Die Emser Depesche (Teil 2)

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Wir schreiben das Jahr 1870. Es ist ein warmer Julitag, die Platanen spenden auf der Kurpromenade von Bad Ems Wilhelm, dem zukünftigen Deutschen Kaiser willkommenen Schatten. Da wird sein Morgenspaziergang vom französischen Gesandten Benedetti unterbrochen, der ihm in das Thermalbad an der Lahn nachgereist ist.
Die spanische Königin Isabella ist von ihren Generalen abgesetzt worden, heute nennen wir es einen Putsch, und der spanische Thron ist vakant. Ein Hohenzollern-Prinz wird vorgeschlagen, Frankreich ist entsetzt, obwohl der Gute Mann aus einer katholischen Linie des Hauses stammt und mit NapoleonIII freundschaftlich verbunden.

Als der Kaiser in spe seinem Kanzler Bismarck in einem Telegramm mitteilen läßt, er habe die Bitte Benedettis abgeschlagen, im Namen seines Hauses für alle Zeiten alle Ansprüche auf die spanische Krone aufzugeben, wird Bismarck diese Nachricht, die Emser Depesche, in eine Pressemitteilung umwandeln, auf die Frankreich mit einer Kriegserklärung antworten wird. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 nimmt seinen Lauf.

Wir schreiben das Jahr 2015. Es ist ein feuchtkalter Märztag. Auf der Suche nach dem Bismarckturm lege ich am Aussichtspunkt eine kleine Pause ein. Die Kurpromenade liegt mir zu Füßen, unverändert. Das einzige, was an diesem Tag in Bad Ems alten Glanz verströmt, ist die goldene Kuppel der kleinen russich-orthodoxen Kirche schräg gegenüber der Spielbank, auf der anderen Seite der Lahn.

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Dort besuchte eine anderer Stammgast, der russische Zar, die Messe und seine Entourage hatte Zeit, die Leibeigenen aufzurechnen, die zuvor im Casino verzockt wurden …..

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Die Leibeigenen von heute wärmen sich an den dürren Ästen, die beim Baumschnitt abfielen.

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Sie gehen ins Holz, um die frisch geschlagenen Bäume zu zerteilen und zu stapeln für den nächsten Winter.

Größere Volumen holt der Holztransporter und ich rieche von weitem die Stapelplätze, die er anfährt. Würde meine fahrt nicht von Drosselgesängen und dem schlagenden Finken begleitet, käme ich nicht darauf, daß heute der erste Frühlingstag ist. Aber die Sänger sind im Recht.

Hinunter ins Gelbachtal, dann hinauf auf die Höhen hinter Gackenbach, wo feuchte Wälder und krauftraubende Wellen mich erwarten.

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An einer Waldkreuzung wähle ich die falsche Richtung und befinde mich in der (im Frühjahr wunderschönen) Abfahrt nach Nassau. Diese Entscheidung wird mich viel Körner kosten,  denn jetzt frieren mir in der klammen, kalten Luft die Finger an den Bremshebeln fest. Nassau und die Dächer der Leifheitwerke kommen in Sicht.

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Im Tal ein Kaffee, damit die Betriebstemperatur stimmt. Bad Ems: 8 km, ein klacks. Gleich habe ich den Turm.

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Schon sehe ich ihn, aber erkenne schnell, daß es der Falsche ist. Der Richtige liegt auf dem nächsten Hügel, wie mir die Stadtverwaltung der Kreisstadt mitteilt.

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Die Wegenetz (B1, B2, B3..) mutet an wie ein Labyrinth und ist es auch. Nachdem ich mich auf der kleinsten Übersetzung den Pfahlweg hinaufgeschunden habe – gut daß es am Krautscheid ein 32er KB gibt – stoße ich mit meinen profillosen Reifen auf einen Pfad, den wir nun Trail nennen wollen.

