HH-B 2014 Das Blaue Band Teil2

 

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Sie reicht mir einen großen Schlüssel mit einem riesigen Plastikanhänger, in dessen Kunstharz der Name der Tankstelle in orangegerot eingelassen ist. Ich bestelle kaffee und Bockwurst. Auf ihrem nachtblauen Sweater sind eine Vielzahl von Firmenlogos aufgeflockt, genau wie bei Rennfahrern.

Die Ölgesellschaft, in deren Namen sie diesen Sportartikel trägt, gibt sehr viel Geld im Rennsport aus, der sein nächstes Rennen in einer Phantomstadt namens Sotschi austrägt. Sie weiß nicht, daß der Präsident dieser Ölgesellschaft, die damals die Tankstellen und Raffinerien im Osten übernahm, von Sotschi nach Moskau fliegt. Sie weiß auch nicht, daß sein Leben auf der verschneiten Rollbahn des Flughafens enden wird, als die Militärmaschine, die ihn heimbringt, gegen einen verirrten Schneeräumer prallt.

Sie weiß nicht, ob das die Firmenpolitik ihrer Tankstellengesellschaft verändert hat.

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Ich weiß es auch nicht und bestelle eine doppelte Bockwurst samt heißem Kaffee.

Ich befinde mich im Zentrum der Prignitz, ziemlich exakt auf der Hälfte des Handelswegs von Hamburg nach Berlin. Ein Mann betrachtet stoisch sein Auto in der Waschstraße und zeigt mir die richtige kleine Tür für den großen Schlüssel. Als ich wieder unter das Vordach der Tankstelle trete, sehe ich auf der Tangente einen flachen länglichen gegenstand in leuchtendem Gelb, der sich mit ca 50kmh Richtung Berlin bewegt: ein velomobil

 

Ich bin so überrascht, daß ich erst den Zusammenhang mit meiner Irrfahrt vergesse: der Schlüssel zu HH-B liegt auf der B5! 12h15, ende der Irrfahrt. Sieh an:  hier also sind sie lang, die endlosen Geraden der alten Fernstraße. Es gibt auch einen Radweg, na klar, aber den kenne ich (Erinnern Prignitz) – von Wurzeln unterwandert, stellenweise aufgeplatzt, kaum benutzt. Gerade bedeutet Tempo, bedeutet Rhythmus.

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Ich streiche meinem Carlton- Raleigh über den Sattel. Das Licht bleibt an – Hop! Die Fernstraße ist rauh, aber nicht zu sehr, sanft geht es mal aufwärts, mal abwärts, mal flach geradeaus. Der Wind steht still, die großen Mühlen drehen sich kaum und ihre Positionslichter sind ausgeschaldet, die Farben der Felder sind freundlich braun und hellgrün, dort, wo noch Mais steht. Der Himmel hat sich noch nicht zwischen feucht oder heiter entschieden.

 

Diese Straße kenne ich – Wochenenden im Sommer, mit dem Tempomaten werden Verbrauchsrekorde aufgestellt – dahingleiten mit 83km/h, Klimaanlage eingeschaltet, den Schatten der Alleen nutzen und dem Bordcomputer zusehen, wie er die 6-Liter marke unterschreitet. Schlafende Kinder im Römer „King“.

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Die 6liter marke unterschreite ich heute knapp: in Perleberg habe ich aufgefüllt, das könnte reichen bis Kyritz, da ist irgendwo die nächste Total.  Jetzt Meilensteine zählen, graue kleine Obelisken. Rhythmus halten, ich gehe auf 19, dann wieder auf 17. Rechts hinten zieht es im Oberschenkel, aber kein Krampf, nur ein Muskel, der seine monotone Arbeit leid ist, vielleicht auch, weil es vorhin zu schnell gehen mußte. Strecken, länger sitzen, kürzer sitzen.

 

Kontrolle: Lichter sind an, sonst werde ich noch zur allzuleichten Beute für die 40 Tonner. Kreuze am Wegesrand, manchmal ein Grablicht.

 

In einer Parkbucht steht ein Viehtransporter mit Schweinen, ich rieche es von weitem. Neben dem Transporter steht ein dicker mann an der Leitplanke. Pinkelt er? An den Viehboxen nehme ich kurz den Schatten einer Figur wahr. Der Dicke dreht sich mit halboffenem Mund nach ihr um, in dem ein Speichelfaden hängt. „Herrndorf Viehtransporte“ lese ich, als ich ganz nah an einem neugierigen Schweinsauge vorbeiziehe.

