, Männer im besten Alter in schwarzer Lederkluft unterhalten sich über Details der Motorräder, mit dem sie ihren Sonntagsausflug machen.

Die Ausflugslokale am anderen Ufer sind gut besetzt, Wespen umschwirren bunte Getränke. Es herrscht ein reges Uferwechseln von Fahrzeugen. Promenade mit Rondell und Brunnen.Nur wenige Kilometer entfernt dann die stattliche Remagener Promenade, eine lange Folge von Wirtshäusern, Pizzerien und Cafés. Hier herrscht der Charme der Nachkriegszeit ungebrochen und auf dem Rad habe ich das Gefühl, eher jung zu sein. Vorsichtig schlängele ich  mich durch Sommerfrischler auf dem Weg zum Drittbier.

Einen Tag später das gleiche Bild, als ich  aus den Obstbaugebieten um Meckenheim wiederkehre. Es ist noch wärmer geworden und noch mehr Menschen füllen die kleine Stadt, in der ein Kunstgewerbemarkt mit Tombola den Sonntag verschönert.

ab1Das Carraciola Denkmal verharrt auf Basaltstelen, leicht Abseits des Trubels. Rudolf war ein Sohn der Stadt, einst internationale Legende ist sein Name langsam verblaßt. Dabei steht er für die große Zeit Remagens und seines Sports, der in hellen Rennoveralls ohne Sponsoren und mit weißen Staubkappen betrieben wurde. Automobilisten waren die Ausnahme, Automobilisten waren die Zukunft, als in Remagen die prallgefüllten Rheindampfer stündlich anlegten. „Ihr guter Stern auf allen Straßen.“

Auf den Ausflugsdampfern bleiben die Oberdecks heute fast unbesetzt, die Passagiere blicken hinter getönten Scheiben aus klimatisierten Räumen auf die dichtbesetzte Promenade.

ab2Eine Schweizer Radwandergruppe hat die kleine Fähre bestiegen, die nur fürs Fußvolk gedacht ist. Man knuddelt sich, während Frachtkähne dieselblubbernd Vorfahrt genießen. Es ist heiß hier . . . und  – es passiert nichts.

ab3Warum ist es am Rhein so schön? Seine große Zeit erlebte dieses blaue Band zwischen Bonn und Bingen seit den 1920ern, weil die Bahn den arbeitenden Massen hier günstige und schnelle Erleichterung ihres Alltags verschaffte. Die Winzer der Ahr, so geht die Fama, hätten nicht einmal auf die Qualität ihrer Weine achten müssen: getrunken wurde alles. Die Tanzlokale waren die Ballermänner der 30er, 50er und auch der 60er.

ab4Ob der Rhein zu alter Größe weiderfindet? In diesem Monat sinkt sein Pegel Tag für Tag, für die kleine Fußgängerfähre wird es reichen – für die großen Kähne wird es allmählich knapp.

ab5Oben dann wieder die maßgeblichen Pegelstände, beruhigt ziehe ich in die Wälder zurück.

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5 Talsperren und einige Hügel – kurze Reise durch die Klimaspeicher des Landes

a2Da liegt er vor Dir, der ganze Tag. Ein offenes Buch, von dem die erste Seite zu sehen ist. Du kennst die Geschichte schon, denn zweimal hast Du sie geschrieben, dein kleines Navigationsinstrument ruft Dir aus dem Graben die Passagen vor, falls Du unterwegs den Text vergißt. Text, Bühne, Stück.

