010913 Höhnluft

010913 Höhnluft /Hennef Cito Radmarathon

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Hennef decrypted – heute bin ich durch ein unbekanntes grünes  Land gezogen, die Brise wehte morgenkühl, der Himmel leuchtete blau, 200km von  Sieg zu Wied von Horizont zu Horizont einmal durch den Westerwald.

In alle Richtungen zergliedern kleine Täler den Westerwald, darin Flüsse unbekannter als der Amazonas (über den ich zwei Bildbände besitze), kleine Dörfer, zahllose Kirchtürme, kleine Bahnlinien und deren museale Reste. Hügel ringsum.

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In Höhn, bei km 8o dieser Tour, befindet sich direkt an der Fernstraße das Lokal Talblick. Der Wind weht auf diesem Kamm mitten im Westerwald noch frischer und der Nordost bläst ein deutliches Signal aus der nächsten Jahreszeit: trotz Sonne blieb es unterwegs kühl, nicht zu vergleichen mit der trägen sommerlichen Restwärme des Sauerlands vor gerade zwei Wochen. Skandinavisch.

Hier bietet uns die Wirtsfrau spontan den Kaffee aufs Haus an, denn Kaffee werde schließlich immer gekocht und den müsse man ja nicht einzeln verrechnen. Stephan (das ist mein Bruder -er nippt gerade) und ich bedanken uns freundlich und überrascht von dieser ungewohnten Geste

Und hinaus geht es auf die verbleibenden 120+ km der Hennefer Cito Rundfahrt. Möge dieses Lokal lange bestehen…..

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Begonnen hatte die fahrt in den stillen, nebligen Tälern entlang der Sieg, auf denen uns kurz nach 7 nur  Gesichter auf Wahlplakaten begegnen . Dann ein erster Anstieg, vorbei an Wochenendhäusern, die die ersten Sonnenstrahlen einfangen.

An die 30 Fahrer sind vor uns unterwegs, wie ich an der Strichliste sah, die neben dem Kontrollstempel lag. dazu Bananen und Rosinenbrot. Das war um genau 8 Uhr gegenüber dem weißen Kirchturm am August- Sander Platz, der in der Sonne erstrahlte: Leuscheid, erste Kontrolle.

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Von hier also stammte einer der großen Portraitfotografen des 20 Jhdts. Er betrieb  in Köln ein kleines Studio zu und zog sich, mit Berufsverbot belegt, hierhin wieder zurück. Über zwei drittel der Portraitfotografien August Sander entstanden in dieser Umgebung. Denkbar, daß uns gleich die Enkel oder Urenkel der Bauern, jungen Mädchen und Handwerker entgegenkommen. Nur werden sie nicht mehr zu Fuß auf dem Weg ins nächste Dorf sein…

Das erste Mal hörte ich von diesen Bildern in einem exquisiten Kölner Teegeschäft, wo jemand behauptete, man habe die Passbilder und Portraits aus der Gegend einmal für kleines Geld kaufen können.

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Sander war Portraitfotograf von Beruf, der Mann, der die Portaits für goldene Hochzeiten, Ausweise, Hochzeiten zu machen hatte. Uns heute beeindruckt die  Ruhe und der Ernst den die Portraitierten vermitteln. Ein Bild von professioneller Seite war sicher ein seltenes, vielleicht sogar feierliches Ereignis. Die Zeit der Selbstinszenierung, das erlernte Anlegen seiner photographischen Maske, die Nachahmung der Erfolgreichen war noch nicht gekommen. Identität war kein Probefall und der Sonntagmorgen der einzig freie Tag in der Woche. Die Bilder aus Leuscheid, Herdorf  und Umgebung finden sich jetzt im Städel, Frankfurt, mitten in der Kunst vor 1945.