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Ich höre ein rauschen, dann ein Mahlen: ein bunter Fisch zieht vorbei, als Glühwürmchen endet er am Horizont. Dann noch einer .Geht es abwärts, verschwinden sie schneller. Orange, Weiß, Gelb, Milane und Velomobile.

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Dann rauscht es wieder – aber lauter: Mannschaftszeitfahren. Erst eine bunte Gruppe, vier oder fünf. Ich beobachte die Wechsel und denke gar nicht erst an Anschluß. Demütig bleiben. Dann eine schwarze Truppe, viel schneller noch. Zeitfahrmaschinen, Zeitfahranzüge, Zeitfahrlenker. Ich nehme ein erstes Gel, kaue Energieriegel, Essen, bevor der Hunger kommt, Trinken bevor man Durst hat. Nasse Abschnitte auf einmal.

 

Die Energiedinger sind leider alle irgendwie süß und klebrig. Wahrscheinlich sind die Riegel gar nicht dazu gedacht, während der Fahrt gekaut zu werden. Ältere Paare die sich an eine schattige Bank setzen und sagen: „so Schatz, noch drei Kilometer, wie gut , daß wir die Energieriegel haben.“ Wieder denke ich an die riesige Pizza mit Honig Mandeln und Ziegenkäse und ihren ganz dünnen, festen Teig. Eine Rhönwurst ist noch drin im Rucksack, auch ein Apfel. Später.

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Rucksäcke sind ein Problem. Optisch natürlich. Ein Zeitfahren mit Rucksack – ?? ich kann die Art-Direktoren der Radsportmagazine beruhigen: ich habe einige Rucksäcke auf dem 600er gesehen und die Träger fuhren schneller als ich. Mein Rucksack ist meine Schatztruhe, meine stille Reserve, mein Psychobunker. Ich gebe den Einkäufern der dubiosen Lidl und Schwarz KGaA die Note sehr gut für dieses nützliche und herausragende Produkt, das es leider nie auf die Seiten von Technik und Motor geschafft hat.

( Die alte FaZ – Technik und Motor-  was für ein würdiges Stück Zeitung das einmal war. Darf ich ihnen einmal davon erzählen, welches Produkt man mir neulich zum Ausprobiueren gab? Sie können es aber auch gleich kaufen: im Winter stellten Sie einmal einen Crosser vor und verschwiegen die Mängel an der Hydraulikbremse, die den Hersteller zum Rückruf zwang. Monate später erfuhr man es ganz am Rande).

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Demerthin, Hier schwingt sich die Landstraße sanft durchs Dorf – es gibt sogar eine kleine Steigung. Aus den Augenwinkeln sehe ich nach dem schönen Schloß. Es war 1997 noch völlig heruntergekommen und die jungen Menschen, die vor dem Kulturhaus ihr Dosenbier tranken, wirkten nicht freundlich gesinnt. Damals waren die Bildschirme noch kleiner und die Spiele darauf sehr teuer.

 

Zwischen zwei Orten, mitten auf der Landstraße eine Kuhampel, also eine Fußgängerampel für Kühe. Die B5 ist einfach prima ausgestattet. Sie ist auch sonst tiptop, keine Spurrillen, saubere Ausbesserungen, keine brökkelnden Randstreifen. Sie wurde vor 1989 gebaut, als Transitstrecke, vermutlich nach allen Regeln der Kunst.

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Ein Bushaltehäuschen mit Radfahrern: das ist ja die schwarze Truppe. Sie stehen etwas unschlüssig herum und ich winke. Als sie mich wieder überholen, fehlt einer.

 

Der Tag hat auf grau geschaltet und ist dem Wetterradar gefolgt. Es wird kühler, ganz unmerklich. Ein kleines Flugzeug dreht seine Runde. Milestones. Sie haben einen schicken Pulli, sage ich zum Mädchen hinter der Theke, als ich meine zweite Flasche Gerolsteiner Medium kaufe. Wie in Perleberg und das beruhigt mich.

Draußen fülle ich in meine Trinkflasche um und sehe ein Trio vorbeiziehen. Die waren aber nicht so schnell. Hmm. Und da fällt mir die kleine Zeile ein: „I’ve got a feeling – I hate to miss the train…“.

