5 Minuten und 1 Reißzwecken

Da war dieses leise Tickern. Schon ein paar Minuten lang. Ein milder Tag aber leider feucht, Traktoren hinterlassen einen Erdfilm, der langsam das Rad hinaufkriecht. Tick tick tick. Also anhalten und langsam den glänzenden Vorderreifen drehen, au warte: der blanke Kopf eines Reißzwecken, schön flach wie eine Sattelniete, Volltreffer.

Wir wissen, daß dieser Moment irgendwann da ist – darum verdrängen wir ihn gekonnt.

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Abziehen und zuhören, wie schön gleichmäßig die Luft entweicht; einen Augenblick  lang möchte man den Geist gleich wieder in die Flasche drücken. Quatsch. Der schöne Zaun hilft  sich schnell ans Werk zu machen.

Zwei Reifenheber, breit und aus gutem Kunststoff,  ein Schlauch und eine gute Pumpe. Und das Glück, mit dem Randonneur unterwegs zu sein. Die Unterschiede sind subtil, aber sie sparen sehr, sehr viel Zeit.

In den letzten zwei Jahren setzen sich mit massivem publizistischen Rückenwind breitere Reifen für Rennräder durch. Das hilft sicher auch ein paar Rahmen verkaufen weil die alten zu eng sind, oder sogar eine neue Kategorie Räder auf den Markt zu schreien.

Berührt mich wenig: für mich gibt es endlich viele neue leichte breite Reifen für Rennräder und Randonneure, die irgendwo zwischen alle Nischen gefallen sind.

a randonaßßBreitere Reifen  – also plusgleich 25 helfen in der Not vor allem, weil die Mäntel dann etwas weiter geschnitten sind und besser über den Schlauch ins Felgenhorn fassen.  Die um 3 mm breitere Felge des Randonneurs kommt glücklich dazu. Der Witz ist am Ende die Paarung. Es gibt nämlich Reifensorten, die mit gewissen Felgensorten gar nicht können. Was in der Wärme des Wohnzimmers nur nach entsetzlichen Qualen ungefähr so paßt, wie Obelix die Legionärsuniform in Größe L, würde in der freien Natur zum Nervenzusammenbruch führen. Wenn die Felge nicht will,  hilft kein Testsieg und keine Pannensicherheitsnote mehr.

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Bei der Kombination „Gatorskin 28“ und „Wolber59“ darf ich der Welt verkünden: et voilà. Und noch ein Punkt für den Randonneur : – die SKS Standardzweikopfpumpe schafft ohne herkulische Anstrengung die 4 bar, mit denen eine solche Fuhre rollt wie ein alter Citröön.

Das war jetzt vielleicht ein wenig viel Product Placement auf einmal, aber wer mir im Gegenzug seine beste Kombination für die berühmte MA/2/MA40 von Mavic verrät, dem wäre ich wirklich sehr dankbar.

Kurze Zeit später belohne ich mich selbst zur pünktlichen Heimkehr.

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Das ist „die Zeit“ Ausgabe 34 vom 17.August 2006. In diesem Artikel wird das Ende eines großen Investitionsbooms amerikanischer Immobilien beschrieben. Viele Hypothekenverträge sind extrem riskant . . .  steht in der Zwischenüberschrift. Am Schluß taucht auch das Wort „Blase“. Das war so 24Monate, bevor jemand den Reißzwecken zog.

Ich ziehe aus der alten Zeitung vom Trödler nun mein flüssiges Spekulationsobjekt.

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Und was soll ich zu dem golgelben Tropfen sagen? Prost!

 

 

 

 

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Aristoteles im Voyager

Morgenluft einsaugen,  draußen nach den ersten Spuren neuen Lebens sehen. Sind schon einige da auf 50°Nord 8° Ost.

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Seit 40 jahren ist ein unbemanntes Flugobjekt unterwegs um „da draußen“ neues Leben zu suchen  und gleichzeitig von unserer Existenz zu künden. Auch wenn wir bald den Kontakt verlieren und nichts mehr steuern können, wird Voyager auf seiner Laufbahn in 38000 Jahren den nächsten Stern passieren. 38tausendmal Erdenfrühling.

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38000.  Nicht nur für Aristoteles wären das schwindelerregende Dimensionen, die er dennoch hätte abmessen können. Denn Aristoteles, Hauslehrer Alexanders,  ist zuerst Naturwissenschaftler.

Hier sitzt er an seinem Schreibtisch und verfaßt seine Betrachtungen zur Physik. So jedenfalls stellte man sich den Mann über 1000 Jahre nach dessen Tod vor. So lange ungefähr nämlich hatte es gedauert, bis die Erkenntnisse der Antiken Wissenschaft langsam wieder in Umlauf kamen. Im Raumzeittunnel des Christlichen Abendlandes waren sie aus dem Reich der Antike abgesandt worden und durch die Finsternis der Zeit gegangen. Eine Flaschenpost oder besser: eine Zeitkapsel, die darauf gewartet hat, wieder geöffnet zu werden – vieles war einfach wieder vergessen worden.

