200414 Und zum Abi ein Auto – über den neuen Limes zur Generation Golf 3

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Dem Kompaß nach fuhr ich nach Süden, es war aber eher eine Reise Richtung altes Westdeutschland, wie der ehemalige Berliner sagt. Der alte Westen, das ist das  Zonenrandgebiet, in denen es Einzelhändlern gut geht und die Kinder zum Abitur nach airbook, tablet und smarite auch mal ein Auto bekommen, die G8 Grundausstattung.

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Dort am Zielort, den ich im Solo auf meinem Snel anfahre, habe ich mehrere Jahre gelebt, gut gelebt, denn wir hatten nicht allzu großen Grund über das Ländle und seine Leute zu klagen, wir kommen gern wieder.

 

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Schön frisch anfangs u. der Sonne entgegen –  Es gibt geographische Daten:

http://www.bikemap.net/en/route/2571318-rosswag-2014-1way/

Entfernungen , die dimensionslos sind, eine unsichtbare Mauer liegt zwischen den Endpunkten. Ich lebe nicht auf einem anderen Stern, eben nur nördlich des Mains, und das bedeutet sehr viele kleine Unterschiede zur südlichen Halbkugel. Man würde dort als Abiturient nie sagen: „die Janine hat einen Roller bekommen!“ (und ich nicht), sondern: „einen Golf“, den Eltern einem als Dankeschön für das gelungene Abitur spendieren.

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Ich komme von weit hinter dem neuen Limes her, und es gibt keine Römer die uns Türme hinstellen, keine Sicherungen gegen Republikflucht, es gibt nur die Sprachregelung der stabilen, defizitfreien Haushalte , des überzähligen, doch leider leider notwendigen Solidaritätzuschalges, der Vollbeschäftigung und steigenden Steuereinnahme bei gleichzeitiger Schuldenbremse. Neuchsprech.org kann mehr dazu sagen.

Wir Germanen nördlich des Limes gehen in den Wald und machen Holz, wir käfigen Holz für mehrere Jahre ein, mag der Klimawandel noch so viele tropische Gewitter in unsere Richtung schicken.Bild

 

Es geht uns nicht schlecht , nein, und gemessen an den ungläubig verzückten Gesichtern sudanesischer Asylsuchender an unseren Haltestellen, wenn der auf 18Grad klimatisierte Bus auf die Minute genau erscheint, geht es uns doch recht manierlich. Wir verzichten nur mittlerweile auf Dinge, die man südlich des Limes für unverzichtbare Erfolgszeichen hält.

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( Tennishalle aD)

Die letzten Römer sehe ich auf der Höhe von Wiesbaden, als ich für eine SNEL Fahrer zugelassene Bundesstraßen erkunde. Sie sitzen in einem recht flachen, massigen Mobil, das in matter Sandfarbe gemustert ist. Der eine Römer trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und hat ein nachtschwarzes Gesicht. Lässig sitzt er auf dem Beifahrersitz, während sein Kollege ihn möglicherweise zur General Grant Kaserne steuert. Sie beschützen die Abhöranlagen der Umgebung.

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Es ist ein wunderbarer Tag – endlos liegt die Rheinebene vor mir, ein blauer Himmel der nach oben heller wird, so intensiv strahlt die Sonne.Der Wind kommt von Nordost bis Ost, ein guter Kompromiß, nur die letzten 60km werde ich ihn im Gesicht spüren. Und Hügel gibt es dann auch wieder.

 

Bis dahin ist es noch weit. In zügiger Fahrt genieße das Rheintal am Ostermontag. Ein Mann filmt seine Füße, während er über die imposante Brücke bei Mainz geht. ich hoffe, er hat einen blog.

