Teil2 / In lagoonblue zur blauen Lagune Twisteden 600

bol1a

Der kleine Filzbeutel liegt flach auf dem Mäuerchen. Es gibt solche Momente. Kühl liegt die EC Karte in ihrem kleinen Nest aus Geldscheinen und die dextro energen Quadrate, die auch niemand bemerkte, verschwinden mit einem Schub in meinem Mund.

Kurze Zeit später passiere ich die blaue Lagune ein letztes Mal und es blitz kirschrot. Ein Feuerwerk? Nein, nur ein wenig zu schnell. Mein Ärger dauert nicht lange, denn ich spüle ihn mit einem echten Hefeweizen in der Dorfkneipe hinunter, wo sich die Trikots von VfL Borussia MG mit den Phantasie- Kostümen der Ansagerinnen aus Litauen, Dänemark und Serbien mischen, die uns auf dem großen Flachbildschirm auf das nächste europäische Lied einstimmen.

Die Bolognese ist warm, da nehme ich gleich eine Zweite (es folgt niemand mehr) und teile mein spätes Glück mit umsitzenden Randonneuren. Es ist nach Mitternacht, und die Wut: die Gedanken an einen Abbruch sind verflogen; ich stelle das Handy auf Punkt 5 und versuche, es mir im Auto gemütlich zu machen. Irgendwie hatte ich meine innere Temperatur auf den letzten Juni eingestellt, und jetzt suche ich in voller Kleidung unter der Silberfolie, die sonst die Frontscheibe vor Frost schützt, irgendwie ein ordentliches Schlafklima. Geht so.

bol3

Gegen 4 beginnen die Amseln, hier und da geht eine Fahrzeugtüre, höre ich einen Freilauf. Weiterdösen. Dann gurren 2Tauben und ich stehe auf. Leicht benommen stehe ich auf dem Vorplatz herum. Ingo der Stahlraser ist mit zwei Trinkflaschen auf dem Weg zu Umkleide, Peter kommt mir in voller Kälte – Montur entgegen. Es ist frisch. „Was ist los Christoph? Um fünf wollen wir fahren – kommste mit?“ Ich bin hellwach und fünf Minuten später sitze ich mit allem was mich wärmen kann im Sattel. Nur die Energieriegel schlafen im Auto weiter.

bol1

Wir sind nun beinahe dutzend und fahren am Irrland vorbei der aufgehenden Sonne entgegen. Der kleine Fesselballon steigt schneller als der Stern und sollte schon die ersten Strahlen auf seiner Haut spüren. Ich halte mich geduckt im Windschatten, die Hände hinter der Lenkertasche.

Noch stehen die Windräder still und verraten uns nicht die Richtung, aber die Sonne wird kommen und bleiben.

bol4

In Zweierreihen genießen wir die großzügige Leere der Landstraße. Und die Stille. Viele Gesichter von Gestern sind dabei, deren Wege sich immer wieder im Laufe der Hinrunde gekreuzt haben. Die Gespräche sind leise, als wollten wir niemanden in den kleinen Weilern wecken, die wir passieren. Die Pfeiler der Rheinbrücke sind von sehr weitem zu sehen.

Kurze Anfrage: ich verheiße ein gepflegtes Frühstück in Emmerich, nebst sauberen Toiletten. Umweg? 1,2km. Die Gruppe teilt sich: einige müssen mit jedem Kilometer rechnen. Es ist kurz vor 7 als wir in die Fußgängerzone eindringen. Schon offen? Niemand zu sehen, aber Licht an. Türschild: So., ab 7:00h.

bol5

Tür offen: zwei junge Mädchen kommen plötzlich aus der Küche, aber der unsichere Gesichtsausdruck verfliegt, als ich versichere, daß wir nicht die Ökofraktion der Hells Angels sind. Die Helme, die Tücher: alles nur Beiwerk.

20min später macht sich eine innerlich völlig ausgewechselte Gruppe auf dem Weg nach Norden. Die Sonne lacht, kaum Wind und holländische Steigungen machen niemandem Angst. Gutes Tempo, muntere Gespräche.

be1

Die größte Herausforderung sind nun die labyrintischen Wegenetze der holländischen Vororte, was erneut zur Aufteilung führt. Und Bahnschranken, die sich zuverlässig vor uns verneigen.

bol6

Weiter geht die Reise über Kanäle (km 400) an deren Rändern Frau Antjes Kühe grasen, vorbei an vereinzelten Landhäusern mit weiß getünchten Mauern, grünen Läden und stattlichen Rhododendronbüschen.

