290913 Unterwegs mit Mr Simonelli (neues Golfen in Bad Homburg)

290913 Unterwegs mit Mr Simonelli

Bad Homburg vor der Höhe, das ist die Stadt, die der FDP vor einer Woche  die fehlenden 20tausend Stimmen zum Einzug in den hessischen Landtag verschaffte.

A 66, 7h15: die Sonne lässt die Skyline Frankfurts als rosigen Schattenriss mit Sprühregen rechts von der Autobahn aufragen und schnell im Rückspiegel versinken. Oberursel schläft noch, das Display einer Kompressorenfabrik zeigt 3 Grad, runter vom Zubringer, da wären wir.

Auf dem Parkplatz von Lilly Deutschland werden die ersten Räder entladen. Nebenan beginnt gerade die Tour de Taunus, eine Radtouristikfahrt rund um den Feldberg, zu der ich mich gleich einschreiben werde.

Fahrrad Denfeld liegt an der gewerblichen Schnittstelle zwischen Bad Homburg und Oberursel. Das (neue) Firmengebäude,  eine Halle mit Glasfront von etwa 20m Länge und vielen Parkplätzen, schmiegt sich funktional bis elegant an die Ausfallstraße. Abbiegespur und Auffahrt sind gut kalkuliert, auf dem Vorplatz stehen jetzt Fahrradständer und Biertische. Die roten Schirme der Taunus Sparkasse warten auf erste Sonnenstrahlen. Der Radsportverein Oberstedten hat  geladen, Radsport Denfeld lockt zur unverbindlichen Probefahrt mit der Premiummarke.

Ein guter Ort, die Behauptung zu prüfen, Radsport sei das neue Golfen.  Bild

Trikots aus den Rhein-Main-Regionen sind zu sehen, Darmstadt, Obermörlen, Neu Isenburg und auch das gelb-rot-bleue Frankfurt/Mainer. Die Startkarten werden ausgefüllt , Nummern angepinnt. Auf gehts.

Es ist kurz vor 8 uhr,  110km Strecke erwarten mich und das Hochdruckgebiet, das Deutschland in eine sonnige und eine bewölkte Hälfte teilt, ist auf der richtigen Seite. Aber es ist kühl: Der Herbst ist da; die Fahrer die sich bereits auf den Weg machen, während ich noch die Startkarte ausfülle, tragen lange Hosen und haben ihre semitransparenten Windjacken übergezogen.

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Ich habe das schwarze Peugeot Galibier dabei und frische Kugeln im Tretlager. Es wird die letzte RTF vor dem Hamburg-Berliner Zeitfahren. Von der Strecke sicher nicht vergleichbar, hier wartet der große Feldberg , aber lieber einmal in einer guten Gruppe schneller fahren, als nur ein paar Stunden solo trainieren. Es dürften längst keine 10 Grad sein, also habe ich einen knappen Wollpulli unter das belgische Trikot gezogen, Hose und Handschuhen bleiben kurz – Optimist vor Morgensonne.

Es geht  hinaus aus Homburg ostwärts über Felder und Wiesen. Es zieht empfindlich unter dem Trikot, ich fahre also flott ein und so treffe ich bald an jeder Ampel auf eine neue Gruppe warm eingepckter Fahrer. Das Gelände ist nur leicht gewellt, sehr angenehm. Am Rauschen der Pappeln wird mir der Wind erst bewusst – sie werfen kleine gelbe Partikel Richtung Nordwest ab. Schon zerfallen die Gruppen in kleine Windketten, die sich über die Landstraße verteilen. Also nicht aufhalten und schnellere Fahrer suchen. Ein Trikot aus Mörfelden überholt.

Nach einer Viertelstunde komme ich auf Temperatur und habe zwischen zwei Ortschaften bei ordentlich Seitenwind eine kleine Gruppe gefunden. Delta Bikes steht auf einem Shirt, eine Dame ist auch dabei, ihre linke Wade tätowiert, Kleinefelden oder ähnlich der Vereinsname. Wo das liegt? Man weiß so wenig.

An einer Ampel fotografiere ich ein „Schwesterrad“ in Form eines lilabunten 1992er Perthus mit der 600er Schalt/Bremsausstattung und spüre die (ersten?) Blicke. Bis dahin war ich im Tempo der Gruppe gefahren, ohne den offensichtlichen Alphafahrer auf seinem zitronenfaltergelben, sehr speziellen Alurad zum Tempo zu nötigen. Irgendwo hatte ich gelesen, daß das nicht gut ist: wildfremd reinzufahren und dann gleich das Tempo machen wollen (und den inoffiziellen Chef zu fordern).  Dank an Marbod Jaeger für diesen Tipp über  Middle Aged Men in Lycra.

