0700115 In Paris: ein Rundgang durchs alte Europa, kurz vor dem nächsten Sturm

0700115 In Paris: ein Rundgang durchs alte Europa, kurz vor dem nächsten Sturm

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Die Häuser stehen ganz dicht an der Autobahn. Wenn man die elektrischen Fensterheber hinabläßt, glaubt man, die Geländer der oberen Stockwerke berühren zu können. Die Zimmer müssen sehr klein sein, denn fast alle Fenstersimse dienen als kleine Vorratsfläche für verschiedene Habseligkeiten. Aber der Verkehr ist dicht und schnell ziehen die Mietshäuser von Bobigny vorbei.

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Paris ist nicht weit und vom Autobahnzubringer kann man hier an klaren Tagen den Eiffelturm seinen Leuchtfinger über die Stadt werfen sehen. Aber es ist kein klarer Tag und so läßt sich jenseits der HLM (sozialen Wohnungsbauten) nur erahnen, wo die Stadt „intra muros“ beginnt. Weihnachten ist vorüber aber der Schmuck blinkt noch in den Straßen. Große Tannen mit bunten, riesigen Kugeln heitern Verkehrsinseln auf. Heute geht das Jahr 2014 zuende und für einige friedliche Tage werde ich durch Paris ziehen.

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In einer anderen Vorstadt liegt er begraben, mein Weihnachtsheld. Eugène Christophe starb hochbetagt in Malakoff, einer Vorstadt im Süden, gleich hinter der Porte de Vanves. Seinem Club, der Etoile de Malakoff, gehörte er bis zum Lebensende an. Dreimal hätte er die Tour gewinnen können, zweimal brach ihm die Vorderradgabel. Mit 75 Jahren  fuhr er noch den Tourmalet hinauf , um die Geschichte nachzustellen, mit der er in die Legende eingeht: beim Schmied von Ste Marie de Campan glüht feilt und repariert er die Gabel, die ihm, 10 km zuvor auf der Abfahrt angebrochen war.

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Das war 1913 und damals war es noch verboten, Material zu tauschen oder fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ersatzräder gab es ebenfalls keine – und so mußte sich der Werksfahrer von Peugeot auf dieser Etappe der 6 Pässe zwischen Bayonne und Luchon unter den Augen der Rennkommissare selber behelfen: er war gelernter Schlosser.

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Solche Erschwernisse waren vom Gründer der Tour de France und Veranstalter Henri Desgrange ganz bewusst gewählt worden, um die heroische Kraft der Konkurrenten der ganzen Leserschaft seiner Sportzeitung „l’Auto“ vorzuführen (und diese zu mehren) . Den Franzosen sollte gezeigt werden, was für irre Kerle in ihren Landarbeitern, Tagelöhnern und Industrieknechten steckte. Die Vitalität des dritten Standes zum Lob und Preis. Außer Ruhm gab es von Anfang an Geld, denn für was hätte sich die Klasse der Darbenden sonst schinden sollen – außer natürlich für die Patrie, die ab 1914 ca. 60 dieser Berufsfahrer opferte.

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Die schwarzweißen Photographien, sorgfältigen Zeichnungen und schriftlichen Eintragungen von Hand Christophes beweisen den professionellen Ernst des Mannes, der über 20 Jahre Radprofi war und  1921 Paris-Brest (es war ein Rennen) als 2ter beendete :trotz seiner Nummer 1

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Wenige hundert Meter entfernt von Malakoff findet jedes Wochenende der Flohmarkt von Vanves statt, ein eher ordentlicher und gut bestückter Markt für die Jäger alter Einrichtungsgegenstände und hübscher Kleinigkeiten. Vor über zwanzig Jahren fand ich dort kurz vor Weihnachten fünf eiserne Nussknacker, die ich bestens verschenken konnte. Seitdem hat sich nichts verändert – und heute sind es drei Parfumminiaturen die ich entdecke, darunter das würzige Dioressence meiner Frau, dessen Formel bestimmt schon vor 20 Jahren „vereinfacht“ wurde.

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Die Araber, Chinesen, Russen und anderen Luxuskunden der einschlägigen Häuser, die diesen einzigen zur zeit „blühenden“ Wirtschaftszweig Frankreichs alimentieren, werden sich nicht daran erinnern, wie der Duft einmal roch, als Edmond Roudnitska, Jean Paul Guerlain oder Robert Ricci ihn in ihr Formelbuch schrieben. Zur Rettung der Kundschaft sei gesagt, daß Ambergris, Zibet, Moschus und andere Duftstoffe animalischen Ursprungs auf der Verbotsliste stehen und sich nun ganz brauchbar in industriellen Mengen nachbasteln lassen.

