040913 Starrgang in tweed: zwei bücher zur modischen orientierung

40913 (Bike) the Style council

Diesen Namen trug eine englische Pop- Music Gruppe von der ich kein einziges  Stück erinnere.  das Leitmotiv lässt sich aber  auf zwei hübsche Bildbände übertragen, die uns aus den Städten Berlin und London einen bunten Strauß radelnder Stilisten präsentiert:

cycle style London

cycle love Berlin

Stil ist ja im allgemeinen die Art, wie wir uns der Welt zeigen. Nun zeigen  sich viele Menschen der Welt auf Fahrrädern doch bis ins  Jahr 2010, dem Escheinungs datum dieser Bücher,  gab es offenbar keinen Anlaß, aus der masse der anonym radelnden Menschheit eine Zone der Stilübungen zu machen, die dann im engen Freundeskreis als Coffee-Table Vorlagen diskutiert werden . Das ist endlich vorbei! (jedenfalls in den genannten Metropolen).

Die Straßen der großen und kleinen Stadt, die Promenaden, waren immer schon ein mehr oder weniger großes Theater und das photographisch älteste Beispiel dürften die Kostüme, Equipagen, Kavaliere und Automobilisten des Bois de Boulogne um 1908 sein, wie ein Junge namens Lartigue sie einfing.

Das Fahrrad hatte einen solchen Ehren-Platz noch nicht inne (und wenn dann nur kurz als Dandyhorse 1886) , doch möglicherweise ist seine Zeit als Statusartikel langsam gekommen.

Vom Transportmittel der (armen) Arbeiter, einkaufenden Großmütter, Kinder  und anderen Führerscheinlosen zu den Dandys des Zweirads ist ein langer Weg.  Doch weder in London  noch in Berlin werden die Paradiesvögel auf 2Rädern aus dem zufällig vorbeisurrenden Strom des Verkehrs eingefangen.

Schon bei etwas genauerem Hinsehen geben sich die beiden Bände als wohlüberlegte Inszenierung zu erkennen. Der eine trägt die Handschrift des Modefotografen, der andere den des „informierten“ Journalisten.

In London wird aus der Szene um den „tweed run“, einer lustigen retro-freizeitveranstaltung der kern der Darsteller zu Rad geschöpft, in Berlin sind es die diversen Experimente um die Kurierfahrer- Fixie und MTB Indianer Szene, die als Inhaltsverzeichnis dienen.

Beiden geht es weniger um das gute gebrauchstaugliche Alltagsgefährt, das einen durchs städtische Leben begleitet, sondern um eine (juvenile) Möglichkeit, Persönlichkeit und Fahrrad komplementär einzusetzen.

Wenn ich mich recht erinnere, waren solche Erwägungen völlig ausserhalb des Feldes, als ich bei einer Fundsachenversteigerung der Kölner Verkehrsbetriebe 1991 ein gebrauchsfähiges Fahrrad für 8 DM erstehen konnte. Nichtmal die passende Größe hatte mich interessiert und Wochen noch stand es in der Garage am Morsdorfer Hof 25, bevor ich es flickte.  Da begann die erste Dekade der urbanen 2RADStilübungen auf Mountainbikes, die vorzugsweise auf flachem Asphalt bewegt wurden.

Bild

Zwei Jahrzehnte später ist von der unglaublichen Vielfalt der MTB Zeit und der von diesen vorangetriebenen Kapuzenmoden im buch aus London beinahe nichts mehr wahrzunehmen. Sie warten auf ihre eigene Retro-Welle.

Die Spin offs des Tweed Runs sind eher in zweiter Linie Radfahrer. Sie bewegen sich in London mit dem Rad, das ist ein Unterschied wie Stadtmaus und Landmaus. das Rad als Silbertablett, auf dem ich mich zeige ist hier de dernier cri. Die Auswahl ist originell, souverän und witzig mit Ausnahme der hier und da eingestreuten Kleiderpuppen die man aus Agenturen gecastet hat und sich an ihren Rädern eher festhalten . Geschmackssache.

Setzt London vor allem auf die Wirkung der perfekten Bilder perfekt sitzender Kleidung, die sich mehr auf Details konzentrieren und häufig die Personen freistellen, so ist das Berliner Buch durch die Wahl von Totalen und einem Gleichgewicht zwischen Bild und Text (Selbstauskünfte) beinahe schon eine Sammlung sozialer Fallstudien. Neben der auffälligen Nennung von Marken die ihr gutes Recht wahrnehmen, ein solches Buch zu ihrer besseren Bekanntheit wahrzunehmen, fallen die Bekenntnisse zu Lebensentwürfen und Aussagen,  die sich mit dem eigenen Rad verbinden.

Auf einmal geht es um Politik, nicht nur um Mode.

Die Geschichte des Berliner  Produkts „cycle love“  ist dann auch die Geschichte einer Jugendkultur,  die fahrradzentriert erwachsen wird. Da kommen Fragen auf – . Warum kann ein so mäßig bezahlter, bis zur Auszehrung betriebener „Beruf“ wie „Fahrradkurier“ zur Leitfigur  einer (urbanen) Generation werden. Das jedenfalls konnten die Pariser Bäcker, Post-, und Zeitungsausträgern nicht von sich behaupten, obwohl sie lange ihr eigenes Straßenrennen fuhren (Grand Prix des Porteurs).

Aber das war noch zu Zeiten, als sich Arbeiter als Arbeiter fühlten und Fahrräder eben kein Medium der Weltanschauung waren. Vergessen wirs.

Bild

Mittlerweile blicken die Kuriere doch leicht nostalgisch auf ihre eigene Verklärung zurück , wenn ihr Mythos nicht im Selbstversuch stark relativiert wird (fahrstil!)

Grant Petersen, den ich sicher nicht zum letzten male zitiere, nimmt für sich jedenfalls keine welatanschaulichen gründe in Anspruch, wenn er weniger als 20 mal in seinem Leben mit dem Auto zur Arbeit kam. Selbst  wenn es in seinem urban/politischen Milieu (california! west coast!) de bon ton war, ein Fahrrad zu benutzen, so tut er dies vor allem zum eigenen Wohlbefinden, um sich besser zu fühlen, um etwas zu erleben, um gesund zu bleiben.

Aber er ist kein Städter und die beiden Werke hier beziehn sich auf Städte und was in ihnen verhandelt wird.

Für mich sieht es so aus, als folge jetzt auf den Asphaltdschungelhelden der Mann im Tweed und die Dame im kniefälligen Rock, die der Stadt auf ihren Rädern (symbolisch) den Rücken kehren.

Es war notwendig, dies einmal in aller Schönheit zu zeigen.

Bild

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Mehr Lesen, Spleen & Ideal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s