250415 von 400 auf 400 – Teil eins

Daß ich innerhalb einer Woche zweimal 400km gefahren bin, war eigentlich nicht geplant. Aber was soll ich tun, wenn seit mehreren Monaten alle erreichbaren 300km Brevets ausgebucht sind?

brev5

Das Brest-Jahr stellt die Veranstalter der Brevets vor Kapazitätsprobleme, denn es sind ja oft Einzelne oder enthusiastische Ehepaare, die die Streckenerkundung, Urkundenvergabe und den Schriftverkehr mit der „Zentrale“ in Paris erledigen. Von Unterkünften et. al abgesehen. Aber die Serie von 200/300/400/600 km will gefahren werden,  nicht alleine , weil der Veranstalter es vorschreibt – (sondern weil man die Kilometer einfach „braucht“.)

Vor einem 300er standen die 400km von Maastricht auf dem Programm. Die Strecke war (fast) die Gleiche wie im Vorjahr, vieles noch vomMärz-200er frisch in Erinnerung: für die mentale Bewältigung ein großer Vorteil, dazu der Start bereits auf 19h gelegt!

brev3

400 km bedeuten bei einem Start am Morgen , daß man mitten in der Nacht eintrifft, beim Abendstart hingegen, daß die kritische „zweite Halbzeit“ tagsüber abläuft.

brev2

Mir ist das erheblich angenehmer, auch körperlich, da die innere Uhr am Tage auf Wachheit programmiert ist, was die Anstrengung ein wenig cachiert. Da ahnte ich natürlich nicht, daß ich 5Tage später wieder die Nacht durchmachen würde. (Teil2).

IMG_0524

Vielleicht klingen solche Marathon-Vergleiche für Menschen, denen 100km auf einem Fahrrad schon als Jahres-Extremleistung erscheinen, ein wenig abgehoben, zumindest exzentrisch. – Aber ich habe nicht vergessen, daß die 150km vom Pluderbacher Skiclub 2011 für mich eine körperliche Grenzerfahrung waren, bei der nur ein mitleidig gereichtes Gel die Zieldurchfahrt ermöglichte.

Solche Distanzen sind einfach nicht auf einen Schlag möglich,  sondern Folge von sehr dauerhaftem Training, wie beispielsweise ein „Berufspendler“ es über Jahre einrichten könnte; Da verschiebt der Körper seine Grenzen, baut die spezifische Muskulatur auf (wenig sichtbar), lernt einen Dauertonus zu ertragen und mit jeder überwundenen Distanz wächst das Bewußtsein, eine größere zu meistern.

Eine Erkenntnis kommt in diesem Jahr, meinem zweiten „BrevetJahr“ hinzu; der Körper erinnert offenbar Timing und seinen Kräfteeinsatz, er „weiß“, wie lang ein 200km Brevet etc. ist und dosiert dementsprechend instinktiv Kräfte, Stoffwechsel und Zeitgefühl.

Dazu bemerke ich auch eine ausgeprägte räumliche Erinnerung, bei denen Strecken wie im Film vorüberziehen: so beispielsweise beim Hamburg-Berlin Zeitfahren. Diese eigentlich flache und abwechslungsarme Geradeausfahrt hatte mein Gedächtnis mit unzähligen Wegpunkten gekoppelt, die es während der Fahrt antizipierte: die knapp zehnstündige Fahrt verging im Fluge.

brev7

  1. April, 18h30. Es ist ein milder, sonniger Frühlingstag, das Ende einer warmen Aprilwoche, an dem sich die etwas mehr als 40 Teilnehmer im Maastrichter „stayokay“ einfanden. Wie gewohnt der kleine Tisch zum einschreiben, die thermoskannen und das weiße Geschirr. Wie immer auch die Teilnehmer anderer Veranstaltungen, die verwundert mit den Radfahrern im gesetzten Alter zusammentreffen.

brev4brev8

Gegen eine sehr leichte Brise fuhren wir die vom 200er bekannte Strecke an, die über das Hochplateau über die Dörfer wieder hinunter zur Maas führt. Das Tempo war recht flott, niemand wollte den Schutz der Gruppe so früh verlassen und nach jedem Knick ging es aus dem Sattel, um das kleine Peloton zusammenzuhalten. Ein flämisches Kirmesrennen…

brev9

Irgendwann jedoch war uns der hektische Rhythmus zuviel und mit Ingo und Roy, wie im letzten Jahr, ging es gemeinsam durchs Maastal auf Namur zu. Die Sonne ging vor einem Wolkenvorhang unter und ich verhieß meinen Mitfahrern eine feuchte Nacht.

brev10 brev3a

Noch war es angenehm warm, die Tulpenbäume standen in Blüte und ihr Duft säumte den Weg. Zwei Kinder spielten auf dem Tisch eines Wohnzimmers Schach mit riesigen Figuren und wir rollen dahin, kleine Figuren auf einer großen Kugel.

