0306814 Polch – die vierte Prinzenrolle

30814 Polch Marathon

 

Nach längerer Zeit wieder mal einen Marathon, was eine ungenügende Beschreibung für eine 200 plus- Runde. August. Die Felder liegen voller Rollen, Stoppel rechts und links, Mähdrescher geben Gas, langsam bleibt nur noch der Mais. Wird es Gewittern, wird es heiß ? – der Funk läßt alle Optionen offen  –

poö retro

Prelude

 

Erstmals seit Wochen wieder eine 4Stunden Einheit ,Donnerstag. Meine Kreise sind kurz und ich versuche eben intensiver zu fahren. Festgestellt, das ein Aluminium Rad wie mein Vitus zwar sehr beweglich ist, aber ein garstiger Bock, wenn es über Unebenheiten geht. Also zurück in den Stall. 4 Stunden, das ging sogar mit nur einer Flasche an Bord.

pol gaztank

Der Gazelle, die ich mit mir führe, spendiere ich einen zweiten Flaschenhalter, eine Plastikmaschette, nicht gerade zierlich, aber bei Temperaturen jenseits der 25 Grad sollte man alles tun, damit genug Wasser an Bord ist. Plastik schont den Lack. Hinten 7fach bis 26, das sollte die blitzende Suntour noch schaffen.

 

Polch

 

Gemächliches Gleiten über die Autobahn Richtung Luxemburg (Tanken, Tabak. Kaffee). Einige Abfahrten früher, schon ist man in der kleinen Stadt mit den hübschen weißen Zwillingskirchtürmen. Es ist die Stadt der Prinzen- Rolle, einem industriellen Fertiggebäck, daß ich als Junge unter der Bettdecke verschlang, während ich im Jahrbuch der Deutschen Seenotrettungsgesellschaft von „Vormann Focko Gerdes“ las. Die Stadt gehört der Familie Gries, welcher drei immense Hallen vor den Toren der Stadt gehören, in denen wiederum verschiedene Varianten von Knabbererzeugnissen produziert werden. Von ihr wird der Verein unterstützt, der die heutige Heldentour veranstaltet.

pol junge prinzen

Polch liegt auf einer mäßig gewellten, baumarmen Hochebene (Alleen! ,Alleen?) inmitten Weizenfeldern. Im Norden die Vulkaneifel, im Süden die Mosel.

 

Auf die Strecke

Milde Temperaturen, eine unentschlosene Wolkendecke, um 6h25, biege ich an der Kirche ab: und einige sind schon längst unterwegs ich bin dennoch froh über meine Aufstehfähigkeit nach kurzer Nacht. Drei Holländer überrollen mich nach wenigen Kilometern. Ein Marathon mit knapp 4okmh Anfangstempo, oha, jung und stark müsste man sein.

Weit hinter mir das Rheintal, Fabrikwolken verschwanden im Dunst.

Wellig geht es in die grünen Täler der Vulkaneifel, die Burgruine Monreal grüßt im Sonnenlicht. Die Straßen sind einsam, keine motorengeräusche. Noch kühlt der Tau in den Wiesen: warte nur, balde…. die blauen Flaschen mit dem Iso-Erdbeerpulver sollen mich vor Krämpfen und dem grausigen Verdorren bewahren. Der Wind leicht von vorn: West, – aber die hier sparsam wachsenden Wind-Rotoren drehen sich nicht.

pol frühe sonne

Der Tag verspricht viel und ich nehme mit dem champion mondial Tempo auf. In den Abfahrten flattert das Helmband am Ohr und massiert es ein wenig. Der Helm, den ich trage, ist der Nachfolger meines vorigen <link< . Ein paar Details sind verändert, aber die Form blieb, er sitzt gut und ist kaum spürbar – und Leben retten (meines) kann er auch, und das ist am Ende ganz ausschlaggebend: Radsportler sind leicht abergläubisch.

 

Die Cyclone Schaltung will , selbst für eine klassische Friktion, genau bedient sein, sonst klimpert die Kette. Die mittleren Gänge gehen mit ganz kleiner Bewegung rein. Klar, das diese Konzentration im Wettbewerb Zeit und material kosten kann. Aber wie schlicht und schön so ein kleiner Hebel seine Aufgabe bewältigt….

pol kontrl2

Mit zwei Vereinsfahrern (die mir vor allem davonfahren wollen) erreiche ich die zweite Kontrolle auf einer Eifelhöhe. Wasser nachfüllen und einen Spritzer Zuckerzitronentee. Ich erinnere mich ans letzte Jahr, Tannen auf der Höhe – gleich kommt eine freie Tankstelle, und ich sehe mich noch mit meinem Bruder R. daran vorbeifahren.

