241013 Lance

241013

Da war doch was…..

Ja, da war dieser Bestseller seiner Zunft, ein Buch, das Millionen bezahlten, lasen  und vielleicht sogar bewunderten. Aus gegebenem Anlaß habe ich es mir genauer angesehen.

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Lance Armstrong, den viele nur noch für einen Lügner und/oder Betrüger halten, dessen Sponsoren nun ihr Geld zurück verlangen und dem alle Siege der Tour aberkannt wurden, ist ein Athlet, der die Regeln seines Berufes gründlich erworben hat und konsequent nach diesen handelte.

Doch seine Heldengeschichte, die Tour seines Lebens, sollte man nicht voreilig als Märchenroman ins Altpapier geben oder, wie der Vorbesitzer meines Exemplars, einem Trödler verschenken. Denn sie ist, gerade vor dem Hintergrund einiger neuer Erkenntnisse und Enthüllungen, auch lehrreich.

Er sagt die entscheidende Wahrheit schon zu Beginn seines Buchs: im professionellen Radsport werden Rennen durch geringste Vorteile gewonnen.

Wie alle Profiradsportler wollte Lance Armstrong vor allem eines: Rennen gewinnen um damit so viel Geld wie möglich zu verdienen. Vor seiner dramatischen Erkrankung hatte er es bewiesen: eine Weltmeisterschaft, einen Klassiker. Ein Mann für die Eintagesrennen, ein Eintrag ins goldene Buch der Sieger, immerhin. Was danach geschah, ist jedem geläufig.

Er wusste nun, daß er gewinnen konnte und dabei etwas begriffen: es war eine Kopfsache. Drei Dinge hatte er verstanden- Radfahren war ein Mannschaftssport (bei dem der Kapitän bedingungslos geschützt werden mußte), es war ein Kampfsport (es wird mit dem Messer zwischen den Zähnen gefahren) und es war ein gnadenloser Sport, in dem umstandslos jeder fallengelassen wird (auch ein krebskranker ex-Pro) , wenn man ihm keine Siege mehr zutraut.

Was wissen wir heute besser? Aus dem Puzzle der Zeitzeugen ist klar, daß Armstrong 1995, als er die Bühne des professionellen Radsports betritt auf ein Umfeld trifft, in dem die Verwendung von Epo seit ca einer Saison generalisiert, um nicht zu sagen vulgarisiert worden war. Armstrong ist ein Kind der hohen Epokultur, wovon natürlich keine Zeile zu lesen ist.

Wir wissen in Umrissen, daß die Mannschaft, deren Kapitän Armstrong war, kollektiv, systematisch, und vorsätzlich Doping betrieben hat, vor allem mit Epo und Eposubstituten, wahrscheinlich mit allen Substanzen, die der graue Markt hergab.

Wir wissen dies noch von anderen Mannschaften wie Cofidis (David Millar op.cit) und ahnen es für alle Übrigen. Die Aufklärung und das beredte Schweigen halten sich weiterhin die Waage. Selbst wenn die Beweislast auch durch andere Studien (T. Hamilton op.cit) erdrückend geworden ist, erleben wir selten eine tiefgreifende Analyse von Beteiligetn, Verwendern und Beschaffern. Wir sehen immer wieder Vermeidungs- und Vertuschungsstrategien, gegen alle Evidenz. Wir erkennen isolierte Individuen (Floyd L.) auf dem Schlachtfeld des Dopings, mutmaßliche Drahtzieher, mögliche Knotenpunkte.

Der Wegsehreflex funktioniert bei Zeitzeugen bestens und die allermeisten medialen Kommentatoren halten sich bedeckt, haben sie doch vor Jahren am lautesten in Jubelchöre eingestimmt, deren Text sie heute vergessen haben.

Immer noch gern übersehen wird  die für aussenstehende schwer sichtbare Binnenlogik des Berufsradsports. Das Bewußtsein der Beteiligten, ihren Beruf  „le metier“ (Michael Barry)  auf die allgemein, das heißt von Betreuern, Sportdirektoren Sponsoren und Organisatoren akzeptierte Weise auszuüben. Dieses Bewußtsein spricht Armstrong aber unverblümt an, denn er mußte es, als kulturfremder Amerikaner, als Triathlon Punk aus Texas von Innen erlernen. Das tat er gründlich und machiavellistisch: um Skrupel zu haben, hatte er zu viel verstanden.

