BiTitanio – Colnago on ice

Der Wuppertaler Winterbrevet fand bei klarer, kalter Trockenheit statt, deren Kern irgendwo über Norwegen lag. Es war immer noch genug.

Kann man dann ein Rad fahren, das üblicherweise die Zitronen blühen sieht? Die Gelegenheit muß genutzt werden und dank Roy kam es zur  Colnago on ice-experience. Eine Brevet Testfahrt mit unbekanntem Rad. Wie würde sich das handverlesene, perlmuttweiße Exemplar unter den verschärften Bedingungen eines Winterbrevets schlagen? Wie würde die Record titanium dem aus Norwegen verschickten Eiswind begegnen?

b05Colnago hat ja in den Ohren deutscher Rennrad-freunde einen recht guten Ruf. Den Ruf, teuer, edel und extravagant zu sein. Das ist nicht unbegründet. Colnagos beste Jahre fielen in die Zeit des Rennrad“booms“, der auch Deutschland Mitte der 70er erfaßte. Ernesto Colnago hatte sich da bereits einen guten Namen gemacht, da er in der professionellen Szene so einige erfolgreiche Fahrer und Teams belieferte und das sehr geschickt.

bit01Eddy Merckx war sicher einer der premium- Kunden und beide haben dieses Verhältnis weidlich genutzt, auch wenn Eddy vor seinem ersten Colnago einige Erfahrung mit Lizenzrädern und italienischen Rahmenbauern hatte: schon 1966 kamen seine Räder von Faliero Masi, einem Mailänder Meister.

Aber einige der orangenen Räder des Belgischen Kaisers waren halt von Colnago,  und das ließ man die Welt wissen. Der Radsportversender Nummer 1, Brügelmann, wurde dann ein sehr wichtigen Multiplikator für Deutschland und so gedieh der Mythos. Man muß wissen: damals fuhrendie Gründer von Canyon Bikes  noch mit dem eigenen Kombi nach Italien, um Komponenten für den heimischen Markt einzukaufen.  –

Colnago war nicht nur ein guter Löter und kluger Geschäftsmann, er war auch am Fortschritt im Rennradbau nicht unbeteiligt. Rahmenformen und – geometrien wurden weiterentwickelt, ovale und multishape Rohre eingesetzt. Vor dem Übergang zum definitiven Material des modernen Rennrads – Carbon – gab es Versuche in Titan. Wie diesen hier.

bit2Einen der extravagantesten Lösungen, das Bititanio, habe ich nun über 10 Stunden bewegt – bergauf, bergab und auf langen Flachstücken. Es erhielt seinen Namen aufgrund des Versuchs, die Steifigkeit im Unterrohr über zwei parallele Streben statt eines Oversizerohrs zu erreichen .

Vielleicht war es ein optischer Grund, vielleicht ein technischer. Ein Marketing-trick war es kaum. Denn wie sagte Tom Ritchey:“ it is one of the dirty little secrets in the bike industry, that an oversize downtube gives you a billboard  – so everyone immediately knows the name of your bike. And they won’t give that away . .. . .“

bit1Obs der Grund für die Seltenheit des Bititanio ist, einem weißen Wal unter den Rennrädern? Schon möglich, sicher ist aber auch, daß die Homologierung der Bauform von der UCI verweigert wurde, nicht zu reden vom baulichen Aufwand oder den schön verschliffenen Nähten. Whatever: entscheidend is aufm Platz!

bit3Und da hatte ich mit conti Classic 25mm nicht  zu klagen. Trotz optisch massiver Sitzstreben ist der Komfort am Hinterrad  sehr, sehr gut. Auf 6 bar lief es einfach geschmeidig. Vorne aber verhielt es sich ein wenig anders. Die stiletto gabel dämpft einfach weniger schön als der klassische Typ, und in den schnellen Abfahrtskurven fühlte ich mich nicht so risikofreudig wie gewohnt.

ac6Und bei einem meiner klassischen Tests fiel das Rad eigentlich durch: freihändig fahren . möglich wars schon, aber nur bei recht hoher Geschwindigkeit, also deutlich über 20kmh. Wer sich in der Abfahrt nochmal die SponsorenKappe richten will, oder ein schönes Croissant aus der Tasche ziehen, muß  aufpassen: das Ding schaukelt sich über 40 sehr schnell auf.

ad3ad3Zum Genuß wurde es dann auf den dem schönen Weg durchs Münsterland, auch weil das häufige Schalten entfiel. Denn, wie es scheint, mögen Record Carbon Schaltbremshebel Dauerfrost überhaupt nicht. Oft gelang es nur mit Tricks (oder nach Tankstellenpausen) , den Umwerfer zu bewegen, und das lag nicht an der fein eingestellten Schaltung, denn wenns lief, dann wie Vanillesahne durch den Bratapfel.

b21Nur, bittesehr, wer fährt schon Colnago im Winter?

Die Frage die sich aber am Ende eines langen, kalten Tages aufbaut, lautet: brauchen wir jetzt ein Colnago? Ich kann jeden beruhigen, der sich auf die Suche nach einem bititanio macht: häufig ist es nicht. Vielleicht auch eher ein showpiece, so wie es gewisse Kleinserien bekannter Sportwagenhersteller gibt . Wertlos wird es nie .

Aber rein vom Fahrerlebnis ist die Antwort : nicht, wenn man schon ein zwei andere gute Rennräder besitzt. Wieviel vom Mythos bleibt? Das Bititanio ist ein gutes, kein sehr gutes Rennrad, dafür ist es einfach nicht steif etc. etc. genug. Die 90er bieten genug interessante Alternativen, die in der einen oder anderen Richtung besser sind.

Ließe man mir an diesem Abend die Wahl, würde ich immer das unscheinbare Peugeot nehmen.

 

 

 

 

 

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1 Zaungast auf den letzten 100 Kilometer des tprno1

Hinter Arette komme ich also nach dem Waldstück gerade um die Ecke, für ein paar letzte Kilometer durchs grüne Weideland des Piémont. Da schießt er auf mich zu, der bunte Helm, die Mähne und die irisierende Sonnenbrille. Die flamboyante Erscheinung erlaubt keinen Zweifel.

Natürlich ist er es : Nico Deportageo Cabrera; er muß hier, tausende Kilometer von Chicago entfernt, auf der Pyrenäendurchquerung sein; Und dann wird mir alles klar.

la tprno1 vous souhaite la bienvenue.

Ich wußte, daß dieses Rennen im Oktober stattfand, die remindermails auf dem PC kamen in regelmäßigen Abständen. Aber ich hatte schon im letzten Jahr den Gedanken verworfen, mich um „transpyrenean race No1“ zu bewerben. Ein doppelter Raid Pyrénéen und  Zugaben auf Schotter und Geröll, das ging zu weit. .  .

„Also ist er dabei“! –  schoß es mir durch den Kopf und winkte ihm entgegen. Er war wohl genauso überrascht wie ich, hier an einem warmen Oktobernachmittag irgendwo einen Fremden zu treffen, der ihn mit dem namen seines Inst@gr@m accounts ruft. „@IndigoNico! “

Er staunt nicht schlecht –  seitdem er mit Kumpel Chas Christiansen die Paarwertung des TCR 2018 gewonnen hatten, muß er eben überall damit rechnen, von Radfahrern erkannt zu werden. Er hält an und das Staunen geht bald in ein breites Lächeln über. Wir reden drauflos und steigen wieder auf. Er redet, als hätte er seit Tagen niemand gesprochen.

Vor 6 Tagen sind die Teilnehmer gestartet und fast hätte er nach einem Sturz schon am ersten Tag aufgegeben. Mit der Brust gegen einen Zaunpfosten geprallt und vom Stacheldraht die Shorts eingerissen. Der Riß ist verheilt, die Brust schmerzt noch. Aber jetzt ist die Sonne da und er ist froh, weitergefahren zu sein.

„It took the competitive spirit out of me and I just decided to do it in my own tempo. Was hard but now the sun is out and I am trying to make it ready to the finishers party“. 117 km auf direktem Wege bis zur Küste, bis Biarritz eigentlich noch weniger.

