010613 ventoux bis – die Provence unter Wolken

010613 ventoux bis

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Wenn das Wetter umschlägt, ist die Provence nicht wiederzuerkennen, so tief sind die Bilder dieser Gegend in uns verankert. Schon zum Ende der Spazierfahrt durch die Gorges de la Nesq unter blauestem Himmel schlug das Wetter um.  In Flassan, einem geborgenen, wunderschönen Ort, an dem Autos wie der Renault 6 offenbar 100Jahre alt werden können,  hielt es uns nicht mehr zur Kaffeepause (was nicht an dem holländischen Radverein lag, der eine Sammelbestellung aufgab). Die letztenKilometer mussten wir auf dem Rückweg nach Bedoin einigen Staub schlucken, rostige Räder am Wegesrand (memento mori) klapperten mit den Ritzeln, kalte Windböen aus Nord machten schon kleine Steigungen zu unangenehmen Kraftproben.

Der lachende kleine Weg vom Morgen ist nicht wieder zu erkennen.  Der weise Berg  hat sein kahles Haupt verhüllt. Schlechte Aussichten.

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Auf der kleinen Terrasse vor dem Haus schafften wir es kaum noch, eine Jacke aufzuhängen. Böen peitschen Lilien, Rosenbüsche und Iris und Oleander, den Schirmständer hob es aus seinem gusseisernen Fuß. Wie Meeresrauschen klingt es hinterm Haus, wo sich der Krüppelwald den Ventoux hinaufwälzt, während ihn der Wind in Wellen zu Boden drückt. Sanft rollt das land hinab Richtung Orange. Der Mistral stürzt sich in die Ebene .

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Im Schuppen warten die Räder auf Ihren Einsatz am heiligen Berg. Wir genießen die Küche des Hauses und trinken zu jedem Glas Wein 2 Glas Wasser, am Nachbartisch ist es umgekehrt. Man prostet uns zu und wünscht uns gute Fahrt.

Am gleichen Morgen:

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Es war ein schöner Tag, die Straße schlängelte sich das Tal der Nesq empor, ganz sachte. In den überhägenden Felsen die Spur, die dieser kleine Bach tief unter uns einmal in den Stein geschliffen hat. Einfach nicht vorstellbar, wie viel Zeit das bedeutet. Die Hänge voller Strauchwerk. Schwindelfreiheit ist wichtig. In einer Kurve wird Honig  angeboten, drei Jeeps stehen vor dem Haus. Oben, kurz vor der Passhöhe, gibt eine Biegung wieder den Blick auf den Ventoux frei. Immer neue Radler ziehen vorbei, Paare aus Ludwigsburg und Radsportgruppen aus der Schweiz, man sieht ihre bunten Leibchen von weitem das Tal hinaufziehen.

Immer wieder halten wir, sehen uns das Bild der natur im stehen an. Gruß an die Vorüberfahrenden, die wir einige Kurven vorher noch passiert hatten, wie den veloclub „Alcatel“ aus Orange, der seinen Tagesausflug unternahm. Am Ende des Tals zeigt sich der Ventoux.

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Nach der Abfahrt großes Wiedersehen an der Place de l’Europe in Sault, und es war alles genau so, wie die Radmagazine es auf Ihren Titelseiten nachstellen, Lachende Sonnenbrillen gehen in einer malerischen Kurve aus dem Sattel. Allerdings sind Radler oft bedeutend reifer, als ihre Vorbilder aus den Magazinen. Bei den Trikotagen sah man sich einer Klon-Armee gegenüber- Die Farben der Saison sind (für Nicht-Eingeweihte): schwarz, weiß, rot oder irgendeine Kombination davon, häufig auch blau/ schwarz, schließlich gibt es zur Zeit ein erfolgreiches Team in diesen Farben. Eigentlich ist es wie bei den Fußballern. Stolz tragen Sie die Abzeichen ihrer Idole.

Beim kleinen Bäcker:

Es greifen alle nach dem Sandwich-Nicoise, mit Thunfisch, Sardellen, Oliven, Tomaten, Salat und echter Butter. Dann besorgt sich Raphael bei einem Spezialisten (Diplome zieren seine Ladentür) kiloweise Würste. In einer eleganten, fuchsiafarbenen Papiertüte lässt er sie die nächsten 30km am Lenker baumeln. Wir sollten die nächsten drei Tage davon zehren. Die ein- und ausschwärmenden Radler sitzen verteilt an den Sonnenplätzen der drei örtlichen Bistros. Mittagspause.

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Auf dem Weg hinab eine protoromanische Heiligenfigur. Petrus? Paulus? Da steht sie unkommentiert auf einem Sockel und wartet ein weiteres Jahrtausend. Wenig später, auf der Landstraße, ein Knall. Mein Reifen? Ein anderer Reifen? Ich spüre nichts, sehe nichts. Dort vor mir auf der Straße; eine gelbgrüne Viper. Sie ringelt sich, aufgeplatzt wie eine Wurst. Blitzschnell verschwindet sie im Gras und ist nicht mehr zu sehen. Und wieder hinauf zum nächsten Pass.

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Es ist eine breite Rampe in der Sonne. Langsam geht es auf 1000m hinauf. Dann hinunter und Richtung Carpentras rechts ab von der breiten Straße durch die Wälder nach Fallans. Die kleine Route ist windgeschützt, holperig und mit einigen unangenehmen Kurven versehen, da frischer Rollsplit ausgelegt ist. Einmal, zweimal gerate ich hinein, beisse die Bremsen und suche den Punkt. Nicht so leicht mit dem Vitus.