Der Applaus: das ist das Rauschen des Windes in den Ohren auf den Abfahrten. Jeder Anstieg ein neuer kleiner Akt. Es sind viele kleine Anstiege auf dieser Strecke. Sie folgt dem 300km Brevet aus Gießen, mit heimischer Modifikation, ein wenig am Rechner umgeschrieben, auf das Gartentor zugeschnitten, das sich quietschend hinter mir schließt.

a3Das Stück beginnt mitten im Juli, noch vor der angekündigten zweiten Hitzewelle. Sie soll von Südwesten hinaufkommen – mein Weg führt nach Nordwesten, bis ans Sauerland. Die Wolkendecke schließt sich oder öffnet sich – ja nach Richtung: der Blick auf den Feldberg zeigt deutlich die Luftmassengrenze. Windjacke für mich, es bläst frisch aus Northwest.

Mittelgebirge sind unübersichtlich – nicht nur, weil es immer wieder auf und ab geht. Sie sind schwer abzuschätzen, nie ist richtig klar, in welcher Richtung man unterwegs ist oder welche Orientierung das nächste Tal nimmt. Danke kleines Etrex.ab2Es gibt keine Gebirkskämme im Westerwald, der als erstes vor mir liegt, nur eine ansteigend Folge von Tälern die dann eine Art flacher Hochwald krönt – da, wo die Basaltschicht am höchsten war.

Bad Marienberg wird so ein Punkt sein, hier geht es zähmorgendlich von der Nister aufwärts. Ganz geduldig nehme ich die frühen Steigungen, mit dem leichtesten Gang bis zur Höhe. Auf der heutigen Gazelle sind es 26 Zähne die ich jetzt alle gebrauche.

a5Auf dem Basaltdeckel: neugepflanzte Setzlinge auf alten Fichtenschonungen. Was wie eine zufällige Leerstelle wirkt, wird sich über die gesamte Fahrt hinweg zeigen: die lautlose Katastrophe des toten Waldes. Als Kind der 1980er erinnere ich mich genau, wie der Angstbegirff Waldsterben über uns kam.

Man sah so gar nichts davon, dabei war es in aller Munde. Der saure Regen als Heimsuchung von oben, Bilder dazu stammten aus dem Harz oder dem Fichtelgebirge. Das Sauerland dagegen strotzte nur vor dunklen Tannenwäldern. Jahre später erklärte mir ein Journalist der Zeit, was agenda setting sei, daß Themen sich als Wellen aufbauen und selbst verstärkten: als Medienprofi mußtest Du folgen, auf dem Kamm surfen. Es ginge weniger um Erkenntnis, Aufklärung oder gar Wahrheit. Es gehe um das Besetzen von Themen – Aufmerksamkeit also. In jender Zeit kam Der Spiegel auf fast 300 Seiten, die Wochenausgabe der Zeit, dicht bedruckt, war armdick, wir waren jung und unbekümmert.

Nach rund 2 Stunden beginnt der Abschied aus dem Westerwald, links erkenne ich kurz das Siebengebirge, die Luft ist rein und klar, der Wind angenehm frisch für die lange Abfahrt zur Sieg darf die Jacke bleiben.

ak1Manche Kirchen sind nicht immer als solche zu erkennen.

Hinter Wissen, die erwartete Agip, das erste Koffein für diesen langen Tag.

aa1Ein Flachbildschirm zeigt alte amerikanische Serien, deren Kunstlicht Gefängnisatmosphäre verströmt – die Werbung ist unbeschreiblich stumpfsinnig. Frauen waschen, Männer fahren Auto. Wir brauchen Deos, weil wir alle wie irrsinnig Sport treiben.

Noch eine Frikadelle eingesteckt, wie vor zwei Jahren. Sie kommt vom Fleischer, wird mit Senf gut verdaut und hält lange – also die nächsten 100 km  – vor. ich bin jetzt in Nordrhein-Westfalen. Auf das lange Tal vom Wisser Bach folgen die ersten Hügel des Bergischen Landes –

a6Sie fahren sich wunderbar angenehm. Gleichmäßige Steigungen, wenige Automobile, nette Kühe.

