010814 An welchen Stellen Retro nicht cool ist

Dem Schicksal die Stirn bieten

 

Den technischen Fortschritt gibt es, selbst wenn er hier häufig bezweifelt wird. Sicher , an Kugellagern kann man nicht viel verbessern, aber es gibt Lösungen der Radtechnik, die den blick zurück nicht lohnen, sosehr retrogrouch es auch bedauert.

Das eine sind Hakenpedale. Selbst wenn Klickpedalbei bei ihrem Erscheinen einen gewissen optischen Schock verursacht haben, der bei einigen fortdauert.

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Beim Hakenpedal mit den Riemen war dem Auge alles klar: die Spange sicherte den Fuß vorm Abrutschen nach vorn, der Haken begrenzte und schützte, der Riemen hielt den Fuß im Zaum, ein schlichter, schmaler Schuh schob sich dazwischen. Ansehnliche Dynamik.

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Nun aber schwebte der Fuß irgendwie über dem Pedal, die Verbindung wurde unklar: ulkige Klötze schoben sich unförmig unter zunehmend buntes Schuhwerk. Von außen sah das recht bescheiden und irgendwie nicht stabil aus. Blöderweise fuhren aber bald alle damit herum. Das Hakenpedal war Geschichte.

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Ein gelungener Ausstieg.

Der Ausstieg ist ja der Ursprungsgedanke zum Klickpedal. Cyrille Guimard, geringeres also als der Entdecker von Bernard Hinault und Laurent Fignon (macht 7 anerkannte Tour Siege) äußerte also schon um 1976 herum, dem Pedal fehle eine Art Sicherheits-01 Verbindung, wie sie die Ski-Bindung biete, damit Sturzfolgen nicht so dramatisch verliefen, wenn man es eben nicht schafft, aus dem Pedal rechtzeitig herauszukommen.

 

Ich bin in diesem Jahr zweimal gestürzt, immer blieb das Rad unversehrt. Beide male hatte ich weder Zeit noch Muße mich aus dem Pedal zu befreien , es geschah einfach nebenbei, so daß Rad und Reiter sich nicht weiter in die Quere kamen.

helm anleitung

Aller guten Dinge aber sind drei.

 

Ich überlegte , ob mich die Wolke einholen würde, oder ob ich sie schon geschickt umkurvt hätte. Den Anstieg nach Horhausen hatte ich bei milder, schöner Sonne geschafft, bald würde ich den Herthasee erreicht haben. Dummerweise aber kam von dort gerade die unerwünschte graue Wand und ein fernes Grollen warnte mich vor weiteren Sonnenträumen.

 

Ich ließ die geschmeidige dura ace ein Ritzel hochgleiten, sah statt der Straße kurz noch meinen Lenker, etwas grünes und dann wurde es sehr dunkel und hart für meinen Kopf. In der gleichen Zehntelsekunde dankte ich dem Fortschritt für die Erfindung des Helms.

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Da lag ich auf dem Rücken, suchte mit der Zunge die Schneidezähne und als ich fühlte, das beide noch da waren, hörte ich neben mir eine Stimme die rief: „bleiben sie liegen, bleiben sie liegen.“ Irgendjemand musst also gesehen haben, wie ich, völlig ungebremst, diesen (unvollendeten) Salto über die Verkehrsinsel gemacht hatte. Sehr peinlich, das Ding hatte ich völlig übersehen.

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Eben hatte ich es noch Zischen gehört – und da lag es : mein Koga Miyata, von mir urplötzlich getrennt und, bis auf ein plattes Hinterrad offenbar unversehrt. Klickpedal sei dank, war es einfach über mich hinübergeflogen um sich neben mir ins Gras zu legen. Nachdem ich mehrfach versichert hatte, daß der Nacken zwar schmerzte, ich mich aber uneingeschränkt bewegen konnte, durfte ich aufstehen: ja die Gabel war intakt, der Steuersatz lief geschmeidig: die abgeschrägten Bordsteinkanten der kleinen Insel am Eingang von Horhausen hatten nicht einmal eine Kerbe ins Vorderrad geschlagen.

