Radmechaniker, der : eine kulturelle Lernung

Radmechaniker, der

Die Theke mit den Bonbons, Reifen und Schutzbleche an der Wand, noch ein paar Trinkflaschen mit den Preisen von 1989. Als Radfahren noch täglich Brot bedeutete und in den Ständern vor den Thyssen Werken mehrere tausend Räder Platz fanden, war der Fahrradladen eine Instanz. Jedes Dorf hatte einen manche sogar zwei, denn in jedem Dorf fuhren Räder täglich zur Schicht, zur Schule, zum Bäcker oder zum Amt. Vom Anbau für die Zweitgarage war noch keine Rede und bis zur großen Radbewegung des urbanen Prekariats sollte es noch 40 Jahre dauern.

Die Schilder an den Schaufenstern waren keine UV-irresistenten Digitalbanner, sie waren aus Emaille und trugen heroische Namen wie Union, Continental oder Victoria und manche hatten zwei Kriege überlebt. Der Mechanikermeister war eine Instanz im blauen Kittel, selbstverständlich gehörte ihm seine Werkstatt, war sie oft Teil des Hauses, in dem er wohnte. Im Schaufenster hing ein einzelnes Fahrrad, natürlich das Beste, die Ständer vor der Tür waren für Kunden reserviert. Noch gab es keine Dreierreihen neuer Räder auf den Gehsteigenm von Ketten, mit denen sie gesichert wurden ahnte niemand etwas.  .

Mit der Aufgabe von Straßenbahnen und dem Aufkommen der Freizeitgesellschaft, inclusive Auto zum Abitur, ändert sich das. Das Rad war die Alternative zum Surfbrett auf dem Dach geworden. Ein Spielzeug, technisch aufgerüstet und garantiert nicht gedacht, damit um 6h50,00 Werkstore zu durchqueren. Die Dämmerung der Torpedo Nabenschaltung hatte begonnen.

Die Radmechaniker wurden alt, ihre Kinder dachten nicht im Traum daran, den alten Schuppen zu übernehmen und von der Handelsspanne taiwanesischer Rahmen zu leben. Wenn die Erben Glück hatten, „entwickelte“ die Stadt eine Fußgängerzone und in den Radladen passte eine Boutique. Die unverwüstlichen Schränke und Theken wanderten kostenlos auf die Straße und wurden von prächtigen MDF Möbeln ersetzt. In alten Straßenbahn Depots der Städte und aufgelassenen Werkshallen  zogen Großhändler ein, die Räder zu Tausenden anboten. Nur die Schaffung der Alternativen Liste in unseren Städten und die Grünen verhinderten letztlich , das Räder nur noch von Kindern , Witwen und armen Rentnern bewegt wurden.

Doch damit entstand der Keim zu einer neuen, urbanen ReForm des Radfahrens. Der Zwillingsbruder des neuen Radfahrers war der outdoor-Experte, der von völliger Autarkie jenseits des Großstadtdschungels träumte. Ihnen verdanken wir die Entwicklung der Funktionswäsche, das Ende der Gummijacken (Ostfriesennerze), die Radfahren bei Regen zu einer knautschenden Qual machten. Was den einen die Geländewagen, waren den anderen die Mountainbike Expeditionen auf die Andenplateaus. Mit leichten Regensachen und wasserdichten schuhenaus dem Surferstoff Neopren war der Freizeitritter zu allen Streifzügen bereit. Nichts hatte er gemein mit der Großmutter im Blümchenkleid, das auf seinem alten MiFa  breitbeinig die Neuruppiner Chaussee entlangrollt.

Moderne Räder kamen nun lediglich zum check, entweder in die Lagerhalle des Discounters oder in die esoterische Ecke des specialized Ladens, der Ersatzteile zu Mondpreisen aus den USA bestellt und aus der Radwartung eine satellitengesteuerte Reinraumoperation machte.

Nichts für ungut: die Ladenmieten stiegen und die Produkte waren wirklich komplexer geworden. Vollfederung und Cantischwingen, 11fach Rasterschaltungen und hydraulische Scheibenbremsen waren Dinge, die eindeutig auch preislich die Nähe zum Motorrad suchten.