Kurz eine Höhenstraße, einen weiterer Anstieg (schon etwas schärfer) und dann geht es nach Gummersbach hinunter. Die Stadt wird nur gestreift, gerade der verzerrte Kirchturm durch eine Schallschutzwand erspäht. Die Fahrt kostet keine größere Mühe, Täler schützen immer wieder vor dem bremsenden Nordwest. Bergisches Land.

ac2Die Aggertalsperre unter grauem Himmel – wir sind mitten in den Schulferien hier – dennoch kaum größerer Andrang; ein standup-paddler versucht sich auf der kräuselnden Oberfläche, hier und da der bunte Punkt eines Campers. Ein alter deutscher Sommertag im Juli. Kommt mir sehr entgegen, es ist der kommende Anstieg, den ich eher fürchte, ein gewundener Weg im Wald –

a7den es schon nicht mehr gibt. Der Abzweig, für den ich den 26er auflege. Ohne Eile hinauf.

ac3Oben im Dorf: dieses (restaurierte) französische Automobil verkörperte in Deutschland die Ideologie einer ganzen Generation, diente als Sehnsuchtskörper des leichten, schönen und freien Lebens nach der Natur. Ein historischer Irrtum. Denn dieser Wagen wurde entwickelt, um die arme und darbende Landbevölkerung von den Strapazen ihrer harten körperlichen Existenz zu befreien, ihre Produkte nicht mehr zu Markte zu tragen sondern zu fahren  Es war einfach die günstige und praktische Form einfachster individueller Mobilität, bevor es dann zum ersten lifestyle Vehikel des europäischen Kontinents aufstieg. Das Konzept aber könnte heute eine Rückkehr zur neuen, notwendigen Einfachheit verkörpern: leicht, robust, sparsam, langlebig.

ac4Ein anderes Denkmal der Mobilität wird auf dem Weg nach Piene (genau:wie Otto Piene) unterquert. Eine Brücke der A45, die noch nicht der Überlastung durch den  Verkehrsstrom zum Opfer gefallen ist. Ein ganz allmählicher, zäher Anstieg. Hier wechsle ich die Seiten der A45: denn diese große Runde mich parallel an der A45 entlang – einmal an der Westseite hinauf, dann an der Ostseite hinunter. Dafür fast ohne Brücken.

Die nächste Talsperre entlang, graues, kräuselndes Gewässer. Gut gefüllt. campingsiedlungen nehmen stückweise den hang ein. Die Kilometer werden geschluckt, solche Einsamkeit läßt sich aushalten, Menschen hie und da vereinzelt. Automobile spärlich und umsichtig.

ac5Unter eine Förderanlage hindurch: besonders holpriger Straßenbelag. Hier produziert die BAG Schotter für den Straßenbau. Der Schuster läuft in den löchrigsten Schuhen; herumsthende, abrißreife Gebäude zeugen von der infrastrukturellen Bedeutungslosigkeit der Gegend

Noch den Biggesee seitlich mitnehmen und ein dann nach der letzten Welle hinunter zur Ruhr nach Attendorn. Die bekannte Schieferzwiebel des Kirchturms grüßt zentral – wir bleiben auf der Außenseite der Ruhr.

ac7Zwischenbilanz: Cappuccino kostet hier 3 Euro und 10 cent. Kaum mehr als das Chicken Tiryaki – sandwich. Denken sie mal darüber nach. Gleich neben der Tankstelle fließt gemächlich die Ruhr entlang und gemächlich tauchen hier und da Radwanderer auf. Einer von 10 fährt nur dank Muskelkraft .

ac8So erklärt sich diese selten aufwendige Luftstation für Radler, die alle Ventiltypen der Erde bedienen kann. Kurz geprüft: nein, die 25mm slicks sind prall, rollen geschmeidig. Es kann so weitergehen.

