600 mit der 600er – Teil 3 – ein Abschluß

600 mit der 600er : Teil 3  Ein Abschluß

holland4

„….Bedingungen, die nicht leicht zu verstehen sind, noch weniger in der Begrenztheit einer Erzählung wiedergegeben werden können, bis ein Schlüsselwort gefunden ist . . . . „

Ich habe kein Schlüsselwort für diese Distanz, vielleicht einen Traum:Pneumatische Federung?

 

Der zweite Tag

Meine Handschuhe morgens getauscht, das Paar mit dem dickeren Polster hätte ich von Beginn an nehmen sollen und ich verstehe sehr gut, weshalb man den Lenker doppelt wickeln sollte: noch über eine Woche hatte ich taube Handballen

Ich sehe Holland . Ich sehe ein Land mit vielen, vielen Radfahrerampeln, Kreuzungen und plattierten Wegen. Große Deiche, Kanäle, Wasser bis an den Horizont. Der Himmel ist riesig und der Spruch von Bernard Moitessier gilt: gib mir wind geb ich dir Meilen.

Aber es gibt auch Wälder, Bäume, endlose Alleen über sanfte Dünen. Wir haben Zeit es zu genießen: nach einer ersten Stunde und einem feinen Kaffee in Emmerich ist die Müdigkeit aus den Beinen (und dem Kopf) heraus – es wird keine Probleme mehr geben. Mit der 600er käme ich bis Kapstadt.

Ich kann zurückblicken, als ich auf einer Kanalbrücke bei Doesburg km 400 mit einem deftigen Strahl feiere.

Holland am Sonntag. Alles ist sehr aufgeräumt, die Radvereine (es sind auffällig viele) fahren mit frischen Trikots an uns vorbei. Radsportler wie aus dem Katalog, die Vereine in geschlossenem Verband. Dann, im Norden der Veluwe, Menschen beim Kirchgang, ganze Familien. Die Frauen tragen lange Röcke und eigenartige Hüte. Alles in schwarz. Sie führen ihre Kinder und es wirkt, als seien sie einem (sehr alten) holländischen Gemälde entsprungen. Zwei glänzend gestriegelte Anglo-Araber am Ende einer langen Allee. . .

Tankstellen sind das Refugium der Hungrigen. Das gilt heute verstärkt, denn nicht alle Cafés sind geöffnet und nicht alle sehen so aus, als wollten sie uns schnell mit frischer, gesunder Nahrung versorgen. Hier ist der Alkohol- und Zigarettenverkauf nicht an Tankstellen üblich. Nicht daß ich jetzt ein Schnäpschen bräuchte, es ist die Folgewirkung: das Angebot ist dünn – und teuer! 3 Euro für den puritanischen Energy-drink „chocomel“ kann man als gesunde Marge bezeichnen.

Eine Ausnahme gibt es: die Oase an Kontrolle 4. Es ist eine Autobahntankstelle, die wir durch den Dienstboteneingang betreten. Slawische Lastwagenpiloten, Familien auf der Durchreise, das bekannte Bild der Urlaubsreisen. Hier werden Baguette, die sogar vollwertig aussehen, auf Wunsch belegt. Auch die Espressomaschine hat internationales Format. Für mich bitte Lachs mit Salat und frischem Quark! „Besser als in Deutschland“, sagt die Frau in Shorts und Sandalen hinter mir, die eine Dose Cola light in der Hand hält. Sind nicht unsere Holländer die besseren Deutschen?

Sie sind jedenfalls die Weltmeister der Fahrradampel, die alle paar Kilometer den Rhythmus killt und des sauber plattierten Weges, der uns mürbe rüttelt. Die Welt ist ungerecht. Km 500 feiern wir in einem kleinen American Burger House in einem kleinen Ort, schräg gegenüber Seniorenheim und Friedhof.. Wir bekommen Eis und eine Zitronenscheibe für unsere Flaschen. Nur noch hundert! Rufen wir dem netten Mädchen hinter der Theke zu, die uns etwas verwundert ansieht. Countdown

Unter blauem Himmel und günstigen Wind

Das Snel saust, das kleine Blatt werde ich nicht mehr brauchen und die 51×20 ist genau richtig. Wenn wir Dampf machen, und Ingo der Stahlraser ist kein Kriecher, dann lege ich sogar die 17 auf und wundere mich. Der Körper will, jedenfalls die Beine. Keine Spur von Krampf, nur ein leichtes Ziehen der Kniesehne links außen. Rouleur.

Die Schwachstelle des Ensembles kommt vom geklemmten Gepäckträger – er verschiebt den Schwerpunkt durch den Überhang so stark, daß es unmöglich ist, freihändig zu fahren. Der Rahmen schaukelt sofort auf, nur ab und zu kann ich mit einer Fingerspitze am Lenker entspannen. Erkennen werde ich das erst, nachdem ich das Rad wieder auf 11,5kg gestrippt habe. Nächstes mal!

Das andere Thema heißt Navigation. Mein gebrauchtes garmin funktioniert ganz wie es soll und hat nur einen Btteriewechsel gebraucht. Am Ende erst habe ich die Handgriffe beisammen, um meinen Track aufzurufen, aber die Abhängigkeit von diesem Ding nervt doch sehr, zumal es ja über verwinkelte Schlupflöcher und kleine Nebenstraßen geht. Da ich nicht einmal einen Tacho benutze (Vorbauverschmutzung!) bin ich natürlich denkbar ungeübt– so richtig frei fühlt man sich aber nicht. Die Genauigkeit ist verblüffend!

Ach, und die Reifen: 25er Panaracer Pasela, die sind gut, keine Frage, aber auf Dauer zu dünne – da bestätigen sich die Thesen Jan Heines, der ja für lange touren sogar Ballonreifen empfielhlt. Nicht verkehrt ,wenn man bedenkt, daß die Reifenflanke die wirksamste Dämpfungseinheit ist und wir mit herkömmlichen Pumpen knapp 5bar auf den Ersatzschlauch drücken. Das ändere ich für Touren über 300.

Bei km600 stellen wir fest, daß wir immer noch in Holland sind. Blick aufs Roadbook (das analoge Backup!) es sind 616 zu fahren! Danke, daß Sie nicht nachgesehen haben, die innerlichen Schmerzen kompensiere ich mit einem doppelten Snickers.

Randonneure am Horizont! Wir stoßen hinzu und plaudern im Bummeltempo. Zwei Ryanair Flieger begrüßen uns in Deutschland – unglaublich, wie eng und niedrig sie nach dem Start auf Kurs drehen. Sie beobachten uns.

Die Sonne scheint, der Asphalt ist sehr, sehr körnig jetzt, der Gedanke an ein echtes Hefeweizen läßt Schmerzen vergessen. Ausrollen. Ich bedanke mich bei allen und ziehe weiter, ein leeres Haus erwartet mich

 

holland8

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4 Antworten zu 600 mit der 600er – Teil 3 – ein Abschluß

  1. mark793 schreibt:

    Snel, Snel, Isabell!

    Und was steht als nächstes auf dem Programm – ein 1200er? 😉

  2. mark793 schreibt:

    Snel, Snel, Isabell!

  3. mark793 schreibt:

    Dritter Versuch, einen Kommentar zu hinterlassen: Snel, Snel, Isabell!

    Bin in den Niederlanden bisher nur wenige Kilometer Rad gefahren, aber die vielen Kreuzungen mit Ampeln sind mir auch aufgefallen.

  4. mark793 schreibt:

    Eins, zwei Test.

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