Paris Brest Paris 2015 – Teil 1

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Ein Stapel Zeitungen häuft sich neben dem PC. 14 Tage seit Paris-Brest sind eine lange Zeit . Wann soll ich das alles lesen ? Die Finger Kribbeln und einige Tasten des PC wirken merkwürdig abwesend: mein Körper erinnert sich noch an Paris Brest, und als ich die große Michelin-Karte anblicke, kehren mit den Namen der kleinen Bretonischen Dörfer und Städtchen die Bilder zurück, die Steigungen, die das Papier nicht zeigt, der Geschmack lauwarmer Bidons. ..

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Ich bin immer noch auf der Straße, irgendwo in der Bretagne, der mächtige Papierberg kann warten.

15.August 2015

ante9Irgendwo südwestlich von Versailles. St Quentin en Yvelines ist ein Un-Ort eine Urbs Nova , eine Retorten-Bürostadt mit lang geschwungenen Alleen, leerstehenden Bürogebäuden und einer neoklassischen Plaza, um die sich mehrstöckige Mietshäuser rahmen. Aber St.Quentin ist in diesen Tagen im August belebt wie nie. Die wenigen freien Parkplätze (die meisten befinden sich in unzugänglichen Tiefgaragen) werden von Wohnmobilen und Autos belegt, die fast ausnahmslos Fahrräder tragen.

Das monolithische, terrakottafarbene Radstadion des Ortes summt am Tag der Anmeldung zu Paris brest wie ein Bienenkorb, alle Zufahrtsstraßen sind übersät mit ein und ausfliegenden Rädern aller Länder.

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Die Anmeldung der über 6000 läuft, hinter mir Kasachen mit ihren großen roten russischen Reispässen, vor mir sehe ich einen Pulk Chinesen. Spricht jemand französisch? ruft ein Betreuer : erkennbar am lilanem TShirt. Drei Hände heben sich und wir bekommen schonmal kleine Aufkleber mit der Rahmennummer. Ich bin C085 und eine halbe Stunde später, nach der kurzen Sichtprüfung des Koga, stehe ich mitten im Oval des riesigen Radstadions, dessen mächtige Holzbahn fast senkrecht anzusteigen scheint. Hunderte Mitfahrer umringen mich, um ihre Startunterlagen zu erhalten und das Trikot der Veranstaltung abzuholen. Das lila Orgateam leistet eine Riesenarbeit.

Ich könnte mir jetzt ein paar Lederhandschuhe bei Alex Singer leisten, der einen Stand mit zwei funkelnden Rädern aufgebaut hat. Olivier Csuka steht mittendrin, in diesem Jahr hat er eine „Mannschaft“ gemeldet, alle mit wunderschönen Trikots, alle auf Singer Randonneusen. Kennzeichen: der schräg am Sattelrohr angebrachte Pumpenhalter. Ich bleibe nach Prüfung der kostbaren, aber schmalen Handschuhe bei meinen (guten!) Orima Handschuhen, von denen ich dafür 5 paar verschleißen könnte, und setze die weiße Singer Kappe auf, so bleibt es.

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Rund ums Stadion lagern die Randonneure. Ein mobiler Caffeestand ist in Reichweite, die Räder lehnen an Absperrgittern. Einige sehr hübsche Mariposas aus Canada sehe ich zum ersten mal in Wirklichkeit, piekfeine, hellblaue René Herses auch und als Sahnehäubchen die Nummer C083, das vollverchromte neue Rad von Jan Heine – ebenfalls Herse. Die Randonneure aus Deutschland sind häufig vertreten, das neue Trikot ist gut erkennbar. Einige Mitstreiter hatte ich auf der Tribüne begrüßt, darunter Tobit Linke aus Dortmund, Mitfahrer beim Frühjahrs- 200 nach Namur. Er stellt mir seinen knallgelben „Bioracer“ vor mit dem malvenfarbenen Lenkerband und wir wünschen uns viel Glück.

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St Q. en Y, die Stadt die es nicht gibt (bei 3,5 in rot) – Michelin 1970

Die Infrastruktur meint es nicht wirklich gut mit den Radlern, denn St. Quentin en Y ist kulinarisch eher auf die Mittagspausenkontingente der Bürostadt eingerichtet, deren Leerstand nicht nur dem August zu verdanken ist. Es sollen salzige Preise verlangt worden sein – in 4 Jahren wird das nicht anders sein.