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Weiter an weidendem Vieh vorbei, durch autofreie Täler und Dörfer, im Schuß schmale Abfahrten hinunter, ohne Sorge um Gegenverkehr. Links an der Mühle hinauf. Die Zaunpfosten werfen lange Striche auf die Wiesen.  Zu dem Zeitpunkt hoffte ich noch, es würde warm genug für das kurze Trikot werden. Oh nein, du schöner Westerwald.

Beinahe oben –  zunächst erblickt mich das erstaunte Antlitz eines grauen Renault Floride, einem eleganten kleinen Sportwagen der 1960er. Dann, als wir der Kehre näherkommen, in der er geparkt ist, zeigt sich eine Gruppe locker aufgestellter Rennräder, die jemand dort auf einem Rasenstück präsentiert, als seien es Skulpturen.

Gleich vornan das Prachtstück, für das ich sofort vom Rad steige – ein azurmetallenenes PX 10 von Peugeot in seinem originalen Zustand. 1979?  Zum Verkauf: pro Rad 20 Euro, 3 Räder 50 Euro. Nicht zu fassen. Wir wollen weiter: ein harter Abschied und gut, daß das Peugeot mir zwei Nummern zu klein war. Die Radfahrer, die uns folgten, stiegen nicht ab. Das schräge Septemberlicht zeichnet die Hänge im Relief.

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Um Hachenburg beginnt der hohe Westerwald, die Täler sind weniger eingekerbt, die Wege nicht ganz so schmal, die Höhen flächiger – es windet und bläst. Die Straße zieht sich in langen Geraden auf und ab, immer mit Schwung hinunter und dann den rechten Punkt finden, um den Umwerfer aufs kleine Blatt zu legen.

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Dann eine Seenplatte und Campingplätze beiderseits. Erwachen. Alte Motorräder werden bläulich angelassen, bevor sie blankpoliert ihre gemütliche Sonntagsfahrt beginnen.  Wir unterhalten uns Seite an Seite, manchmal fahren wir auf jemanden auf, manchmal lassen wir ziehen, der Tag ist lang, die Straße frei und voller Sonne

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Ich bin auf dem Snel unterwegs, in der festen Überzeugung, seine Schutzbleche würden mir heute nutzen. Den letzten langen Törn machte es bei flèche wallonne im April, unter Schauern und Hagel.

In meinen Taschen- die 3 am Rücken trage ich als Proviant 1Mandelschnitte, 2 Energieriegel, 2 Tüten isotonisches Pulver, 1 Tüte Powergel. Das isotonische Pulver schütte ich in die frisch aufgefüllte Literflasche und sehe zu, daß ich bei der Verpflegung nachtanke. Das powergel in seiner glodfolie ist die Notration für die letzten 20km, sollte die Verpflegung nicht reichen oder aus einem anderen Grund die Reserveleuchte angehen. Auf den ersten 70km reichen mir die Bananen, Waffeln oder Kuchenstücke, die an den Verpflegungen angeboten werden. Tief unten in den Taschen meines halbwollenen Trikots ruhen Autoschlüssel, Mobiltelefon und der  Filzbeutel mit Münzen und der Wertungskarte.

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Wir streifen die neue Heimat: von der Höhe kommend rollen wir an der Dornburg vorbei, einem stumpfen Basaltkegel im Wald. Die Sicht von dort über das Limburger Becken geht weiter als 50km, links der Feldberg, rechts die Großantenne der sogenannten Platte, dem Höhenzug über Wiesbaden. Seufzer im Peloton . Wir stürzen hinab nach Frickhofen und ich grüße im Vorbeifahren den Lidl Markt, dessen windstopper ich trage.

Thalheim zur linken, rechts geht es langsam nach Salz. hinauf

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Wir rollen mit einem Routinier von der Mannschaft Sturmvogel Bonn. Am letzten See hatten wir uns an der Kontrolle zusammengeschlossen. Stephan war (als Rheinbacher) schnell in ein angeregtes Gespräch verwickelt und die Fahrt Bonn-Eupen-Bonn ist sicher ein Fixum im nächsten Jahr. Gleichzeitig zogen beide das Tempo an.