 

Der Helm hatte sich tief in die Stirngedrückt, war auf die Nasenwurzel durchgeschlagen und an meheren Stellen gebrochen.

cs postcrash

Es war kein billiges Modell und als ich ihn geschenkt bekam war ich fast beschämt, dafür haätte man auch einen netten Rahmen haben können: aber er saß gut, war leicht (auch bei Hitze drückte nichts) und gerade hatte er mir das Krankenhaus erspart – wenn nicht mehr.

 

Ich glaube ,ich würde sogar ein Fahrrad verkaufen, um ihn wieder zu bekommen. Nur kein Koga Miyata – die Vorzüge obsoleter Technologien sollt man erhalten.

 

koga postcrash

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6 Antworten zu 010814 An welchen Stellen Retro nicht cool ist

  1. mark793 schreibt:

    *gasp*
    Hatte mir auf den Helm und die noch sichtbare Schramme im Bild des vorigen Beitrags fast schon sowas gereimt. Glückwunsch zur vergleichsweise glimpflichen Landung!

    Mein Bell Ukon FS hat jetzt fünf Jahre auf dem Buckel, ist auch paarmal vom Lenker oder Tisch gefallen, ich denke daher über eine mittelfristige Neuanschlaffung nach. Würde Deinen Kühlergrill-Kasten dabei durchaus in die engere Wahl ziehen, obschon ich mich gefragt hatte, ob diese Frontpartie nicht vielleicht ein bisschen zu filigran und fragil sein könnte. Andererseits denke ich mir, die kinetische Energie, die es gebraucht hat, um Deinen Deckel mehrfach anzubröseln, ist schon mal nicht mehr am Schädel angekommen. Lass mich doch bei Gelegenheit mal Hersteller und Modell wissen.

    Und was die Pedalfrage angeht: Nachdem ich ja zwei Drittel oder gar drei Viertel meiner Jahreskilometer mit Hakenpedalen runterkurble und im Laufe meines Radlerlebens ein paar Sturzerfahrungen (sowohl damit als auch mit den Klickies) gemacht habe, sehe ich die Klickpedale nicht so eindeutig im Vorteil. Da blieb ich auch schon mehr als einmal festgeklickt im Flug, und anderseits blieb ich auch nicht jedesmal in den Körbchen verhakt, wenn ich damit die Rolle machte. Man muss freilich dazusagen, dass ich die Riemchen auch nicht so zuknalle, dass ich Probleme kriege, den Fuß bei Bedarf zurückzuziehen. Diese antiken Pedalplatten zum Einhaken würde ich im Leben niemals nicht (bayerische Verneinung) benutzen.

    Ach ja, einem Bekannten von mir ist mal was kurioses passiert, der muss auf seiner morgendlichen Radfahrt zur Arbeit eine Schranke umfahren, die meistens zu ist. Einmal hat er das total verpeilt und ist an die Schranke geknallt, hat mitsamt dem Rad einen kompletten Salto gemacht und ist wieder auf seinen zwei Rädern gelandet. Dann natürlich übel rumgetaumelt und Mühe gehabt, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, aber irgendwie hat ers geschafft, geregelt anzuhalten und zu gucken, ob noch alles dran ist. Nichts passiert, auch das Rad hatte nichts als eine Schramme im Steuerrohr abgekriegt. Ich denke, ohne die Hakenpedale hätte dieser unfreiwillige Stunt so nicht geklappt. 😉

  2. Matthias schreibt:

    Schön, dass Du Deinen Salto Mortale insgesamt relativ glimpflich überstanden hast !

