100715 Hitze als Erfahrung – Gedanken bei einer Flasche Moselwein

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Diese Flasche habe nach dem letzten Marathon als Anerkennung bekommen.  Im Anschluß an eine Moselrunde mit brutal schwüler Hitze. Ich war so erledigt, daß ich den kleinen Bon in meiner Trikottasche schon völlig vergessen hatte. Ich weiß nicht, wann ich sie öffnen werde, erstmal aber Anlaß, einmal über die Vorgeschichte nachzudenken.

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Heute, da der Sommer sich wieder zu einem deutschen, sprich atlantischen Frischluftsommer beruhigt hat, ist die Hitze kaum vorstellbar, die letzte Woche auf den Straßen flirrte und noch weniger, was sie mit dem eigenen Körper anrichtet.

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Ab dem 120ten km wurde die fahrt übers Maifeld zur Grenzwanderung. Der Hitze ist nicht zu entkommen, man ist ihr ausgesetzt. Die Bedeutung von Trinkwasser steigt mit jeder Minute, – umso schöner, daß sich in den Dörfern häufig ein Brunnen erhalten hat – auch wenn viele Gemeindeverwaltungen, aus „Sicherheitsgründen“ das Schild Kein Trinkwasser anbringen.

Das alte Bild des Wanderers auf der staubigen Landstraße, : er hat nur Durst und der Brunnen reicht ihm. Zur Not auch ein frisches Pils. Auf dem Rad ist es nach 6Stunden etwas anderes, da fehlt weit mehr: Energie, Kalorien, Stoff, Körner, einfach alles.

Kuppen, die morgens noch auf dem großen Blatt gebügelt werden, zwingen einen in die Knie. Gerade Anstiege der mittleren Art (so 4%) verwandeln ich in gestrichelte Bänder , die sich endlos in die Länge dehnen.

Durst läßt sich löschen, aber der Saft in den Beinen ist futsch, die Körperspannung sinkt.

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In Radsportzeitschriften stehen auch nützliche Dinge, sei das Thema einer Mode geschuldet oder nicht.

Nie auf Reserve fahren!

Dem Stadium der Mode sind die großen Alpenmarathons langsam entwachsen, dem Hörensagen gleichen sie wahren Regimentstreffen, zu denen die Bataillone des Radsports aus mehreren Ländern einrollen. Der Begriff Marathon -aufs Rad übertragen die Distanzen von mehr als 200km – ist Allgemeingut geworden, im italienischen und französischen Sprachraum hat sich der Ausdruck Granfondo eingebürgert und es gibt kleine Rennserien . . .

Da ein Bergmarathon für viele Teilnehmer eine Distanz darstellt, die sie unter dem Jahr nie am Stück fahren (RTFs haben die meisten Teilnehmer zwischen 100 und 150km), ist es umso hilfreicher Ernährungs- und Taktikberatung zu leisten.

Diese Artikel erläutern einige wichtige energetische Zusammenhänge, die sich identisch auf Brevets übertragen lassen. Regeln, die jeder kennen sollte, der sich auf das Spiel mit den langen Distanzen einlässt (und besser nicht vergißt).

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Grundbedingung: Fahre unter de(ine)r Schwelle. Nur ausnahmsweise drüber, am besten erst auf dem letzten Kilometer.

Dann die Gesetze des Stoffwechsels  :

  • Ich kann nicht mehr verbrennen als ich Brennstoff nachführe.
  • Meine Verbrennung steigt ab einer bestimmten Belastungsschwelle exponentiell.
  • Die nachgeführte Energie braucht Zeit, bis sie verwertet wird
  • Wenn die Energiezufuhr die Muskelzellen nicht mehr erreicht, bleibt sie nutzlos.
  • Was der eigene Körper (am besten) verwerten kann, muß jeder selbst herausfinden.

So ungefähr lauten die simplen Gleichungen der Dauerleistung. Gleichungen, die bei mir vor Koblenz im Minus landeten

Was aber war genau die Wirkung der Hitze auf dem Maifeld? Führte sie dazu, daß die eingenommenen Kohlehydrate nicht mehr gut transportiert wurden? Vielleicht mangelte es dazu auch an Mineralien, die im Leitungswasser nicht ausreichend vorhanden sind? Vielleicht gab es aber auch den ein oder anderen Augenblick in dem ich, statt während der Fahrt völlig zu regenerieren (wie auf der Abfahrt nach Treis-Kaden) über der Schwelle unterwegs war.

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Jedenfalls war es eine Fahrt im (orange)roten Bereich auf den letzten Kilometern – nicht die Luft war knapp, keiner der Muskeln „machte zu“, es war einfach ein Allgemeinzustand. Der Zustand bevor das Licht ausgeht.

Im Ziel zuerst die kalte Flasche Vulkaneifelwasser, was sehr half. Merkwürdige Abwesenheit von Hunger, kein Belohnungskuchen, auch die beste Bolognese hätte mich nicht gelockt. Stattdessen ein Apfel (sehr gut), eine Nektarine (noch besser) und die letzte Banane (wieder ok). Leicht, schön sauer und saftig. Ein Notplan. Fünf vor zwölf ist beser als fünf nach.

Ich sehe die Flasche Riesling an: wieder was gelernt für den Weg nach Brest.

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