080315 Bismarck, frühlingsfrischer Fisch

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Über Blau

Die „neue“ kleine Kamera hat einen speziellen Sensor „EXR“ und damals, 2009, war viel die Rede von einer „besonders“ natürliche Farbwiedergabe. Mir nur recht, denke ich mir und ziehe in den ersten Frühlingstag. Noch knistert das Salz unter den frischen Reifen, was mir auch recht ist, denn die wächserne Schutzschicht aus Taiwan darf gern so schnell wie möglich ab. Und der Tag kommt und mit Wucht. Milchiges Blau, weißblau und dann einfach strahlend blau. Der spezielle Sensor scheint es zu spüren und grundiert alles blau. Die Äste werfen spindeldürre, durchsichtige Streifen auf den Asphalt, bald liegen die ersten Höhenzüge um Elbtal, Dorchheim, Ellar und Fussingen hinter mir, weiße Fächer aus Düsen über mir.

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Ich bin unterwegs nach Westen zu einem Turme, der in Wetzlar stehen soll.

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Eine Karte nennt ihn Lahnberg, eine andere verzeichnet gar nichts – offenbar sollen die Wanderer des Taunusvereins gar nicht erst unerwünschte Ziele anpeilen. Das Internet aber bringt einen auf dumme Gedanken und nennt den Turm so, wie er seit 1901 heißt: Bismarckturm.

Dieser hier unten ist es nicht

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– das hier oben ist Merenberg

Über Ergos

bis wet2Irgendwann um 1988 wurde es Radsportlern leichtgemacht: sie mussten sich nicht mehr bücken, um ihre Gänge zu wechseln. Shimano begann damit und nannte die Schaltung im Bremsgriff „STI“, Campagnolo zog dann nach und taufte seine neuen Hebel „Ergos“. Heute ist meine Premiere, denn zum erstenmal in meinem Leben fahre ich ein Rad mit Brems-Schalthebeln. Es sind eben Ergos und haben den schönen griechischen Namen „Athena“. Natürlich muß ich erst überlegen, in welche Richtung es gleich geht. Natürlich schalte ich auch einmal einen Gang schwerer statt den Leichteren einzulegen – und bücke mich zwei oder dreimal, um den Umwerfer zu betätigen. Aber alles halb so dramatisch, es klappt mit präzisem Klick hinten und vorne mit einem Geräusch, das mich an eine Ratsche erinnert.

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Frische Kette, frische Ritzel, frische Beläge – wahrscheinlich haben es an diesem Sonnentag tausende in Deutschland genauso gemacht, aber noch ist niemand von ihnen zu sehen. Nur ein leibhaftiger 350SE in sehr schönem blaumetallic überholt mein einsames Diamant.

 

 

Über Wetzlar, 8.März

Merenberg mit dem märchenhaften Burgfried ist passiert und jetzt umrunde ich auf einer gesperrten Straße den nächsten Hügel. biswet6

 

Als ich an der Sky Ranch kurz den Vöglen lausche blubbert im Trab ein rotes Auto vorbei.biswet 7

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In Löhnberg erreiche ich das Lahntal. Ab hier ist es flach und heiter, nur den richtigen Weg zwischen Fluß und Autostrada muß ich finden. Wetzlar 20, sagt der Wegweiser, aber für Radler, die einen Deutschen Fernradweg benutzen, sind es sicher einige mehr. Seis drum, ich wurschtle mich mit meinem ersten Cappucino über Biskirchen Richtung Leun und nutze die gesamte Länge des Vorbaus (120) wegen der leichten Gegenbrise. Neben mir und hinter mir schlängelt sich träge die Lahn, ich passiere Brücken, Baustellen, Gewerbegebiete. Über Solms folge ich der Chaussee die schnurgerade von West nach Wetzlar hineinführt.

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Links und rechts ist sie gesäumt von Mietshäusern im kasernenartigen Nachkriegsgsstil. Krokusse dazwischen. Dann säumen die ersten Villen der Gründerzeit die Straße und schon sehe ich die Leitz-Werke, deren Fußgängerbrücke über die Straße führt. Pförtner grüßen mich und ich sehe die alte Stadt.

