Feldberg Finisher

90613  Feldberg Finisher

Hattersheim ist ein kleiner Ort in der Mainebene, auf seinen Feldern werden im Juni ab 6h morgens Erdbeeren gepflückt.  Ich biege in dem Moment von der Autobahnabfahrt, als der erste Pflückertrupp sich von einem Bauwagen löst.

hattshm prelim

(Nein, oben jener ist nur ein freundlicher herr vom Organisationskommitee)

Um den alten Ortskern sind regelmäßig die Wohngebiete angefügt worden, ein rotundenfürmiges Gebäude und die stattliche Turnhalle in der virtuellen Mitte zeugen von gut gefüllten Stadtkassen. Hattersheim liegt in der Nähe von Höchst, der Stadt die vor langer Zeit einer chemischen und pharmazeutischen Fabrik ihren Namen lieh, und sich eine Jahrhunderthalle bauen ließ, lange bevor  alles umgetauft wurde. Hier war die gute alte Bundesrepublik.

Auf den letzten Kilometern des Radmarathons , die mich in einer langen Geraden anden Startort zurückführen, erkenne ich das Gesamtbild: rechts die Türme des „Finanzplatzes“ Frankfurt, geradeaus die Schornsteine des Fabrikkomplexes und daneben irgendwo ein kleiner Glockenturm: Hattersheim. Als Kulisse im Hintergrund, bleigefaßt, der Feldberg und die Taunusausläufer: dort hängt der Regen, aus dem ich vor Stunden gekommen bin. Die letzten  50km fahre ich allein, Mitfahrer sind Phantome irgendwo vor- oder hinter mir. Gleich habe ich es geschafft, die Sonne wärmt das nasse Vlies und  ich werde in 4km ein Bier in der Hand halten.

Km 0

Zehn Stunden zuvor. Parke zwischen vielen anderen Kombis, aus denen Räder entpackt werden. Rüber zu den Freiwilligen des Vereins. Nummer, Geld, Wertungskarte und Verpflegungsbon „für Marathon“. Dann Kaffee – um das alles auf die Beine zu bekommen beim Sparkassen Giro Hattersheim stehen 30 Mitglieder um 4 Uhr auf, die einen fahren an die Streckenkontrollen übers Land, die übrigen bleiben vor Ort. Die Sonne ist gerade raus, die ersten Fahrer kamen mir schon am Ortseingang entgegen. Ich brauche noch 20 min um alles zusammenzubauen, einen Kaffee zu verschütten und schnell ein wenig Luft zu borgen. Die Starter für die kleinere Runde sammeln sich „wo sind die Sportfreunde Neu Isenburg?“ Die Luft ist angenehm,  6h50, es rollt hinaus. Ich bummle. Die Straße führt ganz sachte bergauf, raus aus den Erdbeeren und rein in die Wälder und kurz vor Eppstein hole ich ein schwarzes Rad ein, auf dessen Rahmen nur de Name Kerstin in rosanen kursivlettern steht, die Reifenflanken sind ebenfalls rosa und Kerstin klärt mich gerne über den kleinen Laden in der Nähe von Heidelberg auf, der solche und andere Räder auf Wunsch zusammensetzt, cyclomaniacs heißt er glaube ich…

Noch ein blick auf die Ruine Eppstein, ein Spitzweg-Blick in der Frühsonne, und dann geht es weiter durch Wälder und Dörfer des Taunus. Bald müssten mich die Vereine aufrollen, die um diverse Freizeitpokale konkurrieren. Da gibt es einen Hessen-Cup und auch einen Cup, den die veranstaltende Sparkasse ausrichtet. Deshalb sehe ich viele Vereinstrikots mit S und Punkt aus unterschiedlichen Städten, aber auch HelaBa und die Landesbank Berlin, die Dachverbände sozusagen, werde ich später treffen.  Eine Gruppe um zwei junge Helaba Fahrer holt mich ein, da wird schwer gestampft, groß hinauf, ich halte Anschluß, muß aber einsehen, daß deren Tempo mir für die nächsten 200km zu hoch ist. Der Schweiß rinnt, es könnte schwül werden.  Umso schwieriger, im angemessenen Rhythmus zu bleiben. Nichts erinnert an die Mainebene, hier ist alles Wandervogel