Diese große Kugel wurde nach der Kontrolle in Namur (kühles Chimay bleue, das beste Bier) dann tatsächlich feuchter und feuchter und der Weg durchs Maastal ist in meiner Erinnerung ein einziges schwarzes Wasserband, unterbrochen vom gelblichen Licht der Straßenlampen. Mit dem Klingelton vertreibe ich eine Wildschweinfamilie, deren Oberhaupt sich zurück ins Gebüsch bohrt, statt sich auf hilflose Randonneure zu stürzen.

brev12

Irgendwann sind wir in Frankreich und nutzen die Voie Verte, die uns flach und flüssig bis kurz vor Charleville führt.

brev13

Der Nachtbäcker von Charleville entpuppt sich als kleine Luke in einem zugemauerten Fenster. Hungrig und mit klappernden Zähnen erreiche ich ihn. Von Zeit zu Zeit halten weitere Nachtschwärmer, alle in geschlossenen Automobilen, schön warm und trocken.

Als der nächste Schub randonneure eintrifft, um feuchte Stempelkarten und Bestellungen durch die Luke zu reichen, habe ich Eine kleine, weiche Pizza, ein Hühnersandwich mit Mayo und ein Schokocroissant verschlungen. Der Kaffee ist teuer und eklig.

Mit aufkommender Dämmerung spüre ich nach dem ersten Anstieg, daß ich auf das Croissant ruhig hätte verzichten können, mir ist schlecht, und das gigantische Vogelkonzert, daß diesen Frühlingsmorgen eröffnet ist eine Kakophonie des Leidens – ich bin wütend auf mich und kraftlos, mein Magen scheint mit Bleikugeln gefüllt, und so lasse ich Ingo den Stahlraser vor mir die Hügel hinaufziehen, die ich doch so gut wiedererkenne.

brev14

Nach fast zwei Stunden Verdauungskampf kann ich allmählich das Tempo wieder aufnehmen .Und wieder etwas gelernt. Die Route ist jetzt eine andere als im letzten Jahr, wir folgen langen geraden Straßen, die wir auf Kilometer hin übersehen können. Nach französischem Muster wogen sie auf und ab, ich muß nur den Umwerfer bedienen und mag eigentlich diese napoleonische Form der Wegführung, denn sie erlaubt (mir) einen kraftsparenden Rhythmus. Die Farben sind frisch und klar als sich der Morgendunst löst.

brev21 Und mit einemmal schmeckt auch das Brötchen: sie nennen es hier pistolet.Wir folgen einer Hochebene ostwärts, orientieren uns an titanischen Fernsehantennen und ich verfranse mich hin-und wieder bei einer Abzweigung. Mein Navi ist ein Verbündeter geworden , aber kein Freund.

brev16

Irgendwann geht es hinab ins Tal der Ourthe , ganz langsam, es wird so ungefähr Mittag sein und die Sonne wird Dauergast. An Fluß angekommen macht Ingo mir ein Pausenzeichen: die Kleidung ist allmählich zu warm. Als ich nebenher auf mein Pedal blicke, mache ich eine böse Entdeckung. Die rechte Lagerschale hat sich fast 2cm Richtung Pedal hinausgedreht, der Konterring ist absolut lose! Ich weiß nicht, wie viel von der Innenlagerschale noch im Tretlager ist, aber nach meiner (dürftigen) Kenntnis müsste die Kurbel sehr bald locker unter meinem Fuß pendeln. Noch 60km. Nichts zu machen: entweder es hält oder es eiert raus.

brev17

Es wird eine Qual. Kein Wiegetritt, minimaler Druck aufs Pedal und kleine Gänge. Nach Maastricht auf zehenspitzen in immer der gleichen Haltung. Den Radweg nach Esneux vermeide ich, eine reine Knüppelstrecke, aber irgendwann geht es nicht anders. Ingo fährt parallel zu mir, getrennt.

brev1

Tilff und andere Vororte von Lüttich. Ein Radweg dem Namen nach, mein Hinterteil wird geknüppelt, von Betonfugen flagelliert, da ändert auch die japanische Kirsche nichts. Ich erkenne die Staustufe wieder, neben der ich voriges Jahr in tropischem Regen verharrte. Noch Aufstieg aus dem Ourthe-Tal und dann bald wieder nach Fleron hinauf, zur letzten Kontrolle.

Unten am Innenlager ändert sich nichts, doch ständig sehe ich hin. Die Arbeitersiedlungen des letzten Jahrhunderts. Die Grauenhaften Schlaglöcher belgischer Straßen. Der Lenker, der mir keine bequeme Haltung mehr erlaubt.

Dann reitet mich der Dibbuk und ich fasse den Entschluß, die Côte de Fléron direkt hinaufzufahren, statt die leichteren Serpentinen eines Ravel. Wieder im kleinsten Gang und, als ich oben ankomme habe kaum mehr Kraft geradeauszufahren. Ich halte am erstbesten Laden: es ist ein Blumenladen, also kann ich um Wasser bitten. Ein junger Transvestit in Lackschuhen und mit Zopf ist hocherfreut mir den Stempel seines Geschäftes zu geben und meine Trinkflasche aufzufüllen.

Ich bin dennoch leer.

