Auf der Suche nach stärkeren Gefühlen: im Mai

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Der Mai macht seinem Ruf aus Lied und Dichtung einmal Ehre. Die Himmel sind frei, das Grün wird erwachsen, die Winde wehen wärmer auf den Höhenzügen zwischen Montabaur und Koblenz. Ich lasse die Speichen in der Sonne wirbeln.
Eine kleine Rast in Höhr-Grenzhausen. Es grüßen den Besucher mannshohe Krüge , Mega- Amphoren von 2000 l , und erinnern an das sehr sehr alte Problem, große Flüssigkeitsmengen über weitere Strecken zu transportieren und das ebenso alte Problem, eine gewisse Temperatur darin zu halten.
Zeugen aus vor-technischer Zeit, als Edelstahlkessel und Kühlaggregate noch nicht erdacht waren.

Heute werden in Höhr weiterhin die Erzeugnisse einer Ton – Kalk und mergelreichen Umgebung verarbeitet – es gibt Töpfer-outlets, eine bedeutende Glasfabrik und ein Keramikmuseum. Dort stehen die Exemplare aus.

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Leider bewirken die grauen Krüge mit blauen Ornamenten bei mir, daß ich an eine alte, unerträgliche Fernsehsendung erinnert werde, in der wöchentlich sogenannte Bembel von einem öligen, sich seinen Gästen unfassbar deutlich anbiedernden Showmaster an dieselben „verschenkt“ wurden. Die Gäste bedankten sich immer sehr artig, mit kaum geheuchelter Begeisterung und taten weiterhin alles, den Abstand zur nächsten Sportsendung auf gefühlte Lichtjahre zu dehnen.

Der Showmaster ist inzwischen verstorben, was eine kurze, sentimentale Nachrufwelle von offensichtlich ahnungslosen Nachgeborenen erzeugte, die ebenso verlogen daherkam, wie jene durch und durch ekelhafte Sendung des Verstorbenen, die nichts anderes war als die gegenseitige Versicherung, daß von derart guten Menschen, wie sie dort zu bewundern waren, nie etwas so ungeheuerliches ausgehen konnte, wie etwa ein erster oder gar zweiter Weltkrieg – vor deren Denkmalen ich gerade pausiere.

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Immerhin ist das Denkmal für den Zweiten kitschfrei, es werden keine knienden Jungfrauen verwendet, um eine zarten Jugendstil-Trauerschleier über ein maschinelles Gemetzel zu legen, das seine Teilnehmer mit Methoden der Chicken McNuggets Herstellung konfrontierte

(Nicht daß ich voll Bitternis oder mit Wut im Bauch herumradle, dies sind alles Dinge, die ich erst beim niederschreiben empfinde. Unterwegs ist der kopf frei von Nebel und Hagelschauern. E-Bikes schieben Rentner bergauf, Cabrios werden ausgeführt, Traktoren fahren Grünes spazieren. Mädchen in Fensterrahmen schauen auf die mittagsöde Hauptstraße).

Leicht wie ein Vogel saust es ins Rheintal hinab, den gleichen Weg nach Bendorf, wie (Andernach damals) bei der Operation Galibier. In Bendorf ungefähr will ich meine Mit-Radler treffen, die sich jetzt irgendwo im Sayntal bewegen, einem einzigen Funkloch. Sie kommen von Köln her . Bendorf erwartet mich mit leicht verstaubter Innenstadt, die Bäckerin räumt gerade, es ist kurz vor eins, ihren Laden auf, und reicht mir in hiesigem Dialekt noch ein Nußteilchen. Wenig Menschen unterwegs, die Pizzeria wartet auf Kunden – man nimmt mich in Augenschein. Vor der Kirche erkenne ich auf den Stufen Gruppen junger Mädchen in Kostümen, die sie nur an diesem Tag und zu dieser Zeit tragen werden.

Ich setze mich in ein geräumiges Cocktail-Bar Café, das ebenfalls auf Zustrom zu warten scheint, wenn ich die Körpersprache der drei weißhemdigen Angestellten richtig deute. Die Täfelung ist dunkel, das Laminat-Parkett auch, ich bin der einzige an der Bar. Ich bleibe ganz ruhig, sehe niemanden an und lege den Helm auf den nachbarhjocker. Dann studiere ich meine Landkarte und höre überdeutlich jedes Geräusch. Von unten beleuchtete Spirituosenregale. Seit der letzten Verbindung in Höhr habe ich keinen Kontakt zu den Rad-Gesellen. Ich rechne die Länge des Sayntals durch und versuche mich im Kopf am Dreisatz aus Geschwindigkeit, Zeit und Entfernung.