Km 26,4

hattshm kontrool 1

An Kontrolle 1 bereitet man sich auf einen langen warmen Tag vor. Ich verdünne mein selbstgemischtes widerliches Power Iso und fahre danach auf den ersten Mitfahrer auf, in der Hoffnung, ein MiniTeam zu bilden. Es ist ja nicht gleich so, daß Einzelfahrer wie ich gern in Gruppen aufgenommen werden oder sich Einzelfahrer untereinander immer begeistert grüßen. Meist nicht.

Auch dieser Kollege, dessen kleine Schnalltasche mit jack wolfskin upgrade beschrifetet ist und dessen Biketurnschuhe mit niedriger Frequenz in halboffene Hakenpedale treten, ist nicht hellauf begeistert als ich ihn passiere und anspreche , akzeptiert  aber meine  Begleitung das heißt, er folgt schnaubend bergauf.  Irgendwo sind Radsportler mit einem ausgeprägten Konkurrenzbewußtsein ausgestattet. Als erstes mustern sie sich und versuchen von Äußerlichkeiten auf den inneren zustand des Gegenübers schließen. Das beginnt beim Rad, geht über die Trikots und hört bei den Schuhen nicht auf. Die größte Angst dabei, ist vom Mitfahrer, so er nicht eindeutig höheres Tempo fährt, langsamer gemacht zu werden, was der beständige Blick auf den Fahrradcomputer eindeutig  prüft.

Wir bleiben jedoch eine Weile zusammen, es geht Richtung Norden  durch verschlafene Taunusdörfer, kleine Hügele hinauf und hinab. Ich nehme mir viel zu wenig Zeit, die Landschaft zu genießen…..was solls – er hält sich mit schwerem Tritt hinter mir und schnauft, sobald es aufwärts geht.  Hinter Dombach: Wir holen weitere zwei Fahrer ein, formieren uns und auf geht es zur Tenne, wie mir neuer Mitfahrer 1 sagt. Einer der Zwei  (aus obengenannten Gründen erwähne ich seinen Aeromesserlenker mit Triabügel) zieht an und lässt seinen Kollegen stehen. Ich folge im Geduldsabstand auf Gang3 und halte mein Tempo konstant. Es ist warm, wir streifen durch Kiefern, es grünt und die Lärchen haben gut singen. Oben hält er und wartet. Die Karawane zieht weiter.

Die frischbezogenen Bremsen funktionieren und mit Erleichterung sehe ich, daß meine neue Gabel schön steif bremst und nicht wie die Alte wandert, rüttelt und schüttelt, daß es mir den Hebel aus der Hand schlägt. Es ist ungefähr 8h30, wie ich an einer winzigen Kirche ablese, von der ich Monate später erfahre, daß es das Rathesu von Dombach ist,  und wir ließen ein weiteres Dorf im Märchental unter uns, als uns auf dem freien Feld eine vierer Gruppe aufrollt. Nicht viel schneller schätze ich sie und rufe dem Mitfahrer zu „ich versuch mein Glück“ und hänge mich ran.

Tempo geht in Ordnung– ich blicke auf einen schwarzen look Rahmen mit sogenanntem „monostay“,  auf dem der Firmenname klebt. Carbon! Aber hinunter wird nur gerollt, ständig höre ich Freiläufe schnarren und muß sogar bremsen. Vorn fährt ein kompakter Älterer mit Bauchansatz und braungebrannten Beinen. Ich rolle vorbei und fahre tretend hinunter , damit die Gruppe mich am nächsten Hügel wieder aufrollt und überholt. Dann hänge ich mich an den Letzten, der Kompakt vorne macht wieder Tempo und wir folgen. Zwei drei Male geht das so: runter rollen, im Anstieg aus dem Wiegetritt reinknallen. Also an jeder Steigung Bergankunft. Ob die auch 200km fahren? Schließlich sehe ich das Schild Kontrolle 2 und stelle fest, daß die Gruppe sie auslässt. Ich sehe niemanden wieder.