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Die Kilometer bis Friesack bin ich mit let it be beschäftigt dieser letzten LP des Quartetts aus Liverpool.   Lennon steht in seinem Schafspelzmantel auf dem Dach und das Haar weht im Wind. Die vier Jungs sehen blaß aus und sie wissen, daß die Zeit rum ist, während ihre Fans noch 30 jahre auf eine Wiedervereinigung hoffen. Der Apfel auf der LP, die in meinem Hirn kreist erinnert mich an den Apfel in meinem Rucksack.

Es gab noch die zwei drei Epiloge von John und das wird noch für viele viele Jahre reichen. Fans sind Deppen ohne einen Schimmer von kreativen Schüben, sind nachher noch mit parodistischen Fernsehauftritten und RevivalBands auf dem Dorf zu holen.

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Wo war ich? Auf meinem Rad, auf meinem lagunenblauen Raleigh Competition, einem der letzten, die in Worksop gebaut wurden. Die Hallen sind sicher abgerissen, aber das Rad strahlt frisch und läuft mit seinen 102cm Radstand unbeirrbar vor sich hin. Erwähnte ich den Sattel?  Nur einige Beiträge früher? Das liegt daran, daß ich ihn nicht spüre.

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Da sind schon wieder die Schwarzen. Sie lachen, als sie mich sehen und einer hält einen Schlauch in der Hand. Sieht man sich zweimal, sieht man sich dreimal?Ich werde sie nicht wiedersehen, sie kommen natürlich lange vor mir an, das ist eine anderes Rennen. Aber es ist das Salz in der Suppe auf dieser ewig langen Straße.

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In Friesack endet sie für mich . Es nieselt, ich sitze in einem kleinen Holzhäuschen und öffne meinen Rucksack. Ein Liegeradler zieht vorbei. Ich ziehe die Überschuhe hinaus und streife Sie über. Es ist als hätte ich eine Heizdecke angezogen. Jetzt beginnt der touristische Teil, Carolinenhof, Kamerun Bienenfarm. Die Nässe verstärkt das Relief der Pappeln vor dem Gewölk und macht das Grün satter. Ich komme an Brandenburgs erster Alpacafarm vorbei. Sie sollten Wintertrikots machen lassen: Diese Wolle schlägt alles, sie ist weich, fein und sehr warm.

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Jetzt ist der Liegradfahrer der Punkt am Horizont – er weiß es nicht, aber er diktiert mein Tempo, während ich spüre, daß drinnen der Akku blinkt. Erst die Rhönwurst: rauchig, salzig, ganz langsam kauen. Genau richtig. Dann den Apfel, den Letzten. Ich werfe den Rest auf die großen Felder, die wieder voller Kraniche sind. Paarweise gleiten sie im Tiefflug an Eichen vorbei – sie spielen.

 

Matschige Stücke mit vielen dünnen Spuren: ich bin nicht der einzige Tourist. Aber als ich in Nauen wieder in Sichtweite der großen Straße bin, passieren zwei Fahrer von rechts die Kreuzung. Ich erhöhe das Tempo und sehe dann auch den Liegeradfahrer, zu dem sie aufschließen werden. jetzt biegen sie schon in den Wald nach Falkensee. Ich kämpfe, es sind vielleicht 30 Sekunden. Es bleiben 30 Sekunden, dann werden es langsam mehr. Sie sind fort, meine Grenze habe ich erreicht. Weiter in leichtem Trab.

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Es ist bald 16h15, als ich Falkensee City erreiche, einen durch die S-Bahn schon in den 20ern erzeugter Waldvorort des Vorortes Spandau, mit dem feinen Unterschied, daß er auf der „anderen Seite“ lag, lange Zeit. Ich öffne die letze Ampulle, dextro energy mit Koffein. Das müsste für die x letzten km reichen – wie viele sind es noch? Egal . Die zehn Stunden, die ich mir vorgenommen hatte, werden wohl ausreichen und für die weitere Navigation reichen meine groben Kenntnisse der Zitadellenstadt aus.

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Wobei: Spandau ist , und das ist bei allem Marzahn- und Märkischen Viertel- bashing untergegangen, eigentlich die größte Ansammlung von Hochhaussiedlungen post bellum West-Berlins. Es sind geradezu Modellstädte geworden, die jedem Sachbuch der 1970er als Vorlage hätten dienen können. Eigenartigerweise gilt Spandau als bürgerlich solide, während das überschauliche MV dies nicht sein soll. Spandauer jedenfalls haben durchaus genug bürgerliches Selbstbewusstsein um sich eben nicht für Berliner zu halten. Soviel zur Stammeskunde.