    Aber in Bezug auf die Frage des Fortschritts bei den Fußhaltetechniken bin ich mir dann doch nicht so sicher, ob man das so generell sagen kann … So weit es um ein reguläres/geplantes „Aussteigen“ geht, sind Klickpedale den Hakenpedalen in Kombination mit Radschuhen und Pedalplatten definitiv überlegen, insofern kann und wird es da beim Profi- und Amateur-Radsport natürlich kein Zurück geben, das ist klar.
    Daraus folgt aber nun andererseits wiederum nicht zwingend, dass Hakenpedale insgesamt eine obsolete Technik darstellen würden, da sie unter anderen Bedingungen durchaus ihre Vorteile haben, und den Klickpedalen sogar überlegen sein können. Ich halte es in dieser Hinsicht wie mark793 und fahre mit (sozusagen beliebigen) „normalen“ Schuhen in Hakenpedalen, bei denen die Riemen nur so eingestellt sind, dass man gut „ein- und aussteigen“ kann. Das hat im „richtigen Leben“, also im Alltagsbetrieb, viele Vorteile, sowohl gegenüber Pedalen ganz ohne Fußhaltesystem, wie auch gegenüber Klickpedalen – ich komme z. B. an Ampeln immer schneller los als die Klickpedalfahrer, da der „Einstieg“ ins Pedal effektiv sogar einfacher ist als bei den Klickpedalen, und ich im Bedarfsfall (…z. B., wenn hinter mir einer drängelt und offenbar ein „Rennen“ haben will … 😉 ) auch einfach auf dem nicht gedrehten Pedal losfahren, und erst später, wenn das Tempo (oder der Vorsprung … 😀 ) groß genug ist, „richtig“ ins Pedal einsteigen kann.
    Außerdem kann ich eben mit jedem beliebigen (geschlossenen) Schuhtyp fahren, je nach Anlaß und „Begleitumständen“ der Fahrt und des gewählten Fahrradmodells, das ist aus meiner Sicht schon viel wert – spezialisierte Radschuhe mit Klickpedal-Einsatz sind selten optimal für längere Fußwege und schwierige Wegeverhältnisse/unerwartete „Kletterpartien“ (also in dieser Hinsicht sicherlich nur unwesentlich besser als die alten Radschuhe mit Klötzchen darunter).
    Und dann gibt es mit den Klickpedal-Schuhen ja wohl anscheinend doch einige spezifische Probleme, die ihre Brauchbarkeit für viele Fahrer einschränken – offenbar stellt diese Verbindung in der Sohle doch eine Kältebrücke dar, weswegen die Füße im Winter leichter auskühlen (während man bei Hakenpedalen auch Schuhe mit gut isolierten Sohlen verwenden kann), und viele Fahrer bekommen wohl durch die allzu starre Fixierung der Füße auf den Pedalen auf längeren Strecken Knieprobleme (die sich dann meistens durch einen Rück-Umstieg auf Hakenpedale lösen lassen).
    Dazu kommt wohl eine gewisse Verschmutzungs- und Verschleißanfälligkeit des Klicksystems, die durchaus auch mal lästige Folgen haben kann – mit einer verschlissenen Platte an der Schuhsohle kommt man meistens noch nach Hause (wenn auch mehr schlecht als recht); wenn eine Feder des Klickpedalsystems im Pedal bricht, ist die jeweilige Tour beendet (während man beim Hakenpedal allenfalls einen gebrochenen Haken abschrauben muss und nur mit dem Riemen oder auf dem „blanken“ Peal immer noch weiterfahren kann – den Fall hatte ich aber noch nicht) …
    Also, ich denke schon auch, dass Klickpedale im Rennsportbereich sicherlich einen Fortschritt darstellen, aber dass sie in allen anderen Bereichen – z. B. für Touren- und Alltagsfahrer – nicht unbedingt das Nonplusultra sein müssen, und insofern auch nicht per se einen Fortschritt darstellen.

  3. crispinus schreibt:

    Wie so vieles natürlich ein „sowohl als auch“ Thema, das je nach Anwendungsgebiet zu verschiedenen ergebnissen führt.

