Krabbe, T., Mont Aigoual 1978

230114 Krabbé, Tim

Was vom Geburtstag bleibt. Ein schönes Geschenk. Eigentlich ein uraltes Buch bereits 1978 verfaßt!Exif_JPEG_PICTURE

Gar nicht einmal dick, 18 Auflagen im Ursprungsland und dann braucht es eine öffentliche Förderung um eine Übersetzung aus dem Niederländischen zu erhalten, die man in der Nachbarschaft versteht. Europa, offenbar nicht ganz so einheitlich wie gedacht.

Also dann- besser spät als nie, denn dieses Buch ist in meiner bescheidenen Kenntnis von Sportliteratur seine 5 Sterne wert. Erlebnisliteratur gibt es für Radfahrer genug und ein Buch, das eigentlich nach dem Muster „wie ich fünfmal die Tour de France gewann“ oder „wie ich am ötzi scheiterte“ gewebt ist,  ist an sich keine originelle Sache, noch weniger, wenn es „nur“ um ein Amateurrennen in der mittelfranzösischen Provinz geht. Vor 35 Jahren.

Doch wenn es etwas gibt, nach dem wir Kinder des digitalen Designs lechzen, dann ist es die Widerspenstigkeit der knorrigen Wurzel, die Unverfälschtheit primitiven Lebens, der Schweiß ohne Sunlotion: Authentismus!Exif_JPEG_PICTURE

Was sollte nun an Krabbés Buch authentischer sein als ein Manufactum Katalog oder wertvoller als die Erinnerungen von Franz Beckenbauer ? Es ist vor allem  die Unmittelbarkeit: Krabbé hält sich nicht auf, er geht direkt ins Geschehen, ein warmer Sommertag in den Cevennen, eine Stunde vor Rennbeginn. Die Anderen, das sind die Konkurrenten, die man beim Aufbau ihrer Fahrräder mit halbem Tunnelblick wahrnimmt,taxiert. Die Wahl des Zahnkranzes , die Vereinstrikots – das sind keine Lokalkolorierungen, das ist die Information, gegen wen das Rennen gewonnen werden muß. Krabbé ist nicht nur dabei, er ist da, um zu gewinnen.

Kilometer um Kilometer folgen wir der kleinen Schar durch die Schluchten des Tarn, teilen die Kräfte ein, verfolgen den Vorsprung der Ausreißer . . .

Das ist so genau gemacht, daß ich die Route des Rennens mühelos auf Bikemap nachzeichnen konnte. Exif_JPEG_PICTURE

Noch eine Bereicherung: Krabbé ist ein doppelt privilegierter Berichterstatter. Wenige Radsportler von Talent sind in der Lage, aus ihrem Sport ein gutes Stück Literatur zu gewinnen (Winnen einmal ausgenommen). Noch weniger haben ihre Ursprünge im Denksport: Krabbé ist schreibender Schachspieler von Rang, der beschließt, 1972 mit reifen 29 Jahren Radsportler zu werden und, als i-tupf: er ist Ausländer. Als Holländer, der offenbar des französischen mächtig ist, ist er jedenfalls in einem mittelfranzösischen Provinzverein Anfang der 1970er ein völliger Exot, ein sizilianischer Sumoringer. Radsport hatte ein stark provinzielles Parfum und bis in die 60er wurde die Tour de France noch mit Regionalauswahlen bestritten! Genug Voraussetzungen für ein mindestens originelles Buch.

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Krabbés Qualität ist weniger, aus anderen Erfahrungswelten den Mikrokosmos eines Radrennens zu bereichern, sondern eher die Leistung, im Mikrokosmos eines Radrennens die Perspektive (nach belieben) wechseln zu können.

Einerseits liefert sein Roman den Bericht eines Zeitzeugen, der seinen Weg in den Radsport und dessen milieus streift, andererseits ist er ein völlig zeitloses Stück über die Psychologie des Radrennens an sich, wie es nur ein Teilnehmer erleben. Ich bewundere seine psychologische Genauigkeit, seine Schonungslosigkeit.

Keines der Bücher über Radsport die ich besitze,vermittelt ein solche Nähe zum Pedal. Die üblichen Heldensagen sind eher flach, politisch überkorrekt und voller Unehrlichkeiten, die Fachbücher technisch und Trainingspläne blutleer. Krabbé ist Salz in der Suppe. Man sollte um den Mont Aigoual eine Tour in seinem Namen organisieren , damit der Sport und die Straßen, die er besang, für immer fortleben.

Hier die 141 km als Übersicht:

http://www.bikemap.net/de/route/2426711-krabbe-das-rennen-mt-aigoual-1978/?newly_saved=true

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Eine Antwort zu Krabbe, T., Mont Aigoual 1978

  1. Twobeers schreibt:

    Wahrlich, eine Krabbé Tour, das wäre was.

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