Aber der Kurs folgt nicht dem direktem Weg, sonst wären wir über die D 918 zurück nach Arrette gefahren, wo ich gerade herkam. Stattdessen geht es einen Feldweg um einen einsamen Hof herum, steil hinunter über lauter Eisenrinnen  – um dann wieder auf der D 918 zu landen. Genau an der 117km-Marke! –  – .

Ich muß über diesen absurd schwierigen Umweg lachen, aber er folgt einem  vorgeschriebenen parcours. Denn so schreibt es die Veranstaltung vor: fester parcours für alle Teilnehmer vor Kontrollpunkten, der Rest zur freien Gestaltung. Nico folgt seinem Track, der in schwarzen Richtungspfeilen auf grauem Display erscheint .

Die letzte nacht verbrachte er in la Mongie unter dem Tourmalet, heute über Soulor, Aubisque und Marie Blanque hergefahren, die klassische Strecke der Pyrenäendurchquerung. Der sechste Tag des Rennens.

An der Pierre St. Martin war er am ersten Tag. Das Rennen startete um 5h morgens in Biarritz und der Paß (von dem ich  gerade komme) war erster Kontrollpunkt, CP1. bei naßkaltem Wetter waren sie über St Engrâce und den Col du Soudet  hinaufgekommen. die einzige Variante, die ich noch nicht kenne.

Sein rechtes Pedal ist vom Sturz angeknackst, aber meinen tip, in Arrette gleich nach dem Fahrradladen zu sehen kann er nicht annehmen. Der Hinweis zählt schon als fremde Hilfeleistung, „the spindle seems ok,“ wie er sagt.

Wir rollen noch eine ganze weile nebeneinander her, strikt nach track und unterhalten uns. Er ist entspannt und gut gelaunt, vielleicht freut es ihn, wenn ein wildfremder mit ihm quatscht. Vielleicht motiviert es auch.“The first one made it in about four days…“

Sein Rad ist sponsored by sram, die grün eloxierte Kette knirscht ordentlich, sie muß hinten 12 Gänge bis 40Z packen. Ein Spezialaufbau von squidbikes: die dicken Reifen hätte es nicht gebraucht sagt Nico, der Anteil an Schotter war nicht so hoch, „in fact, only in Andalusia,“ . . .

Dann geht es in einen weiteren kleinen Paß, den ich noch nie gesehen habe, ein weiteres Hindernis auf dem Weg nach Mauleon oder Tardets, statt der D 918 zu folgen also brav wieder aufwärts.

Mir wird klar, daß dieser Parcours keineswegs die schnellste Möglichkeit sucht, ins Ziel zu kommen und sage es Nico. Auf ungefähr halbem Anstieg nehme ich meinen Abschied vom jungen Radkurier und Musiker mit dem breiten Lächeln. während uns weitere Teilnehmer überholen. Hier zieht er gerade los.

und jetzt, wo ich dieses Bild sehe, begreife ich das Unwahrscheinliche. Nie hätte ich diesen Mann auf der Welt irgendwo getroffen. Nichts würde mich, den alternden, knurrigen grouch mit diesem tätowierten Abenteurer je auf der Welt zusammenbringen. Wenn es nicht das Rad gäbe und den Wunsch, jede Herausforderung darauf anzunehmen.

Dann kommt ein Fahrer näher, der mich auf französisch anspricht. Er stammt aus Bayonne, fährt also ins Ziel nach Hause. Er ist müde und verhehlt das nicht. Das Tempo der drei vier fahrer die ich gerade gesehen habe ist in der Tat gesittet und für mich sehr aerob: daran sehe ich , wie erschöpft sie sein müssen. Cap n047 erzählt weiter, ein richtiger Redefluß setzt ein, über die Etappe, das Rennen und seine Familie:

Zum Glück gab es auch nicht so viel „gravier“ , mit seinen 25mm Reifen hätte es geklappt. Aber insgesamt sei er nur noch froh, bald zuhause zu sein. Vor allem der erste Tag: den Anstieg zur Pierre St. Martin über St.Engrace beschreibt er als „traumatisierend“.

Ein schwarzer Klein-SUV kommt von hinten heran, auf dieser Zwewrgstraße verwunderlich, noch verwunderlicher aber das Kennzeichen 01 – Département Ain. Also ganz im Norden. Mit verdächtigem Blick werde ich von einem jungen Mann gemustert. Ein Mietwagen, tatsächlich, das sind die Veranstalter .

„Bitte fahren sie neben mir, nicht zu nah, „sagt capno47. „???“ Wissen Sie, drafting ist streng verboten und sie kontrollieren es. Jede Form von fremder Hilfe. ich fahre auf die Gegenspur des Feldwegs. „und von hier?“ geht es?“ „Jaja!“ lacht er. Der kleine SUV ist in richtung Paßhöhe weitergefahren,  zwei Fahrer sind zu erkennen. Drafting bei 10kmH,  – darauf muß man erst einmal kommen. Oder Teilnehmer bestrafen, die sich sechs Tage geschunden haben, um als Platz 25ff ins Ziel zu rollen – ich mache aus meiner Meinung kein Geheimnis.

Der Franzose zuckt mit der Schulter und lächelt und ich wünsche ihm alles alles Gute. Auf dem tracker sehe ich Wochen später, daß er noch einige Vorfahrer überholt hat. Ein Pferd, das den Stall riecht, vielleicht auch die gute heiße Schokolade, die es in Bayonne gibt.

Ich fahre zurück und denke vor allem an das kleine Bier, das ich mir gönnen werde, gleich, wenn ich nach diesem runden Tag heimkomme. So ein schönes Land. Alle, die ich sah wirkten keineswegs heroisch. Nie sah ich ein siegesgewisses Lächeln oder einen zielstrebigen Blick Richtung Olymp,-  man kennt das ja aus Verkaufsprospekten, mit Lagerfeuer und Zelthintergrund. Sie wirkten eher so, als seien sie froh, etwas hinter sich zu bringen, froh, schon bald erleichtert aus ihrem Lycra zu steigen und ein richtiges Essen, ein richtiges Bad oder ein richtiges Bett zu finden. Aber sie kommen wieder und die schnellsten werden es wieder in etwas mehr als 4 Tagen schaffen. 1300km Berge.

Höfe, hinter deren Mauern die letzten Rosen des Jahres blühen ziehen vorbei.

Noch ein Fahrer und noch einer – fast im Minutentakt.  Und dann zuletzt noch ein nettes Lächeln von einer jungen Frau im tprno1 Mode.

Das war Rose Mc Govern. Bonne Route!

 

 

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CP 1 – Pierre St Martin

ab22Hier ist es ruhig, nur ein kühler Hauch über dem Paß. 1765 m. Die Sonne strahlt eigenartig weißlich – auf der spanischen Seite wachsen Bäume modelleisenbahnhaft auf kargem Geröll . Als ich anhalte, endlich, sehe ich erst einmal nach dem Hinterrad. Dieses Geräusch, das nach geplatzter Nuß klang; . .  ist die Speiche 14 von 36.

Ich bin zwar am Ziel, aber noch nicht angekommen. Aber für die Rückfahrt es sind ja noch satte 35 Speichen übrig, eine absolute Mehrheit. Was den Wiegetritt erträgt zum Labays, kann eine Abfahrt aushalten. Nur in den Kurven werde ich etwas vorsichtiger sein. Die 16km abwärts sind sanft, viele Geraden und guter Belag.

ab4Die Pierre St Martin ist ein eher einsamer Paß nach Spanien, auch wenn die Straße breit und übersichtlich ist. Der Schwerlastverkehr bevorzugt andere Wege, den Tunnel vom Somport beispielsweise. Die Straße ist für Urlauber ausgelegt, die (nicht im Bild) in den Schnee wollen. Die Paßhöhe dürfte bei schlechtem Wetter ein sehr unwirtlicher Ort sein, keine Hütte, kein unterstand, nichts.