 

Ich werde langatmig und vielleicht auch deshalb, weil ich an eben jener Grenze zu Spandau ein eher unbürgerliches Erlebnis mit Radfahrern in Tarnanzügen hatte. Also militärische muster, die, wie ich gerade feststelle, in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind

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Sie überholen mich also. Toll – denke ich: Du hast Deinen Zaubertrank intus und bei den vielen Ampeln , die gleich kommen werden, wirst Du nicht mehr platzen und sicher ins Ziel gelangen.

Ich halte das Hinterrad, aber der Tarnanzug vor mir mit dem Piratenabzeichen beginnt mit Meidbewegungen. Ich lasse freilaufen und schließe dann wieder auf. Jetzt schreit der Tarnanzug mit heller Stimme etwas in meine Richtung , das ich nicht verstehe. An der nächsten Ampel frage ich, was gemeint sei und erhalte die Antwort „ich muß mich um mich selber kümmern“, was ich für meine Person ja nur bestätigen kann. Frauen haben sich wirklich sehr verändert, seitdem meine Mutter mich im Arm hielt.

 

Ich fahre also voraus und siehe da: die zwei Tarnanzüge hinter mir sind verschwunden, denn sie kennen ja den richtigen Weg (s.karte oben). Den erfahre ich dann auch von einem freundlichen älteren Ehepaar einige Kreuzungen später, eben von echten Spandauern, die mir geduldig erklären wie ich hinter der Melanchton Kirche rechts ab nach Gatow komme.

 

Sie wissen es nicht, aber zwischen Spandau und St. Pauli endet das Spiel 1:0.

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Mein Spiel endet einige Sekunden vor 17h am Wassersportheim Gatow, die Atomuhr neben dem Veranstalter Burkhard Sieloff läßt keine Zweifel. Ein ganz herzlichen Dank für die Mühe an diser Stelle .Ich lasse den ESK durch einige Berliner Mountain- und Titanbiker grüßen, die mir ein großes Kompliment machen: der Zustand des Raleigh sei ja wirklich schön. Das geht runter wie ein kleines Schultheiss!

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Epilog Brest

 

Im letzten Jahr noch war diese Fahrt eine sehr heroische, was nicht nur mit dem Wetter zusammenhing. Es war meine erste Distanz über 250 km und ich war glücklich, es überhaupt geschafft zu haben. Jetzt, also genau ein jahr später, ist mit Blick auf Brest,  Hamburg-Berlin ein Tagesritt, den man durchaus als Rennen, also ohne große Pausen und zum Teil auch im roten Bereich machen kann. So zeigen es auch die Mannschaften von Heinemann oder aus Minden. Wenn ich, Nummer 270, an meine kleinen Fortschritte denke, vergesse ich nicht, daß der Urahn der Randonneure, Paul de Vivié genannt Velocio auch noch 60 Jährigen riet, Tagesetappen von 400km zu fahren. (Anders war es, bis in die 1930 er Jahre , auch bei der Tour nicht). Es bleibt zu sagen: der Körper lernt, immer besser mit sich umzugehen und mit der Pedale zu leben und das ist das Ergebnis von Wiederholung, Ausdauer und akkumulierten Kilometern. Sonst nichts. So sehe ich jetzt auch den Weg nach Brest. Ich kenne die Gefahren der Übermüdung, des falschen Tempos und der falschen Ernährung. Jetzt muß der Winter gelingen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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11 Antworten zu HH-B 2014 Das Blaue Band Teil2

  1. peter schreibt:

    ich mag deine schreibe. schön.

  2. mark793 schreibt:

    Ein würdiger Saison-Abschluss – und aus meiner Um-den-Pudding-Fahrer-Perspektive nach wie vor ein heroisches Unterfangen. Freut mich zu lesen, dass (entsprechenden Einsatz vorausgesetzt) so eine Entfernung binnen eines Jahres ihren Schrecken verlieren kann. A propos Schrecken: Ich traue mich fast gar nicht nachzufragen, welcher Natur denn das „unbürgerliche“ Erlebnis mit den Flecktarnklamottenträgern war. Ich bin da durchaus nicht vorurtelsfrei, was die Träger solcher Mode angeht, und ich komme wirklich ins Grübeln, wenn diese Kluft in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein sollte – oder ich muss meine Vorstellung von der Mitte einer grundlegenden Revision unterziehen.

