September 2012 cicli

Cicli Berlinetta

27 . 10 . 2012-10-27

 

Leicht windig, etwas über 0°, grau bewölkt, ein Berliner Herbsttag. Mit der Ringbahn zur Schönhauser Allee, dem Shopping Center am Prenzlauer Berg. Ab Wedding ist die Bahn ordentlich gefüllt, im Strom der Aussteigenden treibe ich an die Oberfläche. Die Schönfließer Straße ist mein Ziel.

 

In den Schönhauser Allee Arcaden gibt es noch einen größeren Buchladen, dort also einen Stadtplan, der mir den Weg weist. Es ist nicht weit, Richtung Wedding und auf halbem Weg zum Gesundbrunnen. In der Gegend besuchte ich regelmäßig den Möbelladen der Diakonie und einen kleinen Trödler. Der Trödler verkaufte mir eine herrlich verpackte Voigtländer Vitomatic mit Tasche und Rechnung für einen geringen Betrag, aber das war 2005 und da gab es die neue Brücke noch nicht und ebensowenig cicli berlinetta

 

Homepage: klassische Rennräder und wohl auch Zubehör, mal sehen – viele solcher Läden gibt es ja eigentlich nicht und die große Vorliebe für“ Fixies“ in der Hauptstadt lässt offen, was nun wirklich zu erwarten ist. Mich interessiert zB ein paar Handschuhe in Strick und Leder, wie sie gang und gäbe waren. Als ich über 20 Rennräder vor der Türe des Geschäftslokals sehe bin ich beeindruckt. Gleich rechts vorn fällt mir ein Koga Pro in Teamblau auf, Rahmenhöhe 61, alles Tange Champion, 198 das top-Rad der firma, hier nachlässig angebunden und ohne decals. Viele italienische Namen, Basso, Colnago, dazwischen ein Viner und , ohne Sattel, ein Bauer von Anfang der 60er. An der Wand lehnt ein großes Merckx Rahmen aus columbusSLX und das Schaufenster ziert eine Bianchi Zeitfahrmaschine in celeste. Innen ungefähr das gleiche Bild: Sehr viele Italiener, dreißig Rahmen hängen sauber an der Wand, ungefähr genauso viele vollständige Räder stehen darunter. Die lebhaften Farben der mittleren 80er dominieren den Raum. Ein kleines Paradies.

 

Was gibt es eher nicht? Große Rahmen zum Beispiel, flämische oder holländische oder gar englische Firmen fehlen, bis auf vorher erwähnte Eddy Merckxe. Ob das an den Vorlieben der Inhaber liegt, aber man kann auch nicht alles bieten. Das entdeckte Koga ist das einzige seiner Art und wird als Unfallschaden beschrieben, der Besitzer wartet auf die Abwicklung der Versicherung. Bis auf ein Tandem und ein Sportrad gibt es nicht ein einziges französisches Rad, insofern also für mich eine leichte Enttäuschung, aber vielleicht spiegelt es auch nur die Prioritäten (West)Berliner Radkäufer in den Jahren vor der Vereinigung.

Und da galten italienische Fabrikate als das schönste auf 2Rädern. Neben etlichen Colnagos (einem sehr schrägen master olympic) fielen mir noch drei Masi: Prestige , Criterium und Criterium Special auf, ein oder zwei Gianni Motta Personal, doch alles in Rahmenhöhen unter 60. Neu sind vor allem die sauber gepulverten Rahmen der Hausmarke Cicli berlinetta, die mit bunten Kurbeln zu fixies verbaut wurden.

 

Der Laden ist hübsch, gut arrangiert und voller memorabilia des Sports Es gibt viele Radbilder und Postkarten alter Helden, vor allem italienischer Abstammung. Die Regale sind mit Sätteln, Vorbauten und diversen Campagnolo Teilen der seltenen super record garniert. Wer schwarze dura-ace Kettenblätter sucht, findet sie hier neu. Sie kosten ungefähr so viel wie eines der Trikots – 50 Euro. Ganz extravagant fand ich einen godeloxierten edco competition Steuersatz . Auch drei paar Handschuhe lagen dort – ach je- zu klein.! Sie hätten 25 Euro gekostet, zehn mehr als die diversen neuen Kappen der alten Rennställe von Merckx, Moser und Gimondi.

