020214 Champion in rot und weiß

20214 Jungfernfahrten

Irgendwann kam die Frage auf,( in einem Forum für ältere Stahlrenner), wieviel denn eigentlich so ein wiederaufgebautes Rad unter dem Strich gekostet habe. Viele, die nachrechneten, kamen auf ernüchternd hohe Zahlen.

Aber Zahlen verdrängt  man leicht auf dem Weg zum fertigen Rad, ganz gleich, wie lang und steinig –  oder eben teuer ! –  es am Ende war.

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Das wurde auch mir deutlich, als ich für kurze Zeit versuchte, mir den Aufbau meines letzten Rades schön klein – oder rund zu rechnen. Ich hatte mir einen Gesamtpreis überschlagen, der unter dem Preis für ein Komplettrad lag, aber das war nur ein Vorwand: Ich wollte eben ein solches Rad , kein anderes. Der Preis war gerecht, es begann mit einem Rahmen von runden 100 –  . . ..

Dieses mein letztes Rad (ey, ich schwöre!) von dessen Jungfernfahrt hier die Rede ist, ist eine Gazelle, ein champion mondial, der Seriennummer nach ungefähr von 1975/6. Diese Räder haben unter Stahlfreunden  einen guten Ruf , vielleicht, weil es sie in soviel unterschiedlichen Farbkombinationen gab, sie sich also bestens sammeln lassen,  und weil über mehr als 20 Jahre der Qualitätsstandard in Dieren hoch blieb und der Service berühmt war.

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Für mich hat ein „champion mondial“  einen persönlichen Erinnerungswert: mein Vater kaufte sich 1983 einen weiß-blaues, das der stattlichen Größe wegen (64) wohl auch günstiger gewesen sein dürfte – ich erinnere mich schwach an Verhandlungen.  Dieses Champion lieh ich mir regelmäßig in den Semesterferien und tourte damit herum ; dann sah ich es 25 jahre nicht wieder.

2010 brachte es mich auch wieder auf den (steilen)  Weg der Tugend zurück. Es ist der Ahn aller Räder, die ich seitdem gefahren bin; in gewisser Weise auch ihr Maßstab.

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Aber es war halt ein Familienrad, ein wenig aufgefrischt, aber eben nicht ganz meins.

Das aber wollte ich einmal. Suchte ich zu Beginn noch ein möglichst vollständiges Rad an dem wenig verschlissen sein sollte, änderte sich das, je länger und erfolgloser ich diesen Ansatz verfolgte. Ich entwickelte Vorlieben, ich wußte was ich zahlen wollte, die richtige Farbe war nie dabei und die schönen champions wurden immer teurer.

Über kurz oder lang mußte ich mein eigenes Rad zusammenstellen, vielleicht um sagen zu können: hier habe ich jede Schraube angezogen, jede Kugel einzeln in der Hand gehabt…….

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Alles andere wäre nicht „das eigene“ Rad , sondern ein Rad von der Stange, ohne das gewisse etwas ohne Seele oder was sonst immer man dann (erfindet) zu sagen pflegt.

Mein Champion sollte eben ein Rahmen in 61 oder 62 sein  mit 57/58 er Oberrohr. Eines schönen Tages ….

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griff ich zu, als ein anderer Freund der champions aus Dieren mir einen Rahmen anbot, der in seinem überfüllten Keller keinen Platz mehr fand, die passende Größe aufwies, farblich anspruchsvoll war und einige Details hatte, denen ich nicht wiederstand..

Wie Dave Moulton und Grant Petersen bin ich Freund der Schutzblechösen: sie wiegen ja „nichts“ und machen jedes Stück allwettertauglich. Wichtig ist auch ein hoher Durchlauf an Gabel und Sitzstrebe: dann passen nicht nur Schutzbleche darunter, es können auch voluminösere Reifen gefahren werden.