    Im Stadtverkehr mit sehr häufigen stops würde ich u.U gar keine Fixierung wünschen. Da ist die herkömmliche „Tatze“ oft griffig genug um flüssig zu fahren. das Hakenpedal ist sicher im Vorteil, wo ein herkömmlicher Schuh verwendet wird – logisch.

    Für den Trekkingbereich, also einem Fahren mit Pausen, Gelände und geringem Tempo gibt es eine Vielzahl von Schuhen und sogar Sandalen, an denen Cleats sind.
    Grundsätzlich aber bietet eine möglichst harte Sohle beim Radfahren große Vorteile. Da kann es also zwischen „Wandern“ und „Pedalieren“ nur Kompromisse geben.

    Das Spd cleat hat eine Vielzahl von Pedaltypen hervorgebracht, darunter auch sogenannte Wendepedale, bei denen auch mit defektem cleat o.ä. oder ohne Spezialschuhe sehr gut weitergefahren werden kann. So mir geschehen kurz vor Ende des 400er brevets. (PdA530)

    Für das sportliche Fahren ,also das fahren langer strecken mit hoher Geschwindigkeit gibt es wiederum eine Vielzahl von Klicksystemen, bei denen das spd wiederum das variabelste ist: gerade die seitliche beweglichkeit ermöglicht Schonung des Knies – was bei den „strammen“ Renschuhen weniger der Fall ist. Die homogene Verbindung von Fuß und Pedal erlaubt eine sehr gute Kraftverteilung meiner Meinung, beim Riemen ist diese erst dannvorhanden, wenn die Platte genau und der Riemen stramm sitzt.

    Auf meinen Fall bezogen, der eigentlich der worst case ist, das heißt, der Sturz geschieht, bevor man überhaupt weiß, was los ist, gibt es eigentlich keine Diskussion. Das auch der Grund , weshalb das schöne und praktische Hakenpedal aus dem Radsport verschwand.

  4. Matthias schreibt:

    Ich versteh‘ natürlich schon, was Du meinst, aber mich stört es halt immer ein bißchen, wenn Haken-und-Riemen-Pedale pauschal als „veraltet“, und daher auch als grundsätzlich unbrauchbar beschrieben werden, weswegen ihre heutige Nutzung nur (etwas abfällig) unter „Retro“-Aspekten verbucht wird – so simpel ist es eben dann doch nicht.

    Ich fahre an meinen Alltagsrädern tatsächlich durchweg solche „Tatzenpedale“ (in flacher Bauform und mit „Industrielagern“), wie Du sie erwähnst, aber eben in den letzten Jahren jetzt immer zusätzlich mit Haken und Riemen – die (relativ) „lockere“ Fixierung der Füße, die man damit erreichen kann, ist für meinen „Allzweckgebrauch“ wirklich optimal, sowohl für den „Stop-and-Go-Verkehr“ in Innenstädten, wie für längere Strecken außerhalb der Stadt.

    Dass bei einer „lockeren“ Fixierung unvermeidlich Effizienzverluste eintreten, ist klar, aber ich würde den verbleibenden Gewinn an „Fußführung“ und „Zugkraft“ immer noch mit etwa 70 Prozent einschätzen – das ist ja nun auf jeden Fall besser als nichts …

    Und ich bin sicherlich nicht der Einzige, der das so sieht und so handhabt, wie schon der vorhergehende Kommentar von mark793 zeigt, insofern kann und muss man schon definitiv festhalten, dass Hakenpedale für viele Menschen auch heute noch ihre Vorteile haben, weswegen man sie (bzw. die Komponenten dafür) weiterhin problemlos kaufen kann, obwohl es seit jetzt ungefähr 30 Jahren „modernere“ Fußhaltesysteme gibt.
    Ähnlich ist es ja mit den Vinyl-Schallplatten, deren baldiges Ende man mit der Einführung der CD ab 1985 prophezeit hatte (auch ich habe das seinerzeit quasi zwingend so erwartet) – jetzt schreiben wir das Jahr 2014, und weiterhin wird aktuelle Musik auf Vinyl veröffentlicht …

