Jan Heine – Kulturbotschafter

11 01 13 Im Himmel der Randonneurs

 

Eine gute Bildschirmauflösung zahlt sich aus, spätestens nach 6 Stunden Bloglesen. Meine private Netzarchäologie erforschte einen gewissen  Jan Heine, einem „Auswanderer“ in Seattle mit fränkischen Wurzeln, der in der Welt der Speichen durch ein kleines Magazin und in den letzten Jahren drei ganz große Bücher bekannt wurde.

Das kleine Magazin von dem ich schreibe heißt bicycle quarterly — an dieser Stelle fällt mir auf, dass es keinen Grund gibt, beee caicel zu sprechen, wenn man der  Ortografie folgt — , und, die coffeetablebooks „Räder der Meister“ sowie „Räder der Sieger“ und „Rene Herse“, welche als Nebennutzen auch in eine kleine Geschichte des Fahrradbaus und Fahrradsports einführen. Es sind wundervolle Bücher,  die uns Räder in einer Deutlichkeit zeigen, wie sie selbst im schönsten Prospekt nicht erreicht wurde und nur in den 90er Jahren ist es Verlagen wie Doring Kindersley gelungen, derart perfekt gedruckte Sachbücher über Blumen, Tiere und auch Fahrräder zu drucken – (Grant/ Ballantine – Fahrrad total, 1993 )

Für alte Rennräder, einige Museumsstücke, gab es dergleichen Sachbuch nicht und das ist eine faszinierende Sache auch deshalb, weil mit jedem Dopingskandal und jedem neuen Hightechsaisonbike die Radsportvergangenheit vor 1990 immer mythentauglicher oder mythenkompatibel .  Das war übrigens die Zeit vor der Entschlüsselung unseres Genoms, um einmal eine andere Zäsur zu setzen.

 

Diese Bücher sind aber eigentlich ein Nebenprodukt, denn im wesentlichen ist Heine ein Prediger  des Radtourenfahrens (off the beaten track – wordpress) Nach zehn Jahren als Amateurrennfahrer in Deutschland entdeckt Heine in den USA die Langstreckenfahrten für sich, speziell die französische Randonneur-Tradition, nichts anderes als die früher gängige Form der jugendlichen Urlaubsreise. Damit sind eigentlich Marathonausfahrten über mehrere hundert Kilometer gemeint, keine Rennen, aber weißgott auch kein Radwandern wie es Familien und rentner entlang deutscher Flüsse praktizieren. Eine Zeit von unter 60 Stunden für Paris-Brest-Paris steht nun mal für sich.

Mit dieser Variante des Radelns hebt er seit einigen jahren nicht nur für Amerikaner sondern auch für Deutsche eine Kultur ans Licht, wie sie besonders in Frankreich (aber auch in England) bis in die 1960er gelebt wurde. Heine schlägt damit die Brücke zwischen der Prähistorie des Automobils als Massenvehikel und seiner  aufkeimenden Posthistorie.

Heine ist dabei ein sehr aktiver Missionar , also nicht nur ein Verkünder seines Glaubens , sondern auch jemand, dessen Existenz von der Erfüllung seiner Glaubenslehre abhängt. Wie meine ich das?

Die meisten Missionare sind ja Menschen, die eine bereits bestehende Glaubenslehre an Ungläubige Verkünden im Versuch sie zu bekehren. Die gemachten Versprechen sind meist unirdischer natur. Heines Glaubenslehre unterscheidet sich marginal davon, doch Versprechen, wie etwa mit reifengröße X oder Kurbel Y leichter die 500km Etappen zu bewältigen, die er sich auferlegt, sind auch für passionierte Radfahrer Versprechen ,die jenseits ihres Lebenshorizontes liegen.

Auch Heine hat seine Kirchenväter – Sie lebten im 20.Jahrhundert und vervollkommneten ihre Räder noch vor dem Krieg und waren Franzosen. Ihre aluminiumgeschmiedeten Glaubenssätze sind es, die Heine uns heutigen sterblichen Vélocipedisten verkündet. Die dazu erforderlichen Ikonen werden wundervoll gedruckt und auf unseren Gabentischen ausgebreitet. Nun haben wir die Schlüssel zur zweirädrigen Wahrheit. Mit aller Konsequenz haben Jan Heine (und Partner) dem ehemals führenden Fahrradschneider von Paris, René Herse nicht nur ein 400seitiges Denkmal gesetzt sondern gleich den Namen und die Vertriebsrechte miterworben um in Taiwan Fahrradteile der Marke Herse schmieden zu lassen, oder aus Japan Reifen mit französisch klingenden Namen in Sondergrößen zu importieren.

Herse, das ist nun wirklich nicht irgendein dahergelaufener Dorfschmied  und wer ahnt, das 1948 Lily Herse den Zeitfahrrekord für Frauen im Anstieg des Puy de Dome  auf einem Rad ihres Vaters verbesserte?

Ich habe es auch erst durch Heine erfahren.

Ich möchte mich nicht über Heine lustig machen, im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass ein gewisser Eifer notwendig ist um das zu erschaffen, was man in der Welt des Marketings (eine umfassendere Religion) eine Nische zu erschaffen. Und die Sensibilisierung eines doch schwer überforderten Publikums kann ohne Dogmatik und Penetranz nicht stattfinden.  Ich glaube auch, dass es eine unbedingte Voraussetzung ist um nicht mit dem Privatkonkurs zu enden. Und weil Propheten im eigenen Lande wenig gelten ist es irgendwie logisch, dass es kein Franzose war, der diese Meisterepoche, diese Hochblüte der Fahrradbaukunst unserer digitalen Welt wieder erschloß.

Es mag zwar für unseren Alltag als Lenker banaler Taiwanräder und chinesischer Rasterschaltungen nicht wirklich nachvollziehbar sein, doch jedes Handwerk hat seine Hochblüte und ich unterschreibe doppelt, wenn das Handfertigen von leichten Rennrädern als Schmiedekunst eigenen Ranges , als technisches Juwelierhandwerk beschrieben wird. Deshalb spielt es keine Rolle, ob wir mit einer Herse Kurbel die Heine wieder in Taiwan schmieden lässt 1km weiter kommen, als mit einer anderen.

Es ist nur der kulturschaffende Respekt den Richard Sennett in anderem Zusammenhang gefordert hat. Es ging dabei um Instrumentenbau.

 

Es geht um eine Kultur ,wenn das Ziel lautet, auch in 40 jahren mit demselben Rahmen zu fahren oder 20000 km mit ein und demselben Kettenblatt. Es geht um ein anderes Verhältnis zu den Dingen und dem von Ihnen vermittelten Nutzen. Darum ist es nur zu richtig, dass wir uns einer Epoche zuwenden, in der ein gutes Fahrrad funktionieren musste, weil es weder eine Garage nocht ein Auto darin gab, ohne das jemand damit das Stigma der Armut verband . Das sollte nicht mit einem Retrokult und Nostalgie verwechselt werden, selbst wenn diese Faktoren seit zwei Jahren Jan Heine helfen, die Heiden und Analphabeten wirkungsvoller zu bekehren.

 

„Was unser Geschäft beinahe umgebracht hat, ist das eigene Auto und das Landhäuschen“ (Ernest Csuka, Cycles Alex Singer, 53 av. Victor Hugo, Levallois Perret“. )

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s