Dennoch stand hier vor wenigen Tagen der erste Checkpoint des TPRNo1, ein improvisierter Stand von einer handvoll Helfern, die mit dem Auto den Radfahrern vorausgeeilt waren . Aber davon ahne ich nichts, als ich  mich wieder auf den Weg mache, zu tief steckte ich in meinem eigenen Rennen.

ab1Die letzten 7km zur Pierre St Martin als Fortsetzung vom Labays waren die Kür. Der Wille, diesen Paß endlich zu schaffen bestimmt alles, auch wenn es Widerspruch gibt, auch wenn die innere Stimme sagt: ein andermal: Es geht weiter und es geht gut, die schöne Straße ist ein Boulevard, die Prozente sind mild, – na bitte.  Jenseits von 1500m spürt meine Lunge die dünnere Luft über der Baumgrenze und es wirkt, als würde das eigene Blut dünner. Die Sonne ist auf meiner Seite.

ab2Rundum öfnen sich milchige Panoramen in die umgebenden Täler, aus denen die verschiedenen Anstiege zur Pierre kommen. Der letzte endet am Col du Soudet, der Anstieg von Osten. Sie münden alle in die Straße zur Skistation, den Boulevard.ab5Dann bewegt man sich in einer gewissen Unwirklichkeit, zwischen den Masten der Skilifte, letzten Hütten und im Felsgestein herumlaufende Ziegenherden.

ab6Und dahinter wartet Spanien, Aragonien, viele Täler ,viele unbekannte Pässe.

Umkehr

ab71

zurück ins Grüne, hinab. Schon ist der Labays passiert, lehne ich mich auf den Geraden vor, um das Hinterrad nicht mehr zu belasten. Sanft und vorsichtig bremse ich die großzügigen Kehren an, kann immer eine weite Linie ziehen, wenig Fliehkraft aufs Rad bringen. Keine Überraschungen, kein Verkehr: nur 1 Wohnmobil läßt mich großzügig passieren.

ab7Im Schatten des Hangs föstelnd, aber die Luft wird zunehmend wärmer. Erste Höfe sind  in Sicht, dann Wiesen und  Kirchturm. die Abfahrt, dieser besondere Zustand, ist beendet, die flache erde hat mich wieder. Arrette, ich kenne es, weiß sogar wo ein café ist,

ab81und die Wand der lokalen Helden. Der Stolz der Region. Aber nicht genug:

ab8Hier ist ein Radladen. Fast so viele Räder wie Einwohner. Vollgestellte Hütte, hinten die Werkstatt, einige Kunden, Männer im besten Alter. Einer studiert sein neues GPS, ich habe mein Hinterrad in die Werkstatt gereicht. Dort hängen an der Decke dutzende von Laufradsätzen. Aber: meine Speiche , eine Größe, die es 20 Jahre gab, findet sich hier nicht. Hier im Reich der Schönen Materialien, der 134 Carbonrahmen.

In Arrette bin ich nur wenige Kilometer vom kleinen Dorfplatz entfernt, auf dem mein Auto steht. Die Sonne wärmt und strahlt nachmittagsmild von den hellen Gebäuden zurück. Nach ein paar Keksen in der Werkstatt (und einem Trinkgeld für die vergebliche Mühe) , auf in die letzten Kilometer, vorbei an einer Schule – das Durcheinander aus Großen, Kleinen, Eltern, Bus , Auto und Mopeds.

a72Ich bin wieder am Fuß der Pyrenäen, am Piémont, die kleine D918, die die gesamten Pyrenäen durchquert schlängelt sich hinauf ins Grüne. 117 km bis zum Atlantik! Es ist der Weg des Raid Pyrénéen den ich auf diesem Rad schon 2 mal fuhr. Von hier wären es nur noch 600km bis zur Ostküste. Snel, erinnerst Du Dich noch?

a73Gerade komme ich aus einem Wäldchen,  als mir aus der nächsten Kurve ein Radfahrer mit Sonnenbrille und wilder Mähne entgegenschießt. Zwei rosane Flaschen sind an seiner Gabel montiert.

Sofort weiß ich, wer das ist und mir ist gleichzeitig völlig klar, warum wir uns gerade hier auf der Straße meines Raid Pyrénéen treffen, obwohl wir uns noch nie gesehen haben. magisch. Es ist das @tprno1 – „Hey Nico!“ Er blickt auf . . .

 

 

 

 

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Der King of Mercia blickt auf den Fulda Gap

Der Backsteinturm ragt massiv in den zartfarbenen Morgenhimmel über Frankfurt, –  kein neuer Zinsturm sondern nur ein früher Versuch, die architektonische Moderne an einer Kirche umzusetzen: St.Bonifatius, Thorwaldsenstraße. Seit 5h30 bin ich unterwegs. Es hat geklappt, ich werde pünktlich eintreffen.

a02Die Uhr der expressionistischen Kirche schlägt 8 und schon bin ich am Südbahnhof . Rosige Wolken über dem Bahnhofsdach, durch die ein Dreamliner langsam auf den Flughafen zugleitet.

Vor dem Bahnhof stehen schon die ersten Randonneure , die sich hier zu einer informellen Runde zusammentreffen. 200km hinauf in den Vogelsberg  hat der Streckenplaner und Koordinator „Olaf King of Mercia“ ausgearbeitet. Bei sonnigen Prognosen für das letzte Oktoberwochenende werden sich ein dutzend Randonneure auf den Weg machen.

Wie bei Randonneuren üblich, gibt es immer eine bunte Palette vom klassischen Randonneur mit  glänzenden Schutzblechen über das Liegerad bis zu den aktuellen Carbon-Disc Lösungen, die sich als Gravel Bikes in den letzten Jahren in die Welt der Zweiräder eingeführt haben.

Die Fahrt beginnt mit einem Mainspaziergang. Den Uferweg nutzen morgens überwiegend Läufer, die sich für den Wechsel an der Spitze der EZB fit halten. Man weiß nie, was der Anstieg des Leitzinses demnächst für Opfer verlangen könnte. Daneben ziehen Ruderer auf dem Main ihre schlanke Spur durchs stille Wasser. Die nächste Brücke führt uns hinaus, die Gebäude werden schlichter, unsanierter, eine Reise zurück. Vom Schalenbau zum Fachwerk in 10 Minuten.

Schon sind wir vor den Toren der Stadt am Treffpunkt „Hohe Straße.“ Dort stößt noch ein Sportsfreund mit  lilagelbem Basso zu uns. Die Sonne hat endlich genug Kraft den Morgenschleier zu durchbrechen und öffnet die Sicht auf die Wetterau. Schnurgerade führt die hohe Straße übers Land Richtung Vogelsberg einem Massiv, das aus einem einzigen, riesigen Vulkan gebildet wurde (heute erloschen).

Schnurgerade über die Felder. In der jungen Sonne glänzen die schönen Randonneurs-Schutzbleche. Das Rennen um den besten Breitreifen endet schon nach 20km, als ein „compass“ seine wertvolle Luft verliert. 1:0 für Pasela. Meine auf 7bar geblockten, alten 23er „Aksion“ mäntel mögen mich bitte nicht im Stich lassen.

Ganz allmählich gewinnen wir über sanfte Wellen an Höhe, werden die Dörfer kleiner und nehmen die Waldstücke zu. Die Rübenhaufen deuten auf gute Bodenpunkte, das Fachwerk auf alte Struktur. Keine 50km vom Ballungsgebiet entfernt.

Süßlich duftet der Senf (oder ist es Winterraps?) als der Gipfel erklommen ist. Die Gruppendynamik stimmt, an den Höhen und Wendepunkten wird gewartet, kleine Gruppen formieren sich jeweils neu, gesprächsfäden werden weitergsponnen.

Dem Liegerad in einer Abfahrt folgen macht Spaß, diese Dinger werden abwärts immer schneller; eine Rollenverteilung, die sich an Steigungen umkehrt. Brestfahrer W009 zeigt uns wieder und wieder, was in der recumbent Position steckt.

