Holz Machen

160913 Holz machen

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Da lebte einmal eine Tante, die ihren alten Guß-eisernen Herd aufbewahrt hatte: transportabel, schnell zu beheizen mit Holz, Brikett oder was auch immer brannte. Die warme Suppe war garantiert.

Wer schon über die Dörfer gefahren ist, weiß, wie viele kreativ errichtete Verschläge fürs Brennholz es dort gibt. Hier in meiner Ecke steht einiges an Wald, also  auch viel Holz herum, folglich auch Brennholz. Wenn ich jetzt abends durch die Dörfer fahre riecht es eindeutig: die Öfen sind häufiger aktiv, als ich dachte. Dem billigen Strom haben sie hier noch nie getraut.

Diese Holzverschläge werden jetzt wieder aufgefüllt, denn sinnvoll ist der Ofen vor allem  in der Vorsaison, also vor dem echten, Dauerfrost. Morgens und abends ist es dann empfindlich kühl und ein kleiner Wärmeschub hier und da sehr willkommen.

So ist es auch mit den Fahrradklamotten. Plötzlich ist es morgens einfach zu kalt, um in Doppelkurz loszustrampeln und ein Blick in die eingemottete Wintergarderobe offenbart rätselhafte, und empfindliche Lücken.

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Es ist also an der Zeit, Holz zu machen:

Unweigerlich bieten seit Jahren gerade discounter dann passende Regen- und Wärmekleidung an, häufig Radler /Herbst genannt. Im Vergleich zu den Fachgeschäften und online Versendern mit Apo-Thekenpreisen ab 99 für eine wärmende Hose, gibt es gegen ein 10 Euro Angebot einfach keine Argumente mehr. Erst recht nicht, wenn man erfährt, welche die Umsätze Fahrradkurieren in Großstädten erzielen. Sicher könnte alles noch etwas besser sitzen  und mit noch mehr Klimalagen, Kompressionszonen (oder was auch immer) ausgestattet sein, aber bei sportlicher Haltung sind diese Feinheiten eigentlich nebensächlich.

Ich gehe jetzt in den vierten Radherbst (mit  Winter), und bisher gab es keine gesundheitlichen Schäden durch  Bekleidungsstücke aus dem Supermarkt. Eher trifft es zu, daß ich verdächtig wenig um nicht zu sagen verschwindend geringe Mengen an Radfahrern wahrnehme, sobald es notwendig wird , diese Stücke einzusetzen. Ist es möglich, daß die 100Euro Bibtight aus der Schweiz, das ist eine Trägerhose, meistens im Schrank hängt?

Ist es denkbar, daß hier ganz ähnliche Bedürfnisse bedient werden, wie ehedem beim Tennis (das Preisverhältnis Turnhose einfach  zu Tennsishort betrug 1 zu 5, in DM natürlich), dem weißen Sport, dessen ungenutzte Schläger sich nun so schön auf Flohmärkten einsammeln lassen? Oder jene, die sich einst Spiegelreflexausrüstungen gleich doppelt kauften, um einen Film jährlich zu belichten?

Wenn ich meine Beobachtungen mit Radtouristikpublikum vergleiche, liegt der Gedanke jedenfalls nahe, mit dem polemischen Unterschied, daß für den weißen Sport fitness wirklich keine ernsthafte Bedingung war.

Weshalb sich die meisten den Genüssen und Freuden der kühlen Jahreszeit entziehen, ist mir ein Rätsel und wahrscheinlich will ich einfach nicht den Reiz beheizter Fitnesstudios mit Laufbändern und Monitoren verstehen. Doch das ist ein anderes Thema.

Hier bin ich, Größe 54, das Beinkleid liegt eng an und endet wie eine Caprihose. Unter 10 Grad ist es notwendig – wenn man Verdunstungskälte und Regen dazu rechnet auch knapp darüber. Das Auskühlen nach Regengüssen, wenn der Wind die Wärme aus dem Körper saugt. Für den Oberkörper mische ich Wollpullis (dünn) mit windstopper lycra-Wäsche (sehr dünn) und  einer Jacke, die sich softshell nennt. Diese Jacken sind so dicht, daß sie beim Auskleiden außen  bereits trocken und innen tropfnaß sein können. Schnell wenden und aufhängen. 3 Jahre Lebensdauer sollten bei häufigem Gebrauch und entsprechender Schonwäsche drin sein. Der Unterschied zu meiner alten 3/4tel Wollhose mit Ziegenledereinsatz könnte größer nicht sein.

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Es ist lange her, daß man (als Profi) für eine Winterausfahrt auf Knickerbocker, Skistrümpfe und Seemannspullover zurückgreifen und improvisieren mußte.

Die Einsamkeit, die sich auf den Straßen einstellt ist wundervoll, das Kältegefühl schnell überwunden. Meine Route richtet sich nach dem herrschenden Wind: zunächst ihm entgegen, am Schluß möglichst von hinten, so fahre ich manche Strecke im Gegensinn zu den sonstigen Gewohnheiten.

Die Luft schmeckt jetzt anders, die Felder riechen nicht mehr, neue Farben sind zu entdecken. Auf der Straße suche ich die Spur mit dem niedrigsten Wasserstand (geht nicht immer) und jage die fallenden Blätter. Ich nehme kaum Vorräte mit, denn im Zentrum der Fahrten steht immer eine Bäckerei, die meinen Körper mit Wärme befüllt, bevor er wieder den Wolken hinterherjagt.

Ich gönne jedem dieses Erlebnis. Der Mut dazu wird vielfach belohnt, auch durch Abwesenheit von Erkältungen.

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Eine Antwort zu Holz Machen

  1. Dietmar Heinz schreibt:

    …2013/14 war mein erster auf dem Peugeot Galibier durchgefahrener Winter. Auf einer meiner Lieblingsrunden am Schweizer Bodenseeufer in Richtung Stein am Rhein merkte ich dann im Dezember, dass ich für Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und im dichten Bodenseenebel eindeutig zu „luftig“ angezogen war. Ich hatte noch fast 60km vor mir, fror erbärmlich und mir graute schon beim Gedanken an die noch vor mir liegende Abfahrt vom Schiener Berg Richtung Radolfzell, bei der mir mein vom vorherigen Aufstieg durchgeschwitztes Trikot wahrscheinlich endgültig den Rest gegeben hätte. Ich hatte wohl eine dünne, leuchtfarbene Radjacke übergezogen, aber die war leider nicht winddicht. Ich erinnerte mich auch daran, dass Radprofis früher für Passabfahrten Zeitungen als Windschutz unters Trikot steckten. In den idyllischen Schweizer Dörfern, die ich durchfuhr, stand offensichtlich sogar die Altpapiersammlung kurz bevor. Allerdings werden in der Schweiz die alten Zeitungen sehr präzise gefaltet, gestapelt und zu so präzisen Packen verschnürt dass ich mich nicht traute, eines dieser Kunstwerke zu plündern. Die Lösung, die mich meine „Unterseerunde“ trotz der Kälte ohne Lungenentzündung überstehen ließ, lag in einem Depot mit (ungebrauchten!) Robidog-Beuteln. Drei dieser hübsch pinkfarbenen Hundekotbeutel, fein säuberlich an den Rändern aufgetrennt und unter die Jacke gestopft, reichten eine Stunde später auf der Abfahrt für einen angenehmen Windschutz. Und abends hab ich mir eine winterfeste Softshell-Radjacke bestellt, die mich seither auf jeder winterlichen Ausfahrt begleitet…

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