200915 Klassentreffen an der Vennbahn

200915 Klassentreffen an der Vennbahn

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„leo nazionale“

Nach ParisBrest ist vor Paris Brest. Die Saison neigt sich dem Ende zu, die letzten organisierten Ausfahrten werden angeboten, danach beißen sich die Einzelkämpfer durch den Winter. Ab nach Maastricht also – zum „Klassentreffen“ der Randonneure.

Das Stayokay Hotel in seiner kuscheligen Nische amUfer der Maas wartet auf den Sonnenaufgang. Ivo Miesen ist hier in seinem Headquarter zum letztenmal Gastgeber für einen Brevet unter seiner „Regie“. Ivos Brevets waren meine ersten auf dem Weg nach Brest . Die günstige Lage im Dreiländereck machte sie auch zu schönen Erkundungsfahrten in die feinen Unterschiede dicht beieinanderliegender Kulturen. Oft war nicht klar, wenn wir vom Rad stiegen, in welcher Sprache man uns im Café anreden würde. Der meist laufende Fernseher gab einen dezenten Hinweis auf die korrekte Sprache. Nicht unwichtig, denn schließlich sind Randonneure dringend auf gutes Essen angewiesen.

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Ivos Brevets waren für ihre Höhenmeter berüchtigt, die Ardennenrundfahrten summierten Alpenverdächtige Anstiegswerte. Geschadet hat es niemandem , die Schönheit der Strecken dankt es

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Heute übergibt Ivo den Stab an Jos aus Venlo, ein bekanntes Gesicht und als Limburger wird er auch den versprengten Deutschen helfen, die ihn aus Twisteden et al. Kennen. Einen 1000er soll es 2016 ankündigen, aber erstmal heißt es, dieses Jahr mit einem 200er ausrollen. Auch Leo, „Oranje Nazionale“ und Monsieur Brest ( 8 oder 9mal?)steht bereit.

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Da ist endlich Roy. Er enttäuscht mich nicht, sein Rad ist diesmal ein ultramarinblaues Woodrup, frisch aus der Werkstatt. Passend dazu hat er einen UnionJack übergezogen, für die frischen Temperaturen heute genau das richtige.

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Es geht ganz mählich hinauf ins Venn. Zunächst durch das Pays d’Herve, ein malerisches und intaktes Stück Belgien.

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Der sanfte Morgennebel verstärkt die Idylle, Pferde verschwimmen im Silberlicht und die Turmspitze von Valdieu ist die Lanze eines Artusritters.

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Nach einer kernigen Pavé-Sektion geht es hinunter zur contrôle-boulangerie. Ein zweites Frühstück und draußen ein prachtvolles Tommasini. Die Alteisenfahrer sind nicht allein . . .die anderen schon weit davongezogenbrita4brit7

Roy hat sein Woodrup mit einer  TA Kurbel ausgestattet, die Schaltung der 6 Ritzel geschieht über die eleganten Retrofrictionshebel auf ein neoklassisches Mountainbike-Schaltwerk. Leise und geschmeidig rollen wir dahin, erkunden kurz japanische Vorzeitmobile und müssen dann zum Service. Die 27,0 Sattelstütze wurde wahrscheinlich so übermäßig poliert, daß sie nun keinen rechten Halt mehr findet.

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Der September meint es gut mit uns, wir können es ruhig angehen lassen. Kurzer Gruß an den Eupener Kirchturm (s.o.) , dann über die Wesertalsperre in den Tann.

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Wieder eine Oldtimerrallye. Wir sind keine Kostverächter und saugen den Benzinduft in uns ein – Fleischfresser, die sich in einen Veganerausflug gemischt haben.

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brita9Die Vennbahn ist eine stillgelegte Eisenbahnstrecke, ein Ravel, der sich von (ca) Roetgen bis Stavelot zieht. Es ist ein Genuß, hier locker, entspannt und mit Panoramablick über die diffuse Trennlinie von Ardennen und Eifel zu rollen. UnsereUnterhaltung kreist vor allem um die strategisch richtige Entscheidung, den besten klassischen Mercedes Kombi zu finden. Roys Fachwissen ist unerschöpflich.

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Quietschend rollen uns Draisinen entgegen, ein echtes Familienvergnügen. Aus einem stillgelegten Eisenbahnwaggon strömt Pfannkuchenduft. Wir müssen noch ein Stück weiter, Suerbrodt heißt der Ort,

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an dem der nächste Stempel in einem behaglichen Café zu holen ist. Ein schöner heißer Kakao, dazu Sonnenstrahlen, die durch die Scheiben fallen – die Überwindung ist spürbar, als wir aufbrechen.

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Mein Galibier fährt heute sein erstes Brevet. Die Vennbahn kommt genau dem entgegen, was ich damit übe: lange, flache Strecken in gestreckter Haltung; bei einem Oberrohr von 58 cm mit Vorbau von 120mm ist die Verlängerung von fast drei cm gegenüber dem Paris Brest-Koga Miyata schon spürbar. In drei Wochen wartet Hamburg –Berlin mit seinen endlosen Prignitzer Geraden. sich in den Wind ducken.

