Christophe & Kristof

Kristof & Christophe

Zwischen den beiden Namen liegen 100 Jahre. Gemeint sind  (Eugène) Christophe und Kristof (Allegaert).

 

Christophe d.Ä. ist der Fahrer, der die Tour de France nie gewann, obwohl mehr als zehnmal an ihr teilnahm und mindestens dreimal, 1912,13 und 1919, die größten Chancen hatte, sie als Sieger zu beenden. 1913, weit vorne liegend, wird er eine Gründungslegende dieses Rennens, als ihm auf der Abfahrt des Tourmalet die Gabel bricht, die er, unter Aufsicht der Rennkommissare eigenhändig zusammenschmieden muß.

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Dieser berühmte Vorfall, der es in die Schulbücher schaffte, wird in einem faszinierenden Buch rekonstruiert: Eugène Christophe, le damné de la route.

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Kristof d.J. , daß ist Kristof Allegaert, ein Lehrer aus Courtrai oder Kortrijk, wie die Flamen es nennen. 100 Jahre nach dem Zwischenfall am Tourmalet gewinnt er die erste Ausgabe des Transcontinental Race 2013. Dieses Rennen für Einzelfahrer führt von London nach Istanbul, es gibt keine Unterstützung und nur 4 Kontrollpunkte. Anders als der Ältere ist Kristof2  (Allegaert) nicht vom Pech verfolgt und auf den ersten Sieg folgt 2014 die Wiederholung.

In den ersten zehn Jahren ihrer Austragung war auch die Tour de France ein Rennen ohne Unterstützung, das der Veranstalter, Henri Desgranges, ganz bewusst so gestaltet hatte. Die Fahrer sollten die Etappen aus eigener Kraft bewältigen und es galt zu zeigen, wozu ein einzelner Mann auf dem Rade fähig ist. Der Heroismus war moralisches Programm und er war das, was den Ruhm des Radsports begründen sollte.

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Seit einigen Jahren gibt es nun Veranstaltungen, die das Heldentum im Namen führen und sich mit großem Erfolg auf die Zeit Christophes oder danach besinnen. Diese eher folkloristischen Varianten des Heroismus auf zwei Rädern, sind eher ein all inclusive Angebot für Italien Kurzurlaub samt revival-Kultur . Da gibt es offenbar ein postheroisches Vakuum, das Sehnsüchte weckt.

http://www.transcontinentalrace.com/

Hier setzt das TransConRace an, das vom Weltumfahrer Mike Hall ins Leben gerufene wurde, und die Brevet-Tradition als Rennen fortsetzt. Brevets geben ihren Teilnehmern eine Strecke vor, die ohne fremde Unterstützung in einer vorgegebenen Zeit zu absolvieren ist. Hier gibt es natürlich auch eine Maximalzeit, nämlich 2 Wochen, es geht aber um die schnellste Zeit. Die Streckenwahl zwischen den Kontrollen ist frei.

 

Das TCR ist also ein Renn-Brevet, der der alten Tour de France insofern ähnelt, als Etappenlängen und – Dauer eine ganz ähnliche Form annehmen. Der Start einer typischen Tour-Etappe 1913 begann gegen 3h (morgens). Die Ankunft erfolgte zwischen 19 oder 20h für die Schnellsten, damit die Zeitungen noch berichten konnten. Etappenlängen waren mindestens 300km – auch für Bergetappen!

Ein ähnliches Pensum bewältigten die Teilnehmer des TCR ebenfalls (ohne Preisgeld). Der Vergleich mit der Tour in ihren Anfängen ist natürlich begrenzt. Ausrüstung und Wegbeschaffenheit sind nicht vergleichbar, die Teilnehmer haben erheblich mehr Daten zu ihrer Orientierung und: sie müssen ihr Brot nicht auf dem Rad verdienen.

https://pbs.twimg.com/media/BvQbAw0CUAAFrj2.jpg:large

Doch Eugène Christophe und Kristof Allegaert müssen mit sehr ähnlichen Strategien ihre Fahrt angehen. allegaertkSie müssen jede Etappe planen, die Versorgungsmöglichkeiten überlegen und mental erfordert die relative Isoliertheit der der Teilnehmer während des Rennens enorme mentale Stärken. Zwischen 1913 und 2013 liegt ein Jahrhundert, aber kein Evolutionssprung.

https://allegaertk.files.wordpress.com/2014/08/imgp4122.jpg?w=800&h=600

(Bilder von Allegaerts blog) : https://allegaertk.wordpress.com

 

Eigenartig ist angesichts dieser Höchstleistungen die verhältnismäßig geringe mediale Resonanz. Verglichen mit den Möglichkeiten unserer Zeit, sind die Homepages und twitterdienste, die ermöglichen, dem TCR zu folgen, statistisches Rauschen.

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Vom Rennen erfuhr ich erst über die Umwege einer Seite des Herstellers Spc’’#d, der zwei Entwickler/Vermarkter in die 2014er Ausgabe geschickt hatte. Der Film spiegelt sehr gut die epische Dimension der Fahrt, auch wenn er mit Allegaerts Rennen wenig gemein hat.

http://vimeo.com/83397300

Erhellendes liest man in road.cc http://road.cc/content/news/126524-transcontinental-race.

Dann verdankte ich einem Magazin Namens „200“ genauere Kenntnis über französischen Teilnehmer Samuel Becuwe, den Rest diversen Blogs, wie dem von Josh Ibbett, bemme 51 oder Ed Pickup, und nicht zuletzt Juliana Buhring, der wohl stärksten Frau auf der Extremdistanz.

 

Das TCR ist also eine Geschichte, die ich im Nachhinein  in Fragmenten des Internets zusammenfügen muß, Helden ohne Casting, Embedding und Mannschaftswagen, wie man das in einer 400- Euro -PR -Welt ja für jeden Schützenverein geliefert bekommt.

https://allegaertk.files.wordpress.com/2013/09/imgp3608.jpg?w=800&h=600

Dabei kommt es dem ursprünglichen Charakter von Radrennen sehr nahe und für mich ist es sogar eine größere Geschichte als das, was im professionellen Radsport geschieht. Kristof Allegaert ist jemand, der seinen Platz darin haben wird– als würdiger Nachfolger der Tour de France Sieger.

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2 Antworten zu Christophe & Kristof

  1. alex schreibt:

    Ganz klasse Bericht, danke.

  2. crispsanders schreibt:

    ….. es gibt schon beeindruckende Leute – und das sind nicht immer die ,von denen man am meisten hört.

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