Herrndorf – woran schrieb Herrndorf ?

eigentlich ist es keine offene Frage: Exif_JPEG_PICTURE denn was und worüber Wolfgang Herrndorf schrieb, ist einem recht großen Publikum bekannt. Plüschgewitter, van Allen Gürtel, Tschick und Sand, das sind die großen Etappen, die er literarisch zurückgelegt hat.

 

Herrndorf aber war ursprünglich Illustrator, ein ausgebildeter und fähiger Maler in realistischer Manier. Literarisch hat er einen ähnlichen Weg wie Will Self zurückgelegt, der ja zunächst karikaturen zeichnete.

Malen in realistischer Manier, das ist für einen Kunstschaffenden meines Jahrgangs (1965) schon ein wenig auffällig. Unsere Elterngeneration hatte sich, sofern sie an Malerei interessiert war, als erste Generation von der realistischen Abbildung der Welt emanzipiert, es war schon ein Akt des Abweichens, wenn man sich jenseits der Gebirgslandschaften, Goldhelme und Geweihe bewegte, und gespachtelte Post-Impressionismen der Lagune von Venedig nicht für modern, sondern heillos verlogen und völlig kunstlos hielt.

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Unsere Eltern aber machte es stolz, wenn sie  sich vom Figurativen in Kunst und im Alltag losgesagt hatten, veilleicht weil sie damit glaubten, den Weltanschauungsfehlern ihrer Eltern zu vermeiden vorzubeugen.  Sie besaßen den dumont Führer zur US kunst nach 1945 und kauften sich dann, meist lange erspart, Stereoanlagen von braun. Grundig, das waren die Anderen.

Und da ist es schon ungewöhnlich, wenn  zu  Hochzeiten von Pop, Konzeptualismus und Abstraktion ein junger Student namens Herrndorf sich auf das Studium der handwerklichen Reproduktion Welt fixiert. Viel spricht dafür , daß er die Bezeichnung Querkopf verdient hat, wie man auch seine literarische Produktion in einer Spartenorientierten Welt (Zünfte war gestern) als Quereinstieg bezeichnen würde. Zur Erinnerung – Der röhrende Hirsch auf Alpenwiese, Hirsch kubistisch, der Rest volkstümlich alpesk, ist schon ein gutes Stück Humor an einem neuen Ort.

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Aber dann schreibt er.

Ich gebe zu, da bin ich im Urteil nicht unbefangen  – denn ich war einmal Berliner, genaugenommen beinahe so lange wie er. Ich war oft in seinem Kiez unterwegs, meine alten Karren brachte ich zum Weddinger Auto Service, der Werkstattleiter trug als Uhr ein Werbegeschenk von Viagra usw. usw.

Wenn ich anders veranlagt wäre,  würde ich steif und fest behaupten, ich hätte mit ihm an vielen Sonntagen im letzten Jahrtausend die Fußballwiese an den Rehbergen geteilt. Sonntags gegen 14h nämlich traf sich eine Truppe von Fußballern, eindeutig ältere Studenten, also Akademiker, die es in Berlin lange halten würde, warum auch immer. Es waren um die 20 dort auf den Wiesen, die einmal Exerzierplätze waren, und ein oder zwei von ihnen habe ich irgendwann in Galerien, Kinos oder eindeutig kulturschaffenden Lokalen getroffen.  Rolf zum Beispiel, der trug alte Puma „Jet“ Stiefel mit roter Sohle. Das war, bevor der Fußball in Berlin gentrifiziert wurde und man die große Rehbergewiese den Hunden und dem wilden Gras überlies. ich bin sicher, Herrndorf war mittelgroß, trug längere Haare und wirkte bullig auf dem Platz : keine Diva. Nachher ein Bier.

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; und deswegen sehe ich in seinen Plüschgewittern und vor allem diesem Erzählband des van Allen gürtels so deutlich den Hintergrund, vor dem die Geschichten spielen. Und da muß ich sagen: das sitzt alles, knapp und genau, da wird nix übergestülpt oder reinmanövriert – das waren die Dinge, die verhandelt wurden, genau so, wie sie verhandelt wurden. In jener Generation, in jener Zeit, bevor die neuen Bürger übernahmen.

Aber es sind alles Verluste: Verlustgeschichten, Erzählungen von Verlorenen, denen, die aus ihren suburbanen Klinkern auswanderten und in der großen Welt dann nur suburbanisierte Seelen treffen. Es ist eigentlich eine romantische Suche, ein Aufbruch ins Ungewisse, wie er in Tschick vollendet beschrieben ist. Da ist ein tiefes unwohlsein gegenüber einer sich neu einrichtenden Bürgerlichkeit mit ihren Trivialängsten und ihrer kitschigen Postmoderne, den Rothko Postern, Kiefer Ausstellungsplakaten und Ikeadesigns.

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Nur das letzte Buch, das Herrndorf verfaßte, Sand, kann getrost vergessen werden, außer man ist Herrndorf -Forscher. In was hat er sich da verrannt? – ein Spionage-Kolportageroman von über 400 Seiten, bei der die Einführung noch witzig ist, aber ich mich zunehmend an der amnesischen Hauptfigur ablangweile, die dann 80 Seiten lnag gefoltert wird in Nordafrika. Irgendwann interessiert mich die kernfrage des mannes, der unter gedächtnisverlust leidet überhaupt nicht mehr und ich warte verzweifelt, daß er endlich verschwindet. und auch die anderen Gestalten wirken, als seien hier JMSimmel Gestalten postmodern verpulpt worden. Eigenartig mißlungen: macht aber nix. Ist für Fans.

Der Fußballer, Maler und Übergangszeitberliner wird auch ein zweites oder 3tesmal gelesen. Er verdients.

 

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