IMG_1607

Heute ist er zu hause geblieben: zuviel Arbeit, zu wenig Kilometer. Aber die Tankstelle ist noch da: ihr Inhaber steht lässig in einem roten Unterhemd in der Tür und raucht. Auf ein nächstes Jahr grüße ich ihn

pol tank1

Hinunter an die Mosel. Leicht geht der große Gang hinein, fast 6km kann ich Hochgeschwindigkeit fahren (obwohl ichs rollen lassen könnt) . Meine Vorfahrer sind längst außer Sicht – 20 sec, 40 sec, weg.

Cochem grüßt seine Gäste. Es sind noch nicht allzu viele. Die Mosel wird von Wohnmobilen gesäumt, deren Insassen jetzt über ihr Frühstück nachdenken. 9h, milde Sonne. Zwischen Cochem und Koblenz teilen sich Räder, Züge und auch Autos das enge Tal. Der Radweg ist über viele Kilometer ein Teil der Straße. Der Belag wechselt zwar, ist aber frisch renoviert,: das ist das beste, was man zu diesem monotonen Abschnitt sagen kann, der durch ein Weltkulturerbe führt. .. Wer einmal Tempobolzen üben will, der sollte vor 10h am Wochenende hier entlang fahren: keine Laster, keine Campingmobile, vor allem kaum Räder

pol mosel

Hinter dem Werkspiloten

Ich erliege der Verlockung, den Fahrer vor mir, der kaum langsamer ist, Stück für Stück aufzurollen und nehme mir vor, mich dabei nicht selbst aufzurauchen. Doch die Monotonie der Straßenmarkierung ist stärker, der Leichtsinn siegt.

moselradweg

Lange Kähne bollern sehr träge moselaufwärts, der eine mit Altmetall, der andere mit Kokskohle. Die belgische Fahne flattert stolz im Wind. Sollten die Stahlwerke in Luxemburg und Lüttich noch unter Dampf stehen? Die Inder wissen, was sie tun – an diesem Fluß hier ist alles Freizeit.

pol werksfaherer

Nach Nutellabrot und Frischwasser und ein paar Apfelschnitten setze ich mit dem Werksfahrer die Moseltour fort und fragen uns bald, wie die Route geht. Hätten wir an der Brücke von Treis rechts abbiegen sollen? Garmin ja, Schild nein. Meine Erinnerung ans Vorjahr versagt. Ein dynamisches Pärchen in Vereinstrikots befreit uns von Zweifeln an der Streckenführung. Wir folgen, ie nächste Moselbrücke ist in 15 km, dann sollte es endlich in den Hunsrück hinaufgehen. Windschatten, ein wenig sparen. Die beiden sind schnell, aber gerade so, daß es uns hilft. Endlich die Brücke hinüber zum Gegenhang, der frisch im Schatten liegt. Kleiner Ort, kleine Kirche.

 

Der falsche Anstieg

Auf Gang 1 schalten, achtgeben ,daß es nicht in den Speichen kracht und die Kette trotzdem nicht wieder auf 2 geht, sobald sie unter Spannung ist. Nach 20m im Steilstück kehre ich um und lege den Gang noch mal gaaaanz vorsichtig auf, So, der wäre endlich drin, und den brauche ich erstmal, denn ohne Wiegetritt wird es nicht gehen. Hoch über mir das Pärchen, eine Serpentine weiter der Werksfahrer, ich finde langsam meinen Rhythmus. Gang 2: ok- in kleinen Serpentinen geht essteil über den Ort, die Straße ist ein Flickenteppich. Cyclone, Du hast mich verraten. Moselradweg, ich hasse Dich, hier verschieße ich jetzt mein Pulver.

 

Ich halte den Werksfahrer im Auge, der aber ganz rhythmisch, meist im Wiegetritt den Hang hinauf fährt, während ich schon sehr an die Drehzahlgrenze gehe… Als es dann geschafft ist und wir die Höhe erreichen weiß ich, daß es heute nicht mehr wirklich schön wird, selbst wenn die Sonne hier noch so strahlt.

pol self1

 

Gemeinsam schießen wir noch, zwischen holländischen und belgischen Touristenautos eingekeilt, nach Boppard hinunter, (muß im Frühjahr einfach großartig sein, in Schleifen auf den Rhein zuzufliegen)! und dann geht es gleich wieder hinaus aus Boppard und hinauf in den grünen Wald: ich sage ihm ade und nehme mir vor, heute keine Dummheiten mehr zu machen. Piano, denn knapp 100 liegen noch vor mir. An einer Ecke sehe ich den Rhein aufblitzen.

pol bopd

Der Anstieg ist von der Koblenzer Rundfahrt bekannt: eine schmale, gut geteerte Straße, die mit eher wenigen Prozenten langsam, langsam den Wald hinauf zieht. Aber es hilft nichts, habe mich leer gefahren und muß nun Willen aufbringen. Hinüber , Rollen lassen, Photopause.

pol modernfootball

Komisch nur, das mich niemand einholt, da müsste doch einiges hinter mir anrauschen?