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Diese Art von Rädern waren in UK und den Niederanden lange sehr weit verbreitet. Es wurde damit unter der Woche trainiert, Sonntags zum Rennen gefahren oder zum Zelten oder nur morgens zur Arbeit. Später verschwanden die Ösen im Rahmenbau– es gab in den 80ern  nicht nur einen Trend zum Zweitwagen.

Besehen, gekauft, und stückweise aufgebaut. Es gibt nur kleine Hindernisse: Rennbremsen mit langen Schenkeln, die mit Muttern befestigt werden. Auch das ist seit 1980 nicht mehr geläufig, und es gibt weniger Hochwertiges als gedacht. Fügt sich aber.

Dafür auch mal dicke oder profilierte Reifen. Sollte es Regnen oder schneien,  wird es damit nicht gleich instabil auf unseren Straßen, oder abseits davon. Der Komfort ist größer und wenn ich meinen Moser Tag habe, kann ich ja auch 19mm montieren.

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Und dann aufsatteln, sehen wie die Gänge fallen, wie es losrollt. Schwer zu beschreiben, je weniger auffällt, umso besser. Die Schaltung schaltet ganz sanft die Ritzel rauf und runter. Sind es die neuen Kabel, die Hebel oder das neumodische Schaltwerk mit dem langen Käfig, falls ich ganz große Ritzel nutzen will? Ich weiß es nicht, ich spüre es nur und merke das alles so „richtig“ ist.

Erst eine Strecke im Wald, die breiten Reifen nutzen. Die Sonne kreuzt die Wipfel, der Januar ist heute wie ein Herbsttag, windstill, leicht diesig . Aber die Sonne, die wärmt kaum.  An einer Wegekreuzung stehen die kleinen grünen Allradautos der Jäger. Etwas weiter haben sie große Stämme über den Weg gelegt, den ich ausprobieren wollte. Die Tiere sollen vor Radfahrern geschützt werden. Ich nehme den Hauptweg, dessen Fahrspuren mit grobem Basalt ausgeschüttet sind. Komfort?

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Etwas ist spürbar, rollt sanfter ab. Weiter geht’s auf die bekannte Runde – die Sonne steigt.

Nichts stört, alles läuft leicht und genau. Bergauf, bergab. Mein champion in rot und weiß. Auf viele, viele Kilometer.

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Den Sattel würdige ich im Frühjahr, wenn er eingefahren ist.

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3 Antworten zu 020214 Champion in rot und weiß

  1. mark793 schreibt:

    Rennbremsen mit langen Schenkeln, die mit Muttern befestigt werden. Das ist seit 1980 nicht mehr geläufig, und es gibt weniger Hochwertiges als gedacht.

    Man kann z.B. zeitgemäßere Zweihebelbremsen von Tektro oder Promax nachrüsten, wenn man die hintere Bohrung an der Gabel entsprechend für eine Hülsenmutter aufbohrt. Für den Nachfolger meines verblichenen Raleigh Pursuit (ein Velo de Mercier von ca. 1984) habe ich sogar ein Paar RX 100 mit langem Schenkelmaß gefunden, die packen richtig gut.

    Ist nicht ganz die historisch-kritische sortenreine Lehre, aber ich bin auch Eklektizist genug, um das Rad mit einem Bullhorn-Lenker und 600er-STIs zu fahren ohne dass es mich schüttelt.

  2. randonneurdidier schreibt:

    gelesen erst heute, 23.Juni, dafür aber wieder ganz angetan von Deiner Schreibe, den Fotos…

    sehr gut gelungen!

    • crispsanders schreibt:

      Willkommen in meiner Schreibwerkstatt, Didier. Das Kompliment gebe ich gern nach Berlin zurück! Zähle regelmäßig zu den Lesern des Randonneurs. Wir sind uns übrigens einmal von Rad zu Rad begegnet: das war ganz am Beginn von HHB 2013, im Dunkeln. Kurz vor der großen Elbbrücke (Lauenburg) fuhr ich mir einen kleinen Splitter in den Vorderreifen – und schon trennten wir uns. Den Erfolgsbericht habe ich bis heute nicht fertigbekommen!

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