200614 Teil 2: 600 mit dem 600er

600 km

Der erste Brevet über die große Distanz. Zum einen: es ist ein Vorstoß in die Stratosphäre – zum anderen : das Leben jenseits der 200km Grenze ähnelt doch stark dem Leben davor. Anders als bei Weltumsegelungen oder Weltraumprogrammen habe ich mich nicht gesondert oder systematisch vorbereitet, um diese Distanz zu bewältigen.

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 Vorbereitung

 

So habe ich nur brav (auch winters und regens’) Kilometer gemacht und versucht, die Erfahrungen der Jahre zuvor zu summieren. Im April bin ich unter normalen Bedingungen eines morgens ins Schwabenland gefahren – das waren 260km. Im Vergleich zum Vorjahr war ich bei ähnlichen Bedingungen eine Stunde weniger unterwegs und fühlte mich zum Ende hin weit weniger ausgelaugt. Solche direkten Vergleiche sind für Eigen-Beurteilung sehr wichtig.

 

Dann fuhr ich noch einen hügeligen 200er Brevet in Troisdorf unter Nieselklima und einen Marathon durch Vulkaneifel und Mosel, das wars schon mit Langstrecke. Die Termine für 300 und 400 mußte ich platzen lassen und so blieb es bei den heimischen Runden, die zwischen 2 und vier stunden Dauer haben und immer mit vielen Höhenmetern einhergehen, Westerwald und Lahntal obligent. Mir half die Feststellung von Randonneurdidier , daß es lieber 2mal5h als ein mal 10h unter der Woche sein sollten. Das deckt sich völlig mit der klassischen Trainingslehre für kürzere Distanzen. Ich strecke das Argument und behaupte: es sollte jeden Tag etwas sein, und wenn es nur der Weg zum Bäcker im Nachbarort ist.

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Leider etwas zu hecklastig

Am meisten Kopfzerbrechen (neben der Lichtanlage) machte mir das Navigationsgerät, dessen Benutzungsebenen und Speichermodi ich nicht ohne Hilfe durchschaute. Aber ohne so ein Ding geht es wirklich nicht und mit so einem Ding nur dank aufgesetzter Brille – Verwirrung ohne Ende. Ich bekam ein internet tutorial: da danke ich dem Stahlraser für seine ausgiebeige Unterstützung – ich wäre sonstewo gelandet . . .

 

Die Gelegenheit

 

Twisteden liegt in der Niederrheinischen Ebene , außer durch die Familie Tebartz. van Elst ist der Ort nirgends medial auffällig geworden. Holland ist nicht weit, die Felder sind groß und am Wochenende besuchen Familien aus der Nachbarschaft das Irrland, einen übersichtlichen Erlebnispark im Grünen der von weitem durch die gelbe Antonow Propellermaschine erkennbar ist.

 Die Wetterprognose fürs Wochenende war gut, nur leichte Winde angekündigt. Jetzt oder nie, ich will diese 600!

Es ist ein herrlich sanfter morgen – alles wirkt ausgestorben; auf meiner Hinfahrt sah ich nur einige Radfahrer in meine Richtung reisen – es waren die paneuropäischen Feldarbeiter, die zu zweit oder allein, entspannt die endlosen Alleen zwischen Straelen, Geldern und Kevelaer auf abgelegten Rädern herunterrollten. Riesige Felder und Gewächshäuser warten auf sie, unsere neuen Südstaatler ohne Lohnuntergrenze . . . .

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In der Twistedener Morgensonne steht das bunte Völkchen der Brevetfahrer bereit – Stahl, Alu, Carbon und Liegerad Seite an Seite. Stahlraser Ingo begrüßt mich – mein guter Hirte für die nächsten 2 Tage. Er trägt ein Trikot von der Deutschen Bahn und wir üben uns ersteinmal im Navivergleich: hurra – da ist er: mein erster Track, eine rosa Spur vor gelbem Hintergrund. Ein Stück Kuchen, kurze Ansprache von der Treppenleiter und an die 70 2Räder rollen in die Ebene ab.