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Ich überlasse das Heerlager sich selbst und ziehe mich ans andere Ende der Hauptstadt zurück. Zwischendurch halte ich an einem offenen Decathlon (es ist ein Feiertag, 15.August – Mariä Verkündigung!) und bringe die Reifen auf 7,5/7 bar, um beim Start mit sicherem Druck anzufahren. Nach herzhaftem Essen (in den letzten 2 Tagen habe ich vor allem sehr regelmäßig gegessen und geschlafen) widme ich mich den alten Landkarten die ich auf dem Blvd St. Michel gekauft habe.

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Moulton: ein Rad für alle Fälle

Mit einem fineliner trage ich die Strecke ein und „mentalisiere“. Die Abschnitte auf dem Bildschirm erlauben mir keine rechten Größenverhältnisse, mein kleinstnavi noch weniger, und die Michelin karte zeigt viel deutlicher die gewählten Straßen und Entfernungen zwischen den Kontrollen. Es ist monströs weit bis Brest. Wir werden durch Kernbritannien rollen.

Unablässig versuche ich, im Fernsehen ein Bild der Wetterentwicklung zu bekommen. Die gestikulierenden Ansager/Innen sind vor allem mit dem ableiern von Temperaturzahlen beschäftigt, doch nach und nach schält sich eine stabile Wetterlage heraus, : mild, sonnnig, kühl Nacht und ein marginaler Nordost, der ab Dienstag in Westwind umschlägt.

Wenns so stimmt: fein, denn besser geht’s nicht. Gut in einer frühen Startgruppe zu sein, die schnellen Jungs sollen mich erstmal eine Stunde oder etwas mehr ziehn: après, on verra. Hauptsache vor dem Westwind in Brest.

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Im kleinen Café am Rande des Stadtwalds spielt ein Gitarrenduo jazz „Manouche“. For free. Ich denke an das, was unser Heimradio ebenfalls for free liefert und werde gut schlafen, denn es hat geschmeckt.

16. August 2015

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Nach eine Viertelstunde entdecke ich das blitzende chromgestell unter der Startnummer C083: es ist tatsächlich Jan Heine aus Seattle, aufgewachsen in Franken. „Es ist einfach das Beste Rad für Paris Brest“, verkündet er mit messianischer Gewissheit, – – eine weitere Unterhaltung ist wohl nicht nötig, denn, wie hier jeder weiß, besitze ich das beste Rad der Welt.

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Zum Start: die Gruppe setzt sich in Bewegung und ich habe Heine im Blick, rasch zieht er in der kleinen Steigung zum Stadion an den Fahrern vorbei und ich verstehe: es gilt, beim Start weit vorn zu stehen, denn was dann kommt , wird wohl eng, schnell und nicht ungefährlich. Also ab nach vorn.

Ich stehe also in der 7ten oder 8ten Reihe der Gruppe C, verwechsle den hinter mir stehenden Randonneur mit Peter S. , der leider heute fehlt. Nicht weit von mir stehen die Singer Räder , die meisten in dem schönen dunklen blau, eins aber in einer ockerfarbe, die an Koga Miyata erinnert. Eine Kamera ist auf die Singer Gruppe gerichtet – ein wenig Werbung schadet nicht!

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Der brasilianische Botschafter sagt ein par Worte, die Digitaluhr läuft rot ab, hinter dem Startbogen sehe ich, daß die Verkerhsinsel vor lauter (jubelnden) Menschen kaum zu erkennen ist. Es geht ab! Die ersten Meter sind die reine Gänsehaut , jetzt ahne ich, was in einem Fußballstaion auf Ebene 0 empfunden wird. Und ab über die Brücke, das Motorrad fest im Blick, das uns die ersten 10km leitet und die schlimmsten Auswüchse an den Kreisverkehren kontrolliert.

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Denn es geht zu wie bei einem Rennen. Rechts vorbei, link vorbei, sobald ich nachlasse schießen sie neben mir her, bremsen mich am Kreisverkehr aus, Schreie, wenn wieder eine Engstelle kommt. Spur halten, entschlossen fahren. Kurz aufblicken, wenn ein schönes Panorama der Ile de France zu sehen ist. Rechtwinklige kurve, Dorfeinfahrt, verengung und da knallts. Rechts vor mir ein Mann auf dem Asphalt, links vorbei und aufschließen. Und die nächste Steigung, an der Gas gegeben wird.

