281013 Velo Saloon Ost – ein Straßenbild

Was in Paris vor etwas mehr als 100 Jahren der Boulevard des Italiens war, ist in Berlin heute vielleicht die Schönhauser Allee. Erinnnern wir uns blaß an das Menschengewimmel auf Pissarros Ansichten, in denen Menschen. Pferdegespanne die Gehsteige verdunkeln, vor allem Menschen, die ihren Geschäften nachgehen. Die Breite der trottoirs war vor Aufkommen der induzierten Ampelschaltung kein Zufall…..

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Berlin, Schönhauser, morgens um kurz vor 9. Eine Laune, oder vielmehr die Suche nach einem akzeptablen Bäcker,  hat mich an die Kreuzung der Eberswalder Straße verschlagen. Die Hochbahn rauscht vorbei aber noch häufiger rauschen die Radfahrer über den regennassen Asphalt. Sie kommen von allen Seiten und strömen auf dem schmalen Radstreifen grob Richtung Alexanderplatz .

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Wenig Freude herrscht in den Gesichtern , vielleicht nur ein Reflex dem schlechten Wetter gegenüber oder einer zu optimistischen Kleiderwahl. An den Ampeln meine ich geradezu Konkurrenzverhalten ausmachen zu können – diese Radfahrer sind nicht zum Vergnügen hier, sie haben es eilig.

Gegenüber den Zeiten vor etwas mehr zehn Jahren ist das ein beträchtlicher Unterschied. Wenn überhaupt jemand mit dem Rad vor 9 Uhr in diesem Bezirk unterwegs war, dann vielleicht, um einen der  Bioläden am Kollwitzplatz oder einer unverschämt frühen Vorlesung an der Humboldt Uni aufzusuchen. Jedenfalls genoß er sein Zweirad und benutzte es nicht, weil der Arbeitgeber seiner freien Beschäftigung ihm die Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel selbstverständlich nicht erstatten würde.

 

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Die jungen menschen hier, sagen wir: zwischen 20 und 40, treibt offenbar die Notwendigkeit an mir vorbei, nicht Lust, sondern Zweck. Bunt ist die Auswahl an Fahrrädern. Um es vorweg zu sagen: Fixies oder andere urbane paradiesvögel stellen die absolute Ausnahme dar; das meiste bewegt sich zwischen recycletem Dreigangrad und Trekkinggurke. Man verzeihe mir den abwertenden Ausdruck, aber seitdem ich so ein teilgefedertes 26“ Vieh mit über 17kg gewogen habe, ist meine Sympathie für französische Sporträder doch sehr bekräftigt worden. So wiegt mein Peugeot Champagne aus dem Allerwelts Carbolite oder 103er Rohr schon mal 5kg weniger, und das merkt jeder.

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Eine Gruppe, die es auf diesem Kampfplatz besonders schwer hat, sind die Kinder, welche von Ihren Erziehungsberechtigten (das Wort Mutter oder Vater könnte durchaus unzutreffend sein) zur Kindertagesstätte gekarrt werden oder auf einem Rücksitz Platz nehmen. Diesen Kindern wird hier früh genug angesichtig, daß man es bei der Vorfahrt nicht immer genau nimmt und gerade auf dem Rad das Recht des Schnelleren herrscht.

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Nein, es war für einen Fußgänger kein erfreulicher Anblick und wenn er es in diesen Minuten gewagt hätte, seinen Schritt über die rote Pflasterung des Fahrradstreifens zu führen, ein durchaus gefährlicher. Ich stelle mir vor, daß es weiter unten Richtung Warschauer Brücke gar nicht anders  sein dürfte und bin ernüchtert.

Wie weit fort die ersten Fahrraddemonstrationen Kreuzbergs wirken, beseelt vom Traum eines automobilfreien Viertels für die Alternative Liste streitend. Die Autos sind hier kein Problem, die Fahrräder werden es: die Gitter und Geländer der U-bahnhöfe sind untentwirrbare Metallknäuel, der Warenwert der Schlösser manchmal größer als der des angeketteten Fahrrads. Es ist eine skurrile Show.

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Ich habe meine Bäckerei gefunden. Es ist keine Franchisekette, in der „Geringverdienende“ den Backautomaten bedienen, es ist eine wirkliche Bäckerei mit wirklichen Karlsbader Hörnchen. Kammann hieß die Konditorei am Kaiserdamm, gegenüber dem Lietzensee. Rosa Plüsch und eine alte martini Werbung.  Ich errichte Ihr hiermit ein persönliches Denkaml – Memento:. Der Chef saß vorne rechts in seiner weißen Kluft und las die Morgenpost. Hier ist es die Rundschau, aber der Geschmack ist der Gleiche. Ich nehme ein zweites und laß mir für das Übrige eine Tüte geben.

Draußen reißt der Strom nicht ab, jetzt vielleicht weniger dicht. Ich fotografiere und plötzlich hält ein kleiner weißer Schmetterling von einem Rad neben mir. Sie hat wilde Leggings an und fragt mich if i speak English. Merileth heißt ihr Rad  und wir sprechen kurz darüber. Sie ist stolz darauf  – zurecht. Das Rad stammt aus Weißensee, den Namen kannte ich nicht aber es ist eindeutig ein Spezialist-  denn 650er Felgen sind eine Seltenheit und bei einem so kleinen Rahmen die richtige Wahl – ein lichtblick an diesem trüben morgen kurz vor November.

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Ich fühle mich leichter, nachdem ich den Boulevard der Mühseligen und Beladenen verlassen habe.

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