Der Bismarckturm meiner Großmutter – ein Besuch im Vormärz

220215 Bismarck im Luftkurort

 

Luftkurorte waren in der Mitte des letzten Jahrhunderts nicht unwichtig. Wer sich mit Biographien Deutscher Bergarbeiter befasst hat (Berger: der Pütt hat mich ausgespuckt) und sich erinnert, daß um 1960 der Teneriffa Urlaub noch nicht von Ryanair erfunden worden war, konnte Rengsdorf am Fuße des Westerwalds für ein kleines Paradies halten.

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Warum es meine Großmutter in jedem Sommer als Kriegerwitwe dort hinzog, weiß ich nicht genau. Schwach erinnere mich an eine Fahrt mit meinem Onkel dorthin , der kleinen Pension im Hang und daß ich, auf der Rückfahrt, während er seinen Mercedes Diesel von innen vollqualmte, das aufregende Windspiel ausstellbarer Dreiecksfenster bei deutscher Marschmusik entdeckte.

rengsdarf karte1 Meine Oma, besser gesagt, rheinisch: die Ommma, schrieb uns eine Postkarte ihrer schönen, zierlichen Schreibschrift und brachte dann klitzekleine Marmeladenkonserven und Zuckertüten mit nach Hause – es war ja alles bezahlt.

Es ist der Reichskanzler, der heute diesen Ort auf meine mentale Landkarte zurückholt. Im Verzeichnis der Bismarcktürme erwähnt, eignet sich „der Rengsdorfer“ bestens zu einer Trainingsrunde von 100km +/- . Meine Westerwald Straßenkarte sieht an besagter Stelle nichts, außer einem vielsagendem info-Zeichen.

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Dafür hat der Routenplaner komoot den Aussichtspunkt gespeichert. Leuchtjacke über, Licht aufgeklemmt karte in die Tasche und hop. Bei deutlich über 0 kann man auch einmal früher unterwegs sein. Das Salz knistert unter den leuchtendgelben Reifen und der Wind steht gegen mich. Eine alte Regel besagt aber, daß es besser ist, mit Rückenwind heimzukehren. Eine neuere Regel besagt aber auch, immer frische Batterien dabei zu haben. Kurz vor dem „Westerwalddom“ teilt mir das Display eine traurige Wahrheit mit: bitte Batterien wechseln.

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Sehr schlecht für meinen Etappensieg – ohne Bild kein Beweis, ohne Bild kein Blog, ohne Bild wird auch Fernsehn nicht schön. Während ich gegen die graue Windmauer anfahre denke ich nach. Wirges, Ransbach, Baumbach, die Dörfer und Gewerbegebiete in der Nähe von Autobahn und Zugstrecke lösen sich unmalerisch ab, ein Mann an der Landstraße trägt in seinen Crocs keine Strümpfe und telefoniert. Es klart auf und ich schalte mein Licht ab.

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Ein anderes Licht geht mir auf, ein Befehl!: tausche Mignonzelle zwischen Lampe und Kamera . Die alte Powershot arbeitet mit AA Zellen und jene aus der Lampe sind tatsächlich frischer. Alle sind glücklich: die Lampe leuchtet und die Kamera knipst. Ich kann beweisen, daß es mein Fahrrad gibt.

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Ein schönes Tal erwartet mich nach einem Ort mit dem irreführenden Namen Hundsdorf. Die Sonne sticht heraus, der Tag ist gerettet. Einige Wellen später erreiche ich bei trockener Straße die herrliche Abfahrt nach Sayn, der Stammburg des weitverzweigten Grafen- Prinzen- und Fürstengeschlechtes.

Rheinische Wärme umspielt mich und ich erkenne hier und da Genossen auf 2 Rädern. Aber alle wollen das schöne Sayntal hinauf Richtung Dierdorf. Mein Weg verläuft parallel zum Rhein, ist beinahe eben und dreht dann in einer zähen Steigung nach Nord. Der Aubach wird in einem kleinen Dorf mit Zuckerbäckervillen und Antiquitätengeschäften durchquert und mein letzter Anstieg vor dem Ziel (5km) beginnt. Eine letzte, langgezogene Kurve gibt den Blick auf Rengsdorf frei und tatsächlich erkenne ich am Rand des Städtchens die immergrünen Bäume eines Hains: Tannen, Eiben vor allem aber der spitze Kegel eines Mammutbaums,  der sie überragt.

Dazwischen

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ein Bismarckturm im Sonntagsstaat,  gleich links Neben der Allee, die nach Rengsdorf hineinführt. Sieg!