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Bald zieht sich das Feld in die Länge und ich überlege, wann ich ziehen lasse. Einmal, zweimal schließe ich noch auf, doch dann lege ich bei. Denn vorne geht das Spiel weiter: Gruppe C versucht Gruppe B einzuholen, während diese alles tut, um Gruppe A aufzurollen. Also jeweils eine Viertelstunde Abstand!.

Bald sehe ich wieder Singer Räder vor mir, zu denen ich aufschließe. Sie ist  Deutsche, lebt in Paris, ihr Gefährte arbeitet bei Singer. Den Vorderkoffer hat sie mit Salzkartoffeln gefüllt. Als kleine Gruppe ziehen wir über die Hochebene der Ile de France, das warme Abendlicht begleitet uns, dennoch ist das Tempo hoch . Ein Elsässer verrät mir: In der ersten Nacht findest Du immer eine Gruppe, die von hinten anrollt und dich zieht – irgendwann ist es die Richtige.

So geschiehts – bis die italiener kommen, bzw die Azzurri mit den nigelnagelneuen Trikots >Randonneure Italia<. Sie mischen den ganzen Pulk auf, sprinten in die Anstiege und lassen sich bei Abfahrten wieder zurückfallen. Wir sind im Perche und ein Franzose meint, bis Mortagne , km145 würde es nun hübsch steigen. Meine Oberschenkel zucken, böse Vorzeichen . Ich nehme noch mehr raus und rolle mit einer Gruppe gesitteter Franzosen und Engländer.

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An einer Tankstelle in Mortagne kaufe ich mir ein Sandwich und einen Liter reinen Orangensaft . Die Flaschen sind voll und als ich wieder aufsattle, sehe ich die Singer Fahrer vorbeiziehen.

In Mortagne ist die erste Verpflegung, keine Kontrolle: letztes Tageslicht und die Ordner stehen schon bereit, die eintreffenden Fahrer zu lotsen. Es ist wirklich beeindruckend: an jeder Kontrolle stehen mehrere und tun alles, damit die richtige Gasse gefunden wird. Im Schrittempo rolle ich durch, schalte den Scheinwerfer ein und dringe in die Normandie vor.

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Mitten in der Nacht erreiche ich Villaines la Juhel, einen kleinen Ort, in dem mein Großvater öfter Ferien bei einem Onkel machte. Vor dem Kirchgang wurden Schuhputz und Fingernägel geprüft. Der Onkel war Hutmacher und besaß den ersten Citroen des Ortes, ein Modell B, lange vor Traction und DS. Heute sitzt die Jugend auf der Kirchmauer und betrachtet die zu ihren Füßen eintreffenden Radler. Der Gang zur Kontrolle ist bereits leicht unrund. Einen heißen Kakao später sitze ich auf dem Rad und fahre wiederum rückwärts, weil ich im Dorf einen kleinen Laden entdeckt hatte, der mich auch mit Café, Nektarinen und einem fetten Emmentalersandwich versorgt.

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Für einen Randonneur esse ich vielleicht zuviel, aber so macht es mir mehr Spaß.

In einem hübschen Tal names Ambrières la Vallée ist der Spaß dann plötzlich vorbei. Im Anstieg aus dem lieblichen Tal meldet sich mein rechtes Knie mit einem stechendem Schmerz , wie eine Nadel sticht es seitlich unter die Kniescheibe, Wiegetritt und Druck aufs Pedal in den Anstiegen sind unmöglich geworden. In lächerlich kleinen Gängen kurble ich lächerliche Anstiege hinauf und tue alles, um den Schmerz zu vermeiden. Wenn eine Gruppe vorbeischießt, lasse ich mich kurz im Sog ziehen, solange es abwärts geht, danach bin ich gezwungen zu rollen. Endlos werden die Kilometer bis Fougères , dem halben Weg nach Brest. Wie gut, daß Menschen sich an der Straße die Sonntagnacht , pardon: den montagmorgen um die Ohren schlagen und jeden!unermüdlich anfeuern.

Ein jüngerer Mitfahrer holt sein Mobiltelefon heraus und ruft seinen Vater an. Sie sprechen über die Suppe, die er ihm kochen wird, besonders über den Fenchel, der nicht fehlen darf. Ja, Brest zerfällt in zwei Kategorien: betreute und Unbetreute Fahrer. Eine kleine Karawane von Wohnmobilen fährt parallel auf den größeren Landstraßen in die nächaten Zielorte und wartet auf Anweisungen . . . .

