Zum Frühstück in Düsseldorf

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40313 kaffeefahrt – eine Erfahrungsreise nach Düsseldorf

Düsseldorf ist für viele eine Stadt der schönen Oberfläche. Es verbinden viele mit ihr einen gewissen auffälligen Schick, eine Kultur der visuellen Überbietung auf allen Gebieten. Schon in der Nachkriegszeit war dies der Ort, an dem für Frauen die  Pelzpflicht an Wochentagen und die Wintersonnenbräune erfunden wurde. Ich werde den Gesichtsausdruck des Verkäufers nicht vergessen, als er bemerkte, dass sein Kunde zur Bezahlung einen Scheck  der (damals solventen) Kölner Bank Salomon Oppenheim ausfüllte.

Doch diese Welt, die größtenteils erfunden ist, endet auch in Düsseldorf an einer ganz bestimmten Linie: den Gleisen der Reichsbahn von Duisburg her, die die Stadt in West und Ost zerteilen.Exif_JPEG_PICTURE

 

Hier beginnen nach Berliner Vorbild die mächtigen Mietkomplexe, von denen einige, wie im Wedding, als Torhäuser Einfallsstraßen strukturieren und andere, als kilometerlange Mauer das Ufer der Düssel säumen, die sich teilkanalisiert zwischen die häuser schlängelt. Die Läden sind klein, der Zoo nah, die Bundesrepublik im Originalmaßstab zu sehen. Es soll der letzte Tag eines doch zähen und langen grauen Winters werden und irgendwie sind die Farben der Sträucher tatsächlich um Milligrade wärmer geworden. Ich erwische einen Parkplatz .

Vor Ricci Sports, dem Treffpunkt der Veteranen,  stehen schon zwei Räder. Zwischen alten Bahnrädern und Schwarzweißbildern vergangener Wettbewerbe steht ein länger Tisch. Ein Stück Sandkuchen und eine Kanne mit heißem Kaffee werden von den ersten Gästen in Angriff genommen. Ich bin umringt von Freunden der alten Räder, die bald in Zweierreihen vor dem Eingang parken.

 

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Ougenweide

Einige Gesichter kommen mir bekannt vor: der Düsseldorfer Verein pflegt eine gute Homepage. Ist schon interessant, fremde Menschen anzusprechen, weil sie irgendwie aus dem Netz bekannt sind. Früher hätte man sagen können: „habe ich sie nicht in der Zeitung gesehen?“, was ja eine gewisse Peinlichkeit hat, hier steht man, nennt einige Namen aus dem Rennrad Forum und die Gespräche nehmen ihren Lauf.

Altersmäßig stehe ich im oberen Mittelfeld und freue mich, keinen Altherren Sammlerverein vorzufinden, wenn auch der sportliche Ehrgeiz nicht im Mittelpunkt steht, die meisten Räder tragen keine Messinstrumente.

Es ist feucht, aber regenfrei, die Straßen sonntagsleer. Aufbruch.

Die Ausfahrt geht nordwärts den Rhein entlang. Wir sind eine Gruppe von etwa 30, alle sind froh, wie viele dabei sind, selbst wenn die Propagandaabteilung vom Wochenendwetter wieder falsche Hoffnungen geweckt hat. Froh bin ich, als wir die Stadt verlassen, denn, so leer es auch ist, ständigen Halts an Ampeln und Gleisen bin ich in der Provinz nicht mehr gewohnt ,; dem Pferd die Sporen geben – nicht auf Radwanderweg am Rhein, denn der wird mit Läufern, Hundeführern und anderen Radlern geteilt. Wir können nur in engen Zweierreihen fahren und Unterhaltungen werden immer wieder von Warnrufen unterbrochen. Alle suchen den Frühling am Horizont, doch es bleibt grau, windstill und kühl. Da wärmt das Peloton.

 

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Der Deich auf dem wir fahren, lässt den Blick weit um den Rhein schweifen. Als Talbewohner eine gute Abwechslung. Wir streifen Siedlungen, gehöfte und sehen Rauch in jeder Himmelsrichtung aufsteigen. Krefeld, Duisburg, wir sind eingerahmt von Industriekronen. Mit Konrad, einem der tourguides,  spreche ich über die Varianten des Modells champion mondial, einem Klassischen holländischen Rennrad,  mit Martin über sich allmählich entwickelnde Formen des Autovermietens incl. Kostenlosem Parken in der Innenstadt Auch seine Erfahrungen mit dem Smartbike klingen interessant. Dann über das Radeln als Midlife-Therapie .Garantiert nicht die Einzigen hier. Wieder überqueren wir den Rhein, Ausläufer von Krefeld liegen hinter uns, insbesondere ein schöner alten Kornspeicehr, den ein erfolgreicher Becher-Schüler im Andenken an die Meister 1919 errichtete.