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Der Zusammenhang zwischen der Programmierung einer Raumsonde und den alten Folianten auf Pergament ist vielleicht nicht direkt ersichtlich. In beiden Fällen ist Wissen zu übermitteln. Während die Mönche, die in den Abteien die Schriften Aristoteles entzifferten durch den Code der Schrift durchaus  verstanden (Schriftgelehrte schrieben auf altgriechisch) , was der alte Grieche meinte, war das Buch der Steuerungsbefehle für die Voyagersonde nur noch wenigen pensionierten NASA Mitarbeitern zugänglich, die die Programmiersprache entwickelt hatten. Nur 40 Jahre nach dem Start. Für ein Gerät, daß sich aufmacht die Botschaft unserer Zivilisation in die Ferne des Universums zu tragen…

Natürlich ist eine Raumsonde kein metaphysisches Projekt. Interessant ist an diesem Beispiel, wie kurzlebig und verwundbar Softwaresprachen sind, mit denen wir unser Weltwissen speichern und fortschreiben. Schon vor über zehn Jahren wurden Verfahren der digitalen Migration ersonnen, allein um die Inhalte von Datenträgern auf neue Datenträger zu übertragen. In der Hoffnung es sei weiterhin möglich, auf dem Sockel des vorherigen Wissens das zukünftige zu bauen.Und wenn man die Körperlosigkeit „der cloud“ als neuen Speicher definiert, dann wird die Frage der Auslesbarkeit noch unklarer.

S0365415Diese Ausstellung im Berliner Gropiusbau (der Eintritt unter 16 Jahren ist frei), zeigt, wie  schneckenhaft  Datenmigration über Länder und Religionsgrenzen im Europa vor 1000 jahren war. Bücher =Daten waren selten, der Anteil der Auslesenden gering – aber konstant. Im Namen der Rose erhalten wir davon ein unterhaltsames Bild. Der lange Schlaf endet gerade erst und die Aufweckphase dauerte gut 200 Jahre.

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Als Kind eines analogen Zeitalters bin ich analogen Trägern gegenüber (wie diesem Astrolaben) nicht frei von Vorurteilen. Durch sie habe ich den größten Teil meiner Welterkenntnis genossen. Und dieses Objekt von fast 1000 Jahren bestätigt, daß Botschaften über die Zeit lesbar und verwertbar bleiben, auch wenn ideologische schwarze Löcher zwischen dem Brand der Bibliothek von Alexandria und den Mönchen im Skriptorum durchlebt werden müssen.

Die wundervolle und reichhaltige Beschäftigung mit Aristoteles (dauert ebenfalls 700 Jahre an) behandelt aber eine andere Ebene als die Programmierung von Voyager und dem digitalen Zoo unserer Zeit . Ein Sprachproblem am Ende. Wie können die Unmengen an neuem Wissen, die Unmengen an neuen Lösungen in einen Code überführt werden, der ebenfalls die Zeit überdauert und immer kommuniziert werden kann?

Wir erfahren die enorme Bereicherung die uns die digitale Welt bringt (dieser blog !lol!) und haben uns schon längst an ihren neuen Komfort gewöhnt. Wir werden noch eine ganze Fauna neuer Geräte erzeugen, die ihre Gebrauchsanleitung mit sich führen und uns Bediener an die Hand nehmen, bis wir begriffen haben, was sie von uns wollen. Mittlerweile haben wir ihnen fast alles anvertraut, was wir über uns wissen.

Notwendig ist eine Sprache und ein Träger (oder gleich eine Metamaschine), die sich selbst speist, repariert und entscheidet, ob sie in 38000 Jahren noch ausgelesen werden kann.

Wir Menschen können uns dann weiter um unsere kleinen Kreisläufe kümmern, um die ersten Blumen, umgewehte Bäume und alles, was wir Leben nennen.

 

 

 

 

 

 

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Ein milder Blick auf die kalte Hauptstadt

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Suchen wir einen Nullpunkt. Nicht die Stunde Null : die gibt es nicht. Nehmen wir einen gestandenen Roman der nie ein gestandener Roman sein wird

ab3Nehmen wir Berlin: Alexanderplatz. Bekannt schon längst aus Funk und Fernsehen, alle Schauplätze seit 1989 wieder begehbar, rekonstruierbar. Die Rekonstrukteure der ersten Stunde sahen da ein neues Preußen entstehen (Preußen wurde 1934 ohne Widerstand annuliert), andere suchten ihre Kindheit,  andere ein neues Eldorado. Letztere scheinen eher die Karten in der Hand zu haben.

art6Ich stehe morgens am Fenster mitten in Berlin und sehe sie an mir vorüberziehn im kalten Morgendunst eines Januartages. Die neuen Radfahrer. ich habe die letzten Jahre des alten Westens erlebt und des alten Ostens und da waren es weniger, viel weniger. Seitdem war keine Stunde Null, eher ein Nulldurchgang zu unbestimmtem Zeitpunkt.

art5Das alte Westberlin: das war DDR deluxe, eine gigantische Montage von unsanierten Altbauten, Abschreibungsmodellen, günstigen Subventionsoasen und unbegreiflichen Brachen. Der verrentete Schreiner der Verkehrsbetriebe verkauft uns seinen alten Benz und sagt: damals hat Arbeiten noch Spaß gemacht. Ganze Segelschiffe habe ich dem Chef  zurechtgemacht. Nicht überall so, aber es war möglich. Damals waren weniger mit dem Rad unterwegs und meist nicht zu einer Arbeit.

brad4Seit etwa zehn Jahren verdichtet sich die Sache. Der urbane Zustand von „Berlin Alexanderplatz“ wird (in etwa, entfernt verwandt) optisch wiederhergestellt, die Mietskasernen des Gleisdreiecks , die Townhouses vom Volkspark und die Schließung anderer Lücken und Ecken erzeugt eine Struktur, die 70 Jahre über noch Stückwerk war und jetzt in eine Berliner Neoklassik – Traufhöhe – übergeht.