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Es ist 4h30, wenn ich der Digitaluhr einer kleinen Apotheke glauben darf, Ein älteres Ehepaar steht allein an einer Kreuzung im licht der Bogenlampe und spricht mir Mut zu:Allez, allez – nicht mehr weit bis Fougères. Beinahe muß ich an den letzten Steigungen absteigen, dann erreiche ich den Gebäudekomplex.

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Bald ist ein Arzt gefunden, der mich untersucht. Es ist eine Sehnenentzündung an der Kniescheibe „le tendon de l’aile rotuliere“. Er fragt mich nach meinen Pedalen – dann untersuchen wir die cleats: Um 1 bis 2 Grad zeigt der Fuß zu sehr nach außen, das hat die KnieScheibe überlastet.

Die Mechaniker in der Box richten das cleat am schuh aus, wir prüfen die pedale, der Fuß zeigt nun streng nach Norden. Voltaren? Hier kein voltaren- 1mal ibuprofen am Tag – mehr nicht. „Sie müssen sich morgen welches besorgen, wir können allerdings einen Verband machen, der sie vor der Morgenkälte schützt“. Wir wecken einen Bereitschaftsmann, der auf der Krankenliege in einem Nebensaal ein Nickerchen hält. „Wenn sie es bis km 1000 schaffen, sagen sie bitte den Leuten in Villaines bescheid!  au revoir. “ Jetzt noch warm essen . . .

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Gegen 6 nehme ich die erste Steigung in Angriff, die mich aus Fougères hinausführt. Sie ist lang, stetig und mäßig. Ein Schmerz ist da, aber kein Stechen, es wird nicht schlimmer: ich fahre weiter. Der Abschnitt nach Tinteniac meint es gut mit mir.

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Langsam verfärbt sich der Himmel und eine Landschaft voller Stille erwacht, nur unterbrochen vom Geräusch der Schaltungen und Freiläufe. Stumm ziehe ich durch den kalten Montagmorgen – Nebel liegt über den kleinen Seen. Die Tiefe der Bretagne, wie ein endloser, wilder Park mit seinen Kühen, bäumen und Kirchtürmen. Kleine Gruppen denen ich mich anschließe, aber in Steigungen lasse ich ziehen. In den Dörfern lauern uns Fotografen wie müde Heckenschützen auf.

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Tinteniacs Kirchturm liegt in der Morgensonne, von weitem sehe ich die Fahnenschwenker der Kontrolle. Einen Tee später , gegen 8h20 weiß ich, daß es weitergehen wird, denn der Schmerz nimmt nicht zu, als ich wieder aufs Rad steige: jeder Hügel ist ein Test.. Lange gerade Straßen führen immer tiefer in die Bretagne, Becherel läßt auf seiner einsamen Höhe die Radfahrer an sich vorüberziehen. Nach 400km gibt es keine Gruppen mehr, in loser Reihe ziehen die Brestfahrer durchs Land. Manchmal schnellere Dreierformationen, ganz wie es auskommt.

Dörfer, Dörfer, Dörfer und ein Asphalt, der sich von der rauhen Seite zeigt.  Bis Loudéac zieht sich die Strecke, der einzige nennenswerte Ort ist St. Méen le Grand. Die großen Söhne des Ortes waren kinder des Bäckers: Louis und Jean Bobet. Louison schaffte dreimal den Toursieg, sein Bruder Jean , der Englischlehrer, fuhr auch mit und schrieb ein gutes Buch über diese 50er- Jahre des Radsports, die eigentlich König Coppi gehörten.

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Entlang der Strecke haben sich diese kleinen Dörfer geschmückt, unzählige Fahrräder werden als dekoration vor den häusern aufgehängt. Oft sind sie in auffallenden Farben lackiert oder mit Lichtgirlanden oder Blumenranken verziert. Immer wieder grüßen Schilder die PouPous, Cricris oder auch nur Papas, die irgendwo mit mir auf der Strecke sind. Es sollen 2000 Franzosen sein, viele davon werden von den lokalen Sportvereinen an der Strecke stammen – Pipriniac, Loudeac, Villaines, Mayenne : sie haben ihre Helden geschickt.