Das Durchschnittsalter der Traktoren zwischen den Mauern verrät zwei Dinge: Betriebsgröße und Alter der Hofwirtschaft. Der Traktor – Fachdeutsch: Schlepper –  steht am Beginn einer Erlösung von täglicher, jahrhundertelanger Schinderei.

ab6Seine Boomjahre reichen von 1950 bis in die 70er. Harmlose 30 PS reichten für viele Arbeiten eines kleinen Hofes vollauf. Seitdem wuchsen die die Betriebe unaufhörlich, die Kleinen gaben auf, das Gesetz der Skaleneffekte griff. Traktoren blieben.

Die Höfe schwanden, die Maschinen jedoch führen ein zweites oder drittes Leben als preiswerte Universalgeräte. Sie sind langlebig, wartungsarm und nur unter hohen Kosten ersetzbar. Eine Wiese mähen, Holz holen oder Baumaterial transportieren – gerade in größeren Mengen – das geht nur so. Und wer weiß – vielleicht lohnt sich schon bald wieder das eigene Vieh?  . . . .

Hier oben – wo Felder immer größer und Dürfer immer kleiner werden – keine unrealistische Vorstellung. Minimal beladen ziehen Randonneure höher und weiter – genießen immer neue Aussichten und Abfahrten, entdecken entlegene Dörfer

und ungewöhnliche Sportarten. Denn der Winter naht, die örtliche Bevölkerung stellt sich auf verschneite Straßen ein.

Rechtzeitig wird vor Ladenschluß der letzte Supermarkt erreicht; über unser unangekündigtes Kommen ist man erfreut. Und dann geht es schon weiter über weitere  Höhenkämme. Einer nach dem anderen, einer schöner als der nächste.

Wir sind jetzt allmählich oben im track . Eben noch tat sich nach rechts der Blick auf die Höhenzüge der Rhön auf. Gleich wird nach Norden hin das Marburger Bergland deutlich, dahinter das Rothaargebirge schwach sichtbar. Eine Bühne für Märchen der Kindheit – erst recht, wenn man sich den Winter dazudenkt. Nur überblicken wir an diesen Punkten nichts weniger als die strategische Lücke, die vom US Generalstab in ihren Planspielen als Fulda Gap bezeichnet wurde.

Gerade in diesem unfaßbar sonnigen, unfaßbar friedlichen Dahinrollen, das bildlich gesprochen schon seit einem 9. November vor 30 Jahren währt, kann eine Erinnerung an die Prekarität des Zustands nicht schaden, der langsam seinen Weg in die Geschichtsbücher findet.

Fulda Gap

Gemeint sind die nördlich und südlich des Vogelsberg verlaufenden Talsenken, durch die eine angenommene Panzerüberlegenheit des Warschauer Paktes in einem Blitzangriff vordringen konnte, um die Bundesrepublik in einen nördlichen und südlichen Teil zu spalten. Das war in den Augen des kalten Krieges die einzige nicht-nukleare Option, Westdeutschland in wenigen Tagen zurückzuerobern. Verkherstechnisch führte sie über die A45 im Norden und die A5 im Süden.

Grund für diese Annahme war das Vogelsbergmassiv .  Außer einer schwachen Infrastruktur behinderten die mannigfachen Täler und Wälder, die uns hier gerade zu schaffen machen eine brauchbare Verteidigung. Anstieg um Anstieg, Welle um Welle.  Im Winter oder Frühjahr kein leichtes Gelände, um anrückende Panzerdivisionen zu kontrollieren. Unter der

Ob es tatsächlich Planspiele des Warschauer Pakts für eine solche Offensive gab, will mir das Netz nicht direkt verraten, es gibt nur journalistische Berichte und die nackten Zahlen von Panzern und Munition darüber. Wenn man denn in der Logik militärischer Taktik denken will: nur ein schneller, konventioneller Schlag hätte (von beiden Seiten gesehen) ein zivilisationsfähiges Deutschland hinterlassen. Pervers aber folgerichtig. Nach Abschluß des kalten Krieges jedoch sind diese Planungen Geschichte, die Truppen abgezogen und die (meisten) Nuklearsprengköpfe mit ihnen ….

ab5Definitv zivilisationsfährig ist unsere kleine Gruppe – wir kommen nicht-invasiv und in friedlicher Absicht und kennen unser Glück. Ein funktionierendes Rad und eine gute Schaltung ist unsere Rüstung.

Hierdurch also führte uns Olaf, King of Mercia. (Ich habe ihm einfach den Titel seines Rades übertragen).

Für mich ist es an einer kleinen Kreuzung Zeit, Abschied zu nehmen. Ich mache biege in Höhe des kleinen Fiat Seicento Richtung Gießen via B49, fast hundert Kilometer warten noch bis an den Herd. Die übrigen werden gemeinsam noch ein paar Letzte Wellen nehmen und durch das Niddatal nach Süden rollen.

Farewell  und Bonne Route liebe Mitfahrer, kommt gut an den Main!

DSCF5395Ein Tag ohne Kondensstreifen wird man ihn später nennen.

 

 

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Die Golf Generation beim Elektro- Glasperlenspiel

Schubladen sind etwas Schlimmes, Vorurteile auch, Gruppenbezeichnungen sowieso. Aber als Verlagsleiter wäre ich allein schon vom schlichten Buchtitel begeistert gewesen. Jeder, absolut jeder Deutsche verstand (ungefähr) was gemeint war.

ag2.jpgSofern jemand aus dem Westen stammte, damals, als Generation Golf erschien.

Egal und weiter. Geburtsjahrgänge über ein Konsumprodukt zu definieren (ein erfolgreiches natürlich) macht die Basis umso größer. Auch Du gehörst dazu, eine Wahl hast Du nicht.  Stellen wir uns dem Problem.

Volkswagen, Nachfolgefirma einer politisch initiierten Mobilitätsbewegung, war so gut wie pleite. In blinder Gefolgschaft zum ursprünglichen Konzept hatte man fast die Konvergenztheorie bestätigt und ein Unentschieden im Wettlauf der Systeme erreicht. Ein VW 1500, das war im Grunde der Wartburg aus Wolfsburg. Bieder, trist, überholt, allem technischen Fortschritt verschlossen.

Ich werde nicht vergessen wie ein Nachbar, der Güldenring Zigaretten rauchte (DM2), mir stolz den“zweiten Kofferraum“ seines neuen, braunen VW 1500 vorführte. Das war kaum 3 Jahre vor dem Golf, denn ich kannte die Zigarettenmarken im Automaten: Lux, Lord, Overstolz, Astor, Güldenring, HB, Ernte23, Reval. Die ohne Filter für meinen Vater.

Der Golf aber betrat nicht als Solist die Bühne. Ein ganzes Baukastensystem hatte der VW-Audi Konzern um die Plattformen von Audi 50, 80, VW Scirocco Passat und Golf geschaffen.

Der Erfolg des Generationenvaters war anfangs keine ausgemachte Sache. Man unkte ob der Schachtel, denn man wähnte gerade die getreuen Käfer I – V käufer als so strukturkonservativ, daß sie dem großen Wolfsburger Hause nicht verzeihen würden, dem nibelungentreu bis zum letzten Mann verteidigten Heckmotor-Luftkühlungsprinzip abzuschwören.  Es kam anders.

Was man objektiv feststellen muß: die erste Generation des Golf war, wie die übrigen Baureihen formal gelungen. Dem Erfolg stand somit auch von der Seite nichts mehr im Wege. Die folgenden n -Generationen waren dann die Varianten eines Entwurfs, dem eins gelang: die mobile Mitte der deutschen Gesellschaft zu formen.

Der Weg dorthin:

Schon der zweite Aufguß wirkte pummeliger und weniger straff. Aber Erfolg hat immer recht und das, was die erste Serie an Annhemlichkeiten bot konnte die zweite bestätigen, ja übertreffen.  Nur nicht hübscher geworden. Jedoch: was mir als Zeitzeugen der Generation Golf II an Äußerlichkeiten mißfiel,  hätte ich ganz anders deuten müssen.

