Der General, der Bismarck die Schau stahl

140214

Heimatkunde. Der Westerwald, eine unübersichtliche Gegend. Hügel Wälder und nochmals Hügel – wer die A3 zwischen Köln und Frankfurt gefahren ist, kennt wahrscheinlich dieses unbestimmte Ortsgefühl . Die A3 der Römerzeit und der folgenden Jahrtausende war die Hohe straße. Sie läuft in etwa parallel zur Autobahn, so ungefähr 15km östlich, nur ein paar Täler weiter. Die Orte an der Hohen Straße liegen in Tälern, gut geschützt vom Wind und nah am Wasser, das sie gebildet hat. So geht es heute munter auf und ab Richtung Altenkirchen im Tal der Wied.

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Erstmal geht es für mich nur aufwärts und ich bin froh, den eher kühlen Südostwind nicht im Gesicht zu spüren – die Sonne hält sich noch schleierhaft bedeckt und je weiter ich nach Norden komme, desto größer sind die Schneeflächen auf den Feldern um mich. Es ist Samstag, Faschingssamstag oder Karnevalssamstag, je nachdem ob man im Norden oder Süden des Westerwaldes lebt. Hier in Dornburg heißt es jedenfalls helau, denn der Südhang des „Gebirges“ blickt nach Mainz.

 

Offenbar hält die 5te Jahreszeit die Straßen frei, Laster sehe ich keine und werde selten überholt. Auf einem einsamen Gehöft hat der Eigentümer sich mit gelben Ziegeln eine stilisierte Sonne aufs Dach gelegt. Eine Kreuzung: Hachenburg 15km, Altenkirchen 15km , immer noch keine Sonne. Das blaue Koga trägt mich weiter nach Norden, die kleinen Wellen nehme ich oft im Wiegetritt und das große Rad „steht“ – unser Ziel ist ein Turm bei Altenkirchen. Ein Bismarckturm. Für das Anfahren dieses Turms gibt es einen Punkt, einen Etappensieg, wenn niemand anders am gleichen Tag einen anderen Bismarckturm irgendwo in Deutschland angefahren hat.

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Dieser Wettbewerb wurde von einem co-blogger, dem Kreuzbuben ins Leben gerufen und erfreut sich im Nordosten gewisser Beliebtheit: über  ein dutzend Türme sind schon angefahren. Hier, wo der Wolf das Reh reißt, weiß ich mich allein auf weiter Flur, den Sieg wird mir keiner nehmen und auch „Guter Bubi“ ahnt nichts von meinem blauen Husaren-Ritt: der Bismarckturm in Altenkirchen ist mein.

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Aber noch geht es durch dunklen Tann, die Föhren sind sogar vereist, der Winter hat seine Krallen noch nicht ganz eingezogen und die Krähen balgen sich um etwas Rotes, das am Boden liegt.

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Eine lange Abfahrt, ein Wegweiser im Wald und eine Barriere in blau-weiß-rot: die Farben der Kokarde mitten im Wald.

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Ein kleiner Obelisk wird sichtbar, kaum 100m von der Landstraße entfernt. Die vier seiten des Basaltsteines sind dreisprachig beschriftet: Auf lateinisch, in deutscher Fraktur und  – ursprünglich golden eingelegt-  auf französisch. Hier wurde er tödlich getroffen, der 27-jährige Revolutionsgeneral. Die Avenue Marceau, eine der teuersten Straßen in Paris (Marlene Dietrich wohnte dort) ist nach ihm benannt. An einem weniger mondänen Ort hätte er kaum sterben können , Marceau, ein junger Revolutionsgeneral auf dem Rückzug.

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Für eine Gedenkminute stelle ich das Koga Miyata an den obelisken, Die Sonne taut jetzt den Waldboden auf und ich stürze mich ins nächste kleine Tal nach Höchstenbach. Noch zwei drei Wellen und ich bin in Gxxxroth und biege ab: nach meiner Landkarte brauche ich jetzt nur noch dem Weg zu folgen, aber immer noch kein einziger Hinweis auf den Bismarckturm, der da, hinter dem Wald auftauchen soll. Doch er ist nicht zu übersehen, um 12h05 steht er vor mir in der Mittagssonne, frisch herausgeputzt, handlich und klar zeichnet er sich ab. Made a point. Blick auf Altenkirchen.

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Dann stelle ich das Koga Bismarck vor die gußeiserne Nase. Ein Ziegeleibesitzer hatte  den Turm errichten lassen, die kleine Tafel gibt bereitwillig Auskunft. . .

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Es war jetzt ein strahlender Tag, ich war in der Zeit und darum fiel mir die Entscheidung für den nächsten Turm leicht.

