130813 Herbes Feld

 

Der reiche, fruchtige  Geruch vom Weizen verschwindet  – : jetzt strömen die übriggebliebenen Stoppeln ihr herbes Aroma aus. Die Ernte ist drin, schon rollen Traktoren mit Mähwerken und verschiedenen Bodenbearbeitern heran.

Nur über der 300m Höhenlinie sieht man noch einzelne  Dreschwolken , darin einen hellgrünen Punkt. Die anderen Wolken finden keine Zeit auszuregnen: der Wind bläst so frisch.

 

 

 

Allmählich erkunde ich die Wege, die mich aus dem Tal führen. Das Dorf wird  kleiner hinter mir, an der nächsten Biegung sehe ich das Molsberger Schloß auf seinem Felszacken, darunter die Umrisse der Parkbäume. Hinter Salz, dem Dorf mit der schönen weißen kirche und dem kurzen steilen Anstieg,  beginnt eine interessante Strecke. Dort wo die Bahnline nach Westerburg aufgegeben wurde, verläuft jetzt ein schmales Teerband. Es zieht sich über 11km unter Brücken, auf Deichen und zwischen Hecken dahin. Wie alle Bahnlinien hat die Strecke minimale Steigungen, was in dieser die Gegend eine Ausnahme ist und erlaubt, auch länger mit einer geschwindigkeit zu fahren.

 

Bevor ich jedoch den Kamm erreiche, sind die letzten Höhenmeter in Bilkheim zu packen – was müssen die Bewohner ihre Hügel lieben.

Bild

 

Dann die Wohltat. Unter dem Blätterdach, geschützt vom Wind rollt es glatt und ohne Widerstand – nur die Kerne zahlloser Wildkirschen die ungeerntet herabgeregnet sind,  ändern das Fahrgeräusch. Als aufgelassene Kleinbahnstrecke, können Bewohner Westerburgs sie als „Pendlerstrecke„ nutzen. Von zeit zu Zeit unterbricht eine kleine rot-weiße Schranke die freie Fahrt, wenn Straßen gequert werden müssen.

 

Anliegende Dörfer stellen kleine Werbetafeln auf, die auf Erfrischungslokale und Tankstellen hinweisen. Das Ende des Wegs markiert ein kleiner Bogen aus Stahlrohr, danach kommt der bahnhof Westerburg. Ich kehre um und nutze das ganz sachte Gefälle, um ordentlich Tempo zu machen.  Auch 52x17gehen hier im flotten Rhythmus. Zeitfahren üben. Ganz wichtig ist die richtige Position, um sich wohlzufühlen und die Spannung über mehrere Mitnuten zu halten. Das sind minimale Verschiebungen und selbst auf dem Snel gibt es zu lernen. Wie bewundere ich einen Anquetil, den uneingeschränkten König des (klassischen) Zeitfahrens: alle sprachen von der stupenden Mühelosigkeit, mit der er die großen Übersetzungen flüssig kurbelte.  Ich denke an den Grand Prix des Nations, einen Wettbewerb über 140km vor den Toren Paris, den er 9 mal gewann. Seine Frau berichtet, er habe sich jedes Mal zum Ziel gesetzt, bei der nächsten Ausgabe seinen eigenen Rekord zu schlagen.

 

Bild

Ich setze mir das Ziel, die Übersetzung mit gleichmäßiger, hoher Frequenz zu treten und dabei noch locker zu bleiben.

Ob diese 22km zur Simulation von Hamburg Berlin reichen?

 

Wenn ich das Beispiel Anquetil anführe, dann auch dank der Videoplattformen im internet wie vimeo oder youtube, die mir fernseh- und Kinodokumente, Interviews und Analysen auf den Rechner spielen.

Wir werden zu einer ganz anderen Form von Zeugen der Geschichte. Wir können uns Werbefilme, nachrichten, Vorlesungen aus dem gleichen Jahr ansehen und tauchen in ganz neuer, teilnehmender Weise in die Vergangenheit ein. Jetzt fehlt nur noch der Zeitzeuge im Sessel daneben, der die Bilder mit persönlichen Erinneurngen anreichert.

Anquetil sticht in diesen Berichten, Aussagen, Kommentaren einfach als Champion hervor.  Wir sprechen hier von Radfahrern, die keine speziellen Räder, Anzüge oder Helme benutzen, wie das seit (über) 30 jahren der Fall ist, nachdem der Windkanal für den Radsport entdeckt wurde.

Anquetil war in der Lage, geduckt wie eine Katze hunderte von kilometern zu fahren, die Knie schienen fast ans Kinn zu stoßen, eine Haltung die einzigartig war und ihm offenbar Vorteile brachte. Dabei kurbelte er wie auf Zehenspitzen, das heißt, die Ferse hob er auffällig stark an – eine Tret-technik, die in England noch zur gleichen Zeit verpönt war, aus stilistischen Gründen angeblich, vor allem aber , weil sie als unmännlich galt. Wie wenig solche Ansichten zählen mußte, laut Dave Moulton, der damalige Britische Champion im Zeitfahren erfahren (die seinerzeit einzige erlaubte Wettbewerbsform in England),  der auf dem Kontinent nur unter ferner liefen landete.