Begreifen, daß Design kein Selbstzweck ist. Auch wenn man sich über Geschmack, Form und Ästhetik endlos streiten kann, es war gerade die Tatsache daß der ursprüngliche Entwurf ein paar Kilo Falten gewonnen hatte, an Zierlichkeit verlor, der dem Erfolg Dauer verlieh. Es war eben nicht die Vorgabe: mach mir ein noch schöneres Auto sondern : mach jetzt ein Auto, das erwachsener wirkt. Mach ein Auto, das wie wir ist.

Da kommen für einen Entwurf  ganz ander Kriterien ins Spiel;  es geht um Attribute: Erwachsen, das sogenannte Seriöse. Größe, Ruhe, Schwere –  eben irgendeine Form von Souveränität statt Sturm und Drang. Und so war der zweite Golf  – von allem etwas mehr. Die Heckleuchten waren die einzige formale Erfindung des Entwurfs.

Weiter mit „social design“. Jeder spätere Golf wird eine leicht angewachsene Variante des vorigen, nach dem 4ten habe ich aufgehört zu zählen. An diesem Punkt wurde es möglich, um ein Automobil herum eine Generation zu erzählen. Für einen Markenformer, der Jahr um Jahr um die Ungnade des werten Kunden bangt eine Vollendung. Die Geschichte der VW und die Geschichte der Deutschen schwammen synchron. Bis zum fatalen Tag , an dem Kalifornier an den Abgasen schnüffelten.

Ein Zäsur, erst mählich, dann immer klarer.  Das zuverlässig wärmende Feuer des großen Gesellschaftsmotors bekam im Dieselskandal einen unschönen Anblick. Plötzlich sahen alle den Rauch, und keiner wußte , woher. Die VW glich dem Politbüro, aus dem niemand einen Schießbefehl gegeben hatte. Im Zentralkomitee der Volkswagen gab es keinen Führungsbefehl zur Umweltmanipulation.  Bis heute – und keiner glaubt es.

So durchleben wir einen neuen deutschen Herbst, einer eigenartig schwebenden Zeit in der die Träume der vergangenen Generation zur Disposition gestellt werden. In der etwas, man weiß nicht recht wie, zuendegeht, während viel von globaler Zukunft geredet wird.

Denn was einmal großer kollektiver Traum war – nicht der Sozialismus, sondern die  (unbegrenzte) eigene Mobilität- wird schon lange hart von der Wirklichkeit der real existierenden Mobilität gebremst. Man muß nicht unbedingt Klimaaktivist sein, man kann es ruhig tiefer hängen.

Die täglichen Staumeldungen, die wachsenden Jahresstau-Kilometer (ein Wort wie ein Stau) machen nicht nur den Betroffenen den irrsinnigen Preis der eigenen, automobilen Bewegungsfreiheit deutlich. Selbst wenn sich nichts, oder nicht wirklich viel da draußen ändert.

Aber das Binnenklima ist ein anderes . man sorgt sich doch irgendwo. Es ist eben alles nicht mehr wie früher, wo dem einem Golf bald der Nächste folgte und fast alles im Leben immer komfortabler wurde. Diese Generation denkt vorsichtig, es steht viel auf dem Spiel.

Zur Zeit sind es Glasperlenspiele um elektrische Antriebssysteme, die gleich aus mehreren Paradoxien einen Ausweg weisen sollen: Umweltbelastung, Verkehrsüberlastung, Zukunftsfähigkeit.  Schon wird die Abschaffung des Verbrennungsmotors behauptet. Seht her, scheinen sie zu sagen: wir können auch anders. Aber wollen wir?

Die Golf-Generation sitzt am Steuer der Gesellschaft. Sie träumt privat vom Ur-Golf und fährt in Ihrer Freizeit gerne Rad, inzwischen öfter elektrisch. Anders als die Väter des ersten Golf hat sie keine Absatzschwierigkeiten und plant alles über 5 Jahre.

Während dabei die eine oder andere Glasperle aus Wasserstoff, Solarenergie oder anderen Zauberelementen an ihren Augen vorbeizieht,  entscheidet sie täglich über Flottenmanagement, Lieferketten, Logistikzentren und Drehkreuze der Luftfahrt. Die Zahlen geben ihnen recht.

Golf not dead –  just smells funny.

8 11 2019

 

 

 

 

 

 

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Labays – der Paß der falschen Prozente

„Ah, dort gehe ich immer Forellen angeln!“

b01Südlich von Oloron beginnt das Piémont, eine grüne und hügelige Landschaft am Fuße der Pyrenäenkette. Die D 918 zieht sich hier durch kleine Dörfer –  eine letzte Linie der Zivilisation, hinter der sich Bergmassive verschachtelt auftürmen. Die Vorderen sind noch grüne Kegel, dahinter zeichnen schroffe Zacken über der Baumgrenze den Horizont.

Ein Rollen wie von einer gedämpften Trommel  kommt die Dorfstraße hinauf. Mein Snel lehnt gegenüber der Mairie am Brunnen. Ich bin in Issor und es ist einer dieser unwirklich strahlenden Herbsttage, an dem die Luft sanft und schmeichelhaft ist . Wie ein ganz milder Sommertag. Aber die Schäfer täuschen sich nicht.

b1Es sind die letzten warmen Tage vor dem Herbstbeginn, deshalb treiben sie ihre Schafherden ins Winterquartier der Täler. Das trommelnde Geräusch zieht jetzt an mir vorüber, es war das Trippeln hunderter kleiner Hufe. Still und konzentriert folgen sie dem Hirtenjungen und als letztes

b2kommt der buttercremeweiße Hund um die Ecke, sichert nach hinten und erledigt schnell noch ein Geschäft. Auf gehts, im Slalom durch die kleinen Kügelchen, die über hunderte Meter auf der Straße verstreut sind…

b91Ich breche zum letzten Paß des Jahres auf, voll Dankbarkeit, daß es eine Welt gibt, die für Radfahrer gemacht ist. An der Bücherkiste von Lourdios Icharre (43 Einwohner) habe ich noch eine dieser altmodischen Jules Verne Ausgaben mit den Stahlstichen eingesteckt. In 80 Tagen um die Welt, 300g Ballast.

b3Der Labays ist ein wilder Paß, ein Paß der mit einem Bachtal beginnt, in dem man köstliche Forellen findet. Und hinter einer kleinen Brücke in einem winzigen Nest geht es los.

b4Dieses Schild ist ein Schwindel, ein Beweis für die Schwäche von Zahlen, von Durchschnittswerten oder bloßen Fakten. Der Beweis erfolgt gleich.

b7Seit einigen Jahren werden an den Pässen Kilometerschilder angebracht, die einem die Entfernung sowie durchschnittliche Prozentzahlen angeben. Das mit der Entfernung ist eine gute Sache, besonders wenn die Zahl einstellig wird. Die Prozente können einen schonmal warnen, mehr leider nicht.

b92Und gleich zu Beginn zeigt sich, wie unbrauchbar Mittelwerte sind. Was bedeuten schon7 %  auf den km, wenn es 200m bergab geht? Man ahnt etwas und schaltet ganz schnell in den kleinsten Gang. Der Gegenhang kommt wie eine Wand und so geht es die ersten Kilometer dieses schmalen Canyons hinauf (und manchmal hinab). Ein heftiger Beginn, die Geraden sind trügerisch.

b5Wo der Gave de Lourdios den Berg durchschnitten hat, hangelt sich die Strecke am Fels entlang, der bedrohlich über den Weg ragt. Schon ist das Dorf hinter mir unsichtbar. Irgendwann, ganz am Anfang gab es es hinten ein kurzes Knacken, wie eine Nuß die zerspringt. Doch alles ist ruhig am Hinterrad, der Wiegetritt geht. Vielleicht wars eine Nuß.

