Operation Galibier

2712012 – Galibier

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Weil es schön ist, immer wieder ein neues Rad (im Bild vorn) fahren zu können, wird das Sammeln von Rädern zur sublimierten Polygamie Serientat.

Außerdem ist jetzt Weihnachten! Gerade komme ich aus Berlin, wo sich Schnee, Schneeregen und graues Wetter derart lückenlos abwechselten, dass keiner ungezwungen den Fuß vor die Tür setzen wollte. Insgesamt sah ich dort aus dem warmen Cocon meines Autos vielleicht ein halbes dutzend Fahrradfahrer in fünf Tagen.

Jetzt stehts vor mir, noch nicht ganz rostfrei, aber  insgesamt sehr passabel für seine 20 Jahre: ein Galibier von 1992, ganz genau so wie im Peugeot Katalog abgebildet. Die Temperaturen draußen sind wieder jenseits der 5celsius – endlich!.

Die Farbkombination ist ein sehr dunkles anthrazit-metallic mit silbernen Aufdrucken und minzfarbenen Ornamenten. Die Ornamente, eher modische Muster,  bedeuten, dass dieses Fahrrad nie die Seriosität klassischer Rennräder vortäuschen wird, offfenbar auch nicht  soll .

Doch von Farbexzessen, man erinnere sich an violett-blau-kanariengelbe Kombinationen der Dekade, sind wir hier weit entfernt. Sogar die Tricolore Shimano 600 Ausstattung scheint sich in ihrer grauen Anodisierung dem Rad angepaßt zu haben. Mode, aber nicht zu dick aufgetragen.

Die Klingel verschenke ich mal als erstes.

Was mir gefällt ist die Art, in der Peugeot über die Jahre seine Typographie modernisiert hat und gleichtzeitig den charakter wahrt. 1992 ist es eine digitalisierte Form des ehemals ArtDeco-nahen Schriftzugs, der trotzdem noch „durchschimmert“ und hier gleichtzeitig eine Mimikry zu den untersetzten  Shimano 600 Typos bildet. Eine „Computerschrift“ mit Segmenten  im Stile von TRON (1), oder Casios Digitaluhtren.

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Es ist nicht für jeden einsichtig, weshalb ein Rennrad, das in seiner Form doch Millionen anderer Räder wie ein Ei gleicht, so ins Detail betrachtet wird. Aber gerade da liegtder Witz-  Wie sonst, außer in Farbe und Schrift, soll sich denn der eine vom anderen Rahmen unterscheiden lassen. ? Es ist ein wenig wie mit Keramikgefäßen oder Porzellantellern. Auch da geht es um kleinste Unterschiede. Muffen, Anlegungen, Rohrwinkel, Durchmesser und dann die gestaltung der Oberfläche –

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(die Geschichte der Ornamentik von Fahrradrahmen wäre ein kunsthandwerkliches Seminar für sich).

Betrachten wir also hier den späten Stil einer großen alten Traditionsmarke des Zweirades, zu dessen letzten Kreationen unter altem Eigentum (Familie) dieses „Galibier“ zählt.

Die namen französischer Pässe als Bezeichnnung ihrer Räder hatte schon über 15 Jahre Tradition. Aspin, Aubisque, Tourmalet, Lautaret, Perthuis etc.etc.

Es bedeutet nicht, daß Galibier für eine bestimmte Kategorie in der Modellpalette stünde. Vor meinem kauf offenbarte sich eine echte Vielfalt: es gab einfachere aus 501 Chromoly oder mit nur 3 Hauptrohren aus 531, es gab auch solche, bei der die Sattelstütze mit einer Schraube geklemmt wurde (sehr unpraktisch). Hier ist alles Standard , sehr praktisch für mich.

Beschriftung – CAD: hier ist der Fortschritt. HB : als Abkürzung für Handbrazed : hier ist die Tradition. 14 speed: wir sind auf der Höhe der kunst. 531. Kenner wissen bescheid.

Am rätselhaftesten sind dann die  Farblabyrinthe, die als ornamentale Applikation eigentlich versagen, weil sie ohne rechten Bezug, weder zur Form des Rades noch zu seinem Zweck stehen. War es der Erfolg von Keith Haring, der hier in irgendeiner Form auf das Fahrrad überragen werden sollte, oder der von Basquiat, oder wollte man einfach „moderne“ grafische Elemente, so wie es früher Banderolen, Kleckse! Linierungen oder Schmuckfarben waren ?