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Km 66

Naunstadt, Kontrolle2

Stempeln, Rosinenbrot, Isokanister. Eher die günstigen Waren. Ein kleines Stück schwarze Schokolade. Das Übrige lasse ich liegen. Außer Bananen keine Früchte, Rosinenbrot aus Tüten mit Nuttälla oder Marmelade bestrichen. Salamibrötchen. Um die kleine Blockhütte locker gruppiert Radfahrer und ein weibliches Paar in „mallorca bikeholiday“ Kostüm. Es sind weniger Vereinsgruppen als ich dachte und möglicherweise bin ich wieder wirklich spät gestartet.

Rasch weiter, denn die Sonne ist fort endgültig fort und der Feldberg nicht einmal in Sichtweite. Vorbei an wilden Ginsterbüschen, dahinter, mitten im Wald eine Ansammlung von Radioteleskopen, Satellitenempfängern Parabolantennen mit Durchmessern von 5 Metern. Laufen hier die Informationen für den Börsenhandel frankfurts zusammen? Ist dies der okkulte Hauptbahnhof unseres Netzverkehrs? Vorbei. Ein paar Landfalten und Gerstenfelder später kann ich Ihn sehen den großen Berg , vor allem aber die bleigraue Wolkenwand an seiner Spitze. Auch die typische Regenfahne.

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Gabel und Bremse

Wie geht es dem Rad? Sehr gut, danke. In den ersten kleinen Abfahrten habe ich die gabel genau  beobachtet, sanft angebremst, hart gebremst, welligem grund,und auf glattem Asphalt. Nichts zittert, nichts schwingt sich auf. Das Rad läuft freihändig gut, der Steuerkopf ist ok, nichts wackelt und es geht leicht. Nach dem Sturz von Suzette mußte ich ja fürchten, das vielleicht auch der ganze Rahmen gelitten hatte.  Die Übersetzung ist perfekt. Gang 1 ein reiner Notgang, falls an irgendeinem Ortsausgang einmal die 13% übertroffen werden. Mit den exotischen Simplex Schalthebeln muß ich mich noch ein wenig anfreunden, Ritzel runter geht schwerer als Ritzel rauf, aber: im Wiegetritt bleiben die Gänge sauber drin. Die Berichte von Besitzern diese Rades sind dürftig. Ein weiches Tretlager kann ich nicht erkennen. Es ist ein leichtes Rad und mit 985mm Radstand auch ein wendiges. Doch Probleme, es in der Spur zu halten habe ich nicht, nur etwas hüpfig ist es, wenn der Boden mal wellig ist. Das Vitus ist ein sehr gutes Rad und jeder, der glaubt gewisse Komponenten oder Gewichte seien maßgeblich, der ist auf einem Holzweg. Zum einen geht nichts über eine gute Sitzposition und einen guten Lenker, in dem man alle Möglichkeiten greifen kann. Dann sind zentrierte „runde“ Laufräder erheblich fürs Rollgefühl verantwortlich. Schließlich sollten die Übersetzungen passen. Das alles sind Dinge, die kein Hersteller erzeugt, sondern durch Erfahrung ermittelt werden.

Schwüle und graues Blei über uns. Ein nasses Ende steht bevor, aber es ist warm. 17km bis zur nächsten Kontrolle standen an: Schmitten. Mittlerweile muß ich bangen, da trocken einzutreffen. An einer Talkreuzung mit leuchtender Essotankstelle holt mich ein junger Mann von der Sparkasse Frankfurt ein. Er hatte sich verfahren und ich schließe mich an – wir haben die gleiche Sorge und schaffen es im Eiltempo,  trocken zum großen Rewe Kombinat  Schmitten anzulangen.

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Km 84

Dort erwarten uns unter den Vordächern vielleicht 70 Radler, lose gruppiert und fragend zum Himmel schauend – es tröpfelt. Eine schöne Versammlung.  Schnell den Stempel abgeholt, andere Räder inspiziert und wieder das Nahrungsangebot überschaut. Was tun. ?