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Meter um Meter geht es nun laut höhenmesser hinunter, Trittfrequenzen von über 100 baue ich in die Spazierfahrt ein. Seit der „Geheimkontrolle“ (ein kleiner Taboulé-snack mit Cola in einem Wartehäuschen sowie reichlich Technik -Schnack um eine gleitende Sattelstütze) sind wir zu dritt:

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Michael, Brest-Veteran K118, hat sich uns zugesellt, und so geben wir abwechselnd Windschatten .

Irgendwann, nämlich nach Stavelot, wird es wieder ernst. Jos stempelt diesmal ab, Motorradgruppen ziehen vorbei, sowie eine Perlenkette aus Rallye Subarus – Spa Francorchamps ist nah.

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Dann heißt es zweimal an Höhe gewinnen. Einmal aus den Ardennen hinaus und, 25km später, aus dem Tal der Ourthe hinüber zur Maas. Die Ardennen sind für ihren Regen und das wechselhafte Wetter berüchtigt, aber heute ist das kein Thema – endlos schweiftt der Blick über diese immergrüne Landschaft mit ihren tannengezackten Höhenzügen und den grauwackigen Häusern. Die Septembersonne wärmt, aber nur so gerade – unter die Schweißgrenze. Ein Altmännersommer.

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Roy und sein Woodrup haben uns freigegeben, und so teame ich mit Michael ,der das Trikot des ARA Niederrheins (Link Twisteden)trägt. Er ist heute morgen aus Düsseldorf angereist. Da Sonntags keine frühen Züge nach Benelux fahren, sitzt er seit 2Uhr morgens im Sattel.

Irgendwo lese ich Phil Phil Phil auf dem Asphalt. Gilberts Schatten schwebt über der Strecke.

4km bis Fleron. Bei jedem 400er war dies der gefürchtete letzte Anstieg, heute ist alles gnädig, aus dem staubigen Tal der Zementwerke hinauf zu einem roundabout. Bei dieser letzten freien Kontrolle entscheide ich mich für ein kulinarisches Abenteuer: statt der Bäckerei wähle ich Quick und seinen 4 Euro teuren Papp-Burger. Null Sterne dafür. Zum Glück hatte michael geduld mit mir. Jetzt noch 20km

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Die Straßen rund um Lüttich haben es in sich. Wir holpern in die Grenzstadt Visé hinab. Die Cafés und Kneipen sind randvoll: ich neide ihnen ein wenig das bernsteinfarbene Bier und freue mich, dieses aufgeräumte Städtchen einmal nicht auf dem Zahnfleisch zu durchrollen.

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Michael hat einen hoch-entwickelten Navigator . Er kann mir die Ankunftszeit hochrechnen, natürlich nur von der aktuellen Geschwindigkeit ausgehend. Die aktuelle Geschwindigkeit beginnt mit einer 3. Bis Maastricht ist es flach und wir sind von West durch einen Hang geschützt. Schaffen wir es bis 18h? top, die Wett gilt. Ich über nochmal die Unterlenkerhaltung .

Rundum zufrieden kann ich ivo eine letzte Cola spendieren, aneren ein gänzlich unbairisches Bavaria trademark “ Radler“ und mir ein Leffe dubbel . Ich warte nicht länger und lasse Roy grüße ausrichten. Dessen Schwäche für Chinarestaurants ist bekannt.

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Ein 200km Brevet ähnelt nach dieser Saison, die hier bei steifem Südwest Mitte März  begann, einer gemütlichen Ausfahrt, so merkwürdig es klingt. Das liegt vielleicht an der Form, den vielen Kilometern, vielleicht an den Rest-Endorphinen aus Brest, vielleicht an allem:  die späte Sonne scheint.

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4 Antworten zu 200915 Klassentreffen an der Vennbahn

  1. randonneurdidier schreibt:

    Dein Bericht macht mir Appetit auf den Westen des Landes und das Dreiländereck. Das wäre ein kleines Spätherbstprojekt… Danke für die schönen Fotos und den stimmungsvollen Text.

  2. mark793 schreibt:

    Ah, schön, das kein Schlendrian einreißt nach Paris-Brest-Paris. Den Vennbahn-Radweg hatte ich mir auch schon mal ausgeguckt als Alternative zur Bundesstraße, wenn ich vom Signal de Botrange den Rückweg über die Eifel nehme. Ansonsten komme ich in der Ecke eh immer durcheinander in Sachen Eifel, Venn und Ardennen. Die „Ardennes bleues“ beginnen laut Ausschilderung nämlich schon kurz hinter Aachen, wenn man Richtung Eupen aufs Hohe Venn zufährt.

    Danke übrigens für die schöne Wortschöpfung „Altmännersommer“!

  3. crispsanders schreibt:

    Roetgen liegt kurz hinter Aachen: alles sehr eng beieinander, dafür umso reizvoller. Also immerzu auf die Vennbahn! (Wenn das Wetter es zuläßt – es kann sich hier ausdauernd zu-ziehen).

    • mark793 schreibt:

      In diesem Jahr komme ich da wohl nicht mehr hin, dafür sind die Tage schon zu kurz (und die Wege zu lang). Jetzt steht als nächstes erst mal an, auf Gozo ein MTB zu leihen und die Insel zu erkunden…

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