Ziemlich genau gegen 12h  bei km 100 wird es ernst, der Anstieg nach Dorndorf ist nur eine Etappe, denn der folgende Ort , Salz liegt an einem steilen, giftigen Hang auf dem noch ein letzter folgt. Mir gelang es, ihn in Gang 2 zu fahren, doch es war knapp – tief atmen, nicht hecheln. 4km für 250 Höhenmeter.  Hinunter, wir queren meine Trainingsstrecke und erreichen Herschbach, eine Kreuzung an der nord Süd Straße B8 Richtung Frankfurt und der Westverbindung nach Montabaur.

Es bleibt wellig, abklingend, freundlich bewölkt, auf Dörfer folgen Hügel und Höfe in kleinen Senken.

Ich hatte zuvor alles getrunken, was die Flasche hergab, denn vor Westerburg  hatte es Warnzechen im Oberschenkel gegeben. Dann lieh mir Stephan eine seiner beiden gefüllten Flaschen, damit sich die Mandelschnitte besser verflüssige.

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In einem weiteren kleinen Anstieg nur ein paar km weiter, flog unsere kleine Gruppe auseinander. Dann schloß Stephan wieder auf . Piano please. Ich gab dem Sturmvogel Bescheid: kannst weiterziehen. Sparflamme. Die nächste Kontrolle : Maxsain in 10km. Sich bis dorthin retten, Windjacke überziehen, abrollen und schleppen.

 

Stephan  ist übel, gut, daß wieder abwärts geht. Der windige Westerwald liegt hinter uns, jetzt kommen die lieblichen, geschützten Täler in Richtung Sayn und Wied.

In Maxsain können wir ordentlich zugreifen. Schmalzbrote, Leberwurst, Honigkuchen, Nutellabrot und Doppelkeks warten neben den Bananen und Apfelschnitten. Frisches Wasser, viel davon. Gut ein dutzend Fahrer steht an der kleinen Bushaltestelle, die als Platz für die Verpflegung dient Mädchen auf Pferderücken ziehn vorüber.

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Stephan hat inzwischen die leuchtend rote Regenjacke übergezogen, die aus dem Décathlon von Bollène,  Erinnerung an den Ventoux im frühen Sommer. Noch ein kleiner Plausch mit dem Sturmvogel aus Bonn, den wir erst im Ziel wieder treffen werden. Gut genährt nehmen wir den Kampf gegen die Kilometer auf.

§ Was tun, wenn der Mann mit dem Hammer kommt? Damit er nicht kommt, nie die Vorzeichen ignorieren. Tempo tötet, ist so ein Satz. Aber wie viel davon?  Man kennt seine übliche Form, seine Übersetzungen. Sanft Einrollen, die erste Bedingung. Damals, in Koblenz, war schon auf dem großen Blatt eingerollt – das war zuviel, selbst wenn es im Moseltal damit völlig mühelos ging. Möglicherweise reichen auch zehn 15 minuten in orange und 2 minuten in rot um den Punkt zu überschreiten. Oder noch weniger, ganz nach Verfassung.

Da braucht es Gespür und zu oft werden die eigenen Vorsätze in den Wind gejagt, der Jagdinstinkt, das gute Wetter oder die Euphorie der ersten km siegen.

Vor zwei Wochen, in Hagen, waren es sicher 10-15km in rot, ich hatte eine schnelle Gruppe und Gegenwind: da ist die Entscheidung für das Einzelschicksal schwierig. Vor einem Anstieg ließ ich bewusst reißen, um sub tempo zu fahren. Eine halbe Stunde hatte ich zu kämpfen, wechselte die Übersetzungen fuhr um einen Krampf herum und es gelang: der Muskel machte nicht dicht, ich trank, aß streckte und reckte mich und irgendwann nach einer längeren Abfahrt war es vorüber.

