Proseminar Runder Tritt – Januar 2013

070113 Proseminar Runder Tritt frei nach Konopka et. Al.

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Es ist nun etwas mehr als zwei Jahre her, da setzte ich mich nach einem Vierteljahrhundert , vielleicht auch etwas weniger, zum ersten mal wieder auf das Rennrad meiner Jugend (ja, sie ist vorbei). Die ersten 2o km über eine wellige Landschaft, in der es auch einen kleinen Hügel von 80hm gab waren Heroische, und ich schämte mich meiner 30×21 Übersetzung nicht!

Zum nächsten Anstieg waren es linksherum 250m, rechts herum 0m, viel zeit zum Einrollen gab es also nicht. Die Flachstücke, oder beinahe Flachstücke zwischen zwei Hügeln nutzte ich allenfalls zur Erholung oder zum Treten des dicksten möglichen gangs mit Rückenwind, der ja sonst nur bergab aufgelegt werden konnte.

Was ich in jener Zeit lernte, war vor allem das Fahren am Berg, was mich auch voller Stolz nach einem dreivierteljahr die erste schwäbische Weinhügel RTF bestehen ließ. Ich kann heute sagen, diese hundert kilometer durch sonnige Obstwiesen, Täler, Wälder und Dörfer waren es, die das Feuer zum lodern brachten. Nur eine elementare Wissenschaft des Radsports wurde dabei ignoriert : der runde Tritt.

Der runde Tritt ist das Zen des Radsports, davon bin ich seit heute überzeugt. Nicht, dass ich seit meiner ersten Lektüre der Konopka Fibeln im Oktober 12  ähnliches probiert hätte – es hatte aber nur die Übersetzung gestimmt, die wahre kunst, von der ich erst jetzt den ersten kleinen Zipfel erfasse, beginnt erst ab diesem Jahr, das ich hiermit zum Jahr des runden Trittes erkläre.

„Niemand fährt heute mehr mit 80 den Berg hoch“ sagte der Klettermeister Kunde (75) aus Köln. Er meint nicht die Geschwindigkeit, sondern die Umdrehung. 80 Umdrehungen am Berg, das soll mal einer nachmachen, denn bei genauem Nachzählen kam ich mir mit 80 Umdrehungen auf dem Flachen schon flott vor….

Und hierum geht es: die Umdrehungen, die Frequenz, die Trittgeschwindigkeit, das ist das A und O der Ausdauer für hohe Geschwindigkeiten. Erst wenn der Trimmsportler mit weniger Kraft (sprich kleinerer Gang) und längerem Weg (sprich mehr Kurbelumdrehungen) die konstante Geschwindigkeit trainiert, dann bilden sich (üer kurz oder lang) die Ausdauerfasern, mit denen Merckx über eine Stunde 49 fuhr oder Wiggins 51. Aber halt, da wollen wir ja gar nicht hin. Wir wollen nur zum runden Tritt.

Und der bildet sich über Frequenzen von 100 aufwärts aus, also Allegro moderato!

Heute habe ich also mal mitgezählt und auf die Armbanduhr geschaut. 25 in einer Viertelminute, das bekommt man hin, wer einen Fahrradcomputer besitzt, der hat es leichter. Er schaut, wie viel kmh bei gegebener Übersetzung von 42×18 oder 17 oder 19 und einen Umdrehungszahl von 100 herauskommen. Ich habe es mit dem Taschenrechner gemacht und für alle, die es nicht nachrechnen wollen hier die Ergebnisse aufgeschrieben. Bei 100 u/minsind dann

42×19 = 28,32 kmh

42×18 = 29,88 kmh

42×17 = 31,62 kmh

– wichtiger ist allerdings, wie sich die Sache anfühlt. Erstmal wähle ich also eine schöne gerade und flache Partie, wie hier auf den Feldwegen im Aartal. Der Tritt soll sich leicht anfühlen und das tut er am Anfang auch. Dann spüre ich nach einigen hundert Metern, wie die Muskeln langsam durch die ungewohnte Frequenz anspannen. Ich entlaste also durch Änderung des Tritts, bis ich bei gleicher Frequenz die gleiche Lockerheit wie zu Anfang verspüre, ich variiere ein wenig sobald die Verspannungen wieder beginnen, Bein etwas mehr durchstrecken, etwas mehr oder weniger über den Oberschenkel fahren, sich auf das Zugmoment konzentrieren usw.. Summe der Gefühle:  irgendwann entscheidet sich der Körper für eine gleichmäßige Belastung über die ganze Kurbelumdrehung – der runde Tritt ist geboren, zumindest für einige Sekunden. Weiter zähle ich im Takt und mir fällt auf, dass der runde Tritt im Tempo eines Allegretto entsteht und  bis zum Allegro Assai reicht. Das hilft, weil zur Atemfrequenz auch ein musisches Element kommt, eine Art songline des Radfahrers.

Und es ist anstrengend und gleichzeitig herrlich. Die Sitzposition ändert sich, passt sich an, der Körper verschränkt sich mit der maschine, die Beine delirieren im Takt.

Nun schreibt dieser Konopka etwas von tausenden Kilometern im Wintertraining und Frequenzen bis zu 120 – was lockeren 35 kmh Dauertempo entspricht – die Einstiegsgeschwindigkeit für den gehobenen Radsport. Ich weiß noch nicht ob der nun mein Ziel ist, aber vielleicht gewöhne ich meinen Körper erst einmal an 110 über 30km, dann sehe ich weiter! Für heute ists genug und bis heute habe ich über zwei Jahre gebraucht.

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