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Die Aussicht ist überaus romantisch und das Städtchen könnte sofort als Kulisse für eine Tolstoi- oder Dostojewski Verfilmung herhalten, alles blieb an seinem Platz. Aber wo ist Bismarck, wo sein Turm?

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Der Pfad windet sich in engen Serpentinen steil aufwärts, schiebend erreiche ich die nächste Aussicht.

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Sie ist noch schöner, noch malerischer aber alles was ich erkenne, ist ein Funkmast über mir.

Ein Wanderer mit Hund und eigenartiger randloser Brille nimmt mir dann letzte Zweifel, links muß ich weiter

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und nach wenigen Metern sehe ich die charakteristische Quaderform des kleinen Bismarckturms.Leider ist er vollständig von einem kleinen Ausflugslokal eingefasst, dessen Fettdünste mich schon von weitem grüßen. Der Turm steht als traurig und nutzlos dazwischen, wie der Überbleibsel eines verlorenen Kultes.

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Der Mann mit der randlosen brille, der mich netterweise vor meiner traurigen Trophäe photographiert, erklärt die desolate Architektur mit den Eigenheiten städtischer Tourismusplanung. Der Betreiber des Lokals habe nun auch im Stadtrat gesessen etc. etc. Ich erfahre vieles und kann es nur bruchstückhaft wiedergeben. Als er mit seinem Sennerhund weiterzieht, lacht er in sich hinein.

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War das nicht Botho Strauß, der gerade 70 wurde? Ja- na lach Du nur, Botho, natürlich weißt du über diesen Turm mehr als ich. Schon in der Schule bist Du mit Deinem Kaugummigeld in der Kurtalbahn hier hochgefahren und auf den verlassenen Turm geklettert. Den ersten Kasten Bier hast Du mit Deinem Kumpel, dem Sohn des Badearztes in die verrostete Feuerschale gestellt und Deine ersten Monologe betrunken über das Lahntal geschmettert. Wolltest Du nicht immer nach Berlin, ans Theater ? Nur raus aus diesem Tal? Farce!

Wenigstens kannst Du jetzt verlorenen Radfahrern Dein Wissen preisgeben.

Mich fröstelt.

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Ich ziehe weiter bergauf, den Denkmälern der sonst für ihren lifestyle verklärten 1970er entgegen: der Komplex der Kurklinik (die 6993 Kurgäste des Jahres 1883 fänden hier bequem Platz) mit seinen Waschbetonkasernen gibt mich nach kurzer Zeit wieder frei und ich erklimme

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Die letzte Steigung des obergermanischen Limes. Die %Zahl auf dem Schild stimmt. Zum Lohn bricht die Sonne ein wenig durch, Pferde wälzen sich auf ihren Koppeln und werden ausgeführt. Schemenhaft erkenne ich die Umrisse ferner Wälder und verstehe sehr gut, warum die Römer ihre Expansion an den Thermalquellen am Fuße dieser nassen Hügel enden ließen.

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Die Höhenstraße nach Norden Richtung Montabaur wellt sich sanft, ich kann mich erholen.

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Die restlichen Kilometer sind historisch bedeutungslos.Und um kurz nach drei erreiche ich das wärmende Heim.

ems2500 hm „pour le roi de prusse“, wie Benedetti, der glücklose Gesandte von Bad Ems gesagt hätte, bevor er sich für immer aus der Geschichte zurückzog.

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9 Antworten zu Die Emser Depesche (Teil 2)

  1. randonneurdidier schreibt:

    Danke für den Exkurs in die Deutsche Geschichte. Kleine historische Ergänzung: Im „Emser Erlass“ verbot Alexander II ukrainische Druckschriften und Aufführungen… 2015 führt Wladimir Wladimirowitsch P dieses „Erbe“ fort.

  2. crispsanders schreibt:

    Hervorragende Ergänzung – vielen Dank. Berliner Randonneure strotzen zu Saisonbeginn vor geistiger Frische!