Ingo steht auf einmal neben mir: eine Reifenpanne mit den weltberühmten Conti$seasons. Ein stückweit fahren wir noch im Zickzack ins Maastal hinunter. Dann lasse ich ziehen, immer im kleinen Gang, ohne jeden Druck, qualvoll langsam.

Die letzten 20km: ich versuche sie zu vergessen. Als ich absteige, kann ich kaum gehen, Arme, Hände und Schultern sind völlig verspannt, die Beine ohnehin. Ich bin nicht glücklich, ich habe es nur geschafft und das Innenlager auch.

brev6

Und auf der Rückfahrt , nach einer halben Stunde Schlaf, formt sich ein Plan in meinem Kopf. Ich muß herausfinden, warum ich mich auf diesen 400km schlechter und demotivierter gefühlt habe als bei der Premiere im Herbst.

brev18

Vielleicht, weil der Reiz des Neuen verflogen ist? Vielleicht wegen der Pannen? Sicher: der Streß und die Sorge um das drohende technische K.O. am Rad schwingt mit und belastet Nerven, die seit 30h wach sind. Aber die Probleme mit dem Material sind nur das Eine: den Lenker tauschen, die richtige Werkstatt , einen anderen Sattel nehmen – lösbar, machbar.

Viel schwerer wiegen die kleinen Fehler: das dünne Trikot, die Unterkühlung in der nacht, das Überfressen. Daß man aus einem Tief herauskommt ist bekannt, sogar ungefähr wie lange es dauert, bis die Pedale wieder leichter laufen. Und solange es leicht läuft, macht man sich keinen Kopf. Auf den es ankommt, wie es heißt.

Denn als mir klar wurde, welche kleinen Fehler ich gemacht hatte, auf welche Signale ich wohl nicht geachtet hatte, wich die Frustration (ich leide ungern) aus meinem Hirn . Als ich begriffen hatte, daß ich vor allem ein Rennen mit mir (und gegen mich) selbst fuhr, und in dem Moment, kurz nach dem Raststättenschlaf verstand, daß alle WidrigkeitenBestandteil der Fahrt sind und eben hinzunehmen, hatte ich mein Problem bewältigt und gewonnen:

brev20

Bereit für den nächsten Brevet.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu 250415 von 400 auf 400 – Teil eins

  1. mark793 schreibt:

    Vielleicht klingen solche Marathon-Vergleiche für Menschen, denen 100km auf einem Fahrrad schon als Jahres-Extremleistung erscheinen, ein wenig abgehoben, zumindest exzentrisch.

    Aus meiner Sicht liegt die Exzentrik weniger in den nackten Kilometerzahlen an sich, als vielmehr in der Notwendigkeit, bei solchen Veranstaltungen die Nacht durchzukurbeln. Ich war Wachsoldat, bin während des Studiums bei der Post Schichtdienst gefahren und habe später so manche Nacht durchgearbeitet – aber die Vorstellung, die Nacht im Sattel im Sattel zu verbringen, finde ich schon reichlich schräg.

    Naja, für dieses Jahr steht der Vorsatz, mal 250 Kilometer zu fahren, das sollte sich bei Tageslicht machen lassen.

  2. crispsanders schreibt:

    Die 250 sind allemal drin von mai bis Ende August! Ist auch meine Lieblingsdistanz und wird als „marathon“ häufiger angeboten, man kann das im Rahmen von RTFs quasi ohne Eigenverpflegung machen und hat einen großen Tag. nach dem 600er in Twisteden ist ja mein Soll erfüllt (für Brest) und ich werde nur noch solche Tagestouren machen.
    Eine Nacht im Sattel ist schon was besonderes, wäre es derzeit nicht eher naßkühl gewesen.; läßt sich allemal leichter bewältigen als die stumpfe Raketenbewachung.

    • mark793 schreibt:

      Die stumpfe Raketenbewachung und der Schichtrhythmus im Postfahrdienst hatten ihre jeweiligen Wechsel von Aktiv- und Ruhephasen, wirklich durchmachen ohne Schlaf war da gar nicht sooo oft gefordert.

      Und ja, die 250 km sollten allemal drin sein, auch wenn ich eher an eine Tour auf eigene Faust (Signal de Botragne) gedacht hatte als an RTF/Radmarathon. Vielleicht absolviere ich aber einen organisierten 150er als Training, mal sehen, ob mich im Radsportkalender was anspricht. Die nächste gesetzte Veranstaltung, die Neandertal-RTF der Mettmänner, belässt es ja bei 115 km, und selbst davor hatte ich voriges Jahr einigen Respekt.

  3. crispsanders schreibt:

    Die RTF-embedded marathons haben eben den Vorteil, daß die 15 euro eintrittsgeld ohnehin verfrühstückt werden, die Strecke ausgeschildert ist, und man einige Wagemutige immer zum MitFahren findet

    • mark793 schreibt:

      Das mit dem Proviant und der ausgeschilderten Strecke ist natürlich nicht von der Hand zu weisen. Ansonsten ist das mit dem Mitfahren auch bei RTFs mit kürzeren Distanzen nicht durchgängig gegeben (es ist auch nicht immer nur die reine Freude in Gesellschaft). Aber grundsätzlich hast Du schon recht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s