Donnner grollt, regnen wird es ohnehin. Einige Fahrer brechen auf – die Entscheidung für mich,  auch weiterzurollen. Ich will nicht wieder umkehren oder abkürzen und auch nicht auf dem Parkplatz auskühlen.  Ab in den Anstieg, die ersten überholt und dann setzt der Platzregen ein. Es strömt – Da: ein Bushaltehäuschen, schon zur Hälfte besetzt. Es folgt mein Mitfahrer von vorhin und gesellt sich dazu. Schweigend lauschen wir dem Regen und zählen die Sekunden zwischen Blitz und Donner. Nesteln am Smartphone. Im Bushaltehäuschen schräg gegenüber stehen andere Fahrer. Bruchstücke einer Unterhaltung. Nach 20min lässt es nach, das Gewitter ist jetzt vorbei. Nachdem ich sehe, daß ein Triathlonfahrer das gegenüberliegende Häuschen verlassen hat, überrede ich Herrn Frankfurter Sparkasse mit mir den Anstieg zum Feldberg im Regen zu fahren. Es regnet, aber es ist noch nicht zu kalt geworden. Für ihn ist dieser Tour das Sport-Highlight des jahres,  für mich die erste Fahrt auf den Feldberg, zu den Oktogonen und Antennenanlagen, die ich immer wieder von den heimischen Höhenzügen grüße.

Ein wenig schützen uns die Bäume, aber schnell sind wir durch und durch naß. Solange es hinaufgeht, stört das aber wenig, denn durch das langsame Tempo sind wir weder Spritzwasser noch Wind ausgesetzt. Gang 2. Es soll die leichte Seite sein und das ist auch besser so. Meine Beine sind vom prasselnden Regen rot, die Knie schmerzen von der Kälte etwas, ähnlich wie am Ventoux. Der ich Aufstieg selbst ist problemlos – die Straße ist breit, die Steigung konstant und klar einstellig. Hier kann man für die Alpen trainieren. So fahren wir von Abzweig zu Abzweig des Frankfurter Ausflugsbergs, wobei wir uns über Doping unterhalten. Und Bodenversiegelung. Daß auf die Verkaufsfläche eines Supermarktes das doppelte an Parkfläche für Autos kommt, ist nicht jedem bewusst. Wie diese Versiegelung das Versickern von Grundwasser verhindert und damit die Flüsse belastet, auch nicht. Großereignisse wie Überflutungen werden lieber als schicksalhaft, gewaltig und heroisch gedeutet denn als Zivilisationsfolge. Wenn der Main mal gründlich über die Ufer tritt wird man sich auch in Frankfurt damit auseinandersetzen.

Der junge Mann, schätze ihn auf Anfang 30, hat es schwerer, er ist größer, massiger, dafür aber mit 3/4tel Hosen passender angezogen. Es klappt gut zusammen, wir unterhalten uns im Regen. Der Anstieg endet mit einer letzten Kehre „An den Parkplätzen“ auf denen sich kaum zwei Autos verirrt haben. Hier wehen uns Wolkenschwaden und ein kalter Wind entgegen.

km 91

Da ist das massive Oktogon, daneben ein schiefergeschindeltes Haus im Stil der Reichsautobahntankstellen, ein großes Preisschild und die Kontrolleure, die uns eine Apfelsaftschorle holen. Schnell weiter, denn jetzt kommt der grässlichste Teil, eine Abfahrt bei strömenden Regen. Die Bremsen greifen erst nach 30m, also ganz früh ansetzen. Der Regen setzt Nadeln ins Gesicht, die Finger verlieren ihr Gefühl. Doch es geht hinunter und Kurve um Kurve kriecht die Wärme in die flatternde Regenhaut.

