600 mit der 600er

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Warum mußte ich nicht groß zögern, als ich das passende Rad zum 600er  Brevet suchte. ? Einmal, weil das Profil über die Gesamtdistanz relativ flach war. Flach wie Holland eben, zwar erst nach km 250, aber so, daß eine “Regenerationsübersetzung” nicht nötig schien. Kein Grund, kompakt oder 3fach vorne zu wählen.

Dann erkannte ich, daß der parcours vom ara niederrhein eine gr0ße 8 bildete, mit dem Kreuzungspunkt in Twisteden, also genau dort, wo das Auto stünde. 600:2 = 300 km, eine kalkulierbare Distanz, jedenfalls nach aktuellem Stand.

 

Für einen Langstrecken-Anfänger wie mich eine doppelte Sicherheit. 300 km gingen ja (Gesundheit vorausgesetzt) irgendwie klar und in einem Auto kann man eine Menge Sachen unterbringen: Wechselwäsche, Nahrungsmittel, Trampermatte: also alles Dinge, die vielleicht notwendig sein würden und dann nicht unterwegs mitgeschleppt werden mußten. Weniger Gesamtgewicht.

Nach meinen Berechnungen hatte ich damit ein warmes Dach für die Nacht, ein RettungsFluchtfahrzeug und ein Basecamp. Damit war klar: das schlichte Snel mit seiner 600er nehmen und ein paar Sachen anbauen. .

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Die 600er  ist eine Komponentengruppe von Shimano, die kurz nach der Rennsport-Edelausstattung Dura-Ace auf den Markt kam, so um 1975. Dura Ace, das war die Kampfansage an campagnolo. Seit 1973 “pushten” die japaner ihre “Record” Kopie in die europäischen Rennställe, eine Strategie, um die Firma Shimano, die bis dahin vor allem Anglern bekannt war (Spulen) in einen boomenden Fahrradmarkt zu kommen.

In meinem ersten Katalog der Pariser Automobilschau von 1976 tauchen die skurillen japanischen  Straßenkreuzer im Taschenformat erstmals deutlich auf. Die Reaktion der Presse war ähnlich wie jene, mit der die Grüne Partei von CDU und SPD empfangen wurde: Auflachen, Stirnrunzeln und Kopfschütteln.

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My Toyota (2000) is fantastic

Wer aber einen Blick nach Holland oder Belgien riskierte, sah etwas anderes: 30 % Marktanteil nach nur 5 Jahren,: –  da konnte doch etwas nicht stimmen : Nissan, Toyota oder Mazda,  das waren schließlich nur primitive Nachbauten , schamlose Kopien ideenloser Asiaten etc. etc. etc. Nur daß es weder in Belgien noch Holland einheimische automobile Vorbilder gab….wenn wir einen kleinen daf nich mitzählen.

 

Sicher war auch die Dura Ace in vielen Punkten eine kopie der Campagnolo Record:  Bremsen, Schaltungen und Naben. Einige belgische Rennställe scheint das aber nicht wirklich interessiert zu haben, Flandria und Superia beispielsweise, bei denen ein gewisser Godefroot und ein gewisser Maertens serienweise Rennen auf belgischen Buckelpisten gewannen. Und wenn man schonmal einen Klassiker auf einer Dura Ace gewonnen hat. . . .

Fahrradkomponenten sind keine Automobile. Sie sind an sich viel schlichtere Produkte, wenn noch Styling, Farbwahl und Vermarktung dem Begriff zugerechnet werden.

Jeder informierte Kunde dürfte ca. 1970 bereits gewußt haben, daß Japan in Sachen Aluminium-Druckguß, Feinmechanik und Oberflächenbearbeitung auf einem Gebiet bereits Weltmarktführer war: bei der Spiegelreflexkamera. Die Nikon F und dann die F2 waren das Handwerkszeug des professionellen Reporters, präzise, universell und von legendärer Robustheit. So auch diese:

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Hättem Firmen wie Campagnolo oder Simplex in Frankreich die Kunst der Transferleistung besser beherrscht als Zeiss Ikon, Voigtländer oder Leitz, dann wäre ihnen der Konkurs oder die Marginalisierung vielleicht erspart geblieben.

So aber durften die ersten Dura Ace Schaltungen belächelt werden und nur selten an Spitzenmodellen der großen Rennradfirmen verbaut werden . Dennoch munkelt man , sei die interne Rivalität zwischen dem jungen Freddy Maertens und Eddy Merckx bei der Straßen WM 1973 in Barcelona auch dem Umstand geschuldet gewesen, daß campagnolo um kein Preis(geld) der Welt einen Shimano Sieger sehen wollte…..