 

Hier das dunkelgrüne Helyett aus Berlin Kantstraße einblenden.

 

Die Erfolge (auch der Stundenweltrekord zählt dazu) sprechen jedoch eine deutliche Sprache. Es ist über Frankreich hinaus bekannt, daß Maitre Jacques, so sein Beiname, trotz oder vielleicht wegen seiner Erfolge in Frankreich kein Volksheld war, bei vielen war er rundweg unbeliebt. Das lag an einem berechnenden und abwartenden Temperament,  eine Eigenschaft, die unheroisch genannt wurde. Vielen erschien sein Selbstbewusstsein als herablassend; (eine Einschätzung, gegen die später auch Merckx in Frankreich zu kämpfen hatte).

Weder wirkte er wie ein Kämpfer, noch wie ein Angreifer, er war kein Sprinter oder Puncheur. Das Publikum mag den aufopferungsvollen Poulidor bis heute bevorzugen, Anquetil jedoch wählte nur Mittel, die ihn zum Sieg brachten. Seine Überlegenheit kam aus dem wohlüberlegten Einsatz der Kräfte, der ökonomischen Fahrweise – sehr schnell sein, ohne sich zu verausgaben – und der Konzentration auf das, was er besser konnte als die anderen: über lange Zeit schnell rollen. Unter den professionellen Radsportlern macht ihm das niemand zum Vorwurf.

 

Die Ablehnung, die ihm entgegenschlug ist auch soziologisch zu sehen: mit Anquetil gewinnt kein Vertreter des Arbeiter und –Bauernstandes sondern die aufstrebende Mittelschicht, der gerissene Kleinunternehmer, der unvermeidliche Vorarbeiter:  genau die Sorte Mensch, die dem radelnden Arbeiter das Auto bereits voraus hatte.

So jedenfalls das gerne bediente französische Vorurteil. Youtube dagegen zeigt uns einen schmalen, eleganten Athleten, der seinen Stil und seine Erfolge (eine lange Karriere!) selbst geschaffen hatte.  

 

Ich verlasse die alte Bahnstrecke und fahre über Salz heim, den Wind halb  von der Seite. Es waren kaum zwei Stunden, aber morgen werde ich die Muskeln spüren.

 

130813 Herbes Feld

 

Der reiche, fruchtige  Geruch vom Weizen verschwindet  – : jetzt strömen die übriggebliebenen Stoppeln ihr herbes Aroma aus. Die Ernte ist drin, schon rollen Traktoren mit Mähwerken und verschiedenen Bodenbearbeitern heran.

Nur über der 300m Höhenlinie sieht man noch einzelne  Dreschwolken , darin einen hellgrünen Punkt. Die anderen Wolken finden keine Zeit auszuregnen: der Wind bläst so frisch.

 

 

 

Allmählich erkunde ich die Wege, die mich aus dem Tal führen. Das Dorf wird  kleiner hinter mir, an der nächsten Biegung sehe ich das Molsberger Schloß auf seinem Felszacken, darunter die Umrisse der Parkbäume. Hinter Salz, dem Dorf mit der schönen weißen kirche und dem kurzen steilen Anstieg,  beginnt eine interessante Strecke. Dort wo die Bahnline nach Westerburg aufgegeben wurde, verläuft jetzt ein schmales Teerband. Es zieht sich über 11km unter Brücken, auf Deichen und zwischen Hecken dahin. Wie alle Bahnlinien hat die Strecke minimale Steigungen, was in dieser die Gegend eine Ausnahme ist und erlaubt, auch länger mit einer geschwindigkeit zu fahren.

 

Bevor ich jedoch den Kamm erreiche, sind die letzten Höhenmeter in Bilkheim zu packen – was müssen die Bewohner ihre Hügel lieben.

 

Dann die Wohltat. Unter dem Blätterdach, geschützt vom Wind rollt es glatt und ohne Widerstand – nur die Kerne zahlloser Wildkirschen die ungeerntet herabgeregnet sind,  ändern das Fahrgeräusch. Als aufgelassene Kleinbahnstrecke, können Bewohner Westerburgs sie als „Pendlerstrecke„ nutzen. Von zeit zu Zeit unterbricht eine kleine rot-weiße Schranke die freie Fahrt, wenn Straßen gequert werden müssen.