Ein paar Vorräte einstecken, jetzt beginnt der lange, entbehrungsreiche Weg durchs Siegerland. Die Mischwälder werden vom Nadelholz abgelöst. Ungefähr 80 Kilometer werde ich mich nach Südosten von einem Tal zum nächsten hangeln, bis der Höhepunkt der Fahrt, die Hainicher Höhe, dem Übergang aus dem Rothaargebirge.

ab1Links und rechts : immer wieder das gleiche Bild, sobald ich aus den Tälern hinaufsteige. Bodenraspel und Holzstapel.

Und die Anstiege, die sich als anspruchsvoll eingeprägt haben, kommen schneller als gedacht. Dieser schöne Name : Apollmicke. Nackt steht der Hang jetzt in der Sonne. Die härtesten Meter (gerade hinauf, steil und steiler) liegen gnädigerweise im Schatten. Schweiß fließt jetzt spürbar

ab5Kaum ist die holprige Abfahrt verdaut, geht es bald Richtung Littfeld, auf die in Prozenten schärfsten Steigung der Fahrt. Ich esse, trinke und nähere mich mit Respekt. Alles wirkt  zunächst harmlos. Ein Elektrobiker zieht mit klingendem Spiel vorüber, wo ich vorsichtig mit 26er im Wiegetritt hinaufziehe. Kerzengerader Weg, die Steigunsprozente nehmen mit jedem Meter zu.  Klug ist es nicht, 28 Z oder mehr sparen auf Dauer spürbar Kraft.

ac91Doch man kommt an und ganz kurz stelle ich das Rad am Gipfelgerüst ab. Hier ist Halbzeit. In meiner Erinnerung war die Mehrzahl der bösen Anstiege bewältigt. (Was leider nicht stimmt)

Erst nach Netphen wird es beschaulicher – dort folge ich der Sieg und dann dem Flüßchen Werthe, stetig und langsam aufwärts, Sonne strahlend von oben rechts. Immer wieder kleine Unternehmen die ich als Bekannte passiere. Muß daran denken, gut zu trinken, viel ist nicht mehr drin. Links verliert sich die Straße ins Rothaargebirge, ich werde es streifen und mit Abstand grüßen.

ak4Die Hainicher Höhe, der finale große Anstieg des Tages, von dem der Blick sehr weit nach Norden auf die zurückgelegte Strecke geht. Bläuliche Landschaft, die gerade gemähten Weiden, die süßlich nach Lakritz riechen, immer wärmer duftet der Sommer.

ab6Oben dann: geschorene Kuppen, die gerodete Hänge, die Forstglatze

Immer wieder an immer neuen Stellen und immer noch stehen tote Bäume herum.

ab4In der Fahrt über die Hainicher Höhe kommt mir noch ein Traktor entgegen, der Holz geladen hat. Ist nicht der Erste heute. Sie holen alles heraus, um nicht auf das teure Öl oder das knappe Gas diesen Winter angewiesen zu sein. So bin ich Zeuge einer doppelten, lautlosen Katastrophe, und irgendjemand wird einmal die kahlgerodeten Oberflächen zusammenzählen, die erst in 20 jahren wieder Wälder werden wachsen. Wobei zu  klären wäre: welche Wälder? Was wächst hier noch, wo es immer trockener und wärmer wird? Unweigerlich kommen mir die gerodetetn Wälder Oregons in den Sinn, denen der Photograph Robert Adams ein Denkmal gesetzt hat. So schnell kann es gehen.

ab7Die große Abfahrt nach Ewersbach hat begonnen, fast 10 Minuten schnelles Rollen. Genug Zeit zur Erholung , genug Zeit, um über den nächsten Stop nachzudenken. Vor den zwei Hindernissen, die noch zwischen hier und Gießen liegen, muß  dringend nachgetankt werden. Da!!, beim sanften Rollen geschieht es, es ist ein kurzer, trockener Schlag. Das typische geräusch einer gerissenen Speiche.