 

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Eine Traktorparade (die Fahrer sitzen ganz aufrecht in ihren Monoposti , sie sollten sich mal bei den Römern ein wenig Lässigkeit abschauen..) kommt mir an der Esso ontherun Tankstelle entgegen, an der ich den ersten Halt mache;

Es gibt echte Milch für meinen Kaffee Größe L, was den Zwangspreis des EXXON Franchisenehmer erträglich macht. Die Straße ist ein blaues Band und führt bald schnurgerade durch die rheinhessischen Weinberge – die alte Landstraße: sie läuft parallel zur B9 durch ruhige, helle Dörfer . Die Körnung ist nicht allzugrob und es sind kaum Wetterschäden zu spüren. Straßen sind Seismogramme.Der Krieg findet auf den Bundesstraßen statt, die umgangenen Ortschaften leben mit dem Segen, ruhigen Schlaf zu bieten und unter dem Damokles-schwert, abgekoppelt zu sein. Dem Radfahrer ist es ein Paradies.

 

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An einer Bahnschranke genieße ich mein hartgekochtes Osterei, das die Kinder mit Stickern verziert haben. Jetzt sehe ich auch Sportgenossen und andere Radfahrer auf dem Weg bummeln.

Wie im Vorjahr auf dem SNEL.

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Das Hinterrad habe ich  getauscht und das Kettenblatt ersetzt. Vorne laufen jetzt 51 Zähne und hinten eine Maxicar Nabe, 6fach. Ich rolle hinten auf einem schmalen, dafür extradicken durano Reifen, den ich mir vor drei jahren leistete, um mal was pannensicheres zu haben. Der Rucksack ist diesmal schwerer, ich führe eine Zivilgarnitur mit, sowie sehr leichte Adidas Turnschuhe.

Gleiche Stelle im letzten Jahr – da war die Werbung noch auf Winter eingestellt.

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Aha: 24er Conti GP hinten – nach 2000 km eckig gefahren. War 2013.

Es rollt, es ist angenehm leer, alles auf Sonntag. Je näher ich Worms komme, desto roter werden die Mauern an denen ich mit 51×20 vorbeischnurre und es gibt einige sehr prächtige Weingüter mit massiven T­oren, durch die wohl seit Jahrhunderten gute Ernten einfahren. Ostheim. Hier habe ich im letzten Jahr meine Mittagsrast gemacht. Heute bin ich früher dran, aber der Nahkauf Supermarkt ist geschlossen, seine Fenster blind. Auf einem steht: hier eröffnet demnächst ein türkischer Lebensmittelmarkt.

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Und im vorigen Jahr:

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Plötzlich eine kleine Gruppe Radfahrer am Straßenrand und das bekannte RTF Schild: Kontrolle. Sehr gut, Zeit für einen kleinen Spruch, ein paar Bananen und gutes frisches Wasser. Möllingen heitßt der ausrichtende Verein. „Pfälzer ?“ frage ich. „ Nein,“ sagt der Veteran abwehrend – „Rheinhessen!“ – aber nicht schlimm.

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Worms erinnere ich noch als Verkehrsproblem: der mächtige Dom von weitem zu erkennen, aber wegen eines Geflechts von Gewerbegebieten, Zubringern und Baustellen wie unerreichbar. Diesmal greife ich die Stadt von Westen an. An den Ampeln spüre ich die Wärme hinter mir wartender Autos, die ihre Klimaanlagen laufen lassen. Hier blühen schon die Kastanien. Ein Apriltag wie ein Maientag.

 

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Der Dom ist eine Trutzburg in altrosarot, ein großer Riegel, dessen Quader den massiven Eindruck verstärken. An der Seitenpforte haben sich zwei professionelle Geldeintreiber  Facharbeiter aus Neu EU-Ländern postiert und warten auf Zahlung. Die Frau in langem Rock, Strumpfhose und Sandalen, ein Mann gleich daneben.  Der kleine Tourismus-Schlenker erweist sich als klug, denn als ich die Domfreiheit verlassen will, sehe ich von dort, daß an der Hauptkreuzung zwei Polizisten Radfahrer kontrollieren, auf was auch immer. Am Ostermontag ist Polizeidienst sicher nichts, worum sich gerissen wird – darf man es Betteln in Uniform nennen? Hätte mir gerade noch gefehlt.