Apeldoorn: wir stellen uns der Herausforderung der Fahrradampeln. Die Radwege wechseln ab und zu die Seite und halten Überraschungen bereit.

bol7

Mitfahrer in voller Ausrüstung prüfen die Wärme des Asphalts. Ein Tandem liegt im Gras, daneben weitere Fahrer. Zwischenfall? Drama? Nur das dringende Bedürfnis nach Schlaf.

bol8

Wir brauchen neue Energie für unseren Antrieb und die hält eine kleine Tankstelle wenige Kilometer später bereit. Angesichts der Unübersichtlichkeit im Red-Bull Kühlschrank entschließe ich mich für ein Konkurrenzgesöff namens „Monster“. Wir vergleichen die Mengenangaben an Giftstoffen auf den Blechbüchsen, während sich mein Raleigh sonnt.

bv8

Zwei Fahrer unserer alten Gruppe gabeln wir hier wieder auf.

Die Sonne steigt und wir nehmen in Wellen die Dünen, die hinter Appeldoorn die Veluwe ankündigen. Es ist noch Kraft da. Der Verkehr staut sich, wir radeln weiter. Es ist ein wunderschöner Tag geworden und der Wind hat sich für uns entschieden, er hat auf West gedreht: und die letzen 150km führen Süd- Südost durch die Niederlande.

Die Veluwe ist eigentlich eine Lüneburger Heide, eine dürre Sandeinöde mit Kiefern, Eichen und Heidekraut; von einer schmalen Straße wird Sie durchzogen und am heutigen Pfingstsonntag sind so einige Radwanderer unterwegs.

bv1

Besonders schön ist der kleine Radweg, der meherer Kilometer parallel zu einer Pferdebahn durch den Wald läuft, dessen kiefern schon eine Ahnung von Sommer ausströmen. „Du hast ja eine Rennklingel!“ – allerdings, und die hört man auf hundert Meter, und sie wird hier gebraucht.

Schon gestern hatte er kräftig mitgeführt, als wir im Wind standen und nun kann ich mich ein wenig mit ihm unterhalten, dem anderen Ingo: 2 = Stotz, einem Radler aus dem hohen Westerwald: Ewersbach, Oranienstraße 50 – wie auf seinem Trikot zu lesen und Stotz, wie es auf seinem Rad in schöner, geschwungener Schrift steht.

Und zu finden ist er  hier : link

https://www.google.de/maps/dir/%27%27/stotz+ewersbach/@50.8299899,8.2381738,12z/data=!3m1!4b1!4m8!4m7!1m0!1m5!1m1!1s0x47bc130f3e8e564b:0x27585be93ebfd616!2m2!1d8.30684!2d50.83001

Nach seinen Heimat – Beschreibungen (geschlossene Schnee- und Eisdecken) fühle ich mich als Südländer. Ich bewundere diese tapferen Menschen aus den Tiefen der Mittelgebirge.Von meinem Dornburg sind es Luftlinie weniger als 100 km, aber in Höhenmetern . . . .trennen uns unzählige Täler. Nutzen wir das Glück der Ebene! Hier!

bv6

Allmählich kommen wir dem Nordpol unserer Tour näher, einem großen flachen Binnensee der Veluwemeer heißt und dessen Ufer wir viele Kilometer folgen. Im dichter werdenden Strom der Sonntagsradler erkennen wir Mitfahrer (Klingel) , die ebenfalls nach einer Stempelmöglichkeit suchen.

Wir wählen erst Shell, doch wenige Minuten darauf entdecken wir einen Bilderbuch McDonalds direkt an der Strecke. Es ist Mittag und die Entscheidung für ein amerikanisches Menü fällt eher leicht, wenn der Teller Spaghetti nebenan 11 Euro kostet.

bol11

Hier hilft man Herrn Stotz. Es wimmelt vor eifrigen, jungen und ausgesprochen netten Holländern, die sich um uns mühen – „einen stamp?“ – ein deutlicher Kontrast zu meinen eher passiven Erlebnissen in deutschen Filialen.

bol12

Wir nehmen auf der sonnenüberfluteten Terrasse Platz, wir tafeln regelrecht und ich gebe gern Details weiter: Der Viertelpfünder meines Menus war gut durchgebraten und frisch, die Tomaten im kleinen Salat knackig und wenn ich die salzigen knusprigen Pommes dazu mische, ist es ein Genuß. Es werden ausreichend Servietten und durchsichtige Plastikgabeln gereicht, als Getränk wähle ich die kleine Flasche tropicana, einen direkt gepressten Orangensaft. Alles drin.

Danach strahlen alle Anwesenden Zuversicht aus.

bv3

Und nun beginnt der Wechsel von endlosen Geraden über Deiche zu überflüssigen kleinen Ampeln . Der Höhenmesser zeigt mir beeindruckende -5m , und ich male mir Umsiedlungsprogramme nach McPomm im Zuge des Klimawandels aus.

Die sauber geputzten holländischen Siedlungen mit ihren Doppelhäuschen sind sicher schon hinreichend beschrieben worden. Aber der Mangel an Farbe macht nicht unglücklich. Manchmal dann stattliche Ortskerne, wie den von Barneveld, 115km vorm Ziel.