bindustriarbWer nun glaubte, die Welt eines Franz Biberkopf kehre wider, der irrt. Wer denkt, das Kreuzberg von „Ton Steine Scherben“ lebe in kernsanierter Form weiter,  irrt noch mehr. Die Massenunterkünfte der Industrialisierung gibt es nicht mehr, die Industrie ist einige Kontoinente (weit) weg.  Der sortierte preußische Slum um den Rosenthalerplatz wurde ungefähr als erster umgestülpt: er ist längst schon in Hand einer eigentumsbildenden Single- und Rentnergesellschaft, Berlin tickt jetzt anders. Es das ideale Spielfeld dessen geworden, was Veblen eine „rent seeking society“ nannte.  Und das mitten in Deutschland.

bmodeEs wird immer die geben, die das ancien régime und seine unwiderbringliche Süße beschwören. Nicht wenige davon sind nach Berlin gezogen. Aber es gibt dann gleichzeitig die, die damit neues Geld verdienen werden.

Was den Nulldurchgang beschleunigt hat war, was ein Industrieknecht „Drohnenarbeit“ nannte. Ministerien, Verwaltungen, Verbände: der Hof und sein Gefolge. Die Welt der Moden un des guten Geschmacks und eine Menge Tertiäres. Und der so lang ersehnte Tourismus! Jener, der zu Zeiten der Mauer eine der großen, stark geförderten Hoffnung war, eine Tourismusmetropole zu werden (vergesst uns nicht!), ist endlich in Erfüllung gegangen. Potsdamer und Leipziger Platz wie sie jetzt aussehen, sind eine fast surreale  Verbindung von Historienmalerei, Zukunftsastrologie und Konsumparadies: ich sah die mall of Berlin- sinnleer, ineffizient aber vollendet funktionierend .

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Die Klagen der Restrepublik und des Westens sind reine Komödie, was das Auslaugen der Provinzen angeht. Kapital sucht seine Rendite, genau das tat es nach dem Krieg, als es die Stadt verließ und darum kehrt es in den letzten 15 Jahren verstärkt zurück. Und es sucht sich mit der Macht des Faktischen seinen Platz: er wird ihm gewährt, im Rahmen gewisser Rechtsnormen, gewiß, aber Recht ist eine Auslegungssache und 5% p.a sind 5%. Vertraglich zugesichert, wir haben eine prima Flächenbelegung, danke.

ab1Ein sehr hohes Mietshaus am Mendelsohn-Bartholdy Park, ein ebenso umfangreiches an den Yorckbrücken, eine alte Diskussion; „das Mieterschutzgesetz ist ein Fetzen Papier (BA) „.  Rechtsbeihilfe und Mieterschutz sind richtig, das crowding out durch Mieterpressung skandalös. Aber dahinter stehen keine politischen Strömungen sondern Menschen, die sich Raum kaufen und per Kapitalhebel Raum weiterverkaufen.Genau dafür bietet diese Stadt, anders als Düsseldorf, Paris oder Tokyo noch genug Platz. Auch wenn dabei eine Blase entsteht: was gebaut ist bleibt und mit denen, die es erwerben (können) entsteht – aus der Sehnsucht nach dem vergangenen Berlin! – eine Nachfrage nach völlig neuem Komfort.

Hier sehe ich eine funktionierende Stadt mit sauberer UBahn, SBahn,Busverkehr, und Müllentsorgung: alter Arbeitsadel mit sehr begrenzter Aufnahmekapazität.Aber auch er ist Teil des ancien régime: die Generation amazon schafft sich keine Gewerkschaften, denn die Generation amazon beutet sich (als Kunde von amazon) lieber selbst aus  und scheint wenig interessiert an  Solidargemeinschaften., weil sie spürt, daß die alte Gewerkschaftsgesellschaft   für sie nicht funktioniert.

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Weil Industriearbeit in unseren Breiten längst Drohnencharakter hat und der Sachbearbieter die nächste Schwundstufe darstellt, ist das entkernte, sanierte, renovierte und co-working-space-sharende Berlin ein Ort mit größtem Zukunftspotential. Und auf dem Weg in diese Zukunft gibt es immer mehr Radfahrer: die neuen Diener und Helfer, das neue Proletariat der neuen Arbeit. Gleichzeitig die Zukunft eines neuen régime im Jahr 1 nach Merkel.

art01Gemessen am Stand von 1990 gibt es massenhaft Verlierer, Abgehängte und Benachteiligte. Deren Los soll nicht nicht relativiert werden mit der Behauptung, es gehe ihnen um Welten besser als den Franz Biberkopfen und allen, die nach 1930 ihre Stellung verloren. Nur war 1990 ein Zustand unter Null, in Realpreisen gerechnet. Wir sind deutlich drüber und besser.

bcarcosmeticDenn im Vergleich mit europäischen Metropolen – London (Geburtsort der Slums) rechne ich noch ein-  die Chancen hier immer noch anders verteilt, die Wege kürzer, Strukturen offener: die neue rent seeking society braucht ihre Diener, Aufwartefrauen, Car-Cosmetics und andere Helfer, sei es die nächste App. Eine Generation auf Fahrrädern wird sie stellen und Dinge anbieten, auf die eine neue Schicht von rent-seekern unbedingt angewiesen ist.

brad8Und in dieser flachen, weiten Stadt können sie mit dem Rad problemlos alle Ziele  erreichen. Nicht der Umwelt wegen, das ist ein Freizeitmärchen, es sind die Kosten, die Geschwindigkeit und die Wendigkeit, mit der sie sich gegenüber den alten Drohnen einen Vorteil verschaffen.