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Ich winke noch dem Peugeot Mannschaftskollegen zu, rechts ab in den Wald. Die unbekannten Peugeots: da werden dutzende Tour-Siege auf ihnen eingefahren, doch noch 1978, nachdem Thevenet es zum zweiten mal schafft, haben diese Peugeots den Ruch „Räder von der Stange“ zu sein, Räder, die sich den Showroom mit ihren armen Verwandten aus der Halbsportabteilung teilen mussten. Neben den schillernden Produkten aus Italien, der Heimat aller Sehnsüchte Germaniens also billiges Dutzendmaterial.

In den Wald: eine lange Gerade zeigt die erste Steigung des Tages an: 5 in ten, genau richtig. Links neben mir klingt es unsauber: Delta Bike hat sich verschaltet, es knarzt,knirscht und er bleibt stehen, die übrige Gruppe zieht an ihm vorbei und folgt dem Alphafahrer.

Unter seiner weißen Windjacke schimmert eine BDR Nummer durch, Ausweis des ernsthaften Radsportlers. Könnte man die Welt der Radsportler in Deutschland unterteilen in BDR und nicht-BDR? Man muß!

Wer als Amateur offizielle Rennen fahren will kann das nur über eine Mitgliedschaft dortselbst. Allerdings sind dafür auch Präsidenten wie Rudolf Scharping zu wählen, einen Mann, der nur zu oft das Vollbartverbot für Radsportler missachtet hat! In gewissen Grenzen hat man, wie gesagt die Wahl. Ich verzichte weiterhin.

Der Fahrer vor mir hat seine BDR Nummer für den Jahresbeitrag erworben. Dafür gibt es für Ihn bei solchen Rundfahrten eine kleine Startermäßigung. Die abgefahrenen Strecken werden dann in ihrem Mitgliedskärtchen gestempelt, je nach Länge hat eine Strecke eine gewisse Zahl von Punkten, jenseits von 200km sind es 5 zB und wer am Ende des Jahres die meisten Punkte hat usw. usw. Vielleicht ein Äquivalent zum Golf-Handicap?

Jetzt konzentriert durch die Steigung. Ohne Wind wirds gleich wärmer.

Schön gleichmäßig, bleibe ich in drei, das heißt 39×21, und komme auf gleiche Höhe mit Fahrer Alpha. Ich spüre, wie er nachdenkt, während ich den Rhythmus halte. Dann läßt er sich kurz zurückfallen und zieht sogleich im kleineren Gang vorbei. So fährt er 10 m vor mir her. Gleichmäßig weiterfahren. Jetzt erreichen wir auch den schwarzen Zeitfahrer auf dem schneeweißen Rad, der schön dick vor einigen Kilometern durchrauschte. Ich erkenne Pulsmeßkabel und Wattmeterverbindungen.

Mittlerweile rolle ich hinterm Zitronenfalter her und studiere die interessanten, vertikalen Ausfallenden. Sitzrohr und Gabel sind in einem zarten hellgrün gelb gehalten, die Züge sind ebenfalls grün und gelb, ein ordentliches Rad. Wieder fahren wir eine Weile nebeneinander her und plötzlich ist er weg-diesmal in die andere Richtung,  so wortlos wie er gekommen war. Die Strecke macht nun eine leichte Biegung, ich grüße noch ein paar Fahrer und ein hübsches weißes De Rosa und sehe schon das Ende der Steigung in der Sonne,  als von hinten ein Keuchen naht. Delta Bikes schießt kurz vor der Kuppe an mir vorbei und biegt dann, in Sichtweite der Kontrollstation, scharf zum Wasserlassen ab.

Die Kontrolle liegt auf einem betonierten Vorplatz in der Sonne, dahinter Transformatoren einer Mobilfunkstation;

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Das Angebot ist üppig – hier könnte man ein zweites Frühstück einnehmen. Ich bekomme einen Milchshake gereicht, der köstlich ist. Es gibt Obstsäfte, Kekse, Bananenviertel und belegte Brote. Bad Homburg, das ist ein Maßstab. Räder trudeln ein, werden vorgezeigt, gute Stimmung, die Sonne hat versprochen zu bleiben, die kurze Hose reicht.

