Runder Tritt Wissenschaft

200113

„Faire le vrai coup de Pédale

Das mit dem Runden Tritt

ist dann so: im allgemeinen wird er von allen Experten vorausgesetzt, um dauerhaft schnell auf einem RR unterwegs zu sein. Die Trainingsmethode die zu ihm (nach langer Übung) führe sei das unermüdliche treten hoher Frequenzen. Anquetil selbst, einer der Großmeister des runden Tritts , beschreibt es dann so:“Im Kopf klar bleiben um sicher zu gehen, daß die Bewegung immer vollständig ist, drücken, ziehen, hochholen, durchtreten und nie dabei vergessen,  die rundeste Umdrehung zu machen.“

Was Anquetil dabei im Sinn hat, ist der in allen Lehrbüchern des Radsports gezeigte Verlauf der Kurbelumdrehung, bei der ab 6Uhr die Ferse leicht angehoben wird um bei 14Uhr, (es kann auch 13 uhr 15 sein) den Fuß wieder in die Waagerechte zu bringen.

Nun gibt es einen Ingenieur, der behauptet, die herkömmliche Schule des runden Tritts sei eine Irrlehre, seine biometrische Meßeinrichtung belege das. Insbesondere das „hochkratzen“ der Ferse sei vom Wirkungsgrad unsinnig.

 

Es ist ja in allen möglichen Bereichen unserers Lebens das schönste zu behaupten, so, wie es bisher war, war es nicht richtig. Meistens werden solche Behauptungen am Ende eingeschränkt, umgedeutet   widerlegt. Was der genannte Techniker entwickelt hat ist vor allem ein Messgerät für Hüfte, Knie und Fußgelenk, mit dem er während des Tretens abnehmen konnte, welcher Körperteil mit wie viel Kraft über die Umdrehung arbeitet : das ist schon mal eine feine Sache. So weiß jeder jetzt, der sich auf das Gerät setzt, ob er zu stark über das Knie oder die Hüfte fährt, drückt oder zieht, sprich, ob sein Tritt die Kraft um die Kurbelachse schön rund verteilt und dabei die Muskulatur gleichmäßig fordert.

Fragwürdig  ist für mich aber dann die Behauptung, sogar die Besten der Welt würden nicht unbedingt rund und optimal treten. Da wir im Radsport nun viel über Doping nachdenken müssen, sind dennoch ein Zweifel erlaubt: Haben die Altvorderen nur deshalb annähernd so schnell fahren können, weil sie runder traten? Ich will damit auf folgendes hinaus.

Seit mehr als fünfzig jahren, wenn nicht länger, werden die radsportlichen Daten ziemlich zuverlässig erhoben. Man bewegt sich zwar im Bereich der Zehntelsekunde, doch die gefahrenen Geschwindigkeiten steigern sich sehr mählich und stetig, nicht aber in dramatischen Sprüngen, mit Ausnahme der Epoche des neuen Blutes. Wenn davon ausgegangen wird dass, gerade bei langen Strecken, ein ökonomischer und kraftsparender Tritt ausschlaggebend ist, dann müssen sich gleichwertig trainierte Körper unter anderem durch einen runderen Tritt voneinander unterscheiden.

koga schatten 3006

Der Stundenweltrekord ist da ein interessantes Langzeitbeispiel. Die Tretfrequenzen aller Fahrer sind hier seit Generationen annähernd gleich, nur die Übersetzungen stiegen an. Bei dieser Belastung dürfte ohne einen perfekten Tritt nichts gehen. Ohne einen runden Tritt kein Weltrekord. Nun sind die letzten Weltrekorde nicht unbedingt die Folge runderer Tritte, neben medizinischen Erkenntnissen sind zuerst Räder und Windkanale für die Steigerungen verantwortlich, doch bis zum Rekord vom Merckx (1973) treten diese Komponenten eigentlich  nicht in Erscheinung. Die Trittfrequenzen bleiben seit Dauer der Messungen annähernd gleich.

Ich denke daher kaum, dass irgendjemand im professionellen Radsport das runde Treten nicht beherrscht, er kann es nur nicht ganz so vollkommen wie Anquetil.

Meine Skepsis, nach den neuen Erkenntnissen müsse man das Training des runden Tritts auf den Kopf stellen, kommt von den Laborbedingungen der Messung. Ich denke, dass je nach Wind, Boden und Ermüdung der Tritt sich konstant ändert, jedenfalls auf der Straße und über die Distanz. Ich jedenfalls stelle fest, dass ich bei hoher Frequenz anders trete als bei etwas niedrigerer oder mit dem Wind anders als dagegen. Zudem wird so die einseitige Überlastung der Muskeln vermieden oder der Taubheit von Gliedmaßen entgegengearbeitet. Das geht einher mit leichten Änderungen der Sitzhaltung;  je länger die gefahrene Strecke ist. . . .

Zwei entscheidende Komponenten, die einen Fahrer schnell machen, das gilt für den Ahnen Anquetil wie den Zeitgenossen Martin, sind in unseren Betrachtungen noch nicht aufgetaucht: Leiden und Haltung.

Die Luft ist der größte Widersacher des Radfahrers. Ihre Kraft übertrifft die Summe aller übrigen Widerstände um ein vielfaches und steigt mit jedem KMH exponentiell. Das einzige Gegenmittel dazu ist eine extreme Haltung. Sie ist Ergebnis eines jahrelangen Anpassungsprozesses des Körpers, der ja gleichzeitig den runden Tritt entwickelt . Es geht sowohl Tony Martin als auch Jacques Anquetil darum, eine Haltung zu finden, in der geringster Luftwiderstand und maximale Kraftentfaltung  zusammentreffen. Das Ergebnis wird eine extreme Position sein, die der individuellen Physiognomie entspringt. Darum ist sie nur schwer kopierbar.

Nicht nur diese Haltung wird für einen gewöhnlichen Sportler nach wenigen Minuten zur Qual, es gilt auch die Leidensfähigkeit der Muskulatur bei vmax aufs Äußerste zu kultivieren. Die steht nun in keinem Lehrbuch des runden Tritts, sie ist vielmehr eine ebenso individuelle mentale Fähigkeit, die nur in Ansätzen eingeübt werden kann.

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„Ich pedaliere in einer Welt des Schmerzes deren Geheimnis  ich allein kenne und es gilt mich zu überzeugen, daß es für die anderen einfach unerträglich ist, so zu leiden wie ich..“

Maitre Jacques operiert in Laboratorien, die ein anständiger Physiker nie betreten würde.

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