290813 Die Farben der Sieger

290813 Trikots und Werbung

Die Farben der Sieger

Vorbemerkung –Wer sich nicht für die Feinheiten und Verästelungen der Konsumkultur der letzten 50 Jahre  interessiert, braucht hier nicht weiterzulesen. Für die Übrigen erlaubt  die geradezu übersprudelnde Quellenlage Mikroanalysen, die  dann geneigte Leser zu Schlussfolgerungen auf der Makroebene führen könnten.

Seit Einzug der Trikotwerbung im professionellen Radsport um das jahr 1960 herum (über zehn jahre Vorsprung auf den bezahlten Fußball !!!!!) wechseln die Farben jährlich, oder zumindest im Rhythmus der Sponsorenwechsel.

Die große Ausnahme, die diese Regel bestätigt, sind die jeweiligen Nationaltrikots der Landesmeister, sozusagen die Trumpffarben des Pelotons, da sie die Bindung an das Mannschaftstrikot aufheben. Sie stellen eine der großen Farbkonstanten im bunten Gewimmel dar, das sich in jeder Saison neu mischt und zeichnen ihre Fahrer aus.Bild

(Interessanterweise gibt es in dieser europäischasten aller Sportarten kein Europatrikot – ein zutiefst konservativer Zug)

War Anfangs der Grund für Leuchtfarben, ähnlich Jockeys, die deutlichere Unterscheidbarkeit der Fahrer und Mannschaften für den Zuschauer, wird später der Sponsor die Farbgebung vorschreiben, das heißt, der Hauptsponsor.

Zur guten alten Zeit (die der schwarzen Hosen), war es im Radsport verpönt, wenn nicht untersagt, sich durch das Tragen eines professionellen Trikots in Amateurkreisen abzugrenzen oder aufzuwerten. Es wurde als Usurpation gesehen, als Statusvergehen, so hätte sich niemand für die Sonntagsspazierfahrt ein gelbes, grünes oder rosanes Trikot angezogen. genauso wie niemand auf den Gedanken gekommen wäre im Arbeitsdrillich  sonntags zu Bäcker zu gehen. Radsport war eine stolze Sportart, Arbeiter wollten Bürger sein.  Die Hemmungen gegenüber dergleichen Mimikry war mit der (ganz globalen) Entwicklung von Freizeitkleidung=Sportkleidung und einer aufgeklärten Freizeitgesellschaft, die auf dem Trainingsanzug basierte, überflüssig geworden.

Lange Zeit waren es Fahrradhersteller, die mit Ihren Werksmannschaften über Jahrzehnte Präsenz zeigten. Bianchi und Peugeot, um die zwei auffälligsten Konstanten zu nennen, waren Sinnbild einer Epoche,die mit dem Wolltrikot verbunden ist.  Das Fahrrad aber, einst ein Statussymbol der Unterschicht wie das Smartphone heutzutage, verlor an Bedeutung in unserer Konsumkultur. Und so traten andere auf den Plan.

Exif_JPEG_PICTURE

Und mit der Durchsetzung von Polyamidfasern um das Jahr 1984 herum werden die Trikotstoffe einschließlich der Hosen leichter bedruckbar, was sich, nach erfolgter Regeländerung , in entsprechenden Ganzkörpertätowierungen niederschlug, bei denen auch edelste Teile des Radlers nicht ausgespart blieben, um in das Corporate Design des Sponsors integriert zu werden.Das hatte Laurent Fignon, einer der erfolgreichsten Radsportler dieser Generation mit Gründung seines eigenen Rennteams begriffen: die Werbefläche war er, bzw. der Stoff, den er am Körper trug, und diese Fläche galt es vollständig zu verkaufen.Und so gelangen wir zu den visuellen Zumutungen, die seit 25 jahren die Entwürfe von Radsporttrikots prägen. nach einer Zeit höchster Frabkontraste (Neon) die sich auf die gestaltung der Räder übertrugen, endete die

Français : TOUR DE FRANCE 1993

Français : TOUR DE FRANCE 1993 (Photo credit:

visuelle Überbietung in einem Mischmasch an Farben und Schriftzügen.

Natürlich ist es, genauso wie beim Fußball , ein verständliches und leichtes Mittel, die Identifikation mit dem jeweiligen Team für alle sichtbar zu machen.

Die Amateure des Sports stört es nicht, wenn es sich um kleinere Unternehmen obskurer Provenienz handelt, nein, sie diskutieren ernsthaft über die öffentliche Wirksamkeit der neuesten Auflage der Firmen, die sie refinanzieren. Allerdings sind die begleitenden Sonnenbrillen und Helme ein Mittel, die eigene Person völlig unter der Maske verschwinden zu lassen, die einfach inakzeptabel ist.  Nichts gegen Fans ….

Am Ende sind derart aufgehübschte Sportartikel nicht ganz billig, so wie überhaupt der Verdacht keimen darf, asiatische Polyamidfasern mit Endverkaufspreisen von 99 Euro dürften sich einer satten Spanne erfreuen.Um aber in den Farben der Sieger unterwegs zu sein, muß man nicht erst eine Honkong Fälschung aus China in Mallorca erwerben, die schnell entlarvt ist.

Es gibt Discounter die über eigene Handelsmarken ihre Trikotagen und Beinkleider dreimal jährlich auf den Markt werfen. Sie orientieren sich eng am Hauptton der Saison. Dieses Jahr war es schwarz mit leuchtendblau. Wer dennoch Bilder der Tour gesehen hat, hat verstanden.Die Frage nach der Qualität ist nicht ausschlaggebend. Die ist immer ordentlich, ich behaupte sogar: völlig ausreichend. Selbstverständlich hat man sich damit als zu arm für „echte“ Polyamidfasern preisgegeben.

Aber: who cares, denn so ist die Postmoderne.

Sportartikel werden eben am wirksamsten über den Mythos des Siegers verkauft. Aber dieser ist seit den Tagen ohne Kopfhörer, Sonnenbrillen und Hinternwerbung stetig verblasst. Wir wollen Gesichter sehen! Menschen!  – Homer hat das gewußt.

Giro d'Italia 1989

Giro d’Italia 1989 (Photo credit: Wikipedia)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s