Schnurgerade hinab. Die Sonne im Rücken macht aus mir einen kirchturmlangen Schatten, es ist gerade 9 Uhr.

Zur Linken taucht das Taunuspanorama auf, der Feldberg mit seiner Wetterstation als blauer Umriß. In 60km werde ich dort sein. Erst durch die Wetterau.  Pferde im Morgenlicht, Obstwiesen, Fachwerk – völlige Ruhe, nur das gleichmäßige Surren der Räder. Ein Fahrer holt mich ein, fährt weiter, während ich das Panorama freihändig belichte. Wieder ein hübsches Dorf, das sich deutlich vom schlichten Verputz des Westerwaldes abhebt. Wir haben dieses goldorangene Licht hinter uns, mit dem Turner in Pastellfarben seine Rheinfahrt idealisierte.

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Kransberg. Das Schloß wacht über den rötlichbraunen Sandstein und das Fachwerk darunter. Wir sind nun zu dritt. Der Fahrer, der mich zuvor überholt hatte machte auf den flachen Abschnitt kein Tempo. Er trägt keine Nummer und das Trikot eines französischen Sportdiscounters.  Wer wohl den Markenentwicklungsstrategen zum Namen Koi geraten hat?  Ist es eines dieser exotischen Kunstworte, die einfach gar keine Bedeutung haben außer ihrem Wohlklang (Vokale) und unserer Neigung, sich an sie zu erinnern (Einsilber)? Das Rätsel löste sich in der Bahnhofsbuchhandlung – Koi, das sind Zierkarpfen aus Japan mit wundervoll geflammten roten und orangenen Mustern auf weißem Grund. Es gibt Wettbewerbe für Züchter.

Ich mache mir eindeutig zu viele Gedanken über Zeichen.

Die Strecke teilt sich; die Obermörlener Fahrer wählen den 74er Pfeil. Jetzt bin ich mit dem schwarzen Koi – Trikot  allein, er heißt Michel, ist Elsässer und arbeitet in Frankfurt. Wir kommen ins Gespräch, bleiben a tempo und folgen der sonnigen Straße die sich durchs Tal schlängelt. Auf braunen Schildern lesen wir: Hochtaunus Ferienstraße

Keine mißbilligenden Körpersprache, kein vermiedener Blickkontakt , keine BDR Nummer, wir verstehen uns. Er hat in diesem Jahr nur wenig auf dem Rad gesessen, stadtdessen mehr Berglauf trainiert. Der Mann ist topfit.  Es geht wieder hinauf – schön gleichmäßig-  und jetzt genieße ich den Blick über die sonnenüberströmte Wetterau-  der Umriß einer Burg ist von weitem in der Dunstmilch des Horizontes sichtbar. Dahinter die Höhenlinie des Vogelsberg Naturparks. ich atme tief durch. Noch steht hier der Mais.

Ein Auto hupt uns im Vorbeirasen an. Auf der Straße ist kilometerweit nichts zu sehen. Wer an einem Sonntag gegen 10h morgens hupt, darf unmöglich ernst genommen werden.

Ein paar ausgetauschte Erinnerungen später kommt der nächste Höhenzug in Sicht. Oben auf der Waldhöhe ragt das Gerüst eines Feuerwachturms durch die Wipfel. Ich schätze die Höhendifferenz und die Entfernung und sage meinem Mitfahrer vorsorglich adieu, ich bleibe bei diesem tempo: keine Gewalttouren heute. Aber die Höhe bleibt links liegen und wir arbeiten uns seitlich daran vorbei, direkt zur nächsten Kontrolle an einem Forsthaus. Ein schönes rotes Stoppschild.  Es ist bald Halbzeit, aber ich spüre weder starken Durst noch Hunger. Aus Erfahrung klug vergesse ich lieber nicht, meine Flasche zu füllen. Hier  keine Milkshakes mehr: nicht einmal klares Wasser, mit dem ich die Isopulver hätte verdünnen können. Also mische ich sogenannten Zitronentee und Mineralwasser. Es ist kühl im Schatten – Kurzes Kopfnicken, gemeinsam weiter.

Kaum sind wir herausgerollt, rollt ein kleiner Mann mit ordentlichem Tempo an uns vorbei, die lange schwarze Hose schlackert um die offenbar dünnen Beine, das langarmige Trikot ist geometrisch blau in blau gemustert, was entfernt an Kirchenfenster oder die Sportkleidung der 90er Jahre erinnert. Keine namen, keine Schriftzüge. Ich sehe chromisches blitzen.  Als ich fürs Foto hinsprinte ahne ich nicht, daß die Fahrt jetzt richtig beginnt.