 

Unschuld und frühes Leid

Unterwegs  wird einiges besprochen, denn wir (der stahlraser und crispinus) kennen uns nur virtuell. Industrierelikte, Baudenkmäler, Dorfkirchen – Brevetfahrer sehen mehr. Wir durchkreuzen jetzt den Landkreis in dem ich geboren bin und ich sehe kommen: dieser brevet wird meine sentimental journey: die Ausflüge, die ich vor 25 Jahren machte, mit Leinenrucksack, Aquarellblock und Minox (und einer Banane), die fahre ich jetzt alle in einem wieder ab. Dort der alte Militärflughafen, hier kannt’ ich ein Mädchen, hier wohnte mein alter Sportlehrer …. es geht nach Süden – der Eifellinie und die Halden des Aachener Kohlebeckens sind an diesem Tag schon aus 40km zu sehen. Noch ist die Luft leicht.

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Als die ersten Hügel des Bergbaureviers, das sich auch auf die holländische Seite erstreckt, erreicht sind, habe ich meine Flüssigkeitsvorräte aufgebraucht. Wir fahren angenehm in einer größeren Gruppe, weshalb ich mich nicht durchringen kann, an einem günstig gelegenen Supermarkt zu halten. Ein Fehler, für den ich bald zahlen werde. Ein Eine Gruppe schneller Zugvögel zieht vorüber – Stahlraser Ingo schließt sich an. Etwas zu forsch für mich.

Kurz vor Kontrolle 1 dann der Anstieg zum Dreiländereck, dem einzigen größeren Hügel weit und breit, es mögen 120hm sein. Eigentlich unkritisch.

 

Es wird eine Quälerei in der Schwüle – ich bin leer, mein Rad ist schwer, ich muß mächtig beißen und zu alledem überholen von überall Radfahrer: es ist das Eldorado der Umgebung. Da endlich ein hübsches café, Räder überall. Absteigen. Nein, die Kontrolle ist es nicht. Zurück aufs Rad, Fußgänger befragen – sie suchen selbst. Minuten vergehen, dann wird mir klar, daß der große Funkmast dort hinten der gesuchte Ort ist. Stempeln, grüßen, Wasser suchen auf einem halbwegs sauberen Klo dieses touristisch gut erschlossenen Komplexes. Pommesfett steigt mir ins Hirn, ich schlinge eine meiner vier Rauchwürste hinein. Es ist schwül. 13h. Noch einen Müsliriegel. Hinunter.

 

Herrliche Kühle in der klimatisierten Confiserie nach der Abfahrt. Man backt französisch-belgisch und ich kann diesem Paar Pains au chocolat dort nicht wiederstehen . . . anders als Ingo, der geduldig draußen wartet. Moresnet, Belgien, der nächste Anstieg, es wird jetzt immer auf und ab gehen in dieser Schwüle. Diese Croissants hätte ich nicht essen sollen, dabei waren sie selten gut. Die belgische Landschaft ist schön und besser wäre jetzt ein Nickerchen unter einem passenden Baum, die Temperatur ist seit gestern um 15 Grad gestiegen. Kein Entrinnen, Beine und Magen fordern dasselbe Blut.

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Es geht in Wellen stets bergan und diese Stunden um Eupen (klebrige Schorle aus dem intermarché) werde ich böse erinnern. Kaum daß ich mit dem Stahlraser mithalten kann – auf kleinem Blatt über einen Ravel, einer umgewidmeten Bahnlinie, der nur lächerliche 2 Steigungsprozente hat – mit einem Navigationshöhenmesser ist der Selbstbetrug ausgeschlossen.

 

Irgendwann geht es wieder hinüber nach Deutschland, ein lustiger Mensch hat aus portugiesischen Buchstaben-Kacheln das Wort Borderline über seine Haustüre geschrieben. Es sind keine 150km und ich fühle mich, als würde ich schon längst über der Grenze sein. Doch solange ich sitze und strample, die Gänge brav und lautlos (600!) einschnappen, bin ich dabei.

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Ingo hat Geduld mit mir. Frischer Wind aus der Eifel, es geht wieder hinunter. Da steht 14 % = Schuß. Schuß hinunter bedeutet aber auch Schuß hinauf, geht es mir durch den Kopf und nach einer kleinen Brücke steht die Wand vor uns. Gang 1, prüfen, ob die Kraft wieder da ist. Der Stahlraser ist schon 150m voraus, aber ich bin guter Dinge, denn irgendwie bekomme ich es hin. Dann dreht er sich um und ruft: umkehren! Die Kontrolle ist irgendwo im Tal ! – nur 30hm umsonst. OK. Also zurück, tiefer, tiefer in die Eifelschlucht, an deren Ende das kleine Chalet steht, an dem junge Damen mit den Stempeln auf uns warten.