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Es ist ein härteres Pflaster geworden: aber eines mit besserer Aussicht. Manche holen sich (vorübergehend) ihr Brennholz  im neuen Park – bis es der ökologische Fürst verbietet. Aber auch der hat nur 1 Direktmandat. Auch er ist Teil des ancien régime . . .

 

 

 

 

 

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Der alternierende Apfel

Da stand er zwischen den Völkern

a imkerGelbe Gummistiefel, ohne Handschuhe hält er den Deckel vom Kasten. Die Kästen stehen in einer windgeschützten Ecke, da wo die Bahngleise ins Nichts übergehen und das Reich der Sträucher beginnt.

awildkirscheWieviele sinds? „25 Völker und zwei junge Leute lerne ich gerade an“. Er macht den Deckel wieder drauf und sagt „Alle überlebt!“

Wo ich herkomme?  – –  : „Ah, aus dem schönen Thalheim“ : 2 Grad mehr als hier oben. in Limburg sind es 3 Grad mehr und in Mainz 5. Während wir den Thermostat schonmal von 22 auf 24 Grad  rechnet die Natur in Zehntelgraden.

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Ich bestätige die mikroklimatischen Beobachtungen, hier oben auf der Bahntrasse weht es kühl, es weht ein seltener Südost –  aber der Imker beruhigt mich: für diesen Winter ist kein konstantes Uralhoch mehr zu erwarten. Bis 15 März, dem entscheidenden Datum für unsere Vegetation. Ich merke mir die  Angaben und reiche sie an alle Leser aus unseren Breiten weiter.

Noch sind die Farben sehr gedämpft , nur ganz wenige Büsche scheinen sich zu verfärben.a Gestrüpp

Über Bienen wird inzwischen häufiger berichtet, sogar kinoformatig. Der Imker meint, es würde langsam etwas durchsickern, über die Bedeutung der Insekten. Seinen Völkern geht es gut (und ich verrate ihm nicht, daß das letzte Jahr in Frankreich einer Katastrophe gleichkam. Dreiviertel der Honigernte fiel aus). „Alle überlebt.“

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Seine Völker befliegen rundum zuerst Weiden, dann Schlehen, viele Wildkirschen und später Heckenrosen – alles, was der Bahndamm hergibt. In den Gärten sind es die Johannisbeeren.

Wenn die Äpfel wie im letzten jahr mehrheitlich ausfallen, sei das kein Drama. Der Apfel alterniert. Man wisse nicht genau wann, aber in gewissen Jahren würde der Baum lieber wachsen als Äpfel produzieren. Das sei kein Problem für Bienen. Ein Problem sei der Raps.

Nikotinamide? Er zieht die Schultern hoch, öffnet die Hände: „Langsam sickert es durch. Ich habe Glück, Ich habe 25 Völker und  5km rundum gibts keinen Raps. “

 

 

 

 

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Huschkes Halstuch

Das Jahr ist noch sehr frisch, Dreikönige gerade vorbei und schon liegen die Straßen voll entschmückter Tannenbäume. Mit einem kräftigen Griff wird das aromatische Grün in die Preßmäuler der Berliner Straßenreinigung gewuchtet.

christbaum bsr

Und jetzt: den Bäumen hinterher – nicht in die Müllverbrennung: nein, dorthin fahren, wo sie wachsen. Draußen vor der großen Stadt.

apankow1Die U2 führt mich hin, Endstation Pankow. U- und SBahn. Hier hielten die Sonderzüge : Bahnhof in dunkelrotem Backstein mit Terrakotten. Hält schon länger, wird noch lange halten. Vor den Eingängen sind jetzt Fahradständer aufgebaut mit zwei Etagen.

Das tschechische Bier in mir dampft noch aus. Vor acht Stunden endete eine gesittete Runde mit Vertretern Berliner Radsports im  „Prager Frühling“ , ein paar hundert Meter die Straße hinunter.  Nun stehe ich wieder hier und wärme mir die Hände am Kaffeebecher aus der Bahnhofsbaude.

Eine Weile lange nichts…am Abend des 9.februar 1928… in dem die letzte Nacht im Stuttgarter Sechstagerennen gerannt wurde – Sieger blieben VanKempen-Frankenstein mit 726 Punkten,2440 Kilometer – die lage im Saargebiet verschärft erschien…einem Dienstag (bitte einen Augenblick, Sie sehen jetzt das geheimnisvolle Antlitz der fremden Frau, die Frage dieser Schönen gilt jedoch auch Ihnen: rauchen Sie schon Garbaty Kalif?)..“

ich sehe hier keine fremde Schöne, die Frau in den weißen Socken hat eben nach einem Abort gefragt und ich heiße auch nicht Biberkopf und das Garbaty Center (Pappe mit Applikationen, ca 2008)  mir gegenüber hält den kalten Nordost auch nicht ab.