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Mit dem Mitfahrer hinab ins Idsteiner Land, es grüßt uns ein kleines Schild, liebliche Obstwiesen und Kühe im Regenglanz. Ein rotes  S-Trikot  ist zu sehen: es gibt nichts motivierenderes als ein Trikot am Horizont.  Es ist ein versprengter Fahrer der Aachener Sparkasse. Dann wieder zwei: HelaBa, in einer Abfahrt holen wir sie ein, das gefällt denen nicht und lassen die uns am nächsten Berg locker stehen. Ich spüre einen hauch von Krampf im linken Oberschenkel: Kälte von außen und kalter Muskel – ich schalte einen Gang hoch, wie bei Lüttich Bastogne und ändere die Belastung – ein Krampf kann auch wieder verschwinden.

Es war wohl der kalte Muskel, denn schon in der nächsten Abfahrt spüre ich nichts mehr. Fahrer sind nur noch versprengt zu sehen. Ich überlege: 70 standen am Fuß des Feldbergs, als ich anfuhr, von denen kamen mir kurz noch die Genossen aus dem Bushäuschen entgegen. Wieviele bei Gewitter gefahren sind? Verstreut über die Landstraße folgen nasse gestalten den roten Pfeilen. Wo ist mein Mitfahrer? Weg. Ich werde langsamer, sehe nach einer Minute den Mann von der Sparkasse auf mich aufrollen und frage ihn: defekt ,vermutet er. Ich überlege nicht lange und fahre weiter. Einen Schlauch hat jeder dabei, etwas anders kann ich auch nicht reparieren. Ich weiß, daß ich den Marathon allein fahren werde, als ich die wartenden Fahrer an der Idsteiner Abzweigung sehe, an der die 150er Runde weicht.

Km 110

Idstein Lidl: die Verpflegung. Da ist wieder der Durchfahrer auf seinem Cannondale, der vor uns am Bushäuschen vorbeizog. Da ist auch der Triathlet im roten trikot und den gelben Doppelflaschen hinter am Sattel. Ich esse, was ich kann: Brötchen doppelt und dreifach, Salami, Käse Gurken übereinander. Es gibt lauwarmen Tee und calciumtabletten. Her damit. Die Energie kommt in den Bauch und der Regen hat aufgehört. Dann der Mann von der Landesbank Berlin Brandenburg, den ich mit Herrn Frankfurter Sparkasse im Anstieg zum Feldberg überholt hatte. Auf berlinisch zeichnet er ein pathetisches Bild von seinen Leiden dort oben. Die Stimmung ist gut, wir fühlen uns ermuntert, die Verpfleger freuen sich über jeden, der bei Ihrem Jahresmaraton vorbeischaut.

Weiter allein Richtung Burgschwalbach Katzenelnbogen auf bekanntes Gelände. Die Route kenne ich vom Rückweg aus Wiesbaden, wo ich im März die Bremse gekauft hatte, die mich eben zuverlässig und präzise den Feldberg hinabgebremst hat.

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Heimvorteil: wissen welche Anstiege einen erwarten (Wallrabenstein), wissen, wie lang sie sich ziehen, wissen, wann ich mich ausruhen kann. Die Kilometer zwischen Idstein und Laufenselden werden die Leichtesten. Der kleine optische Apparat in meiner Rückentasche (ungeschützt!)reagiert noch.

Ich grüße die Pferde im Regen (Berghausen)

Km 126

Das Kreml Kulturforum lichte ich ab, dann geht es in den frisch renovierten 4km Anstieg nach Katzenelbogen, ein bekannter Fitnesstest, den ich mit 42p21 trainiere. Immerhin gehen hier 39p21, es ist hart, aber es geht, ich bin an der Schwelle. Kurz vor Laufenselden sehe ich ihn vor mir , es ist der Durchfahrer vom Feldberg, den ich bei der Verpflegung in Idstein wiedertraf. Ein bärtiger Kauz, möglicherweise in Selbstgespräche vertieft. Ohne Zweifel ein erfahrener Streckenfahrer, nicht schnell, aber unerschütterlich. Gerade an der Verpflegung hole ich ihn ein. Dort steht schon das Triathletenfahrrad. Ich stelle meines an und mache ein Gruppenbild. Gern mache ich Angaben zum Vitus – man hält es für ein Titanrad. Nochn Gel und weiter.