b62Ein Wildgatter, –  die Strecke wechselt die Seite des Baches, der Anstieg läßt für einige hundert Meter Gnade walten, kleine lilane Blumen säumen den Weg Cyclamen? Krokus?  Ich entscheide – maglia ciclamino. b65

Ein Talkessel hat sich geöffnet; ringsum Almen und Berghänge, die wie im Schwarzwald mit Nadelbäumen gespickt sind. Nichts mehr ist von der Welt zu hören, über allem eine riesige, leuchtend blaue Kuppel. Wo ist der Paß? Irgendwo rechts oben – aber wie wird es weitergehen ?b8Fortsetzung mit Serpentinen am Waldhang. Steile, enge Serpentinen, selten unter 10 %. Dies ist der Teil der richtig schmerzt; auch wenn es ein milder Tag ist und die Bäume viel Sauerstoff liefern, geht der Blick immer zur nächsten Kurve, tastet den rauhen Aspahalt nach ein paar sanfteren Metern ab, die den Beinen eine kurze Erholung geben könnten. Nur noch 7 km.

b71Dieser Labays : ein kryptischer Pass, verborgen, unlesbar. Der Maquis. Einige Tage vorher hatte ich seine Beschreibung in einem Magazin entdeckt. Es war ein 58 jähriger aus Oloron, der da seinen Lieblingspass vorstellte. Mit Bildern unter Wolken –  Wird schon gehen, dachte ich mir und studierte die Landkarte. Immerhin war ich gewarnt.

b72Und es geht auch, irgendwie setzen wir uns ins Benehmen, ich mit meinen 28 Zähnen und der Labays mit seinen harten Rampen. Die kurzen Momente der Erholung ausschöpfen in der großen Stille auf der einsamen kleinen Straße voller Sonnenflecken.

b81Plötzlich Verkehrsschilder. Eine kleine Route , die D441 ist  erreicht, die rechts hinauf führt. Auch wenn es wieder abwärts geht ist es der richtige Weg: so hat der Labays eben hundert Höhenmeter mehr als seine 1360m erwarten lassen . Falsche Prozente, falsche Hoffnungen,  Tücke der trügerischen Zahlen. Gleich kommen sie wieder, die nächsten Rampen.

b73Da,: noch ein Geräusch, ein sympathisches, französisches Geräusch. 2 Zylinder.

b74Schon ist es vorüber. Es geht jetzt an der anderen Bergseite entlang. Der Asphalt ist  rauh doch immerhin ohne Risse und Löcher, immer wieder kleine Abschwünge, Serpentinen und Sonnenstücke. Kurz wird der Blick auf einen fernen nachbarn frei: der Aubisque. Langsam wird klar, das im Anstieg fast der halbe Talkessel umrundet wird.

b83Erste Menschen -einzelne Wanderer, die auf Pilzjagd gehen. Ist es der letze Kilometer oder sind es geringere Steigungsgrade die mich den letzten Kilometer genießen lassen? 6%, das ist fast nichts. Radfahren ist ein Rätsel, die Luft ist tief und frisch, – schon ist die große Straße erreicht, an der der Paß endet.

b010Ein „unechter Paß“, denn er mündet in einem Boulevard, der zur Pierre St. Martin führt.

b89Vollbracht. Jetzt ziehe ich die  Nußschokolade aus der Lenkertascheund genieße den Augenblick in der Sonne, den Duft von Bergahorn und Fichten. Die Heftigkeit der Anstrengung letzten zehn Kilometer verfliegt sehr schnell. Das Erlebnis und die Bilder bleiben.

Fast jeder paß der Pyrenäen hat so etwas wie eine eigene Persönlichkeit. Dieser hier eine ganz Besondere. Eine Dramaturgie voller Überraschungen hinter der nächsten Kehre. Erst jenseits der Baumgrenze gewinnt man die Übersicht und erfaßt die ganze Geschichte. Vor mir liegt die breite Straße in der Sonne. Der Tag ist noch lang – ich treffe eine Entscheidung:  noch 7km bis zur Passhöhe hinter St.Martin, jenseits der Baumgrenze. Links ab.

b93Weit unten , hinter mir in einer anderen Welt liegt im blauen Dunst der Piedmont und das kleine Dorf Issor, durch das der Bach mit den Forellen fließt.

„Der Labays? – für eine Tour Etappe gibt es da zuviel Steinschlag, “ sagt der Mann, der so gern dort Angeln geht.

 

 

 

 

 

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Surfin’back – gelehrter Disput am Strand

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Im Oktober wird der Sommer in diesem kleinen Dorf noch ein Stück weiter gefeiert. Soeben bin ich die 70km an Bananenstauden und Agaven vorbeigefahren, begleitet von weiße und orangenfarbenen Calla am Straßenrand. Der kleine Ferienort an der Küste wimmelt von Menschen. Das kann nicht nur an den verkündeten 30Grad liegen.

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An der Strandpromenade dann der Grund, für auffällig viele wasserstofperoxidierte Männer. Surf is back, bessser gesagt ist er nie weit weg, nur diesmal tritt er in ganz großem Stil auf.

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Die künstlichen Zeltstädte wachsen Jahr für Jahr höher, noch kann man den Hauptwellenkamm frei einblicken: aber noch hat der eigentliche Wettbewerb nicht begonnen – dann werden Planen alles verdecken .

a6Mittlerweile scheint der Sport schon eine Generation weiter , aus alten Fans werden irgendwann junge Eltern, die ihren Nachwuchs mitbringen. Der Fuhrpark zeigt es.

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Mein Snel wirkt inmitten der elektrischen Fatbikes wie ein zerbrechliches Relikt, ein früher, viel zu instabiler Entwurf.

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Die zusammenbrechenden Wellen setzen ordentlich Dezibel frei. Immer und immer wieder fallen die Wellenkämme von mehreren hundert Metern zu Schaumflächen zusammen. Fürs erste genug.

Der Durst nach 3 Stunden Anfahrt treibt mich in die beliebte Bar, die sicher massenhaft soziale Daumen hat, wenn ich von der Dichte an Smartphones pro Tisch rückschließe.  Aber neben der Aussicht, einer gewissen Gediegenheit auch Monitore.

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Und in der schattigen Tiefe des Raumes aber treffe ich auf das Ereignis, auf das ich EIGENTLICH warte, dem Lauf zur Weltmeisterschaft im Straßenradsport. Diesmal im verregneten Nordengland. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen proste ich dem Monitor zu und setze mein Glas an,  das jetzt mit einem süffigen belgischen Bier gefüllt ist. Aus Flandern. Eine leichte Brise weht zur Tür herein als der malzige Gerstensaft durch die Kehle rinnt.

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Das Meer rauscht weiter, aber dafür ist immer noch Zeit  bis Sonnenuntergang. Zurück zum Radsport.

Weltmeisterschaften sind immer besondere Rennen; sie durchbrechen die Logik der üblichen Veranstaltungen. Nur bei diesem einen Rennen im Kalender fahren Teilnehmer in Nationalmannschaften gegeneinander. Man sollte glauben, was im Fußball funktioniert ginge auch im Radsport.

Eine zweischneidige Sache, denn im Rennen wird jeder von jedem profitieren. Angriff und Verteidigung finden in der gleichen Reichtung statt. Absprachen unter Team(Arbeits-)kollegen kann es immer geben. Die Abwesenheit von Teamleitern (also den Arbeitgebern), vor allem Verzicht auf Funk vermögen das ein wenig auszugleichen. Geldkoffer in Hotelzimmern gibt es nach wie vor.

Kein geringerer als Ernesto Colnago behauptete seinerzeit: „Rennen werden manchmal vorher gewonnen, nachher ist es zu spät.“

Doch das temporäre Machtvakuum im Peloton hat, verstärkt durch die Erwartungshaltung der nationalen Medien, immer wieder sportliche Überraschungen zu Folge. Darin besteht der Reiz.