  3. Für die Mitte der Gesellschaft gibt die hier täglich und kostenlos in 4-farbdruck erscheinende Aldi-Post ein unbeirrbares Zeugnis.(S. Bild). Nach 260km angebrüllt zu werden, weil man es wagt, ein ortskundiges Hinterrad zu nehmen (Navi) finde ich zivilgesellschaftlich nicht akzeptabel.

    Danke für die Kommentare und besonders die Komplimente.

    • mark793 schreibt:

      Wenn „Hinterrad nehmen“ hieße, fast das Profil des eigenen Vorderrads dran reiben zu lassen, wäre eine gewisse Indignation ja noch verständlich. Aber davon ausgehend, dass Du wahrscheinlich schon Abstand zu wahren weißt, habe ich für Gebrüll in dieser Situatiion keinerlei Verständnis. Die Episode träge auch nicht gerade bei, meine Vorurteile gegen TrägerInnen vonTarnklamotten abzubauen. Muss das mal beobachten, ob sich die Hypothese vom Vordringen in die Mitte der Gesellschaft irgendwie erhärten lässt. Ich bin ja immer versucht, den Trägern solcher Textilien zu sagen: „Ich kann Sie trotzdem sehen.“

      • Erinnern wir uns doch an den Nato Parka, der bis zu den 80ern hindurch ein Standard-mantel der U30er war und seinen Ursprung in einer situationistischen Protesthaltung ggü. Vietnam hatte.
        Die Blüte des Tarnmusters liegt übrigens bald 100 jahre zurück. Die von der Deutschen Luftwaffe erprobten Farbspiele auf den kleinen Doppeldeckern des WK1 waren z.T. wahre op-art Werke. Da sollten die progressiven Fahrradsportgruppen einmal hinblicken!

      • mark793 schreibt:

        In dem Zusamenhang fällt mir ein, dass die derzeitige Farbe deutscher Kampfflugzeuge offiziell „luftüberlegenheitsgrau“ heißt. Könnte man ja auch mal als Rahmenfarbe fürs Fahrrad in Betracht ziehen. 😉

        Ansonsten macht es für mich schon noch mal einen kleinen folkloristischen Unterschied, ob ein Kleidungsstück wie der Parka aus dem Protestler-Milieu den Weg in den Manstream findet oder der Flecktarn als ziemlich klares Assi-Signal plötzlich salonfähig wird. Notiz an mich selbst: „Werden wir alle Proletarier?“ von Elisabeth Noelle-Neumann nochmal lesen. Und die Augen offen halten, ob Flecktarn auch demnächst beim Infoabend des hiesigen Gymnsiums gesichtet wird.

  4. Das würden die Träger der genannten Trikots sicher nicht so gerne lesen. So wie sie auf den Bildern zu HH-B (Audax Club Schleswig Holstein) zu sehen sind, empfinden sie sich möglicherweise ganz und gar nicht als Assis. Vielleicht als postmodern?

    • mark793 schreibt:

      Vielleicht kann man Sport-Outfits nicht mit der selben Elle messen wie Freizeitkluft, ich würde mich auch generell nicht zu Pauschalisierungen hinreißen lassen, wer Flecktarn trage, müsse unweigerlich Unterschichtsangehöriger oder Schlimmeres sein. Aber eine hohe Korrelation war da bislang schon zu beobachten. Wenn dieses Muster nun tatsächlich den Weg in die Mitte der Gesellschaft antritt, wäre „postmodern“ als Meta-Etikett sicher nicht völlig verkehrt.

  5. crispsanders schreibt:

    Die große Verschmelzung der Genres beginnt mit den Boss Trainingsanzügen aus Ballonseide. Niemand ging in einem Trainingsanzug Bundeswehr einfach jemals einkaufen, ; das änderte sich dann. Einige dieser Dinger hatten durchaus Stil – Die sollten wir mal wieder auspacken. !

    • mark793 schreibt:

      Ein kleiner Nachtrag hierzu noch: Bei der abendlichen Trainingsrunde gestern einen Mitfahrer in Radklamotten mit Flecktarn gesichtet. Ärmel und Teile des Beinkleids waren schwarz, und auf der grauschattierten Flecktarn-Fläche prangte prominent ein FC-St.Pauli-Logo. Also nicht unbedingt Assi-Anmutung, imho eher ein Versuch, einen gewissen Outlaw-Style zu pflegen. Ich würde Dir somit recht geben mit der Diagnose, dieses textile Gestaltungselement sei auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft.

  6. crispsanders schreibt:

    Du hast sie/es erkannt!

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