020513 Radsport Polauke

020513 Radsport Polauke

 

Ja , ich erinnere mich noch an die verblassende Überschrift über dem Fenster: Peugeot Fahrräder. Ein altes Ladenfenster in Berlin, Fahrräder sah ich dahinter keine, wenn ich auf dem weg in den Wedding kurz hinübersah. Eines dieser Häuser die den Krieg überlebt hatten und denen man eine Putzfassasde verpasste, auf der einsame Balkone ins Nichts zu ragen schienen.

Dieses kleine Fenster, das war alles, was ich noch von Radsport Polauke in Charlottenburg zu Gesicht bekam. Jetzt halte ich einen umschlag mit Fotokopien in der Hand, die mir das Innenleben des Ladens zeigt, der sich dahinter verbarg. Wir schreiben das Jahr 1981 und ein Spediteur reicht dem kriegsversehrten Herrn Polauke kartons der Firma Peugeot an den letzten Arm. Innen warten schon dutzende & dutzende dicht an dicht gedrängte Räder auf die neuen Gesellen.

Tourenräder, Damenräder, Sporträder und senkrecht zur Decke hinauf auch reinrassige Rennräder. Über der Theke Vorbauten aller Längen, rechts daneben entsprechende Rennlenker. Kleine Kisten und Kartons stapeln sich auf Regalen.  Im Raum dahinter die Werkbank, das Werkzeug: nicht mehr Platz als für zwei Räder darauf. Der Eindruck, dass sich hier das Brot Stück um Stück verdient wird. Das Geld kommt von einer Kundschaft, die noch nicht mit Marketingsätzen und Sonderangebotspostillen den Laden betritt. Es gibt keine Geldautomaten, keine Privatfinanzierung. Da überlegt man sich jeden Schritt gründlich, zumal das Rad ja wahrscheinlich jeden Tag gebraucht werden wird.

Peugeot? – französisch, da ist schon mehr Schwung und Leichtsinn dahinter, nicht wahr? Sich mal was apartes gönnen, die Franzosen leben ohnehin besser .So oder ähnlich könnten die Überlegungen der Kunden gelautet haben, die damals den Laden des Meisters betraten.

 

Heute, da mehr als 9 Rädern unter zehnen aus Taiwan oder der Volksrepublik China kommen, scheinen solche Überlegungen unverständlich. Aber heute, sagen wir besser, seit zwei Jahren beginnen wir, diese alten Räder irgendwie wieder chic zu finden , wie sowieso alles, was man Vintage oder Retro nennen kann. Gibt es eine Sehnsucht, mit dieser Zeit  tauschen zu wollen?

 

Räder verkaufte Herr Polauke an drei Kundenstämme: die Sportler , die aus Hobby oder Leidenschaft ihre Ersparnisse in Räder umsetzten, die Jugendlichen, die auf den echten Führerschein sparten und Ehefrauen, für die es noch keine Zweitwagen gab.  Und natürlich die vielen Anderen, die sich damals, in den zeiten der Vollbeschäftigung und der Kohleöfen überhaupt kein Auto leisten würden können.

Schwer vorstellbar, dass es sich dabei um role&style-models für das handelt, was wir elegant Großstadtprekariat nennen. (also Menschen, denen ebenfalls bewusst wird, dass der Traum ein  Motorfahrzeug  zu finanzieren gar nicht erst keimen sollte und die stolz in die Agenturen rufen: ich habe mir jetzt ein neues Fahrrad geleistet (Bin Ohrenzeuge)).

 

Ein Fahrrad aus anderen Gründen zu besitzen wäre Polauke eher absurd vorgekommen. Wir vergessen nicht, daß das Tempolimit kaum erfunden war, Radwege eine Kuriosität aus Holland und Deutschland ein Land des technologischen Fortschritts war.

Wer mal ein Verkehrserziehungs-Quartett aus dieser Zeit in der Hand hatte, weiß, wie mulmig Eltern gewesen sein dürfte, Kinder mit Rädern auf die Straße zu lassen.

 

Ein eigenes Auto,das war eine Potenzierung der individuellen Mobilität, wie sie unter kinderreichen Familien vor der Suburbanisirungswelle und den Billigflügen nur ein entfernter Traum sein konnte. Nun sind die Einzelkindenkel der Babyboomer groß und stellen die immense optische Differenz zwischen Mediamarkt, Privatfernsehen und der Welt des Ladenschlusses um 18h30 fest. Wie immer wird vergessen, daß diese Differenz auch substantiell war, daß sich die Bundesrepublik zwischendurch um 20 % vergrößert hat und der Flächentarif so historisch wie die Sozialistengesetze von Bismarck ist.

Es gab Sicherheit, aber es gab auch Enge, Einschränkung und Autoritätsschranken, mit denen zu Leben nicht unbedingt lustig war. Darum trieb es dann viele in die Ex-Hauptstadt, das gesetzlose Sonderstatus Relikt des Kalten Krieges, die Subventionskulisse gegen den politischen Feind. Dort ging vieles leichter, unbewerteter und indifferenter zu als in der westdeutschen Heimat-

 

Und hier endet auch die geschichte von Erich Polauke, der zwar sehr alt wurde, sicher aber kein Kind der Freizeitgesellschaft war, die von drei auf Fünf dann auf 12 und irgendwann auf 30 Gänge im topfebenen Berlin versessen sein sollte. 

 

Es sind in diesem Sinne schöne und lehrreiche Bilder, deren Kopien mir Lange hat zukommen lassen. Sie wollen gelesen werden.

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2 Antworten zu 020513 Radsport Polauke

  1. Richard schreibt:

    … den Laden von Erich Polauke kenne ich gut und ihn selbst auch. Habe dort von ’75 bis ’81 meine Fahrradteile und Kleidung gekauft. Highlight war ein Eddy Merckx Rad. Bin in dieser Zeit im RC Charlottenburg gewesen und bin Radrennen gefahren.
    Gruß Richard

    • crispsanders schreibt:

      herzlichen Dank!
      Solche Details aus der von mir beschriebenen Zeit liebe ich. Die Beziehung zum Händler immer persönlich, jener immer mit eigener Meinung, und eigenem Charakter!

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