250714 Anatomiekunde am SNEL

2012 – ungefähr im Juni, ein Telefonat

„…also mich wundert nicht, daß das Rad noch da ist….“ Es war seit 2-3 Tagen in den Kleinanzeigen  von e’#^y, es stand in Berlin und auf den unscharfen Bildern waren die grünen Reynolds Aufkleber zu sehen. 2-3 Tage sind auch 2011 für ebay Kleinanzeigen eine sehr lange Zeit, eine Ewigkeit, wenn man bedenkt, daß Angebote ab Seite 3 virtuelle Unverkäuflichkeit bedeuten.

 

Mein Freund war skeptisch und blieb es, als er das Rad dann tatsächlich besichtigte. „Bist Du sicher?….“ Ja, warum?“ „Der Rost.“ war die lakonische Antwort. Ich blieb hart.

Rost und ein Name, der wie ein ironischer Kommentar wirkt.

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Diese für Poser tödliche Kombination könnte tatsächlich mein Glück gewesen sein.

2014 – im Juli

Rost an den richtigen Stellen scheint vor allem, wie ich nach zwei Jahren recht harter Nutzung weiß, kein wirkliches Problem zu sein. Nennen wir ihn also Patina und beginnen eine ästhetische Diskussion.

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Ein Jahr zuvor, im Stuttgarter Schlossgarten,. Ich hatte gerade das atemberaubende Buch zu den Werken Dieter Rams aufgesogen. Radios, Wecker, Kaffeemühlen in wunderschönen Abbildungen. Auf den Bildern war deutlich zu erkennen, daß die Geräte Gebrauchsspuren hatten, Ecken waren angerieben, Farbe ganz dezent verbleicht. Patina, eigentlich ein unverzeihlicher Zustand für hardcore-Sammler. Ich legte das Buch, daß ich gerade auf dem Flohmarkt am Karlsplatz gefunden hatte, beiseite. Eine Saite war zum klingen gebracht worden.

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Dann hörte ich den kleinen Zweizylinder, der die Luft der französischen Provinz ab 1950 millionenfach zum Klingen brachte: ein 2CV parkt aus. Er ist in diesem diffusen graublau eines Handwerkerkittels , das genau der Alltäglichkeit entspricht, für die ihn seine Konstrukteure entwarfen. Ich kenne dieses Auto – es ist das erste Auto meiner Tante und ich weiß, wie enttäuscht ich als kleiner Junge von diesem kleinen lächerlichen Trommeltacho war, der nicht einmal bis 100 ging! Meine Tante lachte und mit wenig haltbaren Klappscheiben fuhren wir eine lange sonnige Allee der Ile de France entlang ….. natürlich wurde er gestohlen.

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Heidelberger Kennzeichen, ein Japaner mit Frau und Kind am Steuer. Rost, überall Rost – der Lack war von Rostspuren an den Kanten, an den Kratzern und kleinen Dellen durchsetzt, die sich seit 1963 an ihm gesammelt hatten. Aber er war nicht durchrostet, eindeutig nicht. Das war etwas Neues: lackierter Rost – jemand hatte den gesamten Rost mit einer durchsichtigen Schicht überzogen, die den 2CV für immer Alt bleiben ließ.

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An einem Stahlrahmen gibt es durch den Gebrauch typische Roststellen. Am deutlichsten war das Oberrohr betroffen, dort, wo der Schweiß des Fahrers unerbittlich auf das Oberrohr tropft, frisst sich das Salz in den Lack. Dort, wo das Bremskabel an den Sitzstreben vorbeigleitet, scheuert es die Farbe durch, dort wo die Luftpumpe auf das Tretlager geklemmt wird, sammelt sich Wasser, dort, wo Kettenstreben von aufgewirbelten Steinen gemartert werden platzt die Schutzschicht.

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(die Flecken auf der Gabel lassen sich abwischen)

So genau sah das SNEL aus: ein großer, stabiler Rahmen mit Wraparaound Sitzstreben, also Streben, die sich um das Oberrohr legen und an den Spitzen berühren: stabil, benutzt und gezeichnet, aber nicht gebrochen und vom Herumstehen verfault. Das Zaubermittel, das beim 2CV gewirkt hatte, mußte ich nur noch finden, und da halfen die Stimmen aus dem Netz schnell weiter.

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Der schwäbische Lackhändler hatte von einem Mittel, mit dem rostige Gartentore für immer rostig bleiben, noch nie etwas gehört. Kein Wunder, wenn ich mir die Gartentore des Landkreises so ansah. Es kommt aus Bayern und heißt Owatrol, ich mache gerne Werbung dafür. Es ist ein kriechfähiges, durchsichtiges ölfirnissiges Zeug, das komplett aushärtet. Man braucht zwei Sonnentage und einen Pinsel. Die 125ml Dose reicht nach meinen jetzigen Erfahrungen noch für 4 Anstriche, wenn ich großzügig bin: das Zeugs ist wirksam.

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Ich habe mit dem dementsprechend präparierten SNEL etliche Regen, -Winter und Drecksfahrten hinter mir , nota bene das Wettschwimmen 2013 namens Hamburg-Berlin. Die Roststellen, das erkenne ich beim Neuanstrich, sind unverändert – der Rahmen hält, was er verspricht. Er stammt von 197x und wurde in Oostende in den Werkstätten Fernand Kessels gebaut , einem der Auserwählten, die auch die ersten Eddy Merckx Serien hergestellt haben dürften. nachdem das Abzeichen seit 1972 auch die persönlichen Gabelkronen Eddys zieren durften.

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Es ist keine Sonderanfertiugung, nur ein stabiler 62er in Handarbeit, den sich Minheer Fred Snel für seinen Laden in Utrecht bestellt hatte, Fred, der Mann, der schneller als alle anderen Holländer ein Hinterrad wechseln konnte. Hört man so.

Aber das ist eine andere Geschichte. Hier noch einmal die Abmessungen:

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Gabel oval: 27,8, Enden 12

Sitzstreben 16-12

Muffen: Bocama – kurze Spitzen

Steuerrohr 32,0

Sattelrohr 28,0

Unterrohr 29,0

Oberrohr 25,5

Ausfallenden Gipiemme

Tretlager : Nummer 592076, was auch immer sie bedeutet. Bj76?, die 6 ist leicht schräg..

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Eine Antwort zu 250714 Anatomiekunde am SNEL

  1. mark793 schreibt:

    Das bisschen Rost (das mir im real life gar nicht groß aufgefallen ist) verstärkt eher noch den Eindruck von Solidität. Eigentlich müsste dieses Rad – zumal bei dieser taubenblaugrauen Rahmenarbe – hammerschlaglackiert sein. 😉

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