Wir streifen zwei Colnagos, ein durchgehend blaues, ein  Mexiko im bekannten Rot, der Farbe meines ersten Puky Dreirades. Ein Rickert zieht an uns vorbei, silbern. „Das war das Rad, das sich die erfolgreichen Mittelständler leisteten“, sagt mein Nachbar.

Damals, als der Sprung vom Opel Kapitän zum Mercedes noch ein Verrat an seiner Herkunft gewesen wäre. Colnago, Cinelli, Rickert – unser Dreigestirn.

Französisches sehe ich kaum, außer einem Motobécane in schwarz.  Auch um hiesigen Querschnitt alter Rennräder zeigt sich die Vorliebe für italienisches Material. Ein paar Holländer, einige Deutsche, der erwähnte Rickert. Italienisch war eben fein, Deutsch anständig und Anderes  , nun ja.

 

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An anderer Stelle sollte ich einmal mehr zum deutschen Markt für Rennräder so um 1979 schreiben können, da war die spezialisierte Zeitschrift tour gerade einmal zwei Jahre erschienen. Er war, verglichen mit heute, verschwindend klein, Mountainbíking noch nicht erfunden und der Rest eher eine Kinder und Frauengeschichte.

Danach begleite ich einen Riesen auf dunkelgraumetallisiertem Enik. Wir rollen nach dem ersten amputierten Cafépäuschen ohne Café und ohne (externe) Kalorien weiter. Dafür müssen einige Reifenpannen, der offenbar wenig eingefahrenen Schläuche behoben werden.

Im Sattel geht es wieder ums Rad, heute und Gestern. Der Fortschritt in der Handhabung, der Kraftübertragung, der Schaltung.

Ich erzähle noch ein wenig vom ersten deutschen Fahrradtest, den entdeckte ich in der DM 1964. es geht um die Lackqualität, die verwendeten Schrauben, die Belastbarkeit der Gepäckträger. Ein teures Dreigangrad kostet 240 DM. Unzählige solcher Räder  dürften diesen Weg hier auf die Fabrik gegenüber zugesteuert sein. Vorbei an der Normaluhr rein in die überdachten Radständer, ab zur Stechuhr . Eindeutig: Früher war alles besser.

Immer wieder die Meldung einer Reifenpanne, das Dutzend ist am Ende der Fahrt voll- das Peloton wird nach Ersatzschlauchreifen abgefahren.

Mein Nebenmann,  der Riese auf dem Enik Falzarego, vertraut mir sein Wissen um die Testgläubigkeit der aktuellen RR-Käufer an, was dann eine Marke, die seine Agentur markttechnisch betreut, wachsen lassen: am Ende werden nach den Prüfspezifikationen Zeitschrift Räder entwickelt und die landen im Promillebereich vor der Konkurrenz. Das erinnert stark an meine HiFi Zeit, als ich mir zur Orientierung im Altgerätedschungel, ebenfalls haufenweise Tests kopierte, in denen die Unterscheidungen dann immer marginaler wurden, Spitzenklasse 1-2-3, absolute Spitzenklasse, Referenzklasse, solche Spiele werden offenbar immer noch getrieben. Denn woran sollen wir uns voneinander unterscheiden, wir armen Konsumisten, keine Orden und Ehrenzeichen zieren mehr unsere Brust.

Diese Retrogruppe hier ist , die aktive Bewegung in die  Postmoderne

 

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Aber am Ende geben wir nochmal Gas, der Enik-Riese, ein blaues Eddy Merckx und ich.

Als wir hinter dem giftig schimmernden Rosenkäfer-Grün eines Legnanos herbummeln, fällt mir nur die Tristesse von Schwarz grau rot Varianten der letzten fünf jahre ein. . Aber sicher wird der nächste Trend zur Farbe umso bedingungsloser sein.

Düsseldorf.

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