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Und das ist nicht der geringste Grund, Paris-Brest zu fahren. Immer wieder und immer wieder Familien, Kinder Rentner beim Picknick, die uns zurufen. Autofahrer grüßen mit Lichthupe, Daumen hoch. Die Städte, die uns Zugvögel beherbergen, stellen ihre Sporthallen und Schulen bereit, die aus dem Schlaf der großen Ferien gerissen werden. Überall hilfsbereite Menschen in lila Shirts, oft ehemalige Teilnehmer. Allmählich erkenne ich an den großen Kontrollstationen Räder und Mitfahrer wieder, den Amerikaner, dem ich am ersten Abend die Tankstelle (und Toilette) von Mortagne empfehlen konnte, dann in Fougères von meinem Knie erzählte, und der sich jetzt erkundigt, wie es läuft. Der Wanderzirkus von eintreffenden und weiterziehnden Rädern und bunten Trikots…..

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In Loudeac , direkt gegenüber der Kirche und nur wenige hundert Meter abseits der Strecke sehe ich eine Apotheke. Leider ist es 12h35, ganz Frankreich hält Mittagsschlaf. Ganz Frankreich? Nein,- dort , im Schatten entdecke ich einen kleine Salon de Thé mit Stühlen davor.

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Es wird mein Festmahl: Lachsquiche und eine kleiner Quarkcrèmeschnitte mit Waldbeeren, alles hausgemacht. Ein Kunde sitzt dort bereits: die deutschen Worte auf seinem Shirt trügen nicht – er ist tatsächlich Deutscher und begleitet einen Freund auf dieser Tour. Wir genießen und plaudern, die Zeit verrinnt und ich muß nach dem café weiter. 13h, stetig erklimme ich die erste Steigung hinter Loudéac als ein Fahrer des lokalen Vereins („das hier ist meine trainingsstrecke“) den weg zum Voltaren weist. Kehren Sie um, biegen sie am Kreisverkeher rechts ab und fahren Sie hinauf (50hm…) zum Intermarché, den sie sehen werden, dort gib es eine kleine Apotheke.“ Meinen Sie nicht, daß unterwegs . . . „Es ist Montag, da ist alles geschlossen, bis Carhaix werden sie keine Apotheke finden.“ Ich danke dem Mann, denn er hat leider recht.

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22 Stunden sind nun um und die letzte halbe Stunde habe ich mir ein Nickerchen am Straßenrand gegönnt, genau da, wo der Anstieg nach Merléac beginnt. Mein Kopf hat auf dem Helm geruht, es ist warm, die Bäume rauschen und im Schlummer höre ich immer wieder die Schaltwerke rasseln, bevor es in die Steigung geht. Natürlich könnte ich hier bleiben –  „Le maillot jeaune c’est endormi!, allez, debout Poupou !“ weckt mich ein anonymer Zuschauer.  Ich brauche bald 5 Minuten, um mich aufzurichten und die diversen Krämpfe zu bekämpfen, die sich plötzlich einstellen. Ich warte, bis kein Radfahrer in Sicht  ist und drehe mich wie ein Käfer um .

Aber im Anstieg nach Merléac und in den nächsten Stunden werde ich mich frisch und gut fühlen.

16h15: da sind sie!

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Bei St Lubin gibt es einen Trikotsammler . . .

Kurz nach St.Nicolas du Pelhem (Geheimkontrolle!) habe ich mich einem Fahrer angeschlossen, der das pinkblaueTrikot der Cardiff Byways trägt. Andrew Cox sagt das kleine Namensschild, das er hinten an seiner Tasche angebracht hat: wie viele andere Briten, die ich in der ersten Nacht gesehen hatte.Sie haben es bei den Amerikanern abgeschut, gesteht er fair.  In SPD Sandalen bewegt er sein specialized tarmac in ruhigem, stetigen tempo. Wir unterhalten uns auf Anhieb bestens und staunend sehn wir eine gruppe Radfahrer, die uns mit hohem Tempo entgegenkommt. Das sind sie, die schnellsten des Feldes, einen halben Tag voraus. Kurz dnach eine weitere Gruppe, die von einem Alex Singer fahrer angeführt werden, den man gleich an der großen Lenkertasche erkennt. Erst in ungefähr 20 Stunden werden wir an der gleichen Stelle sein. und ich habe vor Staunen das knipsen vergessen.