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Ein Mann führt zwei Möpse aus, einer beschnüffelt den Reifen eines mit ziselierten Intarsien versehenen Titanrahmens. Jetzt einen schönen schwarzen Tee.

 

Doppel

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Kurz nach 17h und 200km, biege ich die Kehre zur Steigung hinauf und, siehe da: es geht. Der Rhythmus ist wieder da, die Kraft auch, der Bauch endlich leicht. Motorräder schießen mit Überschall an mir vorbei oder rasen mir entgegen. Ich zähle die Gangwechsel: 2,3,4, und bei 5 erreicht mich die Druckwelle. Die Kreuze am Wegesrand erwecken hier nicht mehr meine unbegrenzte Anteilnahme. Nun geht es langsam und stetig aus der Eifel hinab in einen schwülen rheinischen Sommerabend. Am Horizont dampfen die Kraftwerke der Zukunft.

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Fragen an die Dunkelheit

 

REWE, Ernährungspartner des DfB, steht auf den roten Plakaten, die das Land überziehen. Wir sollen Grillen und Fernsehen. Tut mir leid , das geht jetzt nicht: stattdessen: Hefeweizen ohne alles, Malzbier, Wasser, Bananen in einem Ort namens Baesweiler. Die Jugend der Welt deckt sich ebenfalls ein, Randonneure grüßen uns, andere stoßen hinzu, dazwischen Mädchen, die vom Baggersee kommen, der einmal ein Braunkohletagebau war. Jetzt dürsten die Girls im Gefolge eines 18 Jährigen Leitmännchens nach Alkoholika …

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Ich schätze meine Situation ein – drei Stunden hat mein Körper gebraucht, um sich wieder gut zu fühlen. Der einzige Vorteil ist, daß mich diese gallische Gourmandise so früh übermannt hat. Bei km 400 hätte ich sicher mit dem Gedanken ans Aufgeben gespielt, so aber nicht. Denn sonst läuft alles wie gekannt. Die Pasela Reifen halten schön die Luft, Kette und Antrieb laufen geschmeidig (600!), meine eher weiten mtb/cross Schuhe machen keinerlei Schwierigkeiten trotz der Wärme. Die Klickpedale sind soft eingestellt, ich kann also immer wieder den Winkel ändern, mit dem ich in die Pedale trete. Kann das nur empfehlen, denn weder Knie noch Gelenke werden Probleme bereiten.

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Wieder Geilenkirchen, der Heimat des Kunst-Eulenspiegels Beltracchi (wir sprachen von ihm). Das Licht ist mild, wir pflügen uns durch die Kornfelder, dort hinten der Kirchturm meiner alten Kreisstadt. Roggen, Weizen, Mais. Ich ziehe meine Kappe ins Gesicht, damit die Insekten weniger hart aufprallen. Kein Wind, es rollt. Der track führt mich durch die Stadt, in der ich vor 30 Jahren Abitur machte. Amtsgericht, Heimatmuseum, alles da – und gleich kommt das Krankenhaus.

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Ich nutze die Gelegenheit, denn hier wartet jemand auf mich. Der stahlraser ist so nett und läßt mir die fünf Minuten, die ich brauche, um ihr eine Gute Nacht zu wünschen. 20h32 , die Besuchszeit ist gerade vorbei. Auf der Station frage ich die Nachtschwester, ob ich noch herein kann. Sie nickt und lächelt.

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Als wir das Städtchen verlassen, vorbei an der Wohnung, in der ich vor 48 Jahren laufen lernte, vorbei an den Spielplätzen, die mein Dreirad besuchte, ahne ich nicht, daß ich meine Mutter gerade zum letzten male gesehen habe.

 

Langsam kriecht der Nebel über die Felder und die Nacht bricht herein. L’heure bleue.

 

 

 

 

 

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Eine Antwort zu 200614 Teil 2: 600 mit dem 600er

  1. mark793 schreibt:

    Welch glückliche Fügung, dass dieser Langstreckenritt Gelegenheit gab, die Mutter nochmal zu sehen!

    Und überhaupt: Wieder ein sehr packender Bericht, ich freue mich schon auf den nächsten Teil.

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