  3. mark793 schreibt:

    Nachdem ich dort das eine oder andere Teilstück ja auch schon gefahren bin, kann ich es nicht lassen, auf die Karte zu gucken und zu versuchen, Deinen kleinen Irrweg über Nassau nachzuvollziehen. Ich vermute mal, Du bist nicht einfach geradeaus auf der K 4 weiter nach Nassau gefahren, sondern erst weiter westlich, aber dann nach Süden über Hömberg nach Nassau, anstatt den Schlenker zum Kreisverkehr am Ortsrand von Welschneudorf zu machen, von wo man über Kemmenau in die Kurstadt kommt (da habe ich an Ostern vor zwei Jahren auch gebibbert beim Runterfahren, so kalt war das).

    Glückwunsch zum Turmgewinn und Danke für den spannenden Bericht!

    • crispsanders schreibt:

      Ich bin sogar ziemlich schnell hinter Winden nach Nassau hinunter, statt weiter Richtung Welschneudorf zu fahren. Dieser Weg wäre der kürzere, vor allem aber erheblich Leichtere gewesen, da ich von Kemmenau aus den Bismarck „von oben her“ erobert hätte. das war auch mein ursprünglicher Plan, um anschließend im Lahntal flache km zu machen.
      Seis drum: dem kl. Abenteuer hat es nicht geschadet.
      Insgesamt war ich aber, bis auf die Stiefel, ziemlich genau eine Lage zu dünn angezogen. Das ist sehr spürbar und ich darf froh sein, ohne neue Erkältung davongekommen zu sein. Ist jedem nur immer wieder zu empfehlen, sich fett mehrlagig einzuwickeln.
      vielleicht einer der Gründe, weshalb es so wenige Durchfahrer gibt. Ohne Wolle kein Heil.

      • mark793 schreibt:

        Ist auch schwierig im Moment, das richtige textile Setup zu finden. Beim morgendlichen Brötchenholen hat es hier noch unter fünf Grad, und ob und wie schnell es sich in den folgenden Stunden erwärmt, ist schwer vorauszusehen. Hatte mich heute vor dem Losfahren schnell noch des Fleecepullis entledigt, ihn dann dann aber unterwegs ein bisschen (und bei der Abfahrt von der Halde dann sehr) vermisst.

        Den Weg an Winden vorbei nach Nassau kenne ich nur aus der Gegenrichtung, ich habe mich da voriges Jahr mal hochgequält. Da habe ich jedenfalls nicht gefroren. 😉

  4. carodame schreibt:

    Glückwunsch zum Turmetappensieg. Jaja, die Wege dorthin haben es in sich. Sie laden förmlich zum Verfahren ein. Getröstet durch Botho Strauß, wenn das nichts ist.

  5. kreuzbube schreibt:

    Ähm, ich muss das anmerken: Der deutsche Kaiser hat 1870 seinem Kanzler gar nichts übergeben, weil es 1870 keinen deutschen Kaiser gab. Es gab ja 1870 auch kein Deutsches Reich, dessen Kaiser irgendwer hätte sein können.

    Beides gab es erst 1871, nach dem Krieg mit Frankreich, denn erst in Versailles wurde das Deutsche Reich gegründet und erst dort wurde Wilhelm I, der Preussische König, zum deutschen Kaiser gekrönt.

    Gerade das machte Bismarcks Popularität zum guten Teil aus: Er war der Kanzler der Einheit, der das deutsche Reich schmiedete, auf dessen späterem Territorium es bis dahin nur Fürstentümer, Königreiche und freie Städte gab.

    (Die Figur des Schmieds fand man seinerzeit auch an Bismarckdenkmälern, beispielsweise in Leipzig, heute zerstört, und in Berlin, dort noch Existenz auf der „Rückseite des Denkmals.)

  6. crispsanders schreibt:

    Vielen Dank für die historische Korrektur! ich nenne ihn jetzt den „zukünftigen“…

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