Km 150

Laufenselden ist der westlichste Punkt der Reise. Die Streckenposten sind überrascht, daß noch Marathonfahrer vorbeikommen. Von 150 sind nur 50 weiter gefahren. Meine Stempelkarte ist völlig durchweicht.   Im Winter war ich einmal hier, der Schnee machte den Ort noch einsamer. Ein trostloses Kaff auf der Hochebene zwischen Aar und Rhein, die umliegenden Felder nähren es  Ein letztes Käsebrot , die letzte Mandelschnitte, hier keine Zeit liegen lassen –  der Triathlet ist schon weg und der Durchfahrer auch. Noch 60 km. Im Anstieg kann ich ihn schon sehen  und in den ersten Kurven der Abfahrt (die er schnell fährt) zur Aar bin ich dran und vorbei. So, und nun will ich ihn und das HessenCup trikot nicht mehr wiedersehen. Aartal, die Sonne scheint. Bei der Kontrolle hatte man mir gesagt, den roten schildern zu folgen, die Strecke wurde geändert und  In Neuhof sei noch ein härterer Anstieg.

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Neuhof ist noch weit, erst gibt es andere. Breithard – geht so. Gang 1.  In Strinz an der Pappel verewigt. Am Oberschenkel rechts fühle ich eine Scheuerstelle – nur dort – blöd, aber erträglich. Der Sinn von Werbegeschenken: am Start hatte ich mir eine kleine Sebamed-Balsam Pflegetube eingesteckt. Da ist sie. Plops und verteilt. Obs hilft?.

Jetzt der Gummiberg, so getauft, weil er ganz sachte beginnt, sich länger streckt und dann auf dem letzten Kilometer unangenehmer wird, nie richtig steil, gerade mal einen Prozentpunkt, der aber zehrt. Langsam weitermachen, es wird hart, Melodien suchen. Gut daß ich ihn kenne. Sich auf die Abfahrt freuen Auf der Abfahrt trinken und die letzte Energietube eindrücken. Trinken. Klebriges Gefühl.

Es geht noch, aber es ist mühsam geworden, Leere im  Kopf, kein Garn mehr zu spinnen. Kein Radler in Sicht – nicht vor mir, nicht hinter mir. Gut, daß jetzt die Sonne wärmt. Den flatternden Umhang knülle ich auf einem Busparkplatz in Taunusstein in die Rückentasche.  Nichts mehr zu essen nach dem klebrigen Gel ,das aber hilft. Weiter jetzt, Rückenwind. Es riecht nach Ölweiden an einer Ecke. Immerhin ist Juni und irgendwo wartet der Anstieg nach Neuhof. Durch die Felder, unter Autobahnen an Gewerbegebieten vorbei. Es wird städtischer, unrhythmischer zu fahren, Spaziergänger erholen sich. Dann der Anstieg, gang 2, anders geht es nicht, ich geh auch nicht weiter runter, das ist der Punkt, an dem ich nur noch eine Frequenz treten kann, danach kommt Stillstand. Melodien, Violinkonzerte, Akkorde Rhythmus, ja, ich sehe die Hügelkuppe.

Km 176Neuhof. Ein Photo sei erlaubt.

Kamera: Blind, die Feuchtigkeit ist jetzt in die Linsen gekrochen, keine Bilder mehr.

Runter den verfluchten Berg, durch eine hübsche Siedlung mit Gründerzeithäusern am Hang: Familienpension Rosenhain.   Nächste Kuppe. Dann wieder hinunter, beinahe verbremse ich mich an einer scharfen Biegung – die Konzentration schwindet. Rechts der Straße am Radweg sehe ich etwas, das aussieht wie eine Streckenkontrolle, aber ohne Hinweisschilder. Dennoch auf den Radweg runter, anfahren. Nein, kein Schild, zwei Radfahrer im Gespräch, ich halte sie für Urlauber und will durchrasseln als sie mich rufen halt-! Ich steige ab, die zwei Vorläufer, die ich bisher nicht gesehen hatte fahren weiter

Km 190, bei Naurod, Kontrolle 7

Sie haben hier mit niemandem mehr gerechnet,  keine Verbindung zur vorigen Kontrolle. Jetzt packen wir noch mal aus: ich meine in Küchenpapier eingewickelte Stempelkarte, sie Schokolade, Cola. Ich nehme gierig (und dankbar) und sage :4,5 seien auf der Strecke.