Gleichwie: dieses Detail hat nur Peugeot im jahr 1992 verwendet,  und ist nie wieder darauf zurückgekommen

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Während ich noch über semantische und syntaktische Ebenen des Musters rätsele sehe ich deutlich, wie knapp der hinterbau geschnitten ist. Peugeot hat hier eigenes Material verwendet und ein schrägvertikales Ausfallende gebaut. Das ist mit 40,5 cm recht kurz und zwischen den 20er Hutchinson und das Sitzrohr passt nicht mehr viel Luft. Ein Rad, das nicht für Crossreifen oder Schutzbleche gemacht wurde – ein Rennrad.

Solche Ausfallenden kenne ich vom (gleichalten)  Giant Peloton, wo sie beim Eindrehen des Schnellspanners locker einige Millimeter nachgaben. Hier ist es weniger weich, was zwar ein gutes „Gefühl“ vermittelt, mir aber weniger gefällt als die gute alte horizontale Lösung, bei der man durch die kleinen Schrauben Radstand und Versatz fein kompensieren konnte. Die besten Rahmen bei Peugeot hatten dies noch. Rationalisierung.

Internationalisierung sehen wir auch – wer Peugeot meinte, sagte immer auch Simplex und Mafac – Campagnolo nur auf Wunsch und zu doppeltem Preis. Das war nun anders, denn Ende der Achtziger  kam niemand mehr an Shimano vorbei und vielleicht hat Peugeot auch deshalb englische Abkürzungen auf dem Rahmen verewigt. Stand hier wenige Jahre früher noch “ brasé main“ in Versalien, oder „super compétition“, muss der arme Franzose nun den Sinn der Abkürzung HB = hand brazed im Lexikon nachschlagen.

Unterwegs:

Leider fehlen mir die diversen Jahrgänge des tour Magazins und ich kann deshalb nur eigene Erfahrungen in die Waage werfen. Das Rad ist kein Leichtgewicht, dies vorweg. Das Raleigh Roadace  beispielsweise wiegt bei 4cm mehr Rahmenhöhe 250g weniger, woran die Eingelenker Version der 6400er Bremse sicher nur zum Teil  schuld ist. Beide Räder sind aus dem bekannten 531, bis auf dem Hinterbau. So wiegt das Galibier nun seine 10.45 kg fahrfertig ohne Bidon, das entspricht dem Duchschnitt und.   bemerkbar macht es sich eh nicht: Gewicht ist lediglich ein untrügliches Zeichen für die Wahl der materialien.

Den Philippe Tour de France Lenker mag ich sofort, denn auch bei 12cm Vorbaulänge ist er für mich durch den kürzeren reach (ggü meinen Sakae road champions) auf Anhieb in jeder Position angenehm. So muß ich bei gleicher 58er Oberrohrlänge und einem 90er Vorbau am Raleigh immer noch 2cm weiter an die Bremse greifen, zum direkten Vergleich.

(Weshalb hier einmal dran erinnert sein soll, daß Oberrohrlänge und Vorbaulänge keine definitive Aussage über die Passung zulassen).

Die 600er Gruppe Shimanos ist in allen Versionen mein persönlicher Goldstandard – hervorzuheben sind die Aero Bremshebel , die besten Griffe, die ich kenne, sie packen sich von allen Seiten gut, rutschen nicht, und das Gummi scheint absolut nicht zu verschleißen. Ich sitze sofort gut.

Jungfernfahrt am 3ten Weihnachtstag :ohne  Probleme. Den eigenartig grauen Turbo-Gel Sattel war ich zuvor noch nie gefahren, doch auch nach 20min Gegenwindhaltung am Stück spüre ich keinerlei Druck. Meine alte kleine Heimrunde bewegt sich über 40km hart an beiden Seiten der holländischen Grenze entlang, über relativ gerade Landstraßen auf denen wenig Verkehr herrscht und ab und zu ein Dorf die Drempel genannten Hindernisse präsentiert. Gerade auf holländischer Seite finden sich stille Alleen von heimeliger Schönheit, auf dem ich dme Rad gutr zuhören kann. Kurz vor Echt die Kehre ich nach Nordosten und dann meist guter Wind. Das Galibier hat Flachlandübersetzung, eine HG Kassette mit 13-23 Zähnen. So wie es mir jetzt nach den üppigen Tagen geht, fahre ich 42+17 oder 52+19 ohne Gegenwind. Es rollt dahin, deutlich höre ich die Resonanz der Reifen und nur wenn ich schwerer trete, meine ich ein Zurren der Kette zu spüren.