 

Anliegende Dörfer stellen kleine Werbetafeln auf, die auf Erfrischungslokale und Tankstellen hinweisen. Das Ende des Wegs markiert ein kleiner Bogen aus Stahlrohr, danach kommt der bahnhof Westerburg. Ich kehre um und nutze das ganz sachte Gefälle, um ordentlich Tempo zu machen.  Auch 52x17gehen hier im flotten Rhythmus. Zeitfahren üben. Ganz wichtig ist die richtige Position, um sich wohlzufühlen und die Spannung über mehrere Mitnuten zu halten. Das sind minimale Verschiebungen und selbst auf dem Snel gibt es zu lernen. Wie bewundere ich einen Anquetil, den uneingeschränkten König des (klassischen) Zeitfahrens: alle sprachen von der stupenden Mühelosigkeit, mit der er die großen Übersetzungen flüssig kurbelte.  Ich denke an den Grand Prix des Nations, einen Wettbewerb über 140km vor den Toren Paris, den er 9 mal gewann. Seine Frau berichtet, er habe sich jedes Mal zum Ziel gesetzt, bei der nächsten Ausgabe seinen eigenen Rekord zu schlagen.

Ich setze mir das Ziel, die Übersetzung mit gleichmäßiger, hoher Frequenz zu treten und dabei noch locker zu bleiben.

Ob diese 22km zur Simulation von Hamburg Berlin reichen?

 

Wenn ich das Beispiel Anquetil anführe, dann auch dank der Videoplattformen im internet wie vimeo oder youtube, die mir fernseh- und Kinodokumente, Interviews und Analysen auf den Rechner spielen.

Wir werden zu einer ganz anderen Form von Zeugen der Geschichte. Wir können uns Werbefilme, nachrichten, Vorlesungen aus dem gleichen Jahr ansehen und tauchen in ganz neuer, teilnehmender Weise in die Vergangenheit ein. Jetzt fehlt nur noch der Zeitzeuge im Sessel daneben, der die Bilder mit persönlichen Erinneurngen anreichert.

Anquetil sticht in diesen Berichten, Aussagen, Kommentaren einfach als Champion hervor.  Wir sprechen hier von Radfahrern, die keine speziellen Räder, Anzüge oder Helme benutzen, wie das seit (über) 30 jahren der Fall ist, nachdem der Windkanal für den Radsport entdeckt wurde.

Anquetil war in der Lage, geduckt wie eine Katze hunderte von kilometern zu fahren, die Knie schienen fast ans Kinn zu stoßen, eine Haltung die einzigartig war und ihm offenbar Vorteile brachte. Dabei kurbelte er wie auf Zehenspitzen, das heißt, die Ferse hob er auffällig stark an – eine Tret-technik, die in England noch zur gleichen Zeit verpönt war, aus stilistischen Gründen angeblich, vor allem aber , weil sie als unmännlich galt. Wie wenig solche Ansichten zählen mußte, laut Dave Moulton, der damalige Britische Champion im Zeitfahren erfahren (die seinerzeit einzige erlaubte Wettbewerbsform in England),  der auf dem Kontinent nur unter ferner liefen landete.

 

Hier das dunkelgrüne Helyett aus Berlin Kantstraße einblenden.

 

Die Erfolge (auch der Stundenweltrekord zählt dazu) sprechen jedoch eine deutliche Sprache. Es ist über Frankreich hinaus bekannt, daß Maitre Jacques, so sein Beiname, trotz oder vielleicht wegen seiner Erfolge in Frankreich kein Volksheld war, bei vielen war er rundweg unbeliebt. Das lag an einem berechnenden und abwartenden Temperament,  eine Eigenschaft, die unheroisch genannt wurde. Vielen erschien sein Selbstbewusstsein als herablassend; (eine Einschätzung, gegen die später auch Merckx in Frankreich zu kämpfen hatte).

Weder wirkte er wie ein Kämpfer, noch wie ein Angreifer, er war kein Sprinter oder Puncheur. Das Publikum mag den aufopferungsvollen Poulidor bis heute bevorzugen, Anquetil jedoch wählte nur Mittel, die ihn zum Sieg brachten. Seine Überlegenheit kam aus dem wohlüberlegten Einsatz der Kräfte, der ökonomischen Fahrweise – sehr schnell sein, ohne sich zu verausgaben – und der Konzentration auf das, was er besser konnte als die anderen: über lange Zeit schnell rollen. Unter den professionellen Radsportlern macht ihm das niemand zum Vorwurf.

 

Die Ablehnung, die ihm entgegenschlug ist auch soziologisch zu sehen: mit Anquetil gewinnt kein Vertreter des Arbeiter und –Bauernstandes sondern die aufstrebende Mittelschicht, der gerissene Kleinunternehmer, der unvermeidliche Vorarbeiter:  genau die Sorte Mensch, die dem radelnden Arbeiter das Auto bereits voraus hatte.

So jedenfalls das gerne bediente französische Vorurteil. Youtube dagegen zeigt uns einen schmalen, eleganten Athleten, der seinen Stil und seine Erfolge (eine lange Karriere!) selbst geschaffen hatte.  

 

Ich verlasse die alte Bahnstrecke und fahre über Salz heim, den Wind halb  von der Seite. Es waren kaum zwei Stunden, aber morgen werde ich die Muskeln spüren.

 

 

 

 

 

Advertisements
Kurzmitteilung | Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s