Pankow, dank Bahnstation und Vororttarif schon 1900 verstädtert und mit dem Berliner Norden verschmolzen. Die Stadt ist noch nicht zuende, aber sie öffnet sich schon: Schloßpark, Bürgerpark, Rathaus – angenehm lockere Struktur, luftig, im Augenblick eher windig, Garbaty, ehem. Cigarettenfabrik –  als Berlin noch rauchte. Wichtiger jetzt: Wärme. Durch Kaffee oder durch Bewegung. Und Überschuhe.

abotschafterpankowsRadsportler sind Frühaufsteher und pünktlich. So auch der Botschafter des Pankower Radsports. Er hat eins an jeder Hand, eins für sich, eins für mich. Zweimal Concorde, eines auf 80cm Sattelhöhe: zweimal auf dem Bürgersteig wenden  -passt. Klick Klack rein in die Pedale, noch schnell den Kollegen abholen und zu Dritt raus nach Norden.

Der Norden ist flach und märkisch, wir folgen den letzten Trambahnlinien. Eine Vorstadt ist kaum vorhanden, ein paar Gewerbesachen, hier und da Autohändler hinterm Zaun, aber nichts titanisches; weder 12 spurige Zubringerschleifen, noch Ikea Stelen noch Parkplätze bis zum Horizont.  Straßendörfer in Putz und Backstein und dem kleinen Kirchturm, das neueste hier ist der Radweg. Wir sind ganz unter uns und schmecken den Wind – Nordost,steif.

Was ich auch schmecke und wovon der Geschmack neu ist, ist die Flachheit. Flach und schön geradeaus. Das verlangt eine andere Kraft. Sie muß eingeteilt werden, fein abgestimmt. So, daß es sich anfangs zu leicht anfühlt, nach fünf  Kilometern richtig und bei der kleinsten Veränderung des Profils schon (beinahe) zu schwer. Und bei Wind: immer eng beisammen, denn der Wind wächst nicht nur mit dem Tempo im Quadrat, sondern auch die Kälte. Chausseen Chausseen, hier und da ein improvisierter Bau, eine aufgelassene Kaserne und  irgendwann hinter einem Knick: nur noch die Mark.

abrandenburgwandlitz

Soviele Finger , wie ich an einer Hand habe – mehr kommen uns nicht entgegen an diesem Morgen. mein Vormann kurbelt leicht und konzentriert. Der Botschafter erhöht langsam die Schlagzahl und gewährt mir von Zeit zu Zeit die Ehre, ihn abzulösen. Unser Trio funktioniert, fast gleichzeitig pulsieren die Atemwölkchen aus.Wir sind auf der kleinen Huschke Tour und ich biege kurz ab (in Gedanken) während Muskeln arbeiten.

alexanderplatzIch werfe einen Blick ins Getriebe und das Getriebe heißt Berlin. Eine Stadt als Buch: Berlin Alexanderplatz. Spielt 1928, also recht genau vor 90 Jahren. Geschrieben von einem Kassenarzt vor Ort, der den täglichen Sound der Patienten seiner Praxis direkt zum Roman macht.

Berlin zur Zeit seiner maximalen Dichte,  das SBahn Netz hat volle Ausdehnung, die Häuser sind vollgepackt. Die Menschen arbeiten, Berlin ist keine Verwaltungshauptstadt, sonden eine Hauptstadt der Arbeit. AEG und Siemens, Borsig sind Imperien, globale Unternehmen, in denen zehntausende produzieren, zehnstundenschichten schieben, eine handvoll unbezahlte Urlaubstage ersehnen. Die Stadt raucht, qualmt und stinkt.

DSCF1017Der Sport ist eine Möglichkeit. Er verlangt keine Ausbildung, er ist ein Tor zur Freiheit, besonders der Radsport. Boxen und Radsport, die beiden ersten professionellen Sportarten blühen in Berlin. 1909 findet das erste wirkliche Sechstagerennen statt, ein großer Zirkus, eine große Manege. Anders als Rudern und Tennis (oder etwa Reiten) ist es echter Arbeitersport. Hinaus aus der Mietskaserne, raus aus der stickigen Stadt, die immer voller und lauter wird, ab zum Training. Die Besten kämpfen auch um die Extratage Freiheit, die damit verbunden sind. dann werden sie Profis, manche mit 17, wie Adolf Huschke.

Wer Berlin-Alexanderplatz liest ahnt, welcher Welt, welcher Zwinge und welchen Nöten Adolf Huschke schon früh entkommt. In zwanzig Jahren AEG kann auch einem guten Arbeiter nicht gelingen, was Krupka,  dem As der Sechstagerennen gelingt: eine ganze Etage als Wohnung, ein Zimmer für die Räder, wo sonst sieben oder achte in zweien oder nur einem leben müssen. Huschke bringt es zu ähnlichem Wohlstand, hält mit seinem Bruder den Distanzrekord der Sechstagerennen bis heute. Aber lange wird er das Glück nicht genießen. Wir werden bald sehen.

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Wandlitz flott  durchfahren,  wieder ins freie Feld und dannhinter Kreuzbruch oder ähnlich ; kurz vor dem Kanal ab in den Wald. Den durchzieht eine gut geteerte Straße, die periodischVerengungen aufweist, damit der Autofahrer nicht auf dumme Gedanken kommt. Das Korn ist nicht zu glatt und nicht zu grob. Es ist der Radfernwanderweg  Berlin -Kopenhagen und die 28erGrandPrix gleiten geschmeidig dahin. Der Wind ist futsch,  Unterhaltung wird möglich. Der Wald – ebenso leer wie die Landschaft vorher : auch Radwanderer zieht es um diese Zeit nach Süden. Uns zieht es zu Huschke.

a huschke topAn einer verfallenen Lungenheilanstalt endet die Waldroute, wir überqueren den Havelkanal und sehen erste Häuser: Zivilisation! Schon eine große Straße auf die wir einbiegen, es geht noch über eine Brücke und dann sind wir an der historischen Stelle. Dort, wo die Pfeile sich auf der karte treffen. Unser klitzekleines Opfer für Huschke ist gebracht, dem einzigen Radrennfahrer, dem in Deutschland ein Denkmal gewidmet wurde.