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Andy ist Langstreckenfahrer, mehrere 1200er hat der schon absolviert, einige davon in den USA. Früher ist er Tandem gefahren, sogar recht schnell. Aufgrund seiner Erfahrung konnte er in gruppe A starten und die Erfahrung die er bei diesem dritten Paris Brest mitbringt ist wertvoll: er kann die Distanzen abschätzen, kennt die Kontrollorte und weiß um die kommenden Schwierigkeiten. Und er hat Geduld.

Carhaix ist die letzte Etappenstadt, 80km vor Brest. Die Sonne steht schon tief und Jan Heine rollt plötzlich ein. -Jeder hat seine Formel. Ein leichtes Rad und wenig Gepäck sind von Vorteil: dies ist keine Flachstrecke und die Unzähligen, namenlosen kleinen Hügel zehren die Energie aus. Reden hilft. Ich frage Andy nach dem Fahrverhalten der riesigen Frontkoffer.   -„steering is awful“ meint er nur kurz.

Aber nun geht es sanft, stetig und sehr schön die 300m zum RocTrevezen hinauf, 25km lang durch den märchenhaften Urwald von Huelgoat. Aber 500km relativieren leider vieles –  nicht wegen des Knies, von dort nichts neues. Immer noch kein Wiegetritt, aber der Dauerschmerz ist erträglich im Vergleich zu dem, was ich jetzt hinten links spüre. Offenbar habe ich wegen der Kniesehne die Sitzposition leicht geändert, vielleicht nur ganz leicht versetzt, aber es genügt, um unerbittlich langsam die Haut an der empfindlichsten Stelle durchzuscheuern.

Ich verwünsche mich und vor allem die kleinen drahtigen Franzosen in gesetztem Alter, die locker kurbelnd an uns vorbeiziehen. Noch schlimmer ist es, als ich sehe, wieviele sehr reife Herren uns entgegenrollen, als wir die endlos lange und breite Straße zum Roc hinaufkrebsen. Nur aus Stolz hole ich mit letzter Kraft eine Zigarre ein, die ich am morgen um 7Uhr überholte.

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Die Aussicht am Roc ist überwältigend, die Sonne sinkt langsam zum Horizont und eine Gruppe junger Radler, alle unter 18, halten mit ihrem Betreuer ebenfalls an, um den höchsten Punkt der Bretagne zu genießen. Andy sagt, an einem klaren Tag könnten wir von hier das Meer sehen. Man kann nicht alles haben. Geduldig wartet Andy auf mich, als ich über 5 Minuten brauche um den Wollpullover überzustreifen und wieder in den Sattel zu kommen. Meine Hände sind weißblau. Trotz der Mengen die ich esse bin ich unterzuckert.

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Die herrliche Abfahrt vom Roc‘h nach Sizun wird eine Zitterpartie mit klappernden Zähnen.

Die heiße Schokolade von Sizun.

Sizun ist die erste kleine Stadt nach der Abfahrt, die letzte Etappe vor Brest. Auf dem Platz ist ein kleines Verpflegungszelt aufgebaut,es herrscht ein Kommen und gehen, mein Rad wird inspiziert: wieder ein ehemaliger teilnehmer, hier als Helfer und Zuschauer. Direkt an der Ecke entdecken wir ein Café. Eine heiße Schokolade bringt wieder Leben in die Glieder, es ist ein gutes Café – es wird morgen schon ab 5h30 geöffnet sein – das merken wir uns.

Hoffentlich war das genug Kraft für die letzten 35km bis Brest. Wir fahren mit Gegenverkehr, die Lichter sind eingeschaltet, – die Hoffnung, Brest im letzten Tageslicht zu erleben, ist müßig. Es geht sanft auf und ab, wir rollen einen britischen Randonneur auf: „Vorsicht“, sagt mir Andy von der Seite, als ich das Tempo leicht erhöhe –“Startgruppe L, das ist ein Schneller“. Tatsächlich läßt der Mann sich nicht einfach überholen, während ich das Tempo in der kleinen Steigung gaaaanz langsam anziehe merke ich, wie er mitgeht. Noch etwas schneller, ein viertelrad Vorsprung und dann ganz rausnehmen, – – – ich lasse mich zum grinsenden Andy zurückfallen. So bleibt man wach.

