Von 400 zu 400 teil2

Treuchtlingen – Intensivkurs Franken (einmal rund um Nürnberg = 400)

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Bei diesem Brevet war alles neu – niemand am Start , den ich hätte kennen können; nur der Gnade einer Nachmeldung (mit Zusatzgebühr) halber anwesend, konnte ich dem Veranstalter, Karl Weimann dankbar die Hand reichen und noch schnell eine Ladung Spagh.bol. löffeln. Im stark bewimpelten Vereinsheim des VfL Treuchtlingen sind deutlich mehr Fahrer als von anderen Brevets gewohnt. Auf der Etage gibt es sogar einen Schlafsaal, der mit Teilnehmern belegt ist. Einige machen dort Tiefenentspannungsübungen, sie liegen reglos auf Isomatten und träumen von fernen Zielen

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Ich bin jetzt hier der Letzte, der noch in zivil herumläuft und ab 19h19 macht sich eine fußscharrende Nervosität breit, die mich ein wenig an RTFs erinnert.

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Das Brevet wird seinem Ruf gerecht :-0 = anspruchsvoll. In Franken ist es Anfang Mai durchaus kühl, in der Oberpfalz regnet es schon mal gern und es geht deftig auf und ab. Natürlich nicht immer, aber häufig und unvermittelt und stellenweise böse steil.

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Ich war der letzten Gruppe zugeteilt worden und startete so um die 25min nach den ersten Fahrern, deren lampions sich in Abständen durch die dämmernden Wiesen zogen. Vom tempo (30+) einer Fegertruppe leiß ich mich bis zum Fuß des ersten Anstiegs mitreißen und ließ dann weise laufen. Es war doch mild und bald sah ich eine weite Ebene mit Lichtern durchsetzt: erste Gespräche, erste Gruppenbildung.

Schön war, daß die ersten 100km in einer größeren Gruppe möglich waren, eine muntere Fahrt über die Dörfer und lustig, bis die ersten Tropfen kamen… Bei der laternenlosen Finsternis der Strecke eine gute Hilfe, beim Regen eine ordentliche Motivation. Mit den ersten Anstiegen zerfällt die lange Lichterkette in einzelne Gruppen.

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Der einzige Ärger der Nacht waren die unverschämten Preise für Getränke und die minderwertige Nahrung, die der Rasthof Oberpfalz von hilflosen Reisenden verlangt. Ich gestehe hier, daß ich deshalb nicht die 70cent Toilette benutze, selbst wenn dies auf den Kaffeetassenpreis von 3 Euro 18 angerechnet würde.

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Allen war kalt, alle waren naß (es gibt keine wasserdichten Handschuhe!) aber die wellige Strecke ließ das bald vergessen. Ich habe kaum eine Erinnerung an diesen Ritt durch Forst und Tann und feuchte Täler, der bis 5 uhr morgens andauerte, als die sonnengelb gekrönte leuchtende Stele uns den McD im Märchental wies .

Wie uns die abfahrenden Kollegen zuriefen, war das etwas andere Restaurant soeben erst mit Nachschub versorgt worden. (was an der Qualität nicht vieles ändert) . Zum Glück gibt es einen echten Orangensaft im „Menü“, der über die Unmöglichkeit hinwegtröstet, einen richtigen Espresso zu bekommen. Meine jauchige Kaffeebrühe ließ ich auf einem Golf mit Regensburger Kennzeichen stehen, die Fahrerinnnen  mögen es mir verzeihn.

Die Anstiege fielen mir allmählich schwerer und da in der verbliebenenGruppe starke Bergfahrer waren, traf ich angesichts der „Löcher“ die Entscheidung, bald die Reißleine zu ziehen und nicht um jeden Preis mitzuhalten. Kurz nach der Pause mit bester fränkischer Bärlauchwurst (McD sollte hier mal bestellen), ließ ich mit zwei Genossen aus der Umgebung die fixeren Fahrer ziehen (um sie bei 300 sowie 370km dann kurz wiederzusehen).

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Diese Entscheidung, sowie die Verweigerung aller Passagen über 15% – davon gab es einige –  stellten sich als absolut richtig heraus. Ich sparte wichtige Kraft,  und nur ein Zustand allgemeiner Mattigkeit setzte wieder um den km 300 ein. Doch ich war nicht allein.

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Da blieb Zeit,  Millionen frisch erblühende Apfelbäume zu genießen, Gespräche mit meinen Mitfahrern zu führen und viele kleine Dinge am Rande wahrzunehmen, die mir so viel wertvoller sind als der Tunnelblick der persönlichen Bestzeit, das inoffizielle Ziel vieler Brevetfahrer. Nerds on the wing.

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Ich entdecke ein agrarisches Land, aktive Höfe in jedem Dorf, die absolute Nachtstille und dutzende alter Traktoren. In einem Dorf wird das Backhaus angefeuert, und in den meisten fehlt der Bäcker.Ich sehe ein Land in tiefem Frieden, wohlgeordnet und sicher auch wohlhabend –  wir streifen industrielle Spuren nur von weitem-  und der größte Gebäudekomplex war ein Möbellager auf der grünen Wiese.

Vergessen sind:  Max Grundig, Grete Schickedanz, AEG Hausgeräte, Carl Metz, 1 FCN, Hercules Fahrradwerke und wie die kerngeschäfte des alten Europa alle hießen. Hoffen wir nur, daß wir nicht eines Tages Milchpulver aus Kasachstan importieren müssen.

Eindrucksvoll bauten sich die barocken Anlagen von Ellingen und der Hochschulstadt Weissenburg als Schlussakkord auf. Dort kommt eine letzte Qualsteigung (mit Kontrollzangenpause) und es ist geschafft. Es ist mild und warm und irgendwo in der Nähe der Therme steht eine

O1 der Deutschen Reichsbahn – und zwar genau diese aus meinem alten Quartett!aha1

Außer mit einem schleichenden Hinterreifen (ca -2bar auf 30km) und kleinen Hungerphantasien (Chimay-Bier und  24 monate alter Conté) hatte ich nicht wirklich zu kämpfen. Zufrieden und erleichtert gab ich meine Gelbe Kontrollkarte Frau Weimann zurück und bedankte mich herzlich bei den zwei netten Kollegen aus Franken.

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Nach einem gut ausgeschlafenen Sonntag saß ich wieder auf meinem Rad und pfiff ein Lied, im 100er Takt der Regeneration. Keine tauben Hände, kein verspannter Nacken, kein gefolterter Hintern. Kein doppeltes Lenkerband, dünne Fingerhandschuhe mit Minigelpolstern , keine Sitzcreme in der billigen Aldi-Winterhose: dafür aber offenbar die richtige Sitzposition. Herz, was willst Du mehr. . . .

Für den 600er zieht es mich wieder nach Westen in die alte Heimat. Einige Tage später werde ich mich definitiv anmelden können, denn inzwischen kam dies hier:

Nous avons le plaisir de vous confirmer votre préinscription au 18e Paris-Brest-Paris Randonneur. Votre numéro de dossier est le DE-2406. Merci debien vouloir le conserver. Il vous sera demandé lors de votre inscription. Les inscriptions seront ouvertes le 31 mai 2015.

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