DSCF0825Ich staune, wie gut das kleine Relief den Gesichtsausdruck trifft – keine Verhübschung, kein Langemarckblick. Dafür Radkappe, ernster Blick und ein Detail, ein kleines Dreieck, das über den Abschluß des Trikots ragt. Huschkes Halstuch.

Hier steht der Mann an seiner Maschine im dünnen Wolltrikot von Continental und mit schwarzem Halstuch. Lenkerband ist keins zu erkennen, dafür eine Vorderradbremse- somit keine Bahnmaschine. Ob sie einen Freilauf besaß? Wahrscheinlich nicht, hinten wird starr gebremst. Die Reifen entsprechen gut und gerne 32ern. Fünfzehn Jahre lang war er Profi, dann brach seine Gabel in der kleinen Kurve vor dem Havelkanal, gar nicht weit von der großen Stadt, die ihn für immer freigelassen hat. Aber die Stadt hat eine letzte Überraschung bereit.

Wir ziehn in der fahlen Wintersonne weiter, bolzen noch einmal Tempo durch den Wald hinter Birkenwerder . Hier wird die berliner zeitfahrmeisterschaft ausgetragen. Dann schwitzen wir Richtung Pankow aus. Kurz vor den Häusern der Stadt deutet der Botschafter auf ein Wäldchen auf der anderen Straßenseite, gegenüber einem Baumarkt. Hinter einem Zaun wachsen dort junge Bäume und Gestrüpp.

„Das ist der Friedhof“

„Welcher Friedhof?“

„Der Friedhof,  auf dem Huschke begraben liegt.“

DSCF1043Und tatsächlich finde ich ihn auf einer alten Berlin Karte eingezeichnet. Zwei Gemeinden teilten sich ein Stück Land nördlich von Pankow. Inzwischen sind die Mitgliederzahlen so geschrumpft, daß diese Friedhöfe, die wegen der Enge der Stadt vor die Tore verlegt waren jetzt überwuchern. Darunter Huschke und was von seinem Halstuch bleibt.

a pankgrafenZurück in die Stadt, meine kurze Zeit als Concorde-Werksfahrer in Berlin endet mit einem Cappucino bei einem Mann, der von Neapel nach Pankow zog. Fast wie in Wilmersdorf – das hätte der alte Döblin sich nicht vorstellen können.

„Wind gibt es massenhaft am Alex, an der Ecke von Tietz zieht es lausig. Es gibt Wind, der pustet zwischen die Häuser rein und auf die Baugruben. Man möchte sich in die Kneipen verstecken, aber wer kann das, das bläst durch die Hosentaschen, da merkst du, es geht was vor, es wird nicht gefackelt,  man muß lustig sein bei dem Wetter.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der nächste Weg

Höhenzüge rundum. Keine Berge, nur sanfte Hügel, die oft in tiefhängenden Wolken verschwinden. Manchmal ist die Kuppe nur dank der Blinklichter zu erahnen, mit denen fünf große Windräder ihre Signale setzen. Jeder Hügel bleibt eine Herausforderung – man will immer wissen, was dahinter liegt, auch wenn man es schon tausendmal gesehen hat.

20181Also fahre ich am letzten Tag des Jahres hinauf, um vom Rist aus zu sehen, was im Nächsten auf uns zukommt. Die weiße Gazelle ist dabei.

Auf der Höhe verläuft hinter Wallmerod  in einem großen Bogen die alte Bahnlinie nach Westerburg, ein glatter, geteerter Streifen von 2m, der mal rechts mal links den Blick auf neue Horizonte freigibt. Ich kann sehen, von wo die Wolken aufziehen, ob die Mühlenteiche sich füllen, ob irgendwo das nächste Windrad entsteht.

DSCF4840Diese ehemalige Bahnlinie wurde schon vor einem Jahrzehnt aufgegeben und die Windräder scheinen (neben Funkmasten) eines der ganz wenigen neuen Elemente in diesem Panorama erloschener Vulkankegel zu sein. Der Rest verharrt in TeilIdylle, auch die Suburbanisiserung scheint hier abgeschlossen. Eher stehen Häuser leer, besonders entlang der Straßen. Die Wälder wiegen im Wind die Köpfe und ich husche  von ihnen beschützt auf meinem alten Rad auf ein neues Jahr zu, ein neues Jahr mit neuen Wegen.

DSCF2799Das, was wir Fortschritt nennen ist hier nicht zu sehen – vielleicht manchmal, wenn ein größeres Flugzeug auftaucht und seine Streifen in Richtung Frankfurt malt. Ein alter Mann auf einem alten Rad, dessen Welt stille steht? Lieber nicht.

2Die alten Traktoren (im Schnitt 35 Jahre) die ab und zu ihre Spuren über die Bahn ziehen werden von ihren Besitzern gehegt, weil sie gebraucht werden, funktionieren und weil ihr Betrieb sehr sehr wirtschaftlich ist. Es gibt kaum ein technisches Produkt, dessen Kosten im Vergleich zum Nutzen weiterhin sinken. Das Material war einfach zu gut. Gilt auch für die Räder, auf denen ich sitze.