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Heute jährt sich der letzte Bombenangriff zu 70ten mal. Im Dom wird ein Requiem aufgeführt zur Erinnerung an die Treffer. Der kernige Anstieg führt an der Altstadt vorbei: dort werde ich gleich meinen Nachtisch nehmen. Erst geht es hinauf, zweistellig. Dann, nach 1km leicht links in den Philosophenweg. bis wetz2

1,5 km sagt der kleine Wegweiser, er sagt aber nicht, daß es 150 Höhenmeter sind. Die Vögel singen, in den Garagen montieren Amateure Mountainbikes. Mit hohem Puls erreiche ich das Plateau. In strahlender Sonne grüßt ein frisch herausgeputztes rundes Türmchen.

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Über Türme

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Eine Art Wassergraben umgibt es und ein Bauzaun schützt vor fremdem Zutritt. Dieser Bismarckturm scheint erst gerade von überwuchernden Strauchwerk und Bäumen befreit, aus dem Winterschlaf erwacht zu sein. DSCF1083biswet 18

An der abgewandten Nordseite endet die Eingangstreppe, hier finden sich auch Wappen und Sinnspruch : unserm Bismarck, 1901.

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Von oben ginge der Blick weit ins Lahntal nach Osten, Richtung Gießen (ein fernes Ziel). Ich genieße meinen Etappensieg und freue mich über das junge Rad. Es ist ein echter Turm, rund und schlank, mit kleiner Seitentreppe, keine Trutzburg, Kein Quader – ein Pfeil in den Himmel.

 

Über Innenstädte

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Zum Glück scheint Wetzlars Altstadt zumindest im Kern vom Dresdener oder Pforzheimer Schicksal verschont worden zu sein. Fachwerkhaus reiht sich an Fachwerkhaus und für die einzige massive Unterbrechung hat die örliche Sparkasse gesorgt, als sie die Gelder ihrer Kunden in einen typischen Plattenschachtelbau mit verspiegeltem Glas anlegte. Mit angezogener Bremse genieße ich meinen kleinen Downhill Slalom und lasse an der Eisdiele ausrollen. Von Eisdielenrädern keine Spur, obwohl die Terrasse auf dem Schillerplatz gut gefüllt ist. Ich lasse mir ein Haselnuss-Malaga Gemisch schmecken und die Rumtrauben platzen unter den Backenzähnen. Es ist warm genug; Handschuhe, Mütze und Helm lüften aus.

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Wer aus der Gegend stammt und eine audiophile Schwäche hat, dem wird genau hier geholfen. Die Phono-Bar gegenüber der Eisdiele hortet beinahe alle HiFi Träume meiner Generation. Und viele schwarze Scheiben.

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Krenzer heißt das Ehepaar, welches sich hier um die Musik verdient macht. Ich lasse das Rondell mit dem purpurvioletten Krokus hinter mir und mache mich wieder auf den Weg zurück nach Westen. Die Sonne ist jetzt milchiger, beinahe trüb und der Verkehr hat stark zugenommen. Da steht eine blaugelbe Tankstelle . Zeit für einen Milchkaffee, das Eis allein wird nicht reichen. . . .

 

Über Tankstellen

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Im gepflegten Innenraum der Phillips Conoco begegne ich: einem älteren Herrn im roten Pullover, der den ein-oder anderen Rum-Flachmann besorgt; zwei Rumäninnen , die ein Blumengesteck kaufen für 9,95; einem etwas vernachlässigten Ehepaar in bräunlichen Anoraks und Jogginghosen, das stark nach Katzenwohnung und Nikotin ausdünstet; zwei Männern in Arbeitsjacken, farbbeklext, die schnell mal etwas einstecken, bevor sie etwas anderes bezahlen und: einer Frau MaryKay Cosmetics, die mich fragt „was ist los!?“ als sie mir gerade ins Bild lief. bis wetz 6

So schnell wie möglich verlasse ich die Außenbezirke von Wetzlar. Auf dem Diamantroß.

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Es gleitet, es rollt es rauscht. Kein Gegenwind, milde Temperaturen und sichere Kenntnis vom Rückweg. Alles herrlich in der Ebene. Die Feldwege sind gepunktet mit Sonntagsfreigängern, Familien feiern Premiere zu Rad und ein paar behelmte Kollegen grüßen fröhlich: es hat ein Ende mit der Kälte. Kurzer Paarlauf mit einem hellblauen Storck aus Aluminium. Wir plaudern bei flottem Zug bis Löhnberg Und hier mache ich einen Fehler. Er links, ich rechts…DSCF1114

Warum will man nie den selben Weg zweimal fahren? Warum will man nicht wieder an die Brückenbaustelle, vor der der knallrote 2002 tii parkte? Wer einmal dem falschen Bach folgt wie ich, der wird cash und ohne Rabatt zur Kasse gebeten. In Obershausen erkenne ich meinen Fehler, denn ich fahre nach Norden.