Aus diesem Bewußtsein erscheint alles weitere, alle Unwahrheit, Verleugnung und Vertuschung von Doping  nur als Element einer Berufsauffassung, deren prominentester Vertreter er geworden ist (was lediglich die Fallhöhe vergrößert). Es gibt in diesem Sinne keine Ära Armstrong die verlogener gewesen sein sollte als eine andere Zeit des Radsports. Es gibt nur Mittel die noch nicht nachgewiesen werden konnten. eine Medialisierung (=Geld) ungekannten Formats und die  Käuflichkeit aller Beteiligten, eine ewige Begleiterscheinung professionellen Sports.

Die Tatsache, daß es sich eher um einen systemischen Defekt als um die individuelle kriminelle Energie handelt, gewichtet nicht die Schuldfrage. Es ist nur ein Aspekt der Professionalisierung und exponentiell erhöhter Einsätze. Schuld kennen wir Naiven eben nur als Individualverschulden und sind in der Rechtspraxis allgemein mit Kollektivschuld und organisiertem Verbrechen auf unsicherem Fuße.

Angesichts der Kräfteverhältnisse  sind vehemente Leugnung bis zum Beweis des Gegenteils,  nicht die Frucht mangelnder Einsicht oder abwesender Moralvorstellungen, sondern folgen der Erfahrung, daß dergleichen niemandem Nutzen bringt,  schlimmer: einem wirtschaftlichen Selbstmord gleichkommt.

Es geht zuerst und immer um den individuellen Vorteil gegenüber Anderen.  Der Bericht Armstrongs über die Tiefen seiner Profikarriere illustrieren genau diesen absoluten Mangel an Vertrauen in einem Konkurrenzumfeld, dem die Handlungsmotive eines Piranhabeckens unterstellt werden müssen. Die Paranoia ist immanent und wiederum Teil des Leistungssports. Sie findet im Radsport, genau wie das Doping, nur einen besseren Nährboden als anderorts.

Man sollte auch deshalb Lance Armstrongs Buch aufbewahren, weil seine Beschreibung des Kampfes gegen seinen Krebs von schauderhafter Ambivalenz ist, wenn er einerseitsals yellow-press homestory  hilft , neue Fangruppen (Geldquellen) zu erschließen, während er gleichzeitig den Weg zum nächsten Sieg aufzeigt.

Der Kampf gegen den Krebs ist nicht wegen der Heilung interessant sondern weil dessen Schilderung ein Bildungsroman ist. Unser Held lernt seinen Körper von Grund an kennen und durchläuft alle Stadien des Leids. Die Heilung ist ein kombiniertes Produkt aus Überlebenswillen, Schmerz und angewandter Chemie- eine wahre Katharsis.  Der Held lernt Wirkstoffe und ihre Dosierung im Selbstversuch kennen. Er wir später seine Essensportionen wiegen und wir können uns sicher sein, kein mg einer leistungssteigernden Substanz hat diesen Körper ungeprüft erreicht. Dann, nach der völligen Schwächung des Körpers, beinahe seiner Auslöschung, folgt die Apotheose mit dem Aufstieg in den Himmel des Radsports.  Ende.

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Aber nicht ganz: das Buch ist zudem die Studie eines erniedrigten, diskriminierten und deprivierten Individuums lesen, als Aufstiegsstory eines white trash – Amerikaners, der von seiner eigenen Gesellschaft der weißen Mittelschicht von Plano seit Schultagen stets aufs neue diskriminiert wurde, was bis in die Wahl der Sportart reicht. Das Leben eines einsamen Jungen, der viel Zeit und wenig Geld hatte, der früh seine Identität durch sportliche Siege aufbauen konnte, nicht zuletzt um absolut rücksichtslos gegen die Regeln derer verstoßen zu können, die ihn nicht akzeptierten. Es ist der Lebensroman eines Renegaten mit eminentem Überlebenswillen. Er nennt es the coal that keeps the fire burning. Diese Leute können äußerst gefährlich sein.

Sie können aber genausogut harmlos sein, wie der Parallelfall des Jan U. beweist , des (gleichfalls) vaterlos aufgewachsenen Ostdeutschen, der durch sein Talent in die große Gemeinde des organisierten staatlichen Leistungssports aufgenommen wird. Eine Gemeinschaft, die den Begriff individueller Verantwortung anders auffasst, als eine texanische Mittelstadt.

Was diese zweite Lektüre hinterläßt, ist mindestens der tiefe Wunsch nach einem unschuldigen Sport.

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