Natürlich könnte ich ein weiteres Loblied auf die Verschleißarmut, die einfache Wartung und die  günstigen Preise der Ersatzteile von Rennrädern mit bis zu 7 Gängen singen. Natürlich könnte ich weiter an diesem Punkt den Fortschritt leugnen und hunderte von Kapitel über sinnlose Neuerungen, kostspielige Verbesserungen (ohne Gegenwert) und lächerliche Moden verfassen. Lieber nicht

DSCF7167Der Blick in den Rückspiegel verzerrt.  Eine Welt voller Pferde, alter Traktoren und derben Wollzeugs ist eine optische Täuschung, eine Retrotopie. So etwas wie Gaslaternen, an der sich Vergangenheitstrunkene festhalten: mit dem suffix Vintage wird eine Beruhigungskulisse an Konsumgütern angeboten, ein weiteres Ornament der großen Spiegelkabinett der Spielzeuge: man bastelt sich künstliche Paradiese, in der die Dinge noch gut waren …

awlan2018 wird die Geschichte der Technik an anderen Orten weitergeschrieben und es werden weiter tektonische Verschiebungen stattfinden, deren Energiesumme erloschene Vulkane wieder in Aktion versetzen könnten – um ein Bild zu gebrauchen, das an meinem Auge vorbeizieht. Denn die Verschiebungen finden statt, sie sind gewaltig und werden von Millionen retro-utopistischen best agern beim manufactum online-shopping oder Millionen PS4 Zockern vor Quadratmetergroßen OLED Screens befeuert.

DSCF2721Sie befinden sich auf dem gleichen Untergrund wie ich, dem selbstvergessenen Pedalierer mit 100/min auf der längst abgetragenen Trasse, die einst den brotlosen Dörfer und Höfen des landes den Weg zur Industrie 1.0 bahnte. Diese Trasse ist ebenso Teil eines neuen großen, postindustriellen Vergnügungsparks, wie konvertierte Abraumhalden der Kohlezechen, die 2017 ihre letzte Tonne förderten. Gern wollen wir glauben, das alles hinter uns zu haben. Ist es gut? ist es schlecht – oder beides? Für mein Rad ist es sehr gut

DSCF77652018 ist in vollem Gang, die eingesetzten Energien sind titanisch und produzieren hier eine Welle der glückseligen Spieler, dort einen weiteren Tsunami automobilen Schrotts, nicht linear, nicht als einfache Konsequenz. Einfach nur weil es eine Dynamik gibt, die immer weiter nachfragt und eine, die immer mehr anbietet – auch um  künstliche Paradiese zu erschaffen.

DSCF7302Die Energie, die mein Körper über zwei Räder auf den Boden der Bahntrasse bringt ist daneben nur ein infinitesimales Quantum. Auch verglichen mit der, die diese Blogsoftware frißt.  Aber sie  bleibt gemessen an meinen Körperfunktionen recht hoch, besonders wenn ich mich aufmache, mit ihr 2018 neue, reelle Paradiese zu erreichen. Dafür müssen neue Wege gefahren werden, neue Quellen erschlossen.  Auf meine Weise setze ich , ohne dabei viel mehr als meine eigene Energie zu verbrauchen, sozusagen mikro invasiv, die Kette neuer Erfahrungen und Grenzerfahrungen fort.

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Die Energiesumme des Jahres wird sich vielleicht in einer gelungenen Serie von Brevets ablesen lassen,  deren Möglichkeiten meinen Jahreskalender schon gefärbt haben. Unterdessen sehe ich die Windräder aus den Bäumen wachsen, höre ich die neuen Elektroautos an mir vorbeisurren und begegne ich den guten neuen, alten Menschen unterwegs. Wir werden sehen.

 

 

 

 

 

 

 

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Wo ist Dein Stachel?

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Er muß mich gesehen haben, wie ich für die letzten Steigungsmeter aus dem Sattel ging. Ich kenne Deinen Ruf, großer schwarzer Vogel und wahrscheinlich gilt er gar nicht mir. Kolkraben haben eine sehr spezielle Stimme und leben lange.

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Als der Schneeschauer  dann endlich durch war,  packte ich mein lagoon-blaues Raleigh und machte mich auf. Richtig kalt ist es ja nicht an diesem dritten Advent. Eher unangenehm feucht und auch das beste Radar weiß nicht, wo und wann in den nächsten drei Stunden ein kleiner Griesel herunterkommen wird. Aber hier oben bin ich warmgefahren und im richtigen Rhythmus eingerichtet, lieb Wetter, magst ruhig kommen.

DSCF0216Nur unter den höchsten Stellen am Horizont ist ein schütterer Ansatz von Schnee übrig – e und über 450m streifen sehr dichte und unschöne Wolken die Tannen – ich werde also gleich ins Gelbachtal fahren, mit gleichmäßiger Kadenz dem Bach und seinem Schlängeln folgen.

a gelbach.jpgDer Gelbach hat Saison, wie immer wenn es ordentlich regnet oder taut, füllt er sich und bekommt seine Namensfarbe. Sein Tal ist eigentlich das Dorado der Zweiräder;  – jene mit Motor verschwinden wie die Zugvögel im Herbst und ziehen sich in ihre Winterquartiere inGaragen rund um Wiesbaden, Unna oder Köln zurück. Die non-motorisierten lassen sich auch heute  spärlich sehen  – man grüßt einander ehrerbietig.