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Um auf meine alte Spur Richtung Burg Merenberg zu gelangen aber muß ich südwärts drehen. Zwischen Merenberg und mir (Luftlinie 8km) liegen jedoch drei oder vier Falten, jede mit schön direkten, zweistelligen Steigungen versehen. Kaum läßt der Schmerz nach, beginnt der nächste Anstieg.

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Wunderschön ist es in Dillenbach, wie es mit seiner pseudoromanischen Basilika da liegt, nur macht es die 9% die ich hinaufkrebse und mir ist klar ,daß ich noch weitere 3km bis Mengerskirchen leiden werde.

 

Über Tankstellen 2

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Das alte Pestkreuz, das ich auf einer endlosen Geraden passiere ist ein Mahnmal, wenn nischts mehr hilft, hilft ein gebet; aber ich bin leer wie mein Trinkflaschenhalter und selbst bei leichtem Abhang kurble ich auf kleinem Blatt. F*****!

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Hoffentlich kommt jetzt eine Tankstelle und zwar bald und selbst wenn ich mich durch die unrasierten Achselhöhlen von 11 tätowierten Westerwäldern kämpfen muß – hier  sehe ich einen hässlichen Stift von einem Kirchturm der 14h30 verkündet, dort einen Aschenplatz aus den Augenwinkeln, wo es bis zur Halbzeit der Kreisklasse noch 15 min sind. Kirchturmhoch ragt auch die stilisierte gelbe muschel aus der Hochebene, die fata morgana des Tages. DSCF1047

Ich spreche die Formel : „1 Selters 1 Snickers „und werde erlöst.

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Über den Blick zurück: das ist schon eine verdammt schöne Ecke hier.

 

 

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9 Antworten zu 080315 Bismarck, frühlingsfrischer Fisch

  1. randonneurdidier schreibt:

    DANKE Du hast eine erstklassige „Schreibe“ und fotografieren kannst Du auch. Es macht mir Freude, Deine Beiträge zu lesen.

  2. mark793 schreibt:

    Sehr schöner Bericht wieder! Auch ein schöner Anlass, mir noch einmal die Erinnerung an meine erste Ausfahrt mit dem Koga und dessen STIs zu vergegenwärtigen. Das war nicht gleich Liebe auf den ersten Metern, aber nachdem ich die Mechanik verinnerlicht hatte, war ich ziemlich begeistert (und im Großen und Ganzen bin ich das noch heute).

    Ob man jetzt Ergos oder STIs für die bessere Lösung hält, das ist in meinen Augen Geschmackssache und keines Glaubenskrieges würdig. Ich finde nur, das sich Campa mit der Gestaltung der Zuganschläge etwas mehr Mühe hätte geben können. Diese Plastikdinger mit der abstehenden Befestigungsschraube mögen praktisch sein mit ihrem „barrel adjuster“, schön sind sie nicht. Aber das ist in meinen Augen auch schon der einzige kleine ästhetische Schwachpunkt an Deiner schicken Neuwerwerbung.

    • crispsanders schreibt:

      danke fürs Lob: welchem der Systeme man da den vorzug gibt . . . ich schätze, einem ähnlichen Angebot in kompletter Shimano Ausstattung hätte ich genauso nachgegeben. Die terra incognita war aber ein lohnendes Ziel: ich bin ja insgesamt sehr mit dem Gerät zufrieden, das kann man, glaube ich, nach 120km bis zur Erschöpfung und unter allen bedingunen auch sagen. Die Monoplaner Bremsen sind (für Eingelenker) sehr gut, und ich mag Eingelenker, zB wegen des längeren Hebelwegs. Die Sitzposition ist auch bei der Länge sehr gut, denn ich hatte keinerlei Muskel/Sehnenbeschwerden am nächsten Tag, was dann doch ab und zu vorkommt bei Hochlast. Zu diamant.be gibt es eben wenig material, aber, und das sieht man suf den bildern nicht, von der Verarbeitung= Lack, Muffen, Streben, Zugführung= ist es schon in der Eddy/Koga Liga, was für ein wirklich intensiv genutztes Rennrad selten ist: Hättest mal felgenflanken, KB und Ritzel sehen sollen . . . So, genug geschwärmt.
      Umso trauriger machen mich eigentlich die weiteren, monströsen Geschichten um das Doping im Radsport, die Bomben mit Zeitzündern von 15 Jahren – während auf gleicher Seite Biathlon erfolge naiv abgefeiert werden . . .