Ich finde das alles nicht schlecht für ein Rad, dass ich blind anhand winziger Bilder ersteigert habe und das ich eigentlich nur aufpumpen musste, bevor es nach sechs Jahren erstmals wieder bewegt wurde.

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Schade, daß Peugeot danach nur noch ein Handelsname von derby cycles wurde.

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2 Antworten zu Operation Galibier

  1. Dietmar Heinz schreibt:

    …genau dieses Peugeot Galibier von 1992 fahre ich – seit 1994. Ich wollte mir damals endlich mal ein Rennrad kaufen, das gute Stück stand in der hintersten Ecke eines Heidelberger Fahrradhändlers als Ladenhüter, ausgebremst von all den neu aufgekommenen Bremsgriffschaltungsrädern. Es war billig und es war Liebe auf den ersten Blick. Dass es mir mit 60cm zu groß war, merkte ich erst später, da wollte ich es aber nicht mehr hergeben. Gleich die erste Ausfahrt auf den Heidelberger Königstuhl (untrainiert mit der 52/42 – 13/23er „Heldenkurbel“) geriet zur Lachnummer: schon in der Steigung stehend im viel zu großen Gang hab ich die neuen Look Pedale eingeklickt, kam keinen Meter voran, wußte aber noch nicht, wie ich wieder aus den Pedalen rauskam. Jedenfalls lag ich nach wenigen Sekunden hilflos wie ein Käfer auf der Straße.
    In den nächsten Jahren haben ich und das Galibier uns zusammengerauft wie ein altes Ehepaar: ich hab die für mich eigentlich unmögliche Geometrie so nach und nach mit kurzem Vorbau und anderem Lenker entschärft, hab die Schaltung mit kleinerem Kettenblatt und Mountainbikeritzel meinem neuen Wohnort nahe den Alpen angepasst und hab auch einen Sattel gefunden, der mich weniger plagte als der originale „Turbo“. Mittlerweile werden wir zusammen wohl so an die 100000 km zurückgelegt haben – die Shimano 600 Tricolor funktioniert noch wie am ersten Tag! Und diese Woche habe ich mir nach 22 Jahren doch tatsächlich ein nagelneues Rennrad bestellt, 4 kg leichter und ENDLICH mit passender Geometrie. Ich freu mich sehr drauf. Aber eines ist sicher: mein treues Peugeot Galibier werde ich niemals hergeben, es bleibt fahrbereit und wird immer wieder mal einen Ausflug in die Berge machen dürfen…

    • crispsanders schreibt:

      Wunderschöne Geschichte – vielen dank dafür. Den Rädern aus der Stahlzeit dürfte ohnehin eine längere Beziehung vergönnt worden sein als den jahrgängen nach 2000. Nach allem was ich im Netz verfolge, hatte Peugeot nie ganz den Fuß in der Tür und meistens waren sie für die ordentlichen Räder der Einstiegsklasse zuständig . Kein Wunder für mich, daß ein Galibier 1994 noch ladenneu (ihne STI!) herumstand. Es war kein Top Rad, aber eben schon teurer als die vielen (sehr ordentlichen) Tourmalets, Aspins usw.. Die tricolore dürfte irgendwann als eine der besten Gruppen aller zeiten gelten, wenn man es im Verhältnis zum Preis setzt. Nciht ganz so verdedelt wie die Dura ace der gleichen Jahre, hat sie dennoch bei den weniger hart beanspruchten Teilen (Bremsen, Schaltung . . ) eine sehr gute Langlebigkeit und Funktionssicherheit. Mein Galibier hat inzwischen viele Winter-km hinter sich und auch bei mir war der Turbo das erste Opfer. Sonst blieb es original, außer#m hinteren Kranz, den ich auf 13-26 aufgerüstet hatte. Von der Größe stellt es bei mir die Untergrenze dar (Sattelstütze kurz vor max.)von der Geometrie ist es sehr angenehm: habe mit dem 12cm vorbau nicht die geringsten Probleme, wo sonst 11cm mein maximum sind. . . Viel Spaß dennoch mit dem neuen Rad.

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