Ein Mann mit Sonnenbrille silbergrauem Haar , mittelblauen Leinenblazer und gleichfarbigen, neuen Mokassins betritt den Raum. Er setzt sich zwei Hocker weiter und bestellt einen Kaffee. Er nimmt die Brille ab und spricht mich an: er würde auch lieber auf dem Rad sitzen. Es ist Konfirmationstag in Bendorf, die Rheinländer hier sind evangelisch. Während wir über Tachometer, Navigation und Funklöcher reden (die Evolutionsstufe nach der Landkarte) bemerke ich, daß hin und wieder seine Augen zucken. Wir wissen nichts von den Nöten oder denen der Konfirmanden.

Ich beschließe, einfach die Hauptstraße Richtung Sayntal zu fahren. Gerade habe ich die Fußgängerzone verlassen, als ich schon einen Radsportler sehe, dessen riesige gestalt noch von einer Helmkamera überhöht wird. Dahinter ein Zweiter, den ich erkenne: wir haben uns gefunden, obwohl das Mobiltelefon ausgeschaltet war.

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Eine halbe Stunde und eine Steigung später sitzen wir auf der Terrasse eines Imbiß-Bäckers in Vallendar, meine Genossen haben an die 120km in den Beinen. Der Dachvorsprung des pultförmigen Gebäudes mit seiner (Natürlichkeit vermittelnden) Holzverblenddung ragt über unsere Köpfe,  was die Geräusche der endlosen Fahrzeugkolonneverstärkt , die sich an diesem Samstagnachmittag durch den kleinen Kreisverkehr vor dem Steingarten drängt. Wir unterhalten uns prächtig.

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Dann ziehn wir los in die grünen Hügel zwischen Rhein und Lahn, die Autos werden seltener, die Aussichten wilder. Vor mir fährt die Helmkamera, von oben grüßt ein Turm des alten Limes. Supergrün! Kleine Dörfer, steile Abfahrten,

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Schließlich Bad Ems, die  altmondäne Kurstadt, in der einst Kompanien von Leibeigenen den Besitzer wechselten. Viele Fassaden sind sorgfältig erhalten, eine orthodoxe Kirche grüßt vom anderen Ufer, doch ein Zar wird hier so schnell nicht mehr auftauchen und seinen Namen in Gold hinterlassen. Heute findet auf der Promenade vor der neuen Therme, ein Gebäude im „smartphone stil“, die jährliche Autoschau statt, wozu wir keine Meinung haben.

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Auffallend ist die Ähnlichkeit der Kurstädte jener Zeit – Promenaden und Esplanaden, Kolonnaden und Thermen und irgendwo eine Spielbank: so wie in Bad Ems auch in Karlsbad, Marienbad, Spa oder Baden Baden. Als sei das wandernde Spielgeld in Mitteleuropa zur gleichzeitig unterwegs gewesen. Theory of the leisure class.

Die Freizeitklasse sind heute wir. Wir sind keine Handwerker, lassen kein Geld arbeiten und dienen keinem Oligarchen. Ab und zu denken wir nach und staunen, wenn wir vom Anstieg nach Winden tief unten im Tal das Kloster Arnstein im Streiflicht entdecken. Es sind die starken Gefühle, für die wir dies tun, damit sie uns einen lächerlichen Rest von Großartigkeit vermitteln.bendorf10

Auf der Höhe hinter Winden trennen sich unsere Wege: die Kölner werden in Koblenz den Zug zurück besteigen, ich ziehe wieder gen Westwood.

Irgendwann vor Montabaur spüre ich den Hunger herankommen. In diesem Zustand verschärft sich auf dem Rad der Geruchssinn enorm. Vielleicht ist das der alte Jäger und Beerensammler in uns, der hungrig die Wälder durchstreift. Hier ist es ein gerade erblühter Jasminstrauch, der mich durchdringt, das erste Mal in diesem Jahr, das ich diesen Duft mit fast narkotischer Stärke wahrnehme. Vorwärts.

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Ein doppeltes Snickers ™ von der Jet- Tankstelle gibt mir den letzten Schub ins Tal.

