Snel vor dem Schnee

3.12.12 Snel vor dem Schnee

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Schnell, die vereinten Wetterdienste sprechen nur noch von Schnee oder Schneeregen. Der Wimpel unseres Hauskrans steht steif auf West. Aber noch sehe ich zartes Blau darüber.

Also auf über Mudershausen. Gestern noch mal nachgepumpt, aber  gegen eine vereiste Fußgängerbrücke hilft kein korrekter Luftdruck.

Wieder aufstehen, Schutzplastik richten. Über den Film nachgedacht, den Sky für Sky über Sky produziert hat , natürlich über B. Wiggins, Wiggo nazionale oder our Wiggo, Mann mit Koteletten, PerryHemden (sponsor) und geflaggter Teetasse. Die gute und sogar wahre Geschichte vom working class hero, den die working class Europas bis Juli 2012 kaum kannte. Wir erhalten kleine Einblicke in die eigentlich sehr unglamouröse Umgebung eines britischen Radprofis, die treuen Helfer, die persönlichen Vertrauten, die Patchwork familie die der Kinderglaube eint, daß irgendwann >le jour de gloire est arrivé<.

Den Titel gab es ja schon mal: loneliness of the long distance runner. Weihnachten wird trainiert in der heimsauna und auf den Feldwegen, es geht es auf die grauen, einsamen Straßen von Lancastershire – gut möglich, dass ich heute mehr Beachtung auf meinem Snel, als Wiggins vor einem Jahr auf seinem Pinarello mit dem niedlichen Namen Dogma gefunden habe.

Was einen solches kleines Fantube- video von einer Stunde so alles erzählt – die darunterliegende Melancholie, das Bewusstsein für die Herkunft und, aus Selbstschutz das Korrektiv, den eigenen Erfolg im Radsport als „nicht die richtige Welt“ zu sehen, ihn zu verbinden mit der Hoffnung, „derselbe zu bleiben“ und sich nicht von Zirkus blenden zu lassen. Immer wieder der Kontrast zwischen der mütterlichen Sozialwohnung in der sich alle um den Fernseher scharen und dem neuen all-inclusive Heim draußen in Lancashire in dem die Ehefrau fragt, ob sie vor der Kamera fluchen dürfe, als sie nach einem Radrennfahrer  namens Bradley W. gefragt wird.

Oberneisen, ich biege wieder auf den Feldweg ein weil ich es satt habe, dauernd von Lastern eingesprüht zu werden. Eigentlich sollt es im Tal hier kein Eis geben, anders als auf dieser elenden Fußgängerbrücke über die 417. Das Flüsschen ist wärmer als die Luft, Bäume schützen mich. Vielleicht ändert sich das weiter oben, über 300m. In Rückertshausen beschließe ich, nach Mudershausen abzubiegen, um ein paar Kilometer Rückweg zu sparen. Der Mudershausener Anstieg ist ein giftiges gerades Stück Straße durch Wald und Felder von 110 auf 360m. Von der ersten Partie kann man sich bis Mudershausen ein wenig erholen, wonach es wieder knackig hinaufgeht. Eine bleiche Sonne grüßt über die Felder, auf denen der gestrige Schnee liegengeblieben ist.  Meine 42x 28 ist im Einsatz.

Das alles ist viel weniger malerisch als ein Trainingslager auf  Teneriffa , wie es gestern gezeigt wurde. Durch sensationelle Kulisse übt unser blasser Held seine Kletterfähigkeit. Hinter dem Motorroller seines Trainers holt er alles aus sich heraus. 44oW über 30min sagen die Coaches an einer Stelle. Wer weiß, was ich gerade in den 5min verdampfe, die es von Mudershausen bis zur Kuppe dauert. Der größte Genuß ergibt sich aber nicht beim Einlegen des großen Ganges ins Tal hinunter. Dafür ist es einfach zu kalt hier oben und ich mache mich so klein wie möglich. Nur mit Rückenwind nach  Katzenelbogen im großen Gang bei leichtem Tritt : das ist der schönste Lohn, gib mir Wind geb ich Dir Meilen, schrieb  doch der Weltumsegler Moitessier .

 

 

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Die Landschaftsbilder übersteuern, sie dienen der nächsten Ausgabe der Radmagazine als Vorlage, mit denen Touristentrainingsalager auf Mallorca verkauft werden. Umso weniger zeigen Sie uns die täglichen Datenauswertungen, die Trainingspläne, die vielleicht der größte Unterschied zu den Tagen von Bernard Hinault sind , und die Arbeit des Sky Teams wie ein Faden durchziehen. Die Telemetrie hat ihren Platz bekommen auf dem Körper des Helden. Es gibt keine Ausreden mehr und die Kontrolle ist beängstigend. Darüber aber kein Wort außer: dass dies für das Verhalten und die Entscheidungen im Rennen nicht reicht. Die elektronische Körperfessel und die Paranoia der Rennteams, sich in die Daten blicken zu lassen.

Mir ist erst ein wenig kalt an den Füssen als ich aus Katzenelbogen heraus bin, um der Bundesstraße auf der Höhe bis Diez zu folgen. Immer wieder der Blick nach Eis oder rutschigen Stellen. Schönborn – hier pflückte ich mir im Oktober ein paar Äpfel neben der Straße, keiner mehr zu sehen jetzt. Dann der wellige Weg durch den Wald , plötzlich habe ich den Fichtennadelgeruch  in der Nase. Es taut also, und die Bäume atmen ihr Harz aus.

Die Fassungslosiglkeit über die UNGLAUBLICHE, PLÖTZLICHE Popularität, die Menge als Bestie, die sich den Helden einverleibt. Die Kinder auf den Champs Elysees, die besorgte Mutter mit der neuen Frisur. Die Schalheit der Siegesfeier mt ihren lächerlichen Versatzstücken und die Freude darauf, den Café wieder aus der eigenen Coffeemachine zu machen.

Die Straße verläuft in Wellen, wenn ich hinunter in maximaler Frequenz strample schaffe ich es, auf dem großen Blatt wieder hinauf zu kommen. Mein Lüttich Bastogne Lüttich-Gefühl. Freude, als es hinunter nach Birlenbach hinter dem Linienbus spürbar wärmer wird und das interessante Gefühl, die Geschwindigkeitsvorschrift freudigen Herzens zu brechen. Ich hebe kurz die Hände, zu sehen, ob das Snel schön gerade rollt , nachdem der Steuerkopf nachgestellt wurde. Von oben auf der Höhe konnte ich sie sehen, die schneeschwangeren Wolken über dem Westerwald. Jetzt bin ich gleich in Sicherheit. Der Schnee kann kommen, das Snel braucht eine warme Dusche, um das Salz abzuspülen.

Er nimmt die kleinen Figuren in die Hand, die er vor langer Zeit in den Ferien kaufte und setzt sich schräg gegenüber seiner Mutter aufs Sofa. Sie sehen Olympia im Fernseher, nachdem er dort vor zwei Tagen eine Goldmedaille gewonnen hat. Nein, seinen Vater hat er nur einmal vor dessen Tod wiedergesehen, und es ist viel Verachtung für das Selbstmitleid dessen darin, der ihn vor vielen Jahren mit seiner Mutter verlassen hatte. Left us with nothing. Nachher fanden sie ein Album (scrapbook), in dem der alte Rennfahrer die Zeitungsausschnitte aufbewahrte, die von den Erfolgen seines Sohnes sprachen. Der vergessene Mann glich überraschend seinem Enkel.

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