W 140! Requiem für eine S Klasse

210514 Requiem für eine S Klasse (W140)

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Als ich meinen Lieblingsanstieg (Dies-Holzappel!) vom Gelbachtal aus in Angriff nahm,  konnte ich nicht ahnen, daß er damit enden würde, mir über ein Auto Gedanken zu machen. Es war ein milder Tag , ich mußte nicht in den kleinsten Gang, erster Roggenduft grüßte mich auf der Höhe. Jetzt kommt Holzappel

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Eine kleine Shell Tankstelle versorgt die Gemeinde mit allem Notwendigen, wenn Bäcker und Metzger geschlossen haben – einen Supermarkt wird man nicht finden. Und hier stand er vor mir.

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Nie hätte ich gedacht, je ein Plädoyer für den größten Mercedes zu halten.  Damals,(1991), als die große neue S Klasse unter klingendem Spiel durch die deutsche Medienwelt geführt wurde gab es Entsetzen ob der unerhörten Ausmaße, des Gewichts, der schieren Wahnhaftigkeit des gesamten Fahrzeugs. Diskussionsstoff für eine ganze Nation. Aber eigentlich gab es vor allem Respekt und endlos ein klein wenig  Sozialneid. Ich empfand kaum anders. Die schiere Massigkeit war das Problem.

 

Mittlerweile ahnen wir: dies war wohl der letzte große Mercedes, an dem die Welt der Automobile Maß genommen hat. Wer konnte ahnen, daß dieser Wagen 20 Jahre danach nicht wie einsamer Überlebender aus der Zeit der Saurier wirken würde, sondern ihm weit größere, hypertrophierte Auto-Gebilde folgen sollten, die ihn zum Relikt einer sachlichen und vernunftbetonten Zeit degradierten ?

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Die Welt hat sich weiter gedreht und tief in ihren Ressourcen gegraben : Kleinwagen unter einer Tonne gelten nicht als „sichere“ Automobile, kompakte Mittelklassewagen wiegen an die 2 Tonnen und neben einem SUV wirkt ein W140 schlicht und äähh . .  zierlich. Aus Verzweiflung werfen Bleichschneider immer neue falten in unförmige Karosserien, deren Überbietungsgestik nur airbagschwangere Proportionen so kaschieren soll.

Der Gestalter dieses Mercedes hieß Bruno Sacco – er wusste offenbar, was er tat –  man könnte ihn noch fragen, wollte man einen proportionierten Entwurf haben.

So wie ich dieses Auto auf der kleinen Dorftankstelle im milden Abendlicht entdeckte, wirkt der souveräne Wagen unter den anderen eigenartig deplaziert, ein Star, der um eine Nebenrolle bettelt –  unser Goldstandard von einst war vor allem eines: unfaßbar billig.

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Zu diesem Preis erhält niemand einen 5 jährigen Polo-VW, dessen Zahnriemen, Auspuff, Wasserpumpe und Batterie im nächsten jahr fällig sein könnten. Märkte sind effizient . . .

 

Wie die Gegenwart aussieht, wissen wir. Was die Zukunft bringt, können wir nicht sagen, vielleicht fährt sie gerade an mir vorbei, Vielleicht sitze ich gerade darauf und sie hat nur zwei Räder . . . .

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Aber wer sich einmal die Zeit nimmt, eine solche S Klasse zu betrachten (und möglicherweise zu fahren) weiß, daß wir aus einer großartigen Vergangenheit stammen, die nie wieder so günstig zu haben sein wird.

 

Nachtrag: und da gibt es Leute, die machen es gleich richtig und legen sich den Schrott gleich auf halde, wie man im Pott so sagt.

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5 Antworten zu W 140! Requiem für eine S Klasse

  1. mark793 schreibt:

    Okay, ich fand den damals schon auch ziemlich wuchtig, aber diese Kakophonie der medialen Entrüstung kam mir kaum weniger maßlos vor. Ich sage nur „Autoreisezug“.

