Gibt mir zu denken – Peugeot

21014 Was mir heute zu denken gibt: Peugeot

Es gibt diesen Spielfilm, in dessen ersten Szenen minutenlang der Betrieb der 1956 größten fahrradfabrik der Welt gezeigt wird: innen in der Werkshalle außen wenn die Feierabendglocke läutet und sie alle wie hasen durcheinanderlaufen – Saturday Night and Sunday Morning. Raleigh war ein Imperium, die Wiege der Fahrradindustrie und weltweiter Fahrradlieferant des Empires.

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Geblieben sind Ruinen, abgerissene Hallen, vielleicht noch eine kleine Produktion und nebenan der Sattelspezialist Brooks. Das war England.

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Die Franzosen haben eine andere Geschichte, und bisher schien sie glücklicher zu verlaufen. Aber als ich 2012 das erste mal Richtung Ventoux fuhr, war mir angesichts der abertausenden neuen kleinen Peugeots, die auf dem Werksgelände standen, leicht unwohl. Drei Tage später waren es immer noch genauso viele.

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Die Familie Peugeot kann sich rühmen über hundert jahre einen Mischkonzern errichtet zu haben, der von der Pfeffermühle bis zum Le Mans Prototypen alles herstellte. Sicher hatte auch dieser Mythos einige Kratzer abbekommen – so ging die größte Fahrradfabrik der Nation ging 1992 in fremde Hände über, doch vor allem Autos blieben unter französischer Regie, wenn auch dank immer wieder eingesetzter staatlicher Garantien.

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Seit gestern ist diese Ära vorbei. Der Staat zieht sich zurück und wie bei Volvo, dem stolzen schwedischen Flaggschiff, sprangen Chinesen in die Bresche. Das ist damit der zweite Brückenkopf zur europäischen Autoproduktion – denn es geht den Chinesen möglicherweise nicht darum, uns einen Peugeot zu verkaufen und dafür Gewinne einzustreichen, sondern eher um das know how, wie man selbst bald rentabel einen guten Kleinwagen baut. Es geht um die Tradition und das akkumulierte Wissen, daß sonst nur über andere Kanäle anzuzapfen wäre.

Am Ende werden in Sochaux Industrieparks und Sozialpläne stehen. Bei den Fahrrädern, die etwas weniger kapitalintensiv und Personalintensiv hergestellt wurden, war das noch ein fait-divers, bei den Autos gehen wir auf eine andere Geschichte zu.

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England sollte achtgeben, sagte einst JG Ballard, nicht zum Callcenter eines Indischen Großkonzerns zu werden.

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