Depot der Zukunft 29 10 12

29102012

Einmal links, einmal rechts

Heute besuchte ich eine große Fossiliensammlung in einem Straßenbahndepot. die Fossilien waren Automobile, wertvolle Automobile, alte und etwas jüngere, von ihren Besitzern dort in einer Art Garagenvitrine abgestellt oder freiweg zum Verkauf angeboten.

Es roch nach unkatalysiertem Benzin, ein Stoff, der mit den Feinstaubedikten der späten Berliner Republik so gar nicht harmoniert. Denn hier wurden Fahrzeuge auch repariert, besser gesagt restauriert. So konnte ich denn den sehr profanen ID Confort meines Großvaters in aufgesägtem Zustand bewundern.

Vor allem die Sprungfedern in den herrlich weichen Kissen hatte ich (so) noch nie gesehen. Der Traum eines jeden Jungen, einmal alles auseinandernehmen, wird hier in feinster Form praktiziert, denn in den Werkstattkojen wird fleißig geschraubt. Mein Sohn fragte sich, warum den so heftig auf den rostigen Blechen herumgehauen würde. Ja, Karrosseriebau war einmal ein hartes Handwerk . . . .

Ob nicht langsam etwas dran ist, dass diese Wagen Skulpturen unserer Mobilitätsträume sind ?

Jedenfalls sind sie die Ikonen der Mobilität ihrer Zeit (ohne Limits, Alkoholkontrollen oder Staudurchsagen)  – zudem habe ich noch den leisen Verdacht, dass die Skulpturen der letzten drei Jahrzehnte, für Ihre Besitzer nicht gerade eine Geldanlage darstellen. Mir kam es eher wie eine besonders schöne Form der Geldvernichtung vor, weshalb es ja auch schade ist, solche Fahrzeuge länger als nötig unbewegt zu lassen. Ich wünsche den Objekten, möglichst oft gebraucht zu werden, denn dann entfaltet sich ihr eigentlicher Wert. Und: Wieviel lebendiger wirkten daneben die s/w Bilder glücklicher Rennsieger und stolzer Fabrikanten neben ihren heroischen Erzeugnissen.

Wenige Stunden später las ich eins der schlecht-gemachtesten Bücher die ich je in einer Buchhandlung fand. Es war die Geschichte der Firma Rohloff, geschrieben und offenbar auch produziert von ihren stolzen Besitzern und den nicht minder stolzen Fahrer der Rohloff Produkte. Schlecht gemacht bedeutet in den Augen eines Bücherfreundes, dass Papier, Grafik, Typo und Satz einfach unterhalb des Niveaus eines Jahrbuches der freiwilligen Feuerwehr der Gemeinde Großriexingen lagen.

Aber das interessiert niemanden, der für das interessiert, worum es sich in dem Buch dreht, die Rohloff Nabe für Fahrräder.

Diese Nabe ist der Studientraum eines eindeutig 1968-geprägten, rabenliebenden, radfahrenden Ingenieurs und seiner klugen Frau, es ist ihr Lebenswerk. Gegen alle Fährnisse, finanziellen Engpässe und vorbehalte etablierter Unternehmen schafft die gute alte Getriebenabe den Sprung ins neue Jahrtausend und Rohloff ist mit der 14gängigen speedhub allein auf dem Markt. Alles oder nichts –

10 Jahre lang hatten Rohloffs und einige wenige Mitarbeiter die beste Rennradkette der Welt (SLS 99) in kleiner Serie gefertigt, bevor das Geld für dieses Uhrmacherwerk einer Schaltung zusammen war. Banken waren an solchen Dingen wenig interessiert.

Fichtel und Sachs,,die Weltfirma am Ursprung der Nabenschaltung hatte mit der Torpedo 3 Gangschaltung ein Imperium errichtet – es gibt sie nur noch unter dem Namen SRAM.

Bernd Rohloff machte aus diesem Prinzip ein Hightech Aggregat für das Mountainbike Zeitalter und Weltumrundungen. 50tkm sind für ein Rohloff Getriebe kein Problem und dutzende Radfahrer aus aller Welt ergänzen das Buch um ihre persönliche Geschichte mit Rad und Speedhub. Und hier taucht auch wieder die Intimität einer lokalen Festschrift auf. Es ist die immer neu erzählte Geschichte des ganz gewöhnlichen Fahrradalltags ohne Goldmedaillen, Doping und Sponsorensprech. Es sind Menschen mit ihrer persönlichen Beziehung zum Radfahren und ganz eigenen Vorstellung von Freiheit, die sie dabei erzählen.

Und sie bezeichnen die Nabe als Investition, die sie nicht bereuen, als etwas, dem sie die Erfüllung eines Traums verdanken: jeden Berg mit Gepäck zu erklimmen, an jeder Ampel stehend in den kleinen Gang schalten, durch Matsch Sand und Schnee ohne Verschleiß. Sie nennen eine Sache, die weniger als der Rückspiegel eines alten Porsche kostet eine Investition, die sich auszahlt.

Die Fossilien aus dem Straßenbahndepot , die vor allem in der Rubrik Geld&Mehr auftauchen – selbst wenn es Geld und Weniger heißen müßte.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s