    Hier in der Nähe stand neulich ein gut erhaltener 7er-BMW aus der Zeit (also Baureihe E 32), zum Verkauf. Habe mich da bei philosophischen Gedankengängen über den Weltenlauf, den Wertverlust und das Größenwachstum der Baureihen von Generation zu Generation ertappt.

    Und vielleicht werden wirs noch erleben, dass Audi und BMW ihre Modellpalette soweit auffächern, dass zwischen den Einser und den jetzt noch relativ neuen Zweier noch ein Einskommafünfer gequetscht wird. Oder ein Wurzel-aus-Dreier…

  2. randonneurdidier schreibt:

    Hallo crispinus, der W 140 hat mich in meinem beruflichen Leben bestens begleitet. Ich durfte damals mit meinem Team die Markteinführung organisieren! Prof. Galitzendörfer, der damalige Designchef sagte: „der ist glatt wie ein Fisch“! Ja, und was wir damals als groß und protzig um die Ohren gehauen bekamen, wirkt heute schlicht, bescheiden und klein neben Q7 und Konsorten. Ich sollte mir auch einen alten 600er zulegen, er rollt einfach wunderbar.

    • crispsanders schreibt:

      Es muß nicht gleih ein 600er sein, glaube ich. Mit dem 320 hat man ja schon ein Auto, das unvergleichlich sanft 120 rollt und dabei erträglich mit dem Sprit umgeht.
      Ich dachte immer, der Entwurf sei von Sacco. Das einzige, was wirklich nicht „state of the art “ war , waren die Stoffmuster und (vielleicht) auch die Farben. Das galt aber durchgehend für diese Jahrgänge. Bei Leder kann man nichts falsch machen.
      Das soll jetzt keine Verkaufsberatung für alte Daimler sein, der Preis/Wertverfall bei konstantem Gebrauchswert ist etwas, das ich hier besonders erschreckend finde. Ob dem Publikum der Qualitätsmaßstab verlorengegangen ist?
      Mich würden schon die Gedanken interessieren, mit denen Mercedes dieses Auto seinerzeit „in den Markt“ brachte.

      • randonneurdidier schreibt:

        hallo crispsanders, sicher, ein 600 er ist schon übertrieben, wenn man aber nur ein paar tausend km pro Jahr nach dem Lustprinzip fährt, halten sich die Kosten in Grenzen. Und echte 12 Zylinder und 6 Liter Hubraum muten zwar dinosaurierhaft an, haben aber einen besonderen Reiz. Bei Stoffdesign und Farben muss man sich schon auf den Zeitgeschmack der 90er einlassen. Zu Prof.Gallitzendörfer: Das Design eines Fahrzeuges wird immer von einem Team gemacht: Gallitzendörfer war damals für das Außendesign verantwortlich– und nebenbei noch Professor für Design an der FH Pforzheim. Der wesentliche Leitgedanke beim 140er war: Mach es einfach, schnörkellos, zeitlos,

        „Chrom hat noch nie eine Funktion gehabt“, war einer der Lieblingssätze von „Galli“.

        Und nun schaue ich wieder liebevoll auf mein Colnago, mein Basso – und stelle fest: zeitlos, elegant, funktionell… das hätte Galli gut gefallen!

        p.s: ich hoffe, wir sehen uns bei HH-B und spätestens bei PBP 2015

  3. crispinus schreibt:

    Besten dank für diese Informationen, man könnte also Designhistorisch folgern: der W140 als Schlußpunkt der Ulmer Schule, mit der ich Jg.65 natürlich groß geworden bin. Die gestaltungsmaxime einer Generation, sozusagen.
    Das ist solange vorbei, bis das Pendel wieder zurückschlägt.

    Unterdessen kann ich bestätigen, daß das Wassersportheim Gatow renoviert und bewirtschaftet ist! Der Ort hat Charme. Ich hoffe , HH-B endet diesmal dort. Spätestens bis dahin grüßt

    ein ex-Berliner

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