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Wie dem auch sei,  und wie groß der Campa-Mythos noch fortdauern mag, als die Shimano 600 an mein Snel montiert wurde, so  um 1980, da war es eindeutig eine budget-wahl, also Campa für Arme. Man begegnete ihr nun auf Gazelle oder Raleigh Rädern und belgischen Erzeugnissen. Frankreich war noch im Simplex Standard gefangen und für ein italienisches Rad war es eine Frage der Ehre….

Die 600 war vielseitig. Der Umwerfer bewältigt auf Wunsch auch 3 Kettenblätter, die Schaltung hinten „kann“ ohne Tricks auf 28 Zähne ,die Naben sind gedichtet , die Bremsen verstellen sich nie und bei den Kettenblättern habe ich die Wahl von 38 bis 54 Zähne, die der Lochkreis 130 gestattet. Dieser Standard wird unverändert gebaut.

Bei fast gleichem Gewicht wie „reines“ Rennmaterial funktioniert die 600 schnell und präzise: unter anderem auch wegen der schön konstruierten Schalthebel. An dem SNEL blieb also alles wie es war.

Kein Wunder, also daß diese Gruppe über 15 jahre gebaut wurde  – sie  ist nun im Schatten edlerer Metalle ein günstiges Angebot im Meer alter Fahrradteile.

 

Dieser kleine Exkurs soll nicht dem Beweis dienen, daß früher (fast) alles besser war, sondern lässt viele Parallelen erkennen zu den Welt-Entwicklungen seit 1965 auf allen Konsumgütermärkten . Die Kolonialherrenperspektive überlebt nur noch in einer Manufactum oder  British stile Perspektive und weicht etwas neuem, viel ungewisserem: wir sollten vorsichtig sein. Und wer einmal eine heutige Shimano Schaltung untersucht, wird selten Japan darauf lesen.

aardeck snel re

Fortsetzung folgt

 

 

 

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6 Antworten zu 600 mit der 600er

  1. kreuzbube schreibt:

    In einen Campagnolo Ergopower habe ich zuletzt für 2,50 EUR eine neue Feder eingebaut, die Campagnolo liefert. Einen Ultegra Schalthebel habe ich weggeschmissen. Einmal zerlegt sieht man das Desaster. Wenn man Uhrmacher gelernt hat, mag die Reparatur angehen…

  2. crispsanders schreibt:

    hier wird ausdrücklich von der 600 gesprochen – nicht von Ultegra und nicht von STi -s- mir ist klar, das campagnolo gelernt hat (sonst wären sie futsch) aber das hat weit bis in die 90er gedauert – bis Shimano Fertigung outsourcte und Obsoleszenz entwickelte. Wie so viele.

  3. kreuzbube schreibt:

    Der Schalthebel der 600 unterscheidet sich doch aber in seiner Funktion null komm null von einem Nuovo Record-Hebel – oder einem 105 oder Dura Ace Hebel. Gerade ein Rahmenschalthebel ist doch ein solch simples Ding, dass es völlig egal ist, welchen man dran schraubt. Das sind ja die verbliebenen Vorteile daran: Sie sind billig, gehen nicht kaputt und nach Kompatibilität hat damals noch keiner gefragt. Aber ich vermag wirklich nicht zu erkennen, dass da einer der alten Hebel schneller oder präziser den Seilzug einen Zentimeter weiter bewegt als der andere.

    • mark793 schreibt:

      Die Rasterung dürfte viele feine Unterschiede ziemlich nivelliert haben. In der Friktionshebel-Ära hingegen waren die Unterschiede noch etwas ausgeprägter. Ich erinnere mich, dass die Schalterei mit den Plastikhebeln von Sachs-Huret ein elendes Gewürge war, verglichen damit, wie leicht und präzise es mit den Simplex-Retrofriction ging, obwohl die kürzer sind und somit weniger Hebelkräfte mobilisieren. Die werden von Kennern völlig zu recht gerühmt. In der SIS-Welt habe ich zwischen Light Action, Exage, 105er und 600ern keine nennenswerten Unterschiede festgestellt, gemessen daran sind es himmelweite Unterschiede im Schaltkomfort, ob man es mit einer Uniglide- oder Hyperglide-Kassette zu tun hat.

  4. crispsanders schreibt:

    diese Vorteile der einfachen und zuverlässigen Handhabung von Schalthebeln möchte ich gern auch herausheben und sie sind grundsätzlicher Natur – Unterschiede gibt es im Detail natürlich, die sich auch in der Praxis auswirken: wenn sich die Klemmung nämlich zuverlässig lockert. Dinge die bei langen Strecken und hoher Müdigkeit und besonders nachts aber sehr sehr unschön werden können.
    Und eine solche Situation beschreibe ich hier.

  5. randonneurdidier schreibt:

    hallo, bin auf einen Hinweis von Ingo Langemeyer auf Deinen Blog gestoßen: Klasse! Lese mich gerade ein!
    Grüße
    Dietmar

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