 

Ich war in der letzten Geschäftsstunde dort und nach einer viertelstunde hatte der Eigner, ein schlanker großer Mann in meinem Alter mit gerötetem Gesicht aus einer Kiste in seiner soul-beschallten Werkstatt den silbernen Aluspacer für die Hinterachse gekramt, die meine Maillard 700 Nabe durchzog. Dann betrat ein junger Kunde den Laden. Wie aus dem Ei gepellt und verziert mit grasgrünen Wildlederschuhen zu einem knappen Kamelhaarmantel. Der japanische Mechaniker im Overall mit Rennradkappe überreichte ihm das neu eingestellte Rad, ein rotes Bianchi der mittleren Lage. Als er damit zum Geldautomaten fuhr, ließ er seinen Hut als Pfand da. Ein wenig so, als würde jemand im Maßanzug einen älteren Fiat besteigen.

 

Das Masi Criterium Speziale stand seit zwei Jahren dort. Für ein gut gebrauchtes 81erMerckx in weiß /rot mit Startnummer wurden 2000 aufgerufen. Ich könnte schwören, ein solches bei einer Auktion für 390 gesehen zu haben, was, nach Ladenmiete und Personalkosten und Garantie eine erklärbare Summe wäre. Dennoch vermittelte sich mir diese Ahnung, als stünde hier ein langer Winter bevor. Niemand der vorbeikam, dem das Leuchten in die Augen trat, das die Gleichgültigkeit beendet hätte, mit der der Inhaber auf all das schöne Metall schaute, das ihm vielleicht wie Blei vorkam Wie gesagt nur eine Ahnung, aber die täuscht in Geschäften, wo abends die Kasse ihren Mann nähren soll, eigentlich nicht.

 

Nachdem der junge Mann mit dem teuren Aufzug und dem billigeren Rad davon war, begann ich mir, angesichts von l’eroica Erinnerungsbildern, der Autogrammkarten und Wildledersättel die Frage zu stellen, was hier, mitten in der Hauptstadt der Mode, des Radfahrens und des Designs (sei Berlin), möglicherweise nicht funktioniert hatte. Denn die Radstellplätze an der Schönhauser Allee waren brechend voll und es waren in den letzten Jahren sehr sehr viele dazu gekommen.

 

Vielleicht war dieser Laden eher ein Modegeschäft und die Sommermode nun wirklich vorbei? Oder weil es eigentlich gar kein Fahrradgeschäft war, in dem man sich zwischen Gesundbrunnen und Schönhauser mal eben sein Rad für den Winter hätte richten lassen? Sicher, es fehlte die Aura der Werkstatt, des alten Meisters der eine Referenz in seinem Kiez ist, auch schonmal ein Glühbirnchen wechselt und Bonbons für die Kleinen auf Vorrat hat.

 

Dieser Kiez hatte jetzt all seine Häuser saniert, ebenso wie der benachbarte Slum am Gesundbrunnen trockengelegt und vollvermietet worden war, ging es nun auch hier zu. Alles war importiert, die Dekorationen und Ausstattungen gekauft und neue Anstriche die tiefste Oberfläche. Da bildeten die Importmythen italienischer Lebensart keinen traghaften Grund- die Mythen der Zahnärzte aus dem Westen.

 

Und wer mit seinem RennFixbike noch letzte Wohe zur Eisdiele rollte, der stellt es spätestens heute in den geheizten , abschließbaren Keller. Er gehört nicht zu denen, deren Schloß für das Rad an der Schönhauser Allee mehr gekostet had als das Rad wert ist und für die die im dunkeln überrollte Bierflasche, die ein später Punk aus Systemverachtung zerschlug, ein Drama im Monatsbudget bedeutet.

 

Vielleicht muß sich cicli berlinetta einen Käufer in Düsseldorf suchen?

Der Alltag Berliner Räder ist ein anderer.

 

 Bild

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