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Jetzt nur noch die richtige Ausfahrt aus dem Stadtkern hinaus, und Worms war glückliche Etappe. Jetzt auf die B9.

Kein Schild zur B9 oder Richtung Frankenthal zu sehen, der nächsten Perle auf der Schnur. Und wieder wähle ich die falsche Straße, treibe nach Westen ab. Ödnis und wummernde beats an den Ampeln. – dann scharf nach Ost: Bobenheim-Roxheim, der Beginn der 60km langen Ludwigshafener Vorstadt. Siedlungshäuser, Suburbanität, Schachteln und Planquadrate. dazwischen historische ortskerne, Elemente eines Freizeitparks. Gegenüber, ganz hinten die blaue Horizontlinie des Odenwalds.

 

Weiter rollts, immer geradeaus, an ersten Gemüsefeldern vorbei . Noch sind die Wanderarbeiter nicht zu sehen, die mir bald die billigen Radieschen rupfen sollen. Entlangrollen : Familien mit Kinderanhänger und Wimpel.

6 Stunden unterwegs, es wird Zeit. In Frankenthal will ich rasten, unterquere die Autobahn und habe am Eingang der Stadt die Wahl zwischen 3xFastfood zur Rechten, 2 Tankstellen einem Dönerladen mit Tankstellenfortsatz zur Linken , vor dem Sonnenschirme stehen.

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Ich gebe dem Kleinunternehmen den Vorzug. Vor mir zwei Kunden. Eine Sammelbestellung für den Mann vom 3er BMW, eine Einzelbestellung für den Mann vom 7er BMW. Ich habe Zeit, die Umgebung zu genießen. Weitere BMW auf dem Vorplatz der Tankstelle, Männer dazwischen.  Autohandel. Blässliche Wolken sind aufgezogen und ornamentieren den Himmel.

Unter einem der Sonnenschirme hat es sich eine kleine Triade älterer Herren bequem gemacht, von denen ein rotgesichtiger regelmäßig zur Fensteröffnung der Dönerhöhle pilgert, während die anderen in der Halbsonne weiterreden.Flaschenbier, Marke unbekannt. Der mit dem Cowboyhut zeigt jetzt den anderen seine Fußsohlen. Ich achte darauf, nicht zu schnell zu kauen, obwohl ich gerne würde. Ein Mittelgewichts-Döner, die Fahrt wird zeigen, was er taugte.

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Weiter, Wetter immer noch heiter, nicht zu windig. Glücklich. Immer die Zeit im Kopf haben – erst die letzten 50km sind sorglos.

 

Die Orte verdichten sich: alte Stadtkerne sind jetzt Fußgängerzonen und bilden stillgelegte Einzelhandelsreservate, Mietshauskomplexe aus denen russische oder deutsche Fahnen oder die von Fußballvereinen wehen, runden die Gemeinden nach außen ab. Instinktiv schaffe ich eine ordentliche Umrundung des Ludwigshafen- Mannheimer Kraftfeldes, indem ich in jedem Ort die Speyerer Straße suche, die es auch unfehlbar gibt. Oh unser Reichtum !

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In einem Gewerbegebiet grüßen hohe Palmen, Olivenbäume und riesige Terrakotten beherbergen Oleander, Jasmin und Kamelien .  Hübsche Laune eines Mittelständlers.

 

Radwanderer jetzt überall – es wird verdaut. Sie stürmen die Gelateria, an der ich im Vorjahr noch so einsam stand. (die Straße wurde erneuert :=).Meinen Espresso bekomme ich schnell, denn ich stelle mich innen an die Theke. Die südländische Sitte, schnell an der Theke einen Espresso zu nehmen haben die Italiener nicht exportiert. Die Leute wollen raus, oder sitzend die immergleichen bunten Eiskarten studieren. schrotteis zumeist.