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Hinter Altenkirchen hebt sich das Land noch einmal sanft an, die Felder liegfen in der strahlenden Sonne und über den Waldsaum des Beulskopfs ragt das hölzerne Gerüst des Raiffeisenturms hinaus.

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10 Minuten später biege ich auf die letzten Meter zum Turm ein, der gerade von zwei Mountainbikern verlassen wird. Die Sonne ist gleißend und die Sicht sehr diesig, also verspreche ich mir nicht allzu viel von der Aussicht. Doch jeder Turm  ist ein Befehl,  hinaufzusteigen.

Exif_JPEG_PICTUREErnüchtert und weniger als 5 minuten später laufe ich hinab und die Rückfahrt beginnt. Der Wind zwingt mich in eine tiefe Haltung. Drei Stunden sind vergangen, ich sollte Es wird eine Nußecke mit Blick auf Altenkirchen. Die Fußgängerzone liefert einen weiteren traurigen Beweis dafür, daß der Einzelhandel in der Provinz verliert.

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Die Landstraße hat mich wieder, die schwarze Dura Ace, die ich heute zum ersten dauertest ausführe, schaltet genauso weich und leicht wie die silberne – was aber vor allem daran liegt, daß mein Nachbar Friktionsschaltungen so fein einstellen kann: Erst den Hebel nach vorn legen. Das Schaltseil durch das Schaltwerk führen , so daß es nach Klemmung „handwarm“ gespannt ist. Dann die Feinspannschraube ein paar Umdrehungen herausdrehen, damit, je nach Bedarf, Spiel für nachträgliche Regulierung bleibt. Jetzt hinaufschalten, dann wieder herunter und hinüber aufs kleine Kettenblatt. Immer hin-und her, bis alles stimmt.

Auf der Höhe erkenne ich im Osten die majestätische gelbe Fassade des Hachenburger Schlosses in der Ferne. Der Wind macht mürbe, die Straße ist eintönig und den Anstieg auf das eisige Hochplateau (14 % incl.) möchte ich umgehen. Und irgendwas zwitschert hinten – kein Vogel – das sind die Schaltwerksrollen, die neues Fett brauchen : Wasser und Salz sind nicht gut.

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Ich biege auf meine herbstliche Rundstrecke ab, das zwitschern wird lauter. Ein Mann steht in seiner offenen Garage. Eine Sekunde später schlage ich ihm die Dose mit  Er reicht mir eine Dose MoS2 Spray und zwei Sekunden später ist das Zwitschern geschichte. Weiter , die kalte Höhe mit den Windrädern umfahren. Das Grün der Wiesen ist noch matt und strohig Exif_JPEG_PICTURE

Nur bald ist der Tank leer. Freirachdorf, Hartenfels, Steinen: Orte ohne Tankstellen – aber genau das will ich ja: üben, fahren mit Fettverbrennung, dem Brennstoff für die Langstrecke.

Der Körper hat nach 2 bis 3 Stunden seine Kohlehydratspeicher geleert und muß dann immer mehr auf die eingelagerten Fette zugreifen. Je nach Übung gelingt ihm das mehr oder weniger. ich denke an die Nußecke aus Altenkirchen  – sie ist alles, was ich an Nachschub geliefert habe. Und 1 cappuccino (125ml) , die kleine Schubrakete.   Es ist zäh, und wird durch den Wind immer zäher. Die Sonne ist mein Trost und die chromblitzende Gabel auf die ich in Unterlenkerhaltung starre.

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Aber in Kaden wartet die Tankstelle. Das Snickers Doppelpack mit Haselnüssen ist im Angebot – bitte ein Glas Leitungswasser dazu. Man schaut irritiert. Aber es ist Fassenacht! Den Punkt in der Rückentasche rolle ich heim . . .

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Bismarck1 ist geschafft, zwei weitere stehen auf meiner to do list, gewonnen hat aber heute ein Unbekannter:  Francois-Severin Marceau

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5 Antworten zu Der General, der Bismarck die Schau stahl

  1. kreuzbube schreibt:

    Ein Dutzend? 64 sind es bereits. Ich habe mich schon gefragt, wann Altenkirchen wohl fallen mag. Gut gemacht!

  2. Pingback: +++Eilmeldung+++ESK-Einheit befreit Bismarckturm in Stettin+++Angriff auch im Westerwald+++ | Guter Bubi!

  3. crispsanders schreibt:

    danke fürs kompliment – habe jetzt „über ein Dutzend“ korrigiert.

  4. Twobeers schreibt:

    Sehr schön und Glückwunsch!

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