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Sein Rad heißt Simonelli, es ist ein 50er Rahmen, in einer von Colnago bekannten Farbkombination von kirschrot(metallisé) und und Chrom. Der Rahmen ist älter als die Anbauteile, ich erkenne ein 3fach Kettenblatt und eine Deore XT Schaltung mit langem Käfig, als wären sie vom Mountainbike aufs Rennrad übertragen worden.

Diese Rahmen ließ der bekannte Hans Holczer (ein Spitz) in Italien fertigen, sie folgten um 1984 den zuvor importierten Simonato Rädern, nachdem Meister Oscar Simonato verstorben war.  Holczer baute diese Räder individuell auf, als Schwabe hatte er einen Ruf zu verteidigen. Gefertigt wurden sie von Zullo, einem anderen italiener. Hier ist eine Shimano Deore 3fach Gruppe mit langem Käfig zu sehen, was auf einen universellen Einsatz deutet. Die naben ebenfalls Deore – sealed. Es sind105er Eingelenker Bremsen montiert , sie sind gut und günstig zu bekommen . Das Hinterrad scheint  Profil zu haben, ich erkenne auch einen weißen Reflexstreifen – ob er mit dem Rad auch cross fährt? Der kleine Mann lacht mich an, fragt mich nach meinem Namen und ob er mich auch mal fotografieren soll. Ich stelle mich vor und frage zurück. Uwe Päschel oder Udo Pölscher ((oder paschlik? Pawlak? )) kommt als Antwort, ursprünglich Kölner, Radrennen gefahren von 1972 bis 1980, bis die Entscheidung fürs Studium fiel.

Der französische Kollege rollt heran und wir fahren nun zu Dritt eine ordentliche Schlagzahl. Mir fällt die langsame Frequenz auf, mit der Mr Simonelli tritt. Langsam und kraftvoll auf dem großen Blatt. Alte Schule. Ich kalkuliere: jahrgang 60, vielleicht 1958 . Es geht leicht bergab, wir rollen einen Triathlonlenker-Titanfahrer ein und bilden eine Tempokette

Ich rechne das Alter hoch und frage Mr. Simonelli: „Warum ist Thurau gescheitert?“ Ein überraschtes Lachen. „ Egoismus und Doping. You have to leave some butter on the bread for the rest.“ Und Peter Post, der habe ihn verheizt. Aber vor allem Egoismus und Gier und mit Doping habe man oft nur eine Handvoll gute Jahre. Die Übersetzungen und Geschwindigkeiten mit denen professionelle Radfahrer führen seien ja ohnehin kaum vorstellbar sagt er, als wir doch ziemlich flott einen kleinen Anstieg unter die Räder nehmen. Dann geht es durch ein Dorf in einer Senke kurz um die Kurve, voller Sonnenschein und ein scharfer Zacken beginnt, ein paar hundert Meter lang: sicher über 10%. Hier geht der Mann aus dem Sattel und tritt unbeirrt einen mittleren Gang, der Franzose folgt ihm mit Kraft, ich spare mich in Gang 1 auf, ein Mädchen ruft Hallo,  ich erwidere gequält dasselbe, am Ende der Ortschaft wird es wieder flacher. Der Franzose bezahlt jetzt. Es zieht sich weiter hoch,  wir passieren Fahrer, der „alte“ Triathlet ist schon längst abgeplatzt. Die Steigung endet in einem Waldstück. Simonelli dreht sich kurz nach mir um und fragt, „kommt der Kollege noch?“ „Keine Sorge..“ und in der Abfahrt sind wir bald wieder zu dritt. Das war heftig und ich befürchte, bis zum Feldberg völlig aufgeraucht zu sein. Der Wind bläst von links vorn: wir bleiben auf dem großen Blatt. Die Täler leuchten, immer wieder tauchen Fahrer auf. Diese hier müssen lange vor acht Uhr gestartet sein.

Er fragt mich ob ich genug Zeit zum Fahren hätte, das sei ja wesentlich. Ich schildere ihm die Umstände. „Gut, daß deine Frau Dir die Zeit lässt“, lobt er die Unbekannte. Er ist Lehrer für  Religion und Mathematik geworden: evangelische Religion. Noch nicht pensioniert –  nein nein.  Aber ausreichend Zeit fürs Rad.