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Diesmal scheint aber der  der Regen von Yorkshire die unbekannte Größe darzustellen. Während ich gespannt verfolge, wie ein langgezogenes Peloton mit gequälten, von den üblichen Sonnenbrillen befreiten Gesichtern versucht, einer winzigen Ausreißergruppe Sekunden abzutrotzen, höre ich aus irgendeiner Ecke vertraute Stimmen. Tatsächlich, sie sind es, Krüger und Cornwell, die zwei dubiosen Expats. Um Cornwells Hals baumelt ein altes russisches Fernglas.

b1Sie unterhalten sich auf französisch mit leichtem Akzent. Ich versuche einmal wiederzugeben, was ich verstehen konnte. Ein gelehrter Disput.

„Petrel, Eider, Fou de bassan, Eisvogel, Strandläufer;“ . . . . dank Neumond die schönste Flut, die tiefsten Wellen und was fällt ihnen ein? !“

„Sie sind höflich und unterrichten die Anwohner. Unsere Einzelhändler reden seit einer Woche von nichts anderem –  “

„Und die halbe Küste dazu. Habe die hundert Meter hierher kaum zu Fuß geschafft, so dicht sind die Autoschlangen. Und dann bin ich über ein Surfbrett gestolpert. Es lag aber niemand drunter.“

„Vergiß nicht, wem Du die gepflegten Grüns, die sauberen Straßen, ja auch frischen Sand auf dem Strand verdankst. Für den letzten großen Contest unserer lokalen Surflabels, – der Eintritt ist frei.“

„Eine endlose Kolonne spätpubertierender Kiffer, die sich Haare bleichen, um sich als Surfer zu fühlen. Embryonale Halbgötter. “

„Aber aber Cornwell nur noch diese Woche, dann ist der Segen vorbei.  Sommer, Surf und das junge Gemüse, das uns davor bewahrt, ein Altengetto wie Florida zu werden. Finde das optisch sehr positiv. “

„Alte kümmern sich hier um Ihre Enkel, Krüger, noch gibt es Familien. Dir ist doch klar, was dieser wohlmeindende Surfersegen für eine globale Plastikindustrie darstellt? Wir haben Glück, daß uns Friseur und  Postkartenverkäufer noch wiedererkennen! Die Kugel Eis zu 3 Euro und vor lauter Surfbrettern auf 5 Meilen kein Vogel mehr zu sehen.“

a12„Ach was, der erste Regentag wird das erledigen und die Vögel fallen in Scharen über die Krümel ein. Erst die Hypertrophie, weil jeder noch einen schnellen Euro wittert und dann fällts in sich zusammen. Badeanzüge, von 200 auf 50 Euro reduziert, für 2 Surfbretter  das Dritte gratis und dann die Elektrobikes; die 30kilo-Monster müssen an die Ladestation – hoffentlich ist der Akku in der nächsten Saison noch fit. Oh, ! . .  auch mein Akku ist gerade leer. Noch einen?“

Sie müssen den Fernseher entdeckt haben  – ich höre einen leisen Ruf

„Harrogate! Meine erste Stelle als Französischlehrer.“

Das Grün der Yorkshireweiden auf den Monitoren leuchtet in verschiedener Intensität , während triefende Radsportler in der Gischt über die Feldwege rasen. Die Nationalfarben sind unter den Regenüberzügen kaum zu erkennen. Die Reporter haben Mühe, irgendetwas zu entziffern, das Publikum steht in Regenmänteln an den Straßen der kleinen Stadt, die jetzt zum Zentrum des Radsports ausgerufen wird.

„Bitte Krüger hier hast Du es– , Yorkshire. Die letzte Straßenweltmeisterschaft vor dem Brexit. Noch 50km bis zum Zielstrich.“

„Draußen sind es 30 Grad und Du sentimentaler Heuchler schwärmst vom englischen Regen! Die armen Hunde werden sich erkälten.“

„Der Regen ist ein Teil des Spiels, Krüger, der Regen ist die Charakterprobe. Schon Fünf Stunden rum, siehst Du die zwei Ausreißer, wie sie reinbeißen. .?“

„18 Sekunden, so gut wie nichts.“

„Und der Rest fährt nicht spazieren, ab der dritten Reihe machen sich alle so klein wie möglich. Wenn mich nicht alles täuscht, hat da oben keiner Lust, als erster die Nase in den atlantischen Wind zu halten..“

a10Der große Atlantik wirft stoisch Welle um Welle ab. Die kleinen Punkte im Wasser lassen sich in die Höhe tragen, werden erst zu gekrümmten Gestalten und dann Zweibeinern, als sie auf den Kamm der Welle zufliegen. Dann zerfließt das Bild wieder zu Schaum, der wie kochende Milch wirkt. Irgendwann wird ein Punkt wieder sichtbar.

„Und Surfer bekommen ebenfalls jede Menge Wasser aufs Haupt, wenn ich das richtig sehe. Zart besaitet darf man da nicht sein.“

„Und alles für ein paar Sekunden auf der Welle ihres Lebens, für eine Zirkusnummer auf dem Wasser, die sich jemand als Hintergrund auf seinem Bildschirm einer Agentur in Düsseldorf lädt. Hervorragendes Material für einen theologischen Disput, nicht wahr Krüger?“

„Für was?“

b3„Eine kleine Meditation über Wege, erlöst zu werden. Der eine findet direkt vor unseren Augen statt,  Welle um Welle. Den anderen verfolgen wir hier im trockenen auf dem Bildschirm der Bar. Hienieden wartet ein dutzend dunkler Gestalten auf ihren Plastikbrettern darauf, vom Meer für einige Sekunden in die Höhe gehoben zu werden bis zur Schwerelosigkeit. Dort tritt ein fast amorpher Haufen in der Gischt eines schönen englischen Landregens verbissen in die Pedale. Hügel  um Hügel in der Hoffnung vereint, als erste den erlösenden Zielstrich zu überqueren.“

„Und was ist daran Religion? Ich sehe schlecht oder recht bezahlte Leistungssportler. Zwei Möglichkeiten der gleichen Sache. Erlaube mir tiefe deutsche Skepsis.“

„Geld ist nur der kleinste gemeinsame Nenner, der sie mit  der übrigen Lohngesellschaft verbindet. So bekommt das Publikum vergleichbare Werte geliefert, mit denen es seine Bewunderung einstufen kann. Einen Bezug zur Welt von Lohn und Gehalt besteht nicht. Ginge es bei Sportlern um Produktivität, dürfte keiner mehr als ein Radieschenrupfer auf den Feldern erhalten – und ginge um körperliche Arbeit, bekämen alle mehr oder weniger das Gleiche.“

„Das Gesetz der Medien will es, so einfach ist das, ganz ohne  Metaphysik. Genug Zuschauer, genug Geld. “

„Aber Krüger, Medien fangen Schneebälle auf und machen daraus Lawinen – oder Shitstorms um es in der Sprache unserer Zeit zu sagen. An sich sind sie eigentlich nichts. Ich will erleben, wie Menschen sich selbst übertreffen.  “

„Warum versucht ihr Engländer euch an Heldenkulten?  Sieh lieber die Strandpromenade an. “

b2Die lange Promenade erstreckt sich vor einer Häuserfront großer Gebäude im lokalen Landhausstil aus den 1920ern. Die rotweißen und blauweißen Fassaden bilden den Abschluß einer Gartenstadt, die sich in den Dünen bis zum Dorfkern fortsetzt. Es herrscht munteres hinundher.

