In der Mitte der Gesellschaft angekommen

031015 In  der Mitte der Gesellschaft angekommen

dieses Plakat begegnet mir zur Zeit immer wieder.

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Sinngemäß soll es wohl zur Gewichtsreduzierung per Fahrrad anregen. Sicher, wer radelt, verbrennt Kalorien, mehr jedenfalls,  als würde er einen gleichen Weg mit dem Auto oder dem Bus zurücklegen.

Ich fahre recht häufig mit dem Rad, wenn es geht täglich. Der junge, abgebildete Mann ist mir im Landkreis noch nicht begegnet. Ein Centurion wäre mir aufgefallen. Und: er erweckt nicht unbedingt den Eindruck, als habe er viel Gewicht zu verlieren.

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Aber ich verstehe nicht das meiste von Werbung, von Mode auch nicht. Ich kann nur beurteilen, daß der Mann in gezeigter Ausstattung sicher nicht vorhat, einen weiteren Weg zurückzulegen. Viel Verbrennung ist dann nicht-  jedenfalls dürfte es so nach ungefähr 10 km recht unbequem werden, sich locker durch einen Berufsverkehr zu bewegen, dem der Kopf ungeschützt ausgesetzt ist.

Nun bin ich nicht der Sicherheitsbeauftragte des ADFC und lasse das Bild für sich sprechen. Ob man lässig Jahre länger lebt, weil das Rad einige Pfunde schmelzen läßt, sehe ich nicht so eindeutig .fett5

Es stimmt: im Radfahren steckt ein großes Versprechen. Kreislauf, Immunsystem, Fettverbrennung und Endorphine. Aber es ist wie mit allem: sofort und umsonst gibt es nichts.

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Das Rad belohnt die tägliche Übung aber der Körper folgt nur mit Verzögerung. Räder sind in unseren Breiten Freizeitspielzeuge, und wer in Deutschland gezwungen ist, täglich ein Rad zu benutzen,  ist mit Sicherheit eins: arm.

fett7Und das ist das unausgesprochen Stigma. Durch nichts wird es besser belegt als von den Fuhrparks vor den Asylbeantragerwohnheimen. Deren Bewohner sind auch die Einzigen, die mir ganz regelmäßig auf meinen Strecken begegnen. Lässig balancieren sie 12erGebinde Mineralwasser auf den Gepäckträgern und grüßen mich.

Sie haben es eher nicht nötig, das Rad als Diätmaschine zu nutzen . Mittellos, aber leider nicht sexy.

Wer will sonst noch länger leben? Die Menschen, die es möglicherweise in Betracht ziehen machen das auf ihre Weise, denn sie fahren Rad, weil sie es sich leisten.

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Sie lassen ihre Räder an den Startort bringen oder bringen sie selbst dorthin – der Doppelgepäckträger häuft sich an idyllischen Plätzen.

fett8Es ist eine gute Sache, das Rad als Freizeitgenußmittel zu nutzen und sicher gesünder, als auf einem (Beispiel frei gewählt) Rheindampfer zwischen Mosel und Rheingau zu pendeln. Diese Menschen brauchen keine Abspeck-Appelle, um sich an einem schönen Herbsttag auf ihr Rad oder EBike zu schwingen. Sie kennen auch ihren BMI – gesundheitsprofis. .

Wer also könnte gemeint sein? Der gute Deutsche Werktätige? Der Mann von der Straße? Es ist mir gelungen, ein Relikt der Industrialisierung zu finden. In den großen Tagen des Industriestandorts Deutschland, der ja möglicherweise von der Dienstleistungsgesellschaft überrollt wurde, hatte jede Werkstätte ihren Fahrradständer.

fett4Hier ein gut geschütztes Exemplar. Auslastung, an einem Sonnentag wie diesem: 20%? Es wird deutlich –  auch in den wenigen produzierenden Gewerben, dort , wo Schweiß noch Ehre bedeuten kann, den letzten Bastionen des Proletariats, das Fahrrad keine Lösung ist.

Wo sind sie also, diejenigen, die das Fahrrad in ihre Mitte nehmen und damit ihr Leben verlängern?

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Setzen wir also unsre ganze Hoffnung auf die Jugend der Welt. Sie liebt das einfache Leben, bricht auf  zu neuen Ufern, an denen Bierkästen oder Lagerfeuer warten. Das Fahrrad wäre ein prima Kumpel. Alles wäre ganz einfach, aber diese Freundschaft ist bedroht! Ihr größter Feind ist klein, handlich und benötigt zu seiner Bedienung kaum mehr Energie als die Bewegung eines Daumens. Er ermöglicht ein einfachstes Leben voller Freunde und mit unbegrenzten Möglichkeiten. Nur eines gestattet dieser kleine Freund nicht: gleichzeitig ein Fahrrad zu benutzen.

Es ist das Smartphone

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2 Antworten zu In der Mitte der Gesellschaft angekommen

  1. alex schreibt:

    Ganz klasse geschrieben, gefällt mir sehr.

    Auch jene Zeilen: „…wo Schweiß noch Ehre bedeuten kann, den letzten Bastionen des Proletariats…“ passen wie der besagte Arsch auf Eimer. Leider ist der Begriff des Proletariats heute gar nicht mehr so hip. Denn Proletariats bedeutet echte körperliche Arbeit tätigen= Gringverdiener und somit nicht erstrebenswert.

  2. crispsanders schreibt:

    besten Dank fürs Kompliment. Ja, das Schicksal der Werktätigen wird gerade EU-weit neu verteilt. Mir fällt die erstaunlich geringe Bereitschaft auf, sich freiwillig und ohne Abo einer täglichen, gesunden körperlichen Übung zu unterziehen – möglicherweise weil sie eben kein soziales Prestige vermittelt.

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