Heil in Fallans angekommen stoppe ich vor einem cafe mit einer Dutzendgruppe holländischer Best-Agers (Männer, die etwas älter sind als ich) . Sie geben gerade die Bestellung auf. Der Himmel ist grau, die Temperatur ist unter 20 und der Ventoux verbirgt sein Haupt – Zeit, heimzufahren.

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Am nächsten morgen weckt uns nicht die Sonne sondern das Rauschen der Bäume. Es ist grau, der Tag hat begonnen und ich fühle mich sonderbar lustlos. Wegen der Kälte muß ich ein langärmeliges Trikot ausleihen und weiß immer noch nicht, ob es die richtige Wahl ist,Wolle wäre zu warm.

Am Marktplatz von Beaumes das gleiche Bild wie im letzten Jahr. Auch die Anzahl der Fahrer, die sich aufgestellt haben, ist ähnlich  groß. Die ambitionierten 200 stehen vorne und haben besondere Nummern auf Wunsch erhalten. Wir reihen uns als gefühlt Letzte seitlich ein.

Ich kann nicht sagen, sehr aufgeregt zu sein. Ich bin in Form, weiß, was mich erwartet, die Übersetzung passt: es wird sicher keine Höllentour, niemand wird verdursten, keiner am Berg sterben. Aber das Prickeln fehlt und wahrscheinlich ist es Enttäuschung, denn für einen „deutschen“ Tag in die Provence zu kommen und dann von Windböen gestraft zu werden gegen die die letzten 50km zu kämpfen ist, ist keine verlockende Aussicht. Da erkenne ich  Vereinstrikots, die ich im letzten Jahr gesehen habe.

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Wahrscheinlich sind weniger Fahrer aus den Clubs der Umgebung dabei. Die Bekanntschaften mit Trikots an solchen Ausfahrten helfen. Zunächst sieht man nur formlose Masse, weicht Defekten aus und denen, die von Böen überrascht werden und dann, nachdem der Rhythmus der ersten Kilometer gefunden ist, entstehen Anhaltspunkte, wie dieser Triathlon Club, dessen Mitglieder mit Bremse hinab und nur im Wiegetritt hinauffahren, oder dieses Renault- Cleon Trikot, das bis zum Gipfel immer wieder an unterschiedlichen Stellen auftaucht. Dazwischen  Engländer mit Drachen oder Wappenlöwen als Emblemen, ein Inkassobüro aus Leiden und das Logo eines Dänischen Weinimporteurs.  Meist aber sind es die frischen Farben der Saison, die auf makellosen Rädern sitzen. Ich bin hier mit der leisure class Nordeuropas unterwegs, die die Provence zum Kultort erklärt hat und an  den heiligen Berg pilgert.

Die Auffahrt beginnt sehr angenehm mit Wind von hinten und kaum über 5%, wir unterhalten uns. In den Serpentinen droben sind die Vorreiter zu sehen, die vermutlich schon von Anfang an hohes Tempo gemacht haben. Ab dem ersten Höcker wird es windig, auch wieder steil und dann sehr böig, einige fahren auf einmal quer zur Straße. Achtung. Es kommen auch einige herunter – warum?

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Der heilige Berg ist Wolkenverhangen und bei der letzten Station  beginnt der Nebel. Wie in einem Kamin saugt  es die Wolken zur Spitze, nur eben viel schneller. Ich habe alles angezogen, was ich dabei habe und auch die übrigen Fahrer frieren. Noch einmal wird es steil, dann wieder gleichmäßig.

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Der Prozession des Aufstiegs kommt eine Kette frierender Fahrer entgegen, die in die Wärme des Tals zurückstürzen. Also kehren alle um. Der Posten am letzten Kilometer sagt, der Paß sei gesperrt, man könne an der anderen Seite nicht mehr hinunter. Ich fahre noch ein paar Meter in den Nebel und halte, bevor die Sturmböen mich packen und es vollends unerträglich wird. Ein Abschiedsbild, mein Bruder Stephan fährt weiter – er muß den Gipfel sehen. Ich steige aufs Rad, friere und begegne den Krankenwagen die zum Gipfel wollen.

Einen Kilometer später sehe ich Raphael, wir reden kurz und in einem Moment, an dem niemand an uns vorbei ins Tal stürzt, kehren wir zur Labestation zurück. Ich zittre und suche Schutz im Windschatten des Renault Master, aus dem jetzt portionsweise warmer Tee gereicht wird. Irgendwie versuche ich mich warm zu halten und es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis Stephan anrollt. Oben auf dem Gipfel waren es Orkanböen, ein Motorrad sei von der Strecke geweht. Radfahrer hätten dicht an dicht in der Souvenirbude gestanden und sich nicht mehr getraut, herunterzufahren. Andere riefen um Abholung.

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Nun geht es ab, die schlappen 16km nach Malaucène runter: ein Teil den ich vom letzten Jahr als unvergleichlich erinnere: so lange fährt man nicht oft bergab. Zentimeter um zentimeter kommt das Gefühl in die Finger. Ich überhole, überhole, überhole, hier ist die Straße breit und die Kurven übersichtlich. Unten kurz Stopp. Alle zusammen beschließen wir, uns in einem Cafe in Malaucène aufzuwätrmen. Der Ort ist eine Radfahrerstadt. Wir belegen noch ein paar Sonnenplätze und schlürfen heißen Kakao.

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Bis auf den Sturz (der sehr glimpflich verlief) war die Rückfahrt in der Sonne ein Vergnügen. Die letzte Kurve macht es.

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