    Etwas genereller betrachtet (darum geht es ja in diesem Blogbeitrag nicht zuletzt auch) würde ich mich insgesamt zwar schon als positiv interessiert an echten technischen Fortschritten bezeichnen, aber ich bin zugleich sehr kritisch in der Betrachtung dessen, was „nur neu“ ist und deswegen automatisch als Fortschritt dargestellt und verkauft wird – in aller Regel sind damit nämlich oft schwerwiegende Einschränkungen und Nachteile verbunden, oder zumindest (dies scheint mir heutzutage immer häufiger der Fall zu sein) ernst zu nehmende Verengungen des Handlungs- und Gestaltungsspielraums des Einzelnen, will sagen: Das unzweifelhaft oft eintretende Mehr an Komfort, Schnelligkeit, Sicherheit etc. führt oft zu neuen Abhängigkeiten (man muss im Falle der Klickpedale z. B. immer auch relativ teure Spezialschuhe dazu kaufen, die z. B. Shimano vor einigen Jahren in sein Programm aufgenommen, und damit die „Marktabdeckung“ ein weiteres Stück vergrößert hat …), und im Ernstfall auch dazu, dass man Dinge wegen ihrer inhärenten Komplexität oder ihrer ‚Black Box‘-Konstruktion nicht mehr verstehen, daher auch im Schadensfall nicht mehr reparieren oder zumindest „überbrücken“ kann. Und so etwas sehe ich dann insgesamt sicherlich nicht als echten Fortschritt, da ein wirklicher Fortschritt aus meiner Sicht generell wesentliche Vorteile mit sich bringen sollte, ohne erhebliche Nachteile/Einschränkungen zu verursachen

    Im Fahrradbereich fallen mir unter diesen Gesichtspunkten dann tatsächlich auch wirklich gar nicht so viele Dinge ein, die ich pauschal und generell als wirklichen Fortschritt interpretieren würde – man könnte vielleicht die heutigen Nabendynamos anstelle des immer schlecht funktionierenden Reifen-Seitenläufer-Dynamos erwähnen (wobei es ja auch in diesem Fall Menschen gibt, denen das Gewicht der Nabendynamos zu hoch ist, und die daher weiterhin auf Batteriebeleuchtung setzen, oder auf einen weiterentwickelten Felgen-Seitenläufer-Dynamo), oder die wesentlich verbesserte Reifentechnologie, auf Grund derer man heute wirklich gut laufende, leichte und trotzdem relativ robuste Reifen für quasi alle Fahrradkategorien kaufen kann, die trotzdem relativ betrachtet nicht teurer sind als die weitaus weniger leistungsfähigen Reifen vor 30 Jahren. Aber sonst ? Carbonteile ? Systemlaufräder ? Press-Fit-Tretlager ? Integrierte Steuersätze ? Ich weiß ja nicht so recht …

  5. mark793 schreibt:

    @Matthias: Hach, ich fühle mich verstanden. Unter uns gesagt habe ich auch schon lange den Eindruck, dass viele Fahrer den Effizienzgewinn ihrer Klickpedale beim lahmen Losfahren und dem suchenden Stochern der Füße nach dem Einklickpunkt wieder einbüßen. Ich sehe da bei RTFs und anderen Gruppenausfahrten viel Elend, in dicht besiedeltem Gebiet gibt es immer wieder Ampelkreuzungen und andere Hindernisse, die man besser schnell als langsam überwindet, und die Leute kommen einfach nicht in die Puschen (mit Ausnahme einiger weniger Cracks, die entweder Trackstand können oder eben das schnelle Einklicken drauf haben). Das Thema Kältebrücke hat meine anfängliche Begeisterung für die Klickies schon in der ersten Wintersaison deutlich abgekühlt. In meinen Walkingschuhen mit dickerer Sohle kann ich bei Minusgraden deutlich länger fahren, bis die Füße kalt werden. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass ich im Sommer die Klickies tendenziell vorziehe.