a9Km 200. Hier stehe ich am räudigsten Edeka. Das Hinterrad eiert gewaltig, da sich aber Eingelenker weit öffnen lassen, steht die bremse nicht im Weg. Während ich eine komplette Orangina schlucke, Trockenobst und salzige Nüsse kaue, muß ich mir meine Gedanken machen. Es ist schon so, daß 35 Speichen halten können, solange die anderen nicht anfangen nachzugeben.

ak5Jetzt keine unnötigen Belastungen. Also gerade Strecken wählen, keine scharf gefahrenen Kurven, kein Wiegetritt. Vielleicht auch nicht mehr das größte Ritzel auflegen, das der Nabe am nächsten kommt und beim Tritt die höchste Belastung ausübt. Das Ziel 300 Kilometer muß ich aufgeben, dann werden es nur 250. Gießen bleibt links liegen. Die große Straße an der ich stehe, führt direkt nach Dillenburg, ins Tal der Dill. Eine breite Straße, die auf der Höhe der Nirosta-Walzwerke sechsspurig wird. . .

ab3Einen offenen Radladen sehe ich an diesem Samstagnachmittag nicht „wir sind heute auf der Interbike“, unterdessen rollt die Maschine ganz erträglich. Nach dem ersten Schreck wächst die Zuversicht. Das Rad eiert, aber es wird nicht schlimmer. Dennoch ein seltsames Gefühl, darauf angewiesen zu sein. Denn mit den zwei  kleinen Lokalbahnen (Dill und Lahn) wird es –  wenn überhaupt – nicht unter 4Stunden gehen und dann bleiben immer noch viele Kilometer Wanderung bis ans Ziel. Aber solange es rollt, rollt es.

Nicht auf einen Zug warten, sondern über den Westerwald auf kürzestem Wege heim. In Herborn den Beilsteiner Anstieg beginnen. Schonend, gleichmäßig, langsam tretend, auf keinen Fall reißen. Die Nachmittagssonne ist angenehm, die Kalorien im Blut.  Der Weg ist noch weit, Es muß gelingen, die Pedale müssen gestreichelt werden. Auch ein Training

ak6Und irgendwie geht’s, Welle um Welle, mit jedem Meter wächst das Vertrauen, während die Sonne immer milder scheint. Volle Talsperren waren dem kleinen Radfahrer ein Trost

aa2.

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PS 10 : die Jugend dekonstruieren

aa1

Es war mein erstes Rennrad und seitdem ich ihm ungefähr 1982 entwachsen bin,  hat es nur noch ein Dasein in verschiedenen Kellern gefristet. Was geschieht, wenn man sich endlich entschließt, ein Erinnerungsstück aufzugeben? Ein Rennrad ist keine Madeleine, die man in Tee taucht, und damit eine ganze Epoche hervorzaubert Ein Rad, das man nie mehr bewegt, ist ein schöner, aber eher staubiger Gegenstand.

ab3Es trägt die Spuren der Zeit, ein paar Ausbesserungen, hier und da  die Versuche persönlicher Verfeinerung.  Die Unveränderlichkeit des Materials wundert schon –

Natürlich erinnere ich mich an den Sturz: der Anfang meiner Zeit als Jugendrennfahrer war im Grunde schon das Ende, es war eine Meisterschaft in Straelen und der junge Mann vor mir, dessen Hinterrad ich gefunden hatte, machte einen plötzlichen Schlenker. Er hieß Dirk Petrol, wie ich dank der Startnummer herausfand. Ich sehe mich im Straßengraben, neben dem rotierenden Schlauchreifen…