Ich erhalte jetzt meine Golfstunde in Sachen Tempo.  Tempo in der Ebene, im Wiegetritt hinauf und hinunter auf dem Gas bleiben  – nicht nachlassen. Der Mann fährt einfach seinen Zahn und sein Vorteil ist: er weiß, was Tempo ist; wir hier übern nur.

Das ist kein Amateurgolfer der sich sein Kit mit Mitgliedschaft und Caddie gekauft hat, nachdem er Geschäftsführer in der feinmechanischen Industrie wurde; er hier  hat schon in seinen besten Jahren auf hohem Niveau gespielt und jetzt fährt er mit uns ein wenig spazieren.  Heiland Sack, wieder eine Steigung , die nächsten 150hm, ich lasse erstmal ziehen, im Dorf oben ist ein letzter Anstieg ich erinnere mich, dann liegen wir wieder zusammen, ein halbes dutzend Fahrer  haben wir so passiert, ich habe kaum Zeit, Luft zu holen.

Ob er uns aus Gnade wieder anrollen läßt? Jetzt geht es über den Höhenkamm in Richtung Schmitten und Feldberg. Der Wind kommt von dreiviertel vorn, selbst am Hinterrad gibt es kaum Schutz. Nach etwas mehr als tausend Metern wieder eine Steigung, eine zarte diesmal, aber ich kann sie nicht auf dem großen Blatt nehmen und lasse abreißen.

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Es ist hart, diesmal keine Kreuzung, keine Abfahrt und vor allem keinen Windschutz mehr. Schon haben die beiden compagnons de route 300m Vorsprung, 400, als ich  wieder in Tritt komme. Ich sehe den Alten führen, der Franzose an seinem Rad. Unterlenkerhaltung und Ritzelmitte, mehr geht einfach nicht. Immer, wenn ich einen Fahrer überhole, hoffe ich auf Unterstützung – leider vergeblich. Jetzt stößt die 74km Strecke dazu. Auch von dort keine Verstärkung. Es gibt allenfalls Paare, keine richtige Gruppe, die hier jetzt leicht hätte Tempo machen können.

So ziehe ich mich denn Stück für Stück an der Fahrerkette lang, immer mit dem Blick auf das Tandem am Horizont. Nach einer Waldabfahrt, auf der ich eine ganze Truppe hinter mir höre, meine ich, 100m gewonnen zu haben aber schon geht es nach der Kreuzung bergauf. Vor der Kontrolle werde ich sie nicht mehr einholen. Aber so lerne ich, was es heißt, richtig Tempo zu machen,  zu halten, sich zu quälen, weil am Horizont die kleine Boje auf und ab hüpft und greifbar nah zu sein scheint.

Kontrolle im nächsten Dorf, sie können gerade erst da sein. Aber mein Franzose ist allein, Monsieur „Simonelli“ ist einfach weitergefahren – was soll er auch hier: eine Flasche hatte er dabei, so eine Rast hat er nicht nötig – Schade, gerne hätte ich beim Päuschen mehr erfahren.

Dafür treffe ich an der Verpflegung auf den Paris-Brest Fahrer, mit dem ich in Obermörlen geteamt hatte. Werner. Er lacht und zeigt auf seinen 11Jährigen Sohn, mit dem er heute die 74er Strecke fährt. Der Franzose hat die beiden schon auf seinem Hinweg von Frankfurt  gesehen. Er staunt und wir schauen uns das kleine Rad des stolzen Jungen an, der damit schon über die  Alpen fuhr. 20 Zoll – soviel wie ein Moulton. (Für den Rollwiderstand spielt die Reifengröße ja keine Rolle). Ich denke an meinen Richard, der gleich groß ist. Wir verquatschen uns beinahe, viel Zeit ist verflossen und ich sehe zu, daß ich noch  schnell meine Flasche fülle, nicht das mich am Feldberg die panne sèche erwischt.

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Tempo nun moderat, Rollen im Gegenlicht auf dem weißen Band der Straße. der Wind steht günstig. Jetzt sind die Antennen der Gipfelstation deutlich zu erkennen. In einem Tal wird eine große Schafherde über die Straße getrieben. Der Galopp der Tiere ist erstaunlich: wie von einem Band gezogen rasen sie dem Vordertier hinterher auf die nächste Wiese.Bild

Irgendwie fehlt jetzt der Franzose, aber ich mache mir keine Sorgen, er wird nicht weit sein. Dafür erkenne ich seit der Schafherde den Zitronenfalter wieder. Also wieder der Alphamann –  ich hefte mich an seine Ausfallenden, lockeres Bummeln, und freue mich auf den Anstieg zum Feldberg.