„Die Promenade ist wie immer gut besucht – .“

„Der frühe entwurf einer Freizeitgesellschaft, stilvoller Ort glücklicher Erholung. Seit drei Generationen genießen Familien von Bordeaux bis Biarritz das Meer. Eine wundervolle Illusion von Wildnis und Ursprünglichkeit, mit Casino, Golfclub und Bar, kein fish and chips. Mit Surf und Medien sind wir einen großen postindustriellen Schritt weiter.“

„Oder einen zurück. Das Wort postindustriell ist mir übrigens unangenehm. Aber Freizeitgesellschaft?  Wenn die Abstinenz vom Smartphone schon als wertvolles Erlebnis gefeiert werden soll, werde ich depressiv. Die Verwischung von Freizeit und dem, was sie Arbeit nennen ist etwas, mit dem ich nicht klar komme. Die Jungs auf den Straßen von Harrogate haben 20 Sekunden Vorsprung und bis ins Ziel wird es keine Pause geben. Weißt Du eigentlich, wie lang 20 Kilometer sein können? Das nenne ich Überwindung und Charakter. “

„Cornwell, Du bleibst hypnotisiertes Opfer der alten Geschichten. Götter und Sagen des Altertums – nicht wahr?“

„Siehst Du Krüger, ich habe es eben mit alten Namen, die die Zeit überdauern . An den Ausfahrten der Autobahn unserer Freizeitgesellschaft liegen die leblosen Hüllen tausender Namen, die einmal einen Himmel versprachen. Sportartikel, Automobile, Haute Couture. Der Satz von den 15 Minuten Ruhm war vielleicht ein Schlüssel zur geistigen Verfassung einer Epoche. Wenn ich die Surfer nehme, geht es nur noch um 5 Sekunden. Ich will mehr als nur a name written in water.“

„Gilt aber für Deine Radhelden genauso; du hast unterwegs einen Denkfehler gemacht.“

„Sehr gespannt.“

a11„Es geht auf dem Strand nur  vordergründig um einen Surfweltmeister, oder Preisgeld, oder 5 Sekunden Kopfstand auf einer Welle. Es geht überhaupt nicht um den wahren und guten Sport.  Die Zuschauer pilgern mit Familie dorthin. Sie besuchen einen Freizeikult; Wenn überhaupt zelebrieren sie eine harmlose Wochenendreligion, die ihnen die Work-Life Balance ausgleicht.

Schöne Bilder, schöne Erinnerungen. Radsportler sind fast atheistisch, sie transzendieren nicht den Ozean, allenfalls ihren eigenen Körper. Eine sterbliche Hülle im kalten Regen ist hier keine Option .“

Sie sind in der letzten Runde in Harrogate. Vier Ausrteißer nehmen den Anstieg, der aus der Stadt führt, als wir plötzlich Zeuge eines Dramas werden. Der junge, von allen hohchgelobte Holländer, den alle in den Runden zuvor schon zum Sieger erklärten, erlebt vor aller Augen den Mann mit dem Hammer. Le coup de barre, la fringale.

Jeder, der auf dem Rad über seine Grenzen gegangen ist, hat es selbst erlebt dieses unbeschreibliche Gefühl:  plötzlich ins Bodenlose zu treten. Es ist kein Schmerz, kein zähes Ringen. Es ist das plötzliche Nichts, die Implosion. Der Wille findet keinen Gegner mehr, er ist machtlos gegen das Gefühl,  statt Muskeln weichgekochte Spaghetti zu bewegen. Und so wirkt es, als bliebe der junge Holländer mit konsterniertem Gesicht einfach stehen, während seine Gefährten einfach davonziehen. Cornwell ist begeistert.

„Siehst Du Krüger!: da ist sie, die sterbliche Hülle, der schmale Grat zwischen Triumph und Untergang. Das wirkliche Drama der Existenz. Ohne Schamanismus,  Grasdunst und Nietzsche on the beach! “

Mein Glas ist leer, ich rolle zum Strand.

 

 

 

 

 

 

 

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Das Karussell von Pau

Ich bin über die route des crêtes gekommen. Aus dem Tal hinauf nach Mespledes mit dem Kreuz von 1447. Vorbei am Holländer, der alte Rennräder sammelt und verkauft. Eine einsame Strecke über den Höhenzug, rechterhand die Kette der Pyrenäen (wolkenverhangen), drunten das Tal des Gave, Mourenx Ville Nouvelle grüßt aus der Ferne. Hier oben: die alte Welt.

Arret minute in Arthez, wo es ein nettes kleines Café gibt. Ein Impresario und seine Praktikantin diskutieren mit den Betreibern über die nächste Veranstaltung. Die kleine Patronne war beim Friseur. Ihre Haare glänzen schwarz wie die Stiefel, die sie trägt. .

Vorbei an der kleinen Templerkirche – Etappe auf auf dem Weg nach Compostela –  und hinunter ins Tal von Pau. Durch die Siedlungen der 1960er.  Verschiedene „residences“ in verschiedenen Erhaltungsstadien. Quartier Saragosse.

Ich kreise umher, doch den Rennradbastler werde ich nicht mehr finden. Mit Mühe erkenne ich das alte Geschäft. Gerade ist  die Schule aus,  Bushaltestellen sind mit Jugendlichen überfüllt, Gruppen ziehen durch die Straßen, kommen aus Cafés in denen sie vor dem Nieselregen sicher sind.

Autos stehen im Stau, auch der Citroen des Tages-

Der Regen, der auch mich angefeuchtet hat – aber nicht durchnäßt:,  die Wolken ziehen als graue Fetzen weiter schnell über die Köpfe ; es nieselt gerade so, daß die Straße glänzt.

An der Esplanade des Pyrénées sind rosa Regenschirme wie ein riesiger Baldachin hundertfach über die Köpfe der Passanten gespannt. Die Esplanade ist ein großer, offener Platz am  Ende des Stadtkerns. Auf die Häuser der alten Stadt folgt hier ein doppelter Häuserriegel, achtgeschossige Apartmenthäuser, die die Moderne des letzten Jahrhunderts markieren.  Wasserspiele und eine künstliche Kaskade unterbrechen den hellen gefliesten Platz, an dessen Rand ein altmodisches Karrussel steht. Schreiend liefen die Kleinen früher darauf zu und ritten ihre Runde auf  bunten Holzpferden.

Hinter dem Karussell liegt der Monoprix, vor dem ich jetzt mit meinem Sohn stehe (das Snel am langen Arm), während wir auf den Rest der Familie warten, die im Inneren nach Angeboten forscht. Wir stehen unter dem Vorsprung des Eingangs, nebenan eine Gruppe  Obadachloser, die sich mit Hunden und Rucksäcken am Ausgang verteilt haben. Ein Wagen der police municipale kommt im Schrittempo vorbei, zwei Polizisten steigen aus, kontrollieren die Ausweise, fordern die Obdachlosen zum unverzüglichen Verschwinden auf.

Die Obdachlosen ziehen um die Ecke, die Polizei fährt weiter. Die Angebote des Monoprix müssen sehr verlockend sein –  Vater und Sohn üben sich in Geduld, als aus dem benachbarten Café PMU ein halbes dutzend Jugendliche herauskommt. vielleicht hat es aufgehört zu regnen. Sie tragen spezielle Turnschuhe und Pullover – den look der banlieue. Sie schwenken ihre Smartphones, reden laut und ausgelassen, schubsen ein wenig herum. Dann setzen sie sich auf die Stufen der Esplanade gleich gegenüber.

Links dreht sich das Karussell, im Hintergrund werfen die Regenschirme ihren rosanen Schein in die Luft. Von dort kommen jetzt zwei Jugendliche herüber. Sie wirken wie Schüler, denen ich eben noch knapp vor der Bushaltestelle ausweichen konnte. Sie trägt einen langen Jeansrock, er eine Lederjacke und Lederschuhe, seine dunklen Haare sind nach hinten gegeelt wie bei Martin Suter. Das Mädchen sitzt nun außen neben der Gruppe und schaut in ihr Smartphone, der Junge wird  freudig begrüßt und setzt sich in die Gruppe.

„Sieh hin,“ sage ich zu noch meinem Sohn. „Papa, das sind nur Jugendliche die hier abhängen.“

Eine Hand gleitet in die Seitentasche eines roten Kapuzenpullovers, eine andere Hand nimmt es und steckt es in eine schwarze Lederjacke. Wie auf Kommando stehen plötzlich alle auf und entfernen sich, das Mädchen geht allein in die andere Richtung, am bunten Karussell vorbei.

Ein paar Obdachlose nähern sich vorsichtig wieder dem Ausgang vom Monoprix, aus dem gleich die Kunden strömen werden.

 

 

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