Wir beobachten, wie der Rennkollege davonzieht, Zentimeter um Zentimeter. Dann sehen wir, wie er schlingert. „Oh, – is he tired?“ Andy nickt. Es ist gut zu zweit zu fahren. Es zieht sich, denn mental ist man irgendwie schon in Brest. Gemach: erst links von der Hauptstraße ab, le Queff heißt die Kreuzung mit der Gratisverpflegung die wir dankend ablehnen. 10min später kann ich aber nicht widerstehen, als ein Mann, der mit seinen zwei Kindern vor seinem Haus steht uns zuruft „Eau, Tomates, Chocolat . . . „. Zwei Tomaten aus seinem eigenen Garten – ich danke von Herzen und lasse die Vitaminbomben in meinem Gaumen platzen.

Hinunter und hinauf, Brest spielt Versteckens, Vororte, Kreisverkehre – zweimal verpassen wir den Richtungspfeil, bald sind 29 Stunden rum. Die Steigungen sind für meinen Hintern eine Qual, denn Wiegetritt ne va plus.

Eine letzte Abfahrt im Dunkel, neben uns rauscht eine Autobahn, dann hinter einem Busch, der von den Natriumdampflampen entflammt wird, der Durchlaß zur kleinen Brücke über die Mündung des Elorn. Die Lichter der Bucht sind zu erkennen, ganz schwach sehe ich noch das Wasser, die berühmte Rade de Brest.

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Wie schade, daß ich sie nicht bei Lichte sehe, denn es ist ein großartiger Ort. Andy telephoniert, ich lichte eine Gruppe Radler im Schein ihrer Standlichter ab.

Eine letzte , elende Steigung, die kein Ende nehmen will, endlich die blinkenden Pfeile, wedelnden Betreuer :der weitläufige Gebäudekomplex eines Internats ist erreicht. Zwischen dem großen Radparkplatz der Kontrolle und dem Gebäudetrakt, in dem (theoretisch) ein Zimmer zu beziehen ist, liegen fünf Minuten zu Fuß – wie gut, daß ich Cross-Schuhe trage. Weiteres Essen lehnen wir ab – 1 Euro und 60 Cent für EINEN Apfel verschlagen mir den sehr zuverlässigen Appetit.

https://wordpress.com/post/52104465/3494/andy5Was nun folgt ist auch nicht schlecht: Das Treppenhaus ist voll, die Anmeldung für freie Betten befindet sich im ersten Stock in einem kleinen Raum. Zwanglos plaudert ein Italiener auf der Treppe, während sich die murrende Schlange (es ist nun bald Mitternacht) langsam aufwärts bewegt. Andy bleibt stoisch, er kennt solche Szenen. Al s wir vor dem kleinen Zimmer stehen, sehen wir drei Helfer um einen laptop, ein anderer füllt kleine Zettel aus. Der laptop hat gestreikt, die Zimmerbelegungessoftware „à buggée“ wie man es auf französisch sagt. Wir sind Nummer 3 und 4 in der Warteschlange, als sie wieder läuft. „Encore 4 lits.“ Sagt jemand und ich schaue Andy an. Als wir die Belegungeszettel für 3.5h Schlaf in zimmer 10 bekommen, sehe ich, wie ein Grieche (so steht es auf dem trikot)mit gefalteten Händen und weinerlicher Stimme um einen Schlafplatz fleht.

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Erstes Zimmer links, direkt neben dem weiterhin vollen Treppenhaus. Rudimentäre Körperpflege, Flaschen spülen, kühlende Salben….aaaahhhHHH! Gute Nacht.

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7 Antworten zu Paris Brest Paris 2015 – Teil 1

  1. randonneurdidier schreibt:

    Hallo Christoph, ganz wunderbar hast du die Stimmung beschrieben, deine eigene und die um dich herum. Ich freue mich schon auf Teil2
    all the best Dietmar

  2. crispsanders schreibt:

    Danke Dietmar,
    Du bist Zeuge, Dein Lob zählt doppelt: ich mußte so vieles „sacken“ lassen, an soviele Dinge erinnert man sich. Werde versuchen,die Form zu halten.

  3. mark793 schreibt:

    Ah, das Warten hat sich gelohnt. Tolle Lektüre, so richtig was zum Mitfiebern. Freue mich auch schon auf die Fortsetzung!

  4. Pingback: Paris – Brest – Paris | Tausendkilometer

  5. mgoerges schreibt:

    Ja, schöner Bericht, freue mich auch auf die Fortsetzung.

    Gruß Manfred

  6. Steffen schreibt:

    Gänsehaut beim Lesen, vielen Dank, dass Du es in Worte gefasst hast!!

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