Nein, ein Radler im roten Trikot ist nicht vorbeigekommen, obwohl einer vorbeifuhr. Also nichts neues vom Triathleten – einfach durchgerauscht? Hmm. Ich nehme noch eine Banane, die über den Tag die nötige Reife bekommen hat. Das hat gefehlt! Wie weit noch? 27, fast ohne Höhenmeter. Also eine Stunde, wenn die kraft reicht. Weiter, durch dieses naurod und doch noch mal einen Anstieg 3, 2, mehr geht nicht, eine läuferin kommt entgegen, leicht hüpft sie vorbei. Ich schalte wieder die Musik ein. Sehe ich da noch die zwei von der Kontrolle ? Nein, wahrscheinlich kennen sie sich aus und kürzen irgendwo ab.

Es rollt mit dem Wind, es geht wieder, in den 30er Zonen der Wiesbadener Ikea-vorstädte überhole ich die Fahrzeuge. Rote Ampeln brauche ich nicht. Immer die Suche nach dem nächsten Pfeil. Unterführungen, Auffahrten, bundesstraßen, es wird unschön. Aber die Sonne wärmt, die banane gibt ihre Joules ab und der Wind macht euphorisch. Die Scheuerstelle der hose spüre ich nur noch schwach, seitdem ich wieder trocken bin. Das Rad passt, Unterlenker gut, muß nicht zu tief greifen.

Fignon, der vom Pantheon des Radsports aus grüßt, sagte, die 200 km-Marke trenne im Radsport Spreu und Weizen. Allerdings ohne Pausen. Mir gilt der satz schon mindestens 50km früher. Erstaunlich finde ich nur, daß es Anfangs 20min dauert, bis das große Blatt sich fahrbar anfühlt und nach 9 Stunden ist es einfach ok, den Umwerfer überzulegen. Der Körper gewöhnt sich und robotiert, die muskeln kennen die Bewegung, es tut weh, aber der Atem sagt: aerob. Und jetzt sehe ich die Metropole. Großes Frankfurt, wie schön du bist.

Hinter den Roggenfeldern und Autobahnzubringern die Taunuskulisse, den Wolkenvorhang und die Regenstreifen über den Türmen. Mit dem smog verbinden sie sich zu einer metallischen farbe, die die Bürotürme streift.

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Es ist schön. Es ist das beste Gefühl, zu wissen: geschafft, man hat es gut geschafft und sieht noch einmal das Diorama all der  Stellen, die überwunden sind.

Auf dem vorplatz der Turnhalle werden die zelte abgebaut. Ich erwische gerade noch jemanden, der die zerfledderte karte stempelt – immerhin ist ers um 5e Abgabeschluß. Meine Nummer 995 heftet ein anderer ab und ich spüre Anerkennung. Von 150 gemeldeten haben ein drittel die lange Strecke gefahren.

Ich bestelle ein kleines Pils und der bittere Hopfengeschmack ist unglaublich.

Vollbracht. Ich schiebe mein Rad Richtung Auto, als plötzlich der Triathlet Cervelo Phantom mit seinem schnittigen Stück eintrifft. Seine Pupillen weiten sich verwirrt, als er mich erkennt. Beinahe muß ich ihn stützen (Scherz).. „Wo hast Du mich eingeholt“. Ich sage nur,  bin immer brav den Schildern gefolgt, ihn aber hätte ich nie mehr gesehen. Er erinnerte sich: im Aartal hatte er vor lauter Naturschönheit einen Abzweig übersehen, war erst später abgebogen.  Das hatte für den Unterschied gereicht. Und das Tempo, das ich auf den letzten 20km gefahren bin auch: die auch. Aber das sage ich ihm nicht.

Die Kehre Laufenselden

Neuhof und die Banane

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Eine Antwort zu Feldberg Finisher

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