Ein kleiner Espresso in einer Pizzeria wäre gut, ein Mineralwasser, Pizzabrot mit Kräuterquark – danach eine hübsche,gekachelte Toilette…. aber diese Dinge gibt es hier oben nicht, nicht einmal ein Landgasthaus. Weiter jetzt, Moselwärts hinunter.

Endlich wieder ein Schild. Nur für Marathon steht dort auf einmal. Aha. Sehr schwül ist es hier unten ; ich überquere die Mosel, biege in den Weinort und stoße auf den sogenannten Weinlehrpfad, der nun, kurz nach Mittag, mitten in der Sonne liegt. Er gibt mir einen deutlichen Begriff von der Härte des Winzerberufs. 55% ist der Anteil des Rieslings: Wohlsein.

pol wein

Die Campingwagen unter mir werden immer kleiner. 60 oder 70km seit der letzten Kontrolle, – Gang 2, heißes Asphaltband, grünbe Trauben. Aber kein Krampf. Oben der ersehnte Hinweis auf die Kontrolle. Ein schattiges Waldstück nach dem Weinberg und da sehe ich noch, wie der Werksfahrer von Ford die Kontrolle verlässt.

pol wertung

Leider verloren

 

„Ach, noch einer!“ So werde ich von den entspannten Männern im Prinzenrollentrikot begrüßt. Auf ihrem Tisch frische, kühle Seltersflaschen und das gesamte Sortiment der Griesson-de Beukelaer Werke. Cheeh-ops heißt die neue Kration im Käsegebäck. Die Prinzenrolle gibt’s jetzt auch in Braun – mehr Schoko! Ich genieße und erfahre, das da wohl ein wichtiges Hinweisschild fehlte. Ja, in Treis, an der ersten Moselbrücke, da hätte man schon rechts gemusst. Aber irgend jemand habe das Schild wohl abgerissen, an die 50km hätte ich mir nun erspart…….

Nun sei dies die letzte Kontrolle und mein Marathon auf lächerliche 150 km geschrumpft, einmal um den Block sozusagen. In diesem Moment bin ich nicht einmal unglücklich, denn alles weitere wäre jetzt an die Substanz gegangen. Danke, im nächsten Jahr dann halt.

pol lager

Sehr gemächlich lasse ich es nun angehen, über Autobahnen hinweg, an Verteilerzentren (amazon! dhl! lidl!) vorbei. Frisch gebürstete Felder und eine wunderbare Rundumsicht über die Hochebene: weit drunten schon die Zwillingstürme der Polcher Kirche, die noch eine kleine Rosette statt Uhr in der Turmmitte trägt. Links Wolkenberge in hell über der Mosel, rechts schwarze Vorhänge über dem Rheintal – die Luft ist schwül, wenn es hier nicht bald mal kracht.

pol regen

Dahinten schüttet es, dazwischen ich, der einsame Privatfahrer inmitten von Vereinen aus Köln, Wittlich, Koblenz der Eifel, dem Ruhrgebiet. Nicht, daß ich es erwartet hätte – doch Räder aus Stahl sehe ich nicht, als ich eintrudle. An den Tischen der Mehrzweckhalle wird über neue Schaltungen, neue Trikots und neue Tachos, die neue Schnitte anzeigen, gesprochen. Draußen warten neue Autos auf dem Parkplatz.

 

Gunter Gebauer

pol soziol

Heißt der Philosoph dem ich zuhöre, als der Regen auf der Autobahn so stark geworden ist, daß ich einen Parkplatz aufsuche. Sein Studium verdiente er als Kassenwart bei Holstein Kiel, seine Untersuchungen zur Fußballsoziologie sollen Standardwerke sein.

 

 

 

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2 Antworten zu 0306814 Polch – die vierte Prinzenrolle

  1. mark793 schreibt:

    Den Link zu den Details Deines Helms hat es leider verschluckt. Mich hatte schon die kühlergrillartige Front des Vorgängermodells irgendwie angesprochen, aber ich hatte versäumt, Dich danach zu fragen (was ich hiermit nachhole).

  2. crispsanders schreibt:

    Zum Helm geht es erst im nächsten Beitrag, der zeitlich vor diesem liegen müßte und den erst ich am Nachmittag zuende – gemeißelt habe. Verzeihung.

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