      • mark793 schreibt:

        Spricht nicht nur für das Rad, sondern auch für Deine Fitness, wenn diese Tour ohne körperliche Nachwirkungen blieb. Hatte nach meinem Ritt auf Vaalserberg und Botragne trotz der Hinweg-Abkürzung mit der Regionalbahn am Samstagabend ziemlich schwere Beine, aber Sonntag machte das schöne Wetter doch wieder Lust zu fahren. Es passte ganz gut damit zusammen, dass mein Mitfahrer seit unserer letzten gemeinsamen Fahrt im November gar nicht mehr im Sattel gesessen hatte. Mir steckte der Vortag noch etwas in den Knochen, und so kam keiner von uns beiden in Versuchung, dem anderen den Allerwertesten abzufahren. Dabei wäre das mal eine meiner raren Chancen gewesen. 😉

        Was die monströsen Geschichten aus dem Profi-Radsport angeht, das erreicht mich kaum. Es war nur eine relativ kurze Phase, in der ich mich für den Zirkus ein wenig interessierte, und allzu große Illusionen betreffs der Sauberkeit dieses Sports hatte ich nie. Wäre es Dir lieber, die Radsport-Erfolge würden auch naiv abgefeiert – oder wünschst Du dem Biathlon das gleiche Schicksal wie dem Radsport, der mehr oder weniger unter Generalveracht steht?

  3. crispsanders schreibt:

    Na gut, lassen wir die Illusionen beiseite und pfeifen auf den professionellen Sport, denn ich wünsche dem Biathlon kein anderes Schicksal, es ist das gleiche im Schnee:,vor zwei Wochen starb eine junge russische Biathletin am Herzinfarkt. etc. .
    Glückwunsch zu Deinem Ausflug ins Dreiländereck und dem anschließenden sonntäglichen Ausrollen. Jetzt, wo der Himmel wieder ganz grau ist, kommt mir mein Ritt nach Wetzlar bald unwirklich vor. Was immer wieder beeindruckt, ist, wie sehr die beste Route nur auf der Karte und vor Ort zu finden ist. Die verwinkelten Wegführungen der Radwanderwege, die kleinen Sperrungen, vieles habe ich erst in letzter Sekunde entschieden. Und einmal lag ich völlig daneben – irgendwie herrlich, wenn was schiefgeht und ans Limit zwingt.

    • mark793 schreibt:

      Unwirklich? Ging mir hier gestern und heute früh genauso, da war es so trübe und grau, dass der Ritt in der gleißenden Sonntagssonne und die Einkehr in dem Lokal neben dem großen Landschaftsloch schon wieder Wochen oder gar Monate her zu sein schienen. Und ich habe davon im Gegensatz zu Dir keine Momentaufnahmen auf dem Datenträger, das bedauere ich Nachhinein ein bisschen. Aber meine bescheidenen Fotokünste sind eh nicht in der Lage, das flirrende Spiel der Sonnenstrahlen in den blanken Speichen festzuhalten, das mich immer wieder so glücklich macht.

      Was das Routenfinden angeht, so kriege ich das, was ich da draußen dann vorfinde, oft genug nicht mehr so ganz zusammen mit dem, was ich mir vorher zuhause am Rechner auf der Karte angeguckt habe. Entsprechend gehört es dazu, unterwegs auch mal keinen Peil mehr zu haben, wo es jetzt langgeht. Das ist doch das Salz in der Suppe. Und irgendwie kriegt man die Kurve ja doch wieder.

  4. Twobeers schreibt:

    Selters an der Lahn! Selters steht oder stand ja auch für alle abgefüllten Sprudelwasser in meiner Heimat, als nicht daran zu denken war, Wasser über so weite Strecken zu transportieren.
    Wie immer begeistert von der Lektüre….

  5. crispsanders schreibt:

    Erwähnte ich schon die Römerquelle im Aartal bei Hahnstätten? Kollege mark793 trank schon daraus und ist seitdem abstinent…: dieses Wasser wurde von den Engländern bis in ihre Kolonien verschifft. 1914 war es damit vorbei.

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