Es ist nur schwach windig, der Boden ist salzfeucht, das, was vom Salz der letzten Tage übrig ist. Jetzt habe ich Isselbach durchfahren, es grüßen Gebrauchtfahrzeuge mit demontierten Kennzeichen von kleinen Werkstatthöfen, langsam stickt der Rost seinen Saum. Rauch kräuselt sich über eintönig verputzten Häuschen und es riecht nach Wildbraten – vielleicht mit Nelken, Rotkraut und anderem garniert. Ich phantasiere wahrscheinlich.  Nun ist gleich Dies erreicht. In diesem Ort geht es gleich scharf links, gleich wieder eine kleine Brücke über den Gelbach, und um die Körperwärme zu halten, verzichte ich auf die kleine Rast am schmiedeeisernen Brückengeländer.

a dies Gang 3,2,1 -:  einer der anspruchsvollen Anstiege aus dem Tal, auch wenn er nur zwei Kilometer lang ist.  Rester dedans – also : drinnen bleiben; so nennen die Nachbarn eine Fahrt unter der kritischen Pulsfrequenz. Unter den Handschuhen zählt die Uhr lautlos die Zeit und wenn ich meinen nackten Zeigefinger auf eine Taste lege und diese schön festhalte, taucht auf der Anzeige meine Pulszahl auf. Jetzo aber konzentriere ich mich, ganz im steten Rhythmus, auf der geschmeidigste Spur im reich strukturierten Teer, um mich herum den Geruch der hohen Tannen. –

manchmal gehe ich aus dem Sattel, manchmal ziehe ich die Knie weiter an oder drücke die Fersen nach unten. Den Tritt variieren, alle Muskeln kommen an die Reihe in der kleinen Adventskür. Tief einatmen, tief ausatmen. Laub wechselt mit Tannen.

Die letzten Meter kommen in Sicht und ich forciere. Zeigefinger auflegen: 142 bpm – das ist wenig. Dann macht die Strecke einen Abschwung durch die dichten Tannen bis zum Waldausgang und ich „sprinte“ die letzten, freien 150m bis zur Kreuzung bergan. Ich lehne das Rad fürs Gipfelbild an. Puls?- ^-^- immer noch nicht mehr, auch wenn es gegen die Schläfen pocht. . .

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ich arrangiere das rad noch einmal – der Wind weht lau.

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Da erkenne ich auf der Straße nach Charlottenberg zwei weiße Punkte. Ganz hinten, dort, wo der Wald aus dem ich komme aufhört.  Zwei weiße Autos, die versetzt zueinander stehengeblieben sind. Bei dem einen ist der Kofferaum geöffnet, ich drücke die Augen zusammen um mehr zu erkennen . hinter dem anderen sehe ich die leuchtende Farbe des Warndreiecks. Worauf warten sie? Ich schaue genau hin. Etwas bewegt sich: zwei Menschen, die hin- und hergehen. Vielleicht auch einen Gegenstand, der auf der Straße liegt. Dann nichts mehr, keine Bewegung, die Autos können nicht kollidiert sein, es ist alles unklar. Als ich mich aufs Rad setze, höre ich von fern ein Martinshorn.

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Zuerst habe ich es für ein Tierfell gehalten, den buschigen Schwanz eines Fuchses, der unter der glänzenden Rettungsfolie herausschaut, eigenartig zusammengehalten von einem Stirnband. Eine Frau steht davor, am anderen Auto hat ein Mann gerade aufgehört zu telefonieren und kommt herüber.

Wir schweigen und ich sehe die weißen Streifen der Adidas Hose, das leuchtende Blau seiner Jacke und Wanderschuhe auf dem Asphalt. So haben sie ihn gefunden, beinahe gleichzeitig und dann ihre Autos zum stehen gebracht. Er liegt seitlich, halb auf dem Gesicht und bewegt sich nicht. Lag einfach da.  Die Rettungsfolie, Gold und Silber wie Bastelpapier wird leicht vom Wind angehoben.  Das Gesicht schaut heraus und wirkt seltsam – so fahl und grau – . mein Bauch fühlt sich ganz leicht an und da kommt der Rettungswagen.

Die drei Sanitäter steigen routiniert aus, der Mann  war ihren Anweisungen gefolgt, die sie per Telefon mitgeteilt hatten. Als sie ihn umdrehen, sehe ich weg, die Frau sammelt das Warndreieck ein, der Mann zündet sich am Wegrand eine Zigarette an, deren Rauch der Wind zu mir herüberweht. Auf der Trage kann ich sein eingefallenes Gesicht sehen mit dem halboffenen Mund und denke an eine altdeutsche Zeichnung. Ich denke an Dürer, während sie ihn zum Krankenwagen rollen. Es  Der Notarzt drückt immer weiter auf den Brustkorb  – auf und ab. Die Türen schließen sich, während wir uns noch unterhalten und dem Mann mit der Zigarette wird kalt. Der Krankenwagen wippt auf- und ab, als würde er über eine ganz leichte See gleiten. Holen sie ihn zurück?

Ich setze mich aufs Rad und sehe den kreisrunden Speichelfleck, den der Wanderer auf der feuchten Straße hinterlassen hat.

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Ein letztes mal sehe ich herüber.  Nichts hat sich mehr verändert. Sie warten jetzt auf die Polizei und ich fahre den Hang nach Holzappel hinunter, den geraden Hang mit den kleinen Obstbäumen links und rechts. Ich kurble so schnell ich kann, so schnell wie noch nie.

O . . . , wo ist Dein Stachel, wo Dein Sieg?  17.12.17

 

 

 

 

 

 

 

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