Wir sind nun zu fünft: die 2 Ingos (der Stahlraser und Stotz), Frank, Peter und ich. dann und wann rollen wir den ein oder anderen alten Bekannten vom Mc D auf, der sich uns anschließt.

bol17

Dann geht es wieder durch die Felder auf guten Radwegen: Kappe ins Gesicht (Insekten) und Gas geben, Peter liebt diese Geraden ohne Horizont und läßt die Muskeln spielen.

bol19

Ich höre meine Panaracer Pasela singen, freue mich über die sauber laufende Kette (Öl alle 200km) und habe beim Sattel die rechte Wahl getroffen: die plattierten, geriffelten, fischgrätigen und gefugten holländischen Ortsdurchfahrten machen mich weniger leiden als im Vorjahr. Oh: ein rot-weißes Snel Trikot aus Utrecht. Stimmt, wir sind gerade daran vorbei.

bol14

Immer wieder ein kleines Intermezzo unberührter Natur. Langsam sehen wir uns nach einem Platz um, an dem km 500 gefeiert werden kann.

Wir finden eine kleine Imbißwirtschaft gleich neben der Schnellstraße – andere fahren weiter.

bol16

Hier die tiefgefrorenen Auslagen. Wer Holland mag, dem geht das Herz über. Ich bescheide mich mit Cappuccino und Peter läßt sich eine letzte Pommes speciaal auffahren – Das Wasser ist frisch und gut, ich verdünne damit die letzten Reste meines Monstergetränks aus Apeldoorn. Ich glaube es kaum, aber ich fühle mich schmerzfrei. Müde ja, aber nicht ausgelaugt. Die km vom Vortag wirken wie eine Pflichtübung, weit entfernt, als launisches Vorspiel zu einer Landpartie. Der nächste Cappuccino kommt, – gut , daß es hier kein Bier gibt.

Zwei weitere Fahrer lassen sich in die Korbstühle sinken, beide in langer Kombi. Fahl wirkt der eine, stößt einen tiefen Seufzer aus. Der Blick geht ins Leere. Der Grat auf dem wir wandlen ist schmaler als gedacht.

bv4

Jetzt der endlose Deich parallel zum Rhein. Peter läßt es krachen, Frank und ich mühen uns mit der Ablösung. Die gruppe mit dem Tandem wird gegrüßt, schnittig nehmen wir die Kurven, mit blick auf die ferne Rheinbrücke.

bol20

Übergesetzt und weiter Allegro auf den nächsten Deich.

bol21 Ein paar namenlose Kirchen später und wir überqueren die Maas. Peter legt immer wieder Feuer und ich wundere mich. Fand ich das Tempo die erste halbe Stunde etwas zu hoch, habe ich mich jetzt an die „neue“ Übersetzung gewohnt. Bald haben uns die Alleen und (guten!) Radwege wieder, Deutschland kommt näher, selbst wenn das land beiderseits der Grenze zum verwechseln ähnlich ist. Ah, – hier ist noch Holland (wir sehen es an den Ortsschildern) Eine Düne, eine Brücke, eine Autobahnüberfahrt bringt Abwechslung.

bol22

Ich staune, daß die Kraft einfach noch da ist – wir gleiten zwar nicht wie dieser Mann unbeschwert dahin, aber es läuft . Wir einigen uns auf Tempo 30. Frank spielt Steuermann, indem er mir die kmh zuruft, wenn ich führe. Immer schön den Takt halten. So bleiben wir zusammen und lachen über die rustikalen bodenbeläge der letzten 10km (selbst wenn jeder aus dem Sattel geht, um lebenswichtige Partien zu schonen).

Letzte Linkskurve  – ein Rasensprenger befeuchtet den Weg und kitzelt die Waden, die Sonne wärmt seitwärts und es ist geschafft. Die Gänsehaut kommt. Ende gut, alles gut.bol26

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Teil2 / In lagoonblue zur blauen Lagune Twisteden 600

  1. randonneurdidier schreibt:

    Herrlich! Du nimmst einen mit in die Befindlichkeiten, das Erleben und Erleiden des Randonneurs. Auch wir Berliner haben das 600er hinter uns gebracht – Saukalt war es in der Nacht an der Ostsee, und dann Wind über 250km nur kräftig von vorn. Wir sehen uns in Paris!

  2. crispsanders schreibt:

    Herzlichen Dank und Kompliment zurück. Nach kalter Nacht 250km gegen den Strich frisiert werden verlangt Moral. In paris habe ich mich für den 15. gegen 11h zum Wiegen gemeldet und um 16h30 am 1. gehts los . . . . noch 75 tage warten also, aber bis dahin ist viel zu tun. Ich schreibe dazu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s