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Draußen ein hübsches Giant für die Dame . „Warum fotografieren sie mein Rad?“ „Weil es mir gefällt, ich sammle sozusagen Fahrräder.“ „Ah! Ich sammle Briefmarken.!“ IMG_5431

Neuhof, weiter – Speyer kommt in Sicht.

In Speyer ist was los. Bild

ein Wahrzeichen des alten kalten Krieges , die F100 Super Sabre vor dem Technikmuseum, reckt ihre Spitze gen Himmel, als wolle sie schnell zurück in die Freiheit. Damals (war Sprit günstig, Autos selten, fahrräder teuer,  Zeit kostbar) .

Jetzt drängeln sich Autos, und irgendwo gibt es einen größeren Rummelplatz, dessen Schwaden ich wahrnehme. Sie strömen ihm zu – der mann im offenen Ferrari trägt eine original Michael Schumacher Kappe.

Dahinter überragt der Dom, das hübsche Schwesterschiff von Worms, alles Bemühen.

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Seine Majestät der Rhein. Containerschiffe.

Eine Wolkenwand zieht heran, hellgraue Panzerplatte, der Wind hat auf Südwest gedreht. Familien in den Auen.

 

Die sanft gewellte Landschaft, die ich ab St.Leon / Rot gegen den Wind durchquere, wird Kraichgau genannt; man hört einen weichen Singsang sprechen, die Wiesen sind grün, die Bäume blühen und Schilder an den Ortseingängen geben Zeugnis der Wettbewerbsfähigkeit.

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Ein Idyll mit Regenwarnung – die Schutzbleche werden bald ihren Dienst tun. An einer weiteren Gelateria, werden die Tische hereingebracht, nach fünf Minuten ist die Terasse menschenleer und ich melde mich bei den Gastgebern an. In diesem Ort kämpfte ich im letzen Jahr mit den zuckenden Muskeln – heute ist es nur der sichere Regen, der ein wenig verstimmt.

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(Sinkende Temperatur und angehäufte Kilometer steigern den Energiebedarf bei identischer Geschwindigkeit. Das erste Signal ist die Wahrnehmung von Kühle am Oberkörper, selbst wenn die Kleidung ausreichend schützt.)

 

Meine letzten Festkörper habe ich vor 35km gegessen, nur noch Süßes vorhanden, das Wasser ist alle. Es nieselt. Die Gasthäuser heißen wieder Krone, Adler, Lamm oder Ochse, Ostermontag geschlossen. Besser so.

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Blühende Obstbäume säumen den Weg, ich rolle am Wandfries des Scharfrichters von Gochsheim vorbei.. Im Jahr zuvor ging hier die Sonne langsam unter und tauchte die sehr sehr langen letzten Kilometer in mildes Licht. Mein Scharfrichter war der Anstieg nach Sternenfels, der kommt nun bald.

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Tempo doch eine Stufe rausnehmen. Zwei rüstige Damen auf Radausflug trotzen dem grauen Schleier, der uns befeuchtet. An einer Tankstelle fülle ich noch einmal Wasser auf. Bei Mainz hieß es noch: nein, der Wasserhahn ist gesperrt, da könnte sich ja sonst jeder bedienen. Die Hände werden klebrig, die Plastikflasche auch. Sternenfels, die kleine Rampe – ich muß jetzt doch beißen, aber solange der kleinste Gang nicht aufgelegt wird, hat man noch immense Reserven, psychologisch natürlich.

Sternenfels: erste Weinberge – durch, hinunter nach Zaisersweiher, einem kleinen Örtchen, das einen Modemann Namens Glööckler hervorbrachte. Man glaubt es kaum. Schützingen, Illingen, der letzte Kamm und die Sonne bricht leicht durch. Links hoch, kleiner Stich im Wiegeschritt, die B10 queren und dann nach der Kuppe der Beauty shot in Gilles Weinberg.

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Es ist geschafft. – Mit 10% hinunter ins Ziel – dort herrscht absolute Feiertagsruhe und alles ist beinahe unverändert, bis auf ein paar Golf, die dazugekommen sind ….

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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