    Insgesamt sehe ich das Thema Fortschritt beim Fahrrad ziemlich ähnlich: So manche Innovation ist bei Licht besehen dann doch mit Nachteilen verbunden, sei es, dass eine gebrochene Speiche an Systemlaufrädern eine Weiterfahrt verhindert oder dass immer mehr proprietäre Standards bei Kettenblättern, Steuersätzen und anderen Teilen auf dem Vormarsch sind. Ich sehe es noch kommen, dass man mit dem Rad demnächst zum Bosch-Dienst fahren muss für eine eingehende computergestützte Systemdiagnose.

    Hier ist es so, dass ich drei Viertel meiner Jahreskilometerleistung auf einem Stahlrenner mit 30 Jahre altem Rahmen (und etwa 20 Jahre alten Komponenten) runterkurble und nichts vermisse. Gleichwohl nehme ich im Urlaub oder auf Besuch bei jemandem mit modernem Fuhrpark gerne auch mal die Gelegenheit wahr, etwas Zeitgemäßeres zu fahren und zu vergleichen. Nicht in jeder Hinsicht komme ich da zu dem Egrebnis, dass früher alles besser gewesen wäre.

  6. Matthias schreibt:

    @mark793: Nein, ich bin wirklich auch kein „Früher-war-alles-besser“-Typ, schon mal deswegen, weil ich die Fahrradtechnik der Vergangenheit kenne und ihre Schwächen/Grenzen nur allzu gut beurteilen kann (Stichwort langschenklige Felgenbremsen auf verchromten Stahlfelgen als ernst gemeintes (oder gar einziges) Bremssystem … :-O ).
    Ich bin zwar schon ein Freund von Fahrrädern und Fahrradteilen aus der „klassischen Ära“ (deren Ende ich ungefähr mit dem massenhaften Aufkommen geschweißter taiwanesischer Alu-Billigrahmen datieren würde …), aber es ist mir zugleich durchaus bewußt, dass locker 90 Prozent aller Fahrräder, die in Deutschland in der ersten Hälfte der 1980er Jahre im Laden (bzw. im Kaufhaus …) standen, im Grunde genommen fabrikneuer Sperrmüll waren, in teilweise geradezu verbrecherisch schlechter Qualität (ich bin so etwas damals natürlich auch gefahren, deswegen erlaube ich mir so ein harsches Urteil).
    Ich meine schon, dass selbst die biligen Asien-Fahrräder, die heute so in den Läden stehen, insgesamt qualitativ und technisch immer noch deutlich besser sind als das Zeug aus den 1980er Jahren, insofern würde ich niemals leugnen wollen, dass es erkennbare Fortschritte im Fahrradbereich gibt bzw. gegeben hat.
    Auch bei den Fahrradhelmen (um die es ja in Crispinus‘ Beitrag nicht zuletzt geht) ist der Fortschritt wirklich unbestreitbar – noch bis gegen Ende der 1980er Jahre wurde ja mit ‚Hairnet‘-Kopfschützern („Helme“ kann man die Dinger wirklich nicht nennen …) gefahren, und wie da das Ergebnis eines entsprechenden Sturzes ausgesehen hätte, mag ich mir wirklich nicht ausmalen (… ich bin mir jedenfalls nicht so sicher, ob dieser Blogbeitrag hier dann überhaupt noch geschrieben worden wäre, oder wenn, dann vielleicht erst Wochen und Monate später …).