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Solche Märkte sind wie kleine Zeitkapseln voller Erinnerungsstücke, die mich kurz vergessen lassen, daß Amazon Ikea und der Carport gesiegt haben und wir die Produktion des schönen Scheins in die Hände chinesischer Kinder gelegt haben.

Unweit dieser 1001 Schätze befindet sich ein weiterer Markt: Antiquarische Bücher Die schmiedeeisernen Dachkonstruktionen der Place Brassens schützen die alten und jüngeren Werke vor der Witterung und auch an diesem kühlen Tag sind die Stände gut belegt. Antiquare aus der ganzen Stadt beweisen, daß es einen Buchmarkt jenseits des internets gibt.

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Das Angebot ist breit, vom Ramschtaschenbuch bis zur numerierten Sonderausgabe ist alles zu haben. Auch über den Radsport. Ergriffen bewundere ich die Periodika der 60er. Wie bei Der Innnenteil ist in s/w gedruckt, dafür leuchten die Farben der Umschlagseiten und Poster umso tiefer und ewiger . Motta, Merckx, Anquetil. Der Händler nähert sich mir und nennt mir jeden Kopf des Pelotons beim Namen, sowie nennenswerte Siege. Der größte französische Sammler von Magazinen und Radsportdokumenten steht neben mir. 1967, mit dem Tour-Sieg Pingeons hat er begonnen.

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Aber der Hunger ruft und gegenüber befindet sich die gemütliche Ecke, der bon coin, ein angenehmes Lokal, in dem, soweit ich mich erinnere, noch lange nach dem Verbot Zigaretten geraucht wurden. In einer Ecke läuft ein Fernseher und überträgt Pokalspiele der FFF. Bobigny gegen Nantes.

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Nach der soliden Mahlzeit mit Blanquette de Veau, hausgemachten Pommes und einem schönen Croque Monsieur nähert sich der Patron unserem Tisch. Er hatte meinen Jungen vor dem Fernseher bemerkt und fragt uns nun: „ You Germany“? Deutschland ist gut im Fußball, er ist ein Fan, besonders seit der Weltmeisterschaft. Die Französische Mannschaft sagt er, und sieht sich mit übertriebener Geste zu beiden Seiten um, sei ja gar keine französische Mannschaft mehr. In seinem Garten gebe es eine große deutsche Fahne, der Mast sei 6 Meter hoch . . . .

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Übermorgen ist das Dreikönigsfest. Es ist Sitte, dafür einen üppigen Blätterteigkuchen zu kaufen. Im Kuchen ist ein kleiner Glücksbringer verborgen und wer ihn findet, ist in diesem Jahr König (oder Königin). Ob Buchliebhaber auch Brotliebhaber sind? Es muß kein Zufall sein, daß der Bäcker Max Poilâne, der vor ungefähr dreißig Jahren auf Holz gebackenes Roggenbrot (in Paris) wieder salonfähig machte, gleich gegenüber den Büchern eine Filiale eröffnet hat. Eine kleine Glücksblase im Schatten der Marktstände.

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Neben den Brotlaiben, die mittlerweile an die 20 Euro kosten, werden auch Galettes angeboten – das sind die Dreikönigskuchen aus Blätterteig. Poilâne hat einen Ruf zu verteidigen – ich versuchs also mal hier; wir werden nicht enttäuscht.

Der Ruf der Magazine ist stärker. Ich kann nicht wiederstehen und blättre. Sehr viele Sprints werden mit 52×15 gewonnen, Jan Janssen sei das beste Beispiel, schriebt ein Fachmann…… die Zeiten haben sich geändert

Ich frage den Händler nach Büchern, technischen oder soziologischen Studien zum Radsport. Nein, die habe er nicht hier. Wir kommen ins Reden und am Ende schenkt mir Olivier Dazat ein Sonderheft zu hundert Jahren TdF, in dem er einen Artikel verfasst hat.

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Glück, schieres Glück. Die Krone der Galette brauche ich jetzt nicht mehr. Spätestens im August werde ich Olivier ein Geschenk vom Paris-Brest-Paris mitbringen: versprochen – „vielleicht war der beste Radfahrer aller zeiten nie ein Profi . . . „ , sagt er zum Abschied.

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