Und der tapfere Radmechaniker? Ausgestorben? Nicht völlig, denn es gab ja auch noch Menschen in allen Landstrichen, die ihr Rad dauerhaft und ständig nutzten, sei es weil sie keine Alternative hatten (seltener), oder es aus Überzeugung taten. Und es gab die Bewussten. Sie entschieden sich (heute Schatz, denn die Sonne scheint) ganz bewusst für das Fahrrad, sie waren die Guten, selbst wenn sie keinen Reifen selber wechseln würden. Für diese auserwählte Schar erfanden neue Händler auch Begriffe wie velophil, velosoph oder Radmanufaktur. Es wurde nicht schlechter repariert, doch es war nun viel leichter, unwissenden Kunden einen Satz neuer Kevlarreifen unterzujubeln und damit die magere Rendite des Bremsklotzwechsels ein wenig aufzuwiegen.

Die Folge war, das weniger und weniger Radläden wirklich jedes Rad reparieren konnten oder wollten. Entweder weil die markengebundenheit von Teilen dies nicht zuließ oder weil sich die Zielgruppe einfach gewandelt hatte. Zudem verschwand das Wissen aus den Hobbykellern, dass der Vater vom Vorkriegsfalter noch auf den Sohn übertragen hatte, welcher dann stolz sein Bauer Herrensport mit Dreigangschaltung zur Gesellenprüfung erhielt.

Und unser alter Radmechaniker? Wen sollte er in die Lehre nehmen, wo das Geschäft doch nur über Neuräder lief, die aus auf der grünen Wiese vor der Stadt garantiert zur Hälfte gab? Ich meine: zur Hälfte seines EK. Aber damit wird er nicht konkurrieren müssen . .

Cos the times they ara a changin‘: die Voraussetzung aller Ikea Radpaläste ist, das der Kunde sein Rad nicht wirklich braucht, es also gern unter der Woche stehen bleibt. Das muß nicht immer so bleiben. Für Strecken unter fünf Kilometern ist das Fahrrad überall schneller als ein KfZ, für strecken bis 8km (in Städten) nur marginal langsamer und sicher schneller als der öffentliche Nahverkehr.

Thyssen mag die Stahlproduktion inzwischen schlüsselfertig nach China verkauft haben, doch der schnellste Weg zur Kita, zur Arbeit im Gewerbepark oder im schönen Büro am Potsdamer Platz ist oft der Radweg. Und da hat es zu funktionieren, täglich, jährlich, ein und aus, das gute Stück. Und da ist es besser, im Viertel gleich den guten Mechaniker zu haben. Das ist der, der auch mal improvisiert, denn online lieferbar heißt nicht immer gleich morgen früh.

Da steht er wieder auf, der alte Blaumann mit dem guten Ersatzteilelager und dem improvisatorischen Händchen. Wohl dem, der einen in der Nähe weiß. Wohl dem, der ihm die Treue gehalten hat und den Enkeln und Neffen das nächste Rad bestellt hat, selbst wenn es in 50km Entfernung einen gab der das Gleiche „leider nicht in der Farbe“ für 50 weniger verramschte, damit die Lieferkonditionen erhalten blieben. Räder zentrieren kann am Ende nur der Blaumann, das steht fest. Bleib ihm treu !

Bye bye bikemaxx: ich kenne deine marge

Wir wissen nicht, was ein discounter als Umsatzrendite erwirtschaftet – es ist auch das Letzte was er uns verraten wird, denn die, die es uns sagen könnten – seine unterbezahlten Angestellten –  erfahren es sowieso nicht.

Es wird nur verdammt wenig sein, ganz wie im Bettenlager nebenan. Oder im onlineshop einen Klick weiter. Schonmal mit einem gerissenen Schaltzug zum onlineshop gelaufen? Schonmal für die gleiche Sache eine einwöchige Reparaturzeit beim Discounter erlebt. Unverschämt? Nein! Unverschämt ist der Tarif mit dem ein halbgelernter Radmechaniker (ein Geselle wäre schon zu teuer) abgespeist wird um allein freihändig die Ordercomputer, den Warenbestand, die Reparaturaufträge und das fehlende Werkzeug herzustellen.

Damit hat er wirklich wenig Zeit sich um ein Rad zu kümmern, dass sicherlich nie im Portfoliot seines Arbeitgebers war. Und der hat eine Halle von 20m Höhe zu heizen und das Fähnlein flattern zu lassen – da bleibt nicht viel, wenn die Kundenfluktuation hoch ist. Da wird auch mal die Espressomaschine abgeschafft, mit der man die Kunden durch Gratiskaffee anfüttern wollte, und letztlich von den armen Schweinen an der Kasse als Überlebenstonikum in der Margenhölle missbraucht wurde.

Ich könnt weiter machen und über die fastfood ketten der 2 Räder schmähen aber:genug jetzt, schließlich ist ja jeder Herr seines Geschicks. Ha!

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