    Andererseits heißt das aber für mich wiederum nicht automatisch im Umkehrschluß, das nun heute alles besser wäre, und „das Alte“ damit jede weitere Existenzberechtigung verloren hätte, wie gesagt.
    Ich betrachte die einschlägigen Fragen einerseits schon in gewisser Weise emotional, so weit es mit der Ästhetik zu tun hat (… ich kann den heutigen „modernen“ Fahrrädern, und insbesondere den heutigen Rennrädern mit ihren aufgeblasenen Carbon-Geschwüren als Rahmen und Gabeln in optischer Hinsicht wirklich nichts abgewinnen; sie lassen mich letztlich einfach völlig kalt und lösen weder Besitz- noch „Fahr“wünsche aus), und andererseits ganz technisch-nüchtern (so z. B., dass moderne Stadträder mit Federgabeln geradezu unglaublich schwer sind, gerade auch im Vergleich zu ihren „Ahnen“ aus den 1980er Jahren).

    Ich versuche daher immer – wie Du wohl auch – sozusagen „das Beste aus beiden Welten“ zu kombinieren, also eben auch 30 Jahre alte Stahlrahmen als Basis (ruhig auch neu lackiert/gepulvert, wenn die originale Lackierung verschlissen bzw. unterrostet ist), aber „garniert“ mit „modernen“ Teilen, wie z. B. Nabendynamos, LED-Beleuchtung, Patronentretlagern und Edelstahlteilen.

    Aber entscheidend ist dabei für mich immer, dass im Grunde genommen nichts „heilig“, also prinzipiell unantastbar ist, weder das ach so elegante alte Teil, das unbedingt wg. Schönheit ans Rad muss (dessen Funktion aber für meinen jeweiligen Bedarf nicht ausreichen würde), noch das supertolle aktuelle Teil (natürlich sind LED-Scheinwerfer prima, aber die guten kosten halt auch was, und für reine Stadträder tun es auch heute noch Halogenscheinwerfer; die potentielle Klaugefahr ist natürlich auch immer ein einzubeziehender Faktor) – es ist immer eine (natürlich grundsätzlich subjektive) „Einzelfallentscheidung“, die am einen Rad zu einem bestimmten Zeitpunkt mal so ausfallen kann, und an einem anderen Rad (oder demselben Rad zu einem anderen Zeitpunkt bzw. unter anderen Umständen) auch mal sozusagen „anders herum“ bzw. geradezu gegenteilig.

    Vor diesem Hintergrund kann ich halt mit dem klassischen linearen bzw. teleologischen Fortschrittsdenken einfach wenig anfangen – es gibt Entwicklungen, ja, aber nicht alle davon sind umfassend gut bzw. problemfrei, und vor allem machen nicht alle (vielleicht sind es sogar die wenigsten …) automatisch alle vorhergehenden Techniken obsolet; letztlich ist das immer eine Frage des individuellen Bedarfs und des jeweiligen aktuellen „Entscheidungsrahmens“.

    Und gerade die Fahrradkomponenten, bei denen im weitesten Sinne der Begriff „System“ zur Anwendung kommt (oder kommen müßte), sehe ich in dieser Hinsicht eben immer mit besonderer Skepsis, da sie zwar oft „besondere Fähigkeiten“ einschließen, aber in der Regel zugleich auch immer besonders viele andere Optionen ausschließen (siehe: Systempedale, Systemlaufräder, Tretlagerstandards, Shimano Total Integration System …), und diesen Punkt möchte ich schon generell stark machen, da meinem Eindruck nach allzu viele Leute einfach das kaufen, was halt aktuell im Laden steht, oder im Rose-Katalog, oder was von der entsprechenden radfahrerischen „Peer-Group“ gefahren (und dann in der Regel auch als „alternativlos“ angepriesen) wird.

    Wie Du schon ganz richtig sagst: „Ich sehe es noch kommen, dass man mit dem Rad demnächst zum Bosch-Dienst fahren muss für eine eingehende computergestützte Systemdiagnose“ – wenn das elektronische Schalten wirklich flächendeckend „kommen“ sollte, wird das wohl kein Scherz bleiben (… und was der dann von den Werkstätten in solchen Fällen gerne vorgenommene Austausch (vermeintlich) defekter Elektronik-Komponenten im ‚Black Box Design‘ bei Autos heute kostet, wissen wir ja vermutlich alle …).

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