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das frische Eichenlaub leuchtet mir hellgrau von der Dachkrone herunter. Wie es Sitte ist, präsentiere ich Bismarck mein Rad und schreite den kleinen gepflegten Hain ab. Alles ist geometrisch von einer Hecke umgeben, die einen Gang auf die sogenannte Kaisereiche freigibt. Dort der Gedenkstein für die Toten des Kriegs von 1870/71. nach Süden hin öffnet sich der Blick auf die Rheinebene und Neuwied. Mein Weg.

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Den großen Kühlturm des stillgelegten Reaktors Mühlheim Kärlich dürfte meine Großmutter, an ihrer statt sitze ich jetzt hier, 1981 bei ihrem letzten Besuch noch nicht gesehen haben. Doch ansonsten wirkt Rengsdorf so, als  sei es seit ihrer Sommerfrische in einen tiefen Schlaf verfallen . Der Einzelhandel ist hier und da von asiatischen Restaurants ersetzt worden, aber sonst halten sich die alten Namen und Insignien der BRD, wenn auch leicht verblichen an den hauswänden. Stiebel Eltron, wie ihr Wasserkocher, Ado wie ihre Gardinen, Grundig, wie ihr Radio in der Küche. Doch die Promenadencafés sind geschlossen und der Bäcker „seit 1904“ – ebenfalls – dabei ist es nicht einmal mittag. Ältere Ehepaare hier und da , einige Familien, eine aufgelassene Gastwirtschaft, deren Fenster sich beschweren.

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Und Mädchen, die an Bushaltestellen mit ihren Smartphones sprechen. Sie sprechen auch mit mir, dem hungrigen Radwanderer: weiter, immer nur weiter hinaus, Wanderer, dort ist eine Tankstelle, sie leuchtet hell.

 

Reger Besuch, der Backshop ist groß ,die Zeitschriftenabteilung auch. Ein markiger 8zylinder ertönt, als der bezopfte mann im Holzfällrehemd seinen Gemballa 928 vom Hof rollt. Uwe Gemballa – den haben sie doch vor ein paar Jahren irgendwo in Südafrika hochgenommen . . .Gemballa, der die perlmuttweißen LudenPorsches berühmt machte.

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Ich verweile in der warmen Starre. Dann rase ich zurück durch die eingefrorne Vergangenheit, die große Promenade von Rengsdorf hinunter, die Promenade des Anglais meiner Großmutter. Ich sehe, wie sie mir den alten Fernseher mit einem drehbaren Skalenknopf einstellt, weil gleich die Mainzelmännchen kommen, wir spielen 66 oder Mau Mau, ich sehe mich die Martinstüte auf ihrem Tisch auspacken und sehe, wie sie immer wieder die Schachtel mit der alten Feldpost durchgeht. Ich öffne die Augen, schieße am Reichskanzler vorbei und verlasse die alte BRD, das Reich der Toten.

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In Sayn biegt die Straße zum Schloß ab, aus den Augenwinkeln erkenne ich eine Konditorei und rieche die Schwaden einer guten Küche. Nein, 1 Café, 1 Croissant und 1Snickers müssen reichen. Das Schmetterlingshaus neben dem Schloß öffnet im März und ich schwebe den Hang hinauf. dabei rieche ich Wacholder aus heimischer Produktion – früher ließ der Fürst hier Ananas züchten. Ein letzter Blick zurück über die Rheinebene und dann hat der Westerwald mich wieder. Mit Rückenwind.

rengsdorf 16 kranicheDie Kraniche kommen übers Haus, sie sammeln sich, umkreisen sich und sprechen miteinander – dann ziehen sie weiter. Ob sie wußten, daß der Schnee kommt?

 

Nachlese

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In einem kleinen Ort namens Hundsdorf stehen zwei mächtige Villen, eine davon die Villa Pettersberg. Sie könnten auch im Grunewald stehen und Diana oder Victoria heißen. Der deutsch Landhausstil der vorigen jahrhundertwende. Die andere ist gelb geklinkert und von mächtigen grauen Schmiedeeisernen Zäunen umgeben. Darauf Initialien .

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Wenige hundert Meter weiter erkenne ich die Initialien auf einem großen roten Fabrikgebäude wieder: eine Brauerei. In einem kleinen Tal wird Bier gebraut und dann kommen die Villen am Hang.  FB – wer kennt das Bier aus dem Masselbachtal ?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 Antworten zu Der Bismarckturm meiner Großmutter – ein Besuch im Vormärz

  1. Toni schreibt:

    Fohrfart für Radler! Schöne Prosa, macht Lust auf den Frühling!

  2. alex schreibt:

    Ein schöner Tourenbericht, er macht klar was ich dieses Jahr schon alles verpasst habe. Aber gestern war die erste Ausfahrt – oder war es die letzte im Februar – mit dem Stahl Renner. Bei 10c° und teilweise guter Sonne auch ein nettes Erlebniss.

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