retro sucks (gehts mir am Arsch vorbei)

240913 retro sucks (die Vergangenheit war niemals besser)

Es tauchen vermehrt Räder mit braunen Sätteln und braunen Lenkergriffen auf, neulich sah ich sogar eines im Schaufenster eines Optikers-  dekorativ eben.   Ganz leicht geht das. Brauner Sattel gleich Leder, gleich alt ,gleich  retro, gleich schick.

Retro bedeutet aber nicht, wir wollen wieder wie gestern leben, es bedeutet nur, gestern wirkt irgendwie sicherer, zuverlässiger (heute sagen wir „verlässlicher“) als heute.

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Landlust ahoi, servus Manufactum, alles was recht ist, nur: bei Fahrrädern hieße wirkliches retro vor allem: weniger Gänge, schlechtere Bremsen, Keilpedale, dynamolicht und pannenanfällige (Schlauch)Reifen. Damit wäre retro das reine Abschreckungsprogramm für die Mehrheit der heutigen Radfahrer, die allsonntäglich mehrere dutzend Kilometer zu ihren Lieblingsparkplätzen reisen, damit sie endlich den Fahrradgepäckträger nutzen können. Waldeslust in Lycra und Polyamid

Nein, was wir im allgemeinen unter retro aus der Marketingmaschine serviert bekommen ist nur eine neue Packung, die uns beruhigen soll, es gäbe nicht nur den „herkömmlichen“ schnellen, sondern auch den guten, dauerhaften,  Konsum. Die Selbstzufriedenheit der Gartenlaube ist nicht mehr fern.

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Grant Petersen ist eine ungewöhnliche Gestalt der amerikanischen Fahrradszene. Sein Ruf stammt aus der Zeit, als es nur eine kleine exzentrische Population an der Westküste gab, die sich in den ernsthaft mit dem Rad bewegte . Seine individuellen und wortreich begründeten Vorstellungen davon, wie ein Fahrrad beschaffen sein sollte und was dabei überflüssig ist, auch um den Preis des Verzichts, technische Neuerungen einzuführen , ergaben seinerzeit so ungewöhnlichen Radtypen, daß Händler sie gar nicht erst vertreiben wollten .

Die Bezeichnung, mit der sie Petersen in die Ecke der Spinner drängen wollten war : retro grouch. Sie war der Preis dafür, daß er sich Moden deutlich und begründet widersetzte, wenn Sie ihm als unzweckmäßig für den Alltag (und Geldbeutel) des Radfahrers erschienen. Leute wie er nutzten und bezeichnen das Fahrrad als Ausdrucke einer Lebenshaltung, etwas, das man ruhig mit den Urzeiten der grünen Partei in Deutschland vergleichen kann. Nebenher vertreibt sein Geschäft Bücher, Merinosweater und Äxte. Ja, die, mit denen man Holz bearbeitet.

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Petersen hat sich erfolgreich gegen  „retro grouch“ gewehrt, denn er wusste genau, daß gestern nicht besser war und es ihm nicht aus Prinzip um braune Sättel ging, sondern um die immanenten Vorteile, die ein (häufig brauner) Ledersattel seinem Besitzer auf Dauer bringt.

Diesen Ruf erwarb sich Petersen als Vertriebschef der Radmarke Bridgestone, deren Kataloge mittlerweile legendäre Dokumente eines im grunde marktsubversiven Geistes sind und deren Rennräder beispielsweise in der Geometrie und Proportion näher an den 60 Jahren denn am nächsten Jahrtausend und der elektrischen Schaltung lagen. (Eine Haltung, die ganz unabhängig von Petersen auch Mike Barry in Toronto mit seinen handgefertigten Mariposa Rädern vertrat, bis er sich im Jahr 2007  in Rente begab. )

Der Markt gab Petersen natürlich unrecht und Bridgestone schaffte es nicht, sich länger als is 1994 zu halten. Der Fahrradzweig dieses riesigen Gummi-Mischkonzerns wollte sich ein unprofitables Spielzeug sparen.

Doch Petersens Gedanken (sein aktuelles Buch: Just Ride) sind deshalb nicht verstummt und seit fast 20 jahren bringt Petersen mit Rivendell Bikes Fahrräder auf den Markt, die seine Vorstellungen unbeirrt zu Beweis stellen.

Rivendell

Ein Beispiel :Wenn es 3fach Kettenblätter gibt, sind empfindliche 11- fach Ritzel samt dünner Ketten einfach keine taugliche Lösung. Das ist nicht retro, es ist nur der einfachere Weg zur gleichen Lösung. Der Aufwand für Wartung Einstellung und Ersatz eines 11 fachen Ritzelpakets samt passender Kette ist wesentlich höher und kostspieliger, als für ein gewöhnliches Tourenfahrerleben notwendig, in dem der Gewichtsunterschied von 150g irrelevant ist.

Rahmen aus Cromo Stahl sind nicht interessanter, weil sie eine filigrane Optik haben. Sie sind ein perfektes, dauerhaftes Material, dessen Eigenschaften bei gut kalkulierbaren Herstellungskosten unübertroffen bleibt. Es ist universell verarbeitbar und kann in der Form beliebig variiert (ja auch nachher) werden. Auf Carbon oder Aluminium als Rahmenmaterial ist nicht retro, es ist eine funktionale Wahl.

Die Liste ließe sich fortsetzen, einzelne Punkte dazu finden sich bereits ausführlich in den drei Bridgestone Katzalogen von 1991 bis 1994 erläutert und herrlich illustriert. 01

Das Ergebnis solcher Überlegungen ist ergebnis einer anderen anderen Ökonomie.  Sie ist von einem anderem Verhältnis zum Rad geprägt , bei dem dieses nicht als Surrogat einer Rennsport oder Mountainbike Karriere erworben wird, sondern möglicherweise als die Erfindung, die es seinerzeit als revolutionäre Technik erscheinen ließ: als ein einfaches, nützliches Mittel, mit der geringsten Kraft die größten Strecken zu bewältigen.   Es ist kein Wunder, daß Händler und Vermarkter darauf allergisch reagieren, schließlich sind sie dem Joch der Produktzyklen einer grenzdebilen Freizeitgesellschaft unterworfen.

Eben jenes Joch, das Grant Petersen über drei, vier kataloge lüften konnte.

00Illustrations by George Retseck

Grant petersen: Just Ride. #  http://www.rivbike.com

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