Die Biegung zur Esso Tankstelle Richtung Schmitten kenne ich noch vom Juni: der Himmel war tiefschwarz und schnell beeilte ich mich, Schmitten trocken zu erreichen. Aber die Luft heute ist eindeutig: hell, kühl und mit dem weichen Unterton des Frühherbstes. Die Täler schimmern dunstig im Gegenlicht, Blätterwirbel, Die Horizonte verschwimmen milchig blau hinter abgeernteten Feldern.

Schmitten: jetzt wird mit dem kleinen Blatt angerollt, der Zitronenfalter weiß, daß ich bei ihm bin.  Ich erinnere mich gut an diese Stelle – eine Steigung ohne Überraschungen, immer gleichmäßig durch den Wald, breit, übersichtlich. Gang 3 für mich. Plötzlich geht sein Fuß aus dem rechten Pedal – Panne? Schaltung? Krampf? Ich kann ihm gerade noch ausweichen (wir sind in der Steigung) und quetsche mich zwischen ihm und dem Gegenverkehr durch. Dann, ein paar Sekunden später das déja vu: der gelbe Rahmen zieht mit Tempo an mir vorbei und gibt 20m vor.

Den Rest der Geschichte kennen wir, wieder aufrollen, auf gleicher Höhe sein, ah, jetzt hat er sogar etwas gesagt von wegen gute Fahrt  und dann sehe ich ihn nicht mehr wieder. Ich sollte beruhigt sein, die Form ist für HHB offenbar gut.

Der Feldberg ist ein Freizeitpark, Räder kommen von überall herangeschossen, Motorräder überholen, eine dunkelgrüne Benelli Sei, die sechs Zylinder trompeten den Hang hinauf . Der ungefilterte Duft alter Motoren. Ich kann dem Geräusch noch eine ganze Weile hinterher sehen, denn der Verkehr ist absurd dicht. An einem Abschnitt überholen wir sogar Autos von rechts, da ein Bus mit Fahrradanhänger wegen Gegenverkehr hinter einem langsamen Mitfahrer feststeckt.

Der Ferrari Club Kronberg (Plaketten sichtbar) rollt im Konvoi vorbei, gefolgt von alten Porsches. Am Steuer zufriedene Gesichter unter Fliegerkappen. Saurier im Konvoi. Das neue Golfen?

Der Feldberg, Pilgerstätte einer mobilen, urbanen best ager class. Der Franzose ist wieder neben mir und hält das Tempo hoch. Er hat viel Kraft und ich fahre mit voller Leistung. Sandplacken, der Sattel an dem wir die Höhe erreichen, ist nicht mehr weit. Ich kann meinen Rhythmus halten, aber schneller sollte es nicht werden. An der Kreuzung Sandplacken, dort wo es rechts hinauf zum Gipfel geht tummeln sich Fahrer, von denen viele von der Königssteiner Seite hinaufgekommen sind und es ballt sich. Der Ventoux des Taunus.

Die letzte Steigung ist bestätigt, vorbei an einem Korridor zufriedener Radsportler die ihre Smartphones schwenken und mit Jubel zurück ins Tal. Eine schöne, bequeme Abfahrt in den Tannen – kaum eine gefährliche Kurve. Ein Sonntagsspaziergang. Südhang.

Michel biegt gleich wieder nach Frankfurt ab, wir nennen unsere Namen, schlagen uns kurz ab und ich genieße im Schuß den Weg durch den Wald nach Bad Homburg vor der Höhe.

Kurz nach Mittag auf dem angenehm warmen Parkplatz des Fahrradladens. Auf einem langen Tisch reiht sich Kuchen an Kuchen, es sind sicher dreißig. Sie sind hausgemacht: sehr gut.  Die Stimmung entspannt, sonnig. Jetzt rollt das Titanrad mit dem Triathlonlenker ein.

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Im offenen Radladen stehen die Prachtexemplare vorne. Im nächsten Jahr wird der geschätzte Kunde die 10k Marke knacken können.

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Ich bin beruhigt: Radfahren kann weder das neue Golfen, noch das neue Tennis werden. Es wird nie abgeschotteten Vereinsheime geben, keine Wartelisten und Sondertarife.  Da mögen Räder noch so teuer werden: die Wahrheit liegt auf der freien Straße jedem  und bleibt, wie der Kuchen des Veranstalters, hausgemacht.

Der neue Maßstab, Mr Simonelli, ist schon lange zuhause.

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