opus 11: music for the road

24012014 music for the road Schumann Sonate 1, op 11

Es gibt die Leute, die sich einen Knopf ins Ohr stecken und den Player die nächsten 2h auf Random stellen. Da ich mit Friktionschhaltung fahre, ist mir vor solchen Maßnahmen, die ich eher in der Mumbaier Berliner SBahn angebracht fände, immer etwas unwohl. Da sind ja auch andere Verkehrsteilnehmer, die sich ungehört anpirschen . . .

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Ich fahre mit allen Sinnen und wenn die nicht reichen, oder einige zu versagen drohen , kommt es vor, daß das Gehirn Musik vom eigenen Band liefert und einen Schleier über die nackte Qual legt. Tim Krabbé, dessen außergewöhnlich gutes Buch ich demnächst hier über den grünen Klee loben werde, beschreibt, wie sein Hirn in den besonders harten Momenten eines Anstiegs versucht, die Übersetzung 43 :19 zu dividieren. Das ist seine Methode.

Meine ist eine Andere: diese Fetzen von Musikstücken , die als drehende Ohrwürmer in die Kurbelumdrehung fließen, tauchen unvermittelt und oft bei großer Anstrengung auf , sie begleiten mich ein Stück und verschwinden dann oben auf der Kuppe wieder- sie tragen mich hinüber. Ich denke an den Ventoux und eine Passage in einem späten Mozart Quintett, ich denke an den Hattersheim-Marathon und Beethovens Violinkonzert kurz vor Neuhaus…

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Klassik wird vielleicht nicht Vielen als Ansporn zu körperlicher Leistung einfallen, in ihren besten Zeiten machte diese Form ja allenfalls 3 percentil des Tonträgerumsatzes aus. Bei Sportveranstaltungen scheint die Einstimmung mit mechanistischen Musikformen eher üblich, so wie ich es als unerträgliche Akkordsteigerungsmucke auf dem Tempelhofer Feld anläßlich eines Triathlons erlebte (den ich dann schaudernd verließ).

Als Intensivhörer klassischer Werke, dessen Hirn Takte aus alter Zeit in seinen Tiefen lagert, halte ich gern dagegen. Ich spüre darin mehr Leidenschaft, mehr Innenleben . Einen Komponist, den ich gerade wieder entdecke ist Schumann.

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(Bitte nicht weiterlesen, wenn keine Affinität zum Thema).

Schumann das war jener der immer mit Schubert verwechselt wurde und klang er nicht irgendwie genauso? Nein.

Schubert ist ein später Klassiker und Schumann Romantiker erster Stunde, um es grob in Epochen der Kunstgeschichte zu zwingen. (machs mir jetzt leicht) Schumann ist auch der virtuose Pianist, der versucht, Ideen aus Literatur, Poesie, Philosophie auf seinem Instrument umzusetzen – dieses Vorhaben ist 1830 noch recht unerhört.

schuma op11

Nach der philosophischen Beschreibung /Entdeckung des Ichs kann Komposition plötzlich zur Möglichkeit werden, das Ich zu erzählen – Das Klavier als Hausinstrument ist dazu ein idealer Partner. Und so geht es in Schumanns Klavierstücken nicht mehr nur um Sonaten und Variationen in verschiedenen Tonarten, Kompositionen für allerlei Anlässe und in formaler Tradition, sondern um die private musikalische Ausprägung des Ichs (man sprach noch von Seele oder Subjektivität), seiner Stimmungen und Wandlungen.

Bild Und wenn das Fahren auf dem Rad einer ähnlichen Linie folgte? Ich fahre ja meine Strecken nicht, um Pokale, Prämien, Wattzahlen oder Verträge einzuheimsen, sondern um den eigenen Erlebnis – Raum zu erweitern und anzureichern und davon zu erzählen mitteilen. Natürlich ist die Bewältigung einer Strecke, einer Rundfahrtm eines Passes das vorderste Ziel, das Erlebnis aber überwiegt den sportlich meßbaren Erfolg.

Zurück zur Musik: meine jetzige Entdeckung sind Schumann-Stücke, die Murray Perahia für Sony Mitte der 1997 eingespielt hat. Klanglich ist die CD der Schallplatte ebenbürtig geworden, das ist das eine. Der Flügel steht klar und fest im Raum, hat Körper.

Das andere ist die Lebendigkeit und Souveränität mit der Perahia spielt. Schnell, variabel, präzise gibt er die Stimmungen wieder. Die komplexen Rhythmen und Linien der Malodie werden klar durchstrukturiert und gehalten, der Anschlag ist sauber und rund, das wird jedem, der Schumann auch als teilweise undeutlichen Brei von Akkordfolgen erinnert (mir!) viel Freude bereiten. Daran hapert es ja oft in dieser technisch sehr schwierigen Musik : nachzeichnen, wie das Quecksilber läuft !

So und jetzt zu meinem heutigen Ohrwurm an einem hoffnnugslos grauen Wintertage im Gelbachtal: Sonate 1 op 11 ab der hälfte des 1ten Satzes.

Wen- s interessiert, es soll sein Verlust nicht sein.

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