1975 Thevenet - 11Den neuen Vorbau kaufte mein Vater mir dann im Peugeot Shop auf der Avenue de la Grande Armee – gleich hinter dem Triumphbogen. Muß 1979 gewesen sein. Peugeot hatte in diesem Jahrzehnt zweimal die Tour de France gewonnen, mit Rädern in genau diesem Silber. Seitdem gelang Peugeot nie wieder ein Tour-Sieg, die Räder änderten sich, und auch die drei goldenen Jahrzehnte der Simplex Schaltungen und Mafac Bremsen gingen zuende. Und ich bin nie wieder ein Rennen gefahren,

ab4Aber eine sportlichen Erfolg habe ich auf diesem diesem Rad gefeiert, nämlich die 100km Marke zu durchbrechen – Jahre später an einem feuchten Spätsommertag mit dem Regina Jugendkranz von minimal 19 Zähnen. Ein Nachbar hatte mir dafür noch sein Bianchi Faema Wolltrikot geliehen, das schon zu knapp war, genau wie das Rad. Die längste Reise dann mit dem Schulfreund nach Köln-Deutz zur IFMA 83, eine Autogrammkarte von Felice Gimondi verwahre ich bis heute.

Seitdem der Keller und jetzt der Versuch, die Reste zu verwerten. Nach dem Abschied von der Vergangenheit  nun die Konfrontation mit der Gegenwart der Fahrradwelt. Dank Schutzblechösen könnte es durchaus eine brauchbare Basis für ein hübsches Stadtrad , ja sogar einen modernen Graveler oder Randonneur abgeben – aber die Realität des Fahrradmarkts ist eine gespaltene

aa2Einen Sammler wird es nicht interessieren: das „Mittelklasse Peugeot“ ist eine zu herkömmliche Maschine, kein Spitzenrennrad und Anbauteile, wie die Mittelzugbremsen und die mit Plastik befestigten Schaltungen haben nur wenig Fans.

ab1Auch diese eigenartigen Stahlsteuersätze, die ewig halten und viele kleine Kügelchen verlieren, finden wegen des französischen Gewindes wenig Freunde, ein nachteil sind sie indes nicht. Es ist das Umfeld.

Hier die Wohlstandsbäuche den Ebikes, dort die Mitellosen, die das erste Ding nehmen, was zwei Räder hat und nicht geklaut wird. Dann in einer anderen Ecke, die Feinmechaniker und Freunde edelster Sonderstücke. Die Kenner und dazwischen die verunsicherten Normalos . . . .

Schrauben und montieren wollen die wenigsten – sei es aus Ignoranz, sei es, weil niemand ihnen sagen wird,  wie es geht. Man kann auch sagen: es ist uns abgewöhnt worden. Dabei sind herkömmliche Räder keine Raketentechnik. Alles nur Gewinde, Schrauben, Buchsen und ein paar Lager.

ab2Auch wenn man von  Lieferproblemen hört : sie betreffen doch eher Wunschbestellungen unserer Zeit. Aus der Unmenge an bestehenden Teilen ein Rad für seine Zwecke zu bauen, diesen Aufwand will niemand angehen, selbst wenn es schneller ginge, als auf die passende Schaltung aus Shanghai zu warten. Für die Läden ist es kein Geschäft, für die Kunden ein Spiel mit ungewissem Ausgang. Diese Situation ist mir in den letzten Tagen, als ich eine Handvoll Interessenten ansprach, nur viel zu deutlich geworden. Wir leben  -allen Unkenrufen zum trotz – in üppigem Wohlstand, zumindest in einem konfortablen Zustand seliger Desinformation.

ac1Voilà,  jetzt werde ich es neben irgendeine Waschmaschine an den Straßenrand stellen, wo es nicht lange warten braucht, bis ein Alteisensammler (sie sind fleißig unterwegs zur Zeit) das schöne Reynoldsrohr wieder dem Kreislauf der Metalle zuführt. . . .

Was wird mit den Erinnerungen geschehen, wenn dieser Rahmen für immer verschwunden ist? Ich glaube wenig, meine Erinnerungen werden  einfach überleben, denn sie stecken in mir, genau wie ich jetzt noch das Zwicken des engen Wolltrikots fühle ,als es allmählich auf dieser 100km RTF nass wurde…

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