Fatal ist nur, wenn danach die Muskeln unter Fahrt nicht mehr die Stoffe aufnehmen können, die sie abgegeben haben. Stephs hatte nach dem Alarm jede Abfahrt genutzt, um zu Rollen und zu sparen, aber das hat nicht gereicht. Bis sein Körper, ausgelaugt und demineralisiert, wieder aufbaute, vergingen fast 2 Stunden, bis zur letzten Verpflegung.§

Wir verlassen Maxsain Richtung Wied,  rollen in einem langen gewundenen Tal . Das zeigt, wie gut der Veranstalter die Kräfte seiner „Kunden“ kennt. Hier, kann jetzt regeneriert werden oder Tempo gefahren, je nach Zustand. Von einigen leichteren Anstiegen abgesehen, folgten wir dem Verlauf einer stillgelegten Bahnlinie deren abgebrochene Bögen wie die Phantasien eines Parkarchitekten in die Luft ragten. Die Strecke weiterhin fast unbefahren, die Luft strömte warm, Die Temperatur stieg fühlbar, doch die Helfer an den letzten Kontrollstellen konnten nur noch durch Kooperation mit dem Insekt die Wespeninvasion überleben. Ein Zirkus läßt sein Dach aufblinken.Exif_JPEG_PICTURE

Neuwied und dann ein letzter Anstieg, um uns ins Siegtal zurückzuführen. Von unten sahen wir schon winzig einen Vorfahrer, parallel zur ICE Strecke und der Autobahn. Am Scheitel ging es über die Autobahn 3, auf der sich die Autos stauten, soweit das Auge sah – das Ferienende in Nordrhein Westfalen. Ich winke meinen fans kurz zu als ich die schmale Brücke überquere.

Letzte Kontrolle, letzter Kuchen, letzt Wespen auf Plastikbechern.

Die überklare Sicht, der Feldberg am Horizont, das Wasser der Seen, das sich am letzten Ferientag kräuselt, um den Gästen die Heimreise zu erleichtern. Die Tannenschonungen, von ordentlichen Landstraßen durchzogen ohne fehlende Markierungen. Ein Königreich Jehovas mitten im Westerwald, die Pferde auf den Koppeln, das liebe Vieh in mitten von Grün vor dunklem Fachwerk, der Mann mit der Bildzeitung vor seiner Stammkneipe.

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200km auf seinem Tachometer – die Marke ist geknackt. Stephan erkennt plötzlich alte Trainingsstrecken aus seiner Bonner Zeit;  vor 6  Jahren  zog er nach Rheinbach auf die Eifelseite. Tausende Kilometer später. 200km – Die Etappen der Tour waren bis in die Zwanziger Jahre fast doppelt so lang, doch die Bauern und mehr noch die Knechte arbeiteten damals auch 14h auf den Feldern. So schwer fiele die Wahl für einen Sport dann auch nicht mehr: Knecht hier oder Knecht dort, im Zweifel die Freiheit des offenen Himmels und die Möglichkeit des Ruhms. Das galt auch 50 Jahre später noch: es hieß, Roger de Vlaeminck habe nur eine Wahl gehabt zwischen dem Akkord an der Webmaschine und dem Rad.

Mit der Bratwurst vor der Gesamtschule sitzen. Ups! Aus den Wolken schwebt eine große Frachtmaschine herab, ich erkenne das Zeichen eines Paketdienstes. Aus der Freiheit dort oben bringt sie 417 321 neue Smartphones zu uns, die wir sehnsüchtig darauf warten. Die Knechte, die heute 14 Stunden arbeiten, um diese Maschine zu füllen, sind weit – vielleicht gibt es sie gar nicht und sie sind Spaßverderber . Propaganda? Uns die kleine Freiheit. Auf Wiedersehen, langer Sommer. Nun kommt der Herbst in Schüben, auf mich wartet Hamburg-Berlin.

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