 

 

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3 Antworten zu Auf der Suche nach stärkeren Gefühlen: im Mai

  1. mark793 schreibt:

    Interessant, dass Bendorf so evangelisch ist, wenn im benachbarten Vallendar ein gigantisches Pilgerzentrum der erzkatholischen Schönstatt-Bewegung liegt (von der meine ultramontane Oma immer fromme Erbauungsschriften bezog). Bin da mehr oder weniger zufällig durchgekommen, als ich von Höhr-Grenzhausen aus Richtung Rhein wollte und mir dachte, in Bendorf würde ich nicht viel verpassen.

    Ansonsten erhöht es den Genuss der Lektüre Deiner Beiträge nochmal um eine Vielfaches, wenn ich auf Teilstrecken oder Locations stoße, die ich auch angesteuert habe (wie etwa die Shell-Tanke in Holzappel, die Kurpromenade in Bad Ems und den Anstieg nach Winden). Sehr schön auch arrangiert, wie einträchtig die beiden rotweißen Stahlrenner nebeneinanderstehen. Vielleicht bin ich beim nächsten Mal auch fit genug, um die Gegend auf altem Stahl unsicher zu machen (mit der Kassette vom abgebildeten Raleigh Sirocco könnte es gehen).

    • crispsanders schreibt:

      die kassette vom Sirocco ist glaube ich suntour winnner oder so. Mit meiner cyclone schaltung kann ich nicht mehr als 25,5 Zähne hebeln – hat mir vorher auch keiner gesagt.
      Winden ist einer der ganz remarkablen Anstiege allhier, gefällt mir jedesmal mehr.
      Die Bendorfer religio erfuhr ich ja durch zufall und hörte dann irgendwann, in Neuwied gebe es sehr extreme Glaubensrichtungen. Obs stimmt?
      jedenfalls sind Sie vor dem Mediamarkt alle gleich.

      • mark793 schreibt:

        Tja, ob der Hang zu größerer Religiosität in manchen Gegenden in der Luft liegt (oder durch Erdstrahlung mitbedingt ist)? Bevor ich da zufällig durchradelte, hätte ich nicht mal sagen können, wo dieses Schönstatt überhaupt liegt. Diese ganze marianische Schwärmerei gewisser Katholenkreise (inklusive meiner Vorfahren mütterlicherseits) war mir seit jeher hochsuspekt. Den Mediamarkt hätte ich jetzt nicht unbedingt als den großen Gleichmacher gesehen, ich sagte mir immer, auch die Frömmsten drückt es über kurz oder lang in Blase und Darm. 😉

        Nach Winden führen ja zwei Wege, von denen der von Kirchähr kommende der schönere ist, aber auch der Anstieg von Nassau aus hat was. Ist nicht so verkehrsreich wie Nassau-Hömberg oder Bad Ems-Kemmenau. Wobei ich Winden auf meinem Rückweg vom Lahntal nach Welschneudorf dann rechts liegen ließ und weiter auf der K 4 Richtung Hübingen blieb.

        Welche Schaltungen welche Ritzelgröße abkönnen, da habe ich ganz enorme Kenntnislücken. Meine erste selbstgeorderte Kassette war bis 28 durchgestuft, und das Light-Action-Schaltwerk von meinem damaligen Raleigh Criterium 12 kam gottlob damit klar. Bei der Umrüstung des Damenrads auf Dreifachkurbel hatte ich mich schon drauf eingestellt, dass ein Schaltwerk mit langem Käfig her müsste, aber der Schrauber des Vertrauens hat es mit dem verbauten RX-100-Teil ohne Wechsel hingekriegt, da ist das größte Ritzel aber auch nicht größer als 25, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Damit hatte ich in der „Triftstraße“ in Winden schon ordentlich zu drücken mit 28er Biopace vorne (was wohl einem normalrunden 30er-Blatt entspricht).

        Selbst wenn ich hier wie vorigen Samstag eine Runde mit vierstelligen Höhenmetern fahre, ist es doch was anderes als im Westerwald mit seinen längeren Anstiegen. Ich bin manchmal nicht so sicher, ob die Hügel-Intervalle, die ich hier mit 39/28 trainieren kann, mich irgenwann in absehbarer Zeit auch dahin bringen, solche Runden wie mit Dir in der Osterwoche mit der Zweifachkurbel fahren zu können, ohne auf dem Zahnfleisch zu gehen. Oder ich finde mich halt damit ab, wie es ist und mache es eher wie Don Alphonso, der sich einen Carbonhobel mit MTB-Kurbel und großem Ritzelpaket hinten so konfektioniert